Kurzgeschichte Nr. III

Es gibt ja mein Buch-Universum rund um „Das Osiris Genom“. Und dann gibt es eben noch eine Abwandlung dieser Welt, wo ein paar Sachen eben deutlich anders verlaufen sind und nicht diese bedrückende dystopische Weltuntergangsstimmung herrscht. Hier leben die Protagonisten Kaz, Liz und Akira alternative Geschichten und einigermaßen in Frieden.

Waldgeflüster ist eine überarbeitete Fassung einer meiner allerersten Kurzgeschichten „Ausgesperrt“, die ich irgendwann 2018 angefangen habe und die damals den Grundstein für viele zukünftige Geschichten gelegt und Kaz und Liz als Figuren etabliert hat.

Dieses Mal ist das Geschehen nur ein bisschen ins Action-Horror Subgenre verlegt und spielt an einem Ort, der im ersten Akt in der zweiten Fassung von „Das Osiris Genom“ eine große Rolle gespielt hat – Hal’s Fabrik.

Das Böse hingegen ist eine „Figur“ aus einem anderen Buchprojekt das momentan nur einen schrecklich langweiligen Arbeitstitel hat oder gelegentlich einen Cameo in Form von „Die Legende der schwarzen Geister – Band 1-3“ in anderen Werken hat. Es handelt sich hierbei um eine Matriarchin der Gesichtslosen. Hier eine Skizze einer früheren Version … Oh for fucks sake … ich hatte das Zeug doch auf DeviantArt hochgeladen, wo zum Henker isses denn jetzt hin? Grmbl … alles muss man selber machen …

Matriarchin – Larve und voll ausgewachsen

Das Exemplar in der Geschichte ist kleiner als im Bild, aber ich hatte noch keine Zeit (oder Lust) eine neuere Version zu zeichnen, die einen eher spinnenförmerigen Leib hat und „nur“ noch so groß wie ein Elefant ist.

Länge: 12 Seiten

Waldgeflüster

Liz joggte durch den Wald. Ihr Atem ging gleichmäßig und ihr brauner Pferdeschwanz wippte bei jedem Schritt hin und her. Sie war total konzentriert und wich geschickt jedem Stein und jeder Baumwurzel aus. Es war Samstag und sie hatte ihre kleine Ente mit Campingsachen vollgestopft und war ins Grüne gedüst. Hier in der Nähe war ein kleines Kaff wo überraschend viele junge Leute wohnten und jemand hatte ihr das Nest, was seltsamerweise Waldfroh hieß, für einen kleinen Ausflug empfohlen. Vor einer Stunde hatte sie am Rande eines dichten Waldes geparkt und eine Runde losgejoggt um die Beine auszuschütteln, sie war ziemlich lange gefahren und noch im Morgengrauen losgefahren, sie wohnte eigentlich in Potsdam in der Nähe von Berlin. Jetzt war es etwa halb zwölf und schön warm. Dann ging alles schief, sie spürte einen stechenden Schmerz am rechten Bein, verriss völlig und blieb an einer Baumwurzel hängen. Sie knallte hin, geradewegs in eine Schotterfläche und schürfte sich alles auf. Es tat so weh und ihr kamen die Tränen. Sie rollte sich auf die Seiten und formte ihren Körper zu einer Kugel. Schluchzend lag sie da und Bäche von Tränen strömten ihr über das Gesicht. Sie hörte entfernte Schritte die rasch näherkamen und dann neben ihr stoppten. Jemand kniete sich neben sie hin und berührte sie am Arm.
„Oh, nein. Das tut mir so leid, hab ich Sie getroffen? Oh, nein, ich hab Sie gar nicht gesehen. Das tut mir so unendlich leid, haben Sie sich etwas getan?“
Sie wischte sich die Tränen weg und blinzelte der Gestalt entgegen, die da neben ihr hockte. Ein Mann in Tarnkleidung, mit einem geschminkten Gesicht, in der einen Hand hielt er ein mattschwarzes Gewehr mit einem Schalldämpfer und Zweibein. Ihr wurde flau. War das hier Militärgelände? Sie hatte die überwucherten Warnschilder gesehen und auch diesen Maschendrahtzaun, aber sie hatte sich bei dem leeren Pförtnerhäuschen und dem vermodertem Schlagbaum gedacht, dass das hier schon lange nicht mehr benutzt wurde.
„T .. tut mir leid, ich wusste nicht dass das hier militärisches Sperrgelände ist. Kriege ich jetzt Ärger?“
Der Typ hob eine Braue.
„Ach Quatsch, das ist schon seit Ewigkeiten kein Sperrgebiet mehr, aber ich war einfach zu faul die Schilder abzuhängen. Und ein paar Gesellen schreckt es ja auch ab. Aber Privatgelände ist es schon, meine Liebe. Bist du verletzt, du blutest ein bisschen. Kannst du laufen?“
Sie rappelte sich auf und versuchte aufzustehen. Sie fühlte sich mies, aber es war noch alles dran und sie glaubte nicht, dass etwas verstaucht war.
„Nein ich glaube es geht. Das tut mir leid, ich wusste nicht dass das hier privat ist.“
„Bis auf die Leute unten im Dorf weiß das auch so gut wie keiner, das ist schon ok. Aber es tut mir so leid, dass es dich erwischt hat. Darf ich dich wenigstens auf einen Kaffee oder einen Tee und ein Stück Torte einladen? Und jemand sollte deine Schürfwunden verarzten.“
Sie starrte den komischen Typen an.
„Wer bist du eigentlich?“
Wahrscheinlich ein gefährlicher Spinner, der sie nach dem angeblichen Kuchen vergewaltigen und im Wald verscharren würde.
„Uh, ich heiße Sebastian Katsuro Solomon, du darfst mich aber Kaz nennen.“ Bei dem Namen klingelte etwas.
„Solomon? Gibt es nicht diesen Baukonzern Solomon Industries in Berlin?“ „Stimmt, den leitet mein Vater. Nein ich habe hier in den Wäldern nur mein bescheidenes Heim und finanziere mir mein Leben mit dem Schreiben von Büchern. Ich hab hier eine WG mit ein paar Freunden. Komm doch mit.“
Sie starrte ihn eine Weile an. Eine Bande von Spinnern die im Wald lebte, das konnte ja was werden. Aber warum nicht, wenn diesem komischen Vogel dieses Gelände hier gehörte musste sie ihn ohnehin um Erlaubnis fragen, wenn sie hier wildcampen wollte.
„Ok, geh voraus, ich folge dir.“
Mit einem sehr mulmigen Gefühl folgte sie dem Typen mit dem Gewehr durch den Wald. Sie liefen bestimmt anderthalb Stunden bis sich der Wald lichtete und sie etwas sah. Sie riss die Augen auf. Das war ja eine richtige alte Fabrik mit Backsteingebäuden mitten im Wald. Eine große vielgeschossige Halle ragte in die Höhe, daneben gab es flachere Gebäude und ein paar kleinere Hallen. Der Platz zwischen den Gebäuden war gepflastert. Sie entdeckte zwei Bewohner sofort. Dort hinten war ein Liegestuhl aufgebaut auf dem sich eine Frau in der prallen Mittagssonne sonnte. Daneben schlummerte eine riesenhafte pechschwarze Echse. Kaz stieß einen schrillen Pfiff aus und die Frau erhob sich und schob sich die Sonnenbrille hoch. Eine verdammt gut aussehende Frau vom Typ Supermodel mit einem perfekten makellosen Körper winkte ihnen im Bikini zu. Liz fand dass sie selbst nicht schlecht aussah, aber gegen die Frau hatte sie nicht den Hauch einer Chance. Dort hinten öffnete sich ein Fenster und ein älterer bärtiger Mann winkte ihnen zu. Zudem lugte ein reichlich übergewichtiger Mann aus einer offenen Garagentür. Was war das für ein Ort? „Der alte Mann ist unser Mentor Wolf, die Frau im Bikini ist unsere russische Schönheit Tamara, der Mann in der Werkstatt ist Xen und der Waran heißt Karl. Das ist die WG. Ich zieh mich mal um, Tammy wird dir alles zeigen.“
Und damit ließ er sie einfach stehen und verschwand in der Werkstatt. Sie näherte sich der Russin und dem Waran, der sie neugierig musterte.
„Ich muss schon sagen so knackiges junges Gemüse lacht sich Kaz selten an. Wie hat er dich rumbekommen? Er ist wahnsinnig gut im flirrten.“
Die Frau mit den langen falschen Wimpern zwinkerte ihr aufmunternd zu.
„Ich war joggen und er hat auf mich geschossen!“
Tamara betrachtete sie einen Moment eingehend.
„Wahrscheinlich sein getuntes Airsoftgewehr mit einer Kugel aus Aluminium. Das tut teuflisch weh, wenn man die ohne Schutzkleidung abbekommt. Sei froh dass es keine echte Kugel war. Ab und zu jagt Kaz auf diesem Gelände, hier gibt’s viel Wild. Das wäre um einiges schmerzhafter gewesen. Aber ich glaube den Bluterguss wirst du überleben. Soll ich dich ein bisschen verarzten? Bei besonders hübschen Frauen mache ich das sogar gratis.“
Wieder zwinkerte sie ihr zu, war die Russin lesbisch? Man ließ sie kurz stehen und dann kam die Frau mit einem großen Verbandskoffer und einer Flasche Desinfektionsmittel zurück. Sehr fachmännisch wurden ihre Schürfwunden verarztet und verbunden. Bevor Tamara wieder verschwand, kniff sie Liz in den Po. Dieser unheimliche Waran, der eine Art Geschirr trug war plötzlich neben ihr.
„Darf ich vorstellen mein Name ist Karl und wie heißt du?“
Sie sprang vor Schreck zur Seite und schrie laut auf. Der dicke Mann lugte wieder wortlos aus der Garage und starrte sie unverhohlen an.
„Hey Karl erschreck die junge Dame doch nicht!“
Panisch und mit klopfenden Herzen starrte sie auf den großen schwarzen Waran, der sie neugierig musterte. Dann schien er mit den Schultern zu zucken und trottete davon. Tamara hatte sich in der Zwischenzeit einen Hauch von Nichts angezogen und band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz hoch.
„Karl tut dir schon nichts, der ist harmlos. Mach dir mal lieber Sorgen um Kaz, nachdem ihn seine Ex Sitzen gelassen hat, ist er nicht mehr wirklich er selbst, das war erst vor ein paar Wochen. Wahrscheinlich hat er gerade in dem Moment auf ein Bild von ihr geschossen, als du ihm in die Schussbahn gelaufen bist. Einfach Pech.“
Liz wunderte sich darüber, dass die Russin keinerlei Akzent hatte, aber sie sah definitiv russisch aus.
„Soll ich dich herumführen oder soll ich dir einen Kaffee kochen.“
„Ein Kaffee wäre toll.“
„Na dann komm mit.“
Sie folgte Tamara über den Platz auf ein dreigeschossiges Backsteingebäude zu und darum herum, hier erstreckte sich ein nicht gerade kleiner Nutzgarten und hier war auch eine große Rasenfläche mit einem schön gestalteten Sitzplatz etwas im Schatten. Ihr fiel der hohe verstärkte Maschendrahtzaun mit einer Stacheldrahtkrone auf, der rings um die Fabrik ging. Tamara verwies auf einen der bequem aussehenden Sessel und verschwand dann mit beachtlichem Hüftschwung im Haus. Da saß sie nun, mit schmerzenden Gliedern in einem liebevoll angelegten Garten, in einem sehr komfortabel ausgepolsterten Sessel und wartete bei Vogelgezwitscher auf einen Kaffee, der ihr von einem Supermodel serviert werden würde. Sie genoss den Moment so gut es eben ging und etwa fünf Minuten später kam Tamara wieder aus dem Haus, das schwere Tablett locker mit einer Hand balancierend.
„Ich wusste nicht wie du den Kaffee haben wolltest, also habe ich einen Milchkaffee mit viel geschäumter Milch gemacht, für mich auch. Hier ist Zucker und das sind ein paar selbstgemachte Kekse von Wolf, den lernst du heute bestimmt auch noch kennen.“
Interessiert nahm sie sich einen mit Zuckerglasur verzierten Keks und biss hinein, der war gut. Tamara musterte sie neugierig, den heißen Kaffeebecher in den Händen.
„Was machst du eigentlich beruflich, wenn ich fragen darf?“
„Ähm, ich hab mich vor kurzem beruflich neuorientiert und mache jetzt ein Studium zur Archäologie.“
Die Russin hob die Brauen.
„Interessante Wahl, hätte ich bei dir jetzt nicht vermutet.“
„So, was hättest du denn vermutet?“
„Schwer zu sagen, ich kenn dich ja erst seit ein paar Minuten. Ich hätte auf was Medizinisches getippt, Zahntechnik oder so. Oder Krankenpflegerin.“
„Naja fast, bis vor ein paar Monaten habe ich als Physiotherapeutin gearbeitet.“ „Oho! Was verlangst du für eine Massage, mein Rücken ist von der Gartenarbeit oft fürchterlich verspannt und Xen will mich nicht massieren, er will nichts kaputt machen.“
Sie machte eine abfällige Geste und schob sich einen Keks zwischen die strahlend weißen Zähne.
„Weiß nicht, darüber habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht. Ich will nur weg aus meinem alten Leben, ich hatte einen miesen Chef und mein Ex war ein ziemliches Arschloch und hat mich übel behandelt. Ich musste während des Breakups echt um mein Leben bangen.“
„Ach so einer, naja ich kenn sowas nicht, Xen ist mein erster und in meinem alten Job habe ich nie irgendjemand nettes kennengelernt, die waren immer so affektiert und oberflächig, richtig schlimm.“
„Was hast du denn beruflich gemacht?“
Eigentlich konnte sie sich die Antwort denken.
„Das was sich jedes Mädchen mit dem richtigen Körper wünscht: Modeln. Ich wurde noch in meiner Schulzeit entdeckt und habe einen Vertrag mit einem ziemlich großen Label bekommen. Die Krux war, dass mein Abi damit halt irgendwie Hopps gegangen ist und eigentlich wollte ich studieren, wenn das mit dem Modeln nichts wird, schauspielern kann ich nicht so gut. Naja ein super bezahlter Job, wenn auch extrem stressig und du hast null Freizeit und bist nur unterwegs.“
„Und warum hast du aufgehört?“
„Naja man wird ja nicht jünger und mit dem Alter schwinden die Jobangebote. Ich bin sogar noch ziemlich früh raus. Weißt du, ich hab mich schon früh fürs coden interessiert und hab als Teenager Programmier-Tutorials auf YouTube hochgeladen und mit den Einnahmen zum Beispiel mein Makeup finanziert. Aber ich habe mir immer gewünscht, der nicht so objektiv auf mein Äußeres abgeht sondern dem auch wichtig ist, was ich zu sagen hab. Meine erste Anschaffung war ein schneller kompakter Laptop mit einem großen Akku, mit dem hab ich dann immer auf meinen Reisen programmiert. Und naja so hab ich meinen ersten besten Freund kennengelernt. Am un-romantischstem Platz der Welt: auf Stackoverflow unter den ganzen IT Nerds. Ich hatte für mein Profilbild eins meiner Modelbilder genommen, ich meine Nerds in einem Tech-Forum nehmen dir eh nicht ab wenn du behauptest du wärst ein Supermodel. Und dieser Hund hat so mein Social Media gefunden, Instagram und so, was junge gutaussehende Frauen halt so machen, und mich angesprochen. Aber ich finde ihn nicht so attraktiv, er sieht ja aus wie aus einem Aftershave Werbespot, dann lieber ein großer dicker Teddybär wie Xen mit dem auch mal knuddeln kann und der nicht nur aus Haut und Sehnen und Muskeln besteht.“
Sie lachte und griff nach einem Lederbeutel, den Liz gar nicht bemerkt hatte. Zu Liz kompletter Fassungslosigkeit stopfte sich die Russin eine Pfeife. Sie bemerkte sie.
„Was? Finde ich bequemer als Kippen, bei denen du dir die Finger verbrennst, und der Pfeifentabak stinkt nicht so sehr finde ich. Und das ist meine, Wolf hat seine eigene. Äh, ich hoffe es stört dich hoffentlich nicht wenn ich rauche?“
Liz schüttelte den Kopf und trank noch einen Schluck Kaffee.
„Wie landet ein Supermodel ausgerechnet hier im Nirgendwo?“
Die Russin paffte ein paarmal und wirkte nachdenklich.
„Weiß ich nicht so genau. Irgendwann mal habe ich Kaz hier besucht und mich sofort in diesen Ort verliebt. Hier hat man das Gefühl dass Zeit gar keine so große Rolle spielt und keiner gibt irgendwas aus Social Media und den ganzen Dreck. Wie zum Verlieben. Und so hab ich Xen, Kaz übergewichtigen besten Freund kennengelernt und wie soll man es sagen, ich hab mich irgendwie sofort in ihn verliebt. Wir haben nächtelang geredet und ein paar Monate später habe ich meine Zelte abgerissen und bin hier eingezogen und ich hab es in all den Jahren seitdem nicht ein einziges Mal bereut. Ich glaube in einer Stadt würde das nicht so gut funktionieren, außerdem würde mir niemand glauben, wenn ich sage dass ich einen fetten nicht wirklich gut aussehenden Freund habe. Wenn ich mit Kaz in der Stadt einkaufen gehe hält man uns jedes Mal für ein paar. Ich glaube deswegen war seine Ex auch immer eifersüchtig auf mich. Gut dass die weg ist, was eine oberflächliche Schlampe! Oh hey Wolf.“
Liz drehte sich um und sah einen Mann, der wie der verrückte Professor aus einem Comic aussah. Fast weiße zerzauste Haare und Bart, eine Brille die ihm von der Nase zu rutschen drohte. Dazu ein weißer Kittel über einer wasserdichten Anglerhose. Er winkte ihnen mit der einen Hand zu, mit der anderen Hand trug er einen geflochtenen Korb. Der Waran rannte dem Mann freudig züngelnd hinterher.
„Das war Wolf, er verlässt selten diesen Wald und gibt nicht viel auf herkömmliche Kleiderordnungen. Aber lass dich nicht täuschen, er ist ein durchgeknallter Workaholic und die Disziplin in Person. Bevor er sich hier niedergelassen hat war er ein hoher Offizier bei den Kommando Spezialkräften, der Eliteeinheit der Bundeswehr. Jetzt ist er Hobby Chemiker, Erfinder, Gärtner und Bäcker. Ich schätze er wird im Wald nach Pilzen für seine Gebräue suchen. Das diese blöde Echse sprechen kann haben wir auch so einem Pilzgebräu zu verdanken.“
„Hey Mädels.“
Liz klappte die Kinnlade herab, als sich dieser Kaz Typ neben Tamara auf die Bank setzte. Der sah ja exakt aus wie ein junger Keanu Reeves, mit halblangen schwarzen Haaren und einem kurzen Vollbart.
„Ja ich sehe es dir an, ich weiß dass ich aussehe wie John Wick. Der Fluch der Gene halt. Aber ich halte mich auch gut in Schuss hoffe ich jedenfalls. Na hab ich was verpasst?“
Tamara stupste ihn mit dem Mundstück der Pfeife in den Arm.
„Du, sie war Physiotherapeutin und studiert jetzt Archäologie.“
„Huh, ganz schöner Sprung, wie kommt‘s.“
„Nun ja es war eigentlich nur ein spontaner Spaß weil ich total auf Indiana Jones, Tomb Raider und Uncharted stehe. Aber bisher macht es mir viel Freude und ich lerne eine Menge cooler und interessanter Sachen und es ist nicht so trocken wie befürchtet.“
„Ah ja, jetzt schnalle ich auch warum du hier bist. Du hast bestimmt irgendwo in einem obskuren Forum von diesem Ort gehört und das hat deinen Abenteuer Geist geweckt.“
Jetzt plötzlich unsicher musterte sie die beiden.
„Uhm, naja man hat mir gesagt, dass es ein ganz schönes Erlebnis für sich ist hier im Wald zu campen, aber mehr nicht.“
Die beiden wechselten Blicke und dann war Tamara plötzlich ein ganzes Stück ernster.
„Naja dieser Wald ist sehr alt und verwildert, es ranken sich gewisse Legenden um diesen Ort. Und wir wohnen hier ja schon seit ein paar Jahren. Tagsüber ist alles ruhig, aber nachts ist das etwas ganz anderes. Dieser Zaun dort am Rand des Gartens ist nicht zum Spaß da.“
Plötzlich hatte sie ein mulmiges Gefühl. Sie musste einräumen dass sie trotz ihrer Abenteuer Lust ziemlich leicht zu ängstigen war, was ihr total peinlich war. Kaz näherte sich ihr über den Tisch und flüsterte.
„Glaubst du an Monster und Legenden?“
In der Ferne schrie ein fremdartiger Vogel, den sie noch nie im Leben gehört hatte. Dann auf einmal war alles ganz still, man hörte nur wie der Wind durch die Blätter ging. Sie fing an zu zittern, fasste sich aber und schüttelte energisch mit dem Kopf.
„Das haben wir anfangs auch gedacht, aber mit der Zeit mussten wir unsere Meinung ändern. Etwas Altes und bösartiges lebt in diesem Wald, etwas was fast so alt ist wie der Wald selbst. Bei Tag schläft es, aber bei Nacht kommt es manchmal heraus und geht auf die Jagd. Es war die letzten Wochen nicht mehr nachts aktiv, deshalb machen wir uns große Sorgen. Ich war froh dass ich dich getroffen habe bevor es zu spät sein könnte. Bitte dreh um und fahr nach Hause, dieser Ort ist nicht sicher!“
Sie lachte unsicher.
„Aber wir sind im 21. Jahrhundert, das ist doch bestimmt nur eine Gruselgeschichte um kleine Kinder zu ängstigen. Es gibt keine Monster!“
„Ja das wissen wir und das wollten wir auch glauben. Aber ich habe es gesehen. Ich war unvorsichtig und war nachts Jagen, mit Nachtsichtgerät und High-Tech Ausrüstung. Ich habe ein Reh gejagt und erst zu spät gemerkt dass ich nicht allein war. Ich bin panisch auf einen Baum geklettert als ich eine unheimliche Präsenz gespürt habe und da war es. Ein ekelhaftes Monster, eine Mischung aus einer riesenhaften Spinne und einem Krebs schlich durch den Wald auf das Reh zu. Es zerfetzte das arme Tier regelrecht und hat schrille unheimliche Laute ausgestoßen. Aber es hat mich nicht gesehen, ich glaube nicht dass ich mit meinem Jagdbogen etwas gegen diese Kreatur hätte ausrichten können. Es scheint Licht nicht zu mögen, denn im Morgengrauen verschwand es. Ich habe so etwas grauenvolles noch nie in meinem Leben gesehen. Es war ein wahrhaftiges Monster und fast hätte es mich zum Abendessen verspeist. Weißt du ich bin ein Junkie wenn es um Monster, Mythen und Legenden geht und ich habe Bibliotheken, Sammlungen und Archive auf der ganzen Welt besucht und irgendwann wurde ich schließlich fündig. Der Ort die Straße runter hat ein kleines Archiv und in den tiefsten Schichten habe ich von den Gesichtslosen gelesen. Eine Rasse von spinnenartigen Monstern. Und dieses Ding war eine junge Blutmatriarchin. Und ich habe die Befürchtung, dass uns in den nächsten Nächten etwas Schreckliches bevorsteht. Sie hat Hunger und sie ist vermutlich trächtig. Sie will ihre schrecklichen Babys füttern und Menschenfleisch kommt ihr da gerade recht. Hier in diesem Buch habe ich ein paar Skizzen gemacht“ Gebannt hatte sie diesem Schauermärchen gelauscht und starrte auf die abstoßenden furchteinflößenden Bilder. Ihr schlotterten die Knie jetzt schon. Aber das konnte doch nicht sein, es gab doch gar keine Monster, nur in der Fiktion gab es sie. Dann fasste sie einen Entschluss.
„Das ist doch alles totaler Blödsinn, ich glaube nicht an Monstern und ich werde heute Campen gehen.“
„Aber nicht hier im Wald, das Risiko können wir nicht eingehen. Bitte glaube uns, bring dich nicht in Gefahr. Es wird dich riechen und Jagd auf dich machen. Und du scheinst mir so ein liebes Mädchen zu sein, du verdienst es nicht von dieser Kreatur gefressen zu werden!“
„Nein ich campe hier, sofern ich darf. Das ist ja Privatgelände.“
Kaz machte ein sehr grimmiges Gesicht.
„Ich hoffe es ist Mut und keine Torheit. Ich glaube ich kann dich schlecht daran hindern hier zu campen, aber denk daran, dass dieses Monster Lichtscheu ist, also mach ein großes Feuer, aber ohne den Wald in Brand zu setzen. Auf halber Strecke ist eine Brücke über einen Bach, da am steinigen Ufer kannst du gut campieren und hast gleich eine Frischwasserquelle. Aber sag nicht wir hätten dich nicht gewarnt! Es ist gefährlich. Wir gehen zwar ein Risiko ein, aber ich lasse das Tor zur Fabrik diese Nacht offen, wenn du es dir anders überlegt hast. Aber sei dir im Klaren dass ich uns alle damit in Gefahr bringe. Und noch eine Sache, man sagt, dass Gesichtslose ihre Opfer fressen um deren Gestalt annehmen zu können. Nach dem Kaffee bringe ich dich zu deinem Wagen am Waldesrand, ich muss noch ein paar Besorgungen in der nächsten Stadt machen, im Morgengrauen bin ich wieder da. Xen hat den Wagen schon ausgerüstet. Ich habe ein paar Freunde kontaktiert, die für die nächsten Tage unten im Ort warten und Notfalls eingreifen können. Sie haben sich schon bewaffnet, auch wenn wir wahrscheinlich kaum gegen eins dieser Monster ausrichten können. Ich gebe die eine Leuchtpistole und ein paar Schuss Munition, das können wir vom Dorf aus sehen. Und dann kommen wir sofort, ganz bestimmt.“
Unsicher starrte sie die beiden an, dann warf sie einen Blick in den halb vollen Becher. Sie trank langsam und mit jedem Schluck stieg ihre Selbstsicherheit. „Der Kaffee war lecker und die Kekse auch. Könntest du mich jetzt zurückbringen?“
„Ja natürlich, aber bitte denk darüber noch einmal nach. Du bist hier nicht sicher! Bleib doch wenigstens bei uns, hier ist es sicherer als draußen.“
Sie schüttelte vehement nach draußen. Bei diesen schrägen Spinnern fühlte sie sich nicht sicher, irgendwas war hier faul, das spürte sie. Tamara zwinkerte ihr zu.

*

Sie saß auf dem Beifahrersitz des aufgemotzten Land Rover Defender und sah aus dem Fenster. Auf der Karte war schwer abzuschätzen, wie groß dieser Wald eigentlich war und es stimmte, ein Förster schien sich um diesen verwilderten Wald echt nicht zu kümmern. Sie überquerten die Brücke von der Kaz gesprochen hatte. Und dann zehn Minuten später erreichten sie den Waldrand. Kaz stieg aus um den Schlagbaum zu heben und sie fuhren hindurch. Dort ein paar Meter entfernt stand ihre gelbe Ente in der Sonne.
„Danke fürs Mitnehmen, den Rest schaffe ich alleine.“
Sie stieg aus und nahm den kleinen Beutel mit der Signalpistole mit. Der schwarze Defender fuhr mit knirschenden Reifen davon. Und sie war allein. Ein paar hundert Meter entfernt den Hügel runter begann das Dorf, durch das sie vor ein paar Stunden gefahren war. Es lag so friedlich da. Waldfroh schien ihr gepasst zu haben, aber jetzt war sie einer anderen Meinung. Ihr fröstelte bei dem Gedanken im Wald zu campieren. Aber jetzt hatte sie das so gesagt und jetzt konnte sie sich doch nicht in ein Gasthaus verziehen und in einem sicheren warmen Bett schlafen. Ein bisschen Abenteuer gehörte immer dazu fand sie. Sie gab sich ihren Ruck, kramte ihre Schlüssel hervor und düste mit ihrer Ente in den Wald hinein. Vor der Brücke hielt sie an und fuhr etwas zu Seite, aber aus einer Ahnung heraus parkte sie so, dass sie notfalls schnell abhauen konnte und ließ die Schlüssel im Schloss stecken. Dann zog sie sich um. Joggingklomotten in einen Sack und ab ins Survival Outfit. Tarnklamotten und feste Schuhe. Sie steckte alles Equipment ein und schulterte den schweren Rucksack. Dann ging sie in den Wald und folgte dem Bach zu einem kleinen Strand aus Gestein wo sie ihr Lager aufschlagen sollte. Sie erinnerte sich an Kaz Worte und ging zuerst mit Beil und Machete in den Wald um Feuerholz zu sammeln, davon gab es hier jede Menge. Aus Spaß machte sie ein ganz großes Leuchtfeuer, das sie einen Meter hoch aufschichtete und ein kleineres etwas abseits zum Kochen, damit war sie Stunden beschäftigt. Zum späten Nachmittag wurde es kühl und sie entfachte das kleine Feuer. Sie würde heute unter freiem Himmel schlafen, in einem Zelt war sie leichte Beute. Oh Gott fing sie schon so an zu denken, was sollte das denn, das war doch nur eine dumme Gruselgeschichte gewesen. Vorsichtshalber legte sie die Machete neben ihre Schlafstätte und sie ließ die Stirnlampe auf. Eine zusätzliche Taschenlampe war an ihren Gürtel festgemacht und jeder Zeit abrufbereit. Sie verputzte eine recht leckere Lebensmittel Ration von NOX, dieser Edel Manufaktur, dieses Wochenende würde sie nicht darben. Dann holte sie ein Buch hervor und las im Licht der Dämmerung. Als es Dunkel wurde, fachte sie das große Feuer an und kuschelte sich geborgen ein.

*

Nass, es war so schrecklich nass und kalt und ihr war klamm. Sie schlug leise fluchend die Decke zurück und sah sich um. Es musste heftig geregnet haben, denn der Boden um sie herum war nass und glänzte im Mondlicht. Ihr rettendes Feuer war natürlich eingegangen. Plötzlich spitzte sie die Ohren. Sie hörte ein Gurgeln in der Ferne. Aber es war nicht der Bach sondern etwas anderes, wie Trinkgeräusche. Welches Tier machte denn so einen Lärm beim Trinken? Sie griff lautlos nach ihrem Rucksack nach dem Nachtsichtgerät und schnallte es sich auf. Dann erhob sie sich und nahm ihre Sachen, das war ihr echt nicht geheuer. Langsam bewegte sie sich durch die Nacht und hoffte auf keinen Zweig zu drehen. Routiniert suchte sie alles ab, das Sichtfeld ihres Nachtsichtgeräts war beschissen klein. Und dann erstarrte sie zu einer Salzsäule und ihre Augen wurden riesig groß. Fuck. Diese Spinner hatten Recht. Ein abstoßend hässliches Ding, so groß wie ein Transporter. Der Leib einer Spinne der in einen beinahe schon menschlichen Körper mit einem grotesk verformten Kopf und unzähligen Klauenbewehrten Armen. Zwei Arme waren besonders lang und endeten in Klauenfüßen, mit denen sich diese Kreatur abstützte während sie gurgelnd Wasser trank. Die Bestie war etwa fünfzig Meter von ihr entfernt und schien sie nicht zu bemerken. Dann ruckte der Kopf in ihre Richtung und acht ekelhafte schwarze Augen starrten sie an. Scheiße ich will nicht sterben! Sie drehte sich um klappte das Nachtsichtgerät hoch, damit konnte man eh nicht rennen und knipste die starke Stirnlampe an. Sie hetzte den Bach entlang durch den Wald, stolperte über eine Wurzel und fiel, nur um sich in panischer Angst wieder aufzurappeln und weiter zu rennen. Hinter sich hörte sie Holz knacken und brechen und ein vielfüßiges schweres Trappeln. Dazu ein kehliger schriller Schrei, derselbe Schrei den sie vorhin gehört hatte, als sie bei den Spinnern zum Kaffee eingeladen war. Da ihre Ente kam ins Blickfeld. Sie warf ihren Rucksack auf die Rückbank und sprang ins Cockpit, ohne anschnallen drehte sie den Zündschlüssel und trat volle Möhre aufs Gas. Die Reifen drehten durch und bekamen dann endlich Grip, die Ente machte einen Satz und sie schoss davon. Knapp hinter ihr hörte sie Bäume brechen und das Monster gelangte auf die Straße und sie sah im Rückspiegel wie es ihr regelrecht hinterher galoppierte. Mein Gott, warum fuhr sie eine schrottige alte Ente und nichts, was irgendwie Dampf unter der Motorhaube hatte? Selbst Kaz uralter Defender würde sie mühelos überholen. Aber sie konnte ausatmen, dieses Biest holte sie nicht ein. Aber verdammte Scheiße was war das denn bitte. Sowas konnte es einfach nicht geben, oder doch? Sie fuhr in relativ hohem Tempo auf die Fabrik zu und sah nach ein paar nervenaufreibenden Minuten endlich schon das, versprochen offen gelassene, Tor. Bei der Einfahrt drückte sie wie wild auf die Hupe. Vor dem Wohnhaus bremste sie mit quietschenden Reifen und warf einen ängstlichen Blick aus dem Rückspiegel. Das Monster war verschwunden und es war auf einmal ganz still. Sehr beängstigend still. Im Haus vor ihr ging oben ein schwaches Licht an und sie hörte hastige Schritte auf einer knarzenden Treppe. Mit sehr wackligen Beinen stieg sie auf und hörte das Scharren von Metall auf Metall, dann öffnete sich knarzend die Tür. Tamara in einem dünnen Nachthemd und einer Öllaterne in der Hand öffnete die Tür einen Spalt.
„D … Das M … Monster. I … Ich habe es ge … gesehen!“
Tamaras Augen weiteten sich vor Schreck und sie öffnete die Tür. Liz schnappte sich ihre Sachen und verschwand im Haus, Liz verriegelte die schwere Tür hinter ihnen.
„Komm mit in die Küche. Ich glaube du könntest etwas Starkes vertragen.“
Liz stellte ihren Rucksack ab und folgte der schönen und irgendwie unheimlichen Russin.
„Der Strom ist ausgefallen und die Telefone funktionieren nicht mehr. Ich mache mir solche Sorgen. Ohne Strom können wir das Tor nicht schließen, das funktioniert leider nur elektrisch, das war eine dumme Idee, stelle ich jetzt fest. Verdammt, Wolf und Karl sind nicht von ihrem Spaziergang zurückgekehrt, wahrscheinlich wurden sie schon Opfer dieser Bestie. Xen schläft oben, ich wollte ihn nicht wecken, er schläft ziemlich tief. Ich glaube ich brauche einen Espresso, du auch?“
Ihr war es scheißegal was sie zu trinken bekam, aber sie nickte nur. Sie bekam diese schrecklichen Bilder nicht aus dem Kopf, das hatte so echt ausgesehen, dass konnte kein Fake gewesen sein. Ein paar Minuten später stürzte sie mit zitternden Händen den Espresso herunter und schüttelte sich, sie hatte den Zucker vergessen.
„Was ist den los und warum bist du so durchnässt.“
„Kein Zelt… Feuer … Regen … nass … Monster.“
Sie zitterte und schlotterte so sehr vor Angst, dass sie keinen ganzen Satz herausbrachte. Tamara sah sie mit großen Augen an.
„Verdammt wir haben keinen Kontakt zur Außenwelt und dieses Vieh schleicht da draußen herum. Aber das Haus ist stabil und das Monster kann nicht klettern, so viel wissen wir. Unsere Zimmer sind oben unterm Dach, da sind wir hoffentlich einigermaßen sicher. Komm ich bring dich hoch und gebe dir frische Sachen, du bist ja klatschnass.“
„Hab trockene Sachen … Rucksack.“
„Auch gut. Hast du eine Taschenlampe? Wir haben ein Gästezimmer in der Gaube. Ich habe so gehofft dass du umkehren und zu uns zurückkehren würdest, deshalb hab ich dir schon ein paar warme Sachen bereitgelegt und das Bett gemacht. Ich schlafe in dem Zimmer neben dir und gegenüber ist das Bad. Neben dem Bad schläft Xen. Du kannst duschen, aber sei bitte leise, Xen ist immer sehr unfreundlich wenn er um seinen kostbaren Schlaf gebracht wird. Wolf und Kaz schlafen am anderen Ende des Flurs und Karl hat einen Verschlag draußen.“
Sie nickte nur und nahm ihre Sachen mit hoch. Oben angekommen leuchtete sie die Türen ab. An der einen stand „Bad“ und gegenüber stand „Gäste“, auf die Tür ging sie zu. Es war so still, sie hörte nur leises Schnarchen. Die Einrichtung war altmodisch, ein großes bequem aussehendes Bett, ein großer unheimlicher Schrank und ein Sitzplatz. Das Fenster war groß und zweiflüglig, aber machte keinen sehr sicheren Eindruck. Sie nahm den Rucksack ab und legte den Sack mit den Leuchtraketen daneben. Dann schlüpfte sie aus den nassen klammen Sachen und deponierte sie auf dem Stuhl neben dem Fenster. Das Bett war schon regelrecht liebevoll gemacht, mit einer dicken Wolldecke über der Daunendecke und einer Blechdose, bestimmt randvoll mit Keksen gefüllt, auf dem Kopfkissen. Auf dem Nachttisch stand eine Petroleumlampe, die sie sogleich anzündete, sogleich füllte sich der Raum mit einem warmen wenn auch schwachen Lichtschein. Sie schob bei der Tür den Riegel vor und kramte bei ihrem Rucksack im untersten Fach. Sie umfasste den Griff der Beretta 92 mit untergeschnallter Taschenlampe mit beiden Händen und fühlte sich auf einmal unfassbar sicher. Als es mit ihrem Ex so schiefgegangen war, hatte sie so um ihr Leben gebangt, dass sie sich eine Pistole gekauft hatte, den Waffenschein besaß sie, und damit mittlerweile umzugehen wusste. Und sie fühlte sich sicher, wenn sie eine Waffe dabei hatte, egal wo es hinging, auch wenn das nicht legal war. Routiniert prüfte sie ob das Magazin geladen war, schob es in den Schacht und zog den Schlitten zurück. Die gesicherte Waffe schob sie sich unter das Kopfkissen, zwei Reserve-Magazine waren noch im Rucksack. Dann entriegelte sie die Tür und ging mit einem Badetuch ins Bad. Es war alt und nicht mehr auf dem neusten Stand, aber es schien noch alles zu funktionieren. Sie stellte die Lampe auf dem Klodeckel ab und prüfte die Dusche. Es war so still und sie bildete sich ein das Tippeln vieler kleiner Schritte zu hören, aber sie verscheuchte den Gedanken und ging in die Dusche, wo sie ihren Körper mit schön heißem Wasser aufwärmte. Nach ein paar Minuten schob sie den Duschvorgang zur Seite und trocknete sich ab. Mit der Lampe in der Hand ging sie zurück in ihr Zimmer. Sie zog sich ein paar recht bequeme Sachen an und setzte sich aufs Bett. Die Dose war zu ihrer Zufriedenheit voll mit diesen superleckeren Keksen mit Zuckerglasur. Sie aß ein paar und fühlte sich sogleich besser. Sie stellte die Dose zur Seite und kuschelte sich ein. Ihr fielen schon langsam die Augen zu, als sich leise Schritte näherten. Es klopfte an die Zimmertür.
„Ich hoffe ich stör dich nicht, aber ich dachte mir, dass du vielleicht eine heiße Milch mit Honig vertragen könntest. Darf ich reinkommen?“
Eine heiße Milch mit Honig? Wie zuvorkommend. Und vielleicht würde ihr das in ihrer Situation tatsächlich gut tun, Mut antrinken und so.
„Ja bitte.“
Tamara in einem hauchdünnen Nachthemd, trug die eigentlich jemals was Richtiges? Die Russin drückte ihr einen dampfenden Becher in die Hand und es roch gut.
„Abends wenn ich wach in meinem Bett liege und mit offenem Fenster schlafe höre ich oft diese unheimlichen Laute und Geräusche im Wald. Fremdartige Vogellaute, schrilles Kreischen und manchmal ein merkwürdiges Brüllen. Dann stehe ich immer auf und mache mir unten eine heiße Schokolade oder Milch mit Honig, das hilft mir dann immer beim Einschlafen und träumen.“
Oder einfach das scheiß Fenster zumachen dachte sich Liz. Dieses blöde Fenster würde diese Nacht definitiv zu bleiben und hoffentlich stimmte es, dass diese Kreatur nur nachtaktiv war, morgen würde sie diesen unheimlichen Ort mit diesen unheimlichen Spinnern sofort verlassen und nie mehr zurückkommen! Wenn doch nur Kaz hier wäre, bei jemandem der aussah wie John Wick musste man sich einfach sicher fühlen und er schien kein schlechter Typ zu sein. Tamara ließ sie wieder alleine und sie schlürfte das heiße Getränk aus. Sie stellte den leeren Becher neben die Petroleumlampe auf den Nachttisch und stellte sicher dass Taschenlampe und Pistole noch an ihrem Platz waren. Dann drehte sie das Licht aus und legte sich hin. Das Fenster war zu, aber sie hörte dennoch die unheimlichen Laute der Nacht. Morgen nur schnell weg, dachte sie und schlief ein.

*

Ein gellender Schrei durchzuckte die Nacht und sie saß aufrecht im Bett. Es war ihr eigener Schrei gewesen. Sie war nassgeschwitzt und ihr Herz pochte wie wild. Sie hatte einen schlimmen Albtraum gehabt, gejagt von monströsen Kreaturen, die sie fangen und fressen wollte. Und immer wieder dieser Anblick, diese unheimlichen starren Augen, die sie direkt angesehen haben. Tamara stürzte mit einer heftig flackernden Kerze ins Zimmer, sie war ganz blass und warf ihr besorgte Blicke zu.
„Alles in Ordnung? Das war nur ein Albtraum, ich bin jetzt bei dir, du musst dich nicht mehr fürchten!“
Liz hyperventilierte und brauchte ihre volle Konzentration um sich wieder zu beruhigen. Tamara schloss die Tür und setzte sich zu ihr aufs Bett. Liz war so verängstigt und der Wald draußen schien zu toben. Schrilles Kreischen, gurgelnde Schreie und an irres Gelächter erinnernde Laute. Panisch bemerkte sie, dass das Fenster sperrangelweit offen war, Tamara folgte ihrem Blick. „Hast du das Fenster geöffnet? Oh nein, so schlimm ist das Geschrei eigentlich nie. Ich hoffe der Zaun hält. Leider haben wir keinen Strom für die Scheinwerfer, sonst könnten wir diese Biester besser abschrecken. Und verdammt, das Tor ist offen, wir sitzen wie auf dem Präsentierteller.“
Wenig ermunternde Worte, aber Tamara machte immerhin das Fenster zu. „Ähm, nenn mich kindisch, aber kannst du diese Nacht bei mir bleiben?“
Die schöne Russin lächelte etwas verschwörerisch und nickte, dann schlang sie die Wolldecke um ihre nackten Schultern.
„Das finde ich schön, dass du das so zu mir sagst. Weißt du ich mag dich, sehr sogar.“
Sie kam unkomfortabel näher und flüsterte.
„Soll ich dir ein Geheimnis erzählen?“
Ohne richtig zu wissen auf was sie sich einließ nickte sie zaghaft.
„Ich hab gelogen, als ich dir erzählt habe dass ich ein Model war, das hat sie mir nur erzählt als ich sie im Wald getroffen habe. Bevor ich sie verspeist habe.“ Fuck was ging denn hier ab?
„Ich habe sie beobachtet und studiert und dann habe ich zugeschlagen, als sie unvorsichtig waren. Sie haben mich im Wald gefunden, mich für diese Tamara gehalten und in ihr innerstes mitgenommen, sie haben mich gepflegt und gepäppelt, gefüttert und gehegt. Und ich habe einen Plan geschmiedet. Ich und meine arme Schwester, die noch da draußen ist. Dann bist du gekommen und ich habe so Lust dich zu fressen, nur heute Nacht habe ich mich schon genährt, also opfere ich dich meiner Schwester. Zusammen …“
Genug von dieser Scheiße. Plötzlich loderte Mut in ihr auf und ertränkte ihre Angst. Sie kickte das Ding von ihrem Bett und drehte sich um, um nach der versteckten Waffe zu greifen. Plötzlich wurde ihr kurz schwindelig und kostbare Sekunden verstrichen. Dann umgriff sie die Pistole, entsicherte und wirbelte herum. Im Schein der untergeschnallten Taschenlampe beleuchtet sie ein schreckliches Etwas und schrie vor Entsetzen aus. Eine Chimäre aus Spinne und Mensch mit ekelhaften starren Augen und sich vor Aufregung hektisch bewegenden Mundwerkzeugen. Sie zögerte nicht eine Sekunde und drückte ab, drei Schüsse in schneller Folge, auf Bauch und Brust des Monsters. Das Ding zuckte unter jeder Erschütterung zusammen und bläuliches Blut spritzte in Fontänen aus der Wunde. Dann kam ihr eine Idee und sie schleuderte die Öllampe auf das Monster und es ging schrille Schreie ausstoßend in Flammen auf. Liz brüllte und warf sich mit aller Kraft gegen das Ding und drängte es zum Fenster und hinaus in die Nacht. Das brennende Monster stürzte und krachte durch das Dach eines Schuppens. Schreie und Gurgelnde Laute hallten durch die Nacht, dann war da nur noch Stille. Für einen Moment jedenfalls, dann kam aus einiger Entfernung das laute kehlige Geschrei des Spinnenmonsters, es klang aufgebracht und wütend! Scheiße man, das war den Schilderungen dieser falschen Tamara ihre Schwester und die war jetzt bestimmt auf Rache aus. Es stellte sich heraus, hier war sie nicht sicher! Hektisch zog sie sich an und packte ihr Equipment ein. Den Rucksack ließ sie hier, der würde sie nur behindern. Sie pochte auf den Beutel mit den Leuchtraketen und dachte nach. Diese große Werkhalle war ganz schön hoch, da oben war sie sicher. Da führte bestimmt eine Feuerleiter hoch, hoffte sie jedenfalls. Und hoffentlich konnte dieses Ungeheuer wirklich nicht klettern. Sie machte die Stirnlampe an und wagte sich in den Flur. Das Schnarchen war nicht mehr zu hören und dieses Ding eben hatte gesagt es hätte schon gefressen. Ängstlich öffnete die Tür von diesem Xen Typen und erstarrte. Der Typ war in seinem Bett, seine Bauchdecke war aufgerissen und die Innereien hingen heraus, aber am schlimmsten war der Gestank. Ekel erfüllte sie und sie kotzte auf den Boden. Dann hörte sie wieder dieses Trippeln vieler kleiner Schritte und sie späte hinaus in den Flur. Dutzende ekelhafte spinnenähnliche Jungtiere näherten sich ihr rasch. Panik erfüllte sie, sie musste hier weg, die würden sie bei lebendigem Leib fressen! Hastig rannte sie zur Treppe und sprintete hinab, das Trappeln und Kreischen schien von überall herzukommen und wurde lauter. Scheiße, die Tür war verriegelt und es kostete sie wertvolle Sekunden den schweren Riegel zurückzuschieben. Etwas packte ihr Bein und angstvoll versuchte sie es abzuschütteln. Ein Miniatur Spinnenmonster wurde durch die Luft gekickt und prallte draußen auf den gepflasterten Boden. Panisch zog sie den Abzug ihrer Waffe und zerfetzte das Ding mit Kugeln. In einer Lache aus blauem Blut und Schleim blieb es reglos liegen. Aus einem Gefühl heraus wechselte sie das Magazin und rannte dann los ohne sich umzusehen. Ja dahinten war eine wacklig aussehende Leiter aufs Dach der großen Halle, aber der Aufgang war noch ziemlich weit weg. Sie hörte den kehligen Schrei dieses Mal lauter und naher und legte einen Zahn zu. Verfolgt von den Minimonstern und dem drohenden großen Monster hetzte sie über den Platz und ihr Herz klopfte bis zum Anschlag. Da sie erreichte die Leiter und kletterte hoch, aus den Augenwinkeln sah sie wie das große Spinnenmonster dahinten durch das Tor galoppierte, direkt auf sie zu. Panisch und voller Angst rannte sie die Treppenstufen hoch, immer höher und höher. Unten krachte das Monster gegen die Leiter und sie wurde fast von den Füßen gerissen. Sie rappelte sich auf und rannte den restlichen Weg hoch bis aufs Dach und rannte weiter. Ein paar Meter vor der Ecke hielt sie an und drehte sich ängstlich um, die Spinnenmonster waren ihr nicht nach oben gefolgt, so weit so gut. Sie kramte nach der Leuchtpistole und ließ sie in ihrer Panik beinahe fallen, dann rekte sie ihren Arm in den Himmel und schoss. Kreischend schoss das Projektil nach oben und hinterließ einen roten Leuchtschweif. Sie feuerte bestimmte drei vier Projektile ab und dann war sie dazu verdammt angstvoll zu warten. Unten auf dem Platz saß das Spinnenmonster und sah zu ihr hoch, beinahe schon geduldig. Aber sie musste nicht lange warten. Ein paar Minuten hörte sie in der Ferne einen lauten wuchtigen Motor, ein hoffentlich schwerer Wagen näherte sich der Fabrik mit hoher Geschwindigkeit. Dann sah sie den Lichtkegel und ein wahres Monster von einem Geländewagen, groß schwarz und bullig rauschte durch das Tor und rammte das Monster volle Kanne, so sehr dass es kreischend durch die Luft flog und in eine Wand krachte. Der Wagen setzte zurück und ein Geschützturm auf dem Dach deckte das Monster mit Schüssen ein. Bewaffnete Soldaten sprangen aus dem Wagen und eröffneten das Feuer mit Sturmgewehren und einer von denen hatte einen Raketenwerfer dabei. Das Monster schrie unter Schmerzen und versuchte sich in Sicherheit zu bringen, aber am Ende lag es aus unzähligen Wunden blutendend da und hauchte sein Leben aus. Die Soldaten und der Geschützturm stellten das Feuer ein und Stille erfüllte die Nacht. Doch dann zuckte das Monster und kreischte auf. Todesmutig rannte einer der Soldaten los, kletterte auf das Monster und blies ihr mit einer mächtigen Shotgun ein dickes Loch in den Kopf, sofort erschlaffte die Kreatur und war besiegt. Liz war die erste die Aufsprang und laut jubelte. Die Soldaten sahen zu ihr hoch und stimmten in den Sieggesang ein. Sie kletterte mit wackligen Beinen die Feuerleiter hinab und rannte geradewegs auf Kaz zu. Ihr Retter, er hatte das Signal gesehen und war zu ihrer Rettung gekommen. Sie umarmte ihn überschwänglich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Du bist gekommen, du hast mich vor dem Monster gerettet.“
„Aber sicher doch, ich konnte doch nicht zulassen dass dir ein Haar gekrümmt wird.“
Er schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln und sie hatte da plötzlich so ein wohliges Gefühl im Bauch. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihrem Retter auf den Mund. Dann tat er etwas wahrlich Unerklärliches. Er trat breit grinsend einen Schritt zurück und fing an zu singen.
„Happy Birthday to you, happy Birthday to you, happy Birthday dear Elisabeth, happy birthday to you.”
Die anderen Soldaten stimmten in das Ständchen mit ein und kamen näher. „Ich hoffe du verzeihst uns diesen kleinen Spaß mit der Show, die wir hier extra für dich inszeniert haben.“
Sie starrte ihn völlig ungläubig an.
„Das war alles nur gespielt und mit Tricks?“
„Japp alles Fake, es gibt keine Monster. Du, drüben in der Halle haben wir schon alles für die Party nachher aufgebaut und vielleicht willst du nochmal duschen und dich kurz schlafen legen.“
Unsicher nickend folgte ihm in Ungewisse. Sie zitterte immer noch am ganzen Körper. Das Monster hatte so realistisch ausgesehen, wie hatten sie das nur gemacht. Neugier überkam sie und sie betrat die riesige Halle. Beinahe geschockt blieb sie auf der Schwelle stehen, sie konnte nicht glauben was sie da sah.

Ende

Ein Gedanke zu „Kurzgeschichte Nr. III“

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