Kurzgeschichte Nr. 7

Das hier ist ne richtig alte Kurzgeschichte aus meinen Teeny-Jahren und wahrscheinlich ist sie auch nicht richtig gut. Mal schauen. Dieses Mal geht’s ein bisschen um Geheimnisse und Veränderungen in der Beziehung.

Eine peinliche Überraschung

Ach, Gleichungssyteme sind doch im Grunde scheiße, dachte er sich und erklamm mühsam die endlosen Treppenstufen bis in den fünften Stock. Zur kleinen Wohnung, die er mit seiner Freundin mittlerweile schon seit drei Jahren bewohnte.
Seine Freundin, immerhin ein kleiner Lichtblick am Ende eines beschissenen Arbeitstages als Mathematiker in forschender Tätigkeit an der Uni. Von früh bis Spät hatte er mit unglaublich komplizierten Gleichungen gerechnet und sich unzählige Male verrechnet. Er hatte so viel geschrieben, dass ihm jetzt die Hand wehtat.
Ah, endlich, er hatte den letzen Treppenabsatz überwunden und kramte mit seiner schmerzenden Hand in den Hosentaschen nach den Schlüsseln. Fahrig suchte er mit den Schlüssel das Türschloss und brauchte mehrere Versuche, das Schloss zu erwischen. Beim vierten versuch gelang es und müde und zerschlagen, tappte er in den schmalen Hausflur mit der hohen Decke. Eine einsame Glühbirne gab mehr schlecht als recht Licht. Irgendwie hatte er es in den letzten Jahren noch nie geschafft, eine Lampe zu installieren. Gedanklich nam er sich vor, am Wochenende eine Lampe zu kaufen und aufzuhängen. Er warf seine Umhängetasche in die Ecke hinter der Tür und hing seinen Mantel auf. Die Wohnzimmertür am Ende des Flurs stand einen Spalt breit offen und warmes Licht strömte in den Flur.
Mangels anderer Ideen, ging er einfach mal in Richtung Wohnzimmer, vielleicht war seine Freundin schon da oder er hatte am Morgen einfach vergessen, das Licht auszuschalten.
Leise stieß er die Tür an und der Türspalt verbreiterte sich Lautlos.
Wie angewurzelt blieb er auf der Schwelle stehen und musterte den blonden Hinterkopf einer Person , wahrscheinlich einer Frau, die auf dem Sofa mit dem Rücken zu ihm saß.
Hatten sie Besuch? Nein, wenn dann hätte sie es ihm mitgeteilt oder war es unangekündigter Besuch? Darauf hatte er jetzt herzlich wenig Lust, einem endlosen Plausch mit einer ihrer Freundinnen beizuwohnen.
Wie immer bei fremden Menschen brauchte er einen Moment, um Mut für einen Gesprächsanfang zu sammeln. Er war schüchtern und das mochte er an sich selbst nicht.
„Ähm … können sie mir sagen wo …“
Er brach erschrocken ab. Die fremde Person drehte sich im sitzen abrubt zu ihm um, sodass er endlich ihr Gesicht sehen konnte.
Nein! Sein Magen krampfte sich zusammen, es war seine Freundin! Mit mühe unterdrückte er sein Entsetzen und starrte sie an. Wo war ihre wundervolle, lange, pechschwarze Löwenmähne hin? Er sah nur eine junge Frau mit einem, für ihn, viel zu kurzem hellblondem asymetrischem Bob, die ihn keck angrinste.
Zugegeben, er war sehr empfindlich, was das äußere seiner Freundin anbetraf und diese extreme Veränderung setzte ihm da schon ziemlich zu. Aber jetzt verspürte er auf einmal eine gewisse Erregung im Unterleib und Scham erfüllte ihn. Wahrscheinlich war er jetzt knallrot geworden.
Er schämte sich zutiefst für seine heilmich Leidenschaft, die er Abends, wenn sie tief und fest schlief auslebte. Pornos waren ihm vollkommen egal und erfüllten ihn eher mit Ekel, statt mit Befriedigung. Nein was er sich Tag für tag im Internet ansah, hatte mit nackten Frauen nichts zu tun, jedenfalls nicht direkt. Ihn machte es an, sich Videos von Frauen anzugucken, die sich die Haare schneiden ließen und je extremer die Veränderungen ausfielen um so mehr erfüllte es ihn mit Erregung.
Das war seine eigene kleine „Perversion“, die er seit seine pubertären Phase auslebte und sich bodenlos dafür schämte. Immerzu hatte er sich den Moment ersehnt, an dem er sein Verlangen ausleben konnte und nun, da der Zeitpunkt gekommen war, wünschte er sich, im Boden zu versinken.
„Was ist denn mit dir, gehts dir nicht gut. Oh! Was ist mit deiner Hand passiert?“
Und schon war sie aufgesprungen und untersuchte mit ihren zarten Fingern sein rote gereizte Hand.
Er vermied es, sie direkt anzusehen und starrte stattdessen auf einen unsichtbaren Punkt hinter ihr. Der erste Moment war immer der schlimmste und er würde Tage brauchen um sich von dem Schock zu erholen, auch wenn es lächerlich klang.
„zu viel geschrieben“
Murmelte er halblaut in sich rein. Sie sah auf und suchte seinen Blick, aus den Augenwinkeln, sah er ihre Besorgnis in den Augen, aber er mied weiterhin ihren Blick.
„Was ist denn? Liegt es an mir, habe ich dich verletzt?“
Ihre Stimme klang weich und sanft, aber ein gewisser leicht drohender Unterton verriet ihr Missfallen an der Situation.
Er nickte schwach und sah ihr eine Sekunde in die Augen bevor sein Blick wieder anschweifte.
„Ist es deswegen?“
Fragte sie langsam und fuhr sich mit einer Hand durch den kurzen gefärbten Schopf.
Wieder nickte er und wagte einen weiteren Blick. In ihren Augen, las er sichtliche Überraschung und nicht wenig Unglaube.
Mit erheiterter Stimme fuhr sie fort:
„Du bist also erschrocken, weil ich mir die Haare hab kurzschneiden lassen?“
Wieder nickte er zaghaft und sie brach in schallendes Gelächter aus. Das Tat weh. Wie vor den Kopf gestoßen stand er mit gesenktem Blick mitten im Raum und sehnte sich danach, dass sie doch bitte zu lachen aufhören solle.
Die Zeit verging quälend langsam, während ihr glockenhelles Lachen durch den Raum schallte. Aber endlich hörte sie auf und lies sich, vor stillem Lachen immernoch bebend, auf der Rückenlehne vom Sofa nieder.
„Entschuldigen“, räusperte sie sich, „aber ich hab selten sowas Albernes gehört und das mag bei dir was heißen. Stimmt es also wirklich? Dich macht es fertig, wenn sich mein Äußeres drastisch ändert, so wie jetzt?“
„Ja“
Murmelte er kleinlaut und fühlte sich ertappt. Ihr Lächeln verschwand und ein mitfühlender Gesichtsausdruck legte sich auf ihr Gesicht, was ihn gelinde geasgt überraschte.
„Tut mir leid. Aber ich habe heute einfach den spontanen Drang verspürt, etwas völlig neues auszuprobieren. Ich versprech dir, dich beim nächsten Mal vorzuwahnen. Auch wenn du doch zugeben musst, dass es doch irgendwie ziemlich albern ist!“
Mit einem hinreißenden Lächeln sah sie ihn an.
„Hm, stimmt. Aber ich werde noch ein paar Tage brauchen, um mich daran zu gewöhnen!“
„Ist okay. Übrigens bist du doch daran schuld!“
„Hm?!“
Irritiert sah er auf.
„Du hast mich quasi dazu animiert. Du hast gestern nämlich deinen Rechner angelassen und ich hab ein wenig in deiner Internet-Historie gestöbert.“, sie zwinkerte ihm aumunternd zu, „‚Ne Menge seltsames Zeugs, was ich da so gesehen habe, aber auch vieles, was echt interessant war. Aber keine Angst, ich habs gleich gelöscht.“
Siedend heiß ließ es im den Rücken hinab. Sie hatte es gesehen. Sie hatte seine gottverdammte Leidenschaft entdeckt und trotzdem tat sie so, als wäre nichts passiert.
Etwas zaghaft lächelte er sie an und erntete einen Kuss von ihr.
„Komm endlich, wenn wir schon eine supertolle riesengroße Spezial-Badewanne haben, dann sollten wir sie auch nutzen. Ich hab uns ein schönes heißes Bad eingelassen“.
Und so lies er sich von ihr irritiert an der Hand ins Badezimmer führen.

ENDE

Kurzgeschichte Nr. 6

Viele fanden ja den Vater aus meiner aktuellen Schreibetüde richtig zum Kotzen und wie den miesesten Drecksack. Stimmt schon. Also hab ich mich nochmal ans Werk gemacht und eine kleine Geschichte geschrieben. Mit den selben Stichworten, aber etwa doppelt so lang.

Wackelpudding

„Ich will nicht! Hilfe, nein, ich will das nicht! Bitte Papa, ich mach alles wieder gut!“
Lucys Augen füllten sich rasch mit Tränen. Joschi starb innerlich tausend Tode und er rang um seine Worte.
„Ich weiß, dass du alles wieder gut machst, ich glaube an dich.“
Die unverdrossene Fröhlichkeit in seiner Stimme war falsch und einfach nur zum kotzen und wahrscheinlich wurde alles nur noch schlimmer. Einer der Pfleger machte einen Schritt vorwärts und er sah die aufsteigende Panik in den Augen seiner Tochter.
„Bitte Papa, BITTE, ich will nicht weg, ich hab das doch nicht so gemeint!“
Sie schüttelte sich vor angstvollen Tränen und er zerbrach innerlich. Er beugte sich vor und umarmte seine einzige Tochter ganz fest, beinahe erdrückte er sie voller väterlicher Liebe und Zuneigung. Er spürte, wie sie bebte und zitterte und ihm wurde flau. Er wollte nicht, dass sie ging. Er wollte, dass er bei ihr sein konnte. Aber es ging nicht.
   Jelena, die Leiterin der Einrichtung, die er selbst mit ins Leben gerufen hatte, hatte wohlmeinend und beharrlich stundenlang auf ihn eingeredet. Sie und ein halbes Dutzend Ärzte und Psychologen, die er von früher kannte. Seine Tochter war bipolar, so wie ihre Mutter, so wie er selbst.
   Scheiße, sie konnte doch nichts dafür, er war an allem Schuld. Er hatte ihr diesem Mist vererbt. Wie hätte sie es denn wissen sollen, wenn er ihr es verschwieg, in dem verzweifelten Versuch sie zu schützen, nur um es nur noch viel schlimmer für sie zu machen. Tränen liefen über seine Wangen und es schüttelte ihn vor heftiger Schluchzer.
„Es ist nicht für lange und ich besuche dich jeden einzelnen Tag. Alles wird wieder gut, ich verspreche es dir.“
Er zweifelte nicht an seinen Worten, aber es klang schwach und wenig überzeugend. Er sah die  Enttäuschung in ihren Augen. Enttäuschung und panische Angst.
„Ich bringe dir jeden Tag eine große Schale mit selbstgemachtem Wackelpudding mit, versprochen.“
Sie lächelte flüchtig. Die Pfleger rissen seine Tochter auf einmal richtig ungehobelt und grob aus seinen Armen und zogen sie in Richtung Tür. Nein, lasst sie hier, sie hat doch gar nichts Schlimmes gemacht! Wollte er schreien, aber seine Stimme versagte. Ihre großen vor Angst geweiteten Augen waren das letzte, was er von ihr sah, als sich die Tür schloss.
   Der Teppich knisterte leicht, als er heftig schluchzend und bebend darauf zusammenbrach und sich zu einer verheulten kraftlosen Kugel zusammenkauerte.
   Warum hatte er nichts gemacht? Warum hatte er seine Tochter nicht beschützt. Er hatte diese beschissene Krankheit, er wusste wie die Symptome aussahen. Er hatte sich vor der Wahrheit verschlossen. Jetzt zahlte seine Tochter den Preis für seine Unfähigkeit. Er war wohl der mit Abstand beschissenste Vater der Welt. Er weinte, bis er keine Tränen mehr hatte und rappelte sich mühsam in eine aufrechte Sitzposition. Jetzt war die große Wohnung tot und leblos und leer. Er fühlte sich unendlich kraftlos, als hätte ihm jemand die Lebensenergie geraubt und ihm eine reingehauen.
   Er setzte sich auf den Po und seufzte schwer. Er hörte das leise Tapsen von Pfoten und sein Kater Luzifer schmiegte sich an ihn und miaute aufmunternd. Er lächelte und es gelang ihm sich aufzurappeln. Schweren Schrittes schleppte er sich in die Küche und setzte sich auf einen Stuhl.
   Er würde es wiedergutmachen, alles würde wieder gut werden. Er öffnete eine Dose Red Bull und leerte sie im Stehen. Etwas wacher öffnete er den Kühlschrank und holte eine Schale frischer Waldfrüchte hervor.
„Ich mache dir den besten Wackelpudding der Welt Lucy, jeden einzelnen Tag!“
Sprach er laut in den Raum, riss sich zusammen, wischte sich die Tränen weg und machte sich ans Werk.

ENDE

Kurzgeschichte Nr. V

Ich weiß nicht warum ich so viele (schlimme) Liebesgeschichten schreibe, aber hier ist noch eine. Diesmal fast zehn Seiten lang und mit reichlich Dialog.

Zur Story: Ralf wacht eines Morgens auf und entschließt sich einen entscheidenen Schritt in seinem Leben zu gehen und auf dem Weg dahin stolpert er über Rosa und die beiden kommen ins Gespräch.

Rosa ist praktisch ich in weiblich, bzw. mir sehr ähnlich – ist mir beim Schreiben aufgefallen. Zu Rosa und Ralf wird es definitiv weitere Kurzgeschichten geben, sie sind eben ein ebenso schönes Paar wie Liz und Kaz, finde ich.

Der Traum

Der Traum war seltsam gewesen. Das war sein erster Gedanke, als er die Augen aufschlug. Einen Moment lang betrachtete er die weiße Decke mit Raufasertapete und genoss den Augenblick. Vogelgezwitscher ertönte von draußen. Ob das der richtige Tag war, den auf den er so lange schon gewartet hatte?
   Er schlug die Wolldecke zur Seite und stand auf. In der Küche startete er die Kaffeemaschine und stellte seine Thermoskanne und einen Thermosbecher bereit. Im Bad rasierte er sich gründlich, nahm eine ausgiebige warme Dusche. Nach dem abtrocknen putzte er sich die Zähne.
   Wieder in der Küche nahm er einen Rest Margarine und eine Papiertüte mit Wurst heraus. Zwei Scheiben Graubrot hatte er noch, mehr brauchte es nicht. Er brauchte die Margarine auf und warf die leere Packung in den Hausmüll. Den einsamen Apfel schnitt er klein und aß ihn als Snack nach den beiden Broten. Er spülte mit heißem Kaffee nach. Nachdenklich trat er an Fenster und sah die acht Stockwerke runter auf die Straße. Auf dem Spielplatz gegenüber spielten ein paar Kinder. Es war Hochsommer und schon schön warm. Er blickte in seinen Becher, dann wieder nach draußen. Er seufzte kurz, dann trank er den Kaffee aus.
   Er spülte in Ruhe ab, dann begann sein Tag. Aus der Besenkammer holte er seinen riesigen Wanderrucksack. Ganz nach unten rollte er seine Winterjacke und die dünne Regenjacke. Dazu ein dicker Pullover, seine kurze Hose, eine warme Unterhose, zwei von drei T-Shirts, Socken und Unterwäsche. Bei der Gelegenheit zog er sich an. Socken, lange Arbeitshose mit Hosenträgern. Sorgfältig verstaute er sein Notizbuch in einer der Beintaschen. T-Shirt nicht zu vergessen, dann war der Schrank leer. Die Wolldecke faltete er zusammen und verstaute sie. Die Badartikel schlang er in sein Duschtuch und wickelte alles zusammen. In der Küche holte er einen offenen Pappkarton hervor und legte die restlichen Lebensmittel hinein, die er noch besaß. Der Karton war nur halbvoll, als er fertig war.
   Dann verstaute er sein Campinggeschirr. Den Kaffee füllte er in die Thermoskanne und die Wasserflasche füllte er mit Leitungswasser auf. Dann schaltete er die Kaffeemaschine und den Kühlschrank aus, die Herdplatte stöpselte er aus.
   Zuletzt eine Aktenmappe mit seinen Zeugnissen und wichtigen Dokumenten und seinen flachen Laptop. Er band sich seine Armbanduhr um, steckte sein Smartphone in die Hosentasche und überprüfte seine Barschaft. Am Automaten am Bahnhof würde er etwas abholen, entschied er.
   Er schulterte seinen Rucksack und machte die Sicherung für die Wohnung aus. Dann überlegte er, ob er etwas vergessen haben könnte. Nein, die Wohnung war leer, bis auf die sehr wenigen Einrichtungsgegenstände.
   Er griff nach seinem Schlüssel und verharrte. Haustür und Briefkasten, ansonsten hatte er nichts. Er atmete tief ein und zog die Hand zurück. Es gab jetzt kein Zurück mehr.
   Der Schlüssel hing an seinem Platz, als er die Tür hinter sich zuzog. Den Karton mit den Lebensmitteln stellte er neben die Briefkästen im Erdgeschoss. Draußen sah er nicht zurück und ging gemächlich in Richtung Bahnhof. Die Vögel zwitscherten und vereinzelt kamen ihm Passanten entgegen.
   Im Bahnhof hob ein bisschen Geld ab, nicht viel, vielleicht zweihundert Euro. Er studierte die große Tafel mit den abfahrenden Zügen einen Moment, denn wanderte sein Blick zu der Eisdiele im Bahnhof. Eine kurze Schlange hatte sich bereits gebildet. Er warf einen Blick auf die große Uhr, dann auf die Tafel und dann wieder auf die Eisdiele. Ohne Hast ging er vor und musterte die Sorten. Ein paar Sorten klangen hervorragen. Sein Blick blieb am Preisschild hängen und seine Miene verfinsterte sich. Gemessen an seiner Barschaft, klang ein Eiskauf geradezu töricht. Etwas traurig ging er wieder weg.
   Der Blick auf die Tafel war wenig aufschlussreich und er verließ den Bahnhof wieder. Im nahe gelegenen Park setzte er sich auf eine freie Parkbank.
„Entschuldigung?“
Er hatte gerade den Rucksack abgesetzt um seinen Laptop hervorzuholen als ihn eine ausgesprochen schöne Stimme ansprach. Überrascht sah er hoch. Eine junge Frau in seinem Alter stand vor ihm. Recht groß und mit einem schönen sonnengebräunten Teint. Sie trug eine interessante Hochsteckfrisur in einem pastellfarbenem Pink und hatte absolut kein Makeup aufgetragen. Zu reichlich Sommersprossen hatten sich ein paar Pickel gesellt, die sie nicht zu stören schienen.
Sie trug schlammverkrustete Schuhe zu Arbeitshosen, die dreckig und abgenutzt waren, und einer dünnen Engelbert Strauss Jacke. Aus ihren Taschen lugten Arbeitshandschuhe. Sie war ausgesprochen schön und sah bis auf die Wahl der Haarfarbe so aus wie ein Model für Arbeitskleidung. Am überraschendsten fand er allerdings die beiden Waffeln Eis in ihrer Hand.
„Mögen sie eventuell Zitrone und Mango?“
Verdutzt musterte er die Frau, dann sah er sich unauffällig um. Die Frau wirkte sehr verlegen.
„Ähm.“
Er dachte nach.
„Ja.“
„Super.“
Die Frau wirkte sichtlich erleichtert und streckte ihm eine Hand mit der einen Eistüte hin.
„Ähm, darf ich mich setzen?“
Sie deutete unsicher auf die Bank, auf der er saß. Sie wirkte nett und natürlich.
„Sicher.“
Sie setzte sich neben ihn, allerdings mit gehörigem Abstand. Er musterte sie neugierig. Sie wollte etwas von ihm, zumindest erschien ihm das logisch.
„Wie heißen Sie?“
„Ralf, sag du zu mir, so alt bin ich nun auch nicht.“
Sie wirkte auf eine seltsame Art schwer verlegen, aber auch erleichtert. Das Eis war hervorragend, stellte er fest.
„Und wie heißt du?“
Sie wirkte noch verlegener.
„Ähm, ich … ähm.“
Sie druckste herum.
„Rosa.“
Er schnaubte und sie wurde schrecklich rot. Das erklärte zumindest die Wahl der eigentümlichen Haarfarbe.
„Passt hervorragend zu den Haaren.“
Er zwinkerte ihr zu und sie wurde noch röter. Ihm kam der Gedanke, dass sie ganz schrecklich schlecht darin war, einen Mann anzusprechen, den sie gut fand. Zumindest hoffte er, dass ein so hübsches Ding ihn gut fand.
   Etwas schweigsam aßen sie ihr Eis. Er spürte dass es ihr auf den Nägeln zu brennen schien, ihn in ein Gespräch zu verwickeln und er ließ ihr höfflich die Zeit. Als nichts von ihr kam und sie sich von Minute zu Minute unwohler zu fühlen schien, fing er an.
„Bist du Model?“
Sie guckte verdutzt, dann schüttelte sie den Kopf.
„Dann also wahrscheinlich Gärtnerin?“
Sie nickte langsam.
„Stimmt. Freiberuflich.“
„Hm, und warum machst du nicht Landschaftsarchitektur, du hast bestimmt einiges auf dem Kasten.“
Sie wurde wieder rot und lächelte verlegen.
„Ich hab mein Abitur vergeigt.“
„Das kann ich mir irgendwie schlecht vorstellen.“
„Doch, ich wollte es meinem Papa heimzahlen, also habe ich es mit Absicht geschmissen. Dass ich damit meine Zukunftschancen wegschmeiße, wollte ich damals nicht einsehen.“
„Aha, dann ist dein Vater wohl ein ziemlicher Arsch.“
Sie warf ihm einen kurzen schwer zu deutenden Blick zu, dann nickte sie energisch.
„Ich bin Einzelkind, Papa ist Workaholic und Mama ist ganz früh gestorben.“
„Oh, mein Beileid.“
„Ist schon ok, ich hab kaum mehr Erinnerungen an sie.“
„Und warum wolltest du es deinem Vater heimzahlen?“
Sie biss sich unmerklich auf die Lippen und zögerte.
„Ähm, er hat sich nie um mich gekümmert. Seine Firma hat ihm alles bedeutet, ich nicht. Er war nie zuhause und hat die Erziehung eigentlich unserer Haushälterin überlassen. Er war nicht mal an meinen Geburtstagen oder zu Weihnachten da.“
Er war betroffen. So ein schönes Mädchen mit einem furchtbaren Vater. An seine Eltern hatte er keine Erinnerung mehr, dafür war der Autounfall zu früh gewesen. Und ihn hatte nie jemand adoptieren wollen. Bitterkeit über sein eigenes Leben stieg in ihm hoch, als er ihr lauschte.
„Und jetzt will er, dass ich jemanden heirate und Kinder bekomme, um die Erbfolge zu regeln. Er hat nicht mal gefragt, wie es mir geht. Ich glaube am liebsten würde er mich einfach so verheiraten, ganz egal was meine Meinung dazu ist.“
„Und was ist deine Meinung?“
Sie hielt inne und starrte einen Moment nachdenklich ins Leere.
„Mh, ich will schon Kinder haben und alles, aber eben selbstbestimmt in meinem Tempo. Aber ich bin auch schon fast dreißig und so viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Ich will meinem Vater nicht Recht geben wollen, aber ich will einen Mann in meinem Leben. Nur bin so schlecht darin, einen zu finden.“
Er lachte kurz auf.
„Moment mal, selbst ohne jegliches Makeup siehst du hinreißend aus, die Kerle werden dir doch die Bude einrennen!“
Sie wirkte sehr verlegen, aber auch etwas aufgebracht.
„Genau deshalb trage ich auch seit Jahren kein Makeup mehr auf. Ich werde jeden Tag angesprochen und ständig auf Dates eingeladen. Aber … ach verdammt … das ist jetzt ganz albern … und bestimmt kindisch … aber ich möchte meinen Mann finden, ich möchte nicht gefunden werden. Und ich will auch nicht gejagt und vergöttert werden. Ich bin ein niemand, ich hab nicht studiert und kann nichts besonders gut, ich bin ein verdammter Niemand. Aber jeder versucht mich auf ein Podest zu stellen, auf das ich nicht gehöre.“
Sie schwieg einen Moment und wirkte niedergeschlagen.
„Deshalb ist das auch so sinnlos. Ich nerv dich bestimmt mit meiner doofen Lebensgeschichten. Niemand will das Gejammer von einem super hübschen Mädchen hören, das alle Welt vergöttert. Und du hast bestimmt eine bessere Hälfte, also mach ich mich doch nur zum Affen.“
Eine einzelne Träne rollte ihr über die Wange und sie wischte sie hastig weg.
   Er musterte sie eingehend. Sie war eine schöne junge Frau, das musste man ihr lassen. Er seufzte und stand auf. Sie wirkte völlig erschrocken und sprang auf.
„Oh nein, du hast schon eine? Oder ich hab dich nur belästigt? Verdammt, das tut mir leid … ich … ich … bitte lass mich nicht hier sitzen.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie schluchzte auf. Sie ließ sich auf die Bank fallen und vergrub das Gesicht in den Händen. Nachdenklich setzte er sich wieder hin. Er saß einen Moment einfach nur da, während sie weinte, dann zuckte er mit den Achseln, rutschte zu ihr hin und nahm sie in den Arm.
Sanft strich er ihr über den Rücken und ignorierte die Blicke der Passanten.
„Ich bin Single.“
„Das glaube ich dir nicht, du siehst übel gut aus.“
Er schmunzelte.
„Danke. Aber ich bin nur ich, ich bin ein Niemand so wie du.“
„Das … das stimmt nicht, du hast einen Blog mit hunderttausenden von Followern. Ich bin nichts, das stimmt.“
Ihm dämmerte, dass sie ihn zu kennen schien und er löste die Umarmung. Ernst musterte er sie, während sie sich die Tränen mit einem Zipfel ihres T-Shirts wegtupfte.
„Was?“
Sie wirkte unsicher.
„Bist du mir gefolgt?“
Fragte er leise und sie wurde blass.
„Ich … ähm.“
Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen.
„Ja“
Sie schniefte und sah kurz weg.
„Tut mir leid … aber.“
Sie zögerte und er hakte nach.
„Aber was?“
In seiner Stimme klang eine gewisse Schärfe und sie sah ihn ängstlich an.
„Ähm … ich, ähm … naja, ich hab dir ganz viele Nachrichten geschrieben, aber du hast nie geantwortet. Also wollte ich dich persönlich treffen.“
Er schnaubte verärgert.
„Ich bekomme jeden Tag tausende von Nachrichten, die kann ich nicht beantworten. Komisch dass viele das nicht kapieren. Und jetzt habe ich einen Stalker an der Backe.“
Sie wurde erst bleich, gleich danach verfärbten sich ihre Wangen rot.
„Ich … Ich bin kein Stalker. Ich wollte dich nur mal treffen.“
„Und das hast du jetzt ja auch. Entschuldige mich ich muss los.“
Sie warf einen Blick auf seinen großen Rucksack.
„Besuchst du deine Eltern?“
Fragte sie mit einem unsicheren Ton in der Stimme.
„Die sind schon lange tot, nein ich hab keine Verwandten mehr.“
Sie wirkte sichtlich betroffen.
„Wo geht’s dann hin?“
Er dachte einen Moment nach. Das wusste er selbst nicht so genau.
„Mh, spontan würde ich Prag sagen.“
„Urlaub?“
„Ja … Nein. Ich weiß nicht. Vielleicht ein paar Tage oder ein paar Wochen. Aber ich wollte mir auch mal wieder Russland ansehen. Und dann rüber nach China und Südostasien. Dann Indonesien und mit einem Schiff in die Staaten.“
Sie sah ihn traurig an.
„Seh ich dich wieder?“
Er grinste flüchtig. 
„Ich habe mit dieser Stadt abgeschlossen, da ist höchstens noch Berlin, wenn ich auf der Durchreise bin.“
Sie wurde wieder blasser.
„Aber du darfst nicht gehen, ich habe dich doch erst gerade getroffen.“
„Und wenn schon, du wolltest doch nur einmal deinen Lieblingsblogger treffen und das hast du doch hiermit gemacht.“
Er sah sie an, ihr Blick hatte etwas Flehendes und Verzweifeltes.
„Hast du schon ein Ticket gekauft?“
„Nein, ich mach das meist spontan über die App.“
„Kann ich dich auf einen Kaffee einladen … also, ähm … bei mir?“
Er schmunzelte.
„Ist das ein Date?“
Sie errötete und zuckte mit den Achseln.
„Weiß nicht, ich will dich einfach besser kennenlernen. Ich parke im Parkhaus gleich da drüben. Dann ist es nicht weit. Vielleicht zwanzig Minuten.“
„Wenn der Kaffee gut ist, dann können wir das machen. Gibt es dazu was zu knabbern?“
„Ähm, ich habe gestern einen Apfelkuchen gebacken. Hälfte ist bestimmt noch da.“
„Mit Sahne?“
„Lässt sich einrichten.“
„Nun gut, du hast mich überzeugt.“
Sie lächelte erleichtert und sprang von der Bank auf. Er schulterte seinen Rucksack und folgte ihr.
   Im Parkhaus angekommen stieß er einen anerkennenden Pfiff aus. Ein schwarzer Porsche Cayenne.
„Den hat mir mein Papa aufgedrückt, ich bin ein Ford Fan. Ich wollte ihn aber nicht verkaufen und mittlerweile mag ich ihn ganz gerne.“
Sie wirkte verlegen. Es schien ihr peinlich zu sein, dass sie ein sündhaft teures Auto fuhr.
„Gut dann pack ich meinen Rucksack mal in den Kofferraum.“
„Mhm.“
Sie stieg ein und er verstaute den Rucksack, dann setzte er sich zu ihr. Und los ging es.
   Zwanzig Minuten später durch den typisch sinnlos komplizierten Verkehr in der Stadt fuhren sie durch ein Viertel aus hässlichen Neubau Würfeln, die man lieblos in die Landschaft geklatscht hatte. Sie parkten auf einem Parkplatz neben einem übel schlammverkrusteten Ford F-150 Pickup Truck. Sie hatte doch gesagt, sie war ein Ford Fan, dann war das bei ihrem reichen Papa bestimmt ihr Wagen. Als Gärtnerin war der definitiv praktisch. Er setzte seinen Rucksack auf.
„Deiner?“
Er deutete auf den Ford.
„Jepp. Viel praktischer als der blöde Porsche.“
„Finde ich auch. Aber viel praktischer ist kein Auto.“
Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu.
„Sicher, dann transportiere ich doch gleich vier Zementsäcke in der Tram …“
spottete sie.
„Ja, das wird schwierig.“
Eigentor, er biss sich auf die Lippen.
   Sie ging voran auf den hässlichen Würfel zu. Sein Blick wanderte über die Reihe der Briefkästen und er stutzte. Nur ein Namensschild war beschriftet.
„Ich wohne oben in der zwei, Fahrstuhl oder Treppe?“
„Treppe.“
„Alles klar.“
zwei Minuten später öffnete sie die Wohnungstür. Die Klingelschilder der anderen Wohnungen auf der Etage waren leer.
„Wo sind die anderen Mieter?“
Sie drehte sich verlegen zu ihm um.
„Papa hat mir diesen Klotz gekauft, frag mich nicht warum.“
Er stieß einen anerkennenden Pfiff aus und sie errötete leicht. Dann folgte er ihr in die Wohnung. Drei Zimmer stellte er beim Zählen der Türen fest.
„Stell den Rucksack irgendwo hin und fühl dich wie zuhause. Möchtest du einen normalen Kaffee?“
„Ja bitte, mit einem Drittel Milch und zwei Stück Zucker.“
„Alles klar, ist in Arbeit.“
Er stellte den Rucksack neben die Garderobe und sah sich um. Keine schicken modischen Schuhe, nur Arbeitsschuhe und ein paar leichte Halbschuhe. Die Wände des Flurs waren mit Whiteboards verkleidet, auf denen hunderte von Notizen standen und Bilder, Postkarten und Zeitungsartikel angeheftet waren. Neugierig sah er sich ein paar Sachen an. Dann öffnete er die erste Tür.
   Er stutzte. Das war ein Lagerraum, überall Regale an den Wänden, die sich unter der Last von Vorräten bogen. An einer Wand stand ein Schreibtisch. Nicht mit einem, nicht mit zweien, gleich mit drei Monitoren. Und der Rechner unter dem Tisch war nicht viel kleiner als sein alter Kühlschrank. Er schüttelte nur den Kopf.
   Dann stand er im Schlafzimmer. Zwei gigantisch große IKEA Schränke nahmen eine Seite fast vollständig ein. In die guckte er natürlich nicht. Unter dem Fenster stand ein bequem aussehender Lesesessel. Missbilligend musterte er die zusammengeknäulte Pelzdecke, unfassbar wie man sich in Menschen irren konnte. Das Bett war groß und ungemacht und voller Stofftiere. Dazu in ein weiteres Regal eingebaut. Er zählte nicht, aber es dürfte weit mehr als hundert Bücher sein. Er besaß nicht eins, auch wenn er gerne las.
   Das Wohnzimmer war nicht viel besser. Nur Regale, fast überall. Vollgestopft mit Büchern und … er runzelte die Stirn … LEGO Sets. Alles voller Kinderspielzeug. Schrecklich, wie konnte man nur so viel Zeug haben?
   Er ließ sich auf das edle Ledersofa fallen und lehnte sich entspannt zurück. Aus der Küche klapperte es beschäftigt und er musterte die Spielzeugsachen in den Regalen. Er überlegte wie groß der LKW sein müsste, um den Inhalt dieser Wohnung zu bewegen.
   Da erschien Rosa mit einem großen Tablet in den Händen in der Tür. Sie hatte wohl auch Zeit gehabt schnell ihre Arbeitshose gegen eine schlabbrige Jogginghose auszutauschen. Er überlegte ob das so eine gute Wahl gewesen war und zuckte nur mit den Schultern. Etwa siebzig Prozent des Kuchens waren noch da und sie schnitt den Rest zu ziemlich großen Stücken und tat ihm eins mit einem ordentlichen Klecks Sahne auf.
   Der Kaffee war ausgesprochen gut, er nickte anerkennend. Und der Kuchen war eine Wucht.
„Ist der Kuchen gut?“
„Sehr, sowas gutes habe ich lange nicht mehr gegessen.“
„Das freut mich.“
„Du bist eine ausgesprochen gute Bäckerin.“
Sie lächelte verlegen, wirkte aber bestärkt.
„Bevor ich Gärtnern gelernt habe, hab ich Koch gelernt, aber das fand ich zu stressig.“
„Wie kommt’s?“
„Unsere Haushälterin fand immer das eine junge Frau auch gut kochen sollte. Also hab ich das gelernt, noch so richtig nach einem alten Hausfrauenbuch und ich war echt gut. Wäre das nicht so stressig, hätte ich heute schon bestimmt ein eigenes Restaurant. Aber Glück gehabt, sonst wäre ich nie Gärtnerin geworden.“
Sie trank einen Schluck und wirkte nachdenklich.
„Ähm … bist du vegan oder vegetarisch oder so?“
„Nicht dass ich wüsste, auch wenn ich bewusst nicht so viel Fleisch esse.“
„Oh, super. Dann kann ich was für uns kochen.“
„Nein, so viel Mühe musst du dir doch nicht machen. Nach dem Kaffee buche ich mir was und dann hast du abends wieder Ruhe.“
Sie sah so aus, als würde sie gleich heulen.
„Nein bitte, ich flehe dich an.“
Eine Träne rollte ihr über die Wange. Sie war schrecklich emotional, das war sicher.
„Warum soll ich denn bleiben?“
„Ich … ähm … Naja, ähm … ich …“
Sie brach ab und er schmunzelte.
„Lass mich raten, du bist die Kriegerprinzessin und ich der arme hilflose Prinz, der gerettet werden muss.“
Sie wurde schrecklich rot, dann nickte sie zaghaft.
„Und wenn ich nicht gerettet werden will?“
Sie sah traurig zu Boden.
„Weiß nicht.“
„Wie kommst du überhaupt auf mich?“
„Ich bin über deinen Blog gestolpert, als der noch ganz klein war. Und ich habe es mir zur Tradition gemacht, jeden Morgen beim Frühstück zu lesen, was du am Vortag geschrieben hast. Und wenn nichts Neues war, habe ich mir alte Blogbeiträge angesehen. Und so hab ich dich durch die Beiträge hindurch kennengelernt und mich irgendwie in dich verliebt.“
„Dann bist du eine Stammleserin. Interessant.“
Er trank einen Schluck Kaffee.
„Aber du verstehst, dass ich irgendwann los muss. Ein Abenteuer wartet auf mich.“
„Kannst du nicht bitte ein bisschen bleiben, nur ein paar Tage? Ich hab eine kleine Gästewohnung mit einem frisch gemachten Bett und ganz vielen Snacks. Und ich koche jeden Tag für uns beide.“
Er musterte sie einen Moment, sie war schön wenn sie so verlegen wie gerade jetzt war.
„Aber ich kann dir doch gar nichts bieten. Du bist eine schöne selbstständige Frau voller Jugend, die nie verarmen wird. Ich hingegen bin ein Niemand, zwar hab ich einen erfolgreichen Blog, aber in dem Rucksack im Flur ist alles was ich habe. Ich bin nicht reich, ich bin nicht durchtrainiert, nicht einmal sonderlich gutaussehend finde ich. Ich bin nur irgend so ein Typ, denen du jeden Tag zu dutzenden begegnest. Jeder von denen hat bestimmt genau so viel zu sagen wie ich und hat Humor und einen guten Charakter. Nur ich habe einen Blog, mit dem ich der Welt zeige, wer ich bin. Aber ich bin nichts Besonderes. Du hingegen verdienst etwas Besonderes und das bin nicht ich!“
Sie sah ihn traurig an und schob sich eine Kuchengabel mit Kuchen in den Mund. Sie wirkte arg geknickt und niedergeschlagen.
„Aber die anderen kenn ich doch gar nicht. Und du bist du und du sitzt gerade auf meinem Sofa. Ich will gerne mit dir zusammen sein. Du musst nicht aussehen wie Captain Amerika. Mich stört auch nicht dass ich wahrscheinlich mehr Geld habe als du. Ich finde schon dass du etwas Besonderes bist, denn du hast der Welt gezeigt, dass du eine Stimme hast und das macht nicht jeder. Das mag ich.“
Er nickte zustimmend, dann musterte er sie eingehend.
„Ich nehme an, du willst, dass ich für immer bei dir einziehe und nicht nur für ein paar Tage. Dabei kenne ich dich nicht die Spur, außer dass du hartnäckig und schön bist. Und du müllst dich mit Zeug ein, hier ist ja nicht ein Stück freier Platz bei dir. Das ist echt furchtbar.“
Sie war wie vor den Kopf gestoßen und sah ihn mit großen Augen an, dann guckte sie wieder sehr traurig und stützte den Kopf auf die Hände.
„Ich kann nicht anders. Ich hab als Erwachsene nachgeholt, dass ich eigentlich keine Kindheit gehabt habe. Und ich interessier mich halt eher für Autos und LEGO und Videospiele, als für Mädchenkram und so. Ich hab noch mehr als das, immerhin hab ich ein Riesenhaus, was eigentlich nur leer steht.“
Er überlegte. Er kannte sie kein Stück, das konnte mächtig schiefgehen.
„Ok ich bleibe, aber nur unter einer Bedingung.“
Ihre Augen leuchteten auf und sie strahlte.
„Welche.“
„Wir machen es ganz altmodisch. Egal was passiert. Krankheit, Verlust, schlechte Zeiten und Katastrophen. Wir bleiben zusammen. Ich kenn deine Macken nicht und du kennst meine nicht, es kann schiefgehen, wird es womöglich auch, aber wir suchen gemeinsam eine Lösung. Du kannst mich haben, aber dann gibt es kein zurück, keinen anderen, nur mich. Das ist was fürs Leben.“
Sie starrte ihn verblüfft an.
„Ähm, ok, das ist schon ziemlich krass.“
„Wähle deine Worte mit Bedacht, sonst mache ich mich auf meinen Weg – allein.“
Sie erbleichte und schien fast zu zittern.
„Ok, aber was, wenn es nicht passt oder einer von uns eine schlimme Krankheit hat.“
„Dann suchen wir eine Lösung, die gibt es immer wenn beide Parteien diese auch wollen.“
„Ok. Dann machen wir das so.“
Sie stand auf und setzte sich neben ihn und legte den Kopf an seine Schulter. Er legte den Arm um sie.
   So saßen sie eine Weile. Er brach das Schweigen.
„Morgen packst du einen großen Rucksack und wir gehen auf ein Abenteuer.“
„Ich hab kein großen Rucksack. Ich hab nicht mal einen Koffer. Abgesehen von meiner Arbeit, habe ich die Stadt noch nie verlassen. Mein Vater hat mir nicht mal Klassenfahrten erlaubt. Ich würde gerne die Welt erkunden, aber ich habe Angst vorm Reisen.“
„Dann kaufen wir dir einen und alles was du zum Reisen brauchst.“
„Aber ich kann hier nicht weg, mein Job, ich meine ich habe noch einen Haufen Aufträge.“
„Dann zeigst du mir wie das geht, und wir machen die Sachen noch zusammen fertig und du nimmst einfach keine neuen Aufträge mehr an. Und ich organisier dir die Ausweise und Reisepapiere und natürlich musst du geimpft werden.“
„Aber ich kann nicht, ich trau mich einfach nicht.“
„Nicht doch, ich bin doch bei dir, dann kann dir nichts passieren. Wo wolltest du immer schon mal hin?“
„Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland fahren. Und mit Walen schnorcheln. Und Ruinen im Dschungel entdecken. Und die höchsten Berge der Welt besteigen.“
Er schmunzelte.
„Das klingt ja nach einer richtigen Weltreise.“
„Mh, und dann kann ich mir endlich meinen reservierten Ford Bronco abholen.“
„Moment, ich dachte an Zug fahren.“
„Ich will aber auch mal mit einem Geländewagen irgendwo hinfahren. Ich habe gehört Island soll richtig toll sein.“
„Für so einen Reisemuffel kennst du dich aber ziemlich gut aus.“
„Ich les halt viel, gerade Reiseführer und Bildbände und Sachbücher zu Ländern und Orten. Dann mal ich mir aus wie toll so eine Reise wäre und welche Abenteuer auf mich warten. Aber ich hab mich gerademal getraut, nach Berlin zu fahren, sonst nichts. Alles Größere macht mir Angst.“
„Na das müssen wir aber schnellstens ändern.“
Er kramte in der linken Hosentasche und förderte einen kleinen Lederbeutel zu Tage. Er griff hinein.
„Den bekommst du.“
Sie quiekte fast vor Überraschung als sie den goldenen Ring sah.
„Ja ich will.“
„Das hatten wir schon, ich dachte mir damit verjagst du andere Männer.“
Sie probierte den Ring an.
„Passt sogar ganz gut. Wo hast du den her?“
„Den hab ich schon mein ganzes Leben, der gehörte meiner Mutter.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Nein schon gut, ich habe keine Erinnerungen mehr an sie.“
Er hielt einen Moment inne.
„Welche Haarfarbe hast du eigentlich.“
„Pink.“
„Nein in echt.“
„Leider blond.“
„Wieso leider?“
„Weiß nicht, ich mag blond nicht so.“
„Hm, was gibt es zum Essen.“
„Steaks. Welche Beilagen sind gewünscht?“
„Kartoffeln und gemischtes Gemüse.“
„Ist gebongt.“
Sie warf ihm einen Blick zu.
„Ich glaube ich gebe dir einen Hausschlüssel. Schläfst du in der Gästewohnung?“
Er dachte nach.
„Couch ist ok.“
„Dann hol ich dir ein Laken und Kissen.“
„Eine Decke habe ich.“
„Ach so, na dann. Hast du Lust?“
„Vor der Hochzeit?“
Sie grinste verlegen.
„Bist du so strickt?“
„Nein, aber nur wenn du dein Bett machst und die Stofftiere wegräumst, du bist nicht mehr zehn.“
„Ne, fast zwanzig Jahre älter. Aber manchmal fühl ich mich wie zehn.“
„Ich glaube jeder fühlt sich mal wie zehn.“
Er tat sich noch ein Stück Kuchen auf und häufte einen kleinen Berg Sahne auf dem Teller auf.
„Brauchst du Hilfe beim Kochen?“
„Nö, dass mach ich allein, sonst wärst du eher im Weg. Ich finde wenn wir es schon so hoffnungslos traditionell machen, bewege ich mich von ganz allein in mein trautes Heim, die Küche.“
„Ich glaube es gibt Leute die es sehr sexistisch finden, wenn andere sagen, Frauen gehören in die Küche.“
„Ich weiß, wie gut, dass mir das egal ist. Sonst zieh ich mir noch ein braves Schürzchen an.“
Er lachte und aß von dem sehr guten Kuchen.
„Gut so. Ich glaube die Welt braucht ab und zu noch seine Traditionen.“
„Stimmt.“
Sie hielt inne und wirkte nachdenklich.
„Warum bist du ausgerechnet heute aufgebrochen? Ich meine wir hätten uns sonst bestimmt verpasst.“
„Ich hatte einen Traum, fast schon eine Art Vision. Sie hat mir gezeigt, dass ich heute etwas erleben würde, dass mein Leben entschieden verändert. Und ich glaube die Vision hatte recht.“
„Hm, interessant. Ich hab heute einfach nur von dir geträumt und wusste, dass ich was unternehmen musste. Glaubst du an Schicksal.“
„Natürlich.“
„Dann war es Schicksal, dass wir uns begegnet sind?“
„Womöglich, wer kann das schon sagen.“
Sie strich sich eine widerspenstige Strähne hinter das Ohr und küsste ihn auf den Mund. Er stellte schnell den Teller weg und erwiderte den Kuss. Auf dem Sofa fielen sie übereinander her.

ENDE 

Kurzgeschichte Nr. IV

Was viele nicht wissen, aber meine Kurzgeschichten sind oft Onetakes. Heißt, ich habe eine fixe Idee, setzt mich an meinen Rechner und schreib ein paar Seiten locker runter ohne mir die Mühe zu machen, es vom Inhalt nochmal so richtig zu überarbeiten, wie ich es bei meinen Büchern mache. Da entstehen mitunter interessante Sachen. Nicht alle sind gut, aber diesen Anspruch stelle ich mir nicht so. Es ist eher so: ich habe eine Idee und werfe sie einfach mal in den Raum um zu gucken was dabei herumkommt. Diesmal kommt das Ende bestimmt für viele etwas überraschend.

Der Hai lacht zu letzt

Eben frisch geschrieben. 4,5 Seiten lang und ein wilder Ritt. Es ist zudem Sharkys erster Auftritt als Figur auf meinem Blog und er spielt eine große Rolle (wenn auch nur als Nebenfigur) in der vierten Fassung von Das Osiris Genom. Zudem soll er sein eigenes Spin-Off Abenteuer bekommen, dass ungefähr 1,5 Jahre vor dieser Kurzgeschichte spielt. Ich versuche es spannend zu schreiben, aber ich neige ja leider zu viel erzählen wenig zeigen. Eigentlich müsste es andersrum sein. Die Kurzgeschichte spielt etwa ~17 Jahre vor dem Start von Osiris Genom 4. Fassung und dort ist er Ende vierzig. Ja mit jeder Fassung werden die Figuren älter … in der ersten Fassung war Kaz 39 … jetzt ist er 53.

Zurück zur Kurzgeschichte. Habt Spaß dabei.

Der Hai lacht zu letzt

„Ich scheuer dir gleich eine wenn du weiter so grinst.“
Nora knallte ihr Glas auf den Couchtisch und verschränkte die Arme. Sharky runzelte die Stirn.
„Was hab ich denn schon wieder falsches gesagt?“
„Du hättest sagen können ‚oh das tut mir leid arme Nora, wie kann ich dich trösten‘ oder so.“
Sharky schnaubte und es trieb ihr die Zornesröte ins Gesicht.
„WAS findest du daran lustig du Affe? Mir geht es auch mal schlecht, kein Grund das lustig zu finden.“
„Dir geht es schlecht? Gut bei dem Verschleiß an Kerlen wundert es mich nicht, dass jemand dich trösten muss, aber warum muss ich das immer sein. Mimimi ‚Oh Sharky ich hab mir den Zeh gestoßen, rette mich oh mein Held‘ Oder ‚Oh Sharky, alle Kerle setzen mich vor die Tür, kann denn nicht einer von denen so sein wie du‘. Du bist abscheulich Nora. Wegen jedem Mist kommst du zu mir gerannt und heulst dich bei mir aus. Ich fühl mich schon wie dein emotionales Kissen. Wann fragst du denn bitte danach wie es mir geht, du dumme Ziege.“
Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Du Arsch wolltest mich doch nicht haben und jetzt heulst du rum, weil ich einen Mann wie du haben will, was ist denn daran falsch. Und wir Frauen sind eben emotional. Warum hast du denn nie etwas gesagt, dass ich dir nur auf den Keks gehe?“
Er zuckte mit den Schultern und trank einen Schluck. Sie wurde wütend.
„Du mit deiner dummen emotionslosen Kiste, du bist so in dich gekehrt, du lässt niemanden an dich heran und du erzählst nicht über dich. Und dann bist du sauer auf mich, wenn ich von mir erzähle. Warum bist du so?“
„Haie sind eben emotionslos“
Aus seinem Grinsen wurde ein Ausweichmanöver, als ihr Glas ihn knapp verfehlte und an der Wand zerschellte. Unglauben lag in seinen Augen.
„Hast du grad ein Glas nach mir geworfen?“ 
„Ich werfe gleich noch mehr nach dir, wenn du nicht aufhörst so ein emotionsloser Riesenarsch zu sein. Du hörst mir nicht zu, das machen beste Freunde nicht.“
„Im Ernst, ich hab nie gesagt, dass wir beste Freunde sind, vielmehr hast du Klette dich von Anfang an nur an mich herangemacht. Wen wundert es, gut aussehend und wohlhabend, du bist einfach so leicht zu durchschauen.“
Sie sprang auf und ergriff eine hässliche Vase und pfefferte sie gegen die Wand.
„Ey, die hat meiner Mutter gehört, hör auf meine Sachen kaputt zu machen!“
Sie hörte har nicht auf ihn. Der Vase folgten ein Aschenbecher und eine Reihe Pokalgläser. Sharky war sofort bei ihr und hielt ihr die Hände fest.
„Man, sei doch einfach nur ein Mensch, ich will keinen Hai als Freund!“
„Ich weiß mittlerweile nicht mehr, ob ich dich überhaupt als Freundin haben will!“
Sie hielt schlagartig inne, als sie verdaute, was ihr bester Freund da sagte. Ihre Augen füllten sich mit einer Flut von Tränen. Dann sprang sie auf und knallte ihm eine, so fest sie konnte. Komm reagier wie ein Mensch, nimm mich in den Arm, sag dass alles wieder gut wird. Bitte.
   Ein stoischer kalter Blick lag in seinen Augen, er packte sie an der Schulter, schubste sie unsanft durch die Wohnung und warf sie mit ihren Sachen einfach in den Hausflur. Tränenbäche liefen ihr über die Wangen und sie hämmerte jetzt mehr aus Verzweiflung an die Tür.
   Ihr Fels in der Brandung war weg, ihr Beschützer ihr Freund. Er hatte ihr mehr als einmal das Leben gerettet und sie wollte sein Leben retten. Er war ein einsamer Hund mit nicht einmal einer Handvoll Freunden und keinen Lebenden Verwandten mehr. So viel hatte sie aus ihm herausbekommen, wenigstens das.
   Sie klingelte Sturm, aber keiner antwortete. Mit hängenden Schultern nahm sie ihre Tasche und ihre Jacke und ging zum Treppenhaus. Sie weinte stumm. Sharky hat ihr geholfen sich etwas aufzubauen, dass hatte sie sich damals nie auch nur im Ansatz erhofft hätte. Und jetzt war es zu Ende. Sie würde es doch ohne ihren Helden nie alleine schaffen, wahrscheinlich stand sie in ein paar Wochen wieder auf der Straße.
   Sie untersuchte ihre Barschaft. Für ein paar Bier dürfte es gerade so noch einmal reichen. Es war zehn, Nachtschicht vorbei und morgen hatte sie frei, da durfte sie bestimmt ein paar heben. Zum Glück war unten bei Sharky im Haus ein Getränkeladen. Und der war auch gut besucht, und alle sahen sie böse an weil sie Bier kaufte. Auf einer Bank ein Stück weiter ließ sie sich nieder und öffnete das erste Bier. Ah, tat das jetzt gut. Sharkys Grüner Tee war zum davonlaufen, aber er schwor drauf.
Ach man Sharky, du bist mein bester Freund, ich hab dir mein halbes Leben zu verdanken. Warum bist du nur so? Lass mich doch auch mal an dich ran, bitte! Sie seufzte resigniert und griff in ihre Handtasche. Vielleicht wusste Wolf Rat. Wolf, kurz für Wolfgang, war Sharkys Mentor, gerade seit dem frühen Tod dessen Eltern und sie hatten schon Nummern getauscht.
   Es läutete und sie wartete geduldig.
„Ja, Bluhm?“
„Hey, hier ist Nora, Sharkys beste Freundin. Ich brauche deinen Rat.“
„Immer heraus damit meine Liebe.“
Sie schluckte.
„Ich hab mich mit Sharky zerstritten und ich will das wieder gutmachen!“
„Hoppla, was hast du denn angestellt?“
„Ich … ich habe ihn angeschrien, weil er so ein emotionsloser Klotz ist. Er zeigt nie Schwäche.“
„Gib mir mal deine Adresse, ich hol dich ab, das wird etwas länger.“
„Ich bin auf einer Bank vor Sharkys Apartment.“
„Alles klar, ich bin in zehn Minuten da.“
„Warum diese Verschwiegenheit? Ist es was Schlimmes?“  
„Eigentlich schon, zumindest ist es nichts was man auf einer Parkbank bespricht.“
Und damit unterbrach er die Verbindung. Nachdenklich blieb sie auf der Bank sitzen und nuckelte an dem Bier. Pünktlich wie die Maurer hielt nach zehn Minuten ein alter Land Rover Defender vor ihrer Nase und sie stieg auf der Beifahrerseite ein. Zu ihrer Überraschung dudelten die Drei Fragezeichen aus den Lautsprechern. Weniger überraschend kaute Wolf auf dem Mundstück einer qualmenden Pfeife herum. Leicht angewidert schnallte sie sich an.
„Wo fahren wir hin?“
Fragte sie.
„Lass dich überraschen.“
Sie zuckte mit den Schultern und lehnte sich in den Sitz. Die Überraschung war klein, sie fuhren zu Wolf. Eigentlich fuhr sie da nicht so gerne hin, weil Wolf Warane in seiner Wohnung züchtete und sie diese Biester nicht so wirklich mochte.
   Als sie ihre Jacke aufgehängt und wiederwillig jeden der freilaufenden Warane am Kopf gestreichelt hatte, setzten sie sich ins Wohnzimmer und tranken guten starken Kaffee. Nachdenklich paffte Wolf seine Pfeife und musterte sie.
„Wenn ich dir das alles erzähle, stehen die Chancen gut, dass auch mein Schützling nicht mehr mit mir spricht. Aber weil du eine gute Seele bist, mache ich bei dir eine Ausnahme.“
Sie fuhr sich verlegen durch die halblangen blonden Haare.
„Euch beide hat ein Ereignis zusammengeschweißt, nicht der Umstand dass ihr euch sonderlich lange kennt. Vielleicht wäre der andere Weg besser gewesen, aber die Chance besteht, dass ich euch dann nicht so nahe stehen würdet. Sharky war einmal sehr emotional, so sehr, dass es zu seiner Schwäche gereichte. Du musst wissen er ist ein verdammt harter Hund, vielleicht sogar noch härter als meine Wenigkeit. Er war ein Soldat der deutschen Kommando Spezialkräfte. Nicht lange, aber lang genug um einen Unterschied du machen, als Soldat ist er nicht schlechter als sein bester Freund Kaz, der vor ein paar Jahren in die Staaten ausgewandert ist, auch ein Schützling von mir. Allerdings hat er dort drüben im Nahen Osten und an anderen Brennkesseln Sachen erlebt, die ihn innerlich gebrochen haben müssen. Er erzählt mir nicht was er erlebt hat, nur was es mit ihm gemacht hat. Die volle Wahrheit wissen wohl nur seine Therapeuten. Ebenso wie sein Freund, wurde er im Einsatz schwer verwundet und musste den Dienst quittieren. Ich war damals selbst noch im Einsatz, also konnte ich ihn nicht auffangen und als Vollwaise hatte er nicht einmal die Familie als Sicherheitsnetz, so wie es ja vielen vergönnt ist und sie es nicht wertschätzen. Sharky litt an PTSD, er konnte nicht verarbeiten was er erlebt oder womöglich auch getan hat. Aber er hat nichts getan, er hat die Probleme einfach unter den Teppich gekehrt und sich weitergekämpft. Selbst dann als ich verfügbar war hat er nichts gesagt. Kein Wort der Klage, er hat so getan als wäre nichts, aber innerlich hat es ihn zerstört, ihn fertig gemacht. Keine Therapie, keine Hilfe, niemanden zum Reden. Nicht einmal sein bester und eigentlich auch einziger Freund Kaz konnte ihn eines Besseren belehren. Nachdem Schweigen nichts nutzte, griff er zu Alkohol. Versoff sein Geld. Er hatte keine Stelle, bezog nur staatliche Hilfen. Er verwahrloste Zunehmens, am Ende schaffte er es nicht einmal mehr sich regelmäßig zu waschen. Vom Alkohol rutschte er in die Drogen, anfangs nur Gras, aber am Ende war selbst das härteste Zeug nicht hart genug. Aber es wurde einfach nicht besser, ich hab versucht ihn zu mir in die Nähe zu holen. Die Wohnung über mir war gerade frei und klein und recht preiswert. Er war völlig lustlos und undankbar. Stank wie ein Penner und tat so die Welt war in Ordnung. Aber jeder sah sofort, dass er ein gewaltiges Gewicht mit sich herumschleppte. Wir, die ihn kannten, konnten seinen Verfall nicht aufhalten, er hat sich gegen jedwede Hilfe gesträubt. Und dann der schlimme Abend im Winter, ich war glücklicherweise zuhause. Ich hörte einen dumpfen Schlag, und Putz fiel von der Decke. Das konnte nur Sharky gewesen sein. Ich hab ihn als erster gefunden, bewusstlos mit einer Schlinge um den Hals. Ein Wunder hat ihn gerettet. Der Haken, um den er das Seil geschlungen hatte, war aus der Decke gebrochen, als er vom Hocker gesprungen ist.“
Nora quietschte erschrocken. Ihr bester Freund hatte versucht, sich umzubringen?
„Ich habe den Notdienst verständigt und ich habe gedeichselt, dass man ihn nach Solomon fuhr und nicht in eine Klapse in Berlin. Er hatte einen fantastischen Arzt. Einen Mann, der Sharky über die Grausamkeit der Menschheit gelehrt hat und ihn an die Idee herangeführt, dass jeder Mensch das Potential zu abscheulicher Gewalt hat. So konnte Sharky seinen eigenen Schatten konfrontieren und mit seiner Vergangenheit aufräumen. Das hat ihm sehr geholfen. Er hat mir erzählt anfangs war es das härteste auf der Welt, aber jetzt sei er mit sich im Reinen. Sharky war ein paar Jahre in Therapie und wenigstens ein Jahr in der Klinik. Danach wurde vieles besser, er hat sich um einen Job bemüht und eine Lehre zum Pfleger gemacht. Kaz hat ihm eine Stelle bei Horizon verschafft. Anders hättet ihr euch niemals kennengelernt. Und seine Erfahrung als KSK Soldat hat euch in wenigstens einer Situation den Arsch gerettet, habe ich nicht recht?“
Nora war rot geworden. Sie schämte sich dafür, ihren besten Freund mit ihren ganzen nichtigen Problemen so genervt hatte und sich nie die Zeit für ihn genommen hatte.  
„Das wusste ich alles nicht!“
„Natürlich nicht, das ist nichts was man jedem einfach so sagt.“
„Ich dachte ich kenne ihn, aber eigentlich kenne ich ihn gar nicht.“
„Das stimmt, er hat die lästige Gabe gute Miene zum Bösen Spiel zu tragen, auch wenn die Welt untergeht. Ich glaube dass du da bist hilft ihm schon ganz gut, auch wenn er es nicht zeigen kann. Komm ich fahr dich zu ihm und rede mit ihm.“
Nach dieser Geschichte schwirrte ihr der Kopf zu sehr um einen klaren Gedanken zu fassen. Also ging sie einfach mit und stolperte über einen Waran, die hier gefühlt überall waren. Zwanzig Minuten später standen sie vor Sharkys Wohnungstür. Wolf klopfte energisch und versteckte sie hinter seinem Rücken.  
„Sharky, mach doch wenigstens deinem alten Mentor auf.“
Sie hörten das Tappen von Füßen und dann öffnete sich die Tür.
„Ach Wolf, was verschafft mir die Ehre?“
„Ein junges Fräulein möchte sich bei dir entschuldigen.“
„Was? Ich …“
Aber da war sie schon um Wolf herumgerannt und umarmte ihren besten Freund wie einen großen Teddybären. Er war völlig überrascht und legte seine Arme um ihre schlanken Schultern.
„Ich will dich nicht verlieren!“
Schniefte sie.
„Es tut mir leid, dass ich die Sachen zerschmissen habe, die ersetz ich dir.“
„Ach das ist doch nicht so schlimm, ich hab dir verziehen.“
Sie quiekte fast und erdrückte ihn. Langsam bugsierte er sie in seine Wohnung. In der Küche setzte sie sich auf die Eckbank und weinte leise. Wolf verabschiedete sich wieder und ließ sie beide allein. Sharky schaffte es einen tollen schwarzen Tee aufzugießen und fand sogar noch etwas Milch und Zucker.
„Ich wollte dich nie ohrfeigen!“
Er grinste verlegen.
„Und ich dich nicht so einfach vor die Tür werfen. Ich kann das mit den Emotionen nicht mehr so gut. Ich denke Wolf hat dir alles verraten. Hier dein Tee, zwei Stück Zucker wie immer, ich erinnere mich noch, lange ist es ja nicht her. Aber halblang steht dir um Längen besser als dieser schlimme Bürstenschnitt aus der Klinik.“
„Hey ich bin nicht gekommen, um über Mode zu reden!“
Sharky schmunzelte und ging kurz aus der Küche raus. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie sich die Bank mit einer Rotte Plüsch Haien teilte. Ihr bester Freund kam mit einer Pralinenschachtel wieder und stellte sie geöffnet auf den Tisch.
„Das ist jetzt bestimmt die dümmste Idee überhaupt, aber ich wollte wissen ob du zu mir kalten emotionslosen Hai zurückkommst.“
Sie lief rot an.
„Das war alles ein Trick, mit dem Streit und allem? Wolf, der zufällig einfach da war und mir deine Lebensgeschichte erzählt.“
„Ja, und es war ein richtig dummer Trick und ich hätte dich für immer verlieren können. Komm ich hab was für dich.“
Mit einem unwohlen Gefühl beobachtete sie, wie Sharky seine beiden geschlossenen Fäuste vor sie ausstreckte.
„Links.“
Sagte sie mit großer Unsicherheit in der Stimme.
„Also gut.“
In der offenen Hand lag ein Schlüssel, wie für eine Wohnungstür.
„Wofür ist der?“
„Wir ziehen um, dann sind wir näher an unserem neuen Arbeitsplatz.“
„Aber ich hab doch keine richtige Arbeit, ich hab nicht mal was gelehrt.“
„Deine Stelle hat keinen eindeutigen Namen, ist aber so real wie ich hier sitze. Kaz hat mich als Pfleger empfohlen und ich arbeite jetzt ebenso wie du für die Solomons auf Haus Solomon. Wolf zieht ebenfalls dorthin um, er und Kaz Vater sind gute Freunde.“
„Du hast mir eine Stelle verschafft?“
Sie fing wieder an zu Weinen und er wirkte bestürzt.
„Das hat noch nie jemand für mich gemacht und dabei bin ich doch so eine schlimme Freundin, die dich immer nur nervt.“
„Du bist es mir wert.“
Fast wollte sie über den Tisch springen und ihn umarmen und mit Küssen eindecken, dann erinnerte sie sich wieder mit gewisser Kränkung daran, dass er sie zurückgewiesen hatte. Er grinste sein Haifischgrinsen und schob ihr die rechte Hand hin.
„Ich hab mich doch umentschieden.“
Sie sah ihn mit großen Augen an. Dann starrte sie auf den goldenen Ring in seiner offenen Faust. Sie konnte echt nichts dafür, sie fing an zu heulen. Sie schob die Teebecher etwas zur Seite, dann hechtete sie über den Tisch auf ihren Verlobten zu und fiel ihm schluchzend um den Hals. Er lachte und klopfte ihr auf den Rücken.  
„Ja ich will!“

ENDE

Kurzgeschichte Nr. 1

Als ich probeweise an der Domain der Webseite herumgespielt habe, ist diese Geschichte verschütt gegangen.

Der Hintergrund dazu war, dass ich mit meiner Freundin über das Familienleben und das Singledasein diskutiert habe und wir zu dem Schluss gekommen sind, dass man als Single entschieden mehr Freizeit hat. Und aus dieser Idee ist dann letztendlich diese wirklich kurze lustige Geschichte geworden

Als Familienvater ist dann Schluss mit Lustig.

4:30 – geweckt vom verfressenen Kater, der mit Anlauf mitten in die Kronjuwelen hüpft

5:00 – geweckt von hyperaktiven Kindern, der Kater war mir dann irgendwie lieber

5:30 – Duschen und Zähneputzen, Mutti hat Spätschicht und schlummert Seelenruhig weiter

6:00 – Frühstück für drei hyperaktive Plagen, ich denke nur an den Whisky im Schrank

6:30 – Der Kampf mit der morgendlichen Zahnbürste, Brotbüchsen nicht vergessen – wer hat nochmal welche Allergie?

7:00 – Alle ab in den hässlichen geleasten Minivan und nacheinander nach dem TSP Prinzip in der Schule abliefern. Die Benjamin Blümchen CD läuft auf Endlosschleife, lautlos spreche ich den auswendig gelernten Dialog nach.

8:30 – Katastrophenalarm: ein Server ist abgeschmiert. Ich rechne mir die Chancen aus mit der Liebsten abends zusammen zu sitzen, Ich komme auf 0.0 Prozent und mache mir einen Kaffee und stelle mir vor es wäre Whisky.

17:00 – Die Azubis dürfen das Server-Debakel ausbaden und ich die Brut abholen.

18:00 – Madam sitzt in der Badewanne und lackiert sich die Nägel, ich muss Kochen.

18:30 – Maultaschensuppe, bemerkt meine Liebste leicht angewidert

19:00 – Hausaufgaben, nach der Kochaktion bin ich wieder der Doofe, ich versuche mich zu erinnern was ich vor fünfundzwanzig Jahren im Matheunterricht gemacht habe, während die mittlere mich mit Fragen löchert. Am Ende google ich die Lösung.

20:00 – Spielzeit, ich verfluche mich für meine Einstellung, dass erst im Teenyalter Rechner und Smartphones für die Brut angesagt sind und denke mir lustige Stimmen für die Plüschtiere aus.

21:00 – Mutti ist spontan mit ihren Freundinnen Tanzen gegangen, morgen hat sie frei und plant schon Wellness pur und ich darf 43 Access Points in die Wand schrauben und die Brut bei Laune halten.

21:30 – Zähneputzen für alle, die Kinder gurgeln mit Wasser ich mit Wodka.

22:00 – ich sitze auf der Couch und zappe durch die Kanäle, die Whiskyflasche ist mein neuer bester Freund.

01:30 – Ich wache auf weil die kleinste Alpträume hat. Im Halbsuff krache ich mit dem kleinen Zeh in den nächsten Schrank, jetzt bin ich zumindest wach – das restliche Haus auch.

ENDE

Kurzgeschichte Nr. III

Es gibt ja mein Buch-Universum rund um „Das Osiris Genom“. Und dann gibt es eben noch eine Abwandlung dieser Welt, wo ein paar Sachen eben deutlich anders verlaufen sind und nicht diese bedrückende dystopische Weltuntergangsstimmung herrscht. Hier leben die Protagonisten Kaz, Liz und Akira alternative Geschichten und einigermaßen in Frieden.

Waldgeflüster ist eine überarbeitete Fassung einer meiner allerersten Kurzgeschichten „Ausgesperrt“, die ich irgendwann 2018 angefangen habe und die damals den Grundstein für viele zukünftige Geschichten gelegt und Kaz und Liz als Figuren etabliert hat.

Dieses Mal ist das Geschehen nur ein bisschen ins Action-Horror Subgenre verlegt und spielt an einem Ort, der im ersten Akt in der zweiten Fassung von „Das Osiris Genom“ eine große Rolle gespielt hat – Hal’s Fabrik.

Das Böse hingegen ist eine „Figur“ aus einem anderen Buchprojekt das momentan nur einen schrecklich langweiligen Arbeitstitel hat oder gelegentlich einen Cameo in Form von „Die Legende der schwarzen Geister – Band 1-3“ in anderen Werken hat. Es handelt sich hierbei um eine Matriarchin der Gesichtslosen. Hier eine Skizze einer früheren Version … Oh for fucks sake … ich hatte das Zeug doch auf DeviantArt hochgeladen, wo zum Henker isses denn jetzt hin? Grmbl … alles muss man selber machen …

Matriarchin – Larve und voll ausgewachsen

Das Exemplar in der Geschichte ist kleiner als im Bild, aber ich hatte noch keine Zeit (oder Lust) eine neuere Version zu zeichnen, die einen eher spinnenförmerigen Leib hat und „nur“ noch so groß wie ein Elefant ist.

Länge: 12 Seiten

Waldgeflüster

Liz joggte durch den Wald. Ihr Atem ging gleichmäßig und ihr brauner Pferdeschwanz wippte bei jedem Schritt hin und her. Sie war total konzentriert und wich geschickt jedem Stein und jeder Baumwurzel aus. Es war Samstag und sie hatte ihre kleine Ente mit Campingsachen vollgestopft und war ins Grüne gedüst. Hier in der Nähe war ein kleines Kaff wo überraschend viele junge Leute wohnten und jemand hatte ihr das Nest, was seltsamerweise Waldfroh hieß, für einen kleinen Ausflug empfohlen. Vor einer Stunde hatte sie am Rande eines dichten Waldes geparkt und eine Runde losgejoggt um die Beine auszuschütteln, sie war ziemlich lange gefahren und noch im Morgengrauen losgefahren, sie wohnte eigentlich in Potsdam in der Nähe von Berlin. Jetzt war es etwa halb zwölf und schön warm. Dann ging alles schief, sie spürte einen stechenden Schmerz am rechten Bein, verriss völlig und blieb an einer Baumwurzel hängen. Sie knallte hin, geradewegs in eine Schotterfläche und schürfte sich alles auf. Es tat so weh und ihr kamen die Tränen. Sie rollte sich auf die Seiten und formte ihren Körper zu einer Kugel. Schluchzend lag sie da und Bäche von Tränen strömten ihr über das Gesicht. Sie hörte entfernte Schritte die rasch näherkamen und dann neben ihr stoppten. Jemand kniete sich neben sie hin und berührte sie am Arm.
„Oh, nein. Das tut mir so leid, hab ich Sie getroffen? Oh, nein, ich hab Sie gar nicht gesehen. Das tut mir so unendlich leid, haben Sie sich etwas getan?“
Sie wischte sich die Tränen weg und blinzelte der Gestalt entgegen, die da neben ihr hockte. Ein Mann in Tarnkleidung, mit einem geschminkten Gesicht, in der einen Hand hielt er ein mattschwarzes Gewehr mit einem Schalldämpfer und Zweibein. Ihr wurde flau. War das hier Militärgelände? Sie hatte die überwucherten Warnschilder gesehen und auch diesen Maschendrahtzaun, aber sie hatte sich bei dem leeren Pförtnerhäuschen und dem vermodertem Schlagbaum gedacht, dass das hier schon lange nicht mehr benutzt wurde.
„T .. tut mir leid, ich wusste nicht dass das hier militärisches Sperrgelände ist. Kriege ich jetzt Ärger?“
Der Typ hob eine Braue.
„Ach Quatsch, das ist schon seit Ewigkeiten kein Sperrgebiet mehr, aber ich war einfach zu faul die Schilder abzuhängen. Und ein paar Gesellen schreckt es ja auch ab. Aber Privatgelände ist es schon, meine Liebe. Bist du verletzt, du blutest ein bisschen. Kannst du laufen?“
Sie rappelte sich auf und versuchte aufzustehen. Sie fühlte sich mies, aber es war noch alles dran und sie glaubte nicht, dass etwas verstaucht war.
„Nein ich glaube es geht. Das tut mir leid, ich wusste nicht dass das hier privat ist.“
„Bis auf die Leute unten im Dorf weiß das auch so gut wie keiner, das ist schon ok. Aber es tut mir so leid, dass es dich erwischt hat. Darf ich dich wenigstens auf einen Kaffee oder einen Tee und ein Stück Torte einladen? Und jemand sollte deine Schürfwunden verarzten.“
Sie starrte den komischen Typen an.
„Wer bist du eigentlich?“
Wahrscheinlich ein gefährlicher Spinner, der sie nach dem angeblichen Kuchen vergewaltigen und im Wald verscharren würde.
„Uh, ich heiße Sebastian Katsuro Solomon, du darfst mich aber Kaz nennen.“ Bei dem Namen klingelte etwas.
„Solomon? Gibt es nicht diesen Baukonzern Solomon Industries in Berlin?“ „Stimmt, den leitet mein Vater. Nein ich habe hier in den Wäldern nur mein bescheidenes Heim und finanziere mir mein Leben mit dem Schreiben von Büchern. Ich hab hier eine WG mit ein paar Freunden. Komm doch mit.“
Sie starrte ihn eine Weile an. Eine Bande von Spinnern die im Wald lebte, das konnte ja was werden. Aber warum nicht, wenn diesem komischen Vogel dieses Gelände hier gehörte musste sie ihn ohnehin um Erlaubnis fragen, wenn sie hier wildcampen wollte.
„Ok, geh voraus, ich folge dir.“
Mit einem sehr mulmigen Gefühl folgte sie dem Typen mit dem Gewehr durch den Wald. Sie liefen bestimmt anderthalb Stunden bis sich der Wald lichtete und sie etwas sah. Sie riss die Augen auf. Das war ja eine richtige alte Fabrik mit Backsteingebäuden mitten im Wald. Eine große vielgeschossige Halle ragte in die Höhe, daneben gab es flachere Gebäude und ein paar kleinere Hallen. Der Platz zwischen den Gebäuden war gepflastert. Sie entdeckte zwei Bewohner sofort. Dort hinten war ein Liegestuhl aufgebaut auf dem sich eine Frau in der prallen Mittagssonne sonnte. Daneben schlummerte eine riesenhafte pechschwarze Echse. Kaz stieß einen schrillen Pfiff aus und die Frau erhob sich und schob sich die Sonnenbrille hoch. Eine verdammt gut aussehende Frau vom Typ Supermodel mit einem perfekten makellosen Körper winkte ihnen im Bikini zu. Liz fand dass sie selbst nicht schlecht aussah, aber gegen die Frau hatte sie nicht den Hauch einer Chance. Dort hinten öffnete sich ein Fenster und ein älterer bärtiger Mann winkte ihnen zu. Zudem lugte ein reichlich übergewichtiger Mann aus einer offenen Garagentür. Was war das für ein Ort? „Der alte Mann ist unser Mentor Wolf, die Frau im Bikini ist unsere russische Schönheit Tamara, der Mann in der Werkstatt ist Xen und der Waran heißt Karl. Das ist die WG. Ich zieh mich mal um, Tammy wird dir alles zeigen.“
Und damit ließ er sie einfach stehen und verschwand in der Werkstatt. Sie näherte sich der Russin und dem Waran, der sie neugierig musterte.
„Ich muss schon sagen so knackiges junges Gemüse lacht sich Kaz selten an. Wie hat er dich rumbekommen? Er ist wahnsinnig gut im flirrten.“
Die Frau mit den langen falschen Wimpern zwinkerte ihr aufmunternd zu.
„Ich war joggen und er hat auf mich geschossen!“
Tamara betrachtete sie einen Moment eingehend.
„Wahrscheinlich sein getuntes Airsoftgewehr mit einer Kugel aus Aluminium. Das tut teuflisch weh, wenn man die ohne Schutzkleidung abbekommt. Sei froh dass es keine echte Kugel war. Ab und zu jagt Kaz auf diesem Gelände, hier gibt’s viel Wild. Das wäre um einiges schmerzhafter gewesen. Aber ich glaube den Bluterguss wirst du überleben. Soll ich dich ein bisschen verarzten? Bei besonders hübschen Frauen mache ich das sogar gratis.“
Wieder zwinkerte sie ihr zu, war die Russin lesbisch? Man ließ sie kurz stehen und dann kam die Frau mit einem großen Verbandskoffer und einer Flasche Desinfektionsmittel zurück. Sehr fachmännisch wurden ihre Schürfwunden verarztet und verbunden. Bevor Tamara wieder verschwand, kniff sie Liz in den Po. Dieser unheimliche Waran, der eine Art Geschirr trug war plötzlich neben ihr.
„Darf ich vorstellen mein Name ist Karl und wie heißt du?“
Sie sprang vor Schreck zur Seite und schrie laut auf. Der dicke Mann lugte wieder wortlos aus der Garage und starrte sie unverhohlen an.
„Hey Karl erschreck die junge Dame doch nicht!“
Panisch und mit klopfenden Herzen starrte sie auf den großen schwarzen Waran, der sie neugierig musterte. Dann schien er mit den Schultern zu zucken und trottete davon. Tamara hatte sich in der Zwischenzeit einen Hauch von Nichts angezogen und band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz hoch.
„Karl tut dir schon nichts, der ist harmlos. Mach dir mal lieber Sorgen um Kaz, nachdem ihn seine Ex Sitzen gelassen hat, ist er nicht mehr wirklich er selbst, das war erst vor ein paar Wochen. Wahrscheinlich hat er gerade in dem Moment auf ein Bild von ihr geschossen, als du ihm in die Schussbahn gelaufen bist. Einfach Pech.“
Liz wunderte sich darüber, dass die Russin keinerlei Akzent hatte, aber sie sah definitiv russisch aus.
„Soll ich dich herumführen oder soll ich dir einen Kaffee kochen.“
„Ein Kaffee wäre toll.“
„Na dann komm mit.“
Sie folgte Tamara über den Platz auf ein dreigeschossiges Backsteingebäude zu und darum herum, hier erstreckte sich ein nicht gerade kleiner Nutzgarten und hier war auch eine große Rasenfläche mit einem schön gestalteten Sitzplatz etwas im Schatten. Ihr fiel der hohe verstärkte Maschendrahtzaun mit einer Stacheldrahtkrone auf, der rings um die Fabrik ging. Tamara verwies auf einen der bequem aussehenden Sessel und verschwand dann mit beachtlichem Hüftschwung im Haus. Da saß sie nun, mit schmerzenden Gliedern in einem liebevoll angelegten Garten, in einem sehr komfortabel ausgepolsterten Sessel und wartete bei Vogelgezwitscher auf einen Kaffee, der ihr von einem Supermodel serviert werden würde. Sie genoss den Moment so gut es eben ging und etwa fünf Minuten später kam Tamara wieder aus dem Haus, das schwere Tablett locker mit einer Hand balancierend.
„Ich wusste nicht wie du den Kaffee haben wolltest, also habe ich einen Milchkaffee mit viel geschäumter Milch gemacht, für mich auch. Hier ist Zucker und das sind ein paar selbstgemachte Kekse von Wolf, den lernst du heute bestimmt auch noch kennen.“
Interessiert nahm sie sich einen mit Zuckerglasur verzierten Keks und biss hinein, der war gut. Tamara musterte sie neugierig, den heißen Kaffeebecher in den Händen.
„Was machst du eigentlich beruflich, wenn ich fragen darf?“
„Ähm, ich hab mich vor kurzem beruflich neuorientiert und mache jetzt ein Studium zur Archäologie.“
Die Russin hob die Brauen.
„Interessante Wahl, hätte ich bei dir jetzt nicht vermutet.“
„So, was hättest du denn vermutet?“
„Schwer zu sagen, ich kenn dich ja erst seit ein paar Minuten. Ich hätte auf was Medizinisches getippt, Zahntechnik oder so. Oder Krankenpflegerin.“
„Naja fast, bis vor ein paar Monaten habe ich als Physiotherapeutin gearbeitet.“ „Oho! Was verlangst du für eine Massage, mein Rücken ist von der Gartenarbeit oft fürchterlich verspannt und Xen will mich nicht massieren, er will nichts kaputt machen.“
Sie machte eine abfällige Geste und schob sich einen Keks zwischen die strahlend weißen Zähne.
„Weiß nicht, darüber habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht. Ich will nur weg aus meinem alten Leben, ich hatte einen miesen Chef und mein Ex war ein ziemliches Arschloch und hat mich übel behandelt. Ich musste während des Breakups echt um mein Leben bangen.“
„Ach so einer, naja ich kenn sowas nicht, Xen ist mein erster und in meinem alten Job habe ich nie irgendjemand nettes kennengelernt, die waren immer so affektiert und oberflächig, richtig schlimm.“
„Was hast du denn beruflich gemacht?“
Eigentlich konnte sie sich die Antwort denken.
„Das was sich jedes Mädchen mit dem richtigen Körper wünscht: Modeln. Ich wurde noch in meiner Schulzeit entdeckt und habe einen Vertrag mit einem ziemlich großen Label bekommen. Die Krux war, dass mein Abi damit halt irgendwie Hopps gegangen ist und eigentlich wollte ich studieren, wenn das mit dem Modeln nichts wird, schauspielern kann ich nicht so gut. Naja ein super bezahlter Job, wenn auch extrem stressig und du hast null Freizeit und bist nur unterwegs.“
„Und warum hast du aufgehört?“
„Naja man wird ja nicht jünger und mit dem Alter schwinden die Jobangebote. Ich bin sogar noch ziemlich früh raus. Weißt du, ich hab mich schon früh fürs coden interessiert und hab als Teenager Programmier-Tutorials auf YouTube hochgeladen und mit den Einnahmen zum Beispiel mein Makeup finanziert. Aber ich habe mir immer gewünscht, der nicht so objektiv auf mein Äußeres abgeht sondern dem auch wichtig ist, was ich zu sagen hab. Meine erste Anschaffung war ein schneller kompakter Laptop mit einem großen Akku, mit dem hab ich dann immer auf meinen Reisen programmiert. Und naja so hab ich meinen ersten besten Freund kennengelernt. Am un-romantischstem Platz der Welt: auf Stackoverflow unter den ganzen IT Nerds. Ich hatte für mein Profilbild eins meiner Modelbilder genommen, ich meine Nerds in einem Tech-Forum nehmen dir eh nicht ab wenn du behauptest du wärst ein Supermodel. Und dieser Hund hat so mein Social Media gefunden, Instagram und so, was junge gutaussehende Frauen halt so machen, und mich angesprochen. Aber ich finde ihn nicht so attraktiv, er sieht ja aus wie aus einem Aftershave Werbespot, dann lieber ein großer dicker Teddybär wie Xen mit dem auch mal knuddeln kann und der nicht nur aus Haut und Sehnen und Muskeln besteht.“
Sie lachte und griff nach einem Lederbeutel, den Liz gar nicht bemerkt hatte. Zu Liz kompletter Fassungslosigkeit stopfte sich die Russin eine Pfeife. Sie bemerkte sie.
„Was? Finde ich bequemer als Kippen, bei denen du dir die Finger verbrennst, und der Pfeifentabak stinkt nicht so sehr finde ich. Und das ist meine, Wolf hat seine eigene. Äh, ich hoffe es stört dich hoffentlich nicht wenn ich rauche?“
Liz schüttelte den Kopf und trank noch einen Schluck Kaffee.
„Wie landet ein Supermodel ausgerechnet hier im Nirgendwo?“
Die Russin paffte ein paarmal und wirkte nachdenklich.
„Weiß ich nicht so genau. Irgendwann mal habe ich Kaz hier besucht und mich sofort in diesen Ort verliebt. Hier hat man das Gefühl dass Zeit gar keine so große Rolle spielt und keiner gibt irgendwas aus Social Media und den ganzen Dreck. Wie zum Verlieben. Und so hab ich Xen, Kaz übergewichtigen besten Freund kennengelernt und wie soll man es sagen, ich hab mich irgendwie sofort in ihn verliebt. Wir haben nächtelang geredet und ein paar Monate später habe ich meine Zelte abgerissen und bin hier eingezogen und ich hab es in all den Jahren seitdem nicht ein einziges Mal bereut. Ich glaube in einer Stadt würde das nicht so gut funktionieren, außerdem würde mir niemand glauben, wenn ich sage dass ich einen fetten nicht wirklich gut aussehenden Freund habe. Wenn ich mit Kaz in der Stadt einkaufen gehe hält man uns jedes Mal für ein paar. Ich glaube deswegen war seine Ex auch immer eifersüchtig auf mich. Gut dass die weg ist, was eine oberflächliche Schlampe! Oh hey Wolf.“
Liz drehte sich um und sah einen Mann, der wie der verrückte Professor aus einem Comic aussah. Fast weiße zerzauste Haare und Bart, eine Brille die ihm von der Nase zu rutschen drohte. Dazu ein weißer Kittel über einer wasserdichten Anglerhose. Er winkte ihnen mit der einen Hand zu, mit der anderen Hand trug er einen geflochtenen Korb. Der Waran rannte dem Mann freudig züngelnd hinterher.
„Das war Wolf, er verlässt selten diesen Wald und gibt nicht viel auf herkömmliche Kleiderordnungen. Aber lass dich nicht täuschen, er ist ein durchgeknallter Workaholic und die Disziplin in Person. Bevor er sich hier niedergelassen hat war er ein hoher Offizier bei den Kommando Spezialkräften, der Eliteeinheit der Bundeswehr. Jetzt ist er Hobby Chemiker, Erfinder, Gärtner und Bäcker. Ich schätze er wird im Wald nach Pilzen für seine Gebräue suchen. Das diese blöde Echse sprechen kann haben wir auch so einem Pilzgebräu zu verdanken.“
„Hey Mädels.“
Liz klappte die Kinnlade herab, als sich dieser Kaz Typ neben Tamara auf die Bank setzte. Der sah ja exakt aus wie ein junger Keanu Reeves, mit halblangen schwarzen Haaren und einem kurzen Vollbart.
„Ja ich sehe es dir an, ich weiß dass ich aussehe wie John Wick. Der Fluch der Gene halt. Aber ich halte mich auch gut in Schuss hoffe ich jedenfalls. Na hab ich was verpasst?“
Tamara stupste ihn mit dem Mundstück der Pfeife in den Arm.
„Du, sie war Physiotherapeutin und studiert jetzt Archäologie.“
„Huh, ganz schöner Sprung, wie kommt‘s.“
„Nun ja es war eigentlich nur ein spontaner Spaß weil ich total auf Indiana Jones, Tomb Raider und Uncharted stehe. Aber bisher macht es mir viel Freude und ich lerne eine Menge cooler und interessanter Sachen und es ist nicht so trocken wie befürchtet.“
„Ah ja, jetzt schnalle ich auch warum du hier bist. Du hast bestimmt irgendwo in einem obskuren Forum von diesem Ort gehört und das hat deinen Abenteuer Geist geweckt.“
Jetzt plötzlich unsicher musterte sie die beiden.
„Uhm, naja man hat mir gesagt, dass es ein ganz schönes Erlebnis für sich ist hier im Wald zu campen, aber mehr nicht.“
Die beiden wechselten Blicke und dann war Tamara plötzlich ein ganzes Stück ernster.
„Naja dieser Wald ist sehr alt und verwildert, es ranken sich gewisse Legenden um diesen Ort. Und wir wohnen hier ja schon seit ein paar Jahren. Tagsüber ist alles ruhig, aber nachts ist das etwas ganz anderes. Dieser Zaun dort am Rand des Gartens ist nicht zum Spaß da.“
Plötzlich hatte sie ein mulmiges Gefühl. Sie musste einräumen dass sie trotz ihrer Abenteuer Lust ziemlich leicht zu ängstigen war, was ihr total peinlich war. Kaz näherte sich ihr über den Tisch und flüsterte.
„Glaubst du an Monster und Legenden?“
In der Ferne schrie ein fremdartiger Vogel, den sie noch nie im Leben gehört hatte. Dann auf einmal war alles ganz still, man hörte nur wie der Wind durch die Blätter ging. Sie fing an zu zittern, fasste sich aber und schüttelte energisch mit dem Kopf.
„Das haben wir anfangs auch gedacht, aber mit der Zeit mussten wir unsere Meinung ändern. Etwas Altes und bösartiges lebt in diesem Wald, etwas was fast so alt ist wie der Wald selbst. Bei Tag schläft es, aber bei Nacht kommt es manchmal heraus und geht auf die Jagd. Es war die letzten Wochen nicht mehr nachts aktiv, deshalb machen wir uns große Sorgen. Ich war froh dass ich dich getroffen habe bevor es zu spät sein könnte. Bitte dreh um und fahr nach Hause, dieser Ort ist nicht sicher!“
Sie lachte unsicher.
„Aber wir sind im 21. Jahrhundert, das ist doch bestimmt nur eine Gruselgeschichte um kleine Kinder zu ängstigen. Es gibt keine Monster!“
„Ja das wissen wir und das wollten wir auch glauben. Aber ich habe es gesehen. Ich war unvorsichtig und war nachts Jagen, mit Nachtsichtgerät und High-Tech Ausrüstung. Ich habe ein Reh gejagt und erst zu spät gemerkt dass ich nicht allein war. Ich bin panisch auf einen Baum geklettert als ich eine unheimliche Präsenz gespürt habe und da war es. Ein ekelhaftes Monster, eine Mischung aus einer riesenhaften Spinne und einem Krebs schlich durch den Wald auf das Reh zu. Es zerfetzte das arme Tier regelrecht und hat schrille unheimliche Laute ausgestoßen. Aber es hat mich nicht gesehen, ich glaube nicht dass ich mit meinem Jagdbogen etwas gegen diese Kreatur hätte ausrichten können. Es scheint Licht nicht zu mögen, denn im Morgengrauen verschwand es. Ich habe so etwas grauenvolles noch nie in meinem Leben gesehen. Es war ein wahrhaftiges Monster und fast hätte es mich zum Abendessen verspeist. Weißt du ich bin ein Junkie wenn es um Monster, Mythen und Legenden geht und ich habe Bibliotheken, Sammlungen und Archive auf der ganzen Welt besucht und irgendwann wurde ich schließlich fündig. Der Ort die Straße runter hat ein kleines Archiv und in den tiefsten Schichten habe ich von den Gesichtslosen gelesen. Eine Rasse von spinnenartigen Monstern. Und dieses Ding war eine junge Blutmatriarchin. Und ich habe die Befürchtung, dass uns in den nächsten Nächten etwas Schreckliches bevorsteht. Sie hat Hunger und sie ist vermutlich trächtig. Sie will ihre schrecklichen Babys füttern und Menschenfleisch kommt ihr da gerade recht. Hier in diesem Buch habe ich ein paar Skizzen gemacht“ Gebannt hatte sie diesem Schauermärchen gelauscht und starrte auf die abstoßenden furchteinflößenden Bilder. Ihr schlotterten die Knie jetzt schon. Aber das konnte doch nicht sein, es gab doch gar keine Monster, nur in der Fiktion gab es sie. Dann fasste sie einen Entschluss.
„Das ist doch alles totaler Blödsinn, ich glaube nicht an Monstern und ich werde heute Campen gehen.“
„Aber nicht hier im Wald, das Risiko können wir nicht eingehen. Bitte glaube uns, bring dich nicht in Gefahr. Es wird dich riechen und Jagd auf dich machen. Und du scheinst mir so ein liebes Mädchen zu sein, du verdienst es nicht von dieser Kreatur gefressen zu werden!“
„Nein ich campe hier, sofern ich darf. Das ist ja Privatgelände.“
Kaz machte ein sehr grimmiges Gesicht.
„Ich hoffe es ist Mut und keine Torheit. Ich glaube ich kann dich schlecht daran hindern hier zu campen, aber denk daran, dass dieses Monster Lichtscheu ist, also mach ein großes Feuer, aber ohne den Wald in Brand zu setzen. Auf halber Strecke ist eine Brücke über einen Bach, da am steinigen Ufer kannst du gut campieren und hast gleich eine Frischwasserquelle. Aber sag nicht wir hätten dich nicht gewarnt! Es ist gefährlich. Wir gehen zwar ein Risiko ein, aber ich lasse das Tor zur Fabrik diese Nacht offen, wenn du es dir anders überlegt hast. Aber sei dir im Klaren dass ich uns alle damit in Gefahr bringe. Und noch eine Sache, man sagt, dass Gesichtslose ihre Opfer fressen um deren Gestalt annehmen zu können. Nach dem Kaffee bringe ich dich zu deinem Wagen am Waldesrand, ich muss noch ein paar Besorgungen in der nächsten Stadt machen, im Morgengrauen bin ich wieder da. Xen hat den Wagen schon ausgerüstet. Ich habe ein paar Freunde kontaktiert, die für die nächsten Tage unten im Ort warten und Notfalls eingreifen können. Sie haben sich schon bewaffnet, auch wenn wir wahrscheinlich kaum gegen eins dieser Monster ausrichten können. Ich gebe die eine Leuchtpistole und ein paar Schuss Munition, das können wir vom Dorf aus sehen. Und dann kommen wir sofort, ganz bestimmt.“
Unsicher starrte sie die beiden an, dann warf sie einen Blick in den halb vollen Becher. Sie trank langsam und mit jedem Schluck stieg ihre Selbstsicherheit. „Der Kaffee war lecker und die Kekse auch. Könntest du mich jetzt zurückbringen?“
„Ja natürlich, aber bitte denk darüber noch einmal nach. Du bist hier nicht sicher! Bleib doch wenigstens bei uns, hier ist es sicherer als draußen.“
Sie schüttelte vehement nach draußen. Bei diesen schrägen Spinnern fühlte sie sich nicht sicher, irgendwas war hier faul, das spürte sie. Tamara zwinkerte ihr zu.

*

Sie saß auf dem Beifahrersitz des aufgemotzten Land Rover Defender und sah aus dem Fenster. Auf der Karte war schwer abzuschätzen, wie groß dieser Wald eigentlich war und es stimmte, ein Förster schien sich um diesen verwilderten Wald echt nicht zu kümmern. Sie überquerten die Brücke von der Kaz gesprochen hatte. Und dann zehn Minuten später erreichten sie den Waldrand. Kaz stieg aus um den Schlagbaum zu heben und sie fuhren hindurch. Dort ein paar Meter entfernt stand ihre gelbe Ente in der Sonne.
„Danke fürs Mitnehmen, den Rest schaffe ich alleine.“
Sie stieg aus und nahm den kleinen Beutel mit der Signalpistole mit. Der schwarze Defender fuhr mit knirschenden Reifen davon. Und sie war allein. Ein paar hundert Meter entfernt den Hügel runter begann das Dorf, durch das sie vor ein paar Stunden gefahren war. Es lag so friedlich da. Waldfroh schien ihr gepasst zu haben, aber jetzt war sie einer anderen Meinung. Ihr fröstelte bei dem Gedanken im Wald zu campieren. Aber jetzt hatte sie das so gesagt und jetzt konnte sie sich doch nicht in ein Gasthaus verziehen und in einem sicheren warmen Bett schlafen. Ein bisschen Abenteuer gehörte immer dazu fand sie. Sie gab sich ihren Ruck, kramte ihre Schlüssel hervor und düste mit ihrer Ente in den Wald hinein. Vor der Brücke hielt sie an und fuhr etwas zu Seite, aber aus einer Ahnung heraus parkte sie so, dass sie notfalls schnell abhauen konnte und ließ die Schlüssel im Schloss stecken. Dann zog sie sich um. Joggingklomotten in einen Sack und ab ins Survival Outfit. Tarnklamotten und feste Schuhe. Sie steckte alles Equipment ein und schulterte den schweren Rucksack. Dann ging sie in den Wald und folgte dem Bach zu einem kleinen Strand aus Gestein wo sie ihr Lager aufschlagen sollte. Sie erinnerte sich an Kaz Worte und ging zuerst mit Beil und Machete in den Wald um Feuerholz zu sammeln, davon gab es hier jede Menge. Aus Spaß machte sie ein ganz großes Leuchtfeuer, das sie einen Meter hoch aufschichtete und ein kleineres etwas abseits zum Kochen, damit war sie Stunden beschäftigt. Zum späten Nachmittag wurde es kühl und sie entfachte das kleine Feuer. Sie würde heute unter freiem Himmel schlafen, in einem Zelt war sie leichte Beute. Oh Gott fing sie schon so an zu denken, was sollte das denn, das war doch nur eine dumme Gruselgeschichte gewesen. Vorsichtshalber legte sie die Machete neben ihre Schlafstätte und sie ließ die Stirnlampe auf. Eine zusätzliche Taschenlampe war an ihren Gürtel festgemacht und jeder Zeit abrufbereit. Sie verputzte eine recht leckere Lebensmittel Ration von NOX, dieser Edel Manufaktur, dieses Wochenende würde sie nicht darben. Dann holte sie ein Buch hervor und las im Licht der Dämmerung. Als es Dunkel wurde, fachte sie das große Feuer an und kuschelte sich geborgen ein.

*

Nass, es war so schrecklich nass und kalt und ihr war klamm. Sie schlug leise fluchend die Decke zurück und sah sich um. Es musste heftig geregnet haben, denn der Boden um sie herum war nass und glänzte im Mondlicht. Ihr rettendes Feuer war natürlich eingegangen. Plötzlich spitzte sie die Ohren. Sie hörte ein Gurgeln in der Ferne. Aber es war nicht der Bach sondern etwas anderes, wie Trinkgeräusche. Welches Tier machte denn so einen Lärm beim Trinken? Sie griff lautlos nach ihrem Rucksack nach dem Nachtsichtgerät und schnallte es sich auf. Dann erhob sie sich und nahm ihre Sachen, das war ihr echt nicht geheuer. Langsam bewegte sie sich durch die Nacht und hoffte auf keinen Zweig zu drehen. Routiniert suchte sie alles ab, das Sichtfeld ihres Nachtsichtgeräts war beschissen klein. Und dann erstarrte sie zu einer Salzsäule und ihre Augen wurden riesig groß. Fuck. Diese Spinner hatten Recht. Ein abstoßend hässliches Ding, so groß wie ein Transporter. Der Leib einer Spinne der in einen beinahe schon menschlichen Körper mit einem grotesk verformten Kopf und unzähligen Klauenbewehrten Armen. Zwei Arme waren besonders lang und endeten in Klauenfüßen, mit denen sich diese Kreatur abstützte während sie gurgelnd Wasser trank. Die Bestie war etwa fünfzig Meter von ihr entfernt und schien sie nicht zu bemerken. Dann ruckte der Kopf in ihre Richtung und acht ekelhafte schwarze Augen starrten sie an. Scheiße ich will nicht sterben! Sie drehte sich um klappte das Nachtsichtgerät hoch, damit konnte man eh nicht rennen und knipste die starke Stirnlampe an. Sie hetzte den Bach entlang durch den Wald, stolperte über eine Wurzel und fiel, nur um sich in panischer Angst wieder aufzurappeln und weiter zu rennen. Hinter sich hörte sie Holz knacken und brechen und ein vielfüßiges schweres Trappeln. Dazu ein kehliger schriller Schrei, derselbe Schrei den sie vorhin gehört hatte, als sie bei den Spinnern zum Kaffee eingeladen war. Da ihre Ente kam ins Blickfeld. Sie warf ihren Rucksack auf die Rückbank und sprang ins Cockpit, ohne anschnallen drehte sie den Zündschlüssel und trat volle Möhre aufs Gas. Die Reifen drehten durch und bekamen dann endlich Grip, die Ente machte einen Satz und sie schoss davon. Knapp hinter ihr hörte sie Bäume brechen und das Monster gelangte auf die Straße und sie sah im Rückspiegel wie es ihr regelrecht hinterher galoppierte. Mein Gott, warum fuhr sie eine schrottige alte Ente und nichts, was irgendwie Dampf unter der Motorhaube hatte? Selbst Kaz uralter Defender würde sie mühelos überholen. Aber sie konnte ausatmen, dieses Biest holte sie nicht ein. Aber verdammte Scheiße was war das denn bitte. Sowas konnte es einfach nicht geben, oder doch? Sie fuhr in relativ hohem Tempo auf die Fabrik zu und sah nach ein paar nervenaufreibenden Minuten endlich schon das, versprochen offen gelassene, Tor. Bei der Einfahrt drückte sie wie wild auf die Hupe. Vor dem Wohnhaus bremste sie mit quietschenden Reifen und warf einen ängstlichen Blick aus dem Rückspiegel. Das Monster war verschwunden und es war auf einmal ganz still. Sehr beängstigend still. Im Haus vor ihr ging oben ein schwaches Licht an und sie hörte hastige Schritte auf einer knarzenden Treppe. Mit sehr wackligen Beinen stieg sie auf und hörte das Scharren von Metall auf Metall, dann öffnete sich knarzend die Tür. Tamara in einem dünnen Nachthemd und einer Öllaterne in der Hand öffnete die Tür einen Spalt.
„D … Das M … Monster. I … Ich habe es ge … gesehen!“
Tamaras Augen weiteten sich vor Schreck und sie öffnete die Tür. Liz schnappte sich ihre Sachen und verschwand im Haus, Liz verriegelte die schwere Tür hinter ihnen.
„Komm mit in die Küche. Ich glaube du könntest etwas Starkes vertragen.“
Liz stellte ihren Rucksack ab und folgte der schönen und irgendwie unheimlichen Russin.
„Der Strom ist ausgefallen und die Telefone funktionieren nicht mehr. Ich mache mir solche Sorgen. Ohne Strom können wir das Tor nicht schließen, das funktioniert leider nur elektrisch, das war eine dumme Idee, stelle ich jetzt fest. Verdammt, Wolf und Karl sind nicht von ihrem Spaziergang zurückgekehrt, wahrscheinlich wurden sie schon Opfer dieser Bestie. Xen schläft oben, ich wollte ihn nicht wecken, er schläft ziemlich tief. Ich glaube ich brauche einen Espresso, du auch?“
Ihr war es scheißegal was sie zu trinken bekam, aber sie nickte nur. Sie bekam diese schrecklichen Bilder nicht aus dem Kopf, das hatte so echt ausgesehen, dass konnte kein Fake gewesen sein. Ein paar Minuten später stürzte sie mit zitternden Händen den Espresso herunter und schüttelte sich, sie hatte den Zucker vergessen.
„Was ist den los und warum bist du so durchnässt.“
„Kein Zelt… Feuer … Regen … nass … Monster.“
Sie zitterte und schlotterte so sehr vor Angst, dass sie keinen ganzen Satz herausbrachte. Tamara sah sie mit großen Augen an.
„Verdammt wir haben keinen Kontakt zur Außenwelt und dieses Vieh schleicht da draußen herum. Aber das Haus ist stabil und das Monster kann nicht klettern, so viel wissen wir. Unsere Zimmer sind oben unterm Dach, da sind wir hoffentlich einigermaßen sicher. Komm ich bring dich hoch und gebe dir frische Sachen, du bist ja klatschnass.“
„Hab trockene Sachen … Rucksack.“
„Auch gut. Hast du eine Taschenlampe? Wir haben ein Gästezimmer in der Gaube. Ich habe so gehofft dass du umkehren und zu uns zurückkehren würdest, deshalb hab ich dir schon ein paar warme Sachen bereitgelegt und das Bett gemacht. Ich schlafe in dem Zimmer neben dir und gegenüber ist das Bad. Neben dem Bad schläft Xen. Du kannst duschen, aber sei bitte leise, Xen ist immer sehr unfreundlich wenn er um seinen kostbaren Schlaf gebracht wird. Wolf und Kaz schlafen am anderen Ende des Flurs und Karl hat einen Verschlag draußen.“
Sie nickte nur und nahm ihre Sachen mit hoch. Oben angekommen leuchtete sie die Türen ab. An der einen stand „Bad“ und gegenüber stand „Gäste“, auf die Tür ging sie zu. Es war so still, sie hörte nur leises Schnarchen. Die Einrichtung war altmodisch, ein großes bequem aussehendes Bett, ein großer unheimlicher Schrank und ein Sitzplatz. Das Fenster war groß und zweiflüglig, aber machte keinen sehr sicheren Eindruck. Sie nahm den Rucksack ab und legte den Sack mit den Leuchtraketen daneben. Dann schlüpfte sie aus den nassen klammen Sachen und deponierte sie auf dem Stuhl neben dem Fenster. Das Bett war schon regelrecht liebevoll gemacht, mit einer dicken Wolldecke über der Daunendecke und einer Blechdose, bestimmt randvoll mit Keksen gefüllt, auf dem Kopfkissen. Auf dem Nachttisch stand eine Petroleumlampe, die sie sogleich anzündete, sogleich füllte sich der Raum mit einem warmen wenn auch schwachen Lichtschein. Sie schob bei der Tür den Riegel vor und kramte bei ihrem Rucksack im untersten Fach. Sie umfasste den Griff der Beretta 92 mit untergeschnallter Taschenlampe mit beiden Händen und fühlte sich auf einmal unfassbar sicher. Als es mit ihrem Ex so schiefgegangen war, hatte sie so um ihr Leben gebangt, dass sie sich eine Pistole gekauft hatte, den Waffenschein besaß sie, und damit mittlerweile umzugehen wusste. Und sie fühlte sich sicher, wenn sie eine Waffe dabei hatte, egal wo es hinging, auch wenn das nicht legal war. Routiniert prüfte sie ob das Magazin geladen war, schob es in den Schacht und zog den Schlitten zurück. Die gesicherte Waffe schob sie sich unter das Kopfkissen, zwei Reserve-Magazine waren noch im Rucksack. Dann entriegelte sie die Tür und ging mit einem Badetuch ins Bad. Es war alt und nicht mehr auf dem neusten Stand, aber es schien noch alles zu funktionieren. Sie stellte die Lampe auf dem Klodeckel ab und prüfte die Dusche. Es war so still und sie bildete sich ein das Tippeln vieler kleiner Schritte zu hören, aber sie verscheuchte den Gedanken und ging in die Dusche, wo sie ihren Körper mit schön heißem Wasser aufwärmte. Nach ein paar Minuten schob sie den Duschvorgang zur Seite und trocknete sich ab. Mit der Lampe in der Hand ging sie zurück in ihr Zimmer. Sie zog sich ein paar recht bequeme Sachen an und setzte sich aufs Bett. Die Dose war zu ihrer Zufriedenheit voll mit diesen superleckeren Keksen mit Zuckerglasur. Sie aß ein paar und fühlte sich sogleich besser. Sie stellte die Dose zur Seite und kuschelte sich ein. Ihr fielen schon langsam die Augen zu, als sich leise Schritte näherten. Es klopfte an die Zimmertür.
„Ich hoffe ich stör dich nicht, aber ich dachte mir, dass du vielleicht eine heiße Milch mit Honig vertragen könntest. Darf ich reinkommen?“
Eine heiße Milch mit Honig? Wie zuvorkommend. Und vielleicht würde ihr das in ihrer Situation tatsächlich gut tun, Mut antrinken und so.
„Ja bitte.“
Tamara in einem hauchdünnen Nachthemd, trug die eigentlich jemals was Richtiges? Die Russin drückte ihr einen dampfenden Becher in die Hand und es roch gut.
„Abends wenn ich wach in meinem Bett liege und mit offenem Fenster schlafe höre ich oft diese unheimlichen Laute und Geräusche im Wald. Fremdartige Vogellaute, schrilles Kreischen und manchmal ein merkwürdiges Brüllen. Dann stehe ich immer auf und mache mir unten eine heiße Schokolade oder Milch mit Honig, das hilft mir dann immer beim Einschlafen und träumen.“
Oder einfach das scheiß Fenster zumachen dachte sich Liz. Dieses blöde Fenster würde diese Nacht definitiv zu bleiben und hoffentlich stimmte es, dass diese Kreatur nur nachtaktiv war, morgen würde sie diesen unheimlichen Ort mit diesen unheimlichen Spinnern sofort verlassen und nie mehr zurückkommen! Wenn doch nur Kaz hier wäre, bei jemandem der aussah wie John Wick musste man sich einfach sicher fühlen und er schien kein schlechter Typ zu sein. Tamara ließ sie wieder alleine und sie schlürfte das heiße Getränk aus. Sie stellte den leeren Becher neben die Petroleumlampe auf den Nachttisch und stellte sicher dass Taschenlampe und Pistole noch an ihrem Platz waren. Dann drehte sie das Licht aus und legte sich hin. Das Fenster war zu, aber sie hörte dennoch die unheimlichen Laute der Nacht. Morgen nur schnell weg, dachte sie und schlief ein.

*

Ein gellender Schrei durchzuckte die Nacht und sie saß aufrecht im Bett. Es war ihr eigener Schrei gewesen. Sie war nassgeschwitzt und ihr Herz pochte wie wild. Sie hatte einen schlimmen Albtraum gehabt, gejagt von monströsen Kreaturen, die sie fangen und fressen wollte. Und immer wieder dieser Anblick, diese unheimlichen starren Augen, die sie direkt angesehen haben. Tamara stürzte mit einer heftig flackernden Kerze ins Zimmer, sie war ganz blass und warf ihr besorgte Blicke zu.
„Alles in Ordnung? Das war nur ein Albtraum, ich bin jetzt bei dir, du musst dich nicht mehr fürchten!“
Liz hyperventilierte und brauchte ihre volle Konzentration um sich wieder zu beruhigen. Tamara schloss die Tür und setzte sich zu ihr aufs Bett. Liz war so verängstigt und der Wald draußen schien zu toben. Schrilles Kreischen, gurgelnde Schreie und an irres Gelächter erinnernde Laute. Panisch bemerkte sie, dass das Fenster sperrangelweit offen war, Tamara folgte ihrem Blick. „Hast du das Fenster geöffnet? Oh nein, so schlimm ist das Geschrei eigentlich nie. Ich hoffe der Zaun hält. Leider haben wir keinen Strom für die Scheinwerfer, sonst könnten wir diese Biester besser abschrecken. Und verdammt, das Tor ist offen, wir sitzen wie auf dem Präsentierteller.“
Wenig ermunternde Worte, aber Tamara machte immerhin das Fenster zu. „Ähm, nenn mich kindisch, aber kannst du diese Nacht bei mir bleiben?“
Die schöne Russin lächelte etwas verschwörerisch und nickte, dann schlang sie die Wolldecke um ihre nackten Schultern.
„Das finde ich schön, dass du das so zu mir sagst. Weißt du ich mag dich, sehr sogar.“
Sie kam unkomfortabel näher und flüsterte.
„Soll ich dir ein Geheimnis erzählen?“
Ohne richtig zu wissen auf was sie sich einließ nickte sie zaghaft.
„Ich hab gelogen, als ich dir erzählt habe dass ich ein Model war, das hat sie mir nur erzählt als ich sie im Wald getroffen habe. Bevor ich sie verspeist habe.“ Fuck was ging denn hier ab?
„Ich habe sie beobachtet und studiert und dann habe ich zugeschlagen, als sie unvorsichtig waren. Sie haben mich im Wald gefunden, mich für diese Tamara gehalten und in ihr innerstes mitgenommen, sie haben mich gepflegt und gepäppelt, gefüttert und gehegt. Und ich habe einen Plan geschmiedet. Ich und meine arme Schwester, die noch da draußen ist. Dann bist du gekommen und ich habe so Lust dich zu fressen, nur heute Nacht habe ich mich schon genährt, also opfere ich dich meiner Schwester. Zusammen …“
Genug von dieser Scheiße. Plötzlich loderte Mut in ihr auf und ertränkte ihre Angst. Sie kickte das Ding von ihrem Bett und drehte sich um, um nach der versteckten Waffe zu greifen. Plötzlich wurde ihr kurz schwindelig und kostbare Sekunden verstrichen. Dann umgriff sie die Pistole, entsicherte und wirbelte herum. Im Schein der untergeschnallten Taschenlampe beleuchtet sie ein schreckliches Etwas und schrie vor Entsetzen aus. Eine Chimäre aus Spinne und Mensch mit ekelhaften starren Augen und sich vor Aufregung hektisch bewegenden Mundwerkzeugen. Sie zögerte nicht eine Sekunde und drückte ab, drei Schüsse in schneller Folge, auf Bauch und Brust des Monsters. Das Ding zuckte unter jeder Erschütterung zusammen und bläuliches Blut spritzte in Fontänen aus der Wunde. Dann kam ihr eine Idee und sie schleuderte die Öllampe auf das Monster und es ging schrille Schreie ausstoßend in Flammen auf. Liz brüllte und warf sich mit aller Kraft gegen das Ding und drängte es zum Fenster und hinaus in die Nacht. Das brennende Monster stürzte und krachte durch das Dach eines Schuppens. Schreie und Gurgelnde Laute hallten durch die Nacht, dann war da nur noch Stille. Für einen Moment jedenfalls, dann kam aus einiger Entfernung das laute kehlige Geschrei des Spinnenmonsters, es klang aufgebracht und wütend! Scheiße man, das war den Schilderungen dieser falschen Tamara ihre Schwester und die war jetzt bestimmt auf Rache aus. Es stellte sich heraus, hier war sie nicht sicher! Hektisch zog sie sich an und packte ihr Equipment ein. Den Rucksack ließ sie hier, der würde sie nur behindern. Sie pochte auf den Beutel mit den Leuchtraketen und dachte nach. Diese große Werkhalle war ganz schön hoch, da oben war sie sicher. Da führte bestimmt eine Feuerleiter hoch, hoffte sie jedenfalls. Und hoffentlich konnte dieses Ungeheuer wirklich nicht klettern. Sie machte die Stirnlampe an und wagte sich in den Flur. Das Schnarchen war nicht mehr zu hören und dieses Ding eben hatte gesagt es hätte schon gefressen. Ängstlich öffnete die Tür von diesem Xen Typen und erstarrte. Der Typ war in seinem Bett, seine Bauchdecke war aufgerissen und die Innereien hingen heraus, aber am schlimmsten war der Gestank. Ekel erfüllte sie und sie kotzte auf den Boden. Dann hörte sie wieder dieses Trippeln vieler kleiner Schritte und sie späte hinaus in den Flur. Dutzende ekelhafte spinnenähnliche Jungtiere näherten sich ihr rasch. Panik erfüllte sie, sie musste hier weg, die würden sie bei lebendigem Leib fressen! Hastig rannte sie zur Treppe und sprintete hinab, das Trappeln und Kreischen schien von überall herzukommen und wurde lauter. Scheiße, die Tür war verriegelt und es kostete sie wertvolle Sekunden den schweren Riegel zurückzuschieben. Etwas packte ihr Bein und angstvoll versuchte sie es abzuschütteln. Ein Miniatur Spinnenmonster wurde durch die Luft gekickt und prallte draußen auf den gepflasterten Boden. Panisch zog sie den Abzug ihrer Waffe und zerfetzte das Ding mit Kugeln. In einer Lache aus blauem Blut und Schleim blieb es reglos liegen. Aus einem Gefühl heraus wechselte sie das Magazin und rannte dann los ohne sich umzusehen. Ja dahinten war eine wacklig aussehende Leiter aufs Dach der großen Halle, aber der Aufgang war noch ziemlich weit weg. Sie hörte den kehligen Schrei dieses Mal lauter und naher und legte einen Zahn zu. Verfolgt von den Minimonstern und dem drohenden großen Monster hetzte sie über den Platz und ihr Herz klopfte bis zum Anschlag. Da sie erreichte die Leiter und kletterte hoch, aus den Augenwinkeln sah sie wie das große Spinnenmonster dahinten durch das Tor galoppierte, direkt auf sie zu. Panisch und voller Angst rannte sie die Treppenstufen hoch, immer höher und höher. Unten krachte das Monster gegen die Leiter und sie wurde fast von den Füßen gerissen. Sie rappelte sich auf und rannte den restlichen Weg hoch bis aufs Dach und rannte weiter. Ein paar Meter vor der Ecke hielt sie an und drehte sich ängstlich um, die Spinnenmonster waren ihr nicht nach oben gefolgt, so weit so gut. Sie kramte nach der Leuchtpistole und ließ sie in ihrer Panik beinahe fallen, dann rekte sie ihren Arm in den Himmel und schoss. Kreischend schoss das Projektil nach oben und hinterließ einen roten Leuchtschweif. Sie feuerte bestimmte drei vier Projektile ab und dann war sie dazu verdammt angstvoll zu warten. Unten auf dem Platz saß das Spinnenmonster und sah zu ihr hoch, beinahe schon geduldig. Aber sie musste nicht lange warten. Ein paar Minuten hörte sie in der Ferne einen lauten wuchtigen Motor, ein hoffentlich schwerer Wagen näherte sich der Fabrik mit hoher Geschwindigkeit. Dann sah sie den Lichtkegel und ein wahres Monster von einem Geländewagen, groß schwarz und bullig rauschte durch das Tor und rammte das Monster volle Kanne, so sehr dass es kreischend durch die Luft flog und in eine Wand krachte. Der Wagen setzte zurück und ein Geschützturm auf dem Dach deckte das Monster mit Schüssen ein. Bewaffnete Soldaten sprangen aus dem Wagen und eröffneten das Feuer mit Sturmgewehren und einer von denen hatte einen Raketenwerfer dabei. Das Monster schrie unter Schmerzen und versuchte sich in Sicherheit zu bringen, aber am Ende lag es aus unzähligen Wunden blutendend da und hauchte sein Leben aus. Die Soldaten und der Geschützturm stellten das Feuer ein und Stille erfüllte die Nacht. Doch dann zuckte das Monster und kreischte auf. Todesmutig rannte einer der Soldaten los, kletterte auf das Monster und blies ihr mit einer mächtigen Shotgun ein dickes Loch in den Kopf, sofort erschlaffte die Kreatur und war besiegt. Liz war die erste die Aufsprang und laut jubelte. Die Soldaten sahen zu ihr hoch und stimmten in den Sieggesang ein. Sie kletterte mit wackligen Beinen die Feuerleiter hinab und rannte geradewegs auf Kaz zu. Ihr Retter, er hatte das Signal gesehen und war zu ihrer Rettung gekommen. Sie umarmte ihn überschwänglich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Du bist gekommen, du hast mich vor dem Monster gerettet.“
„Aber sicher doch, ich konnte doch nicht zulassen dass dir ein Haar gekrümmt wird.“
Er schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln und sie hatte da plötzlich so ein wohliges Gefühl im Bauch. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihrem Retter auf den Mund. Dann tat er etwas wahrlich Unerklärliches. Er trat breit grinsend einen Schritt zurück und fing an zu singen.
„Happy Birthday to you, happy Birthday to you, happy Birthday dear Elisabeth, happy birthday to you.”
Die anderen Soldaten stimmten in das Ständchen mit ein und kamen näher. „Ich hoffe du verzeihst uns diesen kleinen Spaß mit der Show, die wir hier extra für dich inszeniert haben.“
Sie starrte ihn völlig ungläubig an.
„Das war alles nur gespielt und mit Tricks?“
„Japp alles Fake, es gibt keine Monster. Du, drüben in der Halle haben wir schon alles für die Party nachher aufgebaut und vielleicht willst du nochmal duschen und dich kurz schlafen legen.“
Unsicher nickend folgte ihm in Ungewisse. Sie zitterte immer noch am ganzen Körper. Das Monster hatte so realistisch ausgesehen, wie hatten sie das nur gemacht. Neugier überkam sie und sie betrat die riesige Halle. Beinahe geschockt blieb sie auf der Schwelle stehen, sie konnte nicht glauben was sie da sah.

Ende

Kurzgeschichte Nr. II

Ich sag das mal nicht zu laut, aber in meinen Geschichten verarbeite ich (gelegentlich humorvoll eigene Erlebnisse und baue Sachen ein, über die ich bei meinem analogen und digitalen Weg durchs Leben stolpere.
Zum Zeitpunkt des Schreibens hatte ich eine Phase des leidigen Online-Datens mit genau 0,0 Dates durch (im Ernst ich wurde nur geghosted und verarscht). Als „gutaussehender“ Kerl hatte ich dann fürs erste genug von der Damenwelt und habe es mir in der Manosphere bequem gemacht und in Geschichtenform abgelästert.

Der Rahmen der Geschichte war eine Challenge, die mir ein Freund gestellt hat. Die genauen Parameter müsste ich bei Gelegenheit nochmal raussuchen, es waren glaube ich eine alte Frau als Protagonistin, sie findet etwas lange verlorenes und das Ganze soll nicht länger als sechs A4 Seiten sein.
Gesagt getan, habe ich die erste Fassung in einem Guss ohne Pause geschrieben, und in der zweiten Fassung eigentlich nur noch die Rechtschreibfehler ausgebessert.

Agatha und das verlorene Glück

Agatha fluchte leise vor sich hin. Sie war über ihren Kater Luzifer gestolpert. Schwarz wie die Nacht, doof wie ein Sack Ziegelsteine und unfassbar süß. Jetzt fauchte er sie beleidigt an und sie rappelte sich auf. Dabei wollte sie doch nur nachts kurz mal ein Glas Wasser trinken, nicht einmal das blieb ihr erspart. Sie verscheuchte den Kater ungeduldig und marschierte in die Küche. Auf einer dieser Meme Seiten hatte sie eine interessante Erfindung entdeckt, mit der sie bestimmt nicht über Luzifer gestolpert wäre: Schlappen mit eingebauten Scheinwerfern in der Schuhspitze, bestimmt praktisch. Aber andererseits hätte sie auch einfach das Licht anschalten können. Sie rieb sich das schmerzende Knie und fluchte über dieses unselige Viech. Das jetzt auch noch die Frechheit besaß aufgeregt um ihre Beine herumzutänzeln.
„Hau ab, ich füttere dich heute nicht mehr und nachdem du gestern die Schüssel mit der Sahne aufgeschleckt hast, darfst du gerne mal abspecken, du dummes Vieh!“
Lucifer verstand natürlich kein Wort und rannte schon mal vor und kratzte wie nicht gescheit an der Küchentür, die sie bewusst zugemacht hatte. Heute, ja es war schon fast vier, war ein großer Tag. Damenbesuch für ihren Enkel Ryan, der bestimmt noch tief und fest schlief, wie sie ihn kannte. Er war auf dieser affigen Plattform unterwegs, Tinder oder so ähnlich. Wo arrogante Zicken herzensgute Männer abfällig versauern ließen, weil die dann eben doch nicht so reich waren wie erhofft. Aus Interesse war sie nach dem Tod ihres Mannes und den Problemen ihres Sohnes mit den Weibern über das seltsame Land der Menosphere gestolpert. Lauter Männer alter Altersklassen, die keinen Bock mehr auf Frauen hatten. Zu Recht, als ehemalige Feministin (sie hatte das nie so richtig ernst genommen und den männlichsten Mann in hundert Kilometern Umkreis geheiratet und ein glückliches Hausfrauenleben gelebt) hatte sie in den späteren Tagen ihres Lebens großes Interesse an der Gegenseite gehabt. Und die jungen Frauen von heute waren das allerletzte, arrogant und hochnäsig und hielten sich für unfehlbare Göttinnen. Sie liebte es undercover auf diesen Webseiten und Datingapps unterwegs zu sein und ihr Unwesen zu treiben.
   Halt sie wollte etwas trinken und sich nicht in ihrem Leben verzetteln. Besuch war zu neun angekündigt und es war Sonntag, hoffentlich hatte sie alles passend eingekauft.
   Ah so ein Glas eiskaltes Wasser tat einfach nur gut. Lucifer saß neben seinem Napf und warf ihr vorwurfsvolle Blicke zu. Sie betrachtete den selbstgebauten Fütterungsautomaten neben dem Kater und schmunzelte, sie hasste Nassfutter und fand den Automaten prima. Schon zu Hausfrauen Zeiten hatte sie immer faszinierend technische Nebenaktivitäten gehabt und sie hatte noch die Zeit der allerersten Computer und Spielekonsolen erlebt. Niemand würde erwarten, dass so ein Fossil wie sie, Basic, Assembler und C meisterlich beherrschte und das Wissen an ihren Sohn weitergegeben hatte. Der hatte ihr damit gedankt und seine alte Mutter an dem Reichtum teilhaben lassen, den er als CEO eines IT Riesen erwirtschaftete. So gesehen spendierte er ihr monatlich das gut zehnfache ihrer Rente und sie nutzte das Geld sehr sparsam. Außer wenn sie mit ihrem McLaren Supersportwagen einkaufen fuhr und die helle Welt entsetzte. Zum Glück war sie noch fit und nicht so gebrechlich und matschig wie ihre Artgenossen, sonst würde sie kaum den Weg ins Cockpit finden, geschweige denn geradeaus fahren ohne ständig irgendeinen Passanten von der Frontscheibe kratzen zu müssen.
   Den Fütterungsautomaten hatte sie aus der Pappe all der in der Lockdown Zeit bestellten Pakete und einem Haufen Lego Teilen gebaut, programmiert natürlich in C, wie es sich gehörte. Mit diesem grafischen Firlefanz konnte sie noch nie etwas anfangen und sie hasste das moderne Windows, deswegen war sie schon vor Jahrzehnten auf Linux umgestiegen. Die Shell war einfach unersetzlich.
Sie warf einen Blick auf die große Torte und die Blechdosen mit den Keksen, die auf dem Küchentisch auf hungrige Mäuler warteten. Sie stibitzte einen Ingwerkeks und ging ins Wohnzimmer.
   Diese Penthouse Wohnung im Herzen von Berlin, die ihr ihr Sohn gekauft hatte war der helle Wahnsinn, mit ausgiebig großer Dachterrasse und einem eigenen Pool, in dem sie sie regelmäßig ein paar Züge schwamm, also jeden Tag. Und das war ihr FKK Bereich, wo es ihr egal war, dass die Gravitation schon seit langem an ihrem einst wohlgeformten Körper nagte. Meine Herren, vor ihrer Feministen-Phase hatte sie Model gestanden, jetzt war sie ein schwabbeliger Wasserball, mit mehr Falten als eine Galapagos Schildkröte und traurig hängenden Titten. Aber sie verabscheute FKK Badestellen, wo auch bei den Herren alles traurig vor sich hin baumelte, da war sie lieber für sich.
Um halb Fünf stand sie nackt auf der Terrasse und winkte ein paar Nachteulen auf dem gegenüberliegenden Dach vor, dann nahm sie ein paar Züge in dem wohltemperierten Wasser und trocknete sich ab.
Um sieben klopfte sie bei Ryan an die Tür und zog sich etwas an, dass ihre Leibesfülle etwas kaschierte und trug einen Hauch Makeup auf, nun war sie eben ein besonders schöner faltiger Wasserball. Im Wohnzimmer war alles vorbereitet und die Kaffeemaschine hatte sich warmgelaufen.
Um fünf nach neun klingelte es an der Tür und Luzifer fetzte wie bescheuert zur Wohnungstür.
Ohne durch den Spion zu gucken öffnete sie die Tür und starrte einer verblüfften Mittzwanzigerin in die Augen, die sie um einen Kopf überragte. Mit gewissem Entsetzen betrachtete Agatha die junge Frau. Tja, mit dem Zentner Schminke könnte man eine Wand malern. Dazu ein praller Vorbau und ein runder Arsch, alles so knapp verpackt und bauchfrei, dass man sich echt nur fremdschämen kann.
„Ähm, ich dachte hier wohnt Ryan? Wer sind Sie denn?“
„Du meine Liebe, Ryan kommt gleich, ich bin seine Großmutter. Komm ich zeig dir alles.“
Auf Zehenzermalmend hohen Absätzen stöckelte das Weib in die Wohnung und umklammerte ihre affige kleine Handtasche. Im Wohnzimmer setzte sich die Frau aufs Sofa und überprüfte ihr Makeup, sie schien sich nicht im Klaren, wie arrogant sie rüberkam. Mein Gott Ryan, warum fällst du auf sowas rein, das geht doch schief! Die blondgefärbten Haare wirkten so unecht und hatte die sich echt die Brauen abrasiert, nur um sie sich wieder aufzumalen? Warum nur?
„Möchtest du einen Kaffee meine Liebe?“
Die Frau beachtete sie gar nicht. Seufzend machte sie sich einen doppelten Espresso und setzte sich aufs Sofa. Sie beobachtete die Frau wie ein fremdartiges Wesen, Ryan hatte erzählt, dass sie Emily hieß, da hatte sie doch etwas eher Bodenständiges erwartet. Wahrscheinlich war sie so ein komisches Instagram Model oder wie man das nannte. Das war doch kein echtes Modeln, sowas hatte noch Stil, aber sowas ging doch gar nicht. Und war das Mode, sich neuerdings in eine knappe Wurstpelle zu quetschen?
   Genüsslich trank sie ihren Kaffee und beobachtete mit Verzücken, wie sich die Frau mit jeder verstreichenden Minute immer unwohler zu fühlen schien. Luzifer, hatte den Sessel erobert und begeierte die Torte auf dem Esstisch, der Fütterungsautomat hatte ihn heute Morgen geflissentlich ignoriert. Dann regte sich die Frau und klimperte mit ihren falschen Wimpern.
„Wo ist Ryan?!“
„Der braucht sicherlich noch ein bisschen.“
„Hey alte Schachtel, verarsch mich doch nicht.“
Sie dachte einen Moment über eine passende Beleidung nach, verwarf dann aber den Gedanken.
„Möchtest du ein Stück Kuchen, dann platzt vielleicht endlich deine Pelle auf und wir sehen die Fettwülste, die sich schalartig um deine Taille schwingen.“
Die Frau starrte sie verunsichert an, dachte einen Moment nach und nickte dann. Einen Moment später betrachtete sie das provozierend große Stück Torte in ihrer Hand. Es schien ihr zu schmecken, alles andere wäre eine obszöne Beleidigung gegenüber ihren Backkünsten.
„Schmeckt gut, sollten wir nicht auf Ryan warten?“
„Auf den können wir lange warten, denn es gibt ihn nicht!“
Jetzt schien es der Frau doch nicht mehr so gut zu schmecken und sie stellte den Teller weg.
„Was soll das heißen?“
„Ryan, ist mein alter Ego oder besser gesagt mein verstorbener Mann Frank in besten Jahren mit Photoshop aufgepeppt und untermalt mit ein paar Deepfakes in den Videoclips. Weißt du meine Gute, mir ist so langweilig und als Ex-Feministin wollte ich mal den Mädels von heute auf den Zahn fühlen und nenn mich geschockt.“
Die Frau lief rot an, dann schien sie wütend.
„Du schreckliche alte Frau. Dann hab ich mich ganz umsonst in Schale geworfen?“
„In der Tat, du bist eine Schande für die Menschheit, ich wünsche dir, dass du von einem LKW überrollt wirst. Wäre kein Verlust.“
Emily schien geschockt zu sein, dann brach sie in Tränen aus. Agatha war verwirrt? Hatte sie was Falsches gesagt? Die Frau wirkte ehrlich am Boden, so war das jetzt eigentlich auch nicht geplant gewesen.
„Ist doch egal ob ich überfahren werde, ich dachte ich könnte noch ein letztes Date haben, bevor es um mich geschehen ist. Stattdessen stolpere ich über eine frauenfeindliche alte Schildkröte, die schöneren Frauen hinterherrennt um sich toll zu fühlen oder warum auch immer. Ich hab Krebs im Endstadium, ich will doch nur ein kleines bisschen Menschlichkeit und ich dachte ich gefalle Ryan, den es ja sowieso nicht gibt.“
Emily riss sich die Perücke vom Kopf und entblößte einen ungesund bleichen nackten Schädel. Giftig starrte sie Agatha an und sprang dann vom Sofa auf. Agatha wollte ihr hinterher rennen, aber so fit war sie dann doch nicht mehr. Sie sah aus dem Küchenfenster wie eine Gestalt auf die Straße rannte und prompt von einem ungebremsten Semi mitgenommen wurde.
Erschrockene Schreie kamen von unten hoch.
Fassungslos setzte sie sich hin.
Scheiße.
Sie spürte ein schweres Gewicht auf ihrer Brust.
Und ein Schnurren.
Dann schlug sie die Augen auf und wurde sich des Albtraumes bewusst. Sie sah auf die Uhr, es war halb acht und Lucifer saß auf ihrer Brust. Jetzt brauchte sie dringend etwas zu trinken. In der Küche sah sie sich um, die Torte und die Keksdosen waren da, genau wie in ihrem Traum. Sie goss sich ein halbes Glas Whisky ein und trank es in einem Zug. Da klingelte die Haustür.
Ohne durch den Spion zu sehen öffnete sie die Tür. Eine junge blonde Frau in Jeans und Kapuzenpulli stand auf der Schwelle.
„Hey Großmutti, bin ich zu früh, ich hab’s endlich gefunden.“
„Möchtest du ein Stück Torte, Emily?“
„Ja klar, deine Torten sind die besten.“
Bei einem großen Stück Torte saßen sie in der Küche und tranken leckeren Milchkaffee. Ihre Enkelin schob ihr ein Päckchen entgegen.
„Ich hab‘s in Papas Sachen gefunden, ganz hinten bei dem alten Krempel seines Vaters. Es war an dich adressiert, wer weiß wie es so lange unentdeckt geblieben sein konnte.“
Agatha öffnete das Päckchen mit zittrigen Fingern, es war schwer und so groß wie ein Schuhkarton. Sie schob das braune Packpapier zur Seite und öffnete den Deckel. Fotos, hunderte von Fotos. Emily setzte sich neben sie.
„Wer ist das?“
Sie deutete auf eine hinreißend attraktive junge Frau, neben einem verdammt gut aussehenden jungen Mann.
„Das waren ich und Frank, dein Opa, als wir noch jung waren. Er ist ja leider schon so früh von uns gegangen. Das sind sagenhafte Schätze, ich dachte die wären in dem Feuer vernichtet worden. Mein guter Frank, muss sie wohl gerettet haben. Unser Leben, dokumentiert. Danke für das tolle Geschenk. Wie geht es dir?“
„Krebs nervt, aber es geht schon irgendwie, irgendwie habe ich davon geträumt, dass ich von einem Lastwagen überfahren wurde und komische Sachen anhatte. Kannst du damit was anfangen?“
Agatha biss sich auf die Lippen und schüttelte nur den Kopf.
„Das war bestimmt nur ein böser Traum.“

ENDE

Kurzgeschichte Nr. I

Langsam beginne ich an mir zu zweifeln, wie funktioniert das hier alles. Ich glaube ich muss meine Menüstrukturierung nochmal durchdenken …

Egal, erste Geschichte und die momentan kürzeste in meinem überschaubaren Sortiment. Hintergrund ist, dass ich neulich mit meiner besten Freundin über Beziehungen und das Single-Dasein gesprochen habe und wir uns einig waren das man in Single den Luxus von ziemlich viel freier Zeit für Hobbys und sich selbst hat. Dann habe ich mir überlegt wie „toll“ es wäre ein Familienvater zu sein und was dann von der Freizeit noch übrig bleibt. Die Geschichte hat durchaus Humor und leidgeplagte Eltern könnten sich eventuell In der Rolle des Erzählers wiederfinden. los gehts

Als Familienvater ist dann Schluss mit Lustig

4:30 – geweckt vom verfressenen Kater, der mit Anlauf mitten in die Kronjuwelen hüpft

5:00 – geweckt von hyperaktiven Kindern, der Kater war mir dann irgendwie lieber

5:30 – Duschen und Zähneputzen, Mutti hat Spätschicht und schlummert seelenruhig weiter

6:00 – Frühstück für drei hyperaktive Plagen, ich denke nur an den Whisky im Schrank

6:30 – Der Kampf mit der morgendlichen Zahnbürste, Brotbüchsen nicht vergessen – wer hat nochmal welche Allergie?

7:00 – Alle ab in den hässlichen geleasten Minivan und nacheinander nach dem TSP Prinzip in der Schule abliefern. Die Benjamin Blümchen CD läuft auf Endlosschleife, lautlos spreche ich den auswendig gelernten Dialog nach.

8:30 – Katastrophenalarm: ein Server ist abgeschmiert. Ich rechne mir die Chancen aus mit der Liebsten abends zusammen zu sitzen, Ich komme auf 0.0 Prozent und mache mir einen Kaffee und stelle mir vor es wäre Whisky.

17:00 – Die Azubis dürfen das Server-Debakel ausbaden und ich die Brut abholen.

18:00 – Madam sitzt in der Badewanne und lackiert sich die Nägel, ich muss Kochen.

18:30 – Maultaschensuppe, bemerkt meine Liebste leicht angewidert

19:00 – Hausaufgaben, nach der Kochaktion bin ich wieder der Doofe, ich versuche mich zu erinnern was ich vor fünfundzwanzig Jahren im Matheunterricht gemacht habe, während die mittlere mich mit Fragen löchert. Am Ende google ich die Lösung.

20:00 – Spielzeit, ich verfluche mich für meine Einstellung, dass erst im Teenyalter Rechner und Smartphones für die Brut angesagt sind und denke mir lustige Stimmen für die Plüschtiere aus.

21:00 – Mutti ist spontan mit ihren Freundinnen Tanzen gegangen, morgen hat sie frei und plant schon Wellness pur und ich darf 43 Access Points in die Wand schrauben und die Brut bei Laune halten.

21:30 – Zähneputzen für alle, die Kinder gurgeln mit Wasser ich mit Wodka.

22:00 – ich sitze auf der Couch und zappe durch die Kanäle, die Whiskyflasche ist mein neuer bester Freund.

01:30 – Ich wache auf weil die kleinste Alpträume hat. Im Halbsuff krache ich mit dem kleinen Zeh in den nächsten Schrank, jetzt bin ich zumindest wach – das restliche Haus auch.

ENDE