Wenn dir eine Skizze einfach nicht reicht

Heute nur was kurzes, weil ich noch einen Film gucken will und es schon neun Uhr abends ist. Ich mache ja derzeit ein Bauzeichner Praktikum bei einem Landschaftsarchitekturbüro in Berlin Kreuzberg. Die Woche war das Ziel Arbeitsproben für ein Bewerbungsgespräch für das nächste Bauzeichner Praktikum zu sammeln. Und heute nach zumindest gedanklich schweißtreibender Arbeit waren für Liz Solomons Milliardärinnen „Wohnung“ alle Grundrisse endlich fertig. Jetzt fehlen nur noch die Schnitte und die Ansichten.

Das Abgefahrene an der Wohnung ist, dass es eine riesige und ausgesprochen hässliche Protzvilla mit großem Garten wiederum in einem noch viel viel größerem Gebäude (Dark Horizon) ist, als Domizil für Leute, für die Geld einfach keine Rolle mehr spielt, so wie Liz eben, die zwischen 450 und 500 Milliarden Euro besitzt und von ihrem Papa Herbert Solomon, dem Chef des Baukonzerns Solomon Industries diese Wohnung zu ihrer Volljährigkeit spendiert bekommen hat. Das Haus inkludiert 6 großzügige Angestelltenwohnungen, einen riesigen Nutzgarten, einen See, einen überdachten Pool und hat 5 Stockwerke. Das einzige was am Plan nicht akkurat ist, ist, dass die Garage eingezeichnet ist, denn Liz besitzt eine Tiefgarage für mehr Protzschlitten als sie braucht und der See ist nicht voll drauf. Ich hab aber die Files und autoCAD, also kann ich noch weitermalen, wenn ich Bock drauf habe 😀

EG + Außenanlagen

Keine Sorge, wenn das Praktikum vorbei ist, lad ich die PDFs in die Cloud zum runterladen und angucken und es wird einen ausführlichen Beitrag geben, der jedes Zimmer und jeden Ausschnitt beleuchtet 🙂

Damit dürfte ich zu den verdammt wenigen Autoren gehören, die professionelle Grundrisse für die Orte ihrer Bücher anfertigen. Ist doch auch ein Alleinstellungsmerkmal. XD

Übrigens mit dem Osiris Genom (2.5) gehts wieder weiter, aber es dauert noch eine Weile bis es fertig ist 😉

Und wenn ich ab Juli wieder mehr Zeit habe, baue ich das Ganze in Unreal Engine 5 nach, was vermutlich trotzdem eine Weile (Jahre) dauern wird, weil ich mir auch erstmal selbst beibringen muss. Und dann baue ich eine Figur, mit der man sich alles ansehen und interagieren kann … vielleicht sogar in VR. Und dann brauche ich wirklich ein PC Upgrade 😀

Joschis Abenteuer – 1-5 – Erfolg

„Iiih!“
Dumpf hörte er eine Mädchenstimme. Er öffnete die Augen und sah nichts bzw. alles völlig verschwommen, wie auch ohne Brille. Er tastete nach der Brille auf dem Sofatischchen und schob sie sich auf die Nase. Zwei Mädchen standen neben dem Sofa, Lucy und Lena. Lucy strahlte ihn an.
„Hattet ihr Sex, Papa?“
Er wurde rot.
„Das fragt man seinen Papa nicht!“
Luise wurde neben ihm wach und wirkte sehr verlegen.
„Was macht ihr denn hier?“
Lucy grinste breit.
„Wir wollten sehen wie es gelaufen ist.“
„Fabelhaft.“
„Ganz toll, echt.“
Kam es von Luise.
„Es ist übrigens zwölf, Zeit fürs Frühstück.“
Joschi und Luise wechselten Blicke.
„Dürfte ich vielleicht deine Dusche benutzen?“
„Klar doch, ich leg dir ein Handtuch raus.“
„Danke sehr.“
Er rappelte sich auf, flitzte in den Schuppen und kramte aus dem Wäscheschrank ein pinkes Duschtuch hervor und legte es auf die Waschmaschine. Er fand dreimal duschen am Vortag erforderte nicht, auch nochmal zu duschen. Stattdessen räumte er den Tisch von gestern ab, wischte ab und deckte für vier. Amber half ihm, Lena sagte nicht viel, sie war wie er recht still – das machte sie ihm sympathisch – aber sie half auch kräftig mit, sie wusste ja wo alles war, so oft wie die beiden Freundinnen hier in der Küche abhangen oder ungesund kochten.
   Schnell war der Tisch fast so opulent wie am Samstag gedeckt, als Lucy ihn überrascht hatte. Luise gesellte sich zu ihnen, sie hatte die Ohrringe und die Halskette abgenommen und sah ohne Makeup erfreulich normal aus, hübsch, aber normal. So gefiel sie ihm insgeheim noch besser. Auch Lucifer hatte sich zu ihnen in die Küche getraut und sprang auf die Bank neben Lucy und schmiegte seinen Kopf an ihren Unterarm. Joschi grinste und legte noch ein paar Scheiben Roastbeef auf den Wurstteller, Lucy verstand das Zeichen und fütterte den Kater, der jetzt etwas munterer wirkte.
„Wo setz ich mich hin?“
Fragte Luise. Die Mädchen saßen schon auf der Eckbank und grinsten.
„Wo du magst.“
Sie setzte sich. Joschi schüttete zwei gehäufte Löffel Zucker in den Milchkaffee und rührte um. Alle sahen ihn an, er fühlte sich unwohl.
„Ähm … ich …“
Er seufzte. Unter dem Tisch griff Luise nach seiner Hand.
„Haut rein.“
Lucy grinste und griff sich ein Croissant. Die Mädchen plapperten ausgelassen und Luise und er fragten abwechselnd, was die Kinder so getrieben hatten. Bis auf das Kuscheln und Bier trinken anscheinend ungefähr dasselbe wie sie. Joschi schmierte sich ein Brötchen und lächelte breit. Solche Frühstücksrunden mit Erwachsenen plus Kinder hatte er gefühlt zuletzt mit seinen Eltern vor zwanzig Jahren gehabt. Es fühlte sich fast wie eine Familie an. Nach dem Frühstück verabschiedete sich Luise von ihm und zerrte ihre leicht bockige Tochter mit, nahm sich aber noch Zeit mit ihm Nummern zu tauschen.
„Ich mag Telegram am liebsten, leider viele Spinner, aber die Sticker sind spitze.“
„Danke sehr, kommt gut nach Hause.“
„Werden wir.“
Sie schien kurz zu zögern, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.
„Danke sehr, das war ein toller Abend und ein schönes Frühstück! Das müssen wir unbedingt wiederholen.“
Sie strahlte ihn an, dann verließ sie mit ihrer Tochter die Wohnung. Er atmete aus.
„Und?“
Fragte Lucy scheinheilig.
„Was und?“
„Lief es gut?“
„Es hatte Anfangsprobleme, aber nachdem das Eis gebrochen war, ging es ziemlich gut.“
Sie grinste breit.
„Gutes Weihnachtsgeschenk?“
Er schmunzelte.
„Japp.“
Sie standen eine Minute im Flur herum. Lucy knuffte ihm in die Seite.
„Hab ich jetzt eine Mama?“
Er ließ die Frage unbeantwortet und lächelte nur.

ENDE

Joschis Abenteuer – 1-4 – Das Mahl

Jetzt war alles raus und er saß mit hängenden Schultern da. Er runzelte die Stirn. Täuschte er sich oder war da ein Schmunzeln in ihren Mundwinkeln. Sie richtete sich auf ihrem Stuhl auf.
„Das ist eine schöne Geschichte, zwar mit einem sehr traurigen Mittelteil, aber dann wieder einem schönen Ende. Weiß Lucy Bescheid?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, nur ich und meine Eltern kennen die Geschichte, Lucy hab ich gesagt, dass ihre Mutter uns verlassen hat. Ich glaube das war ein Fehler, aber ich könnte nicht damit umgehen, wenn mich meine eigene Tochter hasst für das, was ich getan habe, auch wenn sie wahrscheinlich allen Grund dazu hätte.“
Sie runzelte die Stirn.
„Ich glaube, das wird sie nicht.“
Er lehnte sich zurück, dann drehte er die leere Bierflasche in den Händen.
„Noch ein Bier?“
Fragte er.
„Gerne.“
Eine Minute später standen zwei frische gekühlte Budweiser auf dem Tisch.
„Jetzt reden wir hier schon so lang. Darf ich fragen wie du mit Vornamen heißt?“
„Joschi.“
Sie hob die Brauen.
„Ok, Aljoscha.“
„Schöner Name, russisch nicht? Hast du russische Vorfahren?“
Er zog eine Grimasse.
„Nope, daher bevorzuge ich Joschi.“
„Identifizierst du dich denn auch mit diesem knuffigen Dino mit der dicken Nase.“
„Natürlich, ich habe ihn als Stofftier, als LEGO Figur, als Tasse und er ist mein Lieblingscharakter, wenn ich Mario Kart spiele.“
„Süß. Ich heiße Luise.“
„Das ist aber auch ein schöner Name.“
„Danke sehr.“
Sie errötete leicht und trank einen Schluck Bier und schob sich ein paar Chips in den Mund. Dann machte sie ein ernstes Gesicht.
„Ich hatte erst dieses Jahr auch so ein Erlebnis, wo ich dachte es ist aussichtslos.“
Er wurde neugierig.
„Schieß los.“
„Ich hatte Krebs.“
Jetzt war er an der Reihe, die Augen erschrocken aufzureißen.
„Oh verdammt, hast du es überstanden?“
„Ja, aber verdammt knapp. Chemo plus OP, ich hatte Brustkrebs. Die,“
Sie schob mit ihren Armen ihre Brüste nach oben.
„sind nicht echt. Ich hab sie mir sogar etwas größer machen lassen. Egal, es war furchtbar, ich dachte jeden Tag nur daran, dass ich vielleicht sterben und meine Tochter im Stich lassen könnte. Und ich hatte vorher immer schöne, volle, lange Haare. Dann kam Chemo und ich hatte eine nackte Glatze. Dank Cosplay konnte ich mich zum Glück temporär einem ganzen Stapel Perücken bedienen, aber das ist nur ein schwacher Trost. Und jetzt sind sie dünn und leblos. Puh, ich rege mich viel zu sehr über mein Äußeres auf, aber vielleicht bin ich einfach zu eitel. Als die Ärzte mir dann sagten, dass ich es überstanden habe, war ich so unendlich erleichtert. Erst Wochen davor hatte ich Bang und voller Sorge mein Testament aufgesetzt. Und Lena war erst erleichtert, sie mag ihre Großeltern nämlich nicht so sehr und hätte sich nie vorstellen können bei denen zu wohnen falls ich … falls ich es nicht gepackt hätte. Aber ich dachte auch mir, dass Lena schon Recht hat, sie braucht einen Papa. Jemanden der für sie da ist, wenn mir etwas zustößt.“
„Zum Glück hast du es überstanden. Und die Haare sehen schick aus.“
„Danke.“
Sie errötete leicht.
„Lena hat mir von Lucy erzählt, dass du blond als Haarfarbe richtig schlimm findest.“
Er errötete.
„Ja, naja. Kommt ganz drauf an, kurz sind sie annehmbar.“
„Puh, hab ich ein Glück. Was wäre dir denn lieber?“
„Weiß nicht, braun denke ich. Wenn du es flippig haben willst auch ein gedecktes Rosa.“
Luise lehnte sich zurück und sah aus der Balkontür nach draußen, er folgte ihrem Blick, es schneite nicht mehr.
„Denkst du darüber nach ob du danach fragen könntest, ob du eine rauchen darfst?“
„Ertappt.“
„Ist die das in dem Pulli nicht zu kalt?“
„Geht schon, ich brauche ja nicht lang. Hast du einen Aschenbecher?“
„Mhm, steht auf dem Tisch draußen, meine Beste besucht mich gelegentlich und sie raucht auch.“
„Gut zu wissen. Kommst du mit raus?“
„Japp, ich hol mir nur kurz Schlappen.“
Es war frostig kalt draußen, im Flur hatte er sich noch schnell einen Schal umgebunden. Sie zückte ein flaches Etui und entnahm eine gekonnt selbstgedrehte Zigarette heraus. Sie steckte sie sich mit einem Zippo an und nahm einen tiefen Zug.
„Das tut gut.“
„Rauchst du viel?“
„Wahrscheinlich, ich weiß nicht. Ich rauche am Tag maximal das, was in dieses kleine Etui reinpasst und das sind zehn Stück. Oft mache ich es mir gar nicht voll. Und ab und zu ist auch eine Fluppe mit Gras dabei, wenn ich mal eine Auszeit brauche.“
„Guter Vorsatz, aber Rauchen ist trotzdem doof.“
„Stimmt, aber es beruhigt mich ein bisschen und Lena ist furchtbar anstrengend und Nerv tötend.“
„Lucy ist vermutlich nicht besser, da trinke ich dann einfach ein Glas Single Malt Whisky und alles ist vergessen. Oder ich exe ein Glas Vodka.“
Sie lachte.
„Das kann ich mir vorstellen.“
Schweigend guckten sie über die Dächer, dann drückte sie ihre Zigarette aus und sie flüchteten sich verfroren wieder ins wohlige Warm der Küche. Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr, es war schon acht Uhr durch, eigentlich Zeit für was zu futtern. Sie schien den gleichen Gedanken zu haben.
„Ich hab ein bisschen Hunger, aber nur eine Kleinigkeit. Hast du was da?“
„Was würde dir denn zusagen?“
„Ich hatte jetzt eine Woche Vegi hinter mir, in der Schule und zuhause, ich könnte saftiges Fleisch vertragen.“
„Mhm.“
Er überlegte.
„Steaks?“
Ihre Augen fingen an zu leuchten.
„Klingt gut. Was für Beilagen?“
„Mh, Bratkartoffeln und einen kleinen Tomatensalat?“
„Mjam.“
„Geht klar.“
„Moment, kann ich dir helfen? Mach ich sofort, du musst mir nur zeigen, wo was ist.“
„Ach so, magst du den Salat machen?“
„Klar. Die Kartoffeln, hast du schon welche gekocht?“
„Im Kühlschrank sind welche in einem Topf, ich hab mir gestern Kartoffeln und Quark gemacht, als Lucy schon im Bett war. Warte ich zeig dir alles.“
Er gab ihr die drei Minuten Tour durch die Küche, reichte ihr eine Schürze und sie legten los.
„Kann ich drei Fragezeichen anmachen?“
Sie sah ihn erstaunt an.
„Deine Küche, deine Regeln … aber eine von den älteren, die neuen finde ich doof.“
Er tippte auf dem Tablet in der Ecke herum und wählte im Bann des Voodoo, eine seiner Lieblingsfolgen. Sofort dudelte die Altbekannte Melodie aus den Boxen.
„Eine Küche mit einem Soundsystem, wie cool.“
Sie machten sich ans Werk und gegen Neun deckten sie den Tisch, diesmal tranken sie Cola. Das Steak medium-rare war zart und saftig und die Bratkartoffeln schön kross.
„Sehr lecker, du bist ein klasse Koch.“
„Danke sehr, dein Tomatensalat ist aber auch nicht von schlechten Eltern.“
„Ich bin eben die Salat-Mutti. Lena bekommt jeden Tag ein Töpfchen selbstgemachten Salat mit in die Schule.“
„Hilft‘s?“
Sie zog eine Grimasse.
„Die Töpfchen sind leer, wenn sie nach Hause kommt, aber ich glaube das blöde dicke Biest schmeißt den Salat einfach weg und holt sich stattdessen in der Cafeteria ein paar Donuts, die sie da blöderweise verkaufen. Ich koche gesund und verstecke die Süßigkeiten, aber sie bleibt dick, das ist doof. Ich zweifle an meinen Fähigkeiten als Mutter. Wie sind denn Lucys Essgewohnheiten?“
„Mh, wenn mein Töchterchen Hunger hat, verputzt sie alles wie ein Staubsauger. Aber wenn sie keine Lust hat, kann ich ihr das geilste Steak der Welt auftischen und sie verschmäht es trotzig. Sie ist eine echte Naschkatze, aber hat einen guten Stoffwechsel und nimmt eher schwer zu. Außer sie hat eine Eiscreme-Fressattacke, dann höre ich die Tage danach das Geheule aus dem Bad, wenn sie auf der Waage steht. Die Brotbüchse ist einfach gehalten, zwei geviertelte Äpfel, zwei Sandwiches und einen Schokoriegel. In Variation mit Nüssen, Trockenfrüchten und Bananen. Zum Glück sind ihr Lieblingssnack gefriergetrocknete Trockenfrüchte, die sind zwar schweineteuer, aber gesund – von denen haben wir immer ziemlich viel vorrätig.“
„So eine Tochter hätte ich auch gern. Die Brotbüchse finde ich gut, klingt gesund.“
„Geht so, die Sandwiches sind dick mit selbstgemachter Mayo beschmiert.“
Sie lachte.
„Na dann, ist aber auch gut. Soviel Arbeit machst du dir?“
„Natürlich, ich mag kochen … und backen. Da fällt mir ein, dass ich dir auch noch tonnenweise Lebkuchen, Baumkuchen, Herrenschnitten und Plätzchen hätte anbieten können, ist das schlimm?“
„Nein gar nicht, gute Chips sind mir lieber als Plätzchen. Aber meine Lena ist auch ganz eifrig in der Küche, allerdings kocht sie nie was Gesundes, obwohl ich ihr immer wieder zeige wie es geht. Hm, und wie frühstückst du?“
„Variiert stark. Zu aller erst mache ich seit zwanzig Jahren Intervall Fasten, heißt ich Frühstücke gegen eins und mache zu halb neun Abendessen. Frühstück können Spiegeleier mit Brot, Cornflakes, Müsli mit Obstsalat, Sandwiches, Porridge oder einfach eine Handvoll Nüsse und vier Bananen sein.“
„Klingt spannend. Ich bin besessen von Salat, also mache ich morgens immer eine Grundmischung und verfeinere ihn fürs Mittagsessen mit Meeresfrüchten oder gebratenen Geflügelstreifen. Salat geht einfach schnell und den kann ich abends noch als Beilage verwenden. Dann gibt es meist etwas, was nicht so kompliziert ist und schnell geht, zum Beispiel Steaks so wie du eben oder Wraps. Manchmal bin ich auch einfach faul und bestell einfach was oder schiebe eine TK-Pizza in den Ofen.“
„Geht mir ähnlich, als Selbstständiger kommt es öfter mal vor, dass ich mehr als acht Stunden arbeite. Amber macht sich meistens selber was – räumt danach natürlich nie die Küche auf. Und dann bestelle ich eben nochmal was oder geh schnell und hol mir was, um die Ecke ist ein super Bistro, die machen neben Döner auch verblüffend gute Burger und eine Straße weiter ist ein richtig guter Asiate. Leider ist der nächste gute Inder ein gutes Stück weit weg und das ist mir meist zu weit wenn ich was für den schnellen Hunger brauche.“
„ich würde gerne mal wieder Indisch essen. Das war ich dieses Jahr nur zu Lenas Geburtstag, obwohl ich Indisch abgöttisch liebe, aber dann kam Krebs und ich hatte keinen Bock mehr aufs Leben.“
Er dachte nach.
„Ich habe ein zwei indische Rezeptbücher, wir könnten beim nächsten Mal zusammen was indisches kochen.“
„Das würdest du machen? Das finde ich toll. Moment, dann möchtest du, dass wir uns erneut treffen?“
„Klar, ich finde dich toll und nachdem das Eis gebrochen war, waren wir ja auch pausenlos am Reden und Snacken. Du bist mir sehr sympathisch!“
Sie strahlte.
„Das ist cool, danke dir, das ehrt mich. Ich mag dich auch irgendwie. Abgemacht, beim nächsten kochen wir indisch. Aber nur mit Mango Lassi.“
„Natürlich, ohne geht’s nicht.“
Er musterte sie einen Moment und genoss ihr Lächeln. Siehste mal, alle Nervosität ganz umsonst, sie ist doch nett.
„Und jetzt? Ist erst halb Zehn.“
„Puh, so ein angebrochener Abend, Lena erwartet mich heute glaube ich nicht mehr. Vermutlich wäre sie mir sogar böse, wenn ich jetzt komme. Will ich aber auch nicht. Ich hab gehört, du sollst ziemlich gut in Mario Kart sein, können wir das spielen?“
Ein Date mit einer schönen Frau, die mit ihm Videospiele spielen will, das war ihm völlig fremd.
„Klar, wen spielst du?“
„Ich nehme immer Bowser, den mag ich einfach.“
„Dann komm mit, die Spülmaschine bestücke ich nachher, lass ruhig stehen.“
„Na dann, wo muss ich hin?“
Er führte sie ins Wohnzimmer wo sie staunend den großen Tannenbaum bewunderte.
„Der ist ja riesig, ich hab nur so ein doofes Plastikteil, weil mir so ein echter nicht ganz geheuer ist.“
„Ein echter Baum ist lange Familientradition, das und echte Bienenwachskerzen am Baum.“
Sie sah sich um.
„Schön groß alles, mh, warum ist denn die Schlafcouch ausgeklappt?“
„Ich finde es so gemütlicher und ich schlafe öfters auf der Couch.“
„Hast du kein Bett?“
„Doch, doch, aber mein Schlafzimmer ist abgesehen von der Rumpelkammer der kleinste Raum und sehr ungemütlich, praktisch ein Schrank mit Schlafgelegenheit. Außerdem penne ich eh irgendwann ein, wenn ich was gucke. Das mag Lucy gar nicht, wenn wir was gucken. Das habe ich von meiner Mutter, und die von ihrer Mutter.“
„Naja, jeder hat so sein Päckchen zu tragen, ich schnarche zum Beispiel und mein Darm ist so doof, dass ich gerne mal stundenlang auf dem Klo hocke. Deshalb habe ich einen Fernseher im Bad, zum … naja, und wenn ich bade. Das mache ich auch stundenlang, meist bis in Nacht hinein, während ich immer wieder heißes Wasser nachfülle. Und ich bin ein richtiges Kakao-Monster. Ich hab schon deine ganzen Vorräte bewundert. Wie trinkst du ihn am liebsten.“
„Also wenn es schnell gehen soll, dann einfach 4 Teile Milch und 6 Teile heißes Wasser auf Kaba-Pulver und wenn ich es genießen kann, dann den guten Zotter Kakao im Milchtopf.“
„Finde ich gut, badest du gern?“
„Japp, ich habe mir extra eine überlange Badewanne für die Wohnung gekauft, die ist auch tiefer als eine Normbadewanne. Ich habe übrigens auch einen kleinen Fernseher im Bad, bzw. ein Bildschirm, der an einen dicken Mediaserver angeschlossen ist. Darüber kann ich dann hunderte von Filme und Serien genießen. Ich bin auf den Geschmack von Sauna gekommen, aber das ist mir im Schwimmbad immer zu teuer, meine Oma hatte eine eigene Sauna im Keller, das will ich auch irgendwann auf meine alten Tage haben. Nach der Geburt meiner Tochter, habe ich zwei Sparbücher angelegt, eins für Lucy und eins für ein Haus, da ist über die Jahre schon was zusammengekommen, aber reichen tuts noch nicht – leider.“
„Haus will ich auch, mit einem tollen großen Garten, wo ich Gemüse und Kräuter für meine Salate anbauen kann und mit einem großen Rasen und einem Grill und am besten einem kleinen Pool.“
„Ach komm, in Potsdam haben wir so viele Seen, da braucht man keinen Pool. Aber wenn schon, dann einen überdachten und beheizten, dass man auch im Winter schwimmen kann.“
„Au ja, da klingt cool. Als Lehrerin verdiene ich zwar ganz gut, aber nicht so, dass ich mir ein ganzes Haus leisten kann, das ist doof. Und so ein großes Haus zu zweit wäre mir auch nicht ganz geheuer.“
Er unterdrückte ein Grinsen, aber sie bemerkte es und lächelte verlegen.
„ich hoffe, du hast keine schrecklichen Geheimnisse, denn du bist offen gesagt, der erste Mann seit Jahren, den ich doch irgendwie ziemlich gut finde.“
„Das freut mich zu hören. Sollen wir jetzt spielen?“
„Klar … Moment mal, ist das Fell?“
Sie deutete auf die sorgsam zusammengefaltete Plüschdecke.
„Nein, leider nur Kunstpelz.“
„Achso … magst du denn Pelz?“
Er errötete.
„Schon, ich mag es flauschig und kuschlig, aber es ist ganz schön teuer.“
„Das stimmt. Ich würde es vielleicht nicht tragen, denn dafür laufen in Potsdam viel zu viele militante Ökos rum, aber ich finde es ausgesprochen stilvoll. Aber ich könnte es mir beim besten Willen nicht leisten, ich meine ein guter Mantel kostet ja so viel wie ein halbes Auto, das ist Wahnsinn und nur was für reiche Leute, zu denen ich nicht gehöre.“
„Ich schätze es würde dir gut stehen, ich finde du hast einen tollen Modegeschmack.“
Sie wand sich verlegen.
„Danke sehr. Aber du hast ja nur ein Outfit gesehen. Ich habe zwei riesen Kleiderschränke, für die brauche ich eine Leiter. Die sind randvoll mit Klamotten und Kostümen.“
„Hab ich auch, nur brauche ich keine Leiter.“
„Stimmt, brauchst du nicht, aber du siehst ehrlich gesagt nicht so aus, als bräuchtest du zwei Kleiderschränke.“
„Genau, in dem einen sind meine Klamotten, in dem anderen waren mal LEGO Teile.“
„Hat mir Lena schon erzählt, das finde ich stark.“
Sie strich mit der Hand andächtig über den Kunstpelz.
„Darf ich die nehmen.“
„Klar. Aber erst Schuhe ausziehen.“
Während sie sich aus den Stiefeln kämpfte, machte er Fernseher und Switch an und griff sich zwei Controller. Als er sich umdrehte saß sie schon in die Decke eingekuschelt auf dem Sofa und sah ihn erwartungsvoll an. Nachdem er das Licht gedämmt hatte, setzte er sich neben sie und reichte ihr einen Controller.
„Hast du Erfahrung mit Mario Kart?“
„Japp, mein Vater ist auch Zocker aus Leidenschaft und der hatte alle Nintendo-Systeme und wir haben immer zusammen gespielt. Meine Eltern haben mir damals den Gamecube und danach die Wii, die WiiU und dann die Switch geschenkt. Meinen ersten eigenen PC hatte ich erst als Studentin.“
„Cool, ich komm aus der PC Ecke und hatte meine erste Konsole erst mit Ende zwanzig. Davor hab ich nur Maria Kart Abklatschen wie Moorhuhn Kart gespielt, aber das war einfach nicht dasselbe. Und ich hab mich mit ein paar Emulatoren rumgeärgert, nur um dann genervt die Switch zu kaufen. Mh, sollen wir gleich eine Meisterschaft spielen? 150ccm?“
„Genau und wir fahren drei Meisterschaften und der Gewinner darf sich einen Film aussuchen.“
„Abgemacht.“
Er drückte auf Start und sie legten los. Sie war gut und sie kämpften auf jeder Strecke verbissen um die Krone. Er gewann nach drei Meisterschaften mit satten 2 Punkten Vorsprung.
„Du bist gut!“
Lobte er sie.
„Du aber auch, ich hatte noch nie so eine knappe Niederlage gegen einen anderen Spieler außer meinem Dad. So macht das Spaß, Lena spielt zwar total gerne Spiele, aber sie ist in allem einfach so unfassbar grottig schlecht und dann auch noch so super schnell eingeschnappt wenn sie verliert. Ich lasse sie daher lieber gewinnen, auch wenn ich rückwärtsfahren muss. Ihr Opa macht das nicht, deshalb mag sie ihn auch nicht so wirklich, er lässt sie nie gewinnen – Papa war ja auch jahrelang aktiv im eSport für Counter Strike und World of Tanks unterwegs und damit ziemlich erfolgreich, er streamt und Let’s-played sogar seit Jahrzehnten, womit er sich mittlerweile die bescheidene Rente aufpeppt. Ach ich weiß nicht, jedenfalls gibt sie auch generell viel zu schnell auf.“
„Letzteres klingt eher nach mir.“
Sie lachte auf.
„Finde ich nicht, immerhin hast du eine Tochter großgezogen und dir ein ordentliches Leben aufgebaut.“
„Das stimmt, aber ich war auch mal anders.“
„Warst.“
„Richtig.“
„Und was anderes ist doch gar nicht wichtig.“
„Danke.“
„Bitte.“
Sie musterte ihn einen Moment.
„Welchen Film gucken wir?“
Sie mochte Games und Anime …
„Sonic?“
Ihre Augen leuchteten.
„Super, mit Snacks?“
„Sicher, Popcorn?“
„Das wäre riesig. Geht das überhaupt auf der Plüschdecke mit all der fettigen Butter?“
„Die kann ich zur Not waschen.“
„Dann ist ja gut. Ich bin aber vorsichtig!“
Eine halbe Stunde später lief der Vorspann und eine Riesenschüssel zuckriges Popcorn thronte zwischen ihnen, Sie hatten einen Plüsch Bowser auf ihrer Seite und er seinen Yoshi. Er griff nach dem Popcorn und sie auch und ihre Hände trafen sich unbewusst. Schnell zog er sie zurück und warf ihr einen Blick zu. Sie lächelte und schob sich eine Handvoll Popcorn in den Mund. Dann griff sie nach seiner Hand und drückte sie. Sie drehte sich zu ihm hin. Jetzt oder nie, er beugte sich vor und küsste sie auf den Mund. Sie sah ihn etwas überrascht an, dann erwiderte sie den Kuss. Er ließ sich in die weichen Polster sinken und sie rutschte näher zu ihm. Mit ihrem Kopf an seine Schulter gelehnt guckten sie einen tollen Film über Freundschaft und Familie. Danach saßen sie einfach nebeneinander und schwiegen. Er schaltete den Fernseher aus, legte die Fernbedienung weg und sah sie an. Sie lächelte glücklich und schmiegte sich an ihn. Arm in Arm schliefen sie ein.

Joschis Abenteuer – 1-3 – Beichte

Sonntag, der große Tag. Er hatte ein Date, dass er sich nicht ausgesucht hatte. Er mochte Dates nicht, die waren immer komisch, zumal er ja gar nicht nach einer Partnerin suchte. Ok, schon ein bisschen, aber die meisten Frauen in seiner Altersklasse wollten keinen kindischen Nerd als Freund und Partner haben Single-Papas schon gar nicht. Tja und er weigerte sich seit dreißig Jahren standhaft endlich erwachsen zu werden. Aber mit Lucy hatte es dennoch irgendwie geklappt, er hatte bis heute nicht so richtig verstanden wie ihm das gelungen war. Und jetzt hatte er eine dickköpfige Tochter, die ihrem alten Papa Dates auftrieb. Er seufzte.
„Ich bin dann mal weg, bitte sei brav!“
Er fühlte sich als wäre er zwölf, so von seiner fünfzehnjährigen Tochter angesprochen zu werden. Sie stand im Flur mit ihrem pinken (seine Mutter ihm und er seiner Tochter durchgeerbten) Wanderrucksack auf dem Rücken und winkte ihm zu. Dann nahm sie ihren Schlüssel vom Haken und verließ die Wohnung.
   Und jetzt? Er hatte den jetzigen und gestrigen Tag genutzt um die Wohnung penibel aufzuräumen, Bäder zu putzen, zu staubsaugen, Staub zu jagen und alle Böden nass zu wischen. Die Stofftiere hatte er vorsichtshalber alle in Lucys Zimmer verfrachtet, was seine Tochter gar nicht gut befunden hatte. Sie meinte nur, mit Anfang Ende Vierzig, sollte er zu seinen Hobbies stehen. Also hatte er alles wieder zurückgeräumt, womöglich war Frau Hofgärtner furchtbar und tonnenweise Stofftiere überall wären der effektivste Schritt jemanden loszuwerden, hoffte er. Dann war er im Keller und hatte vorsichthalber eine Packung Kondome aus der für Lucy bestimmte „Ich will nicht mit 50 Opa werden“-Schublade geglaubt und unauffällig in der Wohnung versteckt. Er hatte zwar gerade absolut keinen Bock auf Sex, aber man wusste nie was passieren konnte. Bei der Gelegenheit hatte er ein paar Flaschen Wein, die ihm seine Eltern empfohlen hatten, mit hochgeholt und im Kühlschrank Platz geschaffen um den weißen Wein kaltzustellen.
   Er war geduscht, zur Sicherheit gleich dreimal ausgiebig. Zweimal Zähne geputzt, zur Sicherheit mit Zahnseide und Elmex Gelee (technisch betrachtet war Sonntag, nur eben nicht Abend). Finger- und Zehennägel geschnitten, Brille gründlich geputzt, Deo aufgelegt, in irgendwelchen Ecken des Badezimmerschranks noch nach passenden Herrendüften gesucht, diesen aufgetragen und leger angezogen. Ein frisches schwarzes T-Shirt mit dem Logo seines Blogs auf der Brust, eine fast frische Jeans (eine Maschine mit drei von seinen Jeans lief gerade noch, das hatte er gestern vergessen) und schwarze lochfreie Socken. Jetzt war er fertig und es war gerade erst drei, also noch drei lange Stunden zum Date. Er war natürlich wie immer zu früh fertig. Das war wie eine dieser blöden Situationen wenn mittags sein ICE fuhr und er schon um halb zehn nichts mehr mit sich anzufangen wusste.
   Er war schrecklich nervös, mit solchen Situationen konnte er nicht umgehen, mit Lucys Mutter war das immer so unkompliziert gewesen. Er war gespannt wie die Dame so drauf war, besser er bangte. Das war wie Zahnarzt, man wusste bei einer Kontrolle nie, ob was Schlimmes war und wenn ja saß man tief in der Scheiße – oh er hasste Zahnarzt und drückte sich regelmäßig vor den halbjährlichen Kontrollterminen, während er sein Tochter jeden Abend zum Zähneputzen verdonnerte und danach auch noch kontrollierte. Sehr zum Verdruss seiner Tochter, aber er wusste es aus eigener Erfahrung besser. Gott sei Dank hatte sie keine Zahnfehlstellung(en) gehabt, anders als bei ihm, und Karies war nie ein großes Thema gewesen – überlegte er leise fluchend.
   Was nun? Ratlos überprüfte er den Sauberkeitsgrad der Wohnung, kontrollierte ob er die Kaffeemaschine gereinigt und mit frischen Kaffeebohnen bestückt hatte, checkte die Temperatur des Weißweins, guckte was er mit den Zutaten in der Küche spontan kochen konnte, schob den Katalogstapel auf dem Klo um ein paar Zentimeter gerade, räumte die Spülmaschine aus und hing die Wäsche in Lucys Zimmer auf (eigentlich machte er das im Wohnzimmer, aber seine Tochter war gerade nicht da und ihr Zimmer war größer als die Besenkammer, die man sein Schlafzimmer zu nennen pflegte). Dann sortierte er sinnlos irgendwelche Sachen, dekorierte die große Obstschale um und aß nervös zwei Bananen, spielte mit Stofftieren, untersuchte den LEGO Mindstorms Fütterungsautomaten in der Küche, wechselte das Wasser für Lucifer, drapierte Sofakissen, bezog ein paar der Kissen mit weniger nerdigen Bezügen und dachte über tausend Dinge nach, die er lieber machen würde, als den Abend mit einer womöglich sehr attraktiven Frau zu verbringen, die – schlimmer noch – womöglich auch noch etwas von ihm wollte.
   Er dachte nach. Samstag hatte er in seiner Werkstatt im Keller eine kleine Geschenkschatulle zusammengebastelt und ein paar geschmacklich nicht zu verstörende Edel Leckereien aus seinem Süßkramschrank geholt.
   Und jetzt? Er sah sich in der Wohnung um, dann tappte er ins Klo, kramte den Manufactum Katalog ganz unten hervor und zerstörte den eben penibel gerade gerückten Stapel und setzte sich damit in die Küche. Es war halb sechs. Schnell noch einen Kaffee. Er machte sich einen doppelten Espresso und leerte ihn auf ex. Etwas motivierter tappte er in die Rumpelkammer, rückte eine große Leinwand zur Seite (das vorletzte Weihnachtsgeschenk seines Bruders und er hatte einfach keine freien Wände mehr übrig, immerhin war das brüderliche Verhältnis nicht mehr so frostig wie früher. Er schenkte seinem Bruder meistens Whisky und Trockenfrüchte – bei der Brut schien er dankbar darüber zu sein) und öffnete den mittelgroßen, zwar nicht geheimen, aber semi-versteckten Kühlschrank und untersuchte das Arsenal an Energydrinks und Bier. Nach reichlicher Überlegung, merkte er sich die große Dose Red Bull Heidelbeere für später und schloss die Tür wieder. In der Küche blätterte er lustlos in dem Katalog, praktisch im Sekundentakt schoss sein Blick zur Küchenuhr. Um zehn vor sechs sprang er auf und lief rastlos in der Wohnung umher. Drei Minuten vor sechs … zwei … eine. Er stand vor der Wohnungstür und spähte mit einem Auge durch den Spion und mit dem anderen schielte er auf den Sekundenzeiger seiner teuren Sinn Taucheruhr.
   Sechs. Sie war nicht da. Zufall? Er verharrte reglos an der Tür und zählte die Sekunden. Bei fünf Minuten nach sechs ging er in die Küche, öffnete erst den einen Kühlschrank, dann den anderen. Er warf einen Blick auf den aufgeschlagenen Katalog und tappte ins Wohnzimmer. Draußen schneite es wie verrückt, die Straße und Gehwege waren halbherzig geräumt. Vielleicht war sie im Schnee stecken geblieben? Ob sie einen Autounfall hatte? Es war sieben nach sechs – möglich wärs. Er ging sein Smartphone suchen und checkte einen Livefeed für den Potsdamer Verkehr, nichts Ungewöhnliches. Nachdenklich legte er das Telefon weg und ging in der großen Wohnung umher. Er rückte ein paar Bilder gerade, musterte ein paar davon, tat so als hätte er sie noch nie zuvor gesehen und fing an schief zu summen. Sollte er Musik anmachen? Aber dann überhörte er womöglich die Türglocke und das wollte wohl keiner (doch!). Film gucken, vielleicht hatte sie sich ja verfahren. Ob sie überhaupt Auto fuhr? Wo wohnte sie überhaupt? Er sortierte die Stofftiere erst nach Farbe – was bei einem Haufen Krokodilen, Drachen und Waranen unerwartet schnell ging – dann nach Größe.
   Ein lautes Ringen schreckte ihn aus seinen Gedanken und er erstarrte vor Schreck, als hätte ihn jemand mit runtergelassenen Hosen auf dem Klo erwischt. Das war die Tür – oder war das die Tür? Auf Zehenspitzen eilte er zur Tür, hielt die Luft an und spähte durch den Spion. Eine Frau in einem modischen Wollmantel stand vor der Tür, sie war voller Schnee, den sie sich zaghaft abklopfte. Er atmete tief ein und aus – er hätte meditieren sollen – was nun? Er konnte sie schlecht im Regen … ähm … Schnee stehenlassen. Er wartete eine knappe halbe Minute um den Mut aufzubauen diese Tür zu öffnen. Dann griff er schrecklich nervös nach der Klinke und öffnete die Tür.
„Ähm … hallo, Äh … kommen Sie doch herein.“
Nuschelte er, warum versaute er das Opening immer? Zu seiner Erleichterung wirkte sie auch recht nervös und verlegen. Sie klopfte sich die eleganten Winterstiefel auf der „You shall not pass“ Fußmatte ab und trat ein. Sollte er ihr aus dem Mantel helfen – wie machte man sowas? Während er nachdachte was zu tun sei, trat sie an die Garderobe und streifte die schicke Wollmütze und den tollen Mantel ab, befreite sich von einem hinreißend roten Schal und hängte die Sachen auf. Sie trug einen Pullover aus ganz feiner roter Wolle und dazu dunkle Jeans und eine Halskette. Ihre blonden Haare waren kurz und ganz fein, ihre Augen waren intensiv grün. Von ihren Ohren baumelten opulente Ohrringe und sie war gekonnt geschminkt. In der Hand hielt sie einen Karton, der einer Weinkiste ähnelte. Sie sah ihn aufmerksam, wenngleich etwas unsicher an.
„Wohin?“
Ihre Stimme war angenehm voll, wenngleich ein bisschen kratzig – vielleicht war sie Raucherin.
„Küche oder Wohnzimmer?“
„Was ist besser?“
„Küche ist näher an den Snacks.“
Sie schmunzelte.
„Küche klingt gut. Das ist übrigens für dich.“
Sie reichte ihm die Weinkiste und er stellte sie in der Küche neben die Spüle auf die Arbeitsfläche. Ein frühes Weihnachtsgeschenk? Dachte er nachdenklich.
   Sie setzte sich auf die Eckbank, Lucys und Lucifers Lieblingsplatz. Unschlüssig stand er in der Gegend hin.
„Möchten S …“
Er brach ab, da Ihm auffiel, dass sie ihn eben geduzt hatte. Sie sah ihn fragend an.
„Möchtest du etwas trinken?“
Sie nickte.
„Darf ich einen Cappuccino haben, ich sehe da deine Wahnsinnsmaschine … bitte natürlich.“
Er nickte. Jetzt wo er in der Küche stand, fiel im siedend heiß ein, dass er keine Snacks vorbereitet hatte – Depp! Er machte ihr einen Cappuccino und für sich einen normalen Milchkaffee. Sie nahm ihn dankend entgegen und nahm einen Schluck, derweil nahm er auf dem Platz ihr gegenüber Platz. Sie sah ziemlich gut aus, aber er wusste nur zu genau, dass Makeup sehr viel ausmachte. Eigentlich sah sie so zu gut für ihn aus, fand er.
   Jetzt saßen sie sich gegenüber und tranken schweigend Kaffee, während die Stimmung Minute für Minute immer unangenehmer wurde. Nach zehn schweigsamen Minuten brach er das Eis mit einer blöden Frage.
„Was machst du so beruflich?“
Sie sah ihn aufmerksam an, schien aber erleichtert darüber, dass er was gesagt hatte.
„Ich bin Lehrerin für Schauspielerei und Physik an dem Gymnasium, auf das auch deine Tochter geht.“
Das wusste er sowieso, also warum fragte er so einen Quark?  
„Und du?“
Er trank einen Schluck Kaffee.
„Ich bin Hauptberuflich eigenständiger Buchhalter und nebenberuflich Autor und Blogger.“
Sie sah so aus, als ob sie das auch schon längst wusste … sie schwiegen sich wieder an. Der Kaffee war alle, die unangenehme Stille kam zurück.
„Hast du Hobbies?“
Fragte er, einen zaghaften Versuch wagend, Konversation zu betreiben. Es schien zu helfen.
„Mh, viele. Und viele die ich an der Schule nicht groß herausposaune. Mh, ich mache seit Teenager-Jahren Cosplay, Ich spiele Videospiele und gucke Filme und Anime, ich lese am liebsten Manga und Thriller. Kurzum ich bin sehr nerdig, spiele aber die stilvolle ernste Lehrerin im Berufsalltag.“
„Ich wollte immer schon mal Cosplay machen, aber es hat entweder am Geld oder am passenden Körper gemangelt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Du siehst doch ganz gut aus, wie kommt‘s?“
„Ich wollte immer schon den Captain Amerika machen, weil das meine Lieblings Marvel Figur ist, aber mit der Figur eines Kartoffelsacks hab ich mich das nie getraut.“
Sie schmunzelte.
„Ach so ist das, aber du siehst doch recht schlank und muskulös aus, mach‘s doch jetzt.“
„ich weiß nicht, ich bin fast fünfzig …“
Druckste er herum.
„Zählt nicht, in den Filmen ist Cap theoretisch neunzig … ich könnte dazu ein Black Widow Cosplay machen, würdest du dich dann trauen?“
Er sah sie überrascht an.
„Ernstgemeintes Angebot.“
Betonte sie.
„Echt?“
„Echt!“
„Hm, das überlege ich mir mal.“
Mit einer Mittvierzigerin Cosplay machen, Lucy würde ihm den Kopf abreißen.
„Meine Tochter wird aber nicht begeistert sein, wenn man sie noch mehr mit ihrem komischen Vater in Verbindung gebracht wird, wenn ich jetzt auch noch Cosplay mache …“
„Ich denke Lucy ist tough.“
Er hatte seine Tochter eher als Heulsuse und emotionalen Waschlappen in Erinnerung, gerade wenn sie ihren Willen nicht durchgesetzt bekam, fing sie schnell an zu flennen.
„Einspruch.“
„Fair, du bist der Papa. Übrigens finde ich Nerds sexy.“
Sie zwinkerte ihm aufmunternd zu.
„Das hat mir noch keine Frau gesagt.“
„Ich habs auch zu spät gemerkt.“
Ihre Miene verfinsterte sich und er wurde neugierig.
„Wie das?“
„Ach, naja. Zuerst einmal ich lese deinen Blog seit ein paar Jahren und habe alle deine Beiträge zur Manosphere und den Problemen mit der Damenwelt gelesen, zahlreiche Videos zu dem Thema gesehen und auch ein paar empfohlene Bücher gelesen. Und ich bin eben genau in meinen Zwanzigern so ein dummes oberflächliches Huhn gewesen, vor dem dort immer wieder gewarnt wird. Immer auf der Jagd nach einem echten Bad Boy und blind für die sympathischen Nerds dieser Welt. Wie soll man sagen, aus Fehlern wird man klug. Ich landete einen Treffer bei einem bösen Jungen und wurde bei einem One Night Stand unerwartet schwanger und prompt sitzengelassen. Da hatte ich dann die Schnauze voll von Männern, hab sie die ersten Jahre alle verteufelt und zu Unrecht in einen Topf geworfen und hatte alle Hände voll zu tun Job und Kind in den Griff zu bekommen. Das ist mir eher schlecht als recht gelungen und ich war froh über tolle Unterstützung meiner Eltern, die Gott sei Dank nah dran in Berlin wohnen. Und so bin ich Single geblieben, obwohl ich ganz genau weiß dass Kinder idealerweise beide Elternteile brauchen um sich optimal zu entfalten. Ich kenne auch zum Beispiel die Statistiken nach denen Kriminelle überproportional aus Haushalten ohne starke Vaterfigur kommen. Und meine Tochter Lena hängt mir schon seit Jahren in den Ohren, dass ich mir einen gescheiten Kerl suchen sollte, der Papa spielen kann. Und jetzt sitz ich hier.“
Er schmunzelte.
„Das kommt mir bekannt vor, gestern hat mir meine Tochter gebeichtet, dass ich ihr doch ganz dringend eine Mama finden soll und jetzt sitz ich hier.“
„Ich weiß, Lenas beste Freundin ist Lucy.“
„Echt?“
Er war sichtlich erstaunt.
„Lucy hat noch nie etwas von einer Lena erzählt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Komisch, mir hat Lena alles über ihre beste Freundin und deren coolen Papa erzählt, sie ist eigentlich auch öfters bei Lucy – also dir.“
Er ging gedanklich die Namen von Lucys Freundinnen durch und wer in letzter Zeit öfter bei ihr war, wobei er tagsüber oft bis weit in den Abend hinein bei geschlossener Tür in seinem Büro hockte, so viel bekam er da eh nicht mit.
„Mh … Anna ist öfters mal hier und sie ist blond, also könnte es theoretisch passen.“
„Ja genau, meine Tochter heißt Anna-Lena, aber ich nenn sie nur Lena.“
„Das klingt schrecklich normal.“
„Ich weiß, ist mir auch peinlich, dass ich mir keinen coolen Namen ausgesucht habe, so wie Amber Lucy.“
Er schnaubte, die Namen seiner Tochter waren beide doof, aber dann grinste er.
„Ich wollte sie eigentlich Akira nennen.“
Sie schmunzelte.
„Akira?“
„Japp, ich finde den Namen cool.“
„Weil es der Name von Kaz Nichte ist – deinem Alter Ego aus deinen Büchern? Ich glaub für das arme Ding ist schon schlimm genug Amber zu heißen.“
„Das war der Wunsch ihrer Mutter, sie mochte schon immer meine obskuren Bücher. Ich hab mir Lucy für sie ausgesucht.“
„Ein schweres Erbe finde ich.“
Sie sah sich um, er sah ihren Blick.
„Snacks?“
„Mh, ja. Hast du vielleicht ein Bier – gerne dunkel?“
„Zufällig ja.“
Aus der Rumpelkammer holte er ein rundes Kilo Snacks und zwei kalte Flaschen Budweiser dunkel. In der Küche holte er ein paar Schälchen hervor.
„Soll ich dir helfen?“
Fragte sie etwas unsicher.
„Nene, ist gleich fertig.“
Ein paar Minuten später stellte er das Snack-Arsenal auf den Tisch und reichte ihr ein kaltes Budweiser.
„Danke sehr. Das sieht aber gut aus. Extra für mich gekauft?“
Er wollte fast schon ja sagen, dann biss er sich auf die Lippen und rückte mit der Wahrheit heraus.
„Ne, an Wochenenden und in den Ferien mache ich mit meiner Tochter Film- und Serienmarathons oder spiele nächtelang CoOp Games mit ihr, da snacken wir immer ziemlich viel. Und da jetzt zwei Wochen Ferien sind, habe ich extra großzügig eingekauft.“
„Wird man von solchen Mengen nicht fett?“
„Naja, die Sachen sind da, aber wenn man sie dort lagert, wo man sie nicht sieht und nicht so leicht rankommt, geht es eigentlich. Muss ja auch eine Weile halten. Da hilft nur eiserne Selbstdisziplin und ganz viel Bewegung. Ich gehe zweimal die Woche ins Fitnessstudio und ein- bis zweimal die Woche zwei Kilometer schwimmen, dazu noch alle zwei Wochen im Wald mit einem guten Freund Bogenschießen, das geht dann schon irgendwie mit dem Dauergenasche. Aber es hat gefühlt Jahrzehnte gedauert bis ich mich dazu überreden konnte, regelmäßig Sport zu machen.“
Sie nickte.
„Das klingt beeindruckend. Ich komme durch Arbeit und Tochter viel zu selten zum Sport und wenn dann eher Calisthenics oder Joggen. Glücklicherweise bin ich mit einem tollen Körper gesegnet, mit dem ich einfach nicht fett werde. Allerdings ist meine Schwäche Eis, das mache ich mittlerweile auch selbst und so eine Packung überlebt den Abend dann oft nicht. Meine Tochter kommt zwar optisch nach mir, aber sie hat es geschafft ein kleines Pummelchen zu werden, obwohl ich eigentlich aufpasse nicht zu deftig zu kochen und auch nicht so viel Süßkram kaufe. Das nagt sehr an mir und sie will auch um verrecken nicht einsehen, dass sie sich mehr bewegen muss.“
„Das ist natürlich sehr ärgerlich. Lucy war auch mal etwas dicker, aber dann hab ich alle Süßigkeiten weggeschlossen und wochenlang nur noch gesund und vegetarisch gekocht, zack war sie wieder normalgewichtig. Seitdem ist sie etwas achtsamer geworden und nach viel Überredung konnte ich sie beim Schwimmen anmelden. Mittlerweile ist sie sogar in der Schulmannschaft der Schwimmer und nimmt an Wettbewerben teil, auch wenn es ihr peinlich ist, wenn ich sie anfeuere. Das macht mich sehr stolz, weil ich sowas als Kind nicht gemacht habe. Gut ich hab einmal bei einem LEGO Wettbewerb teilgenommen, aber da war ich vielleicht elf oder so. Danach nie wieder. Erst mit Ende zwanzig habe ich mich getraut, bei Schreibwettbewerben mitzumachen, mit wechselnden Erfolg, aber darüber habe ich später einen Buchvertrag ans Land gezogen, der mir meine frühen Dreißiger nicht ganz so miserabel gemacht haben.“
Sie sah ihn aufmerksam an und legte den Kopf etwas schief.
„Was ist eigentlich mit Lucys Mutter?“
Er schluckte und betrachte resigniert die Bierflasche in seinen Händen, dann sah er ihr fest in die Augen und räusperte sich.
„Sie ist tot.“
Ihre Augen wurden riesig groß und sie schlug sich eine Hand vor den Mund.
„Oh, Gott, das ist ja furchtbar!“
Er nickte unmerklich und nahm einen tiefen Schluck.
„Wie lange ist das her?“
Fragte sie zaghaft.
„Sie ist zwei Tage nach Lucys Geburt gestorben, in meinen Armen. Das ist jetzt bald sechzehn Jahre her.“
„Oh nein, wie furchtbar, wart ihr lange in einer Beziehung?“
Er zögerte, die Geschichte die ihm auf der Zunge lag, hatte er nicht einmal seiner Tochter erzählt. Sie würde ihn bestimmt hassen, wenn er das erzählte – seine Tochter auch. Er atmete tief ein und schluckte.
„Wir waren nicht in einer Beziehung, wir waren einfach nur Freunde. Sie hieß Meggie und ich kannte sie etwa ein Jahr. Wir haben uns bei einem Selbsthilfegruppe-Treffen kennengelernt, zu denen ich damals sehr sporadisch gegangen bin. Ich fand sie sympathisch und weil ich nicht wusste, ob sie öfter dabei sein würde, hab ich eine Stunde lang Mut angesammelt und sie dann sehr schüchtern und stammelnd gefragt, ob ich sie auf einen Kaffee einladen könnte. Sie hat mich nur verdutzt angeguckt und ich dachte „Toll, hast dich mal wieder bei einem hübschen Mädel zum Affen gemacht.“ Aber dann hat sie warmherzig gelächelt und eingewilligt und sie ist den ganzen langen weiten Weg zu mir in die WG gekommen und wir haben Kaffee getrunken, Chips gemampft und uns die halbe Nacht über Filme und Spiele unterhalten. Wir haben Nummern getauscht und uns dann regelmäßig getroffen und was zusammen gemacht. Wir … ähm … sie war meine erste im Bett, aber wir haben daraus nichts Ernstes gemacht, wollten wir beide nicht. Naja ich schon, aber ich hab mir das einfach nicht zugetraut und nie den Vorstoß gewagt. Dann hat sie mich ein gutes Jahr später zum Geburtstag überrascht und wir haben nach Torte, Steaks, Eis und zu viel Alkohol miteinander geschlafen.“
Er brach ab und seufzte schwer, die Erinnerung lastete schwer auf ihm.
„Zwei Wochen später hat sie mir gebeichtet, dass sie schwanger ist und dann trotzig gesagt, dass sie das Kind behalten wird und mit mir großziehen möchte.“
Er schniefte und wischte sich eine einzelne Träne weg.
„Ich war überrumpelt und panisch und stand unter Schock. Damals war mein Leben nicht so einfach, hab mit mir selbst und die ganze Zeit meinem Schweinehund gekämpft und ich hatte dauernd kein Geld und dann will sie einfach ohne Vorwarnung eine Familie gründen. Ich war ein richtig übler Arsch und hab sie zurückgewiesen, ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen und versucht sie aus meinem Leben zu verbannen. Ich bin vor der Verantwortung, mein Leben in den Griff zu bekommen davongelaufen und dachte ich könnte das überstehen, indem ich den Kopf in den Sand stecke und so tue, als bekomme ich nichts mit. Meggie hat immer wieder versucht mich zu kontaktieren, zweimal hat sie sogar einen Brief geschrieben. Ihre Freunde haben auf mich eingeredet, aber ich blieb stur, leichtsinnig und uneinsichtig. Wie so oft hab ich meinen Eltern verschwiegen, dass ich Mist gebaut habe, aber ich hab mich nicht getraut, das war dumm von mir, nach 47 Jahren weiß ich, dass sie hundertprozentig hinter mir stehen, egal in was für Schwierigkeiten ich stecke. Nein ich hab es unter den Teppich gekehrt und so getan als wäre nichts passiert. Ich wollte nie Kinder, sie haben mich lange Zeit regelrecht angewidert, muss ich einräumen. Die Monate verstrichen und ich hab versucht mein beschissenes Leben zu führen und mich auf meinen Abschluss konzentriert und danach darauf gut die Probezeit im neuen Job zu überstehen. Daneben hab ich irgendwie weiter gelebt, aber die Schuldgefühle haben mich von innen heraus aufgefressen. Ich hatte Alpträume und Angst-Attacken. Konnte nicht mehr richtig schlafen und hab nur daran gedacht, dass ich den beschissen größten Fehler meines Lebens begehe. Dann kurz vor Weihnachten, ich hatte gerade meinen Rucksack gepackt um wie jedes Jahr meine Eltern zu besuchen, kam der Anruf. Unbekannte Nummer, aber ich hab zum Glück abgehoben. Es war ihre Stimme, aber sie klang so entsetzlich schwach, sie hat geweint und mich angefleht jetzt bei ihr zu sein. Bei dem Tonfall in ihrer Stimme sind meine Schutzmauern, die ich mir in den letzten neun Monaten gegen sie aufgebaut habe, einfach weggebrochen und ich bin sofort ins Krankenhaus und hab mich angespannt zu ihr durchgefragt. Es war ein Schock sie zu sehen. Ich kannte sie nur energetisch und voller Leben. Sie war kugelrund, schwanger mit einem Mädchen. Kurz darauf setzten die Wehen ein. Die Geburt war furchtbar und hat sich ewig hingezogen. Dann war alles vorbei, Weihnachtsabend um sechzehn Uhr, also pünktlich zur Bescherung kam Amber Lucy zur Welt. Meggie war zu schwach um den Säugling zu halten, sie war völlig ausgelaugt. Zwei Tage später ist sie an Entkräftigung gestorben. Sie hatte immer schon so eine Erbkrankheit und das plus die anstrengende Geburt hat sie nicht gepackt. Und ich war plötzlich Papa und in dem Moment ganz allein. Es war für mich als wären ich und Lucy die einzigen Menschen auf dieser Welt.“
Er beendete seine Geschichte und leerte die Bierflasche in einem Zug. Er sah ihr nicht in die Augen sondern studierte krampfhaft das Etikett der Flasche, aber die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen als ihm Tränen über die Wangen strömten. Nach einer guten Minute Schweigen sah er auf. Sie weinte ebenfalls. Unbeholfen stand er auf und ging zur Spüle, griff nach der Rolle mit Küchenpapier und reichte sie ihr. Dankbar nahm tupfte sie sich die Augen. Er schnäuzte Rotz und Tränen in ein Papier und knüllte es zusammen. Sie saßen ein paar stumme Minuten einfach so da.
„Ähm“
Sie zögerte.
„Wie ist es danach weitergegangen?“
Er war ein bisschen erleichtert, dass sie nicht aufgesprungen und einfach gegangen war.
„Ich war so allein, einsam und allein im Krankenhaus. Ich war auf die Situation nicht vorbereitet, ich hab mich gefühlt wie ein Fahranfänger, den man in eine Formel-1 Kiste gesetzt hat und erwartete er solle jetzt das Rennen gewinnen. Lucy war ziemlich schwach und die Ärzte waren davon überzeugt, dass sie es nicht schaffen würde. Da lag sie rosa und so entsetzlich zerbrechlich in einem Bettchen. Ich hatte so Angst um sie, denn sie war das einzige, das mir von Meggie blieb. Ich wusste, dass ich meinen Eltern irgendwann Bescheid geben musste, die waren ohnehin schon ganz außer Sorge, weil ich nicht wie abgemacht gekommen bin. Mein Vater hat mich jeden Tag angerufen was denn los sei und ich hab ihn jedes Mal mit einer noch krampfhafteren Ausrede abgewimmelt und so getan als wäre alles ganz wunderbar. Dabei hätte ich am liebsten geheult und alles sofort gebeichtet, aber ich … ich weiß nicht … es war dumm ihnen nicht zu vertrauen. Das hätte ich nicht tun dürfen. Lucy hat zum Glück den Willen von ihrer Mutter, von mir hat sie den nicht, und hat sich durchgekämpft. Dann hab ich den ganzen Tag Mut aufgebaut und meinen Vater angerufen. Ich hab gesagt, dass etwas passiert ist und ich dringend seine Hilfe und die meiner Mutter brauche. Ich wusste, dass in seinem Kopf die Alarmsirenen geheult haben musste und er fragte mich erstaunlich ruhig, was denn passiert sei. Ich konnte nichts sagen, ich hab einfach nur dagestanden und angefangen zu flennen. Nach einer Minute hab ich dann gestammelt, dass ich jetzt Papa bin und nicht weiß was ich machen soll. Mein Vater war unerwartet gelassen und hat gesagt, dass alles gut sei und er sich gleich ins Auto setzen würde und zu mir kommt. Ich war perplex, ich hatte erwartet, dass er mich anbrüllt, aber er blieb ganz ruhig, wie ein normaler rationaler Mensch, der mit einem unerwarteten, aber lösbaren Problem konfrontiert hat. Am Abend desselben Tages war mein Vater mit einem Babytragekorb, weiß nicht wie man die nennt, unter dem Arm, einer Reisetasche über dem Rücken und dem verblüffend strahlenden Lächeln, von jemanden der gerade Opa geworden ist. Wir haben gepackt, uns bei einem Imbiss gestärkt und haben die kalte Klinik verlassen. In der WG hat mir Papa die Basics im Umgang mit Babys gezeigt und hat sich ein Hotel in der Nähe gesucht. Meggie wurde eine Woche später auf dem städtischen Friedhof begraben und nach der Trauerfeier bin ich mit Papa und Lucy zu ihnen nach Hause gefahren, sie wohnen ein paar hundert Kilometer von Potsdam entfernt. Fakt war, dass ich ein Kind nicht in einem winzigen WG Zimmer einer Zweck-WG aufziehen konnte. Also bin ich temporär bei meinen Eltern gezogen, die ein … ein großes Haus ganz für sich allein hatten, nachdem die Brut ausgezogen war – ich, meine Sis und mein kleiner Bruder. Meine Mutter war vorwurfsvoll und meine Eltern haben übel geschimpft, weil ich mal wieder eine große Sache verschwiegen hatte, aber als ich am Ende heulend vor ihnen saß, haben sie geschwiegen und mich tröstend in den Arm genommen. Papa fand den Namen Lucy ganz lustig, aber meine Eltern waren einstimmig der Meinung, dass der Name Amber eine blöde Entscheidung gewesen war. Ich hab bei meinem alten Job gekündigt und mir bei meinen Eltern in der Nähe einen neuen Job gesucht. Derweil ging in der Verwandtschaft die frohe Botschaft um und alle wollten die Kleine sehen und mithelfen. Zu Lucys zweiten Geburtstag habe ich verkündet, dass ich mich selbstständig machen und mir eine größere Wohnung in Potsdam suchen würde, die ich schon seit Monaten ausgekundschaftet und eigentlich auch schon hatte. Alle meine Freunde haben beim Umzug geholfen und auch wenn ich in den ersten beiden Jahre kaum schwarze Zahlen geschrieben habe, war die Entscheidung zur Selbstständigkeit die richtige Entscheidung. Als Lucy vier wurde lief es schon viel besser und ich habe mir eine Sinn Taucheruhr gegönnt und einen alten Opel Mokka angeschafft. Zurück zum Papa sein. Es ist die Pest. So schlimm wie ich befürchtet hatte und schlimmer als ich es mir je erträumen konnte. Mein Vater war in den ersten Jahren immer genervt, weil er als einziger Lucys nächtliches Geschrei gehört und um seinen kostbaren Schlaf gebracht wurde. Und Mama fand es nicht so toll, dass ich mich vorm Windeln wechseln gedrückt habe. Ich hab festgestellt, dass Kinder haben heißt, dass Freizeit eigentlich nicht mehr existiert. Ich wurde in die mir völlig fremdartige Welt von Babynahrung, Windeln und Dauergeschrei geworfen. Und Lucy war und ist die Pest. Ich liebe meine Tochter über alles, versteh mich bloß nicht falsch, aber es gibt Situationen wo sie echt das allerletzte ist. Gerade jetzt als Teenager – nur bockige Sturheit, Tränen und Drama. Netterweise hat mein lieber Bruder ähnliche Erfahrungen mit seinen Töchtern gemacht, so haben wir uns wieder irgendwie zusammengerauft.“

Ende Teil 3

Joschis Abenteuer – 1-2 – Der Überfall

Ein angenehmer Geruch waberte um seine Nase herum. Bacon! Er öffnete die Augen und setzte sich leicht verwirrt auf. Er saß wie gehabt auf dem Sofa, Lucy musste eine Decke über ihn geworfen haben, jedenfalls erinnerte er sich nicht daran, sich zugedeckt zu haben.
„Hey Schlafmütze, es ist eins!“
Sagte Lucy mit verstellter Stimme, während sie mit der Alligator-Handpuppe Bob den Mund bewegte. Acht Stunden? Allerhand, früher vor Lucy hatte er am Wochenende spielend zwölf Stunden geschlafen, aber seit seine Tochter auf der Welt war, war ihm das nur noch selten vergönnt geblieben. Acht Stunden waren gut und er fühlte sich einigermaßen erholt.
„Hast du Zähne geputzt?“
Quäkte das Krokodil. Verdammt, er wusste, dass er etwas vergessen hatte. Resigniert schüttelte er den Kopf.
„Buh, ganz schlechtes Vorbild!“
Lucy gab ihm mit dem Krokodil spielerisch eine Kopfnuss.
„Es gibt Frühstück! Und danach musst du Zähne putzen.“
Joschi nickte und schlug die Wolldecke zurück. Er warf einen Blick auf die andere Seite vom angenehm geräumigen Wohnzimmer, wo der ausladende und riesige, reichlich mit aus LEGO Elementen gebautem Dekor geschmückte Tannenbaum auf einer stoffverhangenen Kiste thronte und darauf wartete, dass man endlich die Geschenke darunter platzierte. Er war schon gespannt, was seine Tochter ihm dieses Jahr schenken würde. Und er war auch schon sehr gespannt, was sie zu den Sachen sagen würde, die er für sie ersonnen hatte.
Er tappte leicht schläfrig in die Küche und staunte. Frisch gepresster Orangensaft, ein Korb mit noch warmen Brötchen, Wurstteller und ihm fremd wirkende Marmeladen (war seine Tochter etwa einkaufen gewesen?!), ein großer Teller mit süßen Backwaren, Bacon und Lucy schlug gerade Eier für Rührei in eine Schüssel. Lucifer lag träge auf der Eckbank und fiel neben den ganzen Stofftieren gar nicht groß auf.
„Hab ich mich im Haushalt vertan?“
Lucy strahlte ihn an und grinste.
„Darf ich nicht auch mal was für meinen Papa machen? Aber Kaffee musst du dir holen.“
„Ist gut Mausbär.“
Sie warf ihm einen kurzen bösen Blick zu und wandte sich wieder zum Herd. Er nahm sich einen Becher aus dem Schrank und tippte auf dem Touchscreen des Kaffeeautomaten herum und goss Milch in den vorgesehenen Container, kurz darauf sprudelte heißer Milchkaffee in den Becher.
   Er setzte sich auf seinen Platz und nahm einen Schluck, dann besah er sich das Angebot an Gebäckstücken und griff sich eine Nussschnecke. Sie war so köstlich wie sie aussah. Ein paar Minuten später, tat seine Tochter ihm und ihr selbst Rührei auf, dann setzte sie sich neben Lucifer auf die Eckbank. Sie wirkte auf einmal verblüffender Weise ängstlich, er runzelte die Stirn und biss von der Nussschnecke ab.
„Wo drückt der Schuh Lucy?“
Fragte er mit unhöflich vollem Mund.
„Ich brauche irgendwie deine Zustimmung bei so einer Sache.“
„Ja?“
Er spülte mit Kaffee durch. Jetzt kommts.
„Nein, anders, ich muss dir was beichten!“
„Haha, du bist lesbisch, ich wusste es.“
Sie sah ihn verblüfft und völlig irritiert an.
„Ähm … Nein?!“
„Bi?“
„NEIN!“
„Queer?“
„What?“
„Trans?“
„Papa du bist doof … NEIN!“
„Was dann?“
„Ich bin ein ganz normales gebräuchliches fünfzehnjähriges Mädchen.“
„Das meine ich nicht … ok, ist gut so wie du bist, aber was dann?“
„Was?“
„Was willst du mir beichten?“
„Achso, ähm …“
Sie schwieg und schob sich stattdessen eine Gabel Rührei in den Mund.
„Ja?“
„Ich will eine Mama haben!“
Er verschluckte sich halb an seinem Kaffee.
„Aber die hast du doch.“
„Nein, ich meine ja, ich meine … nein hab ich nicht! Ich hab doch nur dich und das ist doof.“
„Ein Waisenleben wäre doch was feines, dann wäre ich dich endlich los.“
Er grinste und machte sofort ein ernstes Gesicht als sie unglücklich schniefte.
„Nein ich will eine Mama, mit der ich über alles reden kann … Frauensachen und Schminken und so … und Kerle. Und jemand der mir abends vorliest und mir die Haare ganz toll flechtet. Mach was du doofer alter Mann!“
„ich kann doch nicht einfach so zaubern!“
„weiß ich doch, deshalb zaubere ich.“
Er legte die Nussschnecke weg.
„Was hast du gemacht, mir ein Profil auf einer Dating-App eingerichtet?“
„Quatsch, so einer wie du findet da sowieso keine.“
„Sehr ermutigend, wie du das sagst, das baut deinen alten Vater so richtig auf …“
Sie biss sich auf die Lippen.
„Ich dachte wenn ich dir ein traumhaftes Frühstück mache, bist du empfänglicher für meinen Vorschlag!“
Sie klang trotzig vorwurfsvoll – wie immer wenn es nicht sofort nach ihrem Willen geht.
„Spucks aus.“
Wenn sie in dem Modus war half ohnehin keine Diskussion. Seine kleine Brillenschlange ging durch Wände, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Hatte sie von ihrem Onkel, anscheinend war da ein drittes nerviges Töchterlein ihm heimlich untergeschoben worden.
   Lucy strahlte plötzlich, das verhieß nichts Gutes, tat es meistens nie.
„Du hast ein Date mit Frau Hofgärtner!“
Es war blöd in dem Moment Kaffee zu trinken … er verschluckte sich und fing an zu husten.
„Ich hab was?“
Er musste sich verhört haben.
„Hab ich doch gesagt, du hast ein Date mit Frau Hofgärtner!“
Sie grinste über das ganze Gesicht.
„Deine Lehrerin für Schauspielerei und Physik? Bist du bescheuert?“
Fuhr er sie an, aber sie sah ihn nur trotzig an.
„Sie kommt morgen zu Besuch, um sechs. Keine Bange, ich übernachte bei einer Freundin.“
Toll, jetzt vermittelte ihm seine eigene Tochter auch noch Dates weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, eine Mutter haben zu wollen.
„Und sei bitte nett zu ihr, ich will eine gute Note in Schauspielerei.“
Sie zwinkerte ihm zu.
„Das kannst du mir nicht antun, ich hatte noch nie ein Date, ich weiß doch gar nicht wie das funktioniert!“
„Da ich nicht aus einem Reagenzglas komme, musst du in dieser Hinsicht gelogen haben.“
„Das zählt nicht … das ist wenigstens siebzehn Jahre her!“
„So wie du aussiehst wundert mich das nicht.“
„Werd nicht frech!“
Sie streckte ihm die Zunge raus.
„Aber ich kenn sie doch gar nicht.“
„Gelogen, du wusstest sofort was mit ihren Namen anzufangen.“
„Weil du ab und zu von ihr redest, ja. Und von den vielen Elterngesprächen zu deinen beschissenen Noten in Physik.“
Er sah auf den toll gedeckten Tisch, seiner Tochter schien es sehr ernst zu sein.
„Muss ich ein Hemd tragen? Ich hasse Hemden!“
„Nein, T-Shirt reicht, dazu eine frische Jeans und schneid dir gefälligst die Fußnägel!“
„Das kriege ich noch hin. Tipps? Wie ist sie so?“
„Sag ich dir nicht.“
„Du machst es mir extra schwer eine Mutter für dich zu finden?“
„Sie mag Games und Cosplay.“
Er runzelte die Stirn.
„Wie alt ist sie nochmal?“
Diese Hobbies assoziierte er nicht mit Frauen in seinem Alter.
„45. Zwei Jahre jünger als du.“
kam es wie aus der Pistole geschossen.
„Und sie ist blond.“
Er machte eine Grimasse, er stand nicht auf Blond, so gar nicht.
„Pff, womit habe ich dich verdient?“
„Dazu sage ich jetzt mal nichts.“
Lucy grinste schelmisch und zwinkerte ihm zu. Er seufzte tief und widmete sich seinem Frühstück.

Joschis Abenteuer – 1-1- Schlechtes Gewissen

Die Kurzgeschichte hat es in sich, denn sie ist fast so lang, wie alle meine bisher veröffentlichten Kurzgeschichten zusammen. Deshalb hab ich sie in 5 Episoden aufgeteilt. Darüber hinaus hat sie es in sich, weil Protagonist Joschi mein Alter Ego ist und ich mir überlegt habe, wie es wohl werden könnte, wenn ich mit Ende Vierzig eine bockige Teenagergöre erziehen würde. Und es ist mal wieder eine schlimme Liebesgeschichte geworden. Papas und Mamas finden sich vielleicht in den Figuren wieder. Los geht’s.

*

Joschi sah vom Bildschirm auf und griff nach dem Kaffeebecher, ziemlich guter Kaffee, nur leider nur noch lauwarm. Missmutig schob er sich die Brille ein Stück weiter hoch und sah auf die Uhr, fast acht und das an einem Freitag. Madam verspätete sich wie immer. Sein Telefon vibrierte und er warf einen kurzen Blick auf die Nachricht. Dann speicherte er seine Arbeit, fuhr den Rechner runter und schob den Stuhl zurück. Er stand auf und ging in die Küche, schüttete den lauwarmen Kaffee in den Ausguss. Er warf einen Blick in den Kühlschrank, auf den größeren der beiden ziemlich riesigen Kühlschränke, es war immer schon ein kleiner Traum gewesen zwei Kühlschränke zu besitzen und das, obwohl er keinesfalls reich war. Ok er war aber auch nicht arm und es hatte wenigstens für eine schöne große Fünfzimmerwohnung mit Balkon, Stellplatz und ungewöhnlich großem Keller im verflucht teuren Potsdam gereicht.
   Seine Finger zögerten vor der Flasche mit Cola, er sah auf sein dezentes Bäuchlein, das vom T-Shirt gut kaschiert wurde. Seufzend zog er die Finger zurück, machte den Kühlschrank zu und griff sich stattdessen eine Banane. Immerhin hatte er heute schon den Wochenendeinkauf erledigt, früh um neun als nur Rentner den REWE verstopft hatten, aber Freitag einkaufen war immer schon Mist gewesen. Diesmal hatte er Ernie bis unters Dach mit Leckereien vollgestopft.
   Banane mampfend sah er aus dem Fenster, es schneite wie nicht gescheit. Unten auf der Straße hielt ein Auto. Er entsorgte die Schale, wusch sich die Hände und tappte barfuß in den Flur, es lebe die Fußbodenheizung. Auf dem großen Whiteboard hakte er ein paar ToDo Punkte ab und schrieb „Ernie Freikratzen“ für Morgen auf – so hatte er seinen alten, gebrauchten Opel Mokka genannt. Blödes Ding, wurde abgesehen von Feiertagsbunkerkäufen nur bewegt, wenn er zu IKEA (häufig – allein wegen dem Essen), seinen Eltern (zweimal im Jahr) oder in den Urlaub (einmal im Jahr) fuhr. Der REWE war in zehn Minuten erreicht und aus Faulheit nutzte er seit Jahren deren super praktischen Lieferservice, außer er brauchte spontan was ganz bestimmtes, aber da lief er oder nahm sein Lastenrad (obwohl er eher Fahrrad-Muffel war). Da drehte sich ein Schlüssel hörbar im Schloss und die Tür öffnete sich, er fing an zu grinsen und drehte sich langsam zur Tür.
„Du bist wie immer zu spät Mausbär!“
Vor ihm stand ein Mädchen, recht groß gewachsen, dunkelhaarig und hübsch, eingepackt in dicke Wintersachen und mit einem grünen Rucksack auf dem Rücken. Sie furchte die Stirn.
„Nenn mich so Papa! Oder soll ich dich alter Sack nennen?“
„Können schon, nur kannst du dann deine Wäsche selber waschen.“
„Bloß nicht, das kann ich gar nicht.“
„In deinem Alter konnte ich das auch nicht. Aber das hier ist nicht Hotel Papa, wirf deine Wäsche wenigstens in den richtigen Korb, die sind nach Farben sortiert. Du schmeißt immer alles bei weiß rein, was am seltensten gewaschen wird und heulst rum, wenn ich dein Zeug nicht wasche, selber schuld. Und jetzt erzähl mal warum du so spät bist. Heute war letzter Tag vor den Ferien und eigentlich hättest du laut Plan schon um eins Schluss gehabt. Jetzt ist es viertel vor acht und du hast das Abendessen verpasst! Da wird wohl jemand hungrig ins Bett gehen und über die Konsequenzen von Unzuverlässigkeit nachdenken.“
Er stemmte energisch die Hände in die Seite und sah seine Tochter betreten zu Boden sehen. Sie sah ihn kurz trotzig an, dann kickte sie ihre Schuhe in die Ecke und schob sich an ihm vorbei ohne ein Wort zu sagen. Eine Tür knallte und es herrschte Stille. Sie erinnerte ihn sehr an seinen Bruder, dickköpfig und stur wie eh und je. Aber ein schlechtes Gewissen hatte er dann doch, sie so angeraunzt zu haben. Sie hatte es nicht so leicht in der Schule und er machte sie auch noch zur Sau, toller Vater. War es nicht Aufgabe der Eltern ihre Kinder zu unterstützen?
   Auf Zehenspitzen schlich er zu ihrem Zimmer und hielt sein Ohr an die Tür. Bestürzt hörte er wie sie leise schluchzte. Fuck, du bist der beschissenste Vater auf der Welt! Leise tappte er in die Küche, machte die Tür zu und stellte eine Pfanne und ein paar Töpfe auf den riesigen Herd. Es ging das Gerücht um, dass er endlich Kochen gelernt hatte, jedenfalls war er dem Eintopf-Komplott entronnen und kochte mittlerweile sehr gerne mit Fleisch. Und vor ein paar Jahren hatte er angefangen die Gerichte nachzukochen, die er am liebsten auswärts aß und war mit dem Resultat ganz zufrieden.
   Er machte ein bisschen Drei Fragezeichen an und putzte Pilze und Gemüse. Gegen neun verteilte er die Pilzsoße über dem großen Steak medium rare und drapierte das gedünstete Gemüse drum herum, der Salatteller stand bereit und im Kühlschrank wartete ein Riesen Pott mit frisch selbstgemachten Schokopudding, während die Vanillesoße in einem heißen Wasserbecken warmgehalten wurde. Er garnierte gerade ein Glas Cola mit einer Zitronenscheibe, als die Küchentür aufging.
„Papa, es tut mir leid … was machst du denn da?“
„Ich hatte ein schlechtes Gewissen Amber, also hab ich dir was zu essen gemacht.“
Amber, es war nicht seine Entscheidung gewesen, ihre Mutter war ein großer Fan seines ersten Buchs. Nicht unpassend, wo Kaz im Buch ja gewissermaßen sein Alter Ego war. Er hatte ihr den Zweitnamen Akira geben wollen, aber da hätte ihm seine Mutter den Kopf abgerissen, so war ihr Zweitname Lucy – auch wenn er so auch ein Katze benannt hätte, stattdessen gab es Lucifer, einen depressiven schwarzen Kater, der die Tage verpennte.
„Hör auf mich so zu nennen, ich bin Lucy!“
„Tut mir leid, ist mir so rausgerutscht.“
„Aber du musst doch nicht gleich so zaubern, ein Sandwich hätte bestimmt auch gesättigt.“
„Komm setz dich erstmal hin, während ich mir auch etwas auftue. Ich hab mich ein halbes Jahrzehnt von Eintöpfen und Sandwiches ernährt, irgendwann muss man auch mal was Richtiges essen. Außerdem sind Ferien.“
Sie setzte sich auf ihren Lieblingsplatz auf der Eckbank, die unter Kissen und Stofftieren ertrank (größtenteils seine Stofftiere).
„Du musst dir echt nicht so viel Mühe machen!“
„Du bist meine Tochter, ich gebe mir alle Mühe die ich kann.“
Er machte eine Pause.
„Nächstes Mal bestell ich uns was vom Inder.“
Lucy schien ihn gar nicht zu hören.
„Aber das ist manchmal echt peinlich. Immer fragst du was ich mache, du gibst mir keine Freiräume und bist immer so komisch, wenn ich nicht pünktlich zuhause bin, so wie heute. Du bist die Definition von Helikopter-Papa, du bist noch schlimmer als Opa!“
Betrübt sah er auf seinen Teller. Es stimmte schon irgendwie, was sie sagte.
„Wo warst du denn dann?“
Sie hielt inne sich eine voll beladene Gabel in den Mund zu schieben und sah ihn verlegen an.
„Öhm, nicht so wichtig. Ich … ähm.“
„Du hast einen Freund?“
Sie wurde rot, dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich bin mit Jungs so erfolgreich wie du mit Frauen.“
Autsch. Er zog eine Grimasse und sie zwinkerte ihm zu.
„Woran liegt es?“
„Ist doch klar, ich bin total nerdig und Gamerin – woran das wohl liegen mag? – und irgendwie hab ich den Eindruck, dass alles sofort mit mir ins Bett will, wenn raus ist, dass ich zocke … größtenteils böse, böse Egoshooter … und das obwohl ein Mädchen bin. Das hast du doch in einer von deinen ganz alten Kurzgeschichten geschrieben, die mit Ralf und Rosa, dass sie nicht will, das man sie auf ein Podest stellt und so. Und naja, ich bin ja nichts Besonderes oder so.“
„Was ist dein Rang in Counterstrike?“
Sie schob sich leicht verdutzt die Gabel in den Mund und schien kauend nachzudenkend.
„In meinem Alter war Onkel Johnny schon fast Global Elite, soweit bin ich leider noch nicht. Warum?“
„Nur so, Counter Strike war eh nie meins, Battlefield schon eher.“
„Wann spielen wir mal wieder Battlefield zusammen?“
„Da wird sich schon eine Gelegenheit finden. Du rückst also nicht mit der Sprache raus, was du heute gemacht hast?“
„Uhm, es ist ein Geschenk für dich.“
„Du brauchst sieben Stunden um ein Geschenk zu suchen? Jetzt machst du es aber spannend.“
Lucy wurde rot und tuschierte es mit einem Schluck Cola.
„Wie lief Schule?“
Ihre Miene verfinsterte sich.
„Bin froh diese Arschgeigen zwei Wochen nicht sehen zu müssen!“
„So übel?“
„Sehr. Irgendwie bin ich in der Krise, meine alten Freundinnen sind total zu so schicki-micki Gören verkommen, da ist keine dabei, mit der man Abenteuerausflüge in den Wald unternehmen könnte. Oder eine für einen nerdigen Mario Kart Nachmittag oder eine Partie Borderlands im CoOp. Die labern nur über Typen, Lifestyle, Mode und Makeup. Die interessieren sich gar nicht mehr für mich. Stattdessen werde ich gefühlt von allem angebaggert, was eine Zielhilfe zwischen den Beinen baumeln hat. Ich fürchte Mama war ganz gutaussehend, an deinen Genen kanns ja nicht liegen.“
Sie streckte ihm die Zunge raus.
„Und dann habe ich noch diese dumme Brille von dir, die mich nur noch mehr wie ein nerdiges Hoppel-Häschen aussehen lässt.“
Er lachte.
„Wenn du wüsstet, was für Vollkatastrophen bisher an dir vorbeigeschlittert sind, also wäre ich an deiner Stelle froh über die Brille.“
Sie machte ein zerknirschtes Gesicht und trank noch einen Schluck Cola.
„Gibt’s noch mehr?“
Sie deutete auf das Glas.
„Ein paar Kästen im Keller schätze ich, hab das nicht so nachgeprüft. Mittwoch war die Getränkelieferung, die haben ja einen Schlüssel und haben das alte Zeug gleich mitgenommen.“
„Aha, also sechs Kästen stilles Wasser für Pussies, vier männliche Kästen Budweiser, zwei Kästen Tonic Water und eine Europalette Coca Cola.“
Er ging im Kopf die Bestellung von letzter Woche durch und zählte gedanklich die Kästen.
„Geht in die richtige Richtung. Aber das Wasser ist für den Kaffee, der schmeckt so gut mit stillem Wasser gebrüht – alle meine Clienten schwärmen davon, dass es bei mir den besten Kaffee gibt. Und du hast vier Kästen mit diversen Säften vergessen, Silvester gibt es Cocktails.“
„Aber ich bin doch erst fünfzehn!“
„Wann hat dich dein leichtsinniger Papa Doom spielen lassen? In ein paar Tagen bist du sechzehn, wenn du schon Doom auf Nightmare spielst, darfst du auch ruhig mal einen alkoholischen Cocktail probieren.“
„Ich erinnere mich, ich hatte wochenlang Alpträume. Aber es war schon cool.“
„Und vergiss nicht, kein Wort zu deinen Großeltern!“
„Was bietest du dafür?“
Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Weihnachtsgeschenke.“
Bemerkte er trocken und säbelte sich ein Stück Steak ab. Ihr Lächeln verschwand.
„Blödmann.“
„Zicke.“
Sie aßen schweigend. Es schien ihr zu schmecken, das war die Hauptsache. Er fragte sich, was sie wohl ausheckte. Ein Geschenk für ihn. Sie schenkte ihm meistens Gutscheine, Süßigkeiten, Plüschtiere oder LEGO. Er ihr auch und Hardware zum Aufrüsten für ihren PC. Weihnachten und gleichzeitig Lucys Geburtstag waren am Mittwoch, also noch fünf Tage warten, um zu erfahren welches Attentat sie auf ihn bereitet hatte. Er ahnte böses.
„Passt noch etwas Nachtisch rein?“
Sie sah ihn überrascht an.
„Was gibt’s denn?“
„Schokopudding mit warmer Vanillesoße.“
„Ich seh schon, du willst mich mästen.“
„Immerhin brauchst du einen Anreiz, ins Fitnessstudio und zum Schwimm-Training zu gehen. Papa zahlt doch eh und ist patzig wenn du nicht hingehst.“
„Ist gut, ich geh auch so hin.“
Er häufte ihr ein großes Stück Pudding auf und ertränkte es in Soße, dann reichte er es ihr. Sie machte sich mit sichtlichem Genuss darüber her.
„Und was hast du so heute gemacht?“
„Vormittags hatte ich Clientengespräche hier vor Ort, zwischendurch war ich einkaufen und nachmittags hab ich in der Küche schwer geschuftet und ein bisschen was geschrieben, Gandhi in Civilisation geärgert und Drei Fragezeichen gehört.“
Sie schien hellhörig zu werden.
„In der Küche geschuftet? Was denn?“
„Zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es Sauerbraten mit Klößen und Rosenkohl – schön sauer mit viel Essig, danach haben wir einen Tag zum Verdauen und Aufräumen und dann besuchen uns meine Eltern über Silvester.“
„Du willst echt das ich fett werde!“
„Vielleicht wirst du dann nicht mehr so oft angebaggert.“
„Das ist doof, können wir nicht vielleicht irgendwas Leichtes essen?“
„Willst du etwa Brot zum zweiten Feiertag?“
„Nein, so meinte ich das auch nicht.“
„Salat?“
„Nein.“
„Hamburger mit Süßkartoffelpommes?“
Sie sah ihn einen Moment an.
„Ok, ich geh zum Schwimmen und ins Studio.“
„Na geht doch. Erwartest du etwa Tofu-Brätlinge, dann bist du im falschen Haushalt gelandet. Die findest du nämlich des Öfteren bei deinem liebreizenden Onkel und deinen beiden noch liebreizenderen Cousinen auf dem Tisch.“
„Ist auch gut so, dass wir sowas nicht essen. Ist immer schlimm, wenn die in der Mensa einen veganen Tag einlegen. Ist doch meine Entscheidung was ich esse. Das will ich nicht aufgezwängt bekommen. Bei Steaks sind jede Menge Gemüsebeilagen dabei, das reicht völlig aus.“
„Das ist meine Tochter, soll ich die Cola auffüllen?“
„Ne, haben wir Kakao?“
Er lachte.
„Du fragst DEINEN Vater ob wir Kakao haben?“
„Stimmt, das macht keinen Sinn. Ich hätte dann bitte einen doppelten Indian Chai.“
„Kommt sofort.“
Er stand auf, holte zwei Bierkrüge aus dem Schrank, versenkte einen Liter Milch in einem Milchtopf und rührte Lucys und seinen Lieblingskakao von Zotter an. Sie räumte derweil ungewohnt brav die Spülmaschine ein – normalerweise machte sie nichts, in Worten nichts in Zahlen Null im Haushalt.
„Wo soll ich dir den Becher hinbringen?“
„Ins Wohnzimmer, können wir nicht ein bisschen Mario Kart spielen oder was gucken?“
Er warf einen Blick auf die Wanduhr über der Tür, es war zehn und das Planungsbüro unter ihnen hatte seit sechs Weihnachtspause.
„Mh, The Raid eins und zwei?“
Sie schien nachzudenken.
„Zwei“
„Ok, dann bis …“
„Nein Moment, ich wünsch mir doch lieber Zoomania.“
„Ok, überstimmt. Dann hole ich dir eine kuschlige Flauschdecke.“
„Nicht doch Papa, die hole ich selbst. Darf ich mit Moby knuddeln?“
„Darfst du.“
Sie schoss aus der Küche und er verrührte weiter den Kakao. Fünf Minuten später schlüpfte er ins Wohnzimmer und reichte Lucy einen der Krüge, sie nahm ihn, in eine flauschige Kunstpelzdecke gewickelt (mehr konnte er sich guten Gewissens nicht leisten, aber die waren trotzdem nicht billig), entgegen – gerade flimmerte das Disney Logo über die zwei Meter Bildschirmdiagonale. Lucifer pennte seelenruhig auf der gepolsterten Fensterbank (seinem Lieblingsplatz) und schien sie nicht die Bohne zu beachten. Er setzte sich neben sie und legte einen Arm um seine Tochter.
„Das ist peinlich Papa.“
„Das müssen Papas aber ab und zu machen, weißt du?“
Er verstellte seine Stimme und griff nach dem dicken Plüschkrokodil Moby in ihrem Schoß.
„Dein Papa hat dich lieb, du Rotznase!“
Lucy lachte.
„Ist ja schon gut Papa, können wir jetzt den Film gucken?“
„Alles klar.“
Er nahm den Arm zurück und betrachtete den Stapel Plüschtiere neben sich und griff nach Yoshi. Mit der Dicknase auf dem Schoss nahm er einen Schluck Kakao aus dem Krug und sah sich seinen Lieblingsfilm an, den er wenigstens fünfzehn Mal gesehen haben musste und den Dialog praktisch mitsprechen konnte – aber das Lied von Shakira war immer wieder genial, besonders mit den tanzenden schwulen Tigern am Schluss.
Nach Zoomania guckten sie den originalen Zeichentrick Mulan (tausendmal besser als der Liveaction Schrott, den Disney danach verbrochen hatte) und dann stärkten sie sich mit einem doppelten Espresso und eisgekühlter Cola, schließlich waren Ferien und er hatte ab morgen eh Urlaub bis einschließlich erste Januar Woche. Sie spielten ihr Lieblingsspiel Super Mario Kart 8 auf der alten Switch Pro und er wählte natürlich Yoshi als Spielfigur. Gegen vier machten sie aus und er nickte mit Yoshi im Arm bei irgendeiner Serie auf dem fürchterlich gemütlichen Sofa ein. Er hatte zwar ein bequemes Bett im Schlafzimmer, aber meist war er abends so fertig, dass er vorm Fernseher einpennte, das hatte er von seiner lieben Mutter geerbt, der er daher seit fast zwei Jahrzehnten teuflisch schwere Knobelspiele schenkte – so als heimliche Rache.

Ende Teil 1

Das Osiris Projekt – Halbzeit geschafft

Die, die meinen Blog folgen, hat bestimmt die Flut von neuen Kapiteln in der letzten Woche erreicht und womöglich überrascht. Für die anderen: da ich nie Testleser gefunden habe, veröffentliche ich die zweite Fassung meines Buches auf meinem Blog.

Sonntag, also gestern, habe ich das letzte Kapitel des ersten Teils des Buches hochgeladen und für die nächsten Wochen ist geplant, jeden Tag ein Kapitel des zweiten Teils hochzuladen.

Für Interessierte geht es HIER zur Einleitung zum Buch, HIER zum ersten Kapitel und HIER findet ihr die Kapitelübersicht mit allen bisher veröffentlichten Kapiteln als Web-Read oder als PDF.

Und das erste Kapitel des zweiten Teils ist HIER schon lesbar.

Schlechte Nachrichten für’s Osiris Genom

Das Osiris Genom ist der Arbeitstitel für die radikale Überarbeitung des Osiris Projektes. Das Osiris Projekt ist seit 1,5 Jahren fertig und mit schlanken 332 A4 Seiten nicht gerade dünn, aber nach einem Vierteljahr war ich nicht mehr so zufrieden und wollte mit der dritten Fassung (Das Osriris Projekt ist Fassung Nr. 2) dem Buch einen ernsteren Ton geben und auch Themen wie Psychologie mit einbauen. Zudem sollten die drei Fraktionen: Horizon, Clowns und die Animals vertieft werden, die ihm Buch gelegentlich recht eindimensional ausfallen.

Es ist eben das erste Buch, da ist eben nicht alles perfekt. Dennoch ist das Osiris Projekt das bessere Buch, zwar stellenweise naiv, aber auf jedenfall locker und temporeich und ganz wichtig … es ist eine durchgängigige und abgeschlossene Handlung.

Die dritte Fassung ging in Teil eins anfangs ganz zügig von der Hand, aber das Ende kam bei meinen wenigen Testlesern nicht so gut an, wie ich erhofft hatte. Und die Probleme des zweiten Teils nahmen einfach kein Ende. Ich hab mehr Text weggeschmissen, als ich neu geschrieben habe. Ich brauch mehr als eine Hand um die verkorksten Enden abzuzählen, die im Papierkorb gelandet sind. Es gab viele Nächte wo ich vor mich hin fluchend die Fassungen überarbeitet habe, es wollte einfach nie so richtig passen. Erst kurz vor Weihnachten habe ich dann auch noch die 5. Fassung vom Osiris Genom angefangen, war aber nie zufrieden und eher verzweifelt mit dem ganzen Chaos.

Daher habe ich als Neujahrsresulution entschieden, den Stöpsel zu ziehen und das Osiris Genom komplett einzustampfen. Lebwohl an all die tollen Figuren die ich für die neuen Fassungen ersonnen und über die Zeit liebgewonnen habe.
Es ist gewollt und konsequent, anderthalb Jahre hab ich mich mit dem Projekt nur rumgeärgert, irgendwann ist auch mal gut und ich sollte mich neuen frischen Projekten widmen.

Das Osiris Projekt bleibt so wie es ist und darf sich eines Nachfolgers erfreuen, der schon stolze 60 A4 Seiten misst, 13 Jahre nach dem ersten Buch spielt und unter anderem Akira mehr in den Vordergrund rückt. Ein Kriminialfall in Berlin Solomon, die Suche nach dem verlorenen Vater durch Westeuropa und ein Abenteuer im Himalaya – drei Plotstränge, die sich am Ende in einem fulminanten Finale treffen.

Die lesenswerten Reste und die womöglich interessanten Skripte der dritten (der 175-seitige 1. Teil) und vierten Fassung (1-2 Kapitel) veröffentliche ich dennoch auf dem Blog, es wäre schade, das alles einfach so wegzuschmeißen.

Der Abschied fällt schwer, aber ich glaube es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Habt einen schönen Abend 🙂

Es wird bunt

Haha, nach dem gründlichen Durchforsten meines Zimmers nach wichtigen Unterlagen (die ich Idiot natürlich nicht alle in einem praktischen Stehordner lagere), bin ich über meine Skizzen zu meinen Geschichten gestolpert, zumindest einem Teil davon. Und jetzt hab ich vier davon eingescannt zu Geschichten die zumindest teilveröffentlicht sind.

Da ich nicht nur ganz passabel schreiben, sondern auch zeichnen kann, mache ich mir zu meinen Geschichten oft Skizzen, zu Figuren, Fahrzeugen und oft einfach nur Orten. Mittlerweile dürften es wenigstens ein Dutzend Variationen am Lambda Swordfish geben, aber deutlich weniger Lagepläne.

Gemessen an dem Chaos der Bilder, die ich für euch eingescannt habe, gehe ich von simpel nach kompliziert und sag was dazu. Es sind keine schönen Bilder, eher das was passiert, wenn ich eine Idee und ein paar Fineliner sowie einen Packen Kopierpapier vor mir liegen habe.

3./4. Fassung Osiris Genom – Liz Wohnung

Im 2. Kapitel kommt Liz im Buch von einer Geschäftsreise zurück in ihre Wohnung im Protzkasten Haus der Nationen Eins. 130m hoch und ein Klotz von 600 Metern Kantenlänge. umlaufen von einem riesigen Park, der sich sich einen guten Kilometer in jeder Richtung erstreckt, umgeben von einer „Mauer“ aus deren vier Ecken hunderte von Metern hohe Wohntürme sprießen.
Alles extrem sicher (oder doch nicht?) und die gute Liz, die ab der 3. Fassung Multimilliardärin und ein ganz hohes Tier bei Horizon ist, hat vor ~20 Jahren von ihrem Chef Johnny Solomon eine der exklusivsten Wohnungen der Welt bekommen, samt Personal. Lien, die chinesische Haushälterin; Suzi, die schwarze Weltklasse Pilotin; Sarah, die Stewardess und Mara, die Assistentin mit ihrem Waran Karl ❤ , der bei Liz wohnen darf.

Das sieht auf der kleinen Zeichnung zwar reichlich eng aus, aber unten rechts Bad und Küche sind jeweils mehr als 25 Quadratmeter groß! Wir haben laut Plan die Wohnung in der unteren Hälfte und den Garten und die Apartments der Angestellten in der oberen Hälfte. Dabei sei gesagt, dass die Wohnung zwei Etagen und eine Deckenhöhe von rund acht bis zehn Metern hat. In der zweiten Etage hat Liz ihre Arbeitsräume, zugang zu ihrem Tonstudio über ihrem Lager und darüber drei Gästeräume. Über dem Bad ist der offene Speisesaal und ganz unten über der Küche ist Ambers Zimmer. Und bei den Angstellten ist in der zweiten Etage der Gemeinschaftsraum und zwei weitere Mini-Apartments.
Hinter dem Treppenaufgang ist ein halb versteckter Panikraum, der zu Akiras Zimmer umgebaut worden ist. Akiras eigenes Bad ist unter der Treppe – das ist geräumiger als es klingt.
In der vierten Fassung ist der Garten viel größer und auch besser nutzbar und Liz hat eine weitere Angestellte: Alice, die Gärtnerin.
Liz Wohnung hat einen recht minimalistischen Stil, weil sie alles andere in den unglaublich langen „Schuppen“ verbannt hat. Ihre Wohnung ist Dreh- und Angelpunkt besonders der früheren Kapitel.

2. Fassung Osiris Genom – Berlin Solomon

Achtung alle lieben Berliner, ganz tapfer sein: den Grunewald gibt es im Buch nicht mehr! Und einige andere Teile von Berlin auch nicht mehr.

Berlin Solomon

Ich hoffe man kann es einigermaßen lesen. Unten im Süden, die ordentlich große Fläche des BIT (Berlin Institute of Technologies) auf drei Standorten. Relativ zentral den Bahnhof Solomon Central, der auch ein Flughafen für VTOL Flugzeuge ist. Im Norden ist der Zoo, der in zwei Kapiteln eine Rolle spielt. Rechts oben ist die Solomon Akademie eine Mischung aus Uni und Berufsschule für bautechnische Berufe. Nicht zu vergessen das grüne Quadrat vom Platz der Nationen, wo ziemlich viel Handlung abläuft.
Natürlich sind viel zu wenig Haltestellen eingezeichnet, gemessen an der ordentlichen Fläche des Stadtteils, mir gings auch eher um das wesentliche. Es tut gut, wenn man eine Karte hat, an der man sich für das Buch orientieren und auch immer wieder etwas schmökern kann.

In der vierten Fassung ist aus Solomon eine eigene Metropole der Superlative in Brandenburg geworden, die zeig ich euch irgendwann bestimmt auch mal.

Buchrest „Dämmerung“ – Die Burg

SPOILER, für alle, die Dämmerung noch lesen wollen.

Dämmung war der Arbeitstitel für eine Buchfortsetzung eines mittlerweile gestrichenen Endes von der dritten Fassung des Osiris Projektes. Und auch nur schlanke 34 Seiten lang … so ein ver**** Mist! Aber menno, ich habe noch so viele angefangene Stories die ich alle irgendwie mal weiterschreiben muss. Und es werden immer mehr. Und wenigstens ein angefangenes Buch habe ich noch gar nicht veröffentlicht. Auch nur so 30 Seiten oder so … Gott-Sein aus der Perspektive des Underdogs, auch interessant.

Egal, Ted (der Sexist) und Akira, frisch ausgestattet mit den noch sehr schwachen Kräften von Halbgöttern, werden im Dschungel ausgesetzt um ihr Können im Überleben zu testen. Dabei stolpern sie über eine verlassene Burg und machen diese zu ihrem Stützpunkt.
Irgendwann entdeckt Ted, dass Teile der Burg vergraben wurden und fängt mit den Ausgrabungen an. Ich kann nur sagen, für das, was ich hundsgemeiner Autor da in der Erde verbuddelt habe, braucht der gute Ted mehr als nur eine Schaufel.

eingegrabene Burg von der Seite
Burg Clusterfuck von oben

Ja, das ist schon ein ziemlicher Klopper, der da in die Landschaft gekachelt wurde. Ich hoffe man kann das Geschmiere einigermaßen lesen. Es gab noch zwei Bilder von der Kaverne unter der Burg und dem großen Lageplan, aber der ist leider verschüttgegangen – den muss ich bei Gelegenheit nochmal neu zeichnen.

Für alle die sich wundern, warum das Ganze überhaupt vergraben wurde? Das ist wie in einem Videospiel, wo man Areale erst nach und nach freischaltet, denn allein schon durch den Almanach, wird Dämmerung total zur Vorlage für ein Spiel – finde ich zumindest.

Wer jetzt doch neugierig geworden ist, kann den Text HIER finden.

So, das waren erstmal die wenigen Lagepläne die ich habe. Habt einen schönen Tag 🙂

Die Legende der schwarzen Geister – Prolog

Ein heller Blitz durchzuckte den Himmel, gefolgt von einem mächtigen Donnern und grelles Licht erhellte die stockdunkle Nacht. Das Licht verschwand und erst tauchte schwarzer dann grüner Rauch auf.
   Lama Merten schreckte auf. Das war eine höchst sonderbare Vision gewesen. Er schlug die Augen auf und blinzelte gegen die grelle Mittagssonne an. Er saß in Meditationshaltung auf einem Felsen und versuchte sich an die Einzelheiten der Vision zu erinnern. Er stand auf und griff nach einem Schlauch mit feinstem Quellwasser, daraus trank er ein paar tiefe Schlucke und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er war riesig, die Bewohner des nahen Dorfes nannten ihn Bärenmann und bei dem Namen schmunzelte er. Natürlich gab es auch richtige Bärenmänner, aber in seinen 35 Lebensjahren war er noch auf keinen gestoßen. Wohl aber war er auf seinen Reisen den Katzenmenschen begegnet, Nomaden, die sonderbare Waren feilboten und als Diebe beschimpft wurden.
   Er streckte seine Glieder aus, trotz stundenlanger Meditation fühlte er sich frisch und ausgeruht. Allerdings verspürte er einen stechenden Hunger. Zeit spielte für ihn nur eine untergeordnete Rolle, dennoch wusste er, dass er seine letzte Mahlzeit bei Sonnenuntergang eingenommen hatte.
Er warf sich den Wasserschlauch um und machte sich auf den Weg zu seiner ehrenwerten Behausung, einer großen geräumigen Höhle. Rund eine Stunde lief und sprang er über Felsen und Steine den schmalen kaum sichtbaren Pfad entlang bis er den etwa Eingang der Höhle erreichte. Den Eingang zur Höhle markierte ein großer freistehender Stein in dessen glatte Oberfläche in einer verloren gegangenen Sprache die Worte eines heiligen Mannes geschrieben standen. Der Eingang war etwa doppelt so hoch wie Lama Merten, aber nicht sehr breit, er musste sich also schmal machen um hindurch zu passen. Durch den Eingang fiel nicht viel Licht dennoch war die Hölle im inneren hell und luftig, möglich machte das eine große annährend kreisrunde Öffnung in der Höhlendecke.
   Wie man es von einem Mönch erwarten würde lebte er recht bescheiden. In einer Ecke lagen einige Yakfelle und eine sorgsam zusammengelegte Decke aus dicker Wolle. Ein Kopfkissen brauchte er zum Schlafen nicht. Kochgeschirr, Werkzeug, Seile und Haken und einige Kisten und Säcke mit Vorräten lagerten am anderen Ende der Höhle. Ein Bogen mit Pfeilen lag auf dem Boden neben einem großen Rucksack. Daneben lehnte an der Wand ein langer Holzstab, der mit verwundenen Mustern verziert war. Der Stab war sein treuer Wegbegleiter und hatte ihn schon auf unzähligen Reisen begleitet. Er diente nicht nur als Stütze sondern auch als Waffe, gegen Banditen oder kleinere Raubtiere, gegen die großen Tiger half hingegen nur die Flucht. Nur ein törichter Mann würde die stolzen Könige der Berge angreifen. Was viele nicht davon abbrachte es dennoch zu versuchen. Es galt als große Ehre einen der Tiger in der Jagd zu erlegen, aber Lama Merten hatte keine wohlwollenden Worte dafür übrig. Auf seinen Reisen war er einmal einem Tigerjungen begegnet, das in eine Felsspalte gestürzt war und nach seiner Mutter schrie, die hilflos zusehen musste wie ihrem Kind die Kräfte schwanden. Er hatte das Jungtier geborgen und seiner Mutter wiedergegeben, die Lama Merten mit vorsichtigen Blicken bedachte und dann mit ihrem Jungen zusammen davongetrottet war. Seitdem hatte ihn nie wieder ein Tiger auf seinen Reisen gestört.
   Er war der Wächter des heiligen Tempels, der, einen kurzen Fußmarsch von hier entfernt, schon seit vielen Jahrhunderten Wind und Wetter trotze und den Bewohnern des kleinen Dorfes ein paar Meilen entfernt traditionell sehr wichtig war. Dort wurden die Geister des Tals befragt, Bestattungen und Hochzeiten abgehalten und der ein oder andere suchte Rat beim heiligen Wächter, ihm – Lama Merten. Er pflegte den Tempel, führte kleine Instandsetzungsarbeiten durch, entzündete Duftstäbchen und Kerzen und hielt Rituale und Zeremonien ab. Die Dorfbewohner bedankten sich dafür mit kleinen Geschenken. Reis, Gemüse, Obst, Gewürze und Tee, aber auch Schriftrollen mit Gebeten und Sprüchen großer Heiliger und schutzbringende Talismane.
Er hatte erst am Vortag die Geschenke in Empfang genommen und mit zu seiner Höhle genommen, also würde er erst morgen dem Tempel wieder einen Besuch abstatten. Außerdem ging ihm die Vision nicht aus dem Kopf. Visionen waren immer sehr vage, da war diese in ihren Ausführungen sehr deutlich gewesen. Ein Blitz, eine Sternschnuppe vielleicht? Der Knall und das Licht, vielleicht der Einschlag eines Objekts. Auf seinen Reisen hatte er in den heiligen Bibliotheken der Klöster von Augenzeugenberichten gelesen, die von der ungeheuren Kraft von Felsbrocken aus dem Himmel zeugten. Leider waren diese Berichte entweder nur sehr vage oder unglaubwürdig ausgeschmückt. Die Vorstellung, dass Felsen groß wie Häuser aus dem Himmel stürzen könnten behagte ihm ganz und gar nicht. Dennoch war das der Fall, einmal war er auf seinen Reisen an einem Krater vorbeigekommen, in dem ein kleiner See lag. Der Krater war von immenser Größe gewesen, gut eine Meile oder mehr im Durchmesser.
   Die Sache mit dem Rauch, der die Farbe wechselte, hatte ihn zutiefst irritiert. Schwarzer Rauch war Gang und Gebe, aber grüner Rauch? Davon hatte er hier noch nie gehört. Er würde sich bei den ehrenwerten Mönchen der umliegenden Klöster umhören müssen.
   In Gedanken versunken entzündete er einen kleinen Haufen Holzscheite in seiner Feuergrube. Nach wenigen Minuten prasselte ein lebendiges Feuer. Über der Feuerstelle stand ein Gestell aus geschmiedeten Eisen mit zwei Platten. Auf die eine Platte stellte er eine Kanne Wasser für Tee auf den anderen einen flachen Topf mit Wasser, Reis und frischem Gemüse.
Geduldig bereitete er den Essplatz unter dem Himmelsloch vor. Den Tee, den er aufgoss, hatte er von einem Reisenden geschenkt bekommen, der aus dem Westen kam. Der Geschmack war kräftig, hatte aber eine liebliche Note. Der Tee war Qualitativ viel besser als das meiste, das er bisher in seinem Leben in diesen Regionen getrunken hatte.
   Das gekochte Mahl war einfach, sättigte aber sehr. Zu dem Reis dazu as er Streifen geräucherten Fleisches. Die meisten Mönche ernährten sich vegetarisch, er hingegen nicht. Eine Vision hatte es ihm geraten und seitdem ergänzte er seinen Speiseplan mit meist getrocknetem oder geräuchertem Fleisch.
   Er genoss den wohltuenden Geschmack des Tees im Mund und das wohlige Gefühl im Magen, dass die Mahlzeit hinterließ. Dann stand er auf klaubte das Geschirr zusammen und machte sich auf den Weg nach draußen um es am nahe gelegenen Fluss abzuwaschen.
   Ein paar Minuten entfernt entsprang ein kleiner Wasserfall aus den Bergen und stürzte sich tief in einen kleinen See eiskalten Wassers. Der See war ziemlich Flach und man konnte einige Züge darin schwimmen, wenn einen die Kälte nicht störte.
   In Ruhe spülte er sein Geschirr ab als ihn ein helles Pfeifen aus seinen Gedanken riss. Er richtete sich auf und beobachtete den Himmel über ihm. Dort! Einige Meilen entfernt schoss ein kleines Objekt über den Himmel, genau wie in seiner Vision. Das Objekt zog einen feurigen Schweif hinter sich her und bewegte sich mit ungeheurer Geschwindigkeit dahin. Es raste steil dem Erdboden entgegen und würde mit ihm kollidieren, wenn es nicht die Flugbahn änderte.
   Er sah den Blitz, lange bevor er den Donner hörte. Ein Feuerball aus lodernden roten Flammen wölbte sich in den Himmel und formte dicke schwarze Rauchwolken. Lama Marten starrte angestrengt in die Ferne. Das Ding musste hinter einer Felskuppe oder einem Grat niedergegangen sein. Wenn er doch nur sein Fernrohr dabei hätte, aber das lag noch in der Höhle. Da, auf einmal strömte eine dünne Säule grünen Rauchs in die Höhe, in einiger Entfernung zu der Absturzstelle, die er von hier aus nicht sehen konnte. Alarmiert sprang er aus dem Wasser, raffte seine Sachen zusammen und rannte zurück zu seiner Höhle. Normalerweise war er kein Mann der Eile, aber die Dinge lagen nun anders. Die Vision war ein Zeichen. Das vom Himmel gefallene Objekt musste etwas Wichtiges bedeuten. Er schnappte sich den Rucksack und füllte ihn mit dem Geschirr, Kletterausrüstung und Vorräten für ein paar Tage. Die Wolldecke zurrte er zusammen und befestigte sie an seinem Rucksack, zusammen mit dem Bogen und dem Köcher. Diesmal durfte auch der Wanderstab nicht fehlen. Er sah sich noch einmal um und verließ dann eiligen Schrittes die Höhle.
Von dem Plateau auf dem seine Höhle lag konnte man die schwarze Rauchfahne gerade noch sehen und die grüne höchstens erahnen. Er konnte Entfernungen schlecht schätzen, aber würde sagen, dass es mindestens zehn Meilen waren. Dort gab es weder Straßen noch Wege und dort lungerten Gefahren in Form von Banditen und wilden Tieren.
   Ohne zu zögern marschierte er mit schnellen Schritten los, in Richtung des schwarzen Rauchs.

*

Nathan stand fröstelnd auf einer Laderampe und wartete, bis es an ihm war den Laderaum der großen Transportmaschine zu betreten und sich einen Sitzplatz zu ergattern. Neben ihn stand ein mittelgroßes Mädchen mit honigfarbener Haut und smaragdgrünen Augen, Ihr Haar war schulterlang und tiefschwarz, war aber von sonderbaren Strähnen in Grün und Hellbraun durchzogen. Sie nannte sich Meg und er hatte sie vor ein paar Tagen gerettet, nachdem sie ihm vor fünfzehn Jahren als Säugling geraubt worden war. Meg fror noch mehr als er, denn sie war die tropische Hitze gewohnt aber wohl nicht diese Eiseskälte. Meg trug all ihre Habe am Leib und das war nicht viel, ein Amulett, ein paar kunstvoll geschnitzte Ringe und ein paar einfache luftige Kleider, keine Schuhe.
Er hatte eine dicke Wolldecke um ihre Schultern geschlungen, zum einen um sie gegen die Kälte zum anderen vor unzüchtigen Blicken zu schützen. Das hatte ein kleines Mädchen nicht verdient.
Ihm hingegen hatte man seine übliche Kleidung genommen und ihm einfache Sachen aus groben Leinen gegeben. Sein Gewehr, seine Pistole, alles weg. Nur das Messer hatten sie ihm gelassen. Er wollte sie hätten es ihm auch genommen. Die Klinge war scharf und sauber, aber dennoch spürte er, wie in Gedanken das Blut dickflüssig von der Klinge hinab seine Wade hinab ran.
   Er blickte auf seine Hände. Ihm wurde schummrig und er meinte zu sehen, wie das Blut die Handinnenseiten herablief und zu Boden tropfte. Meg streckte eine Hand aus und zog ihm am Arm.
„Da Papa, es geht weiter“
Dass sie ihn Papa nannte versetzte ihm einen heftigen Stoß. Das hat er nicht verdient, niemand sollte ein so grausames und niederträchtiges Monster zum Vater haben.
   Man musste kein Genie sein um zu erkennen, dass ein Baumlanger schwarzer Waran und ein kleines Elfenmädchen nicht miteinander verwandt waren, aber Meg nannte ihn trotzdem Papa.
Die Schlange setzte sich in Bewegung und nun stand er in dem schummrigen rot beleuchtetem Frachtraum und sah sich nach zwei Plätzen um. Er hätte einfach drängeln und die anderen Passagiere zur Seite stoßen können, aber diesen Weg wollte er nicht mehr gehen und ihm fielen seine blutbefleckten Hände wieder ein.
„Papa komm.“
Selbstbewusst ging Meg durch den Laderaum, an dessen Seiten und in der Mitte Sitze angebracht waren, und steuerte auf zwei freie Sitzplätze am Ende des Laderaums zu.
   Sie sprang auf den Sitz und er zog die Gurte an und machte sie fest. Der Sitz war für einen Erwachsenen ausgelegt, nicht für ein Kind, aber nach etwas schieben und ziehen ging es dann doch sie sicher festzumachen.
   Er setzte sich nicht sofort sondern sah sich einen Moment um. Nicht sehr vertrauenserweckende Gestalten nahmen um sie herum ihre Plätze an und warfen ihm und Meg scheele Blicke zu.
Ein zerlumpter schlecht rasierter Mann trat an Nathan heran und raunte ihm ins Ohr
„Wie viel willst du für die Kleine?“
Nathan wusste nicht so recht was dann geschah, nur dass der Mann nun wimmernd auf dem Boden lag und Meg im Hintergrund laut lachte.
„Hey, weg da! Lass den Mann in Ruhe und setz dich gefälligst hin!“
Zwei große Warane in Kampfmontur stießen ihn zur Seite und kümmerten sich um den am Boden liegenden Mann.
   Irritiert wich Nathan zurück und setzte sich neben der freudestrahlenden Meg auf den freien Sitz.
„Dem hast du es aber ordentlich gegeben, Papa“ lachte sie und grinste ihn warmherzig an.
Da schmolz er dahin und ihm rollte eine Träne aus dem Augenwinkel, dann nahm er sie fest ihn den Arm.
„Ich hab dich auch sehr gern … Tochter“
Nach einer Weile kämpfte sich Meg aus der Umarmung und lehnte sich zurück. Nathan sah nachdenklich am Strom der Gestalten, die ins Flugzeug wollten, vorbei und nach draußen. Sein Blick wanderte an den Türmen, Plattformen und Blocks aus Stahl vorbei. Die schwimmenden Inseln waren nicht sehr schön, aber sie waren sein Zuhause, hier hatte er viele Jahre seines Lebens verbracht.
Niemand würde ihm zum Abschied winken, dachte er resigniert. Dafür hatte er sich zu viele Feinde gemacht und Freundschaften entzweit.
   Als alle Plätze belegt und sich alle angeschnallt hatten, erzitterte die Maschine und mit großem Dröhnen liefen die riesigen Triebwerke an. Meg neben ihm zitterte und hielt sich die Ohren zu. Er legte schützend einen Arm um sie und sah weiter nach draußen.
   Aus den Schatten war eine Gestalt getreten und winkte ihm zu. Die Frachtraumtüren schlossen sich, aber er konnte gerade noch das hämische Grinsen des Diebes erkennen. Seines kleinen Bruders.
Dann waren die Türen zu und verriegelt und mit immer lauter werdenden Turbinen bewegte sich das Flugzeug, sie hoben ab. Nathan und Meg wurden in die Sitze gepresst als sich der metallene Vogel ruckartig in die Höhe schwang. Nun flogen sie dahin, ihrer neuen Zukunft entgegen.

*

Konzentriert stand Lama Merten breitbeinig da, in der rechten Hand schwang er einen Wurfhaken. Vor ihm war ein tiefer Abgrund, wo bei einem Erdbeben der Hang weggebrochen sein musste.
Er zielte, mit den Augen wie mit dem Geiste und ließ den Haken los. Der zischte durch die Luft und verhakte sich in einer Felsspalte. Er zog fest daran und nickte dann zufrieden. Er schulterte wieder den Rucksack, warf den Wanderstab über den Spalt und umfasste das Seil mit festen Händen. Dann schwang er sich über den Abgrund.
   Er hatte voll auf sich und den Haken vertraut, dennoch war er erleichtert, als er wieder festen Grund unter den Füßen hatte. Er löste den Haken und rollte das Seil, an dem er befestigt war, wieder auf und griff nach seinem Stab.
   Er war nun schon den dritten Tag unterwegs. Das Feuer des Absturzes brannte immer noch, aber nicht mehr so stark. Der grüne Rauch hingegen war deutlich zu sehen. Er musste sich dennoch beeilen, er hatte die Hälfte seiner Vorräte aufgebraucht und es war unklar ob er hier Essbares finden würde. Die Landschaft war unwegsam und zerklüftet, er kam nur mühsam voran. Auch glaube er sich in der Entfernung verschätzt zu haben, die Strecke kam ihm viel weiter vor, als er es in Erinnerung hatte. Er trank einen Schluck kalten Wassers und ging dann weiter. Es wurde kalt, aber er lief trotzdem weiterhin barfuß. Im Rucksack trug er zwar ein Paar Yakfellstiefel mit sich herum, aber seinen Füßen ging es gut und er hatte immer das Gefühl er würde Behaglichkeit gegen sicheren Tritt tauschen, wenn er die Stiefel anzog.
   Jetzt musste es nicht mehr weit sein, der Rauch war ganz nah, aber er würde sich beeilen müssen, es dämmerte schon.
   Ein paar Minuten später hatte er die die Kuppe des Berges erreicht und später hinüber.
Er zückte sein Fernrohr und beobachtete die Vorgänge in dem kleinen Tal unter sich.
Am linken Ende des Tals brannten die Reste eines großen Metallvogels, der am Fels zerschellt war und eine Spur aus Trümmern hinter sich hergezogen hatte. Seltsam geformte Behältnisse aus Metall lagen überall zerstreut zwischen den Frackteilen. Der grüne Rauch stammte von einem großen Container etwas abseits, der anders als die anderen leuchtend grün angemalt war.
Was ihn aber am meisten beunruhigte waren die kleinen Gestalten die zwischen den Trümmern entlanggingen und mit magischen Lichtern die Umgebung absuchte. Von der Bekleidung her waren es Banditen, die hier in diesem Landstrich ihr Unwesen trieben. Zwei von den Gestalten hatten Gewehre, das bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er hatte einen Bogen und einen Stab, seine Gegenspieler allerdings zwei Gewehre und es waren mindestens fünf Banditen.
Aber die Box mit dem grünen Rauch musste sehr wichtig sein. Sie durfte auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.
   Er würde meditieren und Kräfte sammeln. Gesagt getan entledigte er sich seines Rucksackes und legte alle nicht so wichtigen Dinge ab. Er trank noch einen Schluck, und aß einige Bissen getrocknetes Fleisch. Dann setzte er sich im Schneidersitz hin und machte seinen Geist frei von allen störenden Einflüssen. Er hatte viele Jahre in verschiedenen Klöstern dieses Landes gelernt seinen Geist frei von allen weltlichen Einflüssen loszulösen um auf die höheren Ebenen des Bewusstseins vorzudringen.
Er löste seinen Geist von seinem Körper und in dieser Form bewegte sich schnell und geschmeidig wie eine Katze den Hang hinab ins Tal. Die Banditen waren in der Tat zu fünft, zwei von Ihnen hatten Gewehre, zwei alte Krummsäbel und einer, vermutlich der Anführer, eine Pistole. Sie hielten Stäbe mit magischem Licht und suchten nach etwas, der grünen Kiste allerdings nicht schien es, an der waren sie schon vorbeigelaufen.
   Er rief seinen Geist zurück in die materielle Welt und stand auf. Bewaffnet mit seinem Stab und seinem Bogen schlich er sich ins Tal. Er hatte die schnell näher rückende Dunkelheit auf seiner Seite.
In einem früheren Leben musste er ein Dieb oder ein Akrobat gewesen sein, so lautlos und behände glitt er ins Tal hinab, von Deckung zu Deckung.
   Sirrend schoss ein Pfeil durch die Nacht, durchschlug mühelos die rechte Schulter eines der Gewehrträger und nagelten ihn an ein Trümmerteil. Sein gellender Schrei durchschnitt die Nacht.
Panisch und alarmiert rannten die Banditen umher, die magischen Lichter hektisch mal hier mal dorthin umherzuckend.
   Der zweite Gewehrträger sah sein Schicksal nicht kommen, von hinten schlich sich Lama Merten an ihn heran und drückte zwei Punkte seitlich des Halses, wie ein gefällter Baum sackte der Mann zusammen. Er schleifte den bewusstlosen Körper weg und versteckte ihn hinter einem Felsen.
Jetzt war nur noch der mit der Pistole gefährlich, mit den beiden anderen würde er spielend fertigwerden.
   Die übrigen drei hatten zusammengerückt und standen Rücken an Rücken in einem kleinen Kreis. Lama Merten ließ einen leisen Fluch über die Lippen. Er musste den mit der Pistole ablenken und unschädlich machen.  Grübelnd hob er ein kleines Steinchen auf und warf es blitzschnell durch die Luft. Es traf einen der Säbelträger an der Schläfe und dieser fluchte lautstark in die Nacht.
Das war nichts. Wie ein Schatten umrundete er die Gruppe und versuchte es von der anderen Seite, dieses Mal war der Stein etwas größer und der Getroffene schrie schmerzvoll auf. Wieder war das Ergebnis das gleiche. Wenn er doch nur eine Schlinge für eine Steinschleuder hätte, dann sähe die Sache vermutlich ganz anders aus.
   Er spannte sich an, jetzt kam Bewegung in die Sache. Einer der Säbelträger löste sich von der Gruppe und wagte sich allein in die Dunkelheit. Wenige Schritte und er war hinter ihm, ein Druck am Hals und er fiel. Lama Merten fing den Körper auf und ließ ihn beinahe sanft zu Boden gleiten.
Jetzt waren es nur noch zwei. Der andere Säbelträger rief in die Dunkelheit hinein, Lama Merten verstand nicht um was es ging, aber es könnte ein Name sein.
   Die Pistole fuchtelte durch die Luft und rief nun ebenfalls. Lama Merten war nicht mit der Gabe für Sprache gesegnet und verstand ihn nicht. Jetzt konnten die beiden aber zumindest nicht mehr auf jeder Seite aufpassen. Er nahm lautlos Anlauf, sprang und rammte den Körper des Pistolenträgers gegen einen Felsen. Die Pistole flieg durch die Luft und schlug irgendwo in der Dunkelheit auf.
Der Mann sackte zusammen und regte sich nicht mehr.
   Der letzte verbliebene Bandit fuchtelte mit seinem Säbel in der Luft und schrie fast schon schrill. Vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, von einem riesenhaften Mönch, der sich lautlos wie eine Katze durch die Nacht bewegte, angegriffen zu werden.
   Lama Merten wirbelte mit dem Stab, als wäre Teil seines Körpers, dann schlug er blitzschnell zu. Unter dem ersten mächtigen Schlag brach das Kniegelenk und der zweite traf den Bandit am Kopf und fällte ihn abrupt.
   Nun waren alle Banditen ausgeschaltet und er konnte sich die grüne Kiste in Ruhe aus der Nähe ansehen. Er borgte sich ein magisches Licht von einem der Banditen und leuchtete die grüne Kiste von allen Seiten aus an. Sie war ganz aus Metall und grün angemalt. Auf einer  Seite war ein kleines Feld mit quadratischen kleinen Knöpfen mit Zahlen von null bis neun. Er besah es sich ratlos. Über dem Feld war ein kleines Kästchen, in dem in einem grünen Licht vier Nullen eingraviert waren. Wofür mag diese Apparatur gut sein. Ein kaum merklicher Spalt war in die Wand eingelassen und formte ein Quadrat. Er kniete sich hin und meditierte.
   Auch in der höheren Ebene fand er keine Hinweise, die ihn hätten weiterbringen können.
Am Ende seiner Ideen angekommen, tippte er viermal auf den Knopf mit der Null. Jedes drücken wurde von einem sonderbaren Piepen, wie von einem Vogel, begleitet.
   Er erwartete dass genau nichts passierte und umso erstaunter war er, dass von der Apparatur ein „Pling“ ausging und das Quadrat wie eine Tür nach außen aufschwang. Feiner Dunst entwich der Kiste und er beäugte das schwarze Loch misstrauisch. Schlagartig wurde es innen hell und er zog den Kopf wieder ein.
   Nach ein paar Minuten traute er sich wieder hoch und spähte in das lichtdurchflutete Ding. Es war ein kleiner annährend quadratischer Raum, etwa acht Fuß hoch und ebenso lang und breit und er war schief. Er lehnte seinen Stab an die Außenwand des Kastens und kletterte hinein.
Wo kam nur das ganze Licht her? Er sah sich um, am Boden, der Decke und den Seiten waren schmale milchige Klötze angebracht aus der das Licht drang. Er sah sich um. Auf jeder der drei Seiten (minus die Tür) waren Schränke aus Metall dessen Türen weiß lackiert waren.
   Probeweise öffnete er den Schrank links von sich. Er staunte. Da lehnten in einer Reihe aufgestellt einige lange metallene Objekte an der Wand, er nahm eins heraus und betrachtete es. Mit viel Fantasie könnte man es als Gewehr bezeichnen, aber es sah so viel anderweltlicher und sonderbarer als die Gewehre der Banditen aus, dass es bestimmt irgendetwas anderes war. Ratlos stellte er es wieder zurück. Darunter befanden sich kleinere Kisten aus Metall. Eine war aufgeplatzt und hatte ihren Inhalt auf dem Boden verbreitet. Zylindrische Objekte mit einer Art Kragen und abgerundeter Spitze. Mit gerunzelter Stirn kniete er sich hin und nahm einen der Zylinder in die Hand, so etwas hatte er noch nie gesehen. Das Ding war etwa so lang wie sein kleiner Finger, aber bei seinen riesigen Pranken war das nicht gerade klein. Das Material war Metall, aber es waren verschiedene Metalle. Komisch, die Spitze war grün angemalt, was das wohl zu bedeuten hatte? Er nahm sich vor einige der Objekte mitzunehmen und den Bewohnern im Dorf und den Mönchen der umliegenden Klöster zu zeigen. Er richtete sich auf und besah sich den Schrank rechts von sich. Dieser enthielt rote quadratische Päckchen, etwa so groß wie zwei große Ziegelsteine übereinander. Sie waren mit einem Zeichen bemalt, ein weißes Kreuz auf rotem Grund in einem weißen Kreis. Der Stoff war seltsam, so etwas hatte er noch nie gefühlt. Unglaublich fein und doch immens stabil. Die Päckchen waren nicht sehr schwer aber prall gefüllt. Auf der Hälfte war ein schmaler Besatz aus verzahnten metallenen Dreiecken die zu einem ovalen Plättchen mit einer Art Haken führte. Probeweise zog er an dem Haken und das ovale Plättchen glitt sanft wie eine Feder an dem Besatz entlang und öffnete einen Spalt. Verwundert zog er einige Male an dem Haken und führte das Plättchen vor und zurück. Dann öffnete er es ganz und das Päckchen zerteilte es in zwei Hälften. Im inneren befanden sich weitere transparente zylindrische Körper und Behältnisse aus einem seltsam glatten Material. Er nahm sich vor ebenfalls ein solches rotes Päckchen mitzunehmen, vielleicht konnte man den Inhalt noch gebrauchen.
   Nun aber der letzte Schrank. Der klemmte und nur mit all seiner Stärke konnte er ihn aufreißen. Die Türen knallten an die Seite und Lama Merten erstarrte. Mit offenem Mund starrte er in das Innere des Schrankes und konnte nicht begreifen, was er da gerade sah.
   Ein Behältnis lag darin. Eingebettet in einen Rahmen aus einem merkwürdigem schaumigen schwarzen Zeug. Das Behältnis war quadratisch, mit abgerundeten Ecken, aus einem weißen schimmernden Material. Die untere Hälfte verzierten flache Zylinder, Scheiben und Schläuche die allesamt zu leuchten schienen und in einer fremdartigen Sprache beschriftet waren. Die obere Hälfte war durchsichtig und darin befand sich eine zähflüssige bernsteinfarbene Flüssigkeit und darin schwamm etwas, was er nicht begreifen konnte. Ein kleines menschliches Baby. Ein Mädchen.

*

Liz schreckte aus dem Schlaf. Sie tastete im Halbschlaf nach der Lampe die sie neben sich abgestellt hatte und schaltete sie an. Die kleine Licht der Lampe war warm und golden. Sie war mit dem Buch auf der Brust eingeschlafen. Sie schüttelte sich. Wie spät es wohl sein mochte? Bestimmt war es tiefste Nacht. Nach einem Diener zu klingeln war vermutlich zwecklos. Sie schlug das dicke Fell zur Seite und streckte die nackten Beine in die Luft. Wie sie gelernt hatte befanden sie sich zwar in einer subtropischen Klimazone, aber um die Jahreszeit wurde es nachts trotzdem empfindlich kühl. Fröstelnd tastete sie nach dem Morgenmantel und schwang sich, die Lampe in der Hand, aus dem gigantischen Bett. Ihr Schlafgemach war riesig und die Lampe erhellte nur einen winzig kleinen Teil davon. Sie trat an eins der Fenster, stellte die Lampe vorsichtig aufs Fensterbrett und sah hinaus. Von hier oben sah man die Anfänge eines parkähnlichen Gartens, den sie mit dem alten Kaiman Tacitus erst kürzlich angelegt hatte. Tacitus war nett, weise und brachte ihr viele Sachen bei. Er wusste Erstaunliches und erzählte ihr oft Geschichten von seinen Reisen aus jüngeren Jahren. Sie mochte besonders die Geschichten in den Tropen. Am meisten faszinierte sie da die Unberührtheit der tropischen Regenwälder, deren größten Baumriesen fast zweihundert Meter in den Himmel ragten, und die exotische Fauna und Flora. Tacitus meinte immer scherzhaft dies sei kein Ort für ein ehrenwertes Fräulein wie sie.
   Ihr Blick wanderte weiter und hing an der hohen Wand mit der Krone aus Stacheldraht fest, die in regelmäßigen Abständen von hohen Wachtürmen gesäumt wurde.
Was gäbe sie doch um nur einmal einen Blick darüber werfen zu dürfen.

*

Der Dieb hörte auf zu Winken und steckte die Hand wieder in die Hosentasche. Es war kalt hier draußen. Aus sicherer Entfernung beobachtete er wie die riesigen Rotorblätter der Big-Hornet anfingen sich zu drehen und immer schneller wurden, dazu das begleitende Aufheulen und laute Dröhnen der gewaltigen Triebwerke. Vier Stück waren es, vorne zwei und hinten zwei an den Enden kurzer Flügel befestigt. Langsam lösten sich die Räder vom Boden und die Hornet hob vorsichtig ab. Dann ging die Sache ziemlich schnell. Die Hornet gewann schnell und zielsicher an Höhe und entfernte sich von der Plattform. In ausreichender Höhe kippten die vier Rotoren langsam in die Horizontale und das riesige Flugzeug wurde schneller und entfernte sich mit zunehmender Geschwindigkeit.
   Mit der Hornet verschwand auch sein Bruder. Endlich hatte er freie Bahn.
Er dachte an Meg, das kleine Mädchen aus dem Dschungel. Er hatte kurz ungestört mit ihr reden können und sie hatte ihm ein Geheimnis anvertraut, über den Sinn des Gesagten zerbrach er sich den Kopf und er würde noch nicht handeln können, denn die Sache brauchte viel Zeit und Planung.
Eine fröhliche Melodie pfeifend ging er wieder rein und die langen hell erleuchteten Gänge entlang. Alle, die ihm hier begegneten, schienen es ziemlich eilig zu haben. Sein Onkel Atakar hatte ihm durch einen Boten eine Nachricht zukommen lassen: er solle sich auf Flugdeck sieben begeben.
Und dahin war er unterwegs. Er kannte die knappen präzisen Anweisungen von Atakar nur zu gut.
Draußen schlug ihm wieder kalte Meerluft entgegen und er fröstelte, er hatte natürlich keinen Thermoanzug an, sondern nur seine übliche Kluft: kurze Hosen und ein kurzärmliches Oberteil aus Baumwolle.
   Flugdeck sieben war eines der kleineren Decks und er war gespannt was ihn erwartete. Er ging die letzten Stufen zum Deck hoch und hielt inne. Vor ihm stand, mit Sturmankern festgezurrt, eine zweimotorige Hornet. Eins von den kleineren Modellen, aber er konnte es nicht zuordnen. Sie ähnelte am ehesten den älteren Modellen, so wie der Sea-Hornet, aber sie war bauchiger, bulliger und eine Spur größer als die modernen Hornets. Ziemlich viel Stauraum, ging es ihm durch den Kopf. In eine normale Hornet passten zwei Piloten und etwa zwanzig voll ausgerüstete Soldaten. Diese war aber breiter und höher als eine normale Hornet und bestimmt kein reiner Transporter. Von denen waren hier so viele zu finden, dass die Reserveflieger in den Hangars Staub und Rost ansetzten.
Vor der Hornet auf dem Boden stand allerlei Ladegut. Fässer mit Treibstoff und Wasser, Holzkisten und Säcke mit Vorräten und große schwarze Plastikboxen, deren Inhalt er nur schwer erraten konnte.
Auf einer der Holzkisten saß ein junger Salamander, etwa in seinem Alter, in einem ölverschmierten Overall und studierte mit konzentriertem Blick die Inhaltsangabe auf einer Dose Ravioli.
Als der Salamander ihn bemerkte winkte er ihm zu.
„Bist du der Spezialist?“ rief er ihm zu.
Der Spezialist lächelte zufrieden, es kam viel zu selten vor dass man ihn einmal nicht mit Dieb anredete.
„Japp und du musst wohl der Koch sein“ antwortete er.
Der Salamander lachte, erhob sich von der Kiste und näherte sich dem Spezialisten.
„So nennte man mich wohl, aber ich bin noch viel mehr als das. In erster Linie fliege ich dieses Schätzchen hier“, er deutete auf die Hornet.
„Komm mit ich zeig dir alles.“
Und er drehte sich um und ging um auf das geöffnete Heck der Hornet zu.
„Vor dir steht eine prachtvolle Curvy-Hornet, schon etwas älter, die werden schon lange nicht mehr produziert. Früher gab es noch den Bedarf an einer Zwischengröße zwischen den kleinen Sea-Hornets und den größeren Fat-Hornets. Aber mittlerweile bauen sie die normalen Hornets einfach größer und haben die Curvy-Hornets damit obsolet gemacht. Das Schätzen hier habe ich auf einem Schrottplatz gefunden und wieder instandgesetzt, ich hab sie den gelben Albatros getauft, weil ich über die Jahre ziemlich viele Langstreckenflüge absolviert habe. So da wären wir“
Der Redeschwalle endete abrupt und er wies auf das schwach beleuchtete Innere der Hornet.
„Ladies first“
Er grinste.
   Der Spezialist betrat den Innenraum und staunte. Der Raum war unterteilt in verschiedene Parzellen und überall waren Schränke und Fächer für Stauraum eingebaut. drei Schlafkojen, eine schmale Küchenzeile mit Kochfeldern und Spüle. Sogar ein kleines Bad mit Toilette und Dusche. Funkgeräte, Kartenmaterial, Ausrüstung für alle die Gebiete aller Klimazonen. Auch ein großer Schrank mit Waffen, hauptsächlich Präzisionsgewehre, war vorhanden.
„Und gefällt’s dir?“
Der Salamander stand plötzlich neben ihm und strahlte ihn an.
„Sehr, ich hätte nicht gedacht, dass man so viel auf so wenig Platz unterbringen kann.“
„Genau und du hast längst nicht alles gesehen“
Sie gingen wieder raus und einmal um die Hornet herum.
„Die Triebwerke und Rotoren sind ziemlich neu, die haben viel Dampf und sind ziemlich effizient was den Treibstoff angeht. Die Außenhülle ist an den wichtigen Stellen gepanzert und kugelsicher gegen kleinkalibrige Geschosse. Cockpit ist kugelsicher, auch gegen größere Sachen. Treibstofftanks sind selbstabdichtend. Täuschkörper als Schutz gegen hitzesuchende Raketen, eine Speziallackierung gegen Radar und bewaffnet sind wir auch. Eine 30 mm Kanone im Turm unterm Cockpit und zwei schwere 12,5 mm Maschinengewehre starr nach vorn. Hinten oben zwischen den ‚Schulterblättern‘ ein versenkbarer Turm mit einer 20 mm Autokanone. An den Tragflächen sind Haltepunkte für Raketen und Treibstofftanks. Das wär’s glaube ich“
Der Salamander hielt inne und sah den Spezialist an.
„Ist das gut genug?“
Er grinste.
   Der Spezialist nickte, mehr als gut genug. Eine mobile Einsatzbasis hätte er sich niemals erträumt.
„Gut, dann würde ich vorschlagen, dass du nun dein Zeugs holst und ich den restlichen Krams hier einlade. Wir treffen uns hier in sagen wir einer halben Stunde. Komm aber nicht zu spät“
Der Spezialist nickte und verließ das Flugdeck um sein Gepäck aus seiner Kabine zu holen. Viel war es eh nicht: seine Thermoausrüstung, ein paar Kleider, ein paar alte Bücher und Aufzeichnungen. Er hatte nicht sehr viele Habseligkeiten. Fünfundzwanzig Minuten später stand er wieder auf Flugdeck sieben. Der gelbe Albatros war startbereit und die Leinen waren gelöst. Ein Hauch von Kerosin lag in der Luft.
   Der Salamander war gerade dabei die letzte Kiste Ravioli in den Laderaum zu tragen. Er nickte ihm zu.
   Der Spezialist verstaute seine Habe und kletterte nach vorne ins geräumige Cockpit durch wo er auf dem Sitz des Copiloten Platz nahm. Kurze Zeit später gesellte sich der Salamander zu sich und nahm ebenfalls Platz, auf dem Pilotensitz.
„Bevor wir starten müssen wir noch eine wichtige Sache klären: wie ist dein Name? Dieb oder Spezialist sind ja eher Codenamen, aber so will ich dich nicht ansprechen, sonst komme ich mir vor wie in einem billigen Spionage-Roman. Also, nenn mich Xen, das ist die Abkürzung für irgendwas ganz schrecklich Kompliziertes.“
Der Spezialist grinste, er ahnte dass er sich mit Xen ziemlich gut verstehen würde.
„Ich heiße Ted, mit vollem Namen Tadeus, aber so nennt mich keiner.“
„Gut zu wissen Ted. Jetzt gilt nur noch zu klären wo es hingeht. Man sagt du beschaffst … Dinge“
„Das ist korrekt“
„Und was beschaffst du als nächstes?“
Ted grinste und zog ein altes zusammengerolltes Pergament aus einer Tasche und hielt es Xen ausgerollt hin. Dessen Augen fingen an zu leuchten.
„Hehe, das ist vielversprechend. Schnall dich an und halt dich fest Ted, es geht los.“
Und damit dröhnten die Motoren los und der Albatros fing an zu vibrieren.
Ted lehnte sich voller Vorfreude zurück. Er spürte es, sie würden in ein Abenteuer fliegen.

*

Das Osiris Genom – 1. Kapitel

Ich red jetzt nicht viel, die Hintergründe zum Kapitel schreibe ich woanders hin und werde sie hierher verlinken, ich will das aber einfach ein bisschen trennen.
Downloadlink gibts hier: LINK. Erstes Buch, erstes Kapitel, gleich voll durchstarten. Viel Spaß.

1.     Kaz – Dez. 2052 – Allein

Er wusste diesen Omega Hound, den ihm sein bester Freund Horatio Blazkowicz, mit Spitznamen Xen, zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt hatte, sehr zu schätzen. Ein mächtiger völlig lautloser Elektromotor schlummerte unter der Haube und die Batterie bestand aus völlig neuartigen Materialien und hatte eine irre große Reichweite. Seinen Hound, den er liebevoll Percy getauft hatte, war bis unter das Dach vollgestopft mit seiner Camping- und Jagdausrüstung. Er hatte sich mit ein paar Freunden in Montana auf eine Jagd in den winterlichen Bergen verabredet. Eigentlich war ihm das im Dezember zu kalt, aber er hatte sich dann doch breitschlagen lassen. Einem Navy SEAL wie Simon konnte man immerhin schlecht absagen.
   Er fuhr eine recht kurvige Straße durch einen riesigen Wald mit Nadelhölzern. Eine schöne Gegend und er hatte die Fenster runtergefahren und genoss bei recht langsamer Fahrtgeschwindigkeit und nahezu lautlosem Motor die Geräusche der Natur. Dann hörte er plötzlich lautstarkes Hupen hinter sich und ein Wagen überholte ihn. Ein generischer SUV rollte an ihm vorbei. Eine Frau mit kurzen braunen Haaren warf ihm vom Beifahrersitz einen giftigen Blick zu und im Fond streckte ihm ein Mädchen im Teenager Alter frech die Zunge heraus. Pff, sollten sie ihn doch überholen, er war ohnehin viel zu früh dran. Er fuhr eine halbe Stunde gut gelaunt weiter, bis er aus der Ferne lautstarke Rockmusik vernahm, dazu das Rattern von automatischen Waffen. Verdammte Scheiße, Clowns! Er fuhr die Kugelsichere Seitenscheibe hoch und beschleunigte.
   Da, der SUV von vorhin lag schief im Straßengraben, gegen einen Baum gekracht und eine Rauchwolke drang aus dem Motor, lange Bremsspuren zierten die Straße. Ein Konvoi der Clowns parkte auf der Straße. Zwei Pickups und ein Mannschaftswagen, alle grellbunt lackiert und mit Parolen der Clowns beschmiert. Offene MG Türme waren auf der Ladefläche der Pickups montiert. Ein paar Typen mit Clownsmasken standen auf der Straße mit Waffen in den Händen. Lautlos hin oder her, sie würden ihn bald bemerken. Die dreckigen Wichser. Terroristen und Mörder. Und man schimpfte ihn einen Waffennarren und einen Psychopaten. Na dann wollen wir doch mal sehen.
   Adrenalin pumpte durch seinen Körper als er die laute dröhnende Hupe betätigte und feste aufs Gas trat, der schwere gepanzerte Geländewagen beschleunigte sofort und donnerte die Straße entlang. Das vordere MG nahm ihn aufs Korn und Kugeln prasselten auf die Windschutzscheibe, wo sie wirkungslos abprallten. Er wurde immer schneller und schneller und rauschte heran. Die Clowns auf der Straße bewegten sich hektisch in alle Richtungen. Den ersten Clown erwischte er volle Kanne frontal und wurde durch die Luft geschleudert. Den zweiten streifte er und dieser ging mit einem qualvollen Aufschrei zu Boden. Fünfzig Meter weiter machte er einen U-Turn und bremste ab.
   Der erste Clown regte sich nicht mehr, der zweite wälzte sich verkrümmt auf dem Asphalt.
Er griff ins Handschuhfach und entsicherte seine FN Five-Seven, dann fuhr er an den zweiten Clown heran öffnete die Fahrertür und schoss dem Bastard in den Kopf. Das MG wummerte weiter wirkungslos. Er hielt an stieg im Schutze der gepanzerten Fahrertür aus und flitzte zum Kofferraum wo er das beinahe griffbereite Heckler und Koch MR223 nahm und sich eine Schutzsichere Weste umschnallte, das dauerte keine dreißig Sekunden. Dann lugte er um das Auto herum, das MG hatte aufgehört zu feuern und er schoss ein paar Schüsse auf den Schützen ab. Ein Aufschrei zeigte ihm, dass er getroffen hatte. Mit einem Kopfschuss servierte er den Verletzten ab. Der übrige Konvoi suchte das Heil in der Flucht und die Dreckssäcke entkamen ihm leider. Missmutig prüfte er ob die Clowns alle auch wirklich tot waren und rannte dann zum SUV. Wahrscheinlich nur eine unglückselige Familie zur falschen Zeit am falschen Ort. Der Mann am Steuer war von Kugeln durchsiebt worden, ebenso die Frau auf dem Beifahrersitz. Er dachte an das Mädchen, das ihn ein bisschen provoziert hatte. Hastig öffnete er die Tür zum Fond. Großkalibrige Munition hatte den Körper des Jungen von vielleicht zwölf Jahren regelrecht zerfetzt. Auf der anderen Seite öffnete er die Tür und sah das Mädchen zusammengekauert und reglos, sie hatte eine Platzwunde und war bewusstlos. Schien aber bis auf ein paar Streifschüsse wie durch ein Wunder unverletzt. Er barg sie aus dem Wagen, sie wog nicht viel, und trug sie zu seinem Omega. Er setzte einen Notruf ab und grübelte. Wahrscheinlich würde man das als Verkehrsunfall abstempeln. Alle hatten Angst vor der Terrorherrschaft der Clowns und keiner wollte der Nächste sein. Wenn man ihn hier fand, war er der Nächste auf der Liste, das war ihm klar, abgesehen davon dass ihn die korrupten Cops wegen mehrfachen Mordes einsperren würden. Auf die Toten wartete nur noch eine Beerdigung, man konnte nichts mehr für sie machen. Aber das Mädchen lebte noch. Er verstaute seine Sachen im Wagen und schnallte das Mädchen auf dem Beifahrersitz des Hounds fest. Er öffnete den Kofferraum des SUVs und guckte nach ob er Gepäck fand. Jede Menge. Sein Blick fiel auf einen großen grünen Wanderrucksack und er öffnete ihn, Laptoptasche und provozierende Mädchenunterwäsche ganz oben, den nahm er mit. Dann machte er sich auf die Reise nach Hause, die Clowns würden mit Verstärkung zurückkommen und ihn suchen, besser er verschwand von hier und sagte seinen Kumpels Bescheid. Im Auto drehte er das Radio auf und wählte einen Codec der nur den Anhängern des Widerstandes gegen die Clown Brut bekannt war. Er hatte in der Gesäßtasche des Mädchens einen Geldbeutel mit ihrem Ausweis gefunden, ungewöhnlich dass sie keine Handtasche besaß. Sie hieß Amber Straub, ein schöner Vorname.
   Meldungen von weiteren Angriffen der Clowns erreichten ihn während er missmutig zügig weiterfuhr. Nach einer Stunde erreichte ihn eine alarmierende Nachricht.
„Achtung an alle, in Montana wurde die arme Familie Straub ausgelöscht. Andy Straub, US-Marine, mit seiner Frau Josephine und seinem Sohn Josef. Dazu kamen die Großeltern bei einem von den Clowns gelegten Feuer ums Leben. Von der 16 Jahre alten Amber Straub fehlt jede Spur, gut möglich dass die Clowns sie in ihrer Gewalt haben. Das war ein schwarzer Tag für das freie Amerika, passt auf euch auf Leute.“
   Er drehte das Radio wieder leiser und trat ordentlich aufs Gas bis die Nadel auf der 200 km/h Marke stand, ganz schön schnell für einen dicken vollbeladenen SUV.
Als die Sonne unterging wachte das Mädchen auf.
„Huh? Hey, wer zum Teufel sind Sie? Wir haben Sie doch überholt, Sie sind der Typ in dem fetten schwarzen Geländewagen. Was machen Sie mit mir? Ich will sofort zu meiner Familie zurück!“
Verdammt, was sollte er ihr sagen, dass ihre Familie soeben abgeschlachtet wurde?
„Wie soll ich es sagen, deine Eltern hatten einen Unfall und jede Rettung kam zu spät.“
Sie sah ihn von der Seite her lange an.
„Ich hab Schüsse und Schreie gehört. Verarsch mich nicht man!“
„Ok, die Clowns haben deine komplette Familie ausgelöscht, ist dir das lieber?“
Ihre Augen wurden riesengroß und füllten sich mit Tränen, dann wischte sie sie sich trotzig weg und ließ sich in den Sitz sinken. Sie heulte nicht, sie saß einfach nur schweigend da und sah aus dem Fenster. Nach einer halben Stunde sah sie wieder zu ihm rüber.
„Wohin fahren wir? Können wir eine Pause machen?“
„Texas und solange wir in Montana sind halt ich nicht an, ohne Backup lege ich mich nicht mit den Clowns an. Wenn du pissen musst, lass es laufen oder nimm die Stauente die unterm Sitz liegt, die hat einen Adapter … für Frauen.“
„Iii, nein danke. Ich hab Hunger.“
„Ich hab Sandwiches in der Box auf dem Rücksitz. Daneben ist eine Wolldecke wenn dir kalt ist. Aber ich such uns erst etwas zum rasten wenn wir Wyoming erreicht haben.“
Sie schnallte sich ab und schob sich während der Fahrt an ihm vorbei nach hinten, wo sie sich auf der Rückbank im großen Fond bequem machte und sich in die Decke einwickelte. Entweder stand sie noch total unter Schock oder sie war echt richtig tough. Jetzt machte sie sich dick eingekuschelt über eins der Sandwiche her, dass er sich mitgenommen hatte.
„Ich hoffe du kochst besser als dass du Sandwiches machst.“
„Das hab ich mir unterwegs gekauft. Ich kann kochen. Sei mal nicht so frech, ich hab dir das Leben gerettet!“
Im Rückspiegel sah er ihr zerknirschtes Gesicht.
„Sorry, ich schätze ich verdanke dir mein Leben. Aber was soll ich jetzt machen? Ich will nicht ins Heim zu all den anderen traurigen Seelen die ihre Eltern durch diese Clown Wichser verloren haben!“
Er dachte einen Moment nach, das hatte er nicht so recht durchdacht.
„Du könntest fürs erste bei mir unterkommen. Ich frag den Widerstand um Hilfe was ich mit dir anstellen soll.“
„Hast du ein Haus?“
„Eine kleine Farm trifft’s eher. Ich hoffe du kommst mit Tieren klar.“
„Ich denke schon, ich glaube ich kann mit Tieren sprechen, aber das glaubt mir keiner. Hast du ein Haustier? Eine süße Katze oder einen Hund?“
Er zögerte.
„Ich habe einen Alligator namens Kasimir. Er hat zwar kein flauschiges Fell aber er ist völlig zahm.“
Im Rückspiegel sah er wie sie ihn entgeistert anstarrte.
„Gibt’s in Texas eigentlich nur Irre? Wehe du vergewaltigst mich und verfütterst mich an das Vieh.“
Etwas beleidigt, dass sie ihn irre genannt hatte, auch wenn er einräumen musste, dass da ein bisschen was dran war.
„Willst du, dass ich anhalte und dich wieder aussetze, vielleicht kommen ja noch ein paar nette Clowns vorbei, die dir den Rest geben oder mit dir machen, was du mir nur vorwirfst?“
Ups, das war zu viel gewesen, das Mädchen verlor die Fassung und heulte jetzt hemmungslos. Tränenbäche strömten ihr übers Gesicht und es schüttelte sie regelrecht. Er fuhr langsamer und hielt gänzlich an. Als er sich zu ihr hin nach hinten beugte, geriet sie in Panik und schrie und versuchte ihn zu schlagen. Er schnallte sich ab und kletterte halb nach hinten und umarmte sie fest in der Hoffnung dass sie sich wieder fangen würde. Sie trommelte erst auf seinen Rücken ein, gab aber nach kurzer Zeit auf und hing einfach nur heftig schluchzend in seinen Armen.
   Er war so im Moment des zu trösten Versuchens, dass er völlig blind für alles andere war. So bemerkte er nicht die Rockmusik die immer lauter wurde.
   Dann erzitterte die Heckklappe des Wagens plötzlich unter Kugeleinschlägen.
Fuck! Er hechtete zurück ins Cockpit und trat hektisch auf Gas, der Hound machte einen Satz und sie düsten los, einen Blick in den Rückspiegel zeigte ihm zwei bewaffnete Pickups. Amber hatte ihre Trauer vergessen und duckte sich in den Rücksitz. Die aufgemotzten Pickups hatten den Vorteil, dass ihr Ziel fast schon überbeladen und träge in der Beschleunigung war. Sein Fahrrad, das er an die Rückklappe geschnallt hatte, wurde sicherlich von den Kugeln demoliert, immerhin war es nicht sehr teuer gewesen. Er drückte auf einen Knopf am Armaturenbrett.
„Hal wach auf, ich brauch deine Hilfe! Ich werde von zwei Pickups der Clowns verfolgt. Sieh zu dass du ihre Kommunikationskanäle blockierst, damit sie keine Hilfe rufen können. Und ich hoffe die Extras die ich eingebaut habe funktionieren auch so wie ich mir das erhoffe.“
„Sehr wohl Sir.“
Amber hinten starrte ihn angsterfüllt an.
„Hey Amber mach dich nützlich. Hinter dem Fahrersitz ist eine Kiste, mach die auf und gib mir ein paar von den Granaten nach vorne!“
Sie starrte ihn ungläubig an.
„Bist du taub Mädchen?“
Brüllte er jetzt. Amber schnallte sich ab und wühlte sich durch den Berg an Gepäck und Krempel zu der besagten Kiste. Nach ein paar Minuten schob sie ihm zitternd ein paar zylindrische kleine Bomben nach vorne. Smart Bombs, die er selbst gebaut hatte. Sie besaßen einen superstarken Elektromagneten, der sich am Boden von Autos heften konnte. Er fuhr das Fenster ein Stück herunter, machte die Bomben scharf und warf sie aus dem Fenster, dass er sofort wieder hochfuhr.
Sie hatten Glück, der rechte Pickup wurde von den Rädern gehoben und verging in einem Feuerball. Der andere wich dem brennenden Wrack aus und beschleunigte. Schüsse peitschten über die Außenhaut des Hound, penetrierten aber nicht, es lebe Omega. Der Pickup hatte eine große Kabine und Beifahrer und Rückfahrer kurbelten hektisch die Scheiben herunter, Uzis und Sturmgewehre in Händen. Kugeln prasselten auf die Seitenscheiben und prallten wirkungslos ab. Kaz kurbelte nach links und versuchte den Truck zu rammen, sofort verzogen sich die Typen mit Clownsmasken ins Innere und der Pickup beschleunigte. Er grinste plötzlich breit und ging in die Eisen. Dann drückte er auf einen Knopf und aktivierte seine eingebaute Bewaffnung die jetzt hoffentlich auch funktionierte.
Eine 20 mm Autokanone wummerte tief dröhnend los, die er auf dem Dachträger montiert hatte, und stanzte mit panzerbrechenden Sprenggranaten faustgroße Löcher in den Pickup vor ihm. Nach wenigen Sekunden Dauerfeuer schlingerte der Pickup und krachte gegen einen Baum, während Flammen aus dem Motorblock aufstiegen. Zufrieden grinsend gab er wieder Gas.
„Hal, irgendwelche Meldungen von Clowns oder Cops in der Gegend?“
„Mir ist nichts bekannt Sir, gute Fahrt Sir.“
„Danke dir, wir sehen uns.“
Er warf einen Blick nach hinten um nach Amber zu sehen, die sich gerade wieder aufrappelte und sich anschnallte. Sie starrte ihn wieder ungläubig an.
„Bist du James Bond oder sowas?“
„Nein nichts dergleichen auch wenn ich ein großer Fan der Filme bin, zumindest der alten. Ich bin nur ein Mechaniker, Bastler und Waffennarr, der nicht hilflos im Angesicht der Clown Banden sein will. Hast du ein Problem damit?“
„Wie viele Leute hast du heute getötet?“
Er dachte einen Moment nach.
„Ich hab nicht gezählt, aber Clowns sind keine Leute, die sind einfach nur Abschaum der beseitigt werden muss. Mit denen hab ich kein Mitleid, mir tun eher Unschuldige wie deine Familie leid, die einzig und allein ins Fadenkreuz geraten, weil einige von ihnen Teil des Militärs sind oder sich ihrer Herrschaft widersetzen.“
Plötzlich klingelte sein Handy und er nahm den Anruf über die Freisprechanlage an.
„Scheiße nochmal Kaz wo steckst du nur? Wir haben die Sache mit den Clowns im Radio gehört.“
„Ich bin kurz vorm Ziel umgedreht, ich bin an einem Konvoi der Clowns vorbeigekommen.“
„Verdammt, geht’s dir gut?“
„Mir geht’s bestens, ein paar der Clowns eher weniger. Die Schweine haben wieder eine Familie abgeschlachtet. Ich hab die Tochter retten können und sie sitzt bei mir im Wagen. Ich fahr erstmal wieder runter nach Texas und stell mich neu auf. Leider geht dadurch unser Trip hops.“
„Amber Straub ist bei dir? Gott sei Dank. Wir gehen dann auch erstmal auf Tauchstation, ich hätte nicht gedacht, dass es in Montana so viele Clowns gibt. Gut dass du ein paar ausgeschaltet hast. Ich schätze ich sollte mir auch so einen Omega besorgen und Clowns jagen, aber die Kisten kann ich mir leider nicht leisten. Ich hab gehört dass unsere Freunde im Widerstand Trucks und LKWs mit Stahlplatten verstärken und eigene Konvois bilden um diese Brut zu stoppen. Leider hab ich Frau und Kinder, sonst würde ich glatt mitmachen. Ich schätze das Mädchen wird erstmal bei dir bleiben, schwierige Situation, das bekommen wir schon irgendwie geregelt. Mach’s erstmal gut. Wir fahren jetzt ein Stück in die Berge und bunkern uns irgendwo ein bis sich die Sache ein bisschen beruhigt hat. Tschüss und pass auf dich auf.“
Amber im Fond kaute auf ihrer Unterlippe und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.
„Bist du im Widerstand von dem alle heimlich sprechen?“
Er zögerte, wenn sie ihn verpfiff, saß er tief in der Scheiße.
„Ja, schon irgendwie. Wie du eben gesehen hast.“
„Und warum hat der Typ dich Kaz genannt, das klingt doch total nach einem Fantasienamen?“
„Kaz ist die Abkürzung für Katsuro, mein zweiter Vorname. Ich hab eine japanische Mutter.“
„Stimmt, siehst auch ein bisschen asiatisch aus. Irgendwie ein bisschen wie Keanu Reeves.“
„Dass du den überhaupt kennst finde ich fiel erstaunlicher, jung isser auch nicht mehr.“
„Ich mag halt alte Actionfilme, die laufen ab und an im Fernsehen.“
„Sowas gibt’s noch?“
„In Montana schon, ich hatte einen Fernseher in meinem Zimmer, der lief immer nebenbei, wenn ich gezockt habe. Hast du eigentlich auch einen richtigen Namen?“
„Ja hab ich: Sebastian Katsuro Solomon.“
Sie runzelte die Stirn.
„Du sagst das so, als müsste mir das was sagen. Keine Ahnung wer du bist.“
Sie hielt inne.
„Solomon. Das ist doch so ziemlich die mächtigste Familie die Welt dank Solomon Industries und Horizon. Ich glaube das ist Zufall.“
Er wurde rot und ein verlegenes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.
„Doch ich gehöre zu der Familie, Herbert Solomon ist mein Vater. Ich bin das schwarze Schaf der Familie, der Familientrottel, wie mein Bruder zu sagen pflegt. Eigentlich bin ich Autor, allerdings schreibe ich unter einem Synonym. Ich bin nicht mal erfolgreich genug um über die Runden zu kommen. Würde ich unter meinem Familiennamen veröffentlichen  würde ich mich doch nur zum Gespött der Leute machen. Sollen diese Idioten doch glauben, dass ich ein erfolgloser Trottel bin.“
Bitterkeit lag in seiner Stimme.
„Das bisschen Geld, das ich so durch den Erlös der Bücher bekomme, reicht von hinten bis vorne nicht. Ich kann dich also nicht wirklich verwöhnen, wenn du dir das erhofft hast. Deshalb mache ich viele andere Sachen zusätzlich. Aber eine tüchtige Hand könnte ich auf meiner Farm echt gut gebrauchen.“
„Wann sind wir da?“
„Ab und zu muss ich auch den Wagen aufladen und eine Runde schlafen, ich denke in ein paar Tagen. Ich denke ich fahre die Nacht durch und such uns dann irgendwo abseits ein Fleckchen, wo wir erst auftanken und dann ein wenig rasten können. Im Kofferraum hab ich einen Sack mit Nahrungsmittel, so Fertigsachen und Riegel fürs Backpack-Tracking von NOX, die schmecken ziemlich gut. Motels und Raststätten würde ich erstmal meiden wollen, die werden oft von den Clowns observiert oder kontrolliert. Ich hab schon Geschichten von Leuten gehört, die in einem Motel spurlos verschwunden sind. Am besten wir schlafen nachts im Wagen. Ich geb dir meinen Polar-Schlafsack und ich wickel mich in die Decke ein, die du hast, notfalls kauf ich noch Decken. Hier wird es nachts ganz schön kalt und um die Batterien zu schonen heize ich über Nacht ungern.“
„Kannst du dann trotzdem die Heizung ein bisschen hochdrehen, ich bin leider ne totale Frostbeule, auch wenn ich in Montana mit ziemlich kalten Wintern aufgewachsen bin. Und es wäre toll wenn du noch ein paar schöne warme Decken kaufen könntest wenn es dir nichts zu sehr ausmacht. Hast du zufälligerweise mein Handy gesehen?“
„Sorry, darauf habe ich nicht geachtet.“
„Fuck, ich hatte es im Auto, es muss mir beim Crash wohl aus der Hand gefallen sein. Mist!“
„Wozu würdest du es denn jetzt verwenden wollen?“
„Ein bisschen Musik hören oder Filme gucken, das mache ich immer auf so langen Fahrten.“
Kaz fuhr langsamer und öffnete das Handschuhfach. Er kramte sein Ersatztelefon und eine kleine Dose mit Kopfhörern heraus und reichte sie nach hinten zu Amber.
„Hier, nimm erstmal das da, das hat eine Datenflatrate.“
Ihre Augen wurden groß.
„Scheiße, das ist ein Prism!“
„Ja, wenn auch nicht mehr das neuste Modell.“
„Vielen Dank, das ist so cool. Ich hab von den Dingern immer nur gehört, aber ich kenne niemanden der tatsächlich eins besitzt, die sind ja noch teurer als ein iPhone!“
„Dafür sind sie auch in jeder Hinsicht besser, leistungsstärker, verschlüsselt und verwenden das Betriebssystem HALOS.“
Sie runzelte die Stirn.
„Moment, ein Prism kostet viertausend Dollar aufwärts und du hast so eins ungenutzt im Handschuhfach rumliegen. Und dann willst du mir erzählen dass du ein armer Schlucker bist. Das passt doch einfach nicht zusammen!“
Er fluchte, dass sie es bemerkt hatte.
„Ich hab über die Jahre ein paar Freundschaften geknüpft. Ich kenne Monsieur Hugo, den Leiter von Prism persönlich und wir sind gute Freunde, er schickt mir jedes Jahr das aktuelle Topmodell zu. Ähnlich verhält es sich mit Mary Ann von Lambda, Sir Henry von Nox, Horatio Blaskowicz  von Omega und ein paar anderen. Ich räume ein, das ist schon ganz praktisch.“
Er sah im Rückspiegel wie sie mit den Schultern zuckte und sich die Kopfhörer einstöpselte, verband sich mit dem Prism und tippte darauf herum und hielt es anschließend quer im Schoß. Mit angewinkelten Beinen machte sie es sich dick eingewickelt in die Wolldecke bequem und schien schnell in ihrem Film oder einer Serie zu versinken. Lächelnd fuhr er durch die Nacht auf dem Weg in die sichere Heimat.

*

Gegen Mittag des nächsten Tages bog er auf den Parkplatz einer Omega Tankstelle ein. Die schwer bewaffneten Sicherheitskräfte am Tor hoben die Hand zum Gruß. Er kam viel in den Staaten herum und man kannte sich von früher. Er stellte sich auf eine überdachte Ladestation. Amber wachte schlaftrunken auf und streckte sich.
„Omega Tankstellen sind quasi ein sicherer Hafen und sicher vor Clowns. Schüttel dir ruhig mal die Beine aus und geh ein paar Schritte, das Aufladen wird ne Weile dauern. Deshalb gibt’s hier immer mindestens ein hochklassiges Diner und einen Laden wo du alle möglichen Sachen kaufen kannst. Oft auch eine komfortable Unterkunft, wenn die Reparaturen länger dauern oder man über Nacht bleiben möchte. Hast du Hunger?“
Amber nickte eifrig und schälte sich aus ihrer Wolldecke. Er sah wie sie fröstelte als sie ausstieg, immerhin war es Dezember und sie trug nur Jeans und einen Kapuzenpulli. Verdammt, er hätte nach ihrer Jacke suchen sollen. Er nahm sich vor ihr eine neue bei Gelegenheit zu ordern. Puh es war wirklich ziemlich kalt. Er stöpselte schnell das Ladekabel an und guckte in der Omega App wie sich der Ladestand langsam erhöhte. Bis zum vollen Akku hatten sie rund zweieinhalb Stunden Zeit. Zur Sicherheit schob er sich seine FN Five-Seven in den Hosenbund und schloss den Wagen ab, dann ging er mit Amber, die schon bibbernd auf ihn wartete und ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpfte, in Richtung Diner. Drinnen war es angenehm warm und sie suchten sich ein Plätzchen wo es schön gemütlich war. Außer ihnen waren nur zwei weitere Leute anwesend. In den Ladestationen steckte eine große LKW Zugmaschine mit geräumigen Wohnabteil hinter dem Führerhäuschen und in einer anderen ein unauffälliger leicht vereister blauer Kleinwagen.
   Die Bedienung näherte sich ihrem Tisch und sie bestellten zwei Frühstücksteller und Kaffee und für Amber noch einen Orangensaft. Der Kaffee und der Saft kamen sofort und das Mädchen umfasste mit beiden Händen den Becher um sich aufzuwärmen.
„Du wirst schon sehen, dass Essen hier ist köstlich.“
Sie sah ihn nur zweifelnd an und trank einen Schluck Kaffee. Sie hob zumindest schon mal anerkennend die Brauen.
„Der Kaffee ist ziemlich gut muss ich sagen. Der Saft auch. Ich hoffe in Texas gibt’s auch Orangensaft, davon kann ich nämlich nicht genug bekommen und das ist ja wichtig wenn ich jetzt quasi bei dir wohnen soll?“
Er wehrte lächelnd ab.
„Keiner zwingt dich bei mir zu wohnen, es erscheint nur im Moment am sichersten. Ich kann dich auch in der nächsten größeren Stadt absetzen wenn dir das lieber ist.“
Sie schüttelte heftig den Kopf.
„Jetzt wo meine Familie …“ sie stockte und eine Träne rollte ihr über die Wange. Sie setzte neu an.
„Jetzt bin ich ganz allein. Und ich hab eigentlich keine richtigen Freunde und keine anderen Verwandten und auch kein Geld. Ohne dich hätte ich noch nicht mal ein Handy und würde bestimmt nicht mehr leben. Danke nochmal. Mit sechzehn will ich noch nicht sterben!“
„Ich will auch mit dreiundfünfzig jetzt noch nicht sterben. Aber ich kann einfach nicht stillsitzen wenn so etwas passiert. Deshalb bin ich immer auf das Schlimmste vorbereitet.“
„Ich glaube das sollte man in diesen Zeiten auch sein. Nur warum wir?“
„Dein Vater Andy war ein US-Marine, deshalb.“
„Woher weißt du das?“
„Das kam im Radio des Widerstands, die sind immer gut informiert.“
„Sowas gibt es?“
„Klar, es gibt einen ganzen Katalog von Codes und Codecs die wir verwenden. Und irgendwie müssen wir uns schließlich austauschen. Ich hab übrigens mitgeholfen dieses Netzwerk in den USA aufzubauen. Mit jedem Tag wächst der Widerstand gegen die Clowns. Weltweit.“
„Dann gibt es auch in anderen Ländern Widerstandszellen gegen die Clowns?“
„Ja, auf der ganzen Welt, in fast jedem Land. Vielleicht können wir dem ganzen irgendwann einen Riegel vorschieben, aber die korrupten Cops machen uns das Leben schwer und hindern uns daran uns um diese verdammten Clowns zu kümmern. Viele nehmen die Sache von daher lieber in die eigene Hand, so wie ich.“
„Wer ist eigentlich dieser Hal der dir geholfen hat, so hieß doch eine KI aus einem uralten Streifen?“
„Hal ist ein alter Freund von mir und er hilft mir wann immer er kann, er ist ein ziemlich guter Hacker und er ist ein großer Fan von KIs und von den alten Kubrik Filmen, daher sein Spitzname.“
„So ist das also.“
Ihr Essen wurde gebracht und sie machten sich schweigend über Rührei, Bratkartoffeln und Speck her. Er grinste zufrieden als er Amber sichtlich genießerisch essen sah. Er grinste noch breiter als sie sich nach mehr umsah.
„Hast du noch Hunger?“
„Ich könnte locker noch so eine Portion essen. Ich hab’s gut und schlecht zu gleich, ich kann viel und immer essen und werde nicht dick, aber auch nicht wirklich satt. Ist ganz komisch bei mir. Darum beneiden mich auch immer alle.“
„Machst du eigentlich Sport?“
„Naja da wo ich wohne ist das Freizeitangebot sehr begrenzt und ich trainiere wenigstens zweimal die Woche, ich mach Calisthenics.“
„Wunderbar, Calisthenics mache ich auch und dazu noch Kampfsport und Hanteltraining. Ich trainiere jeden Morgen vor dem Frühstück, du kannst ja mitmachen wenn du Lust haben.“
„Ja, falls wir Texas in einem Stück erreichen.“
„Keine Sorge, ich bin gewappnet und Texas hat die wenigsten Clownangriffe in den USA und in dem Nest wo ich wohne praktisch null Angriffe.“
„Das ist beruhigend. Aber dann bestimmt genauso wenig Freizeitbeschäftigungen wie in Montana?“
„Da ist leider was dran, aber ich hoffe bei mir wird es dir schon nicht langweilig. Das Nest hat zwei Bars, ein Lokal und ein paar Einkaufsmöglichkeiten und sogar eine Bowlingbahn. Wenn das mit den Tieren stimmt hoffe ich, dass du ein paar interessante Gesprächspartner findest. Ich fürchte nur Kasimir ist nicht der hellste und meine Milchkuh Rita auch nicht. Ach ja, ich hoffe du magst frische Kuhmilch.“
„Geht so, wir haben in einer Kleinstadt in einem Einfamilienhaus gewohnt, frische Kuhmilch trinke ich praktisch nie, nur wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern war, die wohnen … wohnten auf einer kleinen Farm.“
„Mh, ich habe eine Maschine zur Haltbarmachung von Milch gebaut, vielleicht macht das die Sache ein bisschen erträglicher.“
Aus den Augenwinkeln bemerkte er einen übergewichtigen Typen um die dreißig mit fettigen schwarzen Haaren, der immer wieder zu Amber herübersah.
„Amber?“
„Ja?“
Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn und sah ihn mit schiefgelegten Kopf fragend an.
„Wie wäre es damit, dass ich uns noch eine weitere Frühstücksplatte bestelle und du dich in der Zwischenzeit etwas frisch machst, es klebt noch Blut an deiner Stirn.“
„Ok, mache ich, bis gleich.“
Sie stand auf und ging in einem geschmeidigen katzenhaften Gang in Richtung Toiletten. Der schmierige Typ stand auf und wollte ihr nachgehen, Kaz stellte sich vor ihn. Der Typ war kleiner als er und völlig unsportlich.
„Ey man was soll das? Ich will nur pissen!“
„Genau, ganz zufällig in dem Moment wo ein hübsches Mädchen auf die Toilette geht. Setz dich wieder hin und warte, bis sie wieder zurückkommt oder ich zieh noch ganz andere Seiten auf!“
„Was spielst du dich so auf du Wichser? Nur weil du groß und stark bist, gibt dir das noch lange nicht das Recht über andere zu bestimmen. Du Pisser hast sie doch bestimmt nur entführt und willst schlimme Sachen mit ihr machen. Du bist nicht besser als diese Clowns!“
„Gibt’s hier ein Problem?“
Der Trucker war hinzugestoßen, ein Bär von einem Mann, übergewichtig und trotzdem über und über muskelbepackt.
„Der Typ hier lässt mich nicht durch, ich will doch nur in Ruhe pissen?“
„Und das hübsche Mädchen angrabbeln oder heimlich fotografieren oder was? Ich kenn doch so Schmierlappen wie dich. Also zieh Leine. Und du setz dich wieder auf deinen Platz ich will keinen Streit, ich will einfach nur im Warmen sitzen ohne Stress oder eine Schlägerei.“
Der schmierige Typ zog Leine und setzte sich wieder hin und durchbohrte ihn und den Trucker mit stechenden Blicken.
   Kaz setzte sich auf seinen Platz und bestellte noch einen Kaffee und eine Frühstücksplatte für Amber. Als Amber nach zwanzig Minuten noch nicht da war und die dampfende Platte einsam und allein vor ihm stand, machte er sich Sorgen. Nach dreißig Minuten wurde er unruhig. Nach vierzig Minuten hatte er das Gefühl, dass sie sich aus dem Staub gemacht haben musste oder an Verstopfungen litt. Etwas missmutig aß er das Frühstück bevor es gänzlich kalt wurde.
Nach einer knappen Stunde tippte ihm jemand auf den Arm und Amber setzte sich mit etwas feuchten Haaren auf ihren Platz und schob ihm einen gelben Plastikchip entgegen, vermutlich von der Dusche oder sowas in der Art.
„Sorry, aber ich musste mal groß, hatte Verstopfungen und da unten gab es tolle Duschen, das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen und hab es voll ausgekostet. Menno, du hast ja schon fast alles aufgegessen! Können wir nochmal bestellen.“
Eine weitere halbe Stunde später hielt sie sich satt und zufrieden ihren vollen Bauch, während Kaz die restlichen Waffeln mit Sahne aufaß. Seine App zeigte ihm an, dass sein Hound fast aufgeladen war.
„Jetzt decken wir und noch im Laden mit Essen, Wasser und dicken Decken ein und dann geht’s los. Oder fällt dir noch etwas ein?“
Sie zuckte nur mit den Achseln. Also standen sie auf und gingen rüber in den ziemlich großen Laden wo es wirklich alles gab, von Babywindeln, über frische Sandwiches und Wärmflaschen bis zu edler NOX Schokolade. Sie mussten mehrmals gehen, weil zwei paar Arme für alles beim ersten Mal nicht ausgereicht hatte.
   Gegen drei hatte er bezahlt und sie saßen dick eingemummelt im Wagen, in dem es jetzt recht kühl war. Amber war unter all den flauschigen Fleecedecken gar nicht mehr richtig zu sehen und sie hatte sich zwei elektrische Wärmflaschen und ein paar Handwärmer geschnappt. In der Zwischenzeit hatte Kaz auch schon mal den Polar Schlafsack zu Amber nach hinten gepackt und den elektrischen Reisewasserkocher aus den Tiefen des Kofferraums geborgen. Heute Abend würde es leckere Snacks von NOX geben und er hatte Amber begierige Blicke auf die leckeren Sandwiches aus der Theke des Omega Shops werfen sehen. Das Mädchen hatte hinten ihren eigenen Snackkorb und eine große Thermoskanne Kaffee und ein paar große Flaschen NOX Orangensaft. Er selbst hatte sich vorne etwas bereitgelegt und schaltete das Radio des Widerstands ein, während sich das Mädchen wieder die Ohrstöpsel einsetzte und bei Musik langsam wegdämmerte.
   Doch es ging nicht ganz ohne Verluste. Sein Fahrrad war völlig zerstört gewesen und er hatte es abgeschnallt, ebenso wie den durchlöcherten Reservereifen. Glücklicherweise waren Omega Werkstätten und Tankstellen immer an einem Platz und ein wenig beeindruckter Mechaniker hatte den Wagen durchgecheckt, den Reifendruck geprüft und ein nagelneues Reserverad aufgeschnallt. Kaz schätzte, dass der Typ wohl öfter Omegas in der Werkstatt hatte, die aussahen als hätte sie jemand durch den Krieg gejagt. Das war kein billiger Tag gewesen, aber das war es ihm wert. Er spülte zwei Koffeintabletten mit einem Schluck Wasser herunter und sie fuhren los.
   Gegen zehn Uhr abends, blieb er auf einer verlassenen Nebenstraße in einem Wald stehen und machte die Lichter aus. Amber sah von ihrem Prism auf und musterte ihn fragend.
„Wir machen erstmal Pause, denn ich bin jetzt seit zwei Tagen ohne Schlaf! Ich denke, das wird jetzt erstmal Tetris spielen, den Schlafsack auspacken und alles vorbereiten, ich glaube du bist klein genug um dich auf der Breite des Wagens voll lang zu machen, Omegas sind glücklicherweise wörtlich breit gebaut.“
Gesagt getan, zehn Minuten später saß Amber dick eingemummelt in den Schlafsack gekuschelt und sah ihm dabei zu wie er heißes Wasser vom Wasserkocher in den Beutel mit NOX Fertignahrung goss und ihr dann reichte. Dann goss er etwas in seinen Beutel und rührte den Inhalt um, es gab einen leckeren Eintopf mit Fleisch. Amber schien es zu schmecken und nachdem sie den Inhalt des Beutels verputzt hatte machte sie sich über ein paar Schokoriegel her. Sie putzten sich die Zähne und spuckten aus dem heruntergelassenen Fenster aus. Dann machten sie es sich bequem. Amber streckte sich auf der Rückbank aus und kurze Zeit später hörte er ihre gleichmäßigen Atemzüge. Zufrieden lächelnd warf er sich die dicke Wolldecke über und schlief langsam ein.

*

Er erwachte davon, dass ihm jemand hektisch auf die Schulter klopfte, sofort erwachte er aus seinem Schlaf und war hellwach.
„Amber?“
Er hörte sie hektisch atmen.
„Scheiße, ich hab was gehört, einen unheimlichen Schrei oder so!“
„Sei mal kurz ruhig.“
Er fuhr das Fenster einen Spalt breit nach unten und horchte in die Nacht während Amber auf der Rückbank die Luft anhielt. Erst hörte er nichts, dann hörte er einen schrecklichen Schrei und das Knacken und Brechen von Ästen. Ihm war als sähe er aus den Augenwinkeln wie sich etwas Großes durch den Wald auf sie zu bewegte. Sofort startete er den Wagen und trat auf Gas. Auf dem matschigen Feldweg drehten die Reifen durch und sie verloren wertvolle Sekunden. Da warf sich etwas hinten gegen den Wagen und sie wurden ordentlich durchgeschüttelt. Da! Die Reifen bekamen Halt und sie sausten nach vorne, die leistungsstarken Scheinwerfer durchleuchteten die Nacht und er fuhr den unebenen Weg in gefährlich schnellem Tempo entlang. Hinter sich hörte er diese Schreie und das Beben von schweren Füßen auf den Boden. Dann hatten sie dieses Ding, was immer es auch war abgehängt und donnerten durch den Wald. Amber rappelte sich immer noch in den Schlafsack gewickelt auf und schnallte sich an. Sie rasten über die holprige Piste, bis sie die geteerte Straße erreichten und er vollends Gas gab. Langsam beruhigten sie sich beide wieder.
„Verdammt was war das denn, ein Monster?“
„Weißt du Kleine, es gibt eben doch Dinge, die sich nicht so leicht erklären lassen. Ich für meinen Teil meide Wälder bei Nacht, der Schein trügt immer, ich sag‘s dir. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich auf eine schreckliche Ausgeburt aus irgendeiner Indianerlegende tippen.“
„Verdammt und wie soll ich nach sowas noch ruhig schlafen? Wehe du machst nochmal in einem scheiß Wald nachts Rast!“
„Nein, nach dem Erlebnis definitiv nicht, das gebe ich dir schriftlich!“
Im Morgengrauen erreichten sie eine Stadt und er hielt in einer Wohnsiedlung. Passanten blieben ab und an stehen und fotografierten den Hound, dessen Lack an zahllosen Stellen von einschlagenden Kugeln abgeplatzt war, aber dank der getönten Scheiben waren sie vor allzu neugierigen Blicken sicher. Zur Sicherheit ließ er dennoch den Kanal zu Hal offen und machte das Radio an. Amber hinten sah sich unruhig um bevor sie sich wieder abschnallte und im Schlafsack einschlief. Bei ihm dauerte es etwas länger aber irgendwann döste auch er ein.

*

Wieder wurde er unsanft geweckt, ein Klopfen an der Scheibe. Er regte sich langsam und rieb sich die Augen. Scheiße, ein Cop stand neben seinem Wagen und bedeutete ihm die Scheibe herunterzufahren. Er griff in den Fußraum des Fahrersitzes und entsicherte seine Schallgedämpfte Beretta 92 ohne dass der Cop es mitbekam, sicher war sicher. Dann beugte er sich zu Amber und überprüfte ob sie schlief. Na das würde ja was werden. Er fuhr die Scheibe herunter.
„Ja Officer, was gibt es?“
Der unrasierte Mittdreißiger mit dunklen Haaren musterte ihn misstrauisch.
„Guten Tag, dürfte ich erfahren was sie hier machen?“
„Ich mache ein Nickerchen, ich bin gerade auf dem Weg nach Hause, ist das denn verboten?“
„So und wo wohnen sie?“
„Texas“
„Puh, wir sind ziemlich weit von Texas entfernt. Und da parken sie hier einfach so und schlafen eine Runde. Ok, was ist mit ihrem Wagen passiert?“
„Das ist ein Omega und ich hab getestet, ob die wirklich so kugelsicher sind, wie man in den Werbespots sieht.“
Die Lüge fiel ihm spontan so ein.
„ … kommt aus Texas …“
Murmelte der Cop leise und verdrehte flüchtig die Augen.
„Fahren sie allein?“
Gerade jetzt im ungünstigsten Moment stöhnte Amber im Schlaf. Der Cop bekam das mit und seine rechte Hand zuckte zu seiner Waffe.
„Wer ist da noch mit ihnen im Wagen?“
Fuck.
„Ähm, meine Tochter, wir kommen gerade von einem Ausflug zurück.“
„Führerschein und Fahrzeugpapiere wenn ich bitten darf.“
Brummelnd kam er der Aufforderung nach und reichte die Papiere dem Cop.
„So ne richtige Berühmtheit also. Da gibt es nur ein Problem: sie haben keine Tochter! Aussteigen!“
Grimmig malte Kaz mit den Zähnen.
„Officer, haben sie Frau und Kinder?“
Der Cop hob eine Braue und sah ihn an.
„Ich hab eine Frau und eine kleine Tochter.“
„Würden sie alles für ihre Tochter machen?“
„Natürlich, was soll die blöde Frage?“
„Was würden sie machen, wenn sie jemanden begegnen, der ein Mädchen ohne Familie um jeden Preis beschützen würde, selbst wenn er dafür einen Mann töten müsste?“
Der Cop starrte ihn einen Moment an.
„Sir, ich muss Sie bitten den Wagen zu verlassen und sich breitbeinig mit erhobenen Händen neben Ihren Wagen zu stellen!“
Er dachte einen Moment an seinen Stand in der Gesellschaft.
„Sind sie einer von den dreckigen Cops, die die Clowns unterstützen?“
„Hey man, ich mache hier nur meinen Job. Rauskommen, wird’s bald?“
Ach scheiß drauf. Er legte den Rückwärtsgang ein und schoss aus der Parklücke. Der Cop rannte zu seinem Wagen zurück. Die Tachonadel nahe der 120 km/h Marke donnerte er durch die Stadt und wich geschickt den anderen Verkehrsteilnehmern und Passanten aus. In einiger Entfernung hinter sich sah er wie der Cop von eben die Verfolgung aufnahm. Amber hinten war aufgewacht und starrte ihn angstvoll mit weit aufgerissenen Augen an.
„Hey, was soll das?“
„Wenn du im Schlaf nicht demonstrativ laut gestöhnt hättest wären wir jetzt nicht in dem Schlamassel!“
Sie sah nach hinten und erkannte die Lichter des Streifenwagens.
„Du Idiot legst dich mit den Cops an? Und warum bin ich an dem Mist Schuld?“
„Tja was soll man machen. Hätte ich mich verhaften lassen und warten sollen bis irgendein Sympathisant der Clowns vorbeikommt und dich abknallt? Wenn die mich mit dem Zwischenfall in Montana in Zusammenhang bringen sind wir sowieso erledigt. Die stecken doch mit den Clowns unter einer Decke! Und jetzt haben die auch noch meinen Namen. Als nächstes nehmen die noch meine Familie in Deutschland aufs Korn! Verdammte Scheiße!“
Er schaltete den Kanal zu Hal ein.
„Hal, hast du die Kacke eben mitbekommen?“
„Absolut Sir, ich hab mich in den Polizeicomputer gehakt und werde dafür sorgen, dass man nichts Greifbares gegen Sie in der Hand hat.“
„Hal, ich kann dir gar nicht genug danken!“
„So, der Streifenwagen hinter Ihnen dürfte nun wichtigeres zu tun haben.“
Er sah in den Rückspiegel, der Streifenwagen schlingerte plötzlich und krachte mit Vollgas in eine Kolonne parkender Autos.
„Ich liebe voll computergestützte Autos.“
Kam es vergnüglich von Hal. Ungestraft donnerten sie davon in Richtung Texas.

*

Die nächsten Tage übernachteten sie auf den Parkplätzen von Omega Tankstellen und Amber genoss die Vorzüge von warmen Essen, heißen Duschen und Sicherheit. Am Morgen des fünften Tages rumpelten sie langsam über eine ausbesserungsdürftige Straße entlang, seine Farm war nicht mehr fern. Er erreichte das kleine ein-paar-hundert-Seelen-Nest und fuhr hindurch, dann eine unbefestigte Schotterpiste einen Hügel hoch. Mit einer Fernbedienung öffnete er das schwere Tor, das sich inmitten eines hohen Maschendrahtzauns befand. Ein zweistöckiges Holzhaus mit Veranda thronte auf dem Hügel, umgeben von Schuppen, Ställen und einer alten Scheune. Ein paar kleine Windräder zur Stromerzeugung drehten sich in der leichten Brise. Amber hinten sah gespannt nach draußen. Vor der Werkstatt hielt er an und stieg aus dem Wagen, der mittlerweile ein bisschen muffelte, auch wenn sie beide immer bei Omega geduscht hatten. Nach der Tour würde er Lobeslieder auf seinen besten Freund Xen und seine Omegas singen.
   Amber stieg hinten aus und sah sich neugierig um. Aus der Ferne hörte man Ritas Muhen und das Gackern von Hühnern. Und das Geräusch schneller trappelnder Füße. Hinter dem Haus schoss Kasimir mit seinem roten Halstuch galoppierend um die Ecke und hielt in einer kleinen Staubwolke vor Kaz. Er kniete sich hin und kraulte dem Alligator am Kinn und hinter den Ohrlöchern. Amber trat neugierig neben ihn und betrachtete das exotische Haustier.
„Du darfst ihn gerne mal Streicheln. Ich denke ich zeig dir mal dein Zimmer und dann packen wir aus, das wird eine Weile dauern fürchte ich. Danach mache ich Frühstück und dann kannst du dich in Ruhe hier umsehen ok? Nur verlass erstmal bitte nicht allein das Gelände!“
Amber kitzelte Kasimir an den Nüstern und streichelte die lange Schnauze, ihm schien es zu gefallen.
Die unverschlossene Haustür quietschte in den Angeln als sie eintraten. Wie versprochen zeigte er ihr das Zimmer oben. Er hatte es ursprünglich als Gästezimmer angelegt, aber hier im Nirgendwo hatte ihn nie jemand besucht. Ein langes Bücherregal vollgestopft mit Sachbüchern und Comics, ein Bett mit einer staubigen Tagesdecke und ein leerer Schreibtisch. Er kratzte sich am Kopf.
„Ich schätze wir können dir noch ein paar Möbel besorgen.“
Amber ging vor und setzte sich aufs Bett.
„Nein das geht schon. Und jetzt?“
„Jetzt müssen wir dich mal langsam deiner neuen Familie vorstellen. Kann ich ein Foto von dir machen?“
Das Mädchen sah ihn einen Moment lang an, dann nickte sie unsicher. Er zückte sein Prism und knipste ein paar Bilder von ihr. Dann gingen sie wieder runter und sie verbrachten eine Stunde damit den Hound auszuräumen und den Innenraum zu säubern. Er warf einen Blick in den Hühnerstall und legte ein paar relativ frisch gelegte Eier in einen Korb, danach holte er Kartoffeln aus dem weitläufigen Bunk … Keller-Netzwerk, das er selbst ausgehoben hatte. Sie frühstückten in der geräumigen Küche, begleitet von Kasimir der träge auf dem Bauch lag und von Amber mit gebratenem Speck gefüttert wurde. Kaz nahm einen Schluck Kaffee aus dem Becher und betrachtete Amber für einen Moment. Sie wirkte nicht wie jemand, der vor ein paar Tagen seine ganze Familie verloren hatte.
„Was machen wir jetzt mit dir?“
Sie sah hoch.
„Ich weiß nicht, ins Heim will ich auf keinen Fall und bei dir fühle ich mich wohl. Kann ich nicht einfach bei dir bleiben?“
„Aber du musst doch in die Schule!“
Sie machte ein zerknirschtes Gesicht.
„Schon, gibt’s hier überhaupt eine?“
„Unten im Dorf gibt es eine kleine Schule. Ansonsten in der nächsten Stadt.“
„Kann ich nicht erst in Ruhe trauern?“
„Du wirkst nicht wie jemand der trauert.“
„Weil ich nicht die ganze Zeit rumheule oder ins Leere starre? Jeder trauert eben auf seine eigene Art! Ich hab mir geschworen seit dem Tod meiner kleinen Schwester nicht mehr traurig zu sein.“
„Was ist denn mit ihr passiert?“
„Sie hatte eine schlimme Krankheit und ist vor zwei Jahren mit elf gestorben.“
„Oh das tut mir leid, mein Beileid.“
„Darf ich dich mal umarmen?“
„Klar komm her.“
Sie stand auf und umarmte ihn fest.
„Bist du jetzt mein Papa?“
„Wenn du das willst?“
„Ja Papa, das will ich.“

*