Das Osiris Genom – Leseprobe

Kaz wusste diesen Omega Hound sehr zu schätzen, den ihm sein bester Freund Horatio Blazkowicz, Spitzname Xen, vor ein paar Jahren zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Als CEO und Gründer des polnischen Automobil- und Rüstungskonzerns Omega hatte er den Hound vermutlich aus der Portokasse bezahlt. Das Modell war damals brandneu gewesen. State of the Art und vollgestopft mit Hightech und Luxus. Ein mächtiger völlig lautloser Elektromotor schlummerte unter der Haube und die Batterie bestand aus völlig neuartigen Materialien. Das resultierte in einer sensationell großen Reichweite und der Bedarf der Aufladung war eher selten. Sein Hound, den er liebevoll Percy getauft hatte, war jetzt bis unter das Dach und darüber hinaus mit seiner Camping- und Jagdausrüstung vollgestopft. Er hatte sich mit ein paar Freunden in Montana auf eine Jagd in den winterlichen Bergen verabredet. Eigentlich war ihm das im Dezember zu kalt, aber er hatte sich dann doch breitschlagen lassen. Einem Navy SEAL wie Simon konnte man immerhin schlecht absagen.
   Er fuhr eine recht kurvige Straße durch einen riesigen Wald mit Nadelhölzern. Eine schöne Gegend und er hatte die Fenster runtergefahren und genoss bei recht langsamer Fahrtgeschwindigkeit und nahezu lautlosem Motor die Geräusche der Natur. Dann hörte er plötzlich lautstarkes Hupen hinter sich und ein Wagen überholte ihn. Ein generischer SUV rollte an ihm vorbei. Eine Frau mit kurzen braunen Haaren warf ihm vom Beifahrersitz einen giftigen Blick zu und im Fond streckte ihm ein Mädchen im Teenager-Alter frech die Zunge heraus. Pff, sollten sie ihn doch überholen, er war ohnehin viel zu früh dran. Warum mussten die auch so rasen hier mitten im Nirgendwo. Das nächste Örtchen war Stunden entfernt. Sicherheitshalber drückte er auf einen verborgenen Knopf und klappte einen Bildschirm zu seiner Rechten aus. Zwei Punkte erschienen, von denen sich der eine zügig entfernte – sein Radar, einer der vielen eigenen Modifikationen an seinem Hound.
   Er fuhr eine halbe Stunde gut gelaunt weiter, bis er aus der Ferne das dumpfe Wummern eines großkalibrigen MGs hörte, dazu das kurze Rattern von automatischen Waffen. Verdammte Scheiße, Clowns! Das oder ein Gerangel zwischen Clowns und den Animals. Er fuhr die Kugelsichere Seitenscheibe hoch und beschleunigte.
   Da, der SUV von vorhin lag schief im Straßengraben, gegen einen Baum gekracht und eine Rauchwolke drang aus dem Motor, lange Bremsspuren zierten die Straße. Ein Konvoi der Clowns parkte auf der Straße. Zwei gepanzerte Pickups und ein Mannschaftswagen, alle grellbunt lackiert. Offene MG Türme waren auf der Ladefläche der Pickups montiert. Ein paar Typen mit Clownsmasken standen auf der Straße mit Waffen in den Händen. Lautlos hin oder her, sie würden ihn bald bemerken. Die dreckigen Wichser. Terroristen und Mörder. Und man schimpfte ihn einen Waffennarren und einen Psychopaten. Na dann wollen wir doch mal sehen.
   Er gab sich einen Chem Kick und Adrenalin pumpte durch seinen Körper als er die laute dröhnende Hupe betätigte und feste aufs Gas trat, der schwere gepanzerte Geländewagen beschleunigte sofort und donnerte die Straße entlang. Das vordere MG nahm ihn aufs Korn und Kugeln prasselten auf die Windschutzscheibe, wo sie wirkungslos abprallten. Er wurde immer schneller und schneller und rauschte heran. Die Clowns auf der Straße bewegten sich hektisch in alle Richtungen. Den ersten Clown erwischte er volle Kanne frontal und wurde durch die Luft geschleudert. Den zweiten streifte er und dieser ging mit einem qualvollen Aufschrei zu Boden. Fünfzig Meter weiter machte er einen U-Turn und bremste ab.
   Der erste Clown regte sich nicht mehr, der zweite wälzte sich verkrümmt auf dem Asphalt. Die Reifen drehten durch als er erneut das Gaspedal bis zum Anschlag voll durchdrückte. Percys Sensorik projezierte das Abbild des verletzten Clowns vergrößert auf die Windschutzscheibe. Kaz Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln der Genugtuung, als er die kalte Angst in den schmerzverzerrten Augen des Clowns halb verdeckt durch die Clownsmaske erkannte. Augen die schon wussten, was passieren würde, bevor es passierte.
Es dauerte nur einen Bruchteil von Sekunden und der nahezu drei Tonnen schwere Koloss des Hounds walzte über den Clown hinweg wie eine Lawine.
Er griff ins Handschuhfach, entsichicherte seine FN Five-Seven und schob den Schlitten zurück um eine frische Kugel in die Kammer zu schieben. Die beiden MGs wummerten weiter wirkungslos. Er hielt an stieg im Schutze der gepanzerten Fahrertür aus und flitzte zum Kofferraum wo er das beinahe griffbereite Heckler und Koch HK417 Sturmgewehr nahm und in einen leichten Kampfanzug schlüpfte, das war so minutiös und regide eingeübt, dass es keine dreißig Sekunden dauerte – er hatte oft mit Clowns zu tun und war bestens auf diese Brut vorbereitet. Im Armschutz war ein Monitor eingelassen, sofort erschienen mehrere Ziele mit der grobgezeichneten Umgebung darauf, die Percys mächtige Sensorik erfasste. Er entsicherte das Gewehr und überprüfte ob eine Kugel in der Kammer war. Derweil fuhr ein MG-Turm aus Percys Dach und deckte den einen Pickup mit Sperrfeuer vom Kaliber 7,62 mm NATO ein, mit panzerbrechender Munition. Dann lugte er um das Auto herum, das MG des vorderen Pickups hatte aufgehört zu feuern und er schoss ein paar schnell gezielte Schüsse auf den Schützen ab. Ein qualvoller Aufschrei zeigte ihm, dass er getroffen hatte. Mit einem Kopfschuss servierte er den Verletzten ab. Das Gewehr im Anschlag tastete er sich zum Pickup vor, während ihm der Geschützturm weiterhin Deckung gab. Den Aufschreien nach zu schließen, war die Treffergenauigkeit des Turms ziemlich hoch, Hal und er hatten das Programm dazu entwickelt, das den Turm steuerte. Die Kalibration priorisierte präzise Schüsse mit letaler Wirkung.
   Er wagte sich um den Pickup, drei Schüsse auf den Beifahrer, der gerade aus dem Pickup stürzte, zwei in die Brust, einer in den Kopf. Er überprüfte den Bildschirm am Unterarm. Vier Ziele, drei im Pickup, einer schien sich hinter dem Motorblock zu verstecken, zwei Meter von ihm entfernt.
   Er ging in die Hocke und späte unter dem Vorderrad des aufgemotzten Pickups nach Vorne und entdeckte ein paar Füße in Turnschuhen. Er legte sich lautlos auf den Bauch und gab zwei Schüsse ab. Ein verzerrter Schrei zeugte von einem Treffer und der Clown verlor das Gleichgewicht und stürzte. Mit einer kurzen Salve erledigte sich das Problem. Dann tippte er auf seinem Armschutz herum. Ein fauchendes Zischen ertönte und eine Lenkrakete krachte in den verbliebenen Pickup, der gerade abhauen wollte und jagte ihn in einem mächtigen Feuerball die Luft. Er ging aus der Deckung und beobachtete aus den Augenwinkeln wie brennende Trümmerteile auf den Boden prasselten. Keine Ziele mehr auf dem Display, aber das hieß nichts. Die Waffe im Anschlag rannte er zum Mannschaftsbus und riss die Tür auf, nichts, er observierte die Umgebung, fand aber nur Tote vor. Jetzt hieß es zu handeln, bevor Polizei hier eintraf oder Verstärkung der Clowns, auch wenn er in dieser einsamen Gegend deutlich mehr Zeit zur Verfügung hatte, als in dichter besiedelten Gegenden. Dennoch, Konvois wurden oft von Luftunterstützung begleitet und gegen ein Gunship reichten auch seine kleinen Raketen nicht aus. Also besser, er beeilte sich.
   Er schulterte das Gewehr und spurtete zum SUV im Straßengraben unter dessen Motorhaube dunkler Rauch hervorquoll, begleitet von ersten Flammen, die gierig am auslaufenden Benzin leckten, der Motorblock war nach den Einschlägen völlig hinüber. Er riss die Fahrertür auf. Ein Bild des Gemetzels zeigte sich ihm. Großkalibrige Munition hatte das innere des Wagens regelrecht zerfetzt. Nachdenklich musterte er die Frau auf dem Beifahrersitz. Eine Kugel hatte ihren Kopf getroffen und Blut, Hirnmasse und Knochensplitter im Wagen verteilt – eine Identifikation würde schwierig werden. Der Anblick und der Geruch des Todes ließen ihn kalt, er war zu alt, als dass ihn das noch schocken würde, dafür hatte er mit seinen dreiundfünfzig Jahren zu viel gesehen.
   Mit behandschuhten Händen durchsuchte er den vorderen Teil des Wagens und nahm Handys und Brieftaschen und alles mit, was ihm nützlich erschien und die Personen identifizieren konnte. Dann warf er einen Blick in den Fond.
Er war viel gewöhnt, aber schlucken musste er dennoch als er den völlig zerfetzten Körper eines Jungen von vielleicht 12 Jahren sah, so früh sollte niemand sterben und vor allem nicht so brutal. Sein Blick wanderte zum letzten Passagier, ein Mädchen im Teenageralter. Sie war vornübergebeugt und über und über mit Blut und Hirnmasse der Toten auf dem Beifahrersitz bespritzt, ein Streifschuss am linken Oberarm blutete heftig und es schien als wäre sie bewusstlos. Schnell lief er um das Auto herum und öffnete die Tür auf ihrer Seite, sie hing leblos in den Gurten. Er prüfte ihren Puls und atmete erleichtert auf, sie lebte. Sanft schüttelte er sie, aber sie musste sich beim Crash ordentlich die Birne gestoßen haben, zumindest hatte sie eine Platzwunde und ihr lief die rote Suppe ins Gesicht. Er schnallte sie ab und trug sie zu seinem Wagen, wo er ihre Wunden ausspülte, sie zusammenflickte und ihr einen Verband anlegte. Kaz würde sie mitnehmen, besser so, als an einem solchen Schauplatz halb erfroren von korrupten Cops gefunden zu werden. Das hieße allerdings, dass er seinen Trip abbrechen und zurück zu seiner Ranch in Texas fahren würde. Er setze sie in Percys Fond und schnallte sie in eine Decke gewickelt an. Dann verstaute er sein Equipment sorgfältig und machte sich daran, Beweismaterial zu sichern. Er fotografierte das Gesicht und die Handabdrücke jeden toten Clowns und durchsuchte den Mannschaftswagen nach verwertbaren Unterlagen. Nach wenig ergiebiger Suche ging er zurück und durchsuchte auch den SUV nach den Sachen des Mädchens, dessen Front mittlerweile lichterloh brannte und erste Teile der umliegenden Vegetation in Brand gesetzt hatte. Er fand einen großen grünen Wanderrucksack, dessen Inhalt auf rebellisches Mädchen schließen ließ. Das und eine verwöhnte Göre vom Feinsten, was er nach einem flüchtigen Blick auf die Designer-Klamotten und den Spectre Edel-Laptop schloss, gerade im Vergleich zu den restlichen eher gebraucht wirkenden Sachen der Familie. Dann stieg er in seinen Wagen ein, legte die gesicherte Five-Seven ins Handschuhfach, biss genüsslich von einem angebissenen Sandwich ab, dass er sich bei der letzten Omega Station gekauft hatte, spülte den Bissen mit einem großen Schluck genüsslich heißem Kaffee aus einer bereitstehenden Thermoskanne runter und fuhr los.

*
Er setzte einen Notruf an den Widerstand ab und grübelte. Wahrscheinlich würde man das als Verkehrsunfall abstempeln oder besser noch völlig vertuschen. Alle hatten Angst vor der Terrorherrschaft der Clowns und keiner wollte der Nächste sein. Wenn man ihn hier fand, war er der Nächste auf der Liste, das war ihm klar, abgesehen davon dass ihn die korrupten Cops wegen mehrfachen Mordes einsperren würden. In den Nachrichten würde darüber nichts zu hören sein, die Clowns gingen sorgfältig dabei vor, alle Meldungen von Niederlagen und Verlusten auf ihrer Seite zu verschweigen. Aber es war nicht das erste Mal, dass er mit ihnen konfrontiert wurde und wenn er die Clowns zählte, die in seiner Anwesenheit versehentlich Hopps gegangen waren, reichten Hände und Füße zum Zählen längst nicht mehr aus. Auf jeden toten Clown gab es eine Prämie, er war zwar nicht darauf angewiesen, aber er würde es für das Mädchen anlegen. Auf die Toten der Familie Straub wartete nur noch eine Beerdigung, man konnte nichts mehr für sie machen, aber das Mädchen lebte noch.
   Dann machte er sich auf die Reise nach Hause, die Clowns würden mit Verstärkung zurückkommen und ihn suchen, besser er verschwand von hier und sagte seinen Kumpels Bescheid. Zu seiner Erleichterung zeigte sein Langstreckenradar keine unmittelbar als gefährlich einzustufenden Ziele, daher drehte er das Radio auf und wählte einen Codec der nur den Anhängern des Widerstandes gegen die Clown-Brut bekannt war. Er hatte in der Gesäßtasche des Mädchens einen dünnen Edel-Geldbeutel mit ihrem Ausweis gefunden, ungewöhnlich dass sie keine Handtasche besaß, zumindest hatte er keine gefunden. Sie hieß Amber Straub – ein schöner Vorname, fand er. So hätte er vielleicht auch eine Tochter benannt, wenn er sich nicht vor langer Zeit gegen Kinder entschieden hätte. Amber. Bernstein – wie die ungewöhnliche Farbe ihrer schönen orangenen Augen.
   Er fuhr weiter und hörte nur mit halbem Ohr mit, während die Nachrichten aus den Lautsprechern an ihm vorbeirauschten. Ungezählte Meldungen von weiteren Angriffen der Clowns erreichten ihn während er missmutig zügig weiterfuhr. Hin und wieder horchte er auf, als von einem heroischen Angriff seitens des Widerstands berichtet wurde. Nach etwa drei Stunden ohne weitere Zwischenfälle erreichte ihn eine beunruhigende Nachricht, auf die er fast schon gewartet hatte.
„In Montana wurde heute die unglückselige Familie Straub ausgelöscht. Andy Straub, dekorierter US-Marine, mit seiner Frau Josephine und seinem Sohn Josef. Dazu kamen die Großeltern bei einem von den Clowns gelegten Feuer ums Leben. Glücklicherweise konnte die 16-jährige Amber Straub gerettet werden, aber das ist nur ein schwacher Trost. Das war ein schwarzer Tag für das freie Amerika, passt auf euch auf Leute.“
   Er drehte das Radio wieder leiser und trat ordentlich aufs Gas bis die Nadel auf der 140 km/h Marke stand, ganz schön schnell für einen dicken schweren vollbeladenen SUV, der eigentlich schon in die Kategorie Radpanzer gehörte, wenn auch ein Radpanzer mit Lederpolstern und Getränkehaltern. Bei dem Gedanken schmunzelte er.
   Als die Sonne unterging wachte das Mädchen auf. Sie blinzelte mit flatternden Lidern und verzog das Gesicht grunzend zu einer schmerzverzerrten Grimasse. Im Crash hatte sie ordentlich was abbekommen, aber immerhin lebte sie und schien keine Gehirnerschütterung zu haben. Im Rückspiegel beobachtete er, wie sie sich erst langsam, dann hektisch umsah und sich der Anflug von heller Panik in ihren bernsteinfarbenen Augen widerspiegelte.
„Huh? Hey, wer zum Teufel sind Sie? Wir haben Sie doch überholt, Sie sind der Typ in dem fetten schwarzen Geländewagen. Was machen Sie mit mir? Ich will nicht entführt und vergewaltigt werden! Ich will sofort zu meiner Familie zurück!“
Verdammt, was sollte er ihr sagen, dass ihre Familie soeben abgeschlachtet wurde?
„Wie soll ich es sagen, deine Eltern hatten einen Unfall und jede Rettung kam zu spät.“
Sie sah ihn lange an und ihre markanten orangenen Augen verengten sich.
„Ich hab Schüsse und Schreie gehört. Verarsch mich nicht Mann!“
Er zögerte. War sie für die Wahrheit bereit? Er schüttelte unmerklich den Kopf. Für diese Nachricht war niemand bereit. Aber ihre Energie und unerschrockene Art beeindruckte ihn. Er wagte es.
„Ok, die Clowns haben deine komplette Familie ausgelöscht, ist dir das lieber?“
Ihre Augen wurden riesengroß und füllten sich erst schnell mit Tränen, aber dann wischte sie sie sich blitzschnell weg und ließ sich in den Sitz sinken. Sie heulte nicht, schrie nicht, machte nicht einmal einen Mucks. Sie saß einfach nur schweigend da und sah aus dem Fenster. Die Zeit verstrich und er sah auf die Straße vor sich in der anbrechende Nacht. Ab und zu beobachte er sie unauffällig im Rückspiegel. Sie wirkte seltsam ruhig und gefasst. Nach einer halben Stunde drehte sie den Kopf zu ihm herum und sah zu ihm hin. Der Ausdruck in ihren Augen hatte sich verändert. Sie wirkte seltsamerweise wie ein Mensch, der Frieden mit sich geschlossen hatte.
„Wohin fahren wir? Können wir eine Pause machen?“
„Unser Reiseziel ist ein kleines Kaff unten in Texas und solange wir in Montana sind halt ich nicht an, ohne Backup lege ich mich nicht mit den Clowns an und gegen Gunships oder schlimmer noch ein paar Söhne des Harlequins haben wir nicht die leiseste Chance. Wenn du also pissen musst, nimm die Stauente, die neben dir auf dem Sitz liegt, die hat einen Adapter für Frauen.“
„Iii, nein danke. Ich hab Hunger.“
Ihre Stimme war warm und lebendig. Sie klang nicht wie ein Mädchen, das soeben zur Waise geworden war. Er mochte sie jetzt schon.
„Ich hab Sandwiches und Kaffee von Nox in der Kiste auf dem Rücksitz. Daneben ist noch eine Wolldecke, wenn dir kalt ist. Aber ich such uns erst etwas zum Rasten wenn den nächsten Staat erreicht haben.“
Sie schälte sich aus der Decke, verzog das Gesicht, als sie ihren verletzten Arm bewegte, stöhnte mit zusammengebissenen Zähnen und griff nach der Kiste mit den Sandwichen als wäre nichts. Entweder stand sie noch total unter Schock oder sie war echt richtig tough. Nein Schock war es nicht, so wirkte sie nicht und es stimmte ihn nachdenklich. Im Rückspiegel beobachte er, wie sie sich dick eingekuschelt mit sichtlichem Apphetit und ungespielten Genuss über eins der Sandwiche hermachte, dass er sich mitgenommen hatte.
„Lecker, Nox sagtest du? Heißt das du kannst nicht kochen, wenn du dir Stullen kaufen musst?“
Er verkniff sich ein Lachen. Sie hatte Biss.
„Das hab ich mir unterwegs gekauft. Ich kann kochen, ich bin gelernter Koch. Sei mal nicht so frech, ich hab dir das Leben gerettet!“
Im Rückspiegel sah er ihr zerknirschtes Gesicht. Dann grinste sie.
„Sorry, ich schätze ich verdanke dir mein Leben. Aber was soll ich jetzt machen? Ich will nicht ins Heim zu all den anderen traurigen Seelen die ihre Eltern durch diese Clown Wichser verloren haben!“
Er dachte einen Moment nach, das hatte er nicht so recht durchdacht.
„Du könntest fürs erste bei mir unterkommen.“
Ihre markanten Augen verengten sich kurz.
„Hast du ein Haus?“
„Eine Ranch trifft’s eher. Also schon mit Haus, aber eben ein etwas Größeres. Ich hoffe du kommst mit Tieren klar. Ich hab eine Herde Rinder und ein paar Schafe.“
„Ich denke schon, ich glaube ich kann mit Tieren sprechen, aber das glaubt mir keiner. Hast du ein Haustier? Eine süße Katze oder einen netten Hund?“
Er zögerte, sein Haustier war nicht gerade als gewöhnlich einzustufen und als normal schon gar nicht.
„Ich habe einen Alligator namens Kasimir. Er hat zwar kein flauschiges Fell aber er ist völlig zahm. Ich hab ihn, seit er geschlüpft ist und er ist mir ein treuer Freund.“
Im Rückspiegel sah er wie sie ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Unglauben entgeistert anstarrte.
„Gibt’s in Texas eigentlich nur Irre? Wehe du vergewaltigst mich und verfütterst mich an das Vieh.“
Etwas beleidigt, dass sie ihn irre genannt hatte, auch wenn er einräumen musste, dass da ein bisschen was dran war. Verärgert über ihre Wortwahl brauste er etwas auf.
„Willst du, dass ich anhalte und dich wieder aussetze, vielleicht kommen ja noch ein paar nette Clowns vorbei, die dir den Rest geben oder mit dir machen, was du mir nur vorwirfst?“
Ups, das war zu viel gewesen, Amber verlor die Fassung und heulte jetzt hemmungslos. Tränenbäche strömten ihr übers Gesicht und es schüttelte sie regelrecht. Er fuhr langsamer und hielt gänzlich an, als sie sich nicht mehr beruhigte und heftig schluchzte. Er beugte sich zu ihr hin nach hinten, da geriet sie in Panik und schrie angstvoll auf und versuchte ihn zu schlagen. Da schnallte er sich ab und kletterte halb nach hinten und umarmte sie fest in der Hoffnung dass sie sich wieder fangen würde. Sie trommelte erst auf seinen Rücken ein, gab aber nach kurzer Zeit auf und hing einfach nur heftig schluchzend in seinen Armen. Er war so im Moment des zu trösten Versuchens, dass er völlig blind für alles andere war. So bemerkte er nicht wie das Piepsen des Radars in alarmierender Rate lauter wurde.
   Dann erzitterte die Heckklappe des Wagens plötzlich unter heftigen Kugeleinschlägen.
Fuck! Er hechtete zurück ins Cockpit und trat hektisch auf Gas, der Hound machte einen Satz und sie düsten los, einen Blick in den Rückspiegel zeigte ihm drei bullige aufgemotzte und nach Clown Regel völlig bunt lackierte Pickups. Amber hatte ihre Trauer vergessen und duckte sich in den Rücksitz. Die aufgemotzten Pickups hatten den Vorteil, dass ihr Ziel fast schon überbeladen und trotz kraftvollem Elektromotor träge in der Beschleunigung war, die größte Schwäche der toughen Hounds. Sein Fahrrad, das er an die Rückklappe geschnallt hatte, wurde sicherlich von den Kugeln demoliert, immerhin war es nicht sehr teuer gewesen. Er drückte auf einen Knopf am Armaturenbrett.
„Hal wach auf, ich brauch deine Hilfe! Ich werde von drei Pickups der Clowns verfolgt. Sieh zu dass du ihre Kommunikationskanäle blockierst, damit sie keine Hilfe rufen können. Ein Gunship als Verstärkung und wir können einpacken. Und ich hoffe die Extras die ich eingebaut habe funktionieren auch so wie ich mir das erhoffe.“
„Sehr wohl Sir.“
Amber hinten starrte ihn angsterfüllt an.
„Hey Amber mach dich nützlich. Hinter dem Fahrersitz ist eine Kiste, mach die auf und gib mir ein paar von den Granaten nach vorne!“
Sie starrte ihn ungläubig an.
„Bist du taub Mädchen?“
Brüllte er jetzt. Amber schnallte sich ab und wühlte sich durch den Berg an Gepäck und Krempel zu der besagten Kiste. Nach ein paar Minuten schob sie ihm zitternd ein paar zylindrische kleine Bomben nach vorne. Smart Bombs, die er selbst gebaut hatte. Sie besaßen einen superstarken Elektromagneten, der sich am Boden von Autos heften konnte. Er fuhr das Fenster ein Stück herunter, machte die Bomben scharf und warf sie aus dem Fenster, das er sofort wieder hochfuhr.
Sie hatten Glück, der rechte Pickup wurde von den Rädern gehoben und verging in einem Feuerball, der die Nacht zum Tage machte. Die anderen beiden schweren Wagen wichen dem brennenden Wrack aus und beschleunigten, um ihn in die Zange zu nehmen. Schüsse peitschten über die Außenhaut des Hound, penetrierten aber nicht, es lebe Omega. Die Pickups hatten große Kabinen und Beifahrer und Rückfahrer auf beiden Seiten kurbelten hektisch die Scheiben herunter, Sturmgewehre und Granatwerfer in den Händen. Kugeln prasselten auf die Seitenscheiben und prallten wirkungslos ab. Die Granaten hingegen schüttelten sie durch und der Hound geriet etwas ins Schlingern. Kaz kurbelte nach links und versuchte den Truck zu rammen, sofort verzogen sich die Typen mit Clownsmasken ins Innere und der Pickup beschleunigte. Er grinste plötzlich breit und ging in die Eisen. Dann drückte er auf einen Knopf und aktivierte seine eingebaute Bewaffnung die jetzt hoffentlich auch funktionierte. Eine 20 mm Autokanone wummerte tief dröhnend los, die er auf dem Dachträger montiert hatte, und stanzte mit panzerbrechenden Sprenggranaten faustgroße Löcher in den Pickup vor ihm. Nach wenigen Augenblicken Dauerfeuer schlingerte der Pickup und krachte gegen einen Baum, während Flammen aus dem Motorblock aufstiegen. Zufrieden grinsend gab er wieder Gas.
   Der zweite Pickup stieg ebenfalls in die Eisen und setzte sich genau hinter sie, dieser Kollege war größer als die anderen beiden und sah gepanzert aus. Das tiefe Grollen eines schweren MGs brüllte und die Heckklappe erzitterte unter den Einschlägen und einige Kugeln schlugen tiefe Krater in die hoffentlich kugelsichere Rückklappe.
   Kaz fuhr den Geschützturm aus und fluchte innerlich, dass er die Rakete schon verbraucht hatte. Deren Tandem Gefechtskopf hätte kurzen Prozess mit der Panzerung ihres Verfolgers gemacht. Die kleinen Raketen, die noch an Bord waren, konnten diesem Monster nichts abhaben. Wie er befürchtete prallten die Kugeln des Turms wirkungslos an dem Pickup ab. Der beschleunigte und rammte sie heftig, Percy verlor einen Moment den Halt und Kaz konnte erst im letzten Moment die Kontrolle zurückerlangen. Hektisch flogen seine Finger über ein Bord mit Kippschaltern und kippte einen nach unten. Der große Bruder der magnetischen Bomben von eben wurde abgeworfen und rollte unter den Pickup. Kaz betete, dass sein Feind keinen minensicheren Unterboden hatte. Seine Sorgen verflogen, als der Pickup in die Luft geschleudert wurde und auf dem Dach liegen blieb. Kaz folgte einem Instinkt und der Hound blieb unmittelbar stehen. Das erweckte Amber aus ihrer Schockstarre.
„Scheiße, fahr weiter! Ich will hier weg!“
Sie heulte regelrecht, von ihrer unerschrockenen Gelassenheit keine Spur mehr.
„Nein, ich will wissen wer das ist.“
„Scheiß Clowns, was denn sonst? Ich will nicht sterben, fahr weiter, bitte!“
Er ignorierte ihr angstvolles Gejammer und sprang aus dem Wagen, die Five-Seven fest im Griff. Amber schluchzte laut auf und wimmerte panisch, aber er ignorierte sie.
   Er näherte sich dem umgedrehten Pickup. Unwahrscheinlich, dass die Explosion und die heftige Schockwelle irgendjemand im Inneren überlebt hatte, aber man wusste nie. Er riss die schwere Tür auf und spähte hinein. Alles tot. Dann stutzte er. Vier riesige pechschwarze Warane in schwarzen Kampfanzügen ohne Abzeichen. Konzernbrut. Die schwarzen Warane arbeiten überwiegend für die Konzerne Lambda, Sigma und Horizon. Die Clowns hassten die Warane bis in die letzte Faser, unwahrscheinlich also, dass die vier zu ihnen gehörten. Dennoch tauchten sie hier auf. Er durchsuchte schnell den Wagen, bevor das Feuer sich ausbreitete.
   Nach zwei Minuten hörte er auf, der Pickup war vollkommen leer, keine Identitäten oder Informationen, was dieser Truck hier machte und wer diese Warane waren, Nichts. Das gefiel ihm nicht und es hatte den faden Beigeschmack einer verdeckten Operation. Aber warum auf ihn? Oder besser gesagt, warum hier in dieser gottverlassenen Gegend? Er riss sich los und rannte zum Hound zurück und setzte sich auf den Fahrersitz. Er verstaute seine Sachen und fuhr zügig los.
„Hal, irgendwelche Meldungen von Clowns oder Cops in der Gegend?“
„Mir ist nichts bekannt Sir, gute Fahrt Sir.“
„Danke dir, wir sehen uns.“
Er warf einen Blick nach hinten um nach Amber zu sehen, die sich gerade wieder aufrappelte und sich anschnallte, sie wirkte etwas benommen und verheult. Schniefend rieb sie sich die Augen und stellte eine zaghafte und unterdrückt neugierige Frage.
„Bist du sowas wie James Bond?“
Er schmunzelte und er musterte ihr Gesicht im Rückspiegel. Sie würde eine ausgesprochen schöne Frau werden, wenn sie erwachsen war, schoss es ihm zusammenhangslos durch den Kopf.
„Nein nichts dergleichen, auch wenn ich ein großer Fan der Filme bin, zumindest der alten. Ich bin nur ein Mechaniker und Bastler mit mehr Ressourcen als der durchschnittliche Bürger, und möchte nicht hilflos im Angesicht der Clown Banden sein, die unser schönes Land terrorisieren. Hast du ein Problem damit?“
„Wie viele Leute hast du heute getötet?“
Er dachte einen Moment nach.
„Ich hab nicht gezählt, aber Clowns sind keine Leute, die sind einfach nur Abschaum, der beseitigt werden muss. Mit denen hab ich kein Mitleid, mir tun eher Unschuldige wie deine Familie leid, die einzig und allein ins Fadenkreuz geraten, weil einige von ihnen Teil des Militärs sind oder sich ihrer Herrschaft widersetzen.“
Plötzlich klingelte sein Handy und er nahm den Anruf über die Freisprechanlage an.
„Scheiße nochmal Kaz, wo steckst du nur? Wir haben die Sache mit den Clowns im Radio gehört.“
Simons Stimme war aufgeregt und besorgt. Für einen beinharten Navy SEAL, der zig Einsätze hinter sich hatte, war er leicht aus der Fassung zu bringen.
„Ich bin kurz vorm Ziel umgedreht, ich bin an einem Konvoi der Clowns vorbeigekommen und konnte nicht wegsehen.“
„Verdammt, geht’s dir gut?“
„Mir geht’s bestens, ein paar der Clowns eher weniger. Die Schweine haben wieder eine Familie abgeschlachtet. Ich hab die Tochter retten können und sie sitzt bei mir im Wagen. Ich fahr erstmal wieder runter nach Texas und stell mich neu auf. Leider geht dadurch unser Trip hops.“
„Amber Straub ist bei dir? Gott sei Dank. Wir gehen dann auch erstmal auf Tauchstation, ich hätte nicht gedacht, dass es in Montana so viele Clowns gibt. Gut dass du ein paar ausgeschaltet hast. Ich schätze ich sollte mir auch so einen Omega besorgen und Clowns jagen, aber die Kisten kann ich mir leider nicht leisten. Ich hab gehört dass unsere Freunde im Widerstand Trucks und LKWs mit Stahlplatten verstärken und eigene Konvois bilden um diese Brut zu stoppen. Ich schätze das Mädchen wird erstmal bei dir bleiben, schwierige Situation, das bekommen wir schon irgendwie geregelt. Mach’s erstmal gut. Wir fahren jetzt ein Stück in die Berge und bunkern uns irgendwo ein bis sich die Sache ein bisschen beruhigt hat. Tschüss und pass auf dich auf.“
Amber im Fond kaute auf ihrer Unterlippe und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.
„Bist du im Widerstand von dem alle heimlich sprechen?“
„Mädchen, ich hab gerade ein Dutzend Clowns beseitigt, was glaubst du denn wer ich bin, der Weihnachtsmann?“
Wollte er sie anfahren, riss sich aber zusammen.
„Nicht offiziell weil mein Name nicht völlig unbekannt ist.“
„Wieso das denn? Und warum hat der Typ dich Kaz genannt? Das klingt doch total nach einem Fantasienamen.“
„Kaz ist der Spitzname für Katsuro, meinem zweiter Vornamen. Ich hab eine japanische Mutter.“
„Stimmt, siehst auch ein bisschen asiatisch aus. Irgendwie ein bisschen wie Keanu Reeves.“
„Dass du den überhaupt kennst finde ich viel erstaunlicher, der lebt doch schon lange nicht mehr. Außerdem ist er gar nicht japanischer Herkunft.“
„Egal, Ich mag halt alte Actionfilme, die laufen ab und an im Fernsehen.“
„Sowas gibt’s noch?“
„In Montana schon, ich hatte einen Fernseher in meinem Zimmer, der lief immer nebenbei, wenn ich gemalt habe. Hast du eigentlich auch einen richtigen Namen?“
„Ja hab ich: Sebastian Katsuro Solomon.“
Plötzlich wurden ihre Augen riesig groß.
„DER Sebastian Solomon? Der Autor? Ich hab alle Bücher gelesen und bin ein totaler Fan, kannst du mir ein Autogramm geben? Büdde büdde.“
Er sah sie einen Moment zweifelnd im Rückspiegel an, seine Bücherverkäufe waren erbärmlich um es höflich auszudrücken. Und dennoch behauptete sie, alle seine Bücher zu kennen. Kurios. Er nahm sich vor ihr nicht ganz zu trauen, sicher war sicher, immerhin kannte er sie erst seit wenigen Stunden.
„Das verblüfft mich aber, dass du mich kennst. Ja ich bin dennoch unbekannt genug um heimlich im Widerstand zu sein. Berühmte und einflussreiche hin oder her, schließlich hat mein Vater Frank Solomon Horizon gegründet, aber ich war recht erfolgreich, mich der Öffentlichkeit fernzuhalten. Dennoch beteilige ich mich am Kampf gegen unsere Unterdrücker. Was eigentlich nur heißt, dass ich den Widerstand mit Geldmitteln und Equipment versorge. Und mich persönlich an Einsätzen beteilige.“
„Wann sind wir da?“
Sie ging gar nicht auf seine Erklärung ein und er spielte es herunter.
„Ab und zu muss ich auch den Wagen aufladen und eine Runde schlafen, ich denke in ein paar Tagen werden wir unser Ziel erreichen. Ich fahre heute die Nacht durch und such uns dann irgendwo abseits ein Fleckchen, wo wir erst auftanken und dann ein wenig rasten können. Im Kofferraum hab ich eine Kiste mit Nahrungsmittel, so Fertigsachen und Riegel fürs Backpack-Trekking von NOX, die schmecken ziemlich gut. Motels und Raststätten würde ich erstmal meiden wollen, die werden oft von den Clowns observiert oder kontrolliert. Ich hab schon Geschichten von Leuten gehört, die in einem Motel spurlos verschwunden sind. Am besten wir schlafen nachts im Wagen, der ist kugelsicher und Percys Sensorik entgeht nichts. Ich gebe dir meinen Polar-Schlafsack und ich wickle mich in die Decke ein, die du hast, notfalls kauf ich noch Decken. Hier wird es nachts ganz schön kalt und um die Batterien zu schonen heize ich über Nacht ungern.“
„Kannst du dann trotzdem die Heizung ein bisschen hochdrehen, ich bin leider ne totale Frostbeule, auch wenn ich in Montana mit ziemlich kalten Wintern aufgewachsen bin. Und es wäre toll wenn du noch ein paar schöne warme Decken kaufen könntest wenn es dir nichts zu sehr ausmacht. Hast du zufälligerweise mein Handy gesehen?“
„Sorry, darauf habe ich nicht geachtet.“
Log er, natürlich hatte er es gesichert, aber bevor er nicht wusste, was sie alles vor ihm verbergen könnte, behielt er es für sich.
„Fuck, ich hatte es im Auto, es muss mir beim Crash wohl aus der Hand gefallen sein. Mist!“
„Wozu würdest du es denn jetzt verwenden wollen?“
Eine Spur von Misstrauen lag in seiner Stimme. Und wenn sie es nutzte um Hilfe zu holen, weil sie ihm nicht traute? Verübeln konnte er es ihr zwar eigentlich nicht, aber immerhin hatte er ihr heute schon zweimal das Leben gerettet.
„Ach, einfach nur ein bisschen Musik hören oder Filme gucken, das mache ich immer auf so langen Fahrten.“
Er entspannte sich. Kaz fuhr langsamer und öffnete das voluminöse Handschuhfach. Er kramte sein Ersatztelefon und eine kleine Dose mit Kopfhörern heraus und reichte sie nach hinten zu Amber.
„Hier, nimm erstmal das da, das hat eine Datenflatrate.“
Ihre Augen wurden groß.
„Scheiße, das ist ein Prism!“
„Ja, wenn auch nicht mehr das neuste Modell.“
„Vielen Dank, das ist so cool. Ich hab von den Dingern immer nur gehört, aber ich kenne niemanden persönlich der tatsächlich eines besitzt, die sind ja spielend dreimal so teuer wie ein iPhone!“
„Dafür sind sie auch in jeder Hinsicht besser, leistungsstärker, verschlüsselt und verwenden das geniale Betriebssystem HALOS.“
Er sah im Rückspiegel wie sie sich die Kopfhörer einstöpselte und mit dem Prism verband, dann tippte sie darauf herum und hielt es anschließend quer im Schoss. Mit angewinkelten Beinen machte sie es sich dick in die Wolldecke eingewickelt bequem und schien schnell in ihrem Film oder einer Serie zu versinken. Lächelnd fuhr er durch die Nacht auf dem Weg in die sichere Heimat.

*

Gegen Mittag des nächsten Tages bog er auf die Einfahrt einer Omega Station ein, passierte die Schleuse mit befestigten bunkerähnlichem Wachhäuschen und schwer bewaffneten Wächtern und stellte sich auf eine überdachte Ladestation. Amber wachte schlaftrunken auf und streckte sich genüsslich.
„Omega Stationen sind ein sicherer Hafen und sicher vor Clowns. Schüttel dir ruhig mal die Beine aus und geh ein paar Schritte, das Aufladen wird ne Weile dauern. Deshalb gibt’s hier immer ein hochklassiges Diner und einen Laden wo du alle möglichen Sachen kaufen kannst. Das hier ist lediglich eine kleine Omega Station, in den großen gibt’s auch richtige Unterkünfte mit weichen Betten und einem reichhaltigen Unterhaltungsangebot, denen wir noch begegnen werden. Hast du Hunger?“
Amber nickte eifrig und schälte sich aus ihrer Wolldecke, in die sie sich regelrecht verheddert hatte. Er sah, wie sie zusammenschrak und heftig zitterte als sie ausstieg, immerhin war es tiefster und hier oben im Norden dazu noch unangenehm kalter Dezember und sie trug nur eine löchrige Jeans und einen dünnen Kapuzenpulli. Verdammt, er hätte nach ihrer Jacke suchen sollen. Er nahm sich vor, ihr eine neue bei Gelegenheit zu organisieren. Puh es war wirklich ziemlich kalt, definitiv Minusgrade im zweistelligen Bereich. Er stöpselte schnell das Ladekabel an und guckte in der Omega App wie sich der Ladestand langsam erhöhte. Bis zum vollen Akku hatten sie rund zwei Stunden Zeit. Zur Sicherheit schloss er den Wagen ab, dann ging er mit Amber, die schon bibbernd und zitternd mit blau angelaufenen Lippen auf ihn wartete und ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpfte und sich die Arme rieb, in Richtung Diner. Drinnen war es schön wohlig warm und sie suchten sich ein Plätzchen wo es so richtig gemütlich war. Außer ihnen waren nur zwei weitere Leute anwesend. In den Ladestationen steckte eine riesige LKW Zugmaschine mit ungewöhnlich geräumiger Wohnkabine und in einer anderen ein unauffälliger blauer Kleinwagen.
   Die Bedienung näherte sich ihrem Tisch und sie bestellten trotz Mittagsstunde zwei Frühstücksteller und Kaffee und für Amber noch einen Orangensaft. Der Kaffee und der Saft kamen sofort und das Mädchen umfasste mit beiden Händen den Becher um sich aufzuwärmen. Ihr Gesicht hatte in der Zwischenzeit zumindestens schon mal eine gesündere Gesichtsfarbe angenommen, als eben in der Kälte.
„Du wirst schon sehen, dass Essen hier ist köstlich.“
Sie sah ihn nur zweifelnd an und trank einen Schluck Kaffee. Sie hob anerkennend die Brauen.
„Der Kaffee ist ziemlich gut muss ich sagen. Der Saft auch. Ich hoffe in Texas gibt’s auch Orangensaft, davon kann ich nämlich nicht genug bekommen und das ist ja wichtig wenn ich jetzt quasi bei dir wohnen soll?“
Er wehrte lächelnd ab.
„Keiner zwingt dich bei mir zu wohnen, es erscheint nur im Moment am sichersten. Ich kann dich auch in der nächsten größeren Stadt absetzen wenn dir das lieber ist.“
Sie schüttelte heftig den Kopf und er war etwas enttäuscht, nicht, dass er sie jetzt an der Backe hatte, denn er mochte Kinder nur so mittel und war auch absichtlich kinderlos geblieben, sehr zur Enttäuschung seiner Mutter Naomi, die sich immer Enkelkinder gewünscht hatte. Aber dafür hatte seine kleine Schwester Natalie im Enkel-Department ordentlich abgeliefert.
„Jetzt wo meine Familie …“
sie stockte und eine einzelne Träne rollte ihr über die Wange. Sie setzte neu an.
„Jetzt bin ich ganz allein. Und ich hab eigentlich keine richtig guten Freunde und keine anderen Verwandten und auch kein Geld. Ohne dich hätte ich noch nicht mal ein Handy und würde bestimmt nicht mehr leben. Danke nochmal. Mit sechzehn will ich noch nicht sterben!“
„Ich will auch mit dreiundfünfzig jetzt noch nicht sterben. Aber ich kann einfach nicht stillsitzen wenn so etwas passiert. Deshalb bin ich immer auf das Schlimmste vorbereitet.“
„Ich glaube das sollte man in diesen Zeiten auch sein. Nur warum wir?“
„Dein Vater Andy war ein US-Marine, deshalb. Clowns destabilisieren die Gesellschaft und dezimieren die Streitkräfte und schlagen klaffende Löcher in die Grundfesten der freien Nationen dieser Welt. Sie wollen einreißen, zerstören und ausradieren, was wir über Jahrhunderte erbaut und für die Generationen von tapferen Männern und Frauen gekämpft und ihr Leben gelassen haben. Die Clowns wollen in den Ruinen der freien Welt eine neue Weltordnung erschaffen und Nationen, die sich nicht mehr verteidigen können, sind leichte Ziele für diesen Abschaum.“
„Woher weißt du, das mein Vater bei den Marines war?“
„Das kam im Radio des Widerstands, die sind immer gut informiert.“
„Sowas gibt es?“
„Klar, es gibt einen ganzen Katalog von Codes und Codecs die wir verwenden. Und irgendwie müssen wir uns schließlich austauschen. Ich hab übrigens mitgeholfen dieses Netzwerk in den USA aufzubauen. Mit jedem Tag wächst der Widerstand gegen die Clowns. Weltweit.“
„Dann gibt es auch in anderen Ländern Widerstandszellen gegen die Clowns?“
„Ja, auf der ganzen Welt, in fast jedem Land. Vielleicht können wir dem ganzen irgendwann einen Riegel vorschieben, aber nicht nur die Clowns selbst, sondern auch die Scharen korrupter Cops machen uns das Leben schwer und hindern uns daran uns selbst um diese verdammten Clowns zu kümmern. Viele nehmen die Sache von daher lieber in die eigene Hand, so wie ich.“
„Wer ist eigentlich dieser Hal der dir geholfen hat, so hieß doch eine KI aus so einem uralten Streifen?“
„Hal ist ein alter Freund von mir und er hilft mir wann immer er kann, er ist einer der besten Computerspezialisten der Welt und er ist ein großer Fan von künstlichen Intelligenzen und von den alten Stanley Kubrik Filmen, daher sein Spitzname.“
„So ist das also.“
Ihr Essen wurde gebracht und sie machten sich schweigend über Rührei, Bratkartoffeln und Speck her. Er grinste zufrieden als er Amber sichtlich genießerisch essen sah. Er grinste noch breiter als sie sich nach mehr umsah.
„Hast du noch Hunger?“
„Ich könnte locker noch so eine Portion essen. Ich hab’s gut und schlecht zu gleich, ich kann viel und immer essen und werde nicht dick, aber auch nie wirklich satt. Ist ganz komisch bei mir. Darum beneiden mich auch immer alle.“
„Machst du eigentlich Sport?“
„Naja da wo ich wohne ist das Freizeitangebot sehr begrenzt, daher trainiere ich wenigstens zweimal die Woche, ich mache Calisthenics, dafür braucht es kein Fitnessstudio.“
„Wunderbar, Calisthenics mache ich auch und dazu noch Kampfsport und Krafttraining. Ich trainiere jeden Morgen vor dem Frühstück, du kannst ja mitmachen wenn du Lust hast. Ich habe ein privates Studio auf meinem Gelände, selbstverständlich mit dem besten Equipment, das man für Geld kaufen kann.“
„Ja, falls wir Texas in einem Stück erreichen.“
„Keine Sorge, ich bin gewappnet und Texas hat die wenigsten Clownangriffe in den USA und in dem Nest wo ich wohne praktisch null Angriffe.“
„Das ist beruhigend. Aber dann bestimmt genauso wenig Freizeitbeschäftigungen wie in Montana?“
„Da ist leider was dran, aber ich hoffe bei mir wird es dir schon nicht langweilig. Wenn das mit den Tieren stimmt hoffe ich, dass du ein paar interessante Gesprächspartner findest. Ich fürchte nur Kasimir ist nicht der hellste und meine Milchkuh Rita auch nicht, ich meine sie ist eine dicke Kuh. Ach ja, ich hoffe du magst frische Kuhmilch.“
„Geht so, wir haben in einer Kleinstadt in einem Einfamilienhaus gewohnt, frische Kuhmilch trinke ich praktisch nie, nur wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern war, die wohnen … wohnten auf einer kleinen Farm.“
„Mh, ich habe eine Maschine zur Haltbarmachung von Milch gebaut, vielleicht macht das die Sache ein bisschen erträglicher für dich.“
Aus den Augenwinkeln bemerkte er einen übergewichtigen Typen um die dreißig mit fettigen schwarzen Haaren, der immer wieder verstohlen zu Amber herübersah.
„Amber?“
„Ja?“
Sie strich sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn und sah ihn mit schiefgelegten Kopf fragend an.
„Wie wäre es damit, dass ich uns noch eine weitere Frühstücksplatte bestelle und du dich in der Zwischenzeit etwas frisch machst, es klebt noch etwas Blut an deiner Stirn.“
„Ok, mache ich, bis gleich.“
Sie stand auf und ging in einem sonderbar geschmeidig katzenhaften Gang in Richtung Sanitäreinrichtungen im Untergeschoss. Der schmierige Typ stand auf und wollte ihr nachgehen, Kaz stellte sich vor ihn. Der Typ war kleiner als er und völlig unsportlich.
„Ey man was soll das? Ich will nur pissen!“
„Genau, ganz zufällig in dem Moment wo ein hübsches Mädchen auf die Toilette geht. Setz dich wieder hin und warte, bis sie wieder zurückkommt oder ich zieh noch ganz andere Seiten auf!“
„Was spielst du dich so auf du Wichser? Nur weil du „berühmt“ bist, wie die Kleine über dich gesprochen hat, gibt dir das noch lange nicht das Recht über andere zu bestimmen. Du Pisser hast sie doch bestimmt nur entführt und willst schlimme Sachen mit ihr machen. Du bist nicht besser als diese Clowns!“
„Gibt’s hier ein Problem?“
Der Trucker war hinzugestoßen, ein Bär von einem Mann, trotz mächtiger Plautze über und über muskelbepackt.
„Der Typ hier lässt mich nicht durch, ich will doch nur in Ruhe pissen?“
„Und das hübsche Mädchen angrabbeln oder heimlich fotografieren oder was? Ich kenn doch so Schmierlappen wie dich. Also zieh Leine. Und du setz dich wieder auf deinen Platz ich will keinen Streit, ich will einfach nur im Warmen sitzen ohne Stress oder eine Schlägerei.“
Der schmierige Typ zog Leine und setzte sich wieder hin und durchbohrte ihn und den Trucker mit stechenden Blicken. Kaz setzte sich auf seinen Platz und bestellte noch einen Kaffee und eine Frühstücksplatte für Amber. Als Amber nach fünfundzwanzig Minuten noch nicht da war und die dampfende Platte einsam und allein vor ihm stand, machte er sich Sorgen. Nach fünfunddreißig Minuten wurde er unruhig. Und schließlich nach fast fünfzig Minuten hatte er das Gefühl, dass sie sich aus dem Staub gemacht haben musste oder an üblen Verstopfungen litt. Etwas missmutig aß er das Frühstück bevor es völlig kalt wurde.
   Nach einer Stunde Stunde tippte ihm jemand auf den Arm und Amber setzte sich mit etwas feuchten Haaren auf ihren Platz und schob ihm einen gelben Plastikchip entgegen, mit dem konnte man an den Duschen bezahlen und ihn dann an einem Automaten auslösen, das machte er oft, wenn er auf Reisen durch die Staaten war. Dafür gab es kostenlose warme kuschlige Handtücher und Premium-Duschgel in einer Wellnessoase im Kleinformat. In größeren Omega Stationen, bekam man oft sogar noch eine Massage, wenn einem danach war.
„Sorry, aber ich musste mal Groß und hatte Verstopfungen – hab ich von meiner Ma geerbt – und da unten gab es Duschen, das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Ich glaube ich hab einfach die Zeit vergessen. Menno, du hast ja schon fast alles aufgegessen! Können wir nochmal bestellen.“
Eine weitere halbe Stunde später hielt sie sich satt und zufrieden ihren vollen Bauch, während Kaz die restlichen Waffeln mit Sahne aufaß. Seine App zeigte ihm an, dass sein Hound fast aufgeladen war.
„Jetzt decken wir uns noch im Laden mit Essen, Wasser und dicken Decken ein und dann geht’s los. Oder fällt dir noch etwas ein?“
Sie zuckte nur mit den Achseln. Also standen sie auf und gingen rüber in den ziemlich großen Laden wo es wirklich alles gab, von Babywindeln, über frische Sandwiches und Wärmflaschen bis zu edler und sündhaft teurer NOX Schokolade. Sie mussten zweimal gehen, weil zwei paar Arme für alles beim ersten Mal nicht ausgereicht hatte.
   Gegen drei Uhr nachmittags hatte er alles bezahlt bezahlt und sie saßen dick eingemummelt im Wagen, in dem es jetzt empfindlich kalt war. Amber war unter all den flauschigen Kuscheldecken, die schon fast in Richtung Kunstfell gingen, gar nicht mehr richtig zu sehen und sie hatte sich zwei elektrische Wärmflaschen und ein paar Handwärmer geschnappt. In der Zwischenzeit hatte Kaz auch schon mal den Polar Schlafsack zu Amber nach hinten gepackt und den elektrischen Reisewasserkocher aus den Tiefen des Kofferraums geborgen. Heute Abend würde es leckere Snacks von NOX geben und er hatte Amber begierige Blicke auf die leckeren Sandwiches aus der Frischetheke des Omega Shops werfen sehen. Das Mädchen hatte hinten jetzt ihren eigenen Snackkorb und eine Thermoskanne Kaffee und ein paar große Flaschen NOX Orangensaft. Er selbst hatte sich vorne etwas bereitgelegt und schaltete das Radio des Widerstands ein, während sich das Mädchen wieder die Ohrstöpsel einsetzte und bei Musik langsam wegdämmerte.
   Doch es ging nicht ganz ohne Verluste. Sein Fahrrad war völlig zerstört gewesen und er hatte es abgeschnallt, ebenso wie den durchlöcherten Reservereifen. Glücklicherweise waren Omega Werkstätten und Tankstellen immer an einem Platz und ein wenig beeindruckter Mechaniker hatte den Wagen durchgecheckt, den Reifendruck geprüft und ein nagelneues Reserverad aufgeschnallt. Kaz schätzte, dass der Typ wohl öfter Omegas in der Werkstatt hatte, die aussahen als hätte sie jemand durch den Krieg gejagt. Die waren eben äußerst beliebt im Widerstand für Hit & Run Taktiken und um die Clown Konvoys aufzubrechen und als Durchbruchs-„Panzer“ bei Angriffen auf Clown Patrouillen. Omega tat den Teufel den Widerstand öffentlich zu unterstützen, aber dennoch tauchten verdächtig viele Omegas unter der Hand in Widerstandskreisen auf und die meisten waren von ganz normalen Every-Day-Autos schlicht nicht zu unterscheiden, abgesehen von Monstern wie den Hounds.
   Das war kein billiger Tag gewesen, aber das war es ihm wert. Amber war ihm mittlerweile durchaus ans Herz gewachsen und er konnte sich nicht mehr so richtig mit dem Gedanken anfreunden, sie fortgehen zu lassen. Er spülte zwei Koffeintabletten mit einem Schluck Wasser herunter und sie fuhren los.
   Gegen zehn Uhr abends blieb er auf einer verlassenen Nebenstraße in einem Wald stehen und machte die Lichter aus. Amber sah von ihrem Prism auf und musterte ihn fragend.
„Wir machen erstmal Pause, denn ich bin jetzt seit zwei Tagen ohne Schlaf! Ich denke, das wird jetzt erstmal Tetris spielen, den Schlafsack auspacken und alles vorbereiten, ich glaube du bist klein genug um dich auf der Breite des Wagens lang zu strecken, Omegas sind glücklicherweise wörtlich breit gebaut. Du bekommst noch ein Kissen von mir, dann ist es bequemer.“
Gesagt getan, zehn Minuten später saß Amber dick eingemummelt in den Schlafsack gekuschelt und sah ihm dabei zu wie er heißes Wasser vom Wasserkocher in den Beutel mit gefriergetrockneter NOX Fertignahrung goss und ihr dann reichte. Dann goss er etwas in seinen Beutel und rührte den Inhalt um, es gab einen leckeren Eintopf mit Nudeln und Fleisch. Amber schien es zu schmecken und nachdem sie den Inhalt des Beutels verputzt hatte machte sie sich über ein paar Schokoriegel her. Dann machten sie es sich bequem. Amber streckte sich auf der Rückbank aus und kurze Zeit später hörte er ihre gleichmäßigen ruhigen Atemzüge. Zufrieden lächelnd warf er sich die dicke Wolldecke über und schlief langsam ein.

*

Er bemerkte, dass ihm jemand hektisch auf die Schulter klopfte, sofort erwachte er aus seinem leichten Schlaf und war hellwach.
„Amber?“
Er hörte sie hektisch atmen.
„Scheiße, ich hab was gehört, einen unheimlichen Schrei oder so!“
„Sei mal kurz ruhig.“
Er fuhr das Fenster einen Spalt breit nach unten und horchte in die Nacht während Amber auf der Rückbank die Luft anhielt. Erst hörte er nichts, dann hörte er einen schrecklichen markerschütternden verzerrten Schrei und das Knacken und Brechen von Ästen. Ihm war als sähe er aus den Augenwinkeln wie sich etwas Großes durch den Wald auf sie zu bewegte, trotz der Größe nahezu agil und geschmeidig. Doch unverkennbar so voller Wut, dass es diesem Ding egal war ob es gehört wurde oder nicht. Sofort startete er den Wagen und trat auf Gas. Auf dem matschigen Feldweg drehten die Reifen durch und sie verloren wertvolle Sekunden. Da warf sich etwas hinten gegen den Wagen und sie wurden ordentlich durchgeschüttelt.
   Da! Die Reifen bekamen Halt und sie sausten nach vorne, die leistungsstarken Scheinwerfer durchstachen die feindselige und, bis auf dieses Ding, totenstille Nacht und er fuhr den unebenen Weg in gefährlich schnellem Tempo entlang. Hinter sich hörte er diese Schreie und das Beben von mächtigen Füßen auf den Boden. Dann hatten sie dieses Ding abgehängt und donnerten durch den Wald. Amber rappelte sich immer noch in den Schlafsack gewickelt auf und schnallte sich an. Sie rasten über die holprige Piste, bis sie nach einigen Minuten die geteerte Straße erreichten und er vollends Gas gab. Langsam beruhigten sie sich beide wieder.
„Verdammt was war das denn, ein Monster?“
„Den Schreien nach war es eine trächtige Gesichtslose, eine der größeren Arten, womöglich sogar eine Tochter des ersten Gesichts. Gerade in der Schwangerschaft übermäßig defensiv und verteidigen ihr Revier höchst aggressiv. Scheint, als wären wir in ihr Gebiet eingedrungen. Ich hätte nicht gedacht, dass wir in dieser abgelegenen Gegend auf eine stoßen, normalerweise siedeln Gesichtslose viel weiter nördlich an der Grenze zu Kanada. Wenn du in Montana aufgewachsen bist, müsstest du ihre Rufe in der Winternacht eigentlich kennen, auch wenn sie normalerweise eher scheu sind.“
„Verdammt und wie soll ich nach sowas noch ruhig schlafen? Wehe du machst nochmal in einem scheiß Wald nachts Rast!“
„Nein, weiter südlich sind Gesichtslose in der Regel nicht zu finden, dann treffen wir höchstens auf Wendigos, aber im Hound sind wir nachts vor ihnen sicher und selbst wenn führe ich immer ein paar Magazine Brandmunition und Brandgranaten im Auto mit, das wirkt Wunder bei diesen abgemagerten Viechern. Aber zu deiner Beruhigung, wir erreichen langsam dichter besiedeltes Gebiet, wo sich Monster rarer machen.“
Wenig überzeugt drehte sich Amber weg und sah schweigend in die Nacht hinaus.
   Im Morgengrauen erreichten sie eine Kleinstadt und er hielt am Rand einer Wohnsiedlung an und parkte ein, aber so, dass er sofort losfahren konnte, wenn sich etwas regte.
   Vereinzelte Passanten blieben ab und an neugierig stehen und fotografierten den Hound, dessen Lack an zahllosen Stellen von einschlagenden Kugeln abgeplatzt war, aber dank der getönten Scheiben waren sie vor allzu neugierigen Blicken sicher. Zur Sicherheit ließ er dennoch den Kanal zu Hal offen. Amber hinten sah sich unruhig um bevor sie sich wieder abschnallte und im Schlafsack ausgestreckt auf der Rückbank einschlief. Bei ihm dauerte es etwas länger aber irgendwann döste auch er wieder ein.

*

Wieder wurde er unsanft geweckt, ein energisches Klopfen an der Scheibe. Er regte sich langsam und rieb sich die müden Augen. Scheiße, ein Cop stand neben seinem Wagen und bedeutete ihm die Scheibe herunterzufahren. Er griff in den Fußraum des Fahrersitzes und entsicherte seine Schallgedämpfte Beretta 92, früher die offizielle Service Waffe der US Armee unter der M9 Designation. Eine verlässliche, wenn auch recht schwere 9mm Pistole mit großem Magazin. Ohne dass der Cop es mitbekam entsicherte er die Waffe und zog den Schlitten zurück, sicher war sicher. Dann warf er einen unauffälligen Blick in den Rückspiegel um sich zu vergewissern, dass Amber noch schlief. Na das würde ja was werden. Er fuhr die Scheibe herunter und setzte eine betont freundliche Miene auf, auch wenn er nicht mit der Wimper zucken würde, dem Bastard auch nur bei der kleinsten Bewegung den korrupten Schädel wegzublasen.
„Ja Officer, was gibt es?“
Der unrasierte Mittdreißiger mit dunklen Haaren musterte ihn misstrauisch. Ein typischer Provinz-Cop, vermutlich passierte hier draußen nicht viel, außer dem Einsammeln von entlaufenden Katzen.
„Was treiben Sie hier in dieser Gegend?“
Grunzte der Mann unhöflich. Die Stimme war schroff und abweisend. So als ob er es als unter seiner Würde betrachtete, sich mit einem Durchreisenden wie Kaz beschäftigen zu müssen.
„Ich mache ein Nickerchen, ich bin gerade auf dem Weg nach Hause, ist das denn verboten?“
Spöttelte Kaz und verzog keine Miene. Der Cop verzog das Gesicht hingegen unmerklich in einer Grimasse der Verärgerung.
„So und wo wohnen sie?“
Er klang nicht, als ob ihn die Antwort überhaupt auch nur im Ansatz interessierte.
„Texas“
Gab Kaz knapp zurück.
„Wir sind ziemlich weit von Texas entfernt. Und da parken Sie hier einfach so und schlafen eine Runde. Was Besseres ist dir kleinem Scheißkerl nicht eingefallen? Was ist mit dem Wagen passiert?“
„Das ist ein Omega und ich hab getestet, ob die wirklich so kugelsicher sind, wie man immer in den Werbespots sieht.“
Die Lüge fiel ihm spontan ein.
„ … kommt aus Texas …“
Murmelte der Cop kaum hörbar und verdrehte flüchtig die Augen.
„Fahren sie allein?“
Gerade jetzt im ungünstigsten Moment stöhnte Amber im Schlaf, bei den Strapazen der letzten Tage wohl ein übler Alptraum – verdenken konnte er es ihr wirklich nicht. Der Cop bekam das mit und seine rechte Hand zuckte zu seiner Waffe, ein .38er Revolver – Oldschool.
„Wer ist da noch  im Wagen?“
Fuck.
„Ähm, meine Tochter, wir kommen gerade von einem Ausflug zurück.“
„Führerschein und Fahrzeugpapiere, aber zackig.“
Brummelnd kam er der Aufforderung nach und reichte die Papiere dem Cop.
„So ne richtige Berühmtheit also, auf der Station schwören einige auf den hanebüchenen Mist, den sie in ihren obskuren Büchern verzapfen. Da gibt es nur ein Problem: sie haben keine Tochter! Aussteigen!“
Grimmig malte Kaz mit den Zähnen.
„Officer, haben sie Frau und Kinder?“
Der Cop hob eine Braue und sah ihn argwöhnisch an. Die Frage schien ihn aus dem Konzept gebracht zu haben.
„Ich hab eine Frau und eine kleine Tochter.“
„Würden sie alles für ihre Tochter machen?“
„Natürlich, was soll die blöde Frage?“
„Was würden sie machen, wenn sie jemanden begegnen, der ein Mädchen ohne Familie um jeden Preis beschützen würde, selbst wenn er dafür einen Mann töten müsste?“
Der Cop starrte ihn einen Moment verblüfft an.
„Sir, verlassen sie unverzüglich den Wagen und stellen Sie sich breitbeinig mit erhobenen Händen neben Ihren Wagen! Das wird mir langsam zu bunt, Sie durchgeknalltes Schwein.“
Kaz dachte einen Moment an seinen Stand in der Gesellschaft. Als exzentrischer Bastler mit genug Kleingeld um lästige Cops zu schmieren, war ihm sein Ansehen außerhalb Texas reichlich unwichtig.
„Sind sie einer von den dreckigen Cops, die die Clowns unterstützen?“
„Hey Mann, ich mache hier nur meinen Job. Rauskommen, wird’s bald?“
Ach scheiß drauf. Kaz legte den Rückwärtsgang ein und schoss aus der Parklücke. Der Cop rannte zu seinem Wagen zurück. Die Tachonadel nahe der 120 km/h Marke donnerte er durch die Stadt und wich geschickt den anderen Verkehrsteilnehmern und Passanten aus. In einiger Entfernung hinter sich sah er wie der Cop von eben die Verfolgung aufnahm. Amber hinten war aufgewacht und starrte ihn angstvoll mit weit aufgerissenen Augen an.
„Hey, was soll das?“
„Wenn du im Schlaf nicht demonstrativ laut gestöhnt hättest wären wir jetzt nicht in dem Schlamassel!“
Sie sah nach hinten und erkannte die Lichter des Streifenwagens.
„Du Idiot legst dich mit den Cops an? Und warum bin ich an dem Mist Schuld?“
„Tja was soll man machen. Hätte ich mich verhaften lassen und warten sollen bis irgendein Sympathisant der Clowns vorbeikommt und dich abknallt? Inzwischen ist ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt, tot oder lebendig. Das bringt so manch beschränkte Existenz mit einer Kanone unter dem Kopfkissen auf dumme Gedanken. Von den geschminkten Wichsern gar nicht zu sprechen. Wenn dieser Provinz-Affe mich mit dem Zwischenfall in Montana in Zusammenhang bringt haben wir Ruck-Zuck diese Bastarde am Hacken. In diesen Breiten haben sich die Clowns gut eingenistet und alle Naselang einen Außenposten errichtet. Jede Minute, die wir länger in diesem Kaff verweilen, verringert unseren Vorsprung und bevor du dich versiehst bist du eingekreist. Und diese Terroristen fackeln nicht lange damit, ihre Beute abzuknallen.“
Er öffnete den Kanal zu Hal.
„Hal. Sorg dafür, dass wir diesen Mistkerl hinter uns loswerden.“
„Aye aye Sir. Der Streifenwagen hinter Ihnen dürfte nun wichtigeres zu tun haben.“
Er sah in den Rückspiegel, der Streifenwagen schlingerte plötzlich heftig, verlor die Kontrolle und krachte mit Vollgas in eine Kolonne parkender Autos.
„Ich liebe voll computergestützte Autos.“
Kam es vergnüglich von Hal und ungestraft donnerten sie davon in Richtung Texas.

Der Katastrophenzyklus – Kapitel 2 – Teil 1

Der Abend vor Weihnachten. Es dürfte etwa zehn sein, Lucy war schon früh zu Bett gegangen, morgen wollte sie vormittags nochmal mit ihrer Freundin Anna (oder war es Lena?) ins Schwimmbad, Anna war zwar ziemlich moppelig, aber sie schwamm echt fix und gerne, genauso gerne wie seine Tochter.
   Joschi schmökerte in einem Architekturbildband, den Tipp hatte ihm seine Schwägerin Natalie gegeben, die als Innenarchitektin sehr erfolgreich arbeitete, um nicht zu sagen, dass sie eine der gefragtesten Innenarchitektinnen Deutschlands war. Dazu trank er ungesunde Cola und aß Gummibärchen. Die Küchentür war nur angelehnt, damit Lucifer, der auf seinem Schoß saß und sich die Bilder ansah zur Not raus konnte, wenn ihm langweilig wurde oder er auf Klo musste.
   Ein Klingeln ließ ihn heftig zusammenschrecken. Wer war das? Und vor allem so spät? Er sprang auf und schoss in den Flur und spähte durch den Spion, der Kater sauste hinter ihm her und kratzte an der Wohnungstür. Eine großgewachsene Frau in einer dicken Winterjacke mit plüschigem Fellkragen, einen Rucksack auf dem Rücken und umfasste den Griff eines ziemlich großen Rollkoffers.
   Wer war das denn? Und was wollte die mit so viel Gepäck vor seiner Wohnungstür? Ihr Gesicht kam ihr wage bekannt vor und er dachte eine Weile nach wer das sein könnte, ging alle Gesichter von Frauen in diesem Alter in seiner Bekanntschaft durch.
   Dann traf ihn der gedankliche Blitz und er erkannte sie wieder, wenn auch nicht sofort. Er fluchte innerlich, Gianna, seine kleine, seit 26 Jahren verschollen geglaubte Schwester. Er öffnete missmutig die Tür und erwartete sie mit einer frostigen Miene.
„Was, kein strahlendes Lächeln deine liebe Schwester zu sehen?“
Fragte sie enttäuscht, es klang nicht gespielt.
„Was willst du?“
Fragte er ziemlich schroff und abweisend, er mochte sie nicht sonderlich. Sie war als Schwester die Pest gewesen und hatte sich mit neunzehn auf Nimmer Wiedersehen verdünnisiert – hatte er zumindest angenommen, jetzt schien, als würde er falsch liegen. Er malte mit dem Kiefer, als sich ihre Augen auf einmal mit Tränen füllten, typische Krokodils-Tränen.
„Ich brauche jetzt einen Ort, wo ich unterkommen kann!“
„Such dir ein Hotel, davon gibt’s genug.“
„Ich kann nicht, ich bin nach langer Reise einfach so einsam und morgen ist schließlich Weihnachten.“
„Ist doch nicht mein Problem, du hast die letzten 26 Jahre sehr deutlich gezeigt, dass für dich nur deine Karriere zählt und dir deine Familie scheißegal ist.“
Jetzt heulte sie und bebte unter Schluchzern. Er fluchte.
„Ich … ich brauche familiäre Wärme.“
„Dann geh deinem anderen Bruder auf den Sack, der wohnt doch eh in Berlin in seiner Protzwohnung, wo allein jedes Kinderzimmer so groß ist wie mein Wohnzimmer.“
Sie sank zu Boden und bebte jetzt vor heftigen Schluchzern. Er seufzte, immer die große Show abziehen müssen – typisch Schwesterherz.
„Komm häng deine Jacke an die Garderobe, du Heulsuse. Ich mach dir einen Kaffee.“
Er streckte ihr die Hand hin und sie zog sich dankbar daran hoch. Dann marschierte er in die Küche und räumte den Bildband weg. Lucifer, der Kuschel-Tiger, sah ihn misstrauisch an (im Gegensatz zum alten Kater seiner Eltern war Lucifer richtig verschmust und kam immer kuscheln, wenn er nicht gerade schlief, das viele Kuscheln half bestimmt bei den Depressionen des Katers). Er wühlte in dem Berg Stofftiere und förderte ein hübsches dickes Plüschkrokodil hervor, Luise (nicht zu verwechseln mit Luise Hofgärtner), und legte es auf Giannas Seite auf den Tisch. Wenn man vom Teufel sprach stolperte sie in die Küche, trug nur noch abgenutzte Jeans und einen schicken, aber alten und ziemlich löchrigen dunklen Rollkragenpullover, und setzte sich an den Tisch. Sie starrte unschlüssig auf Luise.
„Was soll ich damit?“
„Knuddeln, was sonst.“
„Ich bin zu alt für Stofftiere.“
Brummelte sie missmutig.
„Das ist meine Wohnung, also heul dich gefälligst bei dem Plüschkrokodil aus. So, wie willst du deinen Kaffee?“
Sie knuddelte tatsächlich einen Moment mit Luise und schloss die Augen.
„Cappuccino mit zwei Zucker.“
„Kommt sofort.“
Er dachte an seine Whisky Sammlung, sagte aber nichts. Er gab still zu, dass er eigentlich zu viel trank. Lucy gab ihm auch hin und wieder gute Gründe.
   Zwei Minuten später stellte er ihr einen dampfenden Becher hin und setzte sich hin. Er hatte sich eine Dose Red Bull aus dem Kühlschrank geholt, ein bisschen Nervennahrung tat bestimmt gut. Es zischte, als er die Dose öffnete und er einen Schluck nahm. Gianna trank schweigend Kaffee. Er kannte sie nur als Mädchen und Teenager, danach war der Kontakt mit ihr komplett abgebrochen und er hatte über fünfundzwanzig Jahre nichts mehr von ihr gehört, bis jetzt. Man merkte ihr das Alter an, die Fältchen und Grübchen um Mundwinkel und Augen. Ihre langen dunklen Haare waren mit ersten grauen Strähnen durchzogen. Er erkannte sie kaum wieder. Sie sah älter aus als 45, eher wie Mitte 50. Er sah einen schlichten Ehering am Ringfinger, also hatte sie Familie oder war geschieden, hing aber noch an der Beziehung und trug den Ring weiter.
„Warum tauchst du gerade jetzt zu Weihnachten wieder auf?“
Sie hob den Blick und sah ihn etwas nachdenklich an.
„Mein Mann möchte mit mir und unseren Söhnen zusammen gewissermaßen einen Neuanfang in meiner Heimat wagen, ich hab ja einen deutschen Pass, er muss hingegen noch eine Menge Papierkram einreichen, bevor er ohne weiteres hier leben darf. Und meine Söhne wollen hier studieren, bzw. mein Jüngster hier noch sein Abi machen.“
„Hm, wo hast du denn gewohnt?“
„Austin, Texas. In einem Einfamilienhaus etwas außerhalb. Ich hab die Reise schon eine Weile geplant gehabt und bin von Austin nach London und von London nach Berlin, alles erster Klasse. Und dann mit einem Taxi hier her, das war ganz schön weit. Jetzt bin ich total geschafft und müde.“
Die Staaten also, hätte er irgendwie auch vermutet.
„Bist du eigentlich reich? Du scheinst dir zwar einen langen sicherlich nicht billigen Flug leisten können, aber nicht ein paar neue Klamotten.“
„Naja, ein bisschen Luxus muss im Alter schon sein, nur habe ich als Studentin mit sehr wenig gelebt und zeige es eben nicht, dass ich gut verdiene und wohlhabend bin.“
„Was machst du denn beruflich?“
„Ich war bis vor ein paar Wochen der CEO eines großen IT-Konzerns, aber ich habe den Posten nach reichlicher Überlegung abgegeben, um mich auf den Umzug meiner Familie vorzubereiten und dann auch wesentlich mehr Zeit für sie zu haben.“
Sie guckte traurig.
„Wenn du so einen Job hast, verdienst du zwar einen Batzen Geld, aber Zeit für deine Kinder hast du dann nicht mehr.“
Sie schwieg einen Moment, drückte das dicke Plüschkrokodil an sich und trank einen Schluck Kaffee.
„Toll. Meine Schwester leitet einen riesen Konzern, mein Bruder ist einer der gefragtesten Regisseure Deutschlands und ich … ich bin nur der Familientrottel.“
Tiefe Resignation und Traurigkeit erfüllten ihn, er war doch nur ein kleines armseliges Licht, er hatte im Leben nichts, aber auch gar nichts erreicht.
   Gianna sah ihn perplex an.
„Aber das stimmt doch gar nicht. Von uns drei Geschwistern hattest du zwar im Vergleich nicht so viel Glück im Leben und von dem was ich mitbekommen habe, hast du viel probiert und hattest auch viel Pech mit deiner Krankheit. Aber mach dich nicht so klein, du bist kein Versager. Guck dich um, du wohnst in einer verschwenderisch großen und traumschönen Wohnung in einer der besten Lagen Potsdams. Du bist recht erfolgreich als Autor unterwegs, bloggst seit über zwanzig Jahren mit einer treuen Leserschaft, bist echt gut auf Youtube zugange, mit über hunderttausend Abonnenten. Also tu nicht so als würde es dir schlecht gehen, du kleiner Jammerlappen. Vergleich dich halt einfach nicht mit Leuten, die mehr haben als du. So ein Verhalten ist dumm und kindisch und der schnellste Weg, unglücklich zu sein. Ich hingegen bin seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet, hab eine arg steile Karriere hinter mir und zwei tolle Söhne, aber wirklich gut fühle ich mich auch nicht.“
Er war etwas beschämt ihre Worte zu hören und sie hatte mit allem Recht. Nur wenn er sich zum Beispiel mit seinem Bruder traf und sich mit ihm unterhielt, war er immer so hin und weg von der mitreißenden Rede seines Bruders, vom aufregenden Leben in der Filmbranche, dass er schnell vergaß, dass es ihm doch eigentlich blendend ging und dann irgendwie mit seinem Bruder tauschen wollte und eifersüchtig auf dessen Leben wurde. Zumal Johnny eine bezaubernde und hinreißend schöne Ehefrau und zwei durchaus nette Töchter hatte, ganz anders als den wandelnden Albtraum, den seine eigene Tochter darstellte. Er war erfreut darüber, dass seine Schwester ihn nicht für einen Trottel hielt, aber besorgt, was ihren letzten Satz betraf.
„Wieso, bist du krank?“
„Nein, ich bin einigermaßen fit, aber viel Alkohol, Zigaretten und gelegentlich Drogen im Studium und auf Partys haben Spuren hinterlassen. Und ich bin nicht stolz darauf, dass ich lange nicht gesund gelebt habe. Jetzt hoffe ich auf einen Neuanfang in meiner Heimat, auch wenn ich mittlerweile länger in den USA als in Deutschland gelebt habe. Ich hatte gehofft, ich könnte fürs erste bei dir abstürzen bis ich eine feste Bleibe gefunden habe. Heißt ein Grundstück gekauft und ein Haus für meine Familie gebaut habe oder eine schön große Eigentumswohnung gefunden habe.“
„Und jetzt?“
„Jetzt ziehe ich bei dir ein, wenn du erlaubst. Ich hoffe doch einfach, du hast noch ein Gästezimmer übrig, dass man für einen längeren Aufenthalt entsprechend umrüsten kann?“
Er war sprachlos, damit hatte er nicht gerechnet.
„Habe ich eine Wahl?“
„Wenn du in einem beschissen kalten Winter deine liebe Schwester nicht in der Kälte stehen lassen willst, nein. Außerdem mache ich mich im Haushalt nützlich, koche für dich und meine Nichte und wenn du ganz besonders lieb bist, unterstütze ich meinen Lieblingsbruder auch ein bisschen finanziell. Mein Nicht-Lieblingsbruder hat eh schon viel zu viel und protzt auf Instagram mit seinem Tesla Fuhrpark, dieser Blödmann.“
Er seufzte schwer, sie machte es ihm mit Lockungen schwer, sie vor die Tür zu setzen, das war schon immer ihre Taktik gewesen, wenn sie etwas haben wollte. Blöde Kuh. Auf der anderen Seite war sie seine Schwester und in ihrem bisherigen Gespräch doch recht locker und sympathisch. Er dachte eine Sekunde nach und nippte in der Zwischenzeit am Red Bull.
„Ok, du kannst hier wohnen“
„Oh vielen, vielen Dank, Joschi. Du bist ein toller großer Bruder.“
Sie klang aufrichtig und lächelte warm, was ihn etwas erleichterte.
„Wie viel Gepäck hast du denn?“
Sie wischte sich die Augen und sah dann auf.
„Ein paar Sachen zum Anziehen für alle Jahreszeiten, Erinnerungsstücke an meine Familie, Geschenke für morgen und meinen Laptop.“
„Mh, ich habe aber kein Gästezimmer.“
Sie sah ihn verdutzt an.
„Aber du schreibst doch immer auf deinem Blog, dass du eine ziemlich große fünf Zimmer Wohnung hast. Da wird doch ein Raum als Gästezimmer übrig geblieben sein.“
„Stimmt, und ich arbeite selbstständig von Zuhause aus. Also Arbeitszimmer, Wohnzimmer, Lucy und mein Schlafzimmer. Und das Fünfte Zimmer ist mein Klemmbaustein-Studio mit über einer Millionen Lego Teilen und meiner Filmausrüstung, nach zwanzig Jahren ist mein Auftritt auf ein paar Video-Plattformen so groß, dass ich mein Hobby überwiegend refinanzieren kann. Aber wenn es dich tröstet, in meinem Schlafzimmer steht ein zweites großes Bett, falls Besuch kommt.“
„Wozu denn das?“
„Für Silvester, da kommen sowohl unsere Eltern als auch mein kleiner Bruder mitsamt seiner Familie auf ein paar Tage vorbei. Immer zu mir, weil ich Fahrstuhl habe.“
„Und wo schlafen dann alle?“
„Mama und Papa auf dem großen Schlafsofa im Wohnzimmer, Johnny und seine Frau auf dem Extrabett in meinem Zimmer, weil wir Neujahr morgens meistens zu dicht sind als dass er nach Hause fahren dürfte, auch wenn seine Teslas Autopilot haben. Und meine … ähm unsere Nichten schlafen bei Lucy im Zimmer, dazu habe ich ein paar Matratzen lagernd.“
„Und ich?“
„Du hast in den letzten sechsundzwanzig Jahren keine Rolle gespielt, aber ich lege dir eine Matratze in mein Büro. Bettzeug habe ich genug und die Matratzen sind schön weich und bequem.“
„Die kannst du doch nehmen. Ich …“
Sie brach ab, als sie seinen bösen Blick bemerkte.
„Ok, ich nehme die Matratze im Arbeitszimmer, auch wenn mir ein anständiges Bett lieber wäre.“
„Stimmt, aber Prinzeschen kann sich doch ruhig von all ihrem Geld für die Nacht ein Hotelzimmer holen, wenn es ihr an den Füßchen zu kalt wird.“
„Du bist doof.“
„Damit endet jeder zweite Satz meiner Tochter, wenn sie mit mir spricht.“
Bemerkte er beiläufig.
„Das ist aber nicht sehr nett. Wie ist sie denn so?“
„Sie hat überraschenderweise reichlich Elemente von dir und klein Johnny, hat das meiste von ihrer  Mutter und ein bisschen auch von mir. Sie ist regelmäßig bockig, ein bisschen sehr zickig, eine Heulsuse, wenn sie ihren Willen nicht durchgesetzt bekommt, sehr kreativ, beschissen schlecht in der Schule, flüchtet sich in virtuelle Welten, um der unbequemen Realität auszuweichen, absolut grottig im Umgang mit netten Jungen und schminkt sich seit rund zwei Jahren wie eine Schlampe. Kurz um, sie ist gelegentlich liebenswürdig, aber es gibt viele Momente, da würde ich ihr gerne eine scheuern. Gerade wenn ich in Ruhe arbeiten oder entspannen will und sie mir wegen Drama und Jungs auf den Sack geht oder der Dauerrenner, sie will etwas sofort und dringend haben, aber ihr Taschengeld reicht nicht. Natürlich kommt sie ganz nach ihrem Onkel Johnny und räumt nie auf, also bleibt der ganze Mist an mir hängen. Also arbeite ich täglich neun bis zwölf Stunden, damit meine liebe Tochter drei Mahlzeiten am Tag und eine gute Bildung bekommt und in einem warmen Bett in einer scheißteuren Wohnung schlafen kann. Dazu muss ich natürlich kochen und ihr morgens eine Brotbüchse machen, ich bin der Geldautomat, wenn sie Süßigkeiten, Makeup, Essen gehen, zum Frisör – was sie viel zu oft macht – oder ins Kino will, ich muss mich allein um den Haushalt und nebenbei um meine bockige Tochter kümmern.“
Sie musterte ihn mit einem mitleidigen Blick in den Augen.
„Sie kann ja nicht von alleine auf deiner Türschwelle aufgetaucht sein, was macht denn ihre Mutter? Ich hab auf den ersten Blick keine Damenschuhe oder –Mäntel gesehen.“
Er sah sie einen Moment traurig an.
„Lucys Mutter ist zwei Tage nach ihrer Geburt an Entkräftigung gestorben.“
Gianna riss die Augen auf und wirkte erschüttert.
„Oh verdammt, das tut mir Leid. Trauerst du sehr?“
„Es ist ein bisschen kompliziert, weil wir nie in einer Beziehung waren.“
Er holte Luft und erzählte ihr die Geschichte, die er erst vor wenigen Tagen Luise Hofgärtner erzählt hatte. Als er endete, musterte sie ihn nachdenklich.
„Also wart ihr nicht in einer Beziehung und da hast dich wie der größte Riesenarsch in der Geschichte benommen und gleichzeitig gezeigt wie sehr du du selbst bist, wenn du mit schwierigen Situationen konfrontiert wirst, also der feige Idiot, der den Kopf in den Sand steckt und hofft, es wird schon nichts passieren. Papas Reaktion hingegen fand ich stark, so handelt ein verantwortungsvoller Erwachsener, nicht wie du. Ich hoffe Assyas Grab ist tipp-top gepflegt, sonst trete ich dir gehörig in den Arsch.“
„Nette Worte. Sie ist bisher nur ein bisschen Depressiv, zum Glück bisher keine Suizidgedanken, aber dann ist sie wochenlang still, geknickt und kraftlos. Aber das reicht mir schon.“
„Und dann versuchst du dummer Volltrottel einen Vollzeitjob und die Erziehung gleichzeitig ohne Hilfe zu stemmen. Ein Mädchen, bzw. Kinder allgemein brauchen am besten zwei Elternteile. Und du bist nicht so hässlich, als würdest du keine finden, zumal du fit und definitiv nicht arm bist, so wie das klingt.“
„Ach echt? Wäre ich nie drauf gekommen. Aber vor Lucy lief da schon nichts und als Lucy geboren war … naja, Single Papas sind als Partner nicht so gefragt, habe ich auf die harte Tour festgestellt. Und komm schon, im Alter wird man nicht hübscher, ich bin zwar fitter geworden, aber das war‘s schon. Außerdem hatte ich alle Hände voll zu tun mit meiner Selbstständigkeit und meiner Tochter, da war einfach kein Platz mehr für Dates. Ich hab eh praktisch keine Freizeit mehr, gerade als Lucy jünger war und sich noch nicht so gut selbst beschäftigen konnte. Mein Studio ist mein Rückzugsraum geworden, wo ich abends nochmal ein paar Stunden hingehe um ein bisschen zu basteln und Videos aufzunehmen. Oder aber ich mach’s mir in der Küche mit einem Buch bequem. Aber die Zeiten wo ich mal stundenlang machen konnte was ich wollte sind seit sechzehn Jahren vorbei, und kommen erst wieder, wenn Lucy endlich auszieht, aber bis sie lebensfähig ist, wird noch viel Zeit vergehen.“
„Warum das?“
„Sie gibt sich alle Mühe, Schule so richtig an die Wand zu fahren. Sie steht immer irgendwo fünf und reagiert allergisch auf Nachhilfeunterricht. Sie macht ihre Hausaufgaben nicht, sieht einfach nicht ein warum und fängt sich eine sechs nach der anderen ein. Sie zockt lieber und postet auf Instagram, als dass sie sich auf Tests und Klassenarbeiten vorbereitet. Sie ist in genau drei Fächern nicht völlig scheiße: Sport, Kunst und Schauspielunterricht. Also alles drei Fächer mit denen man sich eine „sichere Zukunft“ aufbauen kann.“
Kommentierte er sarkastisch, auch wenn er sich eigentlich furchtbar fühlte, so über seine Tochter herzuziehen. Klar lernte sie nicht so gern, aber war er als Jugendlicher so viel anders gewesen?
„Zudem ist sie dort auch nicht überragend gut. Jede Woche habe ich bei irgendeinem Lehrer ein Elterngespräch, über ihre schlechten Noten. Und natürlich bin ich schuld daran, dass meine Tochter so schlecht ist, ich der schlechte Vater, das schlechte Vorbild.“
„Wer sagt sowas?“
Er seufzte schwer.
„Andere Eltern und andere Lehrer. Weißt du meine bockige Tochter hat mir ein Date mit ihrer Lieblingslehrerin angeleiert. Luise Hofgärtner.“
„Was echt?“
Seine Schwester verkniff sich ein Lachen und schmunzelte.
„Ja, letzten Sonntag. Es ging gut, auch wenn der Anfang sehr holprig war. Jedenfalls haben wir Nummern getauscht und chatten seitdem regelmäßig, wenn die Brut anderweitig beschäftigt ist. Und da hat sie mir traurig erzählt, dass ich unter den Lehrern an der Schule keinen guten Ruf habe. Und das stimmt mich so traurig. Ich will meiner Tochter doch nur ein gutes Leben ermöglichen, aber sie stellt sich einfach so bockig und setzt ihren eigenen Willen durch, was selten in Lernen ausartet. Eher in Zocken und Serien bingen. Anschreien nützt nichts und ich mag keine Gewalt. Gut zureden nützt aber auch nichts. Es ist wie einen löchrigen Eimer mit Wasser zu füllen.“
Sie musterte ihn nachdenklich.
„Und wenn ich mein Glück bei ihr versuche?“
Er runzelte die Stirn.
„Wie meinst du das?“
„Ich hab zwei Söhne und mein Jüngster ist in ihrem Alter. Vielleicht kann ich mit ihr reden und sie dazu zu bringen das Schulleben ein bisschen ernster zu nehmen.“
„Das würdest du tun?“
Unglaube schwang in seiner Stimme mit. Seine Schwester machte was für ihren großen Bruder, das musste er sich im Kalender eintragen.
„Ja, irgendwas muss ich schließlich tun, ich kann doch nicht einfach die nächsten zwei bis drei Jahre hier herumsitzen und nichts tun, während das Haus gebaut wird. Ich wiederhole mich zwar, aber irgendwas muss ich schließlich tun.“
„Stimmt, du konntest nie still sitzen, du musstest immer irgendwas machen. Für dich war Schule prio Nummer eins, danach kam das Lesen von ganz wichtigen Sachbüchern oder Biografien und deinen ersten Businessplan hattest du schon mit fünfzehn.“
Sie schmunzelte.
„Das stimmt auch, aber viel Zeit für ein Sozialleben blieb dann in der Regel nicht.“
„Wie heißt dein Mann?“
Sie lächelte bei der Frage.
„Chris, er ist schwarz und sechs Jahre älter als ich.“
„Was hat deine Firma gemacht?“
„Sorry, das würdest du nicht verstehen.“
Er war gekränkt.
„Warum behandeln mich alle wie den letzten Dorftrottel?“
„Weil du manchmal wie einer rüberkommst?“
Er lehnte sich traurig zurück.
„Ok, hier die Kurzfassung, wir bauen komplexe Computerchips und Quantencomputer auf höchstem Niveau.“
Er sah sie erstaunt an.
„So viel Knowhow hast du?“
„Sicher, ich hab Physik und Informatik am MIT studiert.“
Joschi starrte seine Schwester vor lauter Unglauben an.
„Das MIT?“
„Genau, Abschluss mit Magna cum Laude.“
„Und wie konntest du dir das leisten?“
„Gar nicht, ich hab kein Stipendium bekommen und geschuftet wie Teufel, um mein Leben zu finanzieren. Aus dieser Zeit habe ich meine Verweigerungshaltung gegen die Wegwerfkultur und kaufe eigentlich alles nur second Hand und repariere kaputte Elektronik, anstatt sie wegzuwerfen. Ich hab gekellnert und Nachhilfe-Unterricht in Mathe, Informatik und Physik gegeben.“
Er stand auf und öffnete einen Schrank etwas weiter oben und griff sich eine Flasche Single Malt Whiskey und ein Glas, großzügig schenkte er ein und nahm einen tiefen Schluck.
„Du bist eine liebenswerte Zicke.“
„Danke, denke ich. Krieg ich auch einen?“
Sie deutete auf den Whiskey und er holte ihr murrend ein Glas. Sie trank mit Bedacht.
„Der ist gut.“
„Hat mir Johnny geschenkt, für Krisenzeiten.“
Gianna schmunzelte.
„Hätte dich nicht für einen Säufer gehalten.“
„Tja, so täuscht man sich. Mein kleines Leben läuft eben nicht gut.“
„Wie meinst du das?“
Fragte sie mit einem besorgten Unterton in der Stimme.
„Ende des Sommers sind mir vier ziemlich große Kunden abgesprungen und ich kämpfe seitdem damit über die Runden zu kommen. Meine Tochter soll ein angenehmes Leben führen können, aber das kostet und wenn es so weitergeht, muss ich die Reserve anbrechen, die eigentlich für ein neues Auto und eventuell eine Eigentumswohnung gedacht sind, die Wohnung hier ist zwar groß und schön, aber im Alter kann ich mir das einfach nicht leisten, dafür ist sie einfach zu verschwenderisch groß und teuer. Ernie wird den TÜV im Frühjahr nicht packen und dann hab ich kein Geld für ein neues Auto. Aber dann werde ich nächstes Frühjahr neunundvierzig und ich muss mir langsam Gedanken um meinen Ruhestand machen und wie ich mit meinen Sachen verfahre. Mit dem frühen Tod von Lucys Mutter habe ich mit Mitte dreißig schon mein Testament gemacht, damit es an meiner Tochter ans nichts fehlt, wenn mir etwas zustößt. Aber viel ist es nicht. Momentan schreibe ich überall rote Zahlen und es sieht nicht so aus, als würde ich im neuen Jahr plus machen, ich war schon immer schlecht daran, neue Kunden zu akquirieren.“
Sie musterte ihn aufmerksam und er nahm noch einen Schluck, es brannte angenehm in der Kehle.
„Und wenn du etwas anderes machen würdest?“
Er sah sie zweifelnd an.
„Das hab ich schon öfter überlegt, aber zum einen bin ich schon Ende Vierzig und wer will denn noch jemanden in dem Alter ausbilden. Und dann weiß ich nicht, was mit mir anzufangen ist und das größte Problem, ich könnte es einfach nicht finanzieren. Ich zahl knapp dreieinhalb Tausend für die Warmmiete, Unsummen für Versicherung und Steuern und eine völlig gefräßige Tochter bei Laune zu halten, die verschwenderisch mit ihrem Taschengeld umgeht und immer nach mehr bettelt, ist auch kein kleines Unterfangen. Der Job ist ok, aber Spaß macht er mir nicht mehr so wirklich wie noch vor fünfzehn Jahren.“
„Mh, aber du bist doch auch Autor, Youtuber und Blogger.“
„Stimmt, die Bücher und der Kanal, das bringt ein paar Taler, aber es deckt noch lange nicht die Miete, es reicht aber immerhin dafür um das Equipment zu finanzieren und ein paar der Versicherung zu deckeln. Und der Blog läuft ganz gut, nach fast zwanzig Jahren Bloggen, habe ich rund fünftausend Follower, aber momentan schreibe ich aber nur etwa einmal die Woche was und so verliert man eben Abonnenten am laufenden Band.“
„Das ist bedauerlich, mir ist zu Ohren gekommen, du seist recht gut. Jedenfalls nicht den Kopf in den Sand stecken und aufgeben, wie du es eigentlich immer schon gemacht hast, seit dem es dich gibt. Sobald Schwierigkeiten in Sicht kommen, buddelst du dich ein und tust so, als könntest du dich da durchmogeln indem du nichts tust und nicht einfach untergehst. Ich hab gelernt, es ist nicht schlimm wenn du auf die Nase fliegst, solange du danach wieder aufstehst und weitermachst.“
Er schluckte und spülte mit Whisky nach.
„Stimmt schon, ich war immer schon so. Aber mit Lucy ist es dann besser geworden, meine Tochter könnte ich nie im Stich lassen. Und für sie springe ich schon mal in einen Brombeerbusch, wenn es ein großes Problem gibt.“
„Gute Einstellung, deine Tochter braucht einen starken Vater, kein rückgratloses Weichei.“
Schweigend saßen sie da und tranken Whisky. Dann gähnte sie demonstrativ.
„Hast du irgendwo vielleicht ein weiches Bett, ich würde mich gerne hinlegen, ich bin seit vierzig Stunden auf den Beinen, weil ich noch so viel erledigen musste!“
„Alles klar, komm mit und vergiss Luise nicht.“
Er stand auf und ging in den Flur, wo er ihren Rollkoffer nahm. Damit ging er auf eine Tür links am Ende des sehr langen geräumigen Flures zu, in dem man fast schon Bälle abhalten konnte. Er öffnete die Tür und machte Licht an. Es war wirklich keine Besenkammer, wie er sein Schlafzimmer immer scherzhaft nannte, denn immerhin hätte sein altes Wahnzimmer hier spielend zweimal reingepasst. Aber es war jetzt auch nicht gewaltig riesig, es maß etwa dreißig Quadratmeter, also ein Zehntel der Wohnungsfläche und war rechteckig langgestreckt. Abgesehen von den beiden großen Betten war alles bis unter die nicht gerade niedrige Decke mit Regalen und Schränken vollgestopft und in der freien Fläche in der Mitte des Raumes standen zwei vollbestückte Wäscheständer, einer mit Unterwäsche und Socken, der andere mit Bettwäsche. Er stellte den Rollkoffer neben ein großes Bett, das er in ein Regal eingebaut hatte, sodass einer der Schlafenden des Doppelbetts in einer Art Höhle nächtigte.  
„Da schläft unser Bruder und seine Frau Natalie, wenn sie zu Besuch sind und übernachten, ab und zu auch unsere Eltern, wenn sie länger zu Besuch sind, was aber nicht mehr so oft vorkommt, da sie auch schon recht alt sind. In den Nachthimmel ist ein Bildschirm eingelassen, sodass man im Liegen noch etwas bequem gucken kann. Mein Bett ist das große mit den ganzen Plüschtieren, schwer zu verfehlen.“
Gianna stellte den Rucksack neben den Koffer und entfaltete eine der dicken Daunendecken, die er schon in Vorbereitung auf den Besuch ihrer Eltern zwischen den Jahren vorbereitet hatte. Sie legte das Plüschkrokodil neben das Kopfkissen und schlüpfte ungeniert aus Jeans und Rollkragenpullover, Schmuck trug sie keinen und den Ehering ließ sie am Finger. Dann ließ sie sich in Unterwäsche und T-Shirt schwer aufs Bett plumpsen und kuschelte sich sofort ein und machte die Augen zu, sie schien echt fertig zu sein. Leise machte er sich auch fertig und gesellte sich zu den wenigstens vier Dutzend Plüschtieren, davon eine große Rotte Plüschwarane, in sein großes Bett mit der wahnsinnig tollen Matratze und fiel schnell in einen tiefen Schlaf.

Wenn dir eine Skizze einfach nicht reicht

Heute nur was kurzes, weil ich noch einen Film gucken will und es schon neun Uhr abends ist. Ich mache ja derzeit ein Bauzeichner Praktikum bei einem Landschaftsarchitekturbüro in Berlin Kreuzberg. Die Woche war das Ziel Arbeitsproben für ein Bewerbungsgespräch für das nächste Bauzeichner Praktikum zu sammeln. Und heute nach zumindest gedanklich schweißtreibender Arbeit waren für Liz Solomons Milliardärinnen „Wohnung“ alle Grundrisse endlich fertig. Jetzt fehlen nur noch die Schnitte und die Ansichten.

Das Abgefahrene an der Wohnung ist, dass es eine riesige und ausgesprochen hässliche Protzvilla mit großem Garten wiederum in einem noch viel viel größerem Gebäude (Dark Horizon) ist, als Domizil für Leute, für die Geld einfach keine Rolle mehr spielt, so wie Liz eben, die zwischen 450 und 500 Milliarden Euro besitzt und von ihrem Papa Herbert Solomon, dem Chef des Baukonzerns Solomon Industries diese Wohnung zu ihrer Volljährigkeit spendiert bekommen hat. Das Haus inkludiert 6 großzügige Angestelltenwohnungen, einen riesigen Nutzgarten, einen See, einen überdachten Pool und hat 5 Stockwerke. Das einzige was am Plan nicht akkurat ist, ist, dass die Garage eingezeichnet ist, denn Liz besitzt eine Tiefgarage für mehr Protzschlitten als sie braucht und der See ist nicht voll drauf. Ich hab aber die Files und autoCAD, also kann ich noch weitermalen, wenn ich Bock drauf habe 😀

EG + Außenanlagen

Keine Sorge, wenn das Praktikum vorbei ist, lad ich die PDFs in die Cloud zum runterladen und angucken und es wird einen ausführlichen Beitrag geben, der jedes Zimmer und jeden Ausschnitt beleuchtet 🙂

Damit dürfte ich zu den verdammt wenigen Autoren gehören, die professionelle Grundrisse für die Orte ihrer Bücher anfertigen. Ist doch auch ein Alleinstellungsmerkmal. XD

Übrigens mit dem Osiris Genom (2.5) gehts wieder weiter, aber es dauert noch eine Weile bis es fertig ist 😉

Und wenn ich ab Juli wieder mehr Zeit habe, baue ich das Ganze in Unreal Engine 5 nach, was vermutlich trotzdem eine Weile (Jahre) dauern wird, weil ich mir auch erstmal selbst beibringen muss. Und dann baue ich eine Figur, mit der man sich alles ansehen und interagieren kann … vielleicht sogar in VR. Und dann brauche ich wirklich ein PC Upgrade 😀

Joschis Abenteuer – 1-5 – Erfolg

„Iiih!“
Dumpf hörte er eine Mädchenstimme. Er öffnete die Augen und sah nichts bzw. alles völlig verschwommen, wie auch ohne Brille. Er tastete nach der Brille auf dem Sofatischchen und schob sie sich auf die Nase. Zwei Mädchen standen neben dem Sofa, Lucy und Lena. Lucy strahlte ihn an.
„Hattet ihr Sex, Papa?“
Er wurde rot.
„Das fragt man seinen Papa nicht!“
Luise wurde neben ihm wach und wirkte sehr verlegen.
„Was macht ihr denn hier?“
Lucy grinste breit.
„Wir wollten sehen wie es gelaufen ist.“
„Fabelhaft.“
„Ganz toll, echt.“
Kam es von Luise.
„Es ist übrigens zwölf, Zeit fürs Frühstück.“
Joschi und Luise wechselten Blicke.
„Dürfte ich vielleicht deine Dusche benutzen?“
„Klar doch, ich leg dir ein Handtuch raus.“
„Danke sehr.“
Er rappelte sich auf, flitzte in den Schuppen und kramte aus dem Wäscheschrank ein pinkes Duschtuch hervor und legte es auf die Waschmaschine. Er fand dreimal duschen am Vortag erforderte nicht, auch nochmal zu duschen. Stattdessen räumte er den Tisch von gestern ab, wischte ab und deckte für vier. Amber half ihm, Lena sagte nicht viel, sie war wie er recht still – das machte sie ihm sympathisch – aber sie half auch kräftig mit, sie wusste ja wo alles war, so oft wie die beiden Freundinnen hier in der Küche abhangen oder ungesund kochten.
   Schnell war der Tisch fast so opulent wie am Samstag gedeckt, als Lucy ihn überrascht hatte. Luise gesellte sich zu ihnen, sie hatte die Ohrringe und die Halskette abgenommen und sah ohne Makeup erfreulich normal aus, hübsch, aber normal. So gefiel sie ihm insgeheim noch besser. Auch Lucifer hatte sich zu ihnen in die Küche getraut und sprang auf die Bank neben Lucy und schmiegte seinen Kopf an ihren Unterarm. Joschi grinste und legte noch ein paar Scheiben Roastbeef auf den Wurstteller, Lucy verstand das Zeichen und fütterte den Kater, der jetzt etwas munterer wirkte.
„Wo setz ich mich hin?“
Fragte Luise. Die Mädchen saßen schon auf der Eckbank und grinsten.
„Wo du magst.“
Sie setzte sich. Joschi schüttete zwei gehäufte Löffel Zucker in den Milchkaffee und rührte um. Alle sahen ihn an, er fühlte sich unwohl.
„Ähm … ich …“
Er seufzte. Unter dem Tisch griff Luise nach seiner Hand.
„Haut rein.“
Lucy grinste und griff sich ein Croissant. Die Mädchen plapperten ausgelassen und Luise und er fragten abwechselnd, was die Kinder so getrieben hatten. Bis auf das Kuscheln und Bier trinken anscheinend ungefähr dasselbe wie sie. Joschi schmierte sich ein Brötchen und lächelte breit. Solche Frühstücksrunden mit Erwachsenen plus Kinder hatte er gefühlt zuletzt mit seinen Eltern vor zwanzig Jahren gehabt. Es fühlte sich fast wie eine Familie an. Nach dem Frühstück verabschiedete sich Luise von ihm und zerrte ihre leicht bockige Tochter mit, nahm sich aber noch Zeit mit ihm Nummern zu tauschen.
„Ich mag Telegram am liebsten, leider viele Spinner, aber die Sticker sind spitze.“
„Danke sehr, kommt gut nach Hause.“
„Werden wir.“
Sie schien kurz zu zögern, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.
„Danke sehr, das war ein toller Abend und ein schönes Frühstück! Das müssen wir unbedingt wiederholen.“
Sie strahlte ihn an, dann verließ sie mit ihrer Tochter die Wohnung. Er atmete aus.
„Und?“
Fragte Lucy scheinheilig.
„Was und?“
„Lief es gut?“
„Es hatte Anfangsprobleme, aber nachdem das Eis gebrochen war, ging es ziemlich gut.“
Sie grinste breit.
„Gutes Weihnachtsgeschenk?“
Er schmunzelte.
„Japp.“
Sie standen eine Minute im Flur herum. Lucy knuffte ihm in die Seite.
„Hab ich jetzt eine Mama?“
Er ließ die Frage unbeantwortet und lächelte nur.

ENDE

Joschis Abenteuer – 1-4 – Das Mahl

Jetzt war alles raus und er saß mit hängenden Schultern da. Er runzelte die Stirn. Täuschte er sich oder war da ein Schmunzeln in ihren Mundwinkeln. Sie richtete sich auf ihrem Stuhl auf.
„Das ist eine schöne Geschichte, zwar mit einem sehr traurigen Mittelteil, aber dann wieder einem schönen Ende. Weiß Lucy Bescheid?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, nur ich und meine Eltern kennen die Geschichte, Lucy hab ich gesagt, dass ihre Mutter uns verlassen hat. Ich glaube das war ein Fehler, aber ich könnte nicht damit umgehen, wenn mich meine eigene Tochter hasst für das, was ich getan habe, auch wenn sie wahrscheinlich allen Grund dazu hätte.“
Sie runzelte die Stirn.
„Ich glaube, das wird sie nicht.“
Er lehnte sich zurück, dann drehte er die leere Bierflasche in den Händen.
„Noch ein Bier?“
Fragte er.
„Gerne.“
Eine Minute später standen zwei frische gekühlte Budweiser auf dem Tisch.
„Jetzt reden wir hier schon so lang. Darf ich fragen wie du mit Vornamen heißt?“
„Joschi.“
Sie hob die Brauen.
„Ok, Aljoscha.“
„Schöner Name, russisch nicht? Hast du russische Vorfahren?“
Er zog eine Grimasse.
„Nope, daher bevorzuge ich Joschi.“
„Identifizierst du dich denn auch mit diesem knuffigen Dino mit der dicken Nase.“
„Natürlich, ich habe ihn als Stofftier, als LEGO Figur, als Tasse und er ist mein Lieblingscharakter, wenn ich Mario Kart spiele.“
„Süß. Ich heiße Luise.“
„Das ist aber auch ein schöner Name.“
„Danke sehr.“
Sie errötete leicht und trank einen Schluck Bier und schob sich ein paar Chips in den Mund. Dann machte sie ein ernstes Gesicht.
„Ich hatte erst dieses Jahr auch so ein Erlebnis, wo ich dachte es ist aussichtslos.“
Er wurde neugierig.
„Schieß los.“
„Ich hatte Krebs.“
Jetzt war er an der Reihe, die Augen erschrocken aufzureißen.
„Oh verdammt, hast du es überstanden?“
„Ja, aber verdammt knapp. Chemo plus OP, ich hatte Brustkrebs. Die,“
Sie schob mit ihren Armen ihre Brüste nach oben.
„sind nicht echt. Ich hab sie mir sogar etwas größer machen lassen. Egal, es war furchtbar, ich dachte jeden Tag nur daran, dass ich vielleicht sterben und meine Tochter im Stich lassen könnte. Und ich hatte vorher immer schöne, volle, lange Haare. Dann kam Chemo und ich hatte eine nackte Glatze. Dank Cosplay konnte ich mich zum Glück temporär einem ganzen Stapel Perücken bedienen, aber das ist nur ein schwacher Trost. Und jetzt sind sie dünn und leblos. Puh, ich rege mich viel zu sehr über mein Äußeres auf, aber vielleicht bin ich einfach zu eitel. Als die Ärzte mir dann sagten, dass ich es überstanden habe, war ich so unendlich erleichtert. Erst Wochen davor hatte ich Bang und voller Sorge mein Testament aufgesetzt. Und Lena war erst erleichtert, sie mag ihre Großeltern nämlich nicht so sehr und hätte sich nie vorstellen können bei denen zu wohnen falls ich … falls ich es nicht gepackt hätte. Aber ich dachte auch mir, dass Lena schon Recht hat, sie braucht einen Papa. Jemanden der für sie da ist, wenn mir etwas zustößt.“
„Zum Glück hast du es überstanden. Und die Haare sehen schick aus.“
„Danke.“
Sie errötete leicht.
„Lena hat mir von Lucy erzählt, dass du blond als Haarfarbe richtig schlimm findest.“
Er errötete.
„Ja, naja. Kommt ganz drauf an, kurz sind sie annehmbar.“
„Puh, hab ich ein Glück. Was wäre dir denn lieber?“
„Weiß nicht, braun denke ich. Wenn du es flippig haben willst auch ein gedecktes Rosa.“
Luise lehnte sich zurück und sah aus der Balkontür nach draußen, er folgte ihrem Blick, es schneite nicht mehr.
„Denkst du darüber nach ob du danach fragen könntest, ob du eine rauchen darfst?“
„Ertappt.“
„Ist die das in dem Pulli nicht zu kalt?“
„Geht schon, ich brauche ja nicht lang. Hast du einen Aschenbecher?“
„Mhm, steht auf dem Tisch draußen, meine Beste besucht mich gelegentlich und sie raucht auch.“
„Gut zu wissen. Kommst du mit raus?“
„Japp, ich hol mir nur kurz Schlappen.“
Es war frostig kalt draußen, im Flur hatte er sich noch schnell einen Schal umgebunden. Sie zückte ein flaches Etui und entnahm eine gekonnt selbstgedrehte Zigarette heraus. Sie steckte sie sich mit einem Zippo an und nahm einen tiefen Zug.
„Das tut gut.“
„Rauchst du viel?“
„Wahrscheinlich, ich weiß nicht. Ich rauche am Tag maximal das, was in dieses kleine Etui reinpasst und das sind zehn Stück. Oft mache ich es mir gar nicht voll. Und ab und zu ist auch eine Fluppe mit Gras dabei, wenn ich mal eine Auszeit brauche.“
„Guter Vorsatz, aber Rauchen ist trotzdem doof.“
„Stimmt, aber es beruhigt mich ein bisschen und Lena ist furchtbar anstrengend und Nerv tötend.“
„Lucy ist vermutlich nicht besser, da trinke ich dann einfach ein Glas Single Malt Whisky und alles ist vergessen. Oder ich exe ein Glas Vodka.“
Sie lachte.
„Das kann ich mir vorstellen.“
Schweigend guckten sie über die Dächer, dann drückte sie ihre Zigarette aus und sie flüchteten sich verfroren wieder ins wohlige Warm der Küche. Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr, es war schon acht Uhr durch, eigentlich Zeit für was zu futtern. Sie schien den gleichen Gedanken zu haben.
„Ich hab ein bisschen Hunger, aber nur eine Kleinigkeit. Hast du was da?“
„Was würde dir denn zusagen?“
„Ich hatte jetzt eine Woche Vegi hinter mir, in der Schule und zuhause, ich könnte saftiges Fleisch vertragen.“
„Mhm.“
Er überlegte.
„Steaks?“
Ihre Augen fingen an zu leuchten.
„Klingt gut. Was für Beilagen?“
„Mh, Bratkartoffeln und einen kleinen Tomatensalat?“
„Mjam.“
„Geht klar.“
„Moment, kann ich dir helfen? Mach ich sofort, du musst mir nur zeigen, wo was ist.“
„Ach so, magst du den Salat machen?“
„Klar. Die Kartoffeln, hast du schon welche gekocht?“
„Im Kühlschrank sind welche in einem Topf, ich hab mir gestern Kartoffeln und Quark gemacht, als Lucy schon im Bett war. Warte ich zeig dir alles.“
Er gab ihr die drei Minuten Tour durch die Küche, reichte ihr eine Schürze und sie legten los.
„Kann ich drei Fragezeichen anmachen?“
Sie sah ihn erstaunt an.
„Deine Küche, deine Regeln … aber eine von den älteren, die neuen finde ich doof.“
Er tippte auf dem Tablet in der Ecke herum und wählte im Bann des Voodoo, eine seiner Lieblingsfolgen. Sofort dudelte die Altbekannte Melodie aus den Boxen.
„Eine Küche mit einem Soundsystem, wie cool.“
Sie machten sich ans Werk und gegen Neun deckten sie den Tisch, diesmal tranken sie Cola. Das Steak medium-rare war zart und saftig und die Bratkartoffeln schön kross.
„Sehr lecker, du bist ein klasse Koch.“
„Danke sehr, dein Tomatensalat ist aber auch nicht von schlechten Eltern.“
„Ich bin eben die Salat-Mutti. Lena bekommt jeden Tag ein Töpfchen selbstgemachten Salat mit in die Schule.“
„Hilft‘s?“
Sie zog eine Grimasse.
„Die Töpfchen sind leer, wenn sie nach Hause kommt, aber ich glaube das blöde dicke Biest schmeißt den Salat einfach weg und holt sich stattdessen in der Cafeteria ein paar Donuts, die sie da blöderweise verkaufen. Ich koche gesund und verstecke die Süßigkeiten, aber sie bleibt dick, das ist doof. Ich zweifle an meinen Fähigkeiten als Mutter. Wie sind denn Lucys Essgewohnheiten?“
„Mh, wenn mein Töchterchen Hunger hat, verputzt sie alles wie ein Staubsauger. Aber wenn sie keine Lust hat, kann ich ihr das geilste Steak der Welt auftischen und sie verschmäht es trotzig. Sie ist eine echte Naschkatze, aber hat einen guten Stoffwechsel und nimmt eher schwer zu. Außer sie hat eine Eiscreme-Fressattacke, dann höre ich die Tage danach das Geheule aus dem Bad, wenn sie auf der Waage steht. Die Brotbüchse ist einfach gehalten, zwei geviertelte Äpfel, zwei Sandwiches und einen Schokoriegel. In Variation mit Nüssen, Trockenfrüchten und Bananen. Zum Glück sind ihr Lieblingssnack gefriergetrocknete Trockenfrüchte, die sind zwar schweineteuer, aber gesund – von denen haben wir immer ziemlich viel vorrätig.“
„So eine Tochter hätte ich auch gern. Die Brotbüchse finde ich gut, klingt gesund.“
„Geht so, die Sandwiches sind dick mit selbstgemachter Mayo beschmiert.“
Sie lachte.
„Na dann, ist aber auch gut. Soviel Arbeit machst du dir?“
„Natürlich, ich mag kochen … und backen. Da fällt mir ein, dass ich dir auch noch tonnenweise Lebkuchen, Baumkuchen, Herrenschnitten und Plätzchen hätte anbieten können, ist das schlimm?“
„Nein gar nicht, gute Chips sind mir lieber als Plätzchen. Aber meine Lena ist auch ganz eifrig in der Küche, allerdings kocht sie nie was Gesundes, obwohl ich ihr immer wieder zeige wie es geht. Hm, und wie frühstückst du?“
„Variiert stark. Zu aller erst mache ich seit zwanzig Jahren Intervall Fasten, heißt ich Frühstücke gegen eins und mache zu halb neun Abendessen. Frühstück können Spiegeleier mit Brot, Cornflakes, Müsli mit Obstsalat, Sandwiches, Porridge oder einfach eine Handvoll Nüsse und vier Bananen sein.“
„Klingt spannend. Ich bin besessen von Salat, also mache ich morgens immer eine Grundmischung und verfeinere ihn fürs Mittagsessen mit Meeresfrüchten oder gebratenen Geflügelstreifen. Salat geht einfach schnell und den kann ich abends noch als Beilage verwenden. Dann gibt es meist etwas, was nicht so kompliziert ist und schnell geht, zum Beispiel Steaks so wie du eben oder Wraps. Manchmal bin ich auch einfach faul und bestell einfach was oder schiebe eine TK-Pizza in den Ofen.“
„Geht mir ähnlich, als Selbstständiger kommt es öfter mal vor, dass ich mehr als acht Stunden arbeite. Amber macht sich meistens selber was – räumt danach natürlich nie die Küche auf. Und dann bestelle ich eben nochmal was oder geh schnell und hol mir was, um die Ecke ist ein super Bistro, die machen neben Döner auch verblüffend gute Burger und eine Straße weiter ist ein richtig guter Asiate. Leider ist der nächste gute Inder ein gutes Stück weit weg und das ist mir meist zu weit wenn ich was für den schnellen Hunger brauche.“
„ich würde gerne mal wieder Indisch essen. Das war ich dieses Jahr nur zu Lenas Geburtstag, obwohl ich Indisch abgöttisch liebe, aber dann kam Krebs und ich hatte keinen Bock mehr aufs Leben.“
Er dachte nach.
„Ich habe ein zwei indische Rezeptbücher, wir könnten beim nächsten Mal zusammen was indisches kochen.“
„Das würdest du machen? Das finde ich toll. Moment, dann möchtest du, dass wir uns erneut treffen?“
„Klar, ich finde dich toll und nachdem das Eis gebrochen war, waren wir ja auch pausenlos am Reden und Snacken. Du bist mir sehr sympathisch!“
Sie strahlte.
„Das ist cool, danke dir, das ehrt mich. Ich mag dich auch irgendwie. Abgemacht, beim nächsten kochen wir indisch. Aber nur mit Mango Lassi.“
„Natürlich, ohne geht’s nicht.“
Er musterte sie einen Moment und genoss ihr Lächeln. Siehste mal, alle Nervosität ganz umsonst, sie ist doch nett.
„Und jetzt? Ist erst halb Zehn.“
„Puh, so ein angebrochener Abend, Lena erwartet mich heute glaube ich nicht mehr. Vermutlich wäre sie mir sogar böse, wenn ich jetzt komme. Will ich aber auch nicht. Ich hab gehört, du sollst ziemlich gut in Mario Kart sein, können wir das spielen?“
Ein Date mit einer schönen Frau, die mit ihm Videospiele spielen will, das war ihm völlig fremd.
„Klar, wen spielst du?“
„Ich nehme immer Bowser, den mag ich einfach.“
„Dann komm mit, die Spülmaschine bestücke ich nachher, lass ruhig stehen.“
„Na dann, wo muss ich hin?“
Er führte sie ins Wohnzimmer wo sie staunend den großen Tannenbaum bewunderte.
„Der ist ja riesig, ich hab nur so ein doofes Plastikteil, weil mir so ein echter nicht ganz geheuer ist.“
„Ein echter Baum ist lange Familientradition, das und echte Bienenwachskerzen am Baum.“
Sie sah sich um.
„Schön groß alles, mh, warum ist denn die Schlafcouch ausgeklappt?“
„Ich finde es so gemütlicher und ich schlafe öfters auf der Couch.“
„Hast du kein Bett?“
„Doch, doch, aber mein Schlafzimmer ist abgesehen von der Rumpelkammer der kleinste Raum und sehr ungemütlich, praktisch ein Schrank mit Schlafgelegenheit. Außerdem penne ich eh irgendwann ein, wenn ich was gucke. Das mag Lucy gar nicht, wenn wir was gucken. Das habe ich von meiner Mutter, und die von ihrer Mutter.“
„Naja, jeder hat so sein Päckchen zu tragen, ich schnarche zum Beispiel und mein Darm ist so doof, dass ich gerne mal stundenlang auf dem Klo hocke. Deshalb habe ich einen Fernseher im Bad, zum … naja, und wenn ich bade. Das mache ich auch stundenlang, meist bis in Nacht hinein, während ich immer wieder heißes Wasser nachfülle. Und ich bin ein richtiges Kakao-Monster. Ich hab schon deine ganzen Vorräte bewundert. Wie trinkst du ihn am liebsten.“
„Also wenn es schnell gehen soll, dann einfach 4 Teile Milch und 6 Teile heißes Wasser auf Kaba-Pulver und wenn ich es genießen kann, dann den guten Zotter Kakao im Milchtopf.“
„Finde ich gut, badest du gern?“
„Japp, ich habe mir extra eine überlange Badewanne für die Wohnung gekauft, die ist auch tiefer als eine Normbadewanne. Ich habe übrigens auch einen kleinen Fernseher im Bad, bzw. ein Bildschirm, der an einen dicken Mediaserver angeschlossen ist. Darüber kann ich dann hunderte von Filme und Serien genießen. Ich bin auf den Geschmack von Sauna gekommen, aber das ist mir im Schwimmbad immer zu teuer, meine Oma hatte eine eigene Sauna im Keller, das will ich auch irgendwann auf meine alten Tage haben. Nach der Geburt meiner Tochter, habe ich zwei Sparbücher angelegt, eins für Lucy und eins für ein Haus, da ist über die Jahre schon was zusammengekommen, aber reichen tuts noch nicht – leider.“
„Haus will ich auch, mit einem tollen großen Garten, wo ich Gemüse und Kräuter für meine Salate anbauen kann und mit einem großen Rasen und einem Grill und am besten einem kleinen Pool.“
„Ach komm, in Potsdam haben wir so viele Seen, da braucht man keinen Pool. Aber wenn schon, dann einen überdachten und beheizten, dass man auch im Winter schwimmen kann.“
„Au ja, da klingt cool. Als Lehrerin verdiene ich zwar ganz gut, aber nicht so, dass ich mir ein ganzes Haus leisten kann, das ist doof. Und so ein großes Haus zu zweit wäre mir auch nicht ganz geheuer.“
Er unterdrückte ein Grinsen, aber sie bemerkte es und lächelte verlegen.
„ich hoffe, du hast keine schrecklichen Geheimnisse, denn du bist offen gesagt, der erste Mann seit Jahren, den ich doch irgendwie ziemlich gut finde.“
„Das freut mich zu hören. Sollen wir jetzt spielen?“
„Klar … Moment mal, ist das Fell?“
Sie deutete auf die sorgsam zusammengefaltete Plüschdecke.
„Nein, leider nur Kunstpelz.“
„Achso … magst du denn Pelz?“
Er errötete.
„Schon, ich mag es flauschig und kuschlig, aber es ist ganz schön teuer.“
„Das stimmt. Ich würde es vielleicht nicht tragen, denn dafür laufen in Potsdam viel zu viele militante Ökos rum, aber ich finde es ausgesprochen stilvoll. Aber ich könnte es mir beim besten Willen nicht leisten, ich meine ein guter Mantel kostet ja so viel wie ein halbes Auto, das ist Wahnsinn und nur was für reiche Leute, zu denen ich nicht gehöre.“
„Ich schätze es würde dir gut stehen, ich finde du hast einen tollen Modegeschmack.“
Sie wand sich verlegen.
„Danke sehr. Aber du hast ja nur ein Outfit gesehen. Ich habe zwei riesen Kleiderschränke, für die brauche ich eine Leiter. Die sind randvoll mit Klamotten und Kostümen.“
„Hab ich auch, nur brauche ich keine Leiter.“
„Stimmt, brauchst du nicht, aber du siehst ehrlich gesagt nicht so aus, als bräuchtest du zwei Kleiderschränke.“
„Genau, in dem einen sind meine Klamotten, in dem anderen waren mal LEGO Teile.“
„Hat mir Lena schon erzählt, das finde ich stark.“
Sie strich mit der Hand andächtig über den Kunstpelz.
„Darf ich die nehmen.“
„Klar. Aber erst Schuhe ausziehen.“
Während sie sich aus den Stiefeln kämpfte, machte er Fernseher und Switch an und griff sich zwei Controller. Als er sich umdrehte saß sie schon in die Decke eingekuschelt auf dem Sofa und sah ihn erwartungsvoll an. Nachdem er das Licht gedämmt hatte, setzte er sich neben sie und reichte ihr einen Controller.
„Hast du Erfahrung mit Mario Kart?“
„Japp, mein Vater ist auch Zocker aus Leidenschaft und der hatte alle Nintendo-Systeme und wir haben immer zusammen gespielt. Meine Eltern haben mir damals den Gamecube und danach die Wii, die WiiU und dann die Switch geschenkt. Meinen ersten eigenen PC hatte ich erst als Studentin.“
„Cool, ich komm aus der PC Ecke und hatte meine erste Konsole erst mit Ende zwanzig. Davor hab ich nur Maria Kart Abklatschen wie Moorhuhn Kart gespielt, aber das war einfach nicht dasselbe. Und ich hab mich mit ein paar Emulatoren rumgeärgert, nur um dann genervt die Switch zu kaufen. Mh, sollen wir gleich eine Meisterschaft spielen? 150ccm?“
„Genau und wir fahren drei Meisterschaften und der Gewinner darf sich einen Film aussuchen.“
„Abgemacht.“
Er drückte auf Start und sie legten los. Sie war gut und sie kämpften auf jeder Strecke verbissen um die Krone. Er gewann nach drei Meisterschaften mit satten 2 Punkten Vorsprung.
„Du bist gut!“
Lobte er sie.
„Du aber auch, ich hatte noch nie so eine knappe Niederlage gegen einen anderen Spieler außer meinem Dad. So macht das Spaß, Lena spielt zwar total gerne Spiele, aber sie ist in allem einfach so unfassbar grottig schlecht und dann auch noch so super schnell eingeschnappt wenn sie verliert. Ich lasse sie daher lieber gewinnen, auch wenn ich rückwärtsfahren muss. Ihr Opa macht das nicht, deshalb mag sie ihn auch nicht so wirklich, er lässt sie nie gewinnen – Papa war ja auch jahrelang aktiv im eSport für Counter Strike und World of Tanks unterwegs und damit ziemlich erfolgreich, er streamt und Let’s-played sogar seit Jahrzehnten, womit er sich mittlerweile die bescheidene Rente aufpeppt. Ach ich weiß nicht, jedenfalls gibt sie auch generell viel zu schnell auf.“
„Letzteres klingt eher nach mir.“
Sie lachte auf.
„Finde ich nicht, immerhin hast du eine Tochter großgezogen und dir ein ordentliches Leben aufgebaut.“
„Das stimmt, aber ich war auch mal anders.“
„Warst.“
„Richtig.“
„Und was anderes ist doch gar nicht wichtig.“
„Danke.“
„Bitte.“
Sie musterte ihn einen Moment.
„Welchen Film gucken wir?“
Sie mochte Games und Anime …
„Sonic?“
Ihre Augen leuchteten.
„Super, mit Snacks?“
„Sicher, Popcorn?“
„Das wäre riesig. Geht das überhaupt auf der Plüschdecke mit all der fettigen Butter?“
„Die kann ich zur Not waschen.“
„Dann ist ja gut. Ich bin aber vorsichtig!“
Eine halbe Stunde später lief der Vorspann und eine Riesenschüssel zuckriges Popcorn thronte zwischen ihnen, Sie hatten einen Plüsch Bowser auf ihrer Seite und er seinen Yoshi. Er griff nach dem Popcorn und sie auch und ihre Hände trafen sich unbewusst. Schnell zog er sie zurück und warf ihr einen Blick zu. Sie lächelte und schob sich eine Handvoll Popcorn in den Mund. Dann griff sie nach seiner Hand und drückte sie. Sie drehte sich zu ihm hin. Jetzt oder nie, er beugte sich vor und küsste sie auf den Mund. Sie sah ihn etwas überrascht an, dann erwiderte sie den Kuss. Er ließ sich in die weichen Polster sinken und sie rutschte näher zu ihm. Mit ihrem Kopf an seine Schulter gelehnt guckten sie einen tollen Film über Freundschaft und Familie. Danach saßen sie einfach nebeneinander und schwiegen. Er schaltete den Fernseher aus, legte die Fernbedienung weg und sah sie an. Sie lächelte glücklich und schmiegte sich an ihn. Arm in Arm schliefen sie ein.

Joschis Abenteuer – 1-3 – Beichte

Sonntag, der große Tag. Er hatte ein Date, dass er sich nicht ausgesucht hatte. Er mochte Dates nicht, die waren immer komisch, zumal er ja gar nicht nach einer Partnerin suchte. Ok, schon ein bisschen, aber die meisten Frauen in seiner Altersklasse wollten keinen kindischen Nerd als Freund und Partner haben Single-Papas schon gar nicht. Tja und er weigerte sich seit dreißig Jahren standhaft endlich erwachsen zu werden. Aber mit Lucy hatte es dennoch irgendwie geklappt, er hatte bis heute nicht so richtig verstanden wie ihm das gelungen war. Und jetzt hatte er eine dickköpfige Tochter, die ihrem alten Papa Dates auftrieb. Er seufzte.
„Ich bin dann mal weg, bitte sei brav!“
Er fühlte sich als wäre er zwölf, so von seiner fünfzehnjährigen Tochter angesprochen zu werden. Sie stand im Flur mit ihrem pinken (seine Mutter ihm und er seiner Tochter durchgeerbten) Wanderrucksack auf dem Rücken und winkte ihm zu. Dann nahm sie ihren Schlüssel vom Haken und verließ die Wohnung.
   Und jetzt? Er hatte den jetzigen und gestrigen Tag genutzt um die Wohnung penibel aufzuräumen, Bäder zu putzen, zu staubsaugen, Staub zu jagen und alle Böden nass zu wischen. Die Stofftiere hatte er vorsichtshalber alle in Lucys Zimmer verfrachtet, was seine Tochter gar nicht gut befunden hatte. Sie meinte nur, mit Anfang Ende Vierzig, sollte er zu seinen Hobbies stehen. Also hatte er alles wieder zurückgeräumt, womöglich war Frau Hofgärtner furchtbar und tonnenweise Stofftiere überall wären der effektivste Schritt jemanden loszuwerden, hoffte er. Dann war er im Keller und hatte vorsichthalber eine Packung Kondome aus der für Lucy bestimmte „Ich will nicht mit 50 Opa werden“-Schublade geglaubt und unauffällig in der Wohnung versteckt. Er hatte zwar gerade absolut keinen Bock auf Sex, aber man wusste nie was passieren konnte. Bei der Gelegenheit hatte er ein paar Flaschen Wein, die ihm seine Eltern empfohlen hatten, mit hochgeholt und im Kühlschrank Platz geschaffen um den weißen Wein kaltzustellen.
   Er war geduscht, zur Sicherheit gleich dreimal ausgiebig. Zweimal Zähne geputzt, zur Sicherheit mit Zahnseide und Elmex Gelee (technisch betrachtet war Sonntag, nur eben nicht Abend). Finger- und Zehennägel geschnitten, Brille gründlich geputzt, Deo aufgelegt, in irgendwelchen Ecken des Badezimmerschranks noch nach passenden Herrendüften gesucht, diesen aufgetragen und leger angezogen. Ein frisches schwarzes T-Shirt mit dem Logo seines Blogs auf der Brust, eine fast frische Jeans (eine Maschine mit drei von seinen Jeans lief gerade noch, das hatte er gestern vergessen) und schwarze lochfreie Socken. Jetzt war er fertig und es war gerade erst drei, also noch drei lange Stunden zum Date. Er war natürlich wie immer zu früh fertig. Das war wie eine dieser blöden Situationen wenn mittags sein ICE fuhr und er schon um halb zehn nichts mehr mit sich anzufangen wusste.
   Er war schrecklich nervös, mit solchen Situationen konnte er nicht umgehen, mit Lucys Mutter war das immer so unkompliziert gewesen. Er war gespannt wie die Dame so drauf war, besser er bangte. Das war wie Zahnarzt, man wusste bei einer Kontrolle nie, ob was Schlimmes war und wenn ja saß man tief in der Scheiße – oh er hasste Zahnarzt und drückte sich regelmäßig vor den halbjährlichen Kontrollterminen, während er sein Tochter jeden Abend zum Zähneputzen verdonnerte und danach auch noch kontrollierte. Sehr zum Verdruss seiner Tochter, aber er wusste es aus eigener Erfahrung besser. Gott sei Dank hatte sie keine Zahnfehlstellung(en) gehabt, anders als bei ihm, und Karies war nie ein großes Thema gewesen – überlegte er leise fluchend.
   Was nun? Ratlos überprüfte er den Sauberkeitsgrad der Wohnung, kontrollierte ob er die Kaffeemaschine gereinigt und mit frischen Kaffeebohnen bestückt hatte, checkte die Temperatur des Weißweins, guckte was er mit den Zutaten in der Küche spontan kochen konnte, schob den Katalogstapel auf dem Klo um ein paar Zentimeter gerade, räumte die Spülmaschine aus und hing die Wäsche in Lucys Zimmer auf (eigentlich machte er das im Wohnzimmer, aber seine Tochter war gerade nicht da und ihr Zimmer war größer als die Besenkammer, die man sein Schlafzimmer zu nennen pflegte). Dann sortierte er sinnlos irgendwelche Sachen, dekorierte die große Obstschale um und aß nervös zwei Bananen, spielte mit Stofftieren, untersuchte den LEGO Mindstorms Fütterungsautomaten in der Küche, wechselte das Wasser für Lucifer, drapierte Sofakissen, bezog ein paar der Kissen mit weniger nerdigen Bezügen und dachte über tausend Dinge nach, die er lieber machen würde, als den Abend mit einer womöglich sehr attraktiven Frau zu verbringen, die – schlimmer noch – womöglich auch noch etwas von ihm wollte.
   Er dachte nach. Samstag hatte er in seiner Werkstatt im Keller eine kleine Geschenkschatulle zusammengebastelt und ein paar geschmacklich nicht zu verstörende Edel Leckereien aus seinem Süßkramschrank geholt.
   Und jetzt? Er sah sich in der Wohnung um, dann tappte er ins Klo, kramte den Manufactum Katalog ganz unten hervor und zerstörte den eben penibel gerade gerückten Stapel und setzte sich damit in die Küche. Es war halb sechs. Schnell noch einen Kaffee. Er machte sich einen doppelten Espresso und leerte ihn auf ex. Etwas motivierter tappte er in die Rumpelkammer, rückte eine große Leinwand zur Seite (das vorletzte Weihnachtsgeschenk seines Bruders und er hatte einfach keine freien Wände mehr übrig, immerhin war das brüderliche Verhältnis nicht mehr so frostig wie früher. Er schenkte seinem Bruder meistens Whisky und Trockenfrüchte – bei der Brut schien er dankbar darüber zu sein) und öffnete den mittelgroßen, zwar nicht geheimen, aber semi-versteckten Kühlschrank und untersuchte das Arsenal an Energydrinks und Bier. Nach reichlicher Überlegung, merkte er sich die große Dose Red Bull Heidelbeere für später und schloss die Tür wieder. In der Küche blätterte er lustlos in dem Katalog, praktisch im Sekundentakt schoss sein Blick zur Küchenuhr. Um zehn vor sechs sprang er auf und lief rastlos in der Wohnung umher. Drei Minuten vor sechs … zwei … eine. Er stand vor der Wohnungstür und spähte mit einem Auge durch den Spion und mit dem anderen schielte er auf den Sekundenzeiger seiner teuren Sinn Taucheruhr.
   Sechs. Sie war nicht da. Zufall? Er verharrte reglos an der Tür und zählte die Sekunden. Bei fünf Minuten nach sechs ging er in die Küche, öffnete erst den einen Kühlschrank, dann den anderen. Er warf einen Blick auf den aufgeschlagenen Katalog und tappte ins Wohnzimmer. Draußen schneite es wie verrückt, die Straße und Gehwege waren halbherzig geräumt. Vielleicht war sie im Schnee stecken geblieben? Ob sie einen Autounfall hatte? Es war sieben nach sechs – möglich wärs. Er ging sein Smartphone suchen und checkte einen Livefeed für den Potsdamer Verkehr, nichts Ungewöhnliches. Nachdenklich legte er das Telefon weg und ging in der großen Wohnung umher. Er rückte ein paar Bilder gerade, musterte ein paar davon, tat so als hätte er sie noch nie zuvor gesehen und fing an schief zu summen. Sollte er Musik anmachen? Aber dann überhörte er womöglich die Türglocke und das wollte wohl keiner (doch!). Film gucken, vielleicht hatte sie sich ja verfahren. Ob sie überhaupt Auto fuhr? Wo wohnte sie überhaupt? Er sortierte die Stofftiere erst nach Farbe – was bei einem Haufen Krokodilen, Drachen und Waranen unerwartet schnell ging – dann nach Größe.
   Ein lautes Ringen schreckte ihn aus seinen Gedanken und er erstarrte vor Schreck, als hätte ihn jemand mit runtergelassenen Hosen auf dem Klo erwischt. Das war die Tür – oder war das die Tür? Auf Zehenspitzen eilte er zur Tür, hielt die Luft an und spähte durch den Spion. Eine Frau in einem modischen Wollmantel stand vor der Tür, sie war voller Schnee, den sie sich zaghaft abklopfte. Er atmete tief ein und aus – er hätte meditieren sollen – was nun? Er konnte sie schlecht im Regen … ähm … Schnee stehenlassen. Er wartete eine knappe halbe Minute um den Mut aufzubauen diese Tür zu öffnen. Dann griff er schrecklich nervös nach der Klinke und öffnete die Tür.
„Ähm … hallo, Äh … kommen Sie doch herein.“
Nuschelte er, warum versaute er das Opening immer? Zu seiner Erleichterung wirkte sie auch recht nervös und verlegen. Sie klopfte sich die eleganten Winterstiefel auf der „You shall not pass“ Fußmatte ab und trat ein. Sollte er ihr aus dem Mantel helfen – wie machte man sowas? Während er nachdachte was zu tun sei, trat sie an die Garderobe und streifte die schicke Wollmütze und den tollen Mantel ab, befreite sich von einem hinreißend roten Schal und hängte die Sachen auf. Sie trug einen Pullover aus ganz feiner roter Wolle und dazu dunkle Jeans und eine Halskette. Ihre blonden Haare waren kurz und ganz fein, ihre Augen waren intensiv grün. Von ihren Ohren baumelten opulente Ohrringe und sie war gekonnt geschminkt. In der Hand hielt sie einen Karton, der einer Weinkiste ähnelte. Sie sah ihn aufmerksam, wenngleich etwas unsicher an.
„Wohin?“
Ihre Stimme war angenehm voll, wenngleich ein bisschen kratzig – vielleicht war sie Raucherin.
„Küche oder Wohnzimmer?“
„Was ist besser?“
„Küche ist näher an den Snacks.“
Sie schmunzelte.
„Küche klingt gut. Das ist übrigens für dich.“
Sie reichte ihm die Weinkiste und er stellte sie in der Küche neben die Spüle auf die Arbeitsfläche. Ein frühes Weihnachtsgeschenk? Dachte er nachdenklich.
   Sie setzte sich auf die Eckbank, Lucys und Lucifers Lieblingsplatz. Unschlüssig stand er in der Gegend hin.
„Möchten S …“
Er brach ab, da Ihm auffiel, dass sie ihn eben geduzt hatte. Sie sah ihn fragend an.
„Möchtest du etwas trinken?“
Sie nickte.
„Darf ich einen Cappuccino haben, ich sehe da deine Wahnsinnsmaschine … bitte natürlich.“
Er nickte. Jetzt wo er in der Küche stand, fiel im siedend heiß ein, dass er keine Snacks vorbereitet hatte – Depp! Er machte ihr einen Cappuccino und für sich einen normalen Milchkaffee. Sie nahm ihn dankend entgegen und nahm einen Schluck, derweil nahm er auf dem Platz ihr gegenüber Platz. Sie sah ziemlich gut aus, aber er wusste nur zu genau, dass Makeup sehr viel ausmachte. Eigentlich sah sie so zu gut für ihn aus, fand er.
   Jetzt saßen sie sich gegenüber und tranken schweigend Kaffee, während die Stimmung Minute für Minute immer unangenehmer wurde. Nach zehn schweigsamen Minuten brach er das Eis mit einer blöden Frage.
„Was machst du so beruflich?“
Sie sah ihn aufmerksam an, schien aber erleichtert darüber, dass er was gesagt hatte.
„Ich bin Lehrerin für Schauspielerei und Physik an dem Gymnasium, auf das auch deine Tochter geht.“
Das wusste er sowieso, also warum fragte er so einen Quark?  
„Und du?“
Er trank einen Schluck Kaffee.
„Ich bin Hauptberuflich eigenständiger Buchhalter und nebenberuflich Autor und Blogger.“
Sie sah so aus, als ob sie das auch schon längst wusste … sie schwiegen sich wieder an. Der Kaffee war alle, die unangenehme Stille kam zurück.
„Hast du Hobbies?“
Fragte er, einen zaghaften Versuch wagend, Konversation zu betreiben. Es schien zu helfen.
„Mh, viele. Und viele die ich an der Schule nicht groß herausposaune. Mh, ich mache seit Teenager-Jahren Cosplay, Ich spiele Videospiele und gucke Filme und Anime, ich lese am liebsten Manga und Thriller. Kurzum ich bin sehr nerdig, spiele aber die stilvolle ernste Lehrerin im Berufsalltag.“
„Ich wollte immer schon mal Cosplay machen, aber es hat entweder am Geld oder am passenden Körper gemangelt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Du siehst doch ganz gut aus, wie kommt‘s?“
„Ich wollte immer schon den Captain Amerika machen, weil das meine Lieblings Marvel Figur ist, aber mit der Figur eines Kartoffelsacks hab ich mich das nie getraut.“
Sie schmunzelte.
„Ach so ist das, aber du siehst doch recht schlank und muskulös aus, mach‘s doch jetzt.“
„ich weiß nicht, ich bin fast fünfzig …“
Druckste er herum.
„Zählt nicht, in den Filmen ist Cap theoretisch neunzig … ich könnte dazu ein Black Widow Cosplay machen, würdest du dich dann trauen?“
Er sah sie überrascht an.
„Ernstgemeintes Angebot.“
Betonte sie.
„Echt?“
„Echt!“
„Hm, das überlege ich mir mal.“
Mit einer Mittvierzigerin Cosplay machen, Lucy würde ihm den Kopf abreißen.
„Meine Tochter wird aber nicht begeistert sein, wenn man sie noch mehr mit ihrem komischen Vater in Verbindung gebracht wird, wenn ich jetzt auch noch Cosplay mache …“
„Ich denke Lucy ist tough.“
Er hatte seine Tochter eher als Heulsuse und emotionalen Waschlappen in Erinnerung, gerade wenn sie ihren Willen nicht durchgesetzt bekam, fing sie schnell an zu flennen.
„Einspruch.“
„Fair, du bist der Papa. Übrigens finde ich Nerds sexy.“
Sie zwinkerte ihm aufmunternd zu.
„Das hat mir noch keine Frau gesagt.“
„Ich habs auch zu spät gemerkt.“
Ihre Miene verfinsterte sich und er wurde neugierig.
„Wie das?“
„Ach, naja. Zuerst einmal ich lese deinen Blog seit ein paar Jahren und habe alle deine Beiträge zur Manosphere und den Problemen mit der Damenwelt gelesen, zahlreiche Videos zu dem Thema gesehen und auch ein paar empfohlene Bücher gelesen. Und ich bin eben genau in meinen Zwanzigern so ein dummes oberflächliches Huhn gewesen, vor dem dort immer wieder gewarnt wird. Immer auf der Jagd nach einem echten Bad Boy und blind für die sympathischen Nerds dieser Welt. Wie soll man sagen, aus Fehlern wird man klug. Ich landete einen Treffer bei einem bösen Jungen und wurde bei einem One Night Stand unerwartet schwanger und prompt sitzengelassen. Da hatte ich dann die Schnauze voll von Männern, hab sie die ersten Jahre alle verteufelt und zu Unrecht in einen Topf geworfen und hatte alle Hände voll zu tun Job und Kind in den Griff zu bekommen. Das ist mir eher schlecht als recht gelungen und ich war froh über tolle Unterstützung meiner Eltern, die Gott sei Dank nah dran in Berlin wohnen. Und so bin ich Single geblieben, obwohl ich ganz genau weiß dass Kinder idealerweise beide Elternteile brauchen um sich optimal zu entfalten. Ich kenne auch zum Beispiel die Statistiken nach denen Kriminelle überproportional aus Haushalten ohne starke Vaterfigur kommen. Und meine Tochter Lena hängt mir schon seit Jahren in den Ohren, dass ich mir einen gescheiten Kerl suchen sollte, der Papa spielen kann. Und jetzt sitz ich hier.“
Er schmunzelte.
„Das kommt mir bekannt vor, gestern hat mir meine Tochter gebeichtet, dass ich ihr doch ganz dringend eine Mama finden soll und jetzt sitz ich hier.“
„Ich weiß, Lenas beste Freundin ist Lucy.“
„Echt?“
Er war sichtlich erstaunt.
„Lucy hat noch nie etwas von einer Lena erzählt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Komisch, mir hat Lena alles über ihre beste Freundin und deren coolen Papa erzählt, sie ist eigentlich auch öfters bei Lucy – also dir.“
Er ging gedanklich die Namen von Lucys Freundinnen durch und wer in letzter Zeit öfter bei ihr war, wobei er tagsüber oft bis weit in den Abend hinein bei geschlossener Tür in seinem Büro hockte, so viel bekam er da eh nicht mit.
„Mh … Anna ist öfters mal hier und sie ist blond, also könnte es theoretisch passen.“
„Ja genau, meine Tochter heißt Anna-Lena, aber ich nenn sie nur Lena.“
„Das klingt schrecklich normal.“
„Ich weiß, ist mir auch peinlich, dass ich mir keinen coolen Namen ausgesucht habe, so wie Amber Lucy.“
Er schnaubte, die Namen seiner Tochter waren beide doof, aber dann grinste er.
„Ich wollte sie eigentlich Akira nennen.“
Sie schmunzelte.
„Akira?“
„Japp, ich finde den Namen cool.“
„Weil es der Name von Kaz Nichte ist – deinem Alter Ego aus deinen Büchern? Ich glaub für das arme Ding ist schon schlimm genug Amber zu heißen.“
„Das war der Wunsch ihrer Mutter, sie mochte schon immer meine obskuren Bücher. Ich hab mir Lucy für sie ausgesucht.“
„Ein schweres Erbe finde ich.“
Sie sah sich um, er sah ihren Blick.
„Snacks?“
„Mh, ja. Hast du vielleicht ein Bier – gerne dunkel?“
„Zufällig ja.“
Aus der Rumpelkammer holte er ein rundes Kilo Snacks und zwei kalte Flaschen Budweiser dunkel. In der Küche holte er ein paar Schälchen hervor.
„Soll ich dir helfen?“
Fragte sie etwas unsicher.
„Nene, ist gleich fertig.“
Ein paar Minuten später stellte er das Snack-Arsenal auf den Tisch und reichte ihr ein kaltes Budweiser.
„Danke sehr. Das sieht aber gut aus. Extra für mich gekauft?“
Er wollte fast schon ja sagen, dann biss er sich auf die Lippen und rückte mit der Wahrheit heraus.
„Ne, an Wochenenden und in den Ferien mache ich mit meiner Tochter Film- und Serienmarathons oder spiele nächtelang CoOp Games mit ihr, da snacken wir immer ziemlich viel. Und da jetzt zwei Wochen Ferien sind, habe ich extra großzügig eingekauft.“
„Wird man von solchen Mengen nicht fett?“
„Naja, die Sachen sind da, aber wenn man sie dort lagert, wo man sie nicht sieht und nicht so leicht rankommt, geht es eigentlich. Muss ja auch eine Weile halten. Da hilft nur eiserne Selbstdisziplin und ganz viel Bewegung. Ich gehe zweimal die Woche ins Fitnessstudio und ein- bis zweimal die Woche zwei Kilometer schwimmen, dazu noch alle zwei Wochen im Wald mit einem guten Freund Bogenschießen, das geht dann schon irgendwie mit dem Dauergenasche. Aber es hat gefühlt Jahrzehnte gedauert bis ich mich dazu überreden konnte, regelmäßig Sport zu machen.“
Sie nickte.
„Das klingt beeindruckend. Ich komme durch Arbeit und Tochter viel zu selten zum Sport und wenn dann eher Calisthenics oder Joggen. Glücklicherweise bin ich mit einem tollen Körper gesegnet, mit dem ich einfach nicht fett werde. Allerdings ist meine Schwäche Eis, das mache ich mittlerweile auch selbst und so eine Packung überlebt den Abend dann oft nicht. Meine Tochter kommt zwar optisch nach mir, aber sie hat es geschafft ein kleines Pummelchen zu werden, obwohl ich eigentlich aufpasse nicht zu deftig zu kochen und auch nicht so viel Süßkram kaufe. Das nagt sehr an mir und sie will auch um verrecken nicht einsehen, dass sie sich mehr bewegen muss.“
„Das ist natürlich sehr ärgerlich. Lucy war auch mal etwas dicker, aber dann hab ich alle Süßigkeiten weggeschlossen und wochenlang nur noch gesund und vegetarisch gekocht, zack war sie wieder normalgewichtig. Seitdem ist sie etwas achtsamer geworden und nach viel Überredung konnte ich sie beim Schwimmen anmelden. Mittlerweile ist sie sogar in der Schulmannschaft der Schwimmer und nimmt an Wettbewerben teil, auch wenn es ihr peinlich ist, wenn ich sie anfeuere. Das macht mich sehr stolz, weil ich sowas als Kind nicht gemacht habe. Gut ich hab einmal bei einem LEGO Wettbewerb teilgenommen, aber da war ich vielleicht elf oder so. Danach nie wieder. Erst mit Ende zwanzig habe ich mich getraut, bei Schreibwettbewerben mitzumachen, mit wechselnden Erfolg, aber darüber habe ich später einen Buchvertrag ans Land gezogen, der mir meine frühen Dreißiger nicht ganz so miserabel gemacht haben.“
Sie sah ihn aufmerksam an und legte den Kopf etwas schief.
„Was ist eigentlich mit Lucys Mutter?“
Er schluckte und betrachte resigniert die Bierflasche in seinen Händen, dann sah er ihr fest in die Augen und räusperte sich.
„Sie ist tot.“
Ihre Augen wurden riesig groß und sie schlug sich eine Hand vor den Mund.
„Oh, Gott, das ist ja furchtbar!“
Er nickte unmerklich und nahm einen tiefen Schluck.
„Wie lange ist das her?“
Fragte sie zaghaft.
„Sie ist zwei Tage nach Lucys Geburt gestorben, in meinen Armen. Das ist jetzt bald sechzehn Jahre her.“
„Oh nein, wie furchtbar, wart ihr lange in einer Beziehung?“
Er zögerte, die Geschichte die ihm auf der Zunge lag, hatte er nicht einmal seiner Tochter erzählt. Sie würde ihn bestimmt hassen, wenn er das erzählte – seine Tochter auch. Er atmete tief ein und schluckte.
„Wir waren nicht in einer Beziehung, wir waren einfach nur Freunde. Sie hieß Meggie und ich kannte sie etwa ein Jahr. Wir haben uns bei einem Selbsthilfegruppe-Treffen kennengelernt, zu denen ich damals sehr sporadisch gegangen bin. Ich fand sie sympathisch und weil ich nicht wusste, ob sie öfter dabei sein würde, hab ich eine Stunde lang Mut angesammelt und sie dann sehr schüchtern und stammelnd gefragt, ob ich sie auf einen Kaffee einladen könnte. Sie hat mich nur verdutzt angeguckt und ich dachte „Toll, hast dich mal wieder bei einem hübschen Mädel zum Affen gemacht.“ Aber dann hat sie warmherzig gelächelt und eingewilligt und sie ist den ganzen langen weiten Weg zu mir in die WG gekommen und wir haben Kaffee getrunken, Chips gemampft und uns die halbe Nacht über Filme und Spiele unterhalten. Wir haben Nummern getauscht und uns dann regelmäßig getroffen und was zusammen gemacht. Wir … ähm … sie war meine erste im Bett, aber wir haben daraus nichts Ernstes gemacht, wollten wir beide nicht. Naja ich schon, aber ich hab mir das einfach nicht zugetraut und nie den Vorstoß gewagt. Dann hat sie mich ein gutes Jahr später zum Geburtstag überrascht und wir haben nach Torte, Steaks, Eis und zu viel Alkohol miteinander geschlafen.“
Er brach ab und seufzte schwer, die Erinnerung lastete schwer auf ihm.
„Zwei Wochen später hat sie mir gebeichtet, dass sie schwanger ist und dann trotzig gesagt, dass sie das Kind behalten wird und mit mir großziehen möchte.“
Er schniefte und wischte sich eine einzelne Träne weg.
„Ich war überrumpelt und panisch und stand unter Schock. Damals war mein Leben nicht so einfach, hab mit mir selbst und die ganze Zeit meinem Schweinehund gekämpft und ich hatte dauernd kein Geld und dann will sie einfach ohne Vorwarnung eine Familie gründen. Ich war ein richtig übler Arsch und hab sie zurückgewiesen, ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen und versucht sie aus meinem Leben zu verbannen. Ich bin vor der Verantwortung, mein Leben in den Griff zu bekommen davongelaufen und dachte ich könnte das überstehen, indem ich den Kopf in den Sand stecke und so tue, als bekomme ich nichts mit. Meggie hat immer wieder versucht mich zu kontaktieren, zweimal hat sie sogar einen Brief geschrieben. Ihre Freunde haben auf mich eingeredet, aber ich blieb stur, leichtsinnig und uneinsichtig. Wie so oft hab ich meinen Eltern verschwiegen, dass ich Mist gebaut habe, aber ich hab mich nicht getraut, das war dumm von mir, nach 47 Jahren weiß ich, dass sie hundertprozentig hinter mir stehen, egal in was für Schwierigkeiten ich stecke. Nein ich hab es unter den Teppich gekehrt und so getan als wäre nichts passiert. Ich wollte nie Kinder, sie haben mich lange Zeit regelrecht angewidert, muss ich einräumen. Die Monate verstrichen und ich hab versucht mein beschissenes Leben zu führen und mich auf meinen Abschluss konzentriert und danach darauf gut die Probezeit im neuen Job zu überstehen. Daneben hab ich irgendwie weiter gelebt, aber die Schuldgefühle haben mich von innen heraus aufgefressen. Ich hatte Alpträume und Angst-Attacken. Konnte nicht mehr richtig schlafen und hab nur daran gedacht, dass ich den beschissen größten Fehler meines Lebens begehe. Dann kurz vor Weihnachten, ich hatte gerade meinen Rucksack gepackt um wie jedes Jahr meine Eltern zu besuchen, kam der Anruf. Unbekannte Nummer, aber ich hab zum Glück abgehoben. Es war ihre Stimme, aber sie klang so entsetzlich schwach, sie hat geweint und mich angefleht jetzt bei ihr zu sein. Bei dem Tonfall in ihrer Stimme sind meine Schutzmauern, die ich mir in den letzten neun Monaten gegen sie aufgebaut habe, einfach weggebrochen und ich bin sofort ins Krankenhaus und hab mich angespannt zu ihr durchgefragt. Es war ein Schock sie zu sehen. Ich kannte sie nur energetisch und voller Leben. Sie war kugelrund, schwanger mit einem Mädchen. Kurz darauf setzten die Wehen ein. Die Geburt war furchtbar und hat sich ewig hingezogen. Dann war alles vorbei, Weihnachtsabend um sechzehn Uhr, also pünktlich zur Bescherung kam Amber Lucy zur Welt. Meggie war zu schwach um den Säugling zu halten, sie war völlig ausgelaugt. Zwei Tage später ist sie an Entkräftigung gestorben. Sie hatte immer schon so eine Erbkrankheit und das plus die anstrengende Geburt hat sie nicht gepackt. Und ich war plötzlich Papa und in dem Moment ganz allein. Es war für mich als wären ich und Lucy die einzigen Menschen auf dieser Welt.“
Er beendete seine Geschichte und leerte die Bierflasche in einem Zug. Er sah ihr nicht in die Augen sondern studierte krampfhaft das Etikett der Flasche, aber die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen als ihm Tränen über die Wangen strömten. Nach einer guten Minute Schweigen sah er auf. Sie weinte ebenfalls. Unbeholfen stand er auf und ging zur Spüle, griff nach der Rolle mit Küchenpapier und reichte sie ihr. Dankbar nahm tupfte sie sich die Augen. Er schnäuzte Rotz und Tränen in ein Papier und knüllte es zusammen. Sie saßen ein paar stumme Minuten einfach so da.
„Ähm“
Sie zögerte.
„Wie ist es danach weitergegangen?“
Er war ein bisschen erleichtert, dass sie nicht aufgesprungen und einfach gegangen war.
„Ich war so allein, einsam und allein im Krankenhaus. Ich war auf die Situation nicht vorbereitet, ich hab mich gefühlt wie ein Fahranfänger, den man in eine Formel-1 Kiste gesetzt hat und erwartete er solle jetzt das Rennen gewinnen. Lucy war ziemlich schwach und die Ärzte waren davon überzeugt, dass sie es nicht schaffen würde. Da lag sie rosa und so entsetzlich zerbrechlich in einem Bettchen. Ich hatte so Angst um sie, denn sie war das einzige, das mir von Meggie blieb. Ich wusste, dass ich meinen Eltern irgendwann Bescheid geben musste, die waren ohnehin schon ganz außer Sorge, weil ich nicht wie abgemacht gekommen bin. Mein Vater hat mich jeden Tag angerufen was denn los sei und ich hab ihn jedes Mal mit einer noch krampfhafteren Ausrede abgewimmelt und so getan als wäre alles ganz wunderbar. Dabei hätte ich am liebsten geheult und alles sofort gebeichtet, aber ich … ich weiß nicht … es war dumm ihnen nicht zu vertrauen. Das hätte ich nicht tun dürfen. Lucy hat zum Glück den Willen von ihrer Mutter, von mir hat sie den nicht, und hat sich durchgekämpft. Dann hab ich den ganzen Tag Mut aufgebaut und meinen Vater angerufen. Ich hab gesagt, dass etwas passiert ist und ich dringend seine Hilfe und die meiner Mutter brauche. Ich wusste, dass in seinem Kopf die Alarmsirenen geheult haben musste und er fragte mich erstaunlich ruhig, was denn passiert sei. Ich konnte nichts sagen, ich hab einfach nur dagestanden und angefangen zu flennen. Nach einer Minute hab ich dann gestammelt, dass ich jetzt Papa bin und nicht weiß was ich machen soll. Mein Vater war unerwartet gelassen und hat gesagt, dass alles gut sei und er sich gleich ins Auto setzen würde und zu mir kommt. Ich war perplex, ich hatte erwartet, dass er mich anbrüllt, aber er blieb ganz ruhig, wie ein normaler rationaler Mensch, der mit einem unerwarteten, aber lösbaren Problem konfrontiert hat. Am Abend desselben Tages war mein Vater mit einem Babytragekorb, weiß nicht wie man die nennt, unter dem Arm, einer Reisetasche über dem Rücken und dem verblüffend strahlenden Lächeln, von jemanden der gerade Opa geworden ist. Wir haben gepackt, uns bei einem Imbiss gestärkt und haben die kalte Klinik verlassen. In der WG hat mir Papa die Basics im Umgang mit Babys gezeigt und hat sich ein Hotel in der Nähe gesucht. Meggie wurde eine Woche später auf dem städtischen Friedhof begraben und nach der Trauerfeier bin ich mit Papa und Lucy zu ihnen nach Hause gefahren, sie wohnen ein paar hundert Kilometer von Potsdam entfernt. Fakt war, dass ich ein Kind nicht in einem winzigen WG Zimmer einer Zweck-WG aufziehen konnte. Also bin ich temporär bei meinen Eltern gezogen, die ein … ein großes Haus ganz für sich allein hatten, nachdem die Brut ausgezogen war – ich, meine Sis und mein kleiner Bruder. Meine Mutter war vorwurfsvoll und meine Eltern haben übel geschimpft, weil ich mal wieder eine große Sache verschwiegen hatte, aber als ich am Ende heulend vor ihnen saß, haben sie geschwiegen und mich tröstend in den Arm genommen. Papa fand den Namen Lucy ganz lustig, aber meine Eltern waren einstimmig der Meinung, dass der Name Amber eine blöde Entscheidung gewesen war. Ich hab bei meinem alten Job gekündigt und mir bei meinen Eltern in der Nähe einen neuen Job gesucht. Derweil ging in der Verwandtschaft die frohe Botschaft um und alle wollten die Kleine sehen und mithelfen. Zu Lucys zweiten Geburtstag habe ich verkündet, dass ich mich selbstständig machen und mir eine größere Wohnung in Potsdam suchen würde, die ich schon seit Monaten ausgekundschaftet und eigentlich auch schon hatte. Alle meine Freunde haben beim Umzug geholfen und auch wenn ich in den ersten beiden Jahre kaum schwarze Zahlen geschrieben habe, war die Entscheidung zur Selbstständigkeit die richtige Entscheidung. Als Lucy vier wurde lief es schon viel besser und ich habe mir eine Sinn Taucheruhr gegönnt und einen alten Opel Mokka angeschafft. Zurück zum Papa sein. Es ist die Pest. So schlimm wie ich befürchtet hatte und schlimmer als ich es mir je erträumen konnte. Mein Vater war in den ersten Jahren immer genervt, weil er als einziger Lucys nächtliches Geschrei gehört und um seinen kostbaren Schlaf gebracht wurde. Und Mama fand es nicht so toll, dass ich mich vorm Windeln wechseln gedrückt habe. Ich hab festgestellt, dass Kinder haben heißt, dass Freizeit eigentlich nicht mehr existiert. Ich wurde in die mir völlig fremdartige Welt von Babynahrung, Windeln und Dauergeschrei geworfen. Und Lucy war und ist die Pest. Ich liebe meine Tochter über alles, versteh mich bloß nicht falsch, aber es gibt Situationen wo sie echt das allerletzte ist. Gerade jetzt als Teenager – nur bockige Sturheit, Tränen und Drama. Netterweise hat mein lieber Bruder ähnliche Erfahrungen mit seinen Töchtern gemacht, so haben wir uns wieder irgendwie zusammengerauft.“

Ende Teil 3

Joschis Abenteuer – 1-2 – Der Überfall

Ein angenehmer Geruch waberte um seine Nase herum. Bacon! Er öffnete die Augen und setzte sich leicht verwirrt auf. Er saß wie gehabt auf dem Sofa, Lucy musste eine Decke über ihn geworfen haben, jedenfalls erinnerte er sich nicht daran, sich zugedeckt zu haben.
„Hey Schlafmütze, es ist eins!“
Sagte Lucy mit verstellter Stimme, während sie mit der Alligator-Handpuppe Bob den Mund bewegte. Acht Stunden? Allerhand, früher vor Lucy hatte er am Wochenende spielend zwölf Stunden geschlafen, aber seit seine Tochter auf der Welt war, war ihm das nur noch selten vergönnt geblieben. Acht Stunden waren gut und er fühlte sich einigermaßen erholt.
„Hast du Zähne geputzt?“
Quäkte das Krokodil. Verdammt, er wusste, dass er etwas vergessen hatte. Resigniert schüttelte er den Kopf.
„Buh, ganz schlechtes Vorbild!“
Lucy gab ihm mit dem Krokodil spielerisch eine Kopfnuss.
„Es gibt Frühstück! Und danach musst du Zähne putzen.“
Joschi nickte und schlug die Wolldecke zurück. Er warf einen Blick auf die andere Seite vom angenehm geräumigen Wohnzimmer, wo der ausladende und riesige, reichlich mit aus LEGO Elementen gebautem Dekor geschmückte Tannenbaum auf einer stoffverhangenen Kiste thronte und darauf wartete, dass man endlich die Geschenke darunter platzierte. Er war schon gespannt, was seine Tochter ihm dieses Jahr schenken würde. Und er war auch schon sehr gespannt, was sie zu den Sachen sagen würde, die er für sie ersonnen hatte.
Er tappte leicht schläfrig in die Küche und staunte. Frisch gepresster Orangensaft, ein Korb mit noch warmen Brötchen, Wurstteller und ihm fremd wirkende Marmeladen (war seine Tochter etwa einkaufen gewesen?!), ein großer Teller mit süßen Backwaren, Bacon und Lucy schlug gerade Eier für Rührei in eine Schüssel. Lucifer lag träge auf der Eckbank und fiel neben den ganzen Stofftieren gar nicht groß auf.
„Hab ich mich im Haushalt vertan?“
Lucy strahlte ihn an und grinste.
„Darf ich nicht auch mal was für meinen Papa machen? Aber Kaffee musst du dir holen.“
„Ist gut Mausbär.“
Sie warf ihm einen kurzen bösen Blick zu und wandte sich wieder zum Herd. Er nahm sich einen Becher aus dem Schrank und tippte auf dem Touchscreen des Kaffeeautomaten herum und goss Milch in den vorgesehenen Container, kurz darauf sprudelte heißer Milchkaffee in den Becher.
   Er setzte sich auf seinen Platz und nahm einen Schluck, dann besah er sich das Angebot an Gebäckstücken und griff sich eine Nussschnecke. Sie war so köstlich wie sie aussah. Ein paar Minuten später, tat seine Tochter ihm und ihr selbst Rührei auf, dann setzte sie sich neben Lucifer auf die Eckbank. Sie wirkte auf einmal verblüffender Weise ängstlich, er runzelte die Stirn und biss von der Nussschnecke ab.
„Wo drückt der Schuh Lucy?“
Fragte er mit unhöflich vollem Mund.
„Ich brauche irgendwie deine Zustimmung bei so einer Sache.“
„Ja?“
Er spülte mit Kaffee durch. Jetzt kommts.
„Nein, anders, ich muss dir was beichten!“
„Haha, du bist lesbisch, ich wusste es.“
Sie sah ihn verblüfft und völlig irritiert an.
„Ähm … Nein?!“
„Bi?“
„NEIN!“
„Queer?“
„What?“
„Trans?“
„Papa du bist doof … NEIN!“
„Was dann?“
„Ich bin ein ganz normales gebräuchliches fünfzehnjähriges Mädchen.“
„Das meine ich nicht … ok, ist gut so wie du bist, aber was dann?“
„Was?“
„Was willst du mir beichten?“
„Achso, ähm …“
Sie schwieg und schob sich stattdessen eine Gabel Rührei in den Mund.
„Ja?“
„Ich will eine Mama haben!“
Er verschluckte sich halb an seinem Kaffee.
„Aber die hast du doch.“
„Nein, ich meine ja, ich meine … nein hab ich nicht! Ich hab doch nur dich und das ist doof.“
„Ein Waisenleben wäre doch was feines, dann wäre ich dich endlich los.“
Er grinste und machte sofort ein ernstes Gesicht als sie unglücklich schniefte.
„Nein ich will eine Mama, mit der ich über alles reden kann … Frauensachen und Schminken und so … und Kerle. Und jemand der mir abends vorliest und mir die Haare ganz toll flechtet. Mach was du doofer alter Mann!“
„ich kann doch nicht einfach so zaubern!“
„weiß ich doch, deshalb zaubere ich.“
Er legte die Nussschnecke weg.
„Was hast du gemacht, mir ein Profil auf einer Dating-App eingerichtet?“
„Quatsch, so einer wie du findet da sowieso keine.“
„Sehr ermutigend, wie du das sagst, das baut deinen alten Vater so richtig auf …“
Sie biss sich auf die Lippen.
„Ich dachte wenn ich dir ein traumhaftes Frühstück mache, bist du empfänglicher für meinen Vorschlag!“
Sie klang trotzig vorwurfsvoll – wie immer wenn es nicht sofort nach ihrem Willen geht.
„Spucks aus.“
Wenn sie in dem Modus war half ohnehin keine Diskussion. Seine kleine Brillenschlange ging durch Wände, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Hatte sie von ihrem Onkel, anscheinend war da ein drittes nerviges Töchterlein ihm heimlich untergeschoben worden.
   Lucy strahlte plötzlich, das verhieß nichts Gutes, tat es meistens nie.
„Du hast ein Date mit Frau Hofgärtner!“
Es war blöd in dem Moment Kaffee zu trinken … er verschluckte sich und fing an zu husten.
„Ich hab was?“
Er musste sich verhört haben.
„Hab ich doch gesagt, du hast ein Date mit Frau Hofgärtner!“
Sie grinste über das ganze Gesicht.
„Deine Lehrerin für Schauspielerei und Physik? Bist du bescheuert?“
Fuhr er sie an, aber sie sah ihn nur trotzig an.
„Sie kommt morgen zu Besuch, um sechs. Keine Bange, ich übernachte bei einer Freundin.“
Toll, jetzt vermittelte ihm seine eigene Tochter auch noch Dates weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, eine Mutter haben zu wollen.
„Und sei bitte nett zu ihr, ich will eine gute Note in Schauspielerei.“
Sie zwinkerte ihm zu.
„Das kannst du mir nicht antun, ich hatte noch nie ein Date, ich weiß doch gar nicht wie das funktioniert!“
„Da ich nicht aus einem Reagenzglas komme, musst du in dieser Hinsicht gelogen haben.“
„Das zählt nicht … das ist wenigstens siebzehn Jahre her!“
„So wie du aussiehst wundert mich das nicht.“
„Werd nicht frech!“
Sie streckte ihm die Zunge raus.
„Aber ich kenn sie doch gar nicht.“
„Gelogen, du wusstest sofort was mit ihren Namen anzufangen.“
„Weil du ab und zu von ihr redest, ja. Und von den vielen Elterngesprächen zu deinen beschissenen Noten in Physik.“
Er sah auf den toll gedeckten Tisch, seiner Tochter schien es sehr ernst zu sein.
„Muss ich ein Hemd tragen? Ich hasse Hemden!“
„Nein, T-Shirt reicht, dazu eine frische Jeans und schneid dir gefälligst die Fußnägel!“
„Das kriege ich noch hin. Tipps? Wie ist sie so?“
„Sag ich dir nicht.“
„Du machst es mir extra schwer eine Mutter für dich zu finden?“
„Sie mag Games und Cosplay.“
Er runzelte die Stirn.
„Wie alt ist sie nochmal?“
Diese Hobbies assoziierte er nicht mit Frauen in seinem Alter.
„45. Zwei Jahre jünger als du.“
kam es wie aus der Pistole geschossen.
„Und sie ist blond.“
Er machte eine Grimasse, er stand nicht auf Blond, so gar nicht.
„Pff, womit habe ich dich verdient?“
„Dazu sage ich jetzt mal nichts.“
Lucy grinste schelmisch und zwinkerte ihm zu. Er seufzte tief und widmete sich seinem Frühstück.

Joschis Abenteuer – 1-1- Schlechtes Gewissen

Die Kurzgeschichte hat es in sich, denn sie ist fast so lang, wie alle meine bisher veröffentlichten Kurzgeschichten zusammen. Deshalb hab ich sie in 5 Episoden aufgeteilt. Darüber hinaus hat sie es in sich, weil Protagonist Joschi mein Alter Ego ist und ich mir überlegt habe, wie es wohl werden könnte, wenn ich mit Ende Vierzig eine bockige Teenagergöre erziehen würde. Und es ist mal wieder eine schlimme Liebesgeschichte geworden. Papas und Mamas finden sich vielleicht in den Figuren wieder. Los geht’s.

*

Joschi sah vom Bildschirm auf und griff nach dem Kaffeebecher, ziemlich guter Kaffee, nur leider nur noch lauwarm. Missmutig schob er sich die Brille ein Stück weiter hoch und sah auf die Uhr, fast acht und das an einem Freitag. Madam verspätete sich wie immer. Sein Telefon vibrierte und er warf einen kurzen Blick auf die Nachricht. Dann speicherte er seine Arbeit, fuhr den Rechner runter und schob den Stuhl zurück. Er stand auf und ging in die Küche, schüttete den lauwarmen Kaffee in den Ausguss. Er warf einen Blick in den Kühlschrank, auf den größeren der beiden ziemlich riesigen Kühlschränke, es war immer schon ein kleiner Traum gewesen zwei Kühlschränke zu besitzen und das, obwohl er keinesfalls reich war. Ok er war aber auch nicht arm und es hatte wenigstens für eine schöne große Fünfzimmerwohnung mit Balkon, Stellplatz und ungewöhnlich großem Keller im verflucht teuren Potsdam gereicht.
   Seine Finger zögerten vor der Flasche mit Cola, er sah auf sein dezentes Bäuchlein, das vom T-Shirt gut kaschiert wurde. Seufzend zog er die Finger zurück, machte den Kühlschrank zu und griff sich stattdessen eine Banane. Immerhin hatte er heute schon den Wochenendeinkauf erledigt, früh um neun als nur Rentner den REWE verstopft hatten, aber Freitag einkaufen war immer schon Mist gewesen. Diesmal hatte er Ernie bis unters Dach mit Leckereien vollgestopft.
   Banane mampfend sah er aus dem Fenster, es schneite wie nicht gescheit. Unten auf der Straße hielt ein Auto. Er entsorgte die Schale, wusch sich die Hände und tappte barfuß in den Flur, es lebe die Fußbodenheizung. Auf dem großen Whiteboard hakte er ein paar ToDo Punkte ab und schrieb „Ernie Freikratzen“ für Morgen auf – so hatte er seinen alten, gebrauchten Opel Mokka genannt. Blödes Ding, wurde abgesehen von Feiertagsbunkerkäufen nur bewegt, wenn er zu IKEA (häufig – allein wegen dem Essen), seinen Eltern (zweimal im Jahr) oder in den Urlaub (einmal im Jahr) fuhr. Der REWE war in zehn Minuten erreicht und aus Faulheit nutzte er seit Jahren deren super praktischen Lieferservice, außer er brauchte spontan was ganz bestimmtes, aber da lief er oder nahm sein Lastenrad (obwohl er eher Fahrrad-Muffel war). Da drehte sich ein Schlüssel hörbar im Schloss und die Tür öffnete sich, er fing an zu grinsen und drehte sich langsam zur Tür.
„Du bist wie immer zu spät Mausbär!“
Vor ihm stand ein Mädchen, recht groß gewachsen, dunkelhaarig und hübsch, eingepackt in dicke Wintersachen und mit einem grünen Rucksack auf dem Rücken. Sie furchte die Stirn.
„Nenn mich so Papa! Oder soll ich dich alter Sack nennen?“
„Können schon, nur kannst du dann deine Wäsche selber waschen.“
„Bloß nicht, das kann ich gar nicht.“
„In deinem Alter konnte ich das auch nicht. Aber das hier ist nicht Hotel Papa, wirf deine Wäsche wenigstens in den richtigen Korb, die sind nach Farben sortiert. Du schmeißt immer alles bei weiß rein, was am seltensten gewaschen wird und heulst rum, wenn ich dein Zeug nicht wasche, selber schuld. Und jetzt erzähl mal warum du so spät bist. Heute war letzter Tag vor den Ferien und eigentlich hättest du laut Plan schon um eins Schluss gehabt. Jetzt ist es viertel vor acht und du hast das Abendessen verpasst! Da wird wohl jemand hungrig ins Bett gehen und über die Konsequenzen von Unzuverlässigkeit nachdenken.“
Er stemmte energisch die Hände in die Seite und sah seine Tochter betreten zu Boden sehen. Sie sah ihn kurz trotzig an, dann kickte sie ihre Schuhe in die Ecke und schob sich an ihm vorbei ohne ein Wort zu sagen. Eine Tür knallte und es herrschte Stille. Sie erinnerte ihn sehr an seinen Bruder, dickköpfig und stur wie eh und je. Aber ein schlechtes Gewissen hatte er dann doch, sie so angeraunzt zu haben. Sie hatte es nicht so leicht in der Schule und er machte sie auch noch zur Sau, toller Vater. War es nicht Aufgabe der Eltern ihre Kinder zu unterstützen?
   Auf Zehenspitzen schlich er zu ihrem Zimmer und hielt sein Ohr an die Tür. Bestürzt hörte er wie sie leise schluchzte. Fuck, du bist der beschissenste Vater auf der Welt! Leise tappte er in die Küche, machte die Tür zu und stellte eine Pfanne und ein paar Töpfe auf den riesigen Herd. Es ging das Gerücht um, dass er endlich Kochen gelernt hatte, jedenfalls war er dem Eintopf-Komplott entronnen und kochte mittlerweile sehr gerne mit Fleisch. Und vor ein paar Jahren hatte er angefangen die Gerichte nachzukochen, die er am liebsten auswärts aß und war mit dem Resultat ganz zufrieden.
   Er machte ein bisschen Drei Fragezeichen an und putzte Pilze und Gemüse. Gegen neun verteilte er die Pilzsoße über dem großen Steak medium rare und drapierte das gedünstete Gemüse drum herum, der Salatteller stand bereit und im Kühlschrank wartete ein Riesen Pott mit frisch selbstgemachten Schokopudding, während die Vanillesoße in einem heißen Wasserbecken warmgehalten wurde. Er garnierte gerade ein Glas Cola mit einer Zitronenscheibe, als die Küchentür aufging.
„Papa, es tut mir leid … was machst du denn da?“
„Ich hatte ein schlechtes Gewissen Amber, also hab ich dir was zu essen gemacht.“
Amber, es war nicht seine Entscheidung gewesen, ihre Mutter war ein großer Fan seines ersten Buchs. Nicht unpassend, wo Kaz im Buch ja gewissermaßen sein Alter Ego war. Er hatte ihr den Zweitnamen Akira geben wollen, aber da hätte ihm seine Mutter den Kopf abgerissen, so war ihr Zweitname Lucy – auch wenn er so auch ein Katze benannt hätte, stattdessen gab es Lucifer, einen depressiven schwarzen Kater, der die Tage verpennte.
„Hör auf mich so zu nennen, ich bin Lucy!“
„Tut mir leid, ist mir so rausgerutscht.“
„Aber du musst doch nicht gleich so zaubern, ein Sandwich hätte bestimmt auch gesättigt.“
„Komm setz dich erstmal hin, während ich mir auch etwas auftue. Ich hab mich ein halbes Jahrzehnt von Eintöpfen und Sandwiches ernährt, irgendwann muss man auch mal was Richtiges essen. Außerdem sind Ferien.“
Sie setzte sich auf ihren Lieblingsplatz auf der Eckbank, die unter Kissen und Stofftieren ertrank (größtenteils seine Stofftiere).
„Du musst dir echt nicht so viel Mühe machen!“
„Du bist meine Tochter, ich gebe mir alle Mühe die ich kann.“
Er machte eine Pause.
„Nächstes Mal bestell ich uns was vom Inder.“
Lucy schien ihn gar nicht zu hören.
„Aber das ist manchmal echt peinlich. Immer fragst du was ich mache, du gibst mir keine Freiräume und bist immer so komisch, wenn ich nicht pünktlich zuhause bin, so wie heute. Du bist die Definition von Helikopter-Papa, du bist noch schlimmer als Opa!“
Betrübt sah er auf seinen Teller. Es stimmte schon irgendwie, was sie sagte.
„Wo warst du denn dann?“
Sie hielt inne sich eine voll beladene Gabel in den Mund zu schieben und sah ihn verlegen an.
„Öhm, nicht so wichtig. Ich … ähm.“
„Du hast einen Freund?“
Sie wurde rot, dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich bin mit Jungs so erfolgreich wie du mit Frauen.“
Autsch. Er zog eine Grimasse und sie zwinkerte ihm zu.
„Woran liegt es?“
„Ist doch klar, ich bin total nerdig und Gamerin – woran das wohl liegen mag? – und irgendwie hab ich den Eindruck, dass alles sofort mit mir ins Bett will, wenn raus ist, dass ich zocke … größtenteils böse, böse Egoshooter … und das obwohl ein Mädchen bin. Das hast du doch in einer von deinen ganz alten Kurzgeschichten geschrieben, die mit Ralf und Rosa, dass sie nicht will, das man sie auf ein Podest stellt und so. Und naja, ich bin ja nichts Besonderes oder so.“
„Was ist dein Rang in Counterstrike?“
Sie schob sich leicht verdutzt die Gabel in den Mund und schien kauend nachzudenkend.
„In meinem Alter war Onkel Johnny schon fast Global Elite, soweit bin ich leider noch nicht. Warum?“
„Nur so, Counter Strike war eh nie meins, Battlefield schon eher.“
„Wann spielen wir mal wieder Battlefield zusammen?“
„Da wird sich schon eine Gelegenheit finden. Du rückst also nicht mit der Sprache raus, was du heute gemacht hast?“
„Uhm, es ist ein Geschenk für dich.“
„Du brauchst sieben Stunden um ein Geschenk zu suchen? Jetzt machst du es aber spannend.“
Lucy wurde rot und tuschierte es mit einem Schluck Cola.
„Wie lief Schule?“
Ihre Miene verfinsterte sich.
„Bin froh diese Arschgeigen zwei Wochen nicht sehen zu müssen!“
„So übel?“
„Sehr. Irgendwie bin ich in der Krise, meine alten Freundinnen sind total zu so schicki-micki Gören verkommen, da ist keine dabei, mit der man Abenteuerausflüge in den Wald unternehmen könnte. Oder eine für einen nerdigen Mario Kart Nachmittag oder eine Partie Borderlands im CoOp. Die labern nur über Typen, Lifestyle, Mode und Makeup. Die interessieren sich gar nicht mehr für mich. Stattdessen werde ich gefühlt von allem angebaggert, was eine Zielhilfe zwischen den Beinen baumeln hat. Ich fürchte Mama war ganz gutaussehend, an deinen Genen kanns ja nicht liegen.“
Sie streckte ihm die Zunge raus.
„Und dann habe ich noch diese dumme Brille von dir, die mich nur noch mehr wie ein nerdiges Hoppel-Häschen aussehen lässt.“
Er lachte.
„Wenn du wüsstet, was für Vollkatastrophen bisher an dir vorbeigeschlittert sind, also wäre ich an deiner Stelle froh über die Brille.“
Sie machte ein zerknirschtes Gesicht und trank noch einen Schluck Cola.
„Gibt’s noch mehr?“
Sie deutete auf das Glas.
„Ein paar Kästen im Keller schätze ich, hab das nicht so nachgeprüft. Mittwoch war die Getränkelieferung, die haben ja einen Schlüssel und haben das alte Zeug gleich mitgenommen.“
„Aha, also sechs Kästen stilles Wasser für Pussies, vier männliche Kästen Budweiser, zwei Kästen Tonic Water und eine Europalette Coca Cola.“
Er ging im Kopf die Bestellung von letzter Woche durch und zählte gedanklich die Kästen.
„Geht in die richtige Richtung. Aber das Wasser ist für den Kaffee, der schmeckt so gut mit stillem Wasser gebrüht – alle meine Clienten schwärmen davon, dass es bei mir den besten Kaffee gibt. Und du hast vier Kästen mit diversen Säften vergessen, Silvester gibt es Cocktails.“
„Aber ich bin doch erst fünfzehn!“
„Wann hat dich dein leichtsinniger Papa Doom spielen lassen? In ein paar Tagen bist du sechzehn, wenn du schon Doom auf Nightmare spielst, darfst du auch ruhig mal einen alkoholischen Cocktail probieren.“
„Ich erinnere mich, ich hatte wochenlang Alpträume. Aber es war schon cool.“
„Und vergiss nicht, kein Wort zu deinen Großeltern!“
„Was bietest du dafür?“
Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Weihnachtsgeschenke.“
Bemerkte er trocken und säbelte sich ein Stück Steak ab. Ihr Lächeln verschwand.
„Blödmann.“
„Zicke.“
Sie aßen schweigend. Es schien ihr zu schmecken, das war die Hauptsache. Er fragte sich, was sie wohl ausheckte. Ein Geschenk für ihn. Sie schenkte ihm meistens Gutscheine, Süßigkeiten, Plüschtiere oder LEGO. Er ihr auch und Hardware zum Aufrüsten für ihren PC. Weihnachten und gleichzeitig Lucys Geburtstag waren am Mittwoch, also noch fünf Tage warten, um zu erfahren welches Attentat sie auf ihn bereitet hatte. Er ahnte böses.
„Passt noch etwas Nachtisch rein?“
Sie sah ihn überrascht an.
„Was gibt’s denn?“
„Schokopudding mit warmer Vanillesoße.“
„Ich seh schon, du willst mich mästen.“
„Immerhin brauchst du einen Anreiz, ins Fitnessstudio und zum Schwimm-Training zu gehen. Papa zahlt doch eh und ist patzig wenn du nicht hingehst.“
„Ist gut, ich geh auch so hin.“
Er häufte ihr ein großes Stück Pudding auf und ertränkte es in Soße, dann reichte er es ihr. Sie machte sich mit sichtlichem Genuss darüber her.
„Und was hast du so heute gemacht?“
„Vormittags hatte ich Clientengespräche hier vor Ort, zwischendurch war ich einkaufen und nachmittags hab ich in der Küche schwer geschuftet und ein bisschen was geschrieben, Gandhi in Civilisation geärgert und Drei Fragezeichen gehört.“
Sie schien hellhörig zu werden.
„In der Küche geschuftet? Was denn?“
„Zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es Sauerbraten mit Klößen und Rosenkohl – schön sauer mit viel Essig, danach haben wir einen Tag zum Verdauen und Aufräumen und dann besuchen uns meine Eltern über Silvester.“
„Du willst echt das ich fett werde!“
„Vielleicht wirst du dann nicht mehr so oft angebaggert.“
„Das ist doof, können wir nicht vielleicht irgendwas Leichtes essen?“
„Willst du etwa Brot zum zweiten Feiertag?“
„Nein, so meinte ich das auch nicht.“
„Salat?“
„Nein.“
„Hamburger mit Süßkartoffelpommes?“
Sie sah ihn einen Moment an.
„Ok, ich geh zum Schwimmen und ins Studio.“
„Na geht doch. Erwartest du etwa Tofu-Brätlinge, dann bist du im falschen Haushalt gelandet. Die findest du nämlich des Öfteren bei deinem liebreizenden Onkel und deinen beiden noch liebreizenderen Cousinen auf dem Tisch.“
„Ist auch gut so, dass wir sowas nicht essen. Ist immer schlimm, wenn die in der Mensa einen veganen Tag einlegen. Ist doch meine Entscheidung was ich esse. Das will ich nicht aufgezwängt bekommen. Bei Steaks sind jede Menge Gemüsebeilagen dabei, das reicht völlig aus.“
„Das ist meine Tochter, soll ich die Cola auffüllen?“
„Ne, haben wir Kakao?“
Er lachte.
„Du fragst DEINEN Vater ob wir Kakao haben?“
„Stimmt, das macht keinen Sinn. Ich hätte dann bitte einen doppelten Indian Chai.“
„Kommt sofort.“
Er stand auf, holte zwei Bierkrüge aus dem Schrank, versenkte einen Liter Milch in einem Milchtopf und rührte Lucys und seinen Lieblingskakao von Zotter an. Sie räumte derweil ungewohnt brav die Spülmaschine ein – normalerweise machte sie nichts, in Worten nichts in Zahlen Null im Haushalt.
„Wo soll ich dir den Becher hinbringen?“
„Ins Wohnzimmer, können wir nicht ein bisschen Mario Kart spielen oder was gucken?“
Er warf einen Blick auf die Wanduhr über der Tür, es war zehn und das Planungsbüro unter ihnen hatte seit sechs Weihnachtspause.
„Mh, The Raid eins und zwei?“
Sie schien nachzudenken.
„Zwei“
„Ok, dann bis …“
„Nein Moment, ich wünsch mir doch lieber Zoomania.“
„Ok, überstimmt. Dann hole ich dir eine kuschlige Flauschdecke.“
„Nicht doch Papa, die hole ich selbst. Darf ich mit Moby knuddeln?“
„Darfst du.“
Sie schoss aus der Küche und er verrührte weiter den Kakao. Fünf Minuten später schlüpfte er ins Wohnzimmer und reichte Lucy einen der Krüge, sie nahm ihn, in eine flauschige Kunstpelzdecke gewickelt (mehr konnte er sich guten Gewissens nicht leisten, aber die waren trotzdem nicht billig), entgegen – gerade flimmerte das Disney Logo über die zwei Meter Bildschirmdiagonale. Lucifer pennte seelenruhig auf der gepolsterten Fensterbank (seinem Lieblingsplatz) und schien sie nicht die Bohne zu beachten. Er setzte sich neben sie und legte einen Arm um seine Tochter.
„Das ist peinlich Papa.“
„Das müssen Papas aber ab und zu machen, weißt du?“
Er verstellte seine Stimme und griff nach dem dicken Plüschkrokodil Moby in ihrem Schoß.
„Dein Papa hat dich lieb, du Rotznase!“
Lucy lachte.
„Ist ja schon gut Papa, können wir jetzt den Film gucken?“
„Alles klar.“
Er nahm den Arm zurück und betrachtete den Stapel Plüschtiere neben sich und griff nach Yoshi. Mit der Dicknase auf dem Schoss nahm er einen Schluck Kakao aus dem Krug und sah sich seinen Lieblingsfilm an, den er wenigstens fünfzehn Mal gesehen haben musste und den Dialog praktisch mitsprechen konnte – aber das Lied von Shakira war immer wieder genial, besonders mit den tanzenden schwulen Tigern am Schluss.
Nach Zoomania guckten sie den originalen Zeichentrick Mulan (tausendmal besser als der Liveaction Schrott, den Disney danach verbrochen hatte) und dann stärkten sie sich mit einem doppelten Espresso und eisgekühlter Cola, schließlich waren Ferien und er hatte ab morgen eh Urlaub bis einschließlich erste Januar Woche. Sie spielten ihr Lieblingsspiel Super Mario Kart 8 auf der alten Switch Pro und er wählte natürlich Yoshi als Spielfigur. Gegen vier machten sie aus und er nickte mit Yoshi im Arm bei irgendeiner Serie auf dem fürchterlich gemütlichen Sofa ein. Er hatte zwar ein bequemes Bett im Schlafzimmer, aber meist war er abends so fertig, dass er vorm Fernseher einpennte, das hatte er von seiner lieben Mutter geerbt, der er daher seit fast zwei Jahrzehnten teuflisch schwere Knobelspiele schenkte – so als heimliche Rache.

Ende Teil 1

Das Osiris Projekt – Halbzeit geschafft

Die, die meinen Blog folgen, hat bestimmt die Flut von neuen Kapiteln in der letzten Woche erreicht und womöglich überrascht. Für die anderen: da ich nie Testleser gefunden habe, veröffentliche ich die zweite Fassung meines Buches auf meinem Blog.

Sonntag, also gestern, habe ich das letzte Kapitel des ersten Teils des Buches hochgeladen und für die nächsten Wochen ist geplant, jeden Tag ein Kapitel des zweiten Teils hochzuladen.

Für Interessierte geht es HIER zur Einleitung zum Buch, HIER zum ersten Kapitel und HIER findet ihr die Kapitelübersicht mit allen bisher veröffentlichten Kapiteln als Web-Read oder als PDF.

Und das erste Kapitel des zweiten Teils ist HIER schon lesbar.

Schlechte Nachrichten für’s Osiris Genom

Das Osiris Genom ist der Arbeitstitel für die radikale Überarbeitung des Osiris Projektes. Das Osiris Projekt ist seit 1,5 Jahren fertig und mit schlanken 332 A4 Seiten nicht gerade dünn, aber nach einem Vierteljahr war ich nicht mehr so zufrieden und wollte mit der dritten Fassung (Das Osriris Projekt ist Fassung Nr. 2) dem Buch einen ernsteren Ton geben und auch Themen wie Psychologie mit einbauen. Zudem sollten die drei Fraktionen: Horizon, Clowns und die Animals vertieft werden, die ihm Buch gelegentlich recht eindimensional ausfallen.

Es ist eben das erste Buch, da ist eben nicht alles perfekt. Dennoch ist das Osiris Projekt das bessere Buch, zwar stellenweise naiv, aber auf jedenfall locker und temporeich und ganz wichtig … es ist eine durchgängigige und abgeschlossene Handlung.

Die dritte Fassung ging in Teil eins anfangs ganz zügig von der Hand, aber das Ende kam bei meinen wenigen Testlesern nicht so gut an, wie ich erhofft hatte. Und die Probleme des zweiten Teils nahmen einfach kein Ende. Ich hab mehr Text weggeschmissen, als ich neu geschrieben habe. Ich brauch mehr als eine Hand um die verkorksten Enden abzuzählen, die im Papierkorb gelandet sind. Es gab viele Nächte wo ich vor mich hin fluchend die Fassungen überarbeitet habe, es wollte einfach nie so richtig passen. Erst kurz vor Weihnachten habe ich dann auch noch die 5. Fassung vom Osiris Genom angefangen, war aber nie zufrieden und eher verzweifelt mit dem ganzen Chaos.

Daher habe ich als Neujahrsresulution entschieden, den Stöpsel zu ziehen und das Osiris Genom komplett einzustampfen. Lebwohl an all die tollen Figuren die ich für die neuen Fassungen ersonnen und über die Zeit liebgewonnen habe.
Es ist gewollt und konsequent, anderthalb Jahre hab ich mich mit dem Projekt nur rumgeärgert, irgendwann ist auch mal gut und ich sollte mich neuen frischen Projekten widmen.

Das Osiris Projekt bleibt so wie es ist und darf sich eines Nachfolgers erfreuen, der schon stolze 60 A4 Seiten misst, 13 Jahre nach dem ersten Buch spielt und unter anderem Akira mehr in den Vordergrund rückt. Ein Kriminialfall in Berlin Solomon, die Suche nach dem verlorenen Vater durch Westeuropa und ein Abenteuer im Himalaya – drei Plotstränge, die sich am Ende in einem fulminanten Finale treffen.

Die lesenswerten Reste und die womöglich interessanten Skripte der dritten (der 175-seitige 1. Teil) und vierten Fassung (1-2 Kapitel) veröffentliche ich dennoch auf dem Blog, es wäre schade, das alles einfach so wegzuschmeißen.

Der Abschied fällt schwer, aber ich glaube es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Habt einen schönen Abend 🙂

Es wird bunt

Haha, nach dem gründlichen Durchforsten meines Zimmers nach wichtigen Unterlagen (die ich Idiot natürlich nicht alle in einem praktischen Stehordner lagere), bin ich über meine Skizzen zu meinen Geschichten gestolpert, zumindest einem Teil davon. Und jetzt hab ich vier davon eingescannt zu Geschichten die zumindest teilveröffentlicht sind.

Da ich nicht nur ganz passabel schreiben, sondern auch zeichnen kann, mache ich mir zu meinen Geschichten oft Skizzen, zu Figuren, Fahrzeugen und oft einfach nur Orten. Mittlerweile dürften es wenigstens ein Dutzend Variationen am Lambda Swordfish geben, aber deutlich weniger Lagepläne.

Gemessen an dem Chaos der Bilder, die ich für euch eingescannt habe, gehe ich von simpel nach kompliziert und sag was dazu. Es sind keine schönen Bilder, eher das was passiert, wenn ich eine Idee und ein paar Fineliner sowie einen Packen Kopierpapier vor mir liegen habe.

3./4. Fassung Osiris Genom – Liz Wohnung

Im 2. Kapitel kommt Liz im Buch von einer Geschäftsreise zurück in ihre Wohnung im Protzkasten Haus der Nationen Eins. 130m hoch und ein Klotz von 600 Metern Kantenlänge. umlaufen von einem riesigen Park, der sich sich einen guten Kilometer in jeder Richtung erstreckt, umgeben von einer „Mauer“ aus deren vier Ecken hunderte von Metern hohe Wohntürme sprießen.
Alles extrem sicher (oder doch nicht?) und die gute Liz, die ab der 3. Fassung Multimilliardärin und ein ganz hohes Tier bei Horizon ist, hat vor ~20 Jahren von ihrem Chef Johnny Solomon eine der exklusivsten Wohnungen der Welt bekommen, samt Personal. Lien, die chinesische Haushälterin; Suzi, die schwarze Weltklasse Pilotin; Sarah, die Stewardess und Mara, die Assistentin mit ihrem Waran Karl ❤ , der bei Liz wohnen darf.

Das sieht auf der kleinen Zeichnung zwar reichlich eng aus, aber unten rechts Bad und Küche sind jeweils mehr als 25 Quadratmeter groß! Wir haben laut Plan die Wohnung in der unteren Hälfte und den Garten und die Apartments der Angestellten in der oberen Hälfte. Dabei sei gesagt, dass die Wohnung zwei Etagen und eine Deckenhöhe von rund acht bis zehn Metern hat. In der zweiten Etage hat Liz ihre Arbeitsräume, zugang zu ihrem Tonstudio über ihrem Lager und darüber drei Gästeräume. Über dem Bad ist der offene Speisesaal und ganz unten über der Küche ist Ambers Zimmer. Und bei den Angstellten ist in der zweiten Etage der Gemeinschaftsraum und zwei weitere Mini-Apartments.
Hinter dem Treppenaufgang ist ein halb versteckter Panikraum, der zu Akiras Zimmer umgebaut worden ist. Akiras eigenes Bad ist unter der Treppe – das ist geräumiger als es klingt.
In der vierten Fassung ist der Garten viel größer und auch besser nutzbar und Liz hat eine weitere Angestellte: Alice, die Gärtnerin.
Liz Wohnung hat einen recht minimalistischen Stil, weil sie alles andere in den unglaublich langen „Schuppen“ verbannt hat. Ihre Wohnung ist Dreh- und Angelpunkt besonders der früheren Kapitel.

2. Fassung Osiris Genom – Berlin Solomon

Achtung alle lieben Berliner, ganz tapfer sein: den Grunewald gibt es im Buch nicht mehr! Und einige andere Teile von Berlin auch nicht mehr.

Berlin Solomon

Ich hoffe man kann es einigermaßen lesen. Unten im Süden, die ordentlich große Fläche des BIT (Berlin Institute of Technologies) auf drei Standorten. Relativ zentral den Bahnhof Solomon Central, der auch ein Flughafen für VTOL Flugzeuge ist. Im Norden ist der Zoo, der in zwei Kapiteln eine Rolle spielt. Rechts oben ist die Solomon Akademie eine Mischung aus Uni und Berufsschule für bautechnische Berufe. Nicht zu vergessen das grüne Quadrat vom Platz der Nationen, wo ziemlich viel Handlung abläuft.
Natürlich sind viel zu wenig Haltestellen eingezeichnet, gemessen an der ordentlichen Fläche des Stadtteils, mir gings auch eher um das wesentliche. Es tut gut, wenn man eine Karte hat, an der man sich für das Buch orientieren und auch immer wieder etwas schmökern kann.

In der vierten Fassung ist aus Solomon eine eigene Metropole der Superlative in Brandenburg geworden, die zeig ich euch irgendwann bestimmt auch mal.

Buchrest „Dämmerung“ – Die Burg

SPOILER, für alle, die Dämmerung noch lesen wollen.

Dämmung war der Arbeitstitel für eine Buchfortsetzung eines mittlerweile gestrichenen Endes von der dritten Fassung des Osiris Projektes. Und auch nur schlanke 34 Seiten lang … so ein ver**** Mist! Aber menno, ich habe noch so viele angefangene Stories die ich alle irgendwie mal weiterschreiben muss. Und es werden immer mehr. Und wenigstens ein angefangenes Buch habe ich noch gar nicht veröffentlicht. Auch nur so 30 Seiten oder so … Gott-Sein aus der Perspektive des Underdogs, auch interessant.

Egal, Ted (der Sexist) und Akira, frisch ausgestattet mit den noch sehr schwachen Kräften von Halbgöttern, werden im Dschungel ausgesetzt um ihr Können im Überleben zu testen. Dabei stolpern sie über eine verlassene Burg und machen diese zu ihrem Stützpunkt.
Irgendwann entdeckt Ted, dass Teile der Burg vergraben wurden und fängt mit den Ausgrabungen an. Ich kann nur sagen, für das, was ich hundsgemeiner Autor da in der Erde verbuddelt habe, braucht der gute Ted mehr als nur eine Schaufel.

eingegrabene Burg von der Seite
Burg Clusterfuck von oben

Ja, das ist schon ein ziemlicher Klopper, der da in die Landschaft gekachelt wurde. Ich hoffe man kann das Geschmiere einigermaßen lesen. Es gab noch zwei Bilder von der Kaverne unter der Burg und dem großen Lageplan, aber der ist leider verschüttgegangen – den muss ich bei Gelegenheit nochmal neu zeichnen.

Für alle die sich wundern, warum das Ganze überhaupt vergraben wurde? Das ist wie in einem Videospiel, wo man Areale erst nach und nach freischaltet, denn allein schon durch den Almanach, wird Dämmerung total zur Vorlage für ein Spiel – finde ich zumindest.

Wer jetzt doch neugierig geworden ist, kann den Text HIER finden.

So, das waren erstmal die wenigen Lagepläne die ich habe. Habt einen schönen Tag 🙂

Die Legende der schwarzen Geister – Prolog

Ein heller Blitz durchzuckte den Himmel, gefolgt von einem mächtigen Donnern und grelles Licht erhellte die stockdunkle Nacht. Das Licht verschwand und erst tauchte schwarzer dann grüner Rauch auf.
   Lama Merten schreckte auf. Das war eine höchst sonderbare Vision gewesen. Er schlug die Augen auf und blinzelte gegen die grelle Mittagssonne an. Er saß in Meditationshaltung auf einem Felsen und versuchte sich an die Einzelheiten der Vision zu erinnern. Er stand auf und griff nach einem Schlauch mit feinstem Quellwasser, daraus trank er ein paar tiefe Schlucke und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er war riesig, die Bewohner des nahen Dorfes nannten ihn Bärenmann und bei dem Namen schmunzelte er. Natürlich gab es auch richtige Bärenmänner, aber in seinen 35 Lebensjahren war er noch auf keinen gestoßen. Wohl aber war er auf seinen Reisen den Katzenmenschen begegnet, Nomaden, die sonderbare Waren feilboten und als Diebe beschimpft wurden.
   Er streckte seine Glieder aus, trotz stundenlanger Meditation fühlte er sich frisch und ausgeruht. Allerdings verspürte er einen stechenden Hunger. Zeit spielte für ihn nur eine untergeordnete Rolle, dennoch wusste er, dass er seine letzte Mahlzeit bei Sonnenuntergang eingenommen hatte.
Er warf sich den Wasserschlauch um und machte sich auf den Weg zu seiner ehrenwerten Behausung, einer großen geräumigen Höhle. Rund eine Stunde lief und sprang er über Felsen und Steine den schmalen kaum sichtbaren Pfad entlang bis er den etwa Eingang der Höhle erreichte. Den Eingang zur Höhle markierte ein großer freistehender Stein in dessen glatte Oberfläche in einer verloren gegangenen Sprache die Worte eines heiligen Mannes geschrieben standen. Der Eingang war etwa doppelt so hoch wie Lama Merten, aber nicht sehr breit, er musste sich also schmal machen um hindurch zu passen. Durch den Eingang fiel nicht viel Licht dennoch war die Hölle im inneren hell und luftig, möglich machte das eine große annährend kreisrunde Öffnung in der Höhlendecke.
   Wie man es von einem Mönch erwarten würde lebte er recht bescheiden. In einer Ecke lagen einige Yakfelle und eine sorgsam zusammengelegte Decke aus dicker Wolle. Ein Kopfkissen brauchte er zum Schlafen nicht. Kochgeschirr, Werkzeug, Seile und Haken und einige Kisten und Säcke mit Vorräten lagerten am anderen Ende der Höhle. Ein Bogen mit Pfeilen lag auf dem Boden neben einem großen Rucksack. Daneben lehnte an der Wand ein langer Holzstab, der mit verwundenen Mustern verziert war. Der Stab war sein treuer Wegbegleiter und hatte ihn schon auf unzähligen Reisen begleitet. Er diente nicht nur als Stütze sondern auch als Waffe, gegen Banditen oder kleinere Raubtiere, gegen die großen Tiger half hingegen nur die Flucht. Nur ein törichter Mann würde die stolzen Könige der Berge angreifen. Was viele nicht davon abbrachte es dennoch zu versuchen. Es galt als große Ehre einen der Tiger in der Jagd zu erlegen, aber Lama Merten hatte keine wohlwollenden Worte dafür übrig. Auf seinen Reisen war er einmal einem Tigerjungen begegnet, das in eine Felsspalte gestürzt war und nach seiner Mutter schrie, die hilflos zusehen musste wie ihrem Kind die Kräfte schwanden. Er hatte das Jungtier geborgen und seiner Mutter wiedergegeben, die Lama Merten mit vorsichtigen Blicken bedachte und dann mit ihrem Jungen zusammen davongetrottet war. Seitdem hatte ihn nie wieder ein Tiger auf seinen Reisen gestört.
   Er war der Wächter des heiligen Tempels, der, einen kurzen Fußmarsch von hier entfernt, schon seit vielen Jahrhunderten Wind und Wetter trotze und den Bewohnern des kleinen Dorfes ein paar Meilen entfernt traditionell sehr wichtig war. Dort wurden die Geister des Tals befragt, Bestattungen und Hochzeiten abgehalten und der ein oder andere suchte Rat beim heiligen Wächter, ihm – Lama Merten. Er pflegte den Tempel, führte kleine Instandsetzungsarbeiten durch, entzündete Duftstäbchen und Kerzen und hielt Rituale und Zeremonien ab. Die Dorfbewohner bedankten sich dafür mit kleinen Geschenken. Reis, Gemüse, Obst, Gewürze und Tee, aber auch Schriftrollen mit Gebeten und Sprüchen großer Heiliger und schutzbringende Talismane.
Er hatte erst am Vortag die Geschenke in Empfang genommen und mit zu seiner Höhle genommen, also würde er erst morgen dem Tempel wieder einen Besuch abstatten. Außerdem ging ihm die Vision nicht aus dem Kopf. Visionen waren immer sehr vage, da war diese in ihren Ausführungen sehr deutlich gewesen. Ein Blitz, eine Sternschnuppe vielleicht? Der Knall und das Licht, vielleicht der Einschlag eines Objekts. Auf seinen Reisen hatte er in den heiligen Bibliotheken der Klöster von Augenzeugenberichten gelesen, die von der ungeheuren Kraft von Felsbrocken aus dem Himmel zeugten. Leider waren diese Berichte entweder nur sehr vage oder unglaubwürdig ausgeschmückt. Die Vorstellung, dass Felsen groß wie Häuser aus dem Himmel stürzen könnten behagte ihm ganz und gar nicht. Dennoch war das der Fall, einmal war er auf seinen Reisen an einem Krater vorbeigekommen, in dem ein kleiner See lag. Der Krater war von immenser Größe gewesen, gut eine Meile oder mehr im Durchmesser.
   Die Sache mit dem Rauch, der die Farbe wechselte, hatte ihn zutiefst irritiert. Schwarzer Rauch war Gang und Gebe, aber grüner Rauch? Davon hatte er hier noch nie gehört. Er würde sich bei den ehrenwerten Mönchen der umliegenden Klöster umhören müssen.
   In Gedanken versunken entzündete er einen kleinen Haufen Holzscheite in seiner Feuergrube. Nach wenigen Minuten prasselte ein lebendiges Feuer. Über der Feuerstelle stand ein Gestell aus geschmiedeten Eisen mit zwei Platten. Auf die eine Platte stellte er eine Kanne Wasser für Tee auf den anderen einen flachen Topf mit Wasser, Reis und frischem Gemüse.
Geduldig bereitete er den Essplatz unter dem Himmelsloch vor. Den Tee, den er aufgoss, hatte er von einem Reisenden geschenkt bekommen, der aus dem Westen kam. Der Geschmack war kräftig, hatte aber eine liebliche Note. Der Tee war Qualitativ viel besser als das meiste, das er bisher in seinem Leben in diesen Regionen getrunken hatte.
   Das gekochte Mahl war einfach, sättigte aber sehr. Zu dem Reis dazu as er Streifen geräucherten Fleisches. Die meisten Mönche ernährten sich vegetarisch, er hingegen nicht. Eine Vision hatte es ihm geraten und seitdem ergänzte er seinen Speiseplan mit meist getrocknetem oder geräuchertem Fleisch.
   Er genoss den wohltuenden Geschmack des Tees im Mund und das wohlige Gefühl im Magen, dass die Mahlzeit hinterließ. Dann stand er auf klaubte das Geschirr zusammen und machte sich auf den Weg nach draußen um es am nahe gelegenen Fluss abzuwaschen.
   Ein paar Minuten entfernt entsprang ein kleiner Wasserfall aus den Bergen und stürzte sich tief in einen kleinen See eiskalten Wassers. Der See war ziemlich Flach und man konnte einige Züge darin schwimmen, wenn einen die Kälte nicht störte.
   In Ruhe spülte er sein Geschirr ab als ihn ein helles Pfeifen aus seinen Gedanken riss. Er richtete sich auf und beobachtete den Himmel über ihm. Dort! Einige Meilen entfernt schoss ein kleines Objekt über den Himmel, genau wie in seiner Vision. Das Objekt zog einen feurigen Schweif hinter sich her und bewegte sich mit ungeheurer Geschwindigkeit dahin. Es raste steil dem Erdboden entgegen und würde mit ihm kollidieren, wenn es nicht die Flugbahn änderte.
   Er sah den Blitz, lange bevor er den Donner hörte. Ein Feuerball aus lodernden roten Flammen wölbte sich in den Himmel und formte dicke schwarze Rauchwolken. Lama Marten starrte angestrengt in die Ferne. Das Ding musste hinter einer Felskuppe oder einem Grat niedergegangen sein. Wenn er doch nur sein Fernrohr dabei hätte, aber das lag noch in der Höhle. Da, auf einmal strömte eine dünne Säule grünen Rauchs in die Höhe, in einiger Entfernung zu der Absturzstelle, die er von hier aus nicht sehen konnte. Alarmiert sprang er aus dem Wasser, raffte seine Sachen zusammen und rannte zurück zu seiner Höhle. Normalerweise war er kein Mann der Eile, aber die Dinge lagen nun anders. Die Vision war ein Zeichen. Das vom Himmel gefallene Objekt musste etwas Wichtiges bedeuten. Er schnappte sich den Rucksack und füllte ihn mit dem Geschirr, Kletterausrüstung und Vorräten für ein paar Tage. Die Wolldecke zurrte er zusammen und befestigte sie an seinem Rucksack, zusammen mit dem Bogen und dem Köcher. Diesmal durfte auch der Wanderstab nicht fehlen. Er sah sich noch einmal um und verließ dann eiligen Schrittes die Höhle.
Von dem Plateau auf dem seine Höhle lag konnte man die schwarze Rauchfahne gerade noch sehen und die grüne höchstens erahnen. Er konnte Entfernungen schlecht schätzen, aber würde sagen, dass es mindestens zehn Meilen waren. Dort gab es weder Straßen noch Wege und dort lungerten Gefahren in Form von Banditen und wilden Tieren.
   Ohne zu zögern marschierte er mit schnellen Schritten los, in Richtung des schwarzen Rauchs.

*

Nathan stand fröstelnd auf einer Laderampe und wartete, bis es an ihm war den Laderaum der großen Transportmaschine zu betreten und sich einen Sitzplatz zu ergattern. Neben ihn stand ein mittelgroßes Mädchen mit honigfarbener Haut und smaragdgrünen Augen, Ihr Haar war schulterlang und tiefschwarz, war aber von sonderbaren Strähnen in Grün und Hellbraun durchzogen. Sie nannte sich Meg und er hatte sie vor ein paar Tagen gerettet, nachdem sie ihm vor fünfzehn Jahren als Säugling geraubt worden war. Meg fror noch mehr als er, denn sie war die tropische Hitze gewohnt aber wohl nicht diese Eiseskälte. Meg trug all ihre Habe am Leib und das war nicht viel, ein Amulett, ein paar kunstvoll geschnitzte Ringe und ein paar einfache luftige Kleider, keine Schuhe.
Er hatte eine dicke Wolldecke um ihre Schultern geschlungen, zum einen um sie gegen die Kälte zum anderen vor unzüchtigen Blicken zu schützen. Das hatte ein kleines Mädchen nicht verdient.
Ihm hingegen hatte man seine übliche Kleidung genommen und ihm einfache Sachen aus groben Leinen gegeben. Sein Gewehr, seine Pistole, alles weg. Nur das Messer hatten sie ihm gelassen. Er wollte sie hätten es ihm auch genommen. Die Klinge war scharf und sauber, aber dennoch spürte er, wie in Gedanken das Blut dickflüssig von der Klinge hinab seine Wade hinab ran.
   Er blickte auf seine Hände. Ihm wurde schummrig und er meinte zu sehen, wie das Blut die Handinnenseiten herablief und zu Boden tropfte. Meg streckte eine Hand aus und zog ihm am Arm.
„Da Papa, es geht weiter“
Dass sie ihn Papa nannte versetzte ihm einen heftigen Stoß. Das hat er nicht verdient, niemand sollte ein so grausames und niederträchtiges Monster zum Vater haben.
   Man musste kein Genie sein um zu erkennen, dass ein Baumlanger schwarzer Waran und ein kleines Elfenmädchen nicht miteinander verwandt waren, aber Meg nannte ihn trotzdem Papa.
Die Schlange setzte sich in Bewegung und nun stand er in dem schummrigen rot beleuchtetem Frachtraum und sah sich nach zwei Plätzen um. Er hätte einfach drängeln und die anderen Passagiere zur Seite stoßen können, aber diesen Weg wollte er nicht mehr gehen und ihm fielen seine blutbefleckten Hände wieder ein.
„Papa komm.“
Selbstbewusst ging Meg durch den Laderaum, an dessen Seiten und in der Mitte Sitze angebracht waren, und steuerte auf zwei freie Sitzplätze am Ende des Laderaums zu.
   Sie sprang auf den Sitz und er zog die Gurte an und machte sie fest. Der Sitz war für einen Erwachsenen ausgelegt, nicht für ein Kind, aber nach etwas schieben und ziehen ging es dann doch sie sicher festzumachen.
   Er setzte sich nicht sofort sondern sah sich einen Moment um. Nicht sehr vertrauenserweckende Gestalten nahmen um sie herum ihre Plätze an und warfen ihm und Meg scheele Blicke zu.
Ein zerlumpter schlecht rasierter Mann trat an Nathan heran und raunte ihm ins Ohr
„Wie viel willst du für die Kleine?“
Nathan wusste nicht so recht was dann geschah, nur dass der Mann nun wimmernd auf dem Boden lag und Meg im Hintergrund laut lachte.
„Hey, weg da! Lass den Mann in Ruhe und setz dich gefälligst hin!“
Zwei große Warane in Kampfmontur stießen ihn zur Seite und kümmerten sich um den am Boden liegenden Mann.
   Irritiert wich Nathan zurück und setzte sich neben der freudestrahlenden Meg auf den freien Sitz.
„Dem hast du es aber ordentlich gegeben, Papa“ lachte sie und grinste ihn warmherzig an.
Da schmolz er dahin und ihm rollte eine Träne aus dem Augenwinkel, dann nahm er sie fest ihn den Arm.
„Ich hab dich auch sehr gern … Tochter“
Nach einer Weile kämpfte sich Meg aus der Umarmung und lehnte sich zurück. Nathan sah nachdenklich am Strom der Gestalten, die ins Flugzeug wollten, vorbei und nach draußen. Sein Blick wanderte an den Türmen, Plattformen und Blocks aus Stahl vorbei. Die schwimmenden Inseln waren nicht sehr schön, aber sie waren sein Zuhause, hier hatte er viele Jahre seines Lebens verbracht.
Niemand würde ihm zum Abschied winken, dachte er resigniert. Dafür hatte er sich zu viele Feinde gemacht und Freundschaften entzweit.
   Als alle Plätze belegt und sich alle angeschnallt hatten, erzitterte die Maschine und mit großem Dröhnen liefen die riesigen Triebwerke an. Meg neben ihm zitterte und hielt sich die Ohren zu. Er legte schützend einen Arm um sie und sah weiter nach draußen.
   Aus den Schatten war eine Gestalt getreten und winkte ihm zu. Die Frachtraumtüren schlossen sich, aber er konnte gerade noch das hämische Grinsen des Diebes erkennen. Seines kleinen Bruders.
Dann waren die Türen zu und verriegelt und mit immer lauter werdenden Turbinen bewegte sich das Flugzeug, sie hoben ab. Nathan und Meg wurden in die Sitze gepresst als sich der metallene Vogel ruckartig in die Höhe schwang. Nun flogen sie dahin, ihrer neuen Zukunft entgegen.

*

Konzentriert stand Lama Merten breitbeinig da, in der rechten Hand schwang er einen Wurfhaken. Vor ihm war ein tiefer Abgrund, wo bei einem Erdbeben der Hang weggebrochen sein musste.
Er zielte, mit den Augen wie mit dem Geiste und ließ den Haken los. Der zischte durch die Luft und verhakte sich in einer Felsspalte. Er zog fest daran und nickte dann zufrieden. Er schulterte wieder den Rucksack, warf den Wanderstab über den Spalt und umfasste das Seil mit festen Händen. Dann schwang er sich über den Abgrund.
   Er hatte voll auf sich und den Haken vertraut, dennoch war er erleichtert, als er wieder festen Grund unter den Füßen hatte. Er löste den Haken und rollte das Seil, an dem er befestigt war, wieder auf und griff nach seinem Stab.
   Er war nun schon den dritten Tag unterwegs. Das Feuer des Absturzes brannte immer noch, aber nicht mehr so stark. Der grüne Rauch hingegen war deutlich zu sehen. Er musste sich dennoch beeilen, er hatte die Hälfte seiner Vorräte aufgebraucht und es war unklar ob er hier Essbares finden würde. Die Landschaft war unwegsam und zerklüftet, er kam nur mühsam voran. Auch glaube er sich in der Entfernung verschätzt zu haben, die Strecke kam ihm viel weiter vor, als er es in Erinnerung hatte. Er trank einen Schluck kalten Wassers und ging dann weiter. Es wurde kalt, aber er lief trotzdem weiterhin barfuß. Im Rucksack trug er zwar ein Paar Yakfellstiefel mit sich herum, aber seinen Füßen ging es gut und er hatte immer das Gefühl er würde Behaglichkeit gegen sicheren Tritt tauschen, wenn er die Stiefel anzog.
   Jetzt musste es nicht mehr weit sein, der Rauch war ganz nah, aber er würde sich beeilen müssen, es dämmerte schon.
   Ein paar Minuten später hatte er die die Kuppe des Berges erreicht und später hinüber.
Er zückte sein Fernrohr und beobachtete die Vorgänge in dem kleinen Tal unter sich.
Am linken Ende des Tals brannten die Reste eines großen Metallvogels, der am Fels zerschellt war und eine Spur aus Trümmern hinter sich hergezogen hatte. Seltsam geformte Behältnisse aus Metall lagen überall zerstreut zwischen den Frackteilen. Der grüne Rauch stammte von einem großen Container etwas abseits, der anders als die anderen leuchtend grün angemalt war.
Was ihn aber am meisten beunruhigte waren die kleinen Gestalten die zwischen den Trümmern entlanggingen und mit magischen Lichtern die Umgebung absuchte. Von der Bekleidung her waren es Banditen, die hier in diesem Landstrich ihr Unwesen trieben. Zwei von den Gestalten hatten Gewehre, das bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er hatte einen Bogen und einen Stab, seine Gegenspieler allerdings zwei Gewehre und es waren mindestens fünf Banditen.
Aber die Box mit dem grünen Rauch musste sehr wichtig sein. Sie durfte auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.
   Er würde meditieren und Kräfte sammeln. Gesagt getan entledigte er sich seines Rucksackes und legte alle nicht so wichtigen Dinge ab. Er trank noch einen Schluck, und aß einige Bissen getrocknetes Fleisch. Dann setzte er sich im Schneidersitz hin und machte seinen Geist frei von allen störenden Einflüssen. Er hatte viele Jahre in verschiedenen Klöstern dieses Landes gelernt seinen Geist frei von allen weltlichen Einflüssen loszulösen um auf die höheren Ebenen des Bewusstseins vorzudringen.
Er löste seinen Geist von seinem Körper und in dieser Form bewegte sich schnell und geschmeidig wie eine Katze den Hang hinab ins Tal. Die Banditen waren in der Tat zu fünft, zwei von Ihnen hatten Gewehre, zwei alte Krummsäbel und einer, vermutlich der Anführer, eine Pistole. Sie hielten Stäbe mit magischem Licht und suchten nach etwas, der grünen Kiste allerdings nicht schien es, an der waren sie schon vorbeigelaufen.
   Er rief seinen Geist zurück in die materielle Welt und stand auf. Bewaffnet mit seinem Stab und seinem Bogen schlich er sich ins Tal. Er hatte die schnell näher rückende Dunkelheit auf seiner Seite.
In einem früheren Leben musste er ein Dieb oder ein Akrobat gewesen sein, so lautlos und behände glitt er ins Tal hinab, von Deckung zu Deckung.
   Sirrend schoss ein Pfeil durch die Nacht, durchschlug mühelos die rechte Schulter eines der Gewehrträger und nagelten ihn an ein Trümmerteil. Sein gellender Schrei durchschnitt die Nacht.
Panisch und alarmiert rannten die Banditen umher, die magischen Lichter hektisch mal hier mal dorthin umherzuckend.
   Der zweite Gewehrträger sah sein Schicksal nicht kommen, von hinten schlich sich Lama Merten an ihn heran und drückte zwei Punkte seitlich des Halses, wie ein gefällter Baum sackte der Mann zusammen. Er schleifte den bewusstlosen Körper weg und versteckte ihn hinter einem Felsen.
Jetzt war nur noch der mit der Pistole gefährlich, mit den beiden anderen würde er spielend fertigwerden.
   Die übrigen drei hatten zusammengerückt und standen Rücken an Rücken in einem kleinen Kreis. Lama Merten ließ einen leisen Fluch über die Lippen. Er musste den mit der Pistole ablenken und unschädlich machen.  Grübelnd hob er ein kleines Steinchen auf und warf es blitzschnell durch die Luft. Es traf einen der Säbelträger an der Schläfe und dieser fluchte lautstark in die Nacht.
Das war nichts. Wie ein Schatten umrundete er die Gruppe und versuchte es von der anderen Seite, dieses Mal war der Stein etwas größer und der Getroffene schrie schmerzvoll auf. Wieder war das Ergebnis das gleiche. Wenn er doch nur eine Schlinge für eine Steinschleuder hätte, dann sähe die Sache vermutlich ganz anders aus.
   Er spannte sich an, jetzt kam Bewegung in die Sache. Einer der Säbelträger löste sich von der Gruppe und wagte sich allein in die Dunkelheit. Wenige Schritte und er war hinter ihm, ein Druck am Hals und er fiel. Lama Merten fing den Körper auf und ließ ihn beinahe sanft zu Boden gleiten.
Jetzt waren es nur noch zwei. Der andere Säbelträger rief in die Dunkelheit hinein, Lama Merten verstand nicht um was es ging, aber es könnte ein Name sein.
   Die Pistole fuchtelte durch die Luft und rief nun ebenfalls. Lama Merten war nicht mit der Gabe für Sprache gesegnet und verstand ihn nicht. Jetzt konnten die beiden aber zumindest nicht mehr auf jeder Seite aufpassen. Er nahm lautlos Anlauf, sprang und rammte den Körper des Pistolenträgers gegen einen Felsen. Die Pistole flieg durch die Luft und schlug irgendwo in der Dunkelheit auf.
Der Mann sackte zusammen und regte sich nicht mehr.
   Der letzte verbliebene Bandit fuchtelte mit seinem Säbel in der Luft und schrie fast schon schrill. Vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, von einem riesenhaften Mönch, der sich lautlos wie eine Katze durch die Nacht bewegte, angegriffen zu werden.
   Lama Merten wirbelte mit dem Stab, als wäre Teil seines Körpers, dann schlug er blitzschnell zu. Unter dem ersten mächtigen Schlag brach das Kniegelenk und der zweite traf den Bandit am Kopf und fällte ihn abrupt.
   Nun waren alle Banditen ausgeschaltet und er konnte sich die grüne Kiste in Ruhe aus der Nähe ansehen. Er borgte sich ein magisches Licht von einem der Banditen und leuchtete die grüne Kiste von allen Seiten aus an. Sie war ganz aus Metall und grün angemalt. Auf einer  Seite war ein kleines Feld mit quadratischen kleinen Knöpfen mit Zahlen von null bis neun. Er besah es sich ratlos. Über dem Feld war ein kleines Kästchen, in dem in einem grünen Licht vier Nullen eingraviert waren. Wofür mag diese Apparatur gut sein. Ein kaum merklicher Spalt war in die Wand eingelassen und formte ein Quadrat. Er kniete sich hin und meditierte.
   Auch in der höheren Ebene fand er keine Hinweise, die ihn hätten weiterbringen können.
Am Ende seiner Ideen angekommen, tippte er viermal auf den Knopf mit der Null. Jedes drücken wurde von einem sonderbaren Piepen, wie von einem Vogel, begleitet.
   Er erwartete dass genau nichts passierte und umso erstaunter war er, dass von der Apparatur ein „Pling“ ausging und das Quadrat wie eine Tür nach außen aufschwang. Feiner Dunst entwich der Kiste und er beäugte das schwarze Loch misstrauisch. Schlagartig wurde es innen hell und er zog den Kopf wieder ein.
   Nach ein paar Minuten traute er sich wieder hoch und spähte in das lichtdurchflutete Ding. Es war ein kleiner annährend quadratischer Raum, etwa acht Fuß hoch und ebenso lang und breit und er war schief. Er lehnte seinen Stab an die Außenwand des Kastens und kletterte hinein.
Wo kam nur das ganze Licht her? Er sah sich um, am Boden, der Decke und den Seiten waren schmale milchige Klötze angebracht aus der das Licht drang. Er sah sich um. Auf jeder der drei Seiten (minus die Tür) waren Schränke aus Metall dessen Türen weiß lackiert waren.
   Probeweise öffnete er den Schrank links von sich. Er staunte. Da lehnten in einer Reihe aufgestellt einige lange metallene Objekte an der Wand, er nahm eins heraus und betrachtete es. Mit viel Fantasie könnte man es als Gewehr bezeichnen, aber es sah so viel anderweltlicher und sonderbarer als die Gewehre der Banditen aus, dass es bestimmt irgendetwas anderes war. Ratlos stellte er es wieder zurück. Darunter befanden sich kleinere Kisten aus Metall. Eine war aufgeplatzt und hatte ihren Inhalt auf dem Boden verbreitet. Zylindrische Objekte mit einer Art Kragen und abgerundeter Spitze. Mit gerunzelter Stirn kniete er sich hin und nahm einen der Zylinder in die Hand, so etwas hatte er noch nie gesehen. Das Ding war etwa so lang wie sein kleiner Finger, aber bei seinen riesigen Pranken war das nicht gerade klein. Das Material war Metall, aber es waren verschiedene Metalle. Komisch, die Spitze war grün angemalt, was das wohl zu bedeuten hatte? Er nahm sich vor einige der Objekte mitzunehmen und den Bewohnern im Dorf und den Mönchen der umliegenden Klöster zu zeigen. Er richtete sich auf und besah sich den Schrank rechts von sich. Dieser enthielt rote quadratische Päckchen, etwa so groß wie zwei große Ziegelsteine übereinander. Sie waren mit einem Zeichen bemalt, ein weißes Kreuz auf rotem Grund in einem weißen Kreis. Der Stoff war seltsam, so etwas hatte er noch nie gefühlt. Unglaublich fein und doch immens stabil. Die Päckchen waren nicht sehr schwer aber prall gefüllt. Auf der Hälfte war ein schmaler Besatz aus verzahnten metallenen Dreiecken die zu einem ovalen Plättchen mit einer Art Haken führte. Probeweise zog er an dem Haken und das ovale Plättchen glitt sanft wie eine Feder an dem Besatz entlang und öffnete einen Spalt. Verwundert zog er einige Male an dem Haken und führte das Plättchen vor und zurück. Dann öffnete er es ganz und das Päckchen zerteilte es in zwei Hälften. Im inneren befanden sich weitere transparente zylindrische Körper und Behältnisse aus einem seltsam glatten Material. Er nahm sich vor ebenfalls ein solches rotes Päckchen mitzunehmen, vielleicht konnte man den Inhalt noch gebrauchen.
   Nun aber der letzte Schrank. Der klemmte und nur mit all seiner Stärke konnte er ihn aufreißen. Die Türen knallten an die Seite und Lama Merten erstarrte. Mit offenem Mund starrte er in das Innere des Schrankes und konnte nicht begreifen, was er da gerade sah.
   Ein Behältnis lag darin. Eingebettet in einen Rahmen aus einem merkwürdigem schaumigen schwarzen Zeug. Das Behältnis war quadratisch, mit abgerundeten Ecken, aus einem weißen schimmernden Material. Die untere Hälfte verzierten flache Zylinder, Scheiben und Schläuche die allesamt zu leuchten schienen und in einer fremdartigen Sprache beschriftet waren. Die obere Hälfte war durchsichtig und darin befand sich eine zähflüssige bernsteinfarbene Flüssigkeit und darin schwamm etwas, was er nicht begreifen konnte. Ein kleines menschliches Baby. Ein Mädchen.

*

Liz schreckte aus dem Schlaf. Sie tastete im Halbschlaf nach der Lampe die sie neben sich abgestellt hatte und schaltete sie an. Die kleine Licht der Lampe war warm und golden. Sie war mit dem Buch auf der Brust eingeschlafen. Sie schüttelte sich. Wie spät es wohl sein mochte? Bestimmt war es tiefste Nacht. Nach einem Diener zu klingeln war vermutlich zwecklos. Sie schlug das dicke Fell zur Seite und streckte die nackten Beine in die Luft. Wie sie gelernt hatte befanden sie sich zwar in einer subtropischen Klimazone, aber um die Jahreszeit wurde es nachts trotzdem empfindlich kühl. Fröstelnd tastete sie nach dem Morgenmantel und schwang sich, die Lampe in der Hand, aus dem gigantischen Bett. Ihr Schlafgemach war riesig und die Lampe erhellte nur einen winzig kleinen Teil davon. Sie trat an eins der Fenster, stellte die Lampe vorsichtig aufs Fensterbrett und sah hinaus. Von hier oben sah man die Anfänge eines parkähnlichen Gartens, den sie mit dem alten Kaiman Tacitus erst kürzlich angelegt hatte. Tacitus war nett, weise und brachte ihr viele Sachen bei. Er wusste Erstaunliches und erzählte ihr oft Geschichten von seinen Reisen aus jüngeren Jahren. Sie mochte besonders die Geschichten in den Tropen. Am meisten faszinierte sie da die Unberührtheit der tropischen Regenwälder, deren größten Baumriesen fast zweihundert Meter in den Himmel ragten, und die exotische Fauna und Flora. Tacitus meinte immer scherzhaft dies sei kein Ort für ein ehrenwertes Fräulein wie sie.
   Ihr Blick wanderte weiter und hing an der hohen Wand mit der Krone aus Stacheldraht fest, die in regelmäßigen Abständen von hohen Wachtürmen gesäumt wurde.
Was gäbe sie doch um nur einmal einen Blick darüber werfen zu dürfen.

*

Der Dieb hörte auf zu Winken und steckte die Hand wieder in die Hosentasche. Es war kalt hier draußen. Aus sicherer Entfernung beobachtete er wie die riesigen Rotorblätter der Big-Hornet anfingen sich zu drehen und immer schneller wurden, dazu das begleitende Aufheulen und laute Dröhnen der gewaltigen Triebwerke. Vier Stück waren es, vorne zwei und hinten zwei an den Enden kurzer Flügel befestigt. Langsam lösten sich die Räder vom Boden und die Hornet hob vorsichtig ab. Dann ging die Sache ziemlich schnell. Die Hornet gewann schnell und zielsicher an Höhe und entfernte sich von der Plattform. In ausreichender Höhe kippten die vier Rotoren langsam in die Horizontale und das riesige Flugzeug wurde schneller und entfernte sich mit zunehmender Geschwindigkeit.
   Mit der Hornet verschwand auch sein Bruder. Endlich hatte er freie Bahn.
Er dachte an Meg, das kleine Mädchen aus dem Dschungel. Er hatte kurz ungestört mit ihr reden können und sie hatte ihm ein Geheimnis anvertraut, über den Sinn des Gesagten zerbrach er sich den Kopf und er würde noch nicht handeln können, denn die Sache brauchte viel Zeit und Planung.
Eine fröhliche Melodie pfeifend ging er wieder rein und die langen hell erleuchteten Gänge entlang. Alle, die ihm hier begegneten, schienen es ziemlich eilig zu haben. Sein Onkel Atakar hatte ihm durch einen Boten eine Nachricht zukommen lassen: er solle sich auf Flugdeck sieben begeben.
Und dahin war er unterwegs. Er kannte die knappen präzisen Anweisungen von Atakar nur zu gut.
Draußen schlug ihm wieder kalte Meerluft entgegen und er fröstelte, er hatte natürlich keinen Thermoanzug an, sondern nur seine übliche Kluft: kurze Hosen und ein kurzärmliches Oberteil aus Baumwolle.
   Flugdeck sieben war eines der kleineren Decks und er war gespannt was ihn erwartete. Er ging die letzten Stufen zum Deck hoch und hielt inne. Vor ihm stand, mit Sturmankern festgezurrt, eine zweimotorige Hornet. Eins von den kleineren Modellen, aber er konnte es nicht zuordnen. Sie ähnelte am ehesten den älteren Modellen, so wie der Sea-Hornet, aber sie war bauchiger, bulliger und eine Spur größer als die modernen Hornets. Ziemlich viel Stauraum, ging es ihm durch den Kopf. In eine normale Hornet passten zwei Piloten und etwa zwanzig voll ausgerüstete Soldaten. Diese war aber breiter und höher als eine normale Hornet und bestimmt kein reiner Transporter. Von denen waren hier so viele zu finden, dass die Reserveflieger in den Hangars Staub und Rost ansetzten.
Vor der Hornet auf dem Boden stand allerlei Ladegut. Fässer mit Treibstoff und Wasser, Holzkisten und Säcke mit Vorräten und große schwarze Plastikboxen, deren Inhalt er nur schwer erraten konnte.
Auf einer der Holzkisten saß ein junger Salamander, etwa in seinem Alter, in einem ölverschmierten Overall und studierte mit konzentriertem Blick die Inhaltsangabe auf einer Dose Ravioli.
Als der Salamander ihn bemerkte winkte er ihm zu.
„Bist du der Spezialist?“ rief er ihm zu.
Der Spezialist lächelte zufrieden, es kam viel zu selten vor dass man ihn einmal nicht mit Dieb anredete.
„Japp und du musst wohl der Koch sein“ antwortete er.
Der Salamander lachte, erhob sich von der Kiste und näherte sich dem Spezialisten.
„So nennte man mich wohl, aber ich bin noch viel mehr als das. In erster Linie fliege ich dieses Schätzchen hier“, er deutete auf die Hornet.
„Komm mit ich zeig dir alles.“
Und er drehte sich um und ging um auf das geöffnete Heck der Hornet zu.
„Vor dir steht eine prachtvolle Curvy-Hornet, schon etwas älter, die werden schon lange nicht mehr produziert. Früher gab es noch den Bedarf an einer Zwischengröße zwischen den kleinen Sea-Hornets und den größeren Fat-Hornets. Aber mittlerweile bauen sie die normalen Hornets einfach größer und haben die Curvy-Hornets damit obsolet gemacht. Das Schätzen hier habe ich auf einem Schrottplatz gefunden und wieder instandgesetzt, ich hab sie den gelben Albatros getauft, weil ich über die Jahre ziemlich viele Langstreckenflüge absolviert habe. So da wären wir“
Der Redeschwalle endete abrupt und er wies auf das schwach beleuchtete Innere der Hornet.
„Ladies first“
Er grinste.
   Der Spezialist betrat den Innenraum und staunte. Der Raum war unterteilt in verschiedene Parzellen und überall waren Schränke und Fächer für Stauraum eingebaut. drei Schlafkojen, eine schmale Küchenzeile mit Kochfeldern und Spüle. Sogar ein kleines Bad mit Toilette und Dusche. Funkgeräte, Kartenmaterial, Ausrüstung für alle die Gebiete aller Klimazonen. Auch ein großer Schrank mit Waffen, hauptsächlich Präzisionsgewehre, war vorhanden.
„Und gefällt’s dir?“
Der Salamander stand plötzlich neben ihm und strahlte ihn an.
„Sehr, ich hätte nicht gedacht, dass man so viel auf so wenig Platz unterbringen kann.“
„Genau und du hast längst nicht alles gesehen“
Sie gingen wieder raus und einmal um die Hornet herum.
„Die Triebwerke und Rotoren sind ziemlich neu, die haben viel Dampf und sind ziemlich effizient was den Treibstoff angeht. Die Außenhülle ist an den wichtigen Stellen gepanzert und kugelsicher gegen kleinkalibrige Geschosse. Cockpit ist kugelsicher, auch gegen größere Sachen. Treibstofftanks sind selbstabdichtend. Täuschkörper als Schutz gegen hitzesuchende Raketen, eine Speziallackierung gegen Radar und bewaffnet sind wir auch. Eine 30 mm Kanone im Turm unterm Cockpit und zwei schwere 12,5 mm Maschinengewehre starr nach vorn. Hinten oben zwischen den ‚Schulterblättern‘ ein versenkbarer Turm mit einer 20 mm Autokanone. An den Tragflächen sind Haltepunkte für Raketen und Treibstofftanks. Das wär’s glaube ich“
Der Salamander hielt inne und sah den Spezialist an.
„Ist das gut genug?“
Er grinste.
   Der Spezialist nickte, mehr als gut genug. Eine mobile Einsatzbasis hätte er sich niemals erträumt.
„Gut, dann würde ich vorschlagen, dass du nun dein Zeugs holst und ich den restlichen Krams hier einlade. Wir treffen uns hier in sagen wir einer halben Stunde. Komm aber nicht zu spät“
Der Spezialist nickte und verließ das Flugdeck um sein Gepäck aus seiner Kabine zu holen. Viel war es eh nicht: seine Thermoausrüstung, ein paar Kleider, ein paar alte Bücher und Aufzeichnungen. Er hatte nicht sehr viele Habseligkeiten. Fünfundzwanzig Minuten später stand er wieder auf Flugdeck sieben. Der gelbe Albatros war startbereit und die Leinen waren gelöst. Ein Hauch von Kerosin lag in der Luft.
   Der Salamander war gerade dabei die letzte Kiste Ravioli in den Laderaum zu tragen. Er nickte ihm zu.
   Der Spezialist verstaute seine Habe und kletterte nach vorne ins geräumige Cockpit durch wo er auf dem Sitz des Copiloten Platz nahm. Kurze Zeit später gesellte sich der Salamander zu sich und nahm ebenfalls Platz, auf dem Pilotensitz.
„Bevor wir starten müssen wir noch eine wichtige Sache klären: wie ist dein Name? Dieb oder Spezialist sind ja eher Codenamen, aber so will ich dich nicht ansprechen, sonst komme ich mir vor wie in einem billigen Spionage-Roman. Also, nenn mich Xen, das ist die Abkürzung für irgendwas ganz schrecklich Kompliziertes.“
Der Spezialist grinste, er ahnte dass er sich mit Xen ziemlich gut verstehen würde.
„Ich heiße Ted, mit vollem Namen Tadeus, aber so nennt mich keiner.“
„Gut zu wissen Ted. Jetzt gilt nur noch zu klären wo es hingeht. Man sagt du beschaffst … Dinge“
„Das ist korrekt“
„Und was beschaffst du als nächstes?“
Ted grinste und zog ein altes zusammengerolltes Pergament aus einer Tasche und hielt es Xen ausgerollt hin. Dessen Augen fingen an zu leuchten.
„Hehe, das ist vielversprechend. Schnall dich an und halt dich fest Ted, es geht los.“
Und damit dröhnten die Motoren los und der Albatros fing an zu vibrieren.
Ted lehnte sich voller Vorfreude zurück. Er spürte es, sie würden in ein Abenteuer fliegen.

*