Kurzgeschichte Nr. 6

Viele fanden ja den Vater aus meiner aktuellen Schreibetüde richtig zum Kotzen und wie den miesesten Drecksack. Stimmt schon. Also hab ich mich nochmal ans Werk gemacht und eine kleine Geschichte geschrieben. Mit den selben Stichworten, aber etwa doppelt so lang.

Wackelpudding

„Ich will nicht! Hilfe, nein, ich will das nicht! Bitte Papa, ich mach alles wieder gut!“
Lucys Augen füllten sich rasch mit Tränen. Joschi starb innerlich tausend Tode und er rang um seine Worte.
„Ich weiß, dass du alles wieder gut machst, ich glaube an dich.“
Die unverdrossene Fröhlichkeit in seiner Stimme war falsch und einfach nur zum kotzen und wahrscheinlich wurde alles nur noch schlimmer. Einer der Pfleger machte einen Schritt vorwärts und er sah die aufsteigende Panik in den Augen seiner Tochter.
„Bitte Papa, BITTE, ich will nicht weg, ich hab das doch nicht so gemeint!“
Sie schüttelte sich vor angstvollen Tränen und er zerbrach innerlich. Er beugte sich vor und umarmte seine einzige Tochter ganz fest, beinahe erdrückte er sie voller väterlicher Liebe und Zuneigung. Er spürte, wie sie bebte und zitterte und ihm wurde flau. Er wollte nicht, dass sie ging. Er wollte, dass er bei ihr sein konnte. Aber es ging nicht.
   Jelena, die Leiterin der Einrichtung, die er selbst mit ins Leben gerufen hatte, hatte wohlmeinend und beharrlich stundenlang auf ihn eingeredet. Sie und ein halbes Dutzend Ärzte und Psychologen, die er von früher kannte. Seine Tochter war bipolar, so wie ihre Mutter, so wie er selbst.
   Scheiße, sie konnte doch nichts dafür, er war an allem Schuld. Er hatte ihr diesem Mist vererbt. Wie hätte sie es denn wissen sollen, wenn er ihr es verschwieg, in dem verzweifelten Versuch sie zu schützen, nur um es nur noch viel schlimmer für sie zu machen. Tränen liefen über seine Wangen und es schüttelte ihn vor heftiger Schluchzer.
„Es ist nicht für lange und ich besuche dich jeden einzelnen Tag. Alles wird wieder gut, ich verspreche es dir.“
Er zweifelte nicht an seinen Worten, aber es klang schwach und wenig überzeugend. Er sah die  Enttäuschung in ihren Augen. Enttäuschung und panische Angst.
„Ich bringe dir jeden Tag eine große Schale mit selbstgemachtem Wackelpudding mit, versprochen.“
Sie lächelte flüchtig. Die Pfleger rissen seine Tochter auf einmal richtig ungehobelt und grob aus seinen Armen und zogen sie in Richtung Tür. Nein, lasst sie hier, sie hat doch gar nichts Schlimmes gemacht! Wollte er schreien, aber seine Stimme versagte. Ihre großen vor Angst geweiteten Augen waren das letzte, was er von ihr sah, als sich die Tür schloss.
   Der Teppich knisterte leicht, als er heftig schluchzend und bebend darauf zusammenbrach und sich zu einer verheulten kraftlosen Kugel zusammenkauerte.
   Warum hatte er nichts gemacht? Warum hatte er seine Tochter nicht beschützt. Er hatte diese beschissene Krankheit, er wusste wie die Symptome aussahen. Er hatte sich vor der Wahrheit verschlossen. Jetzt zahlte seine Tochter den Preis für seine Unfähigkeit. Er war wohl der mit Abstand beschissenste Vater der Welt. Er weinte, bis er keine Tränen mehr hatte und rappelte sich mühsam in eine aufrechte Sitzposition. Jetzt war die große Wohnung tot und leblos und leer. Er fühlte sich unendlich kraftlos, als hätte ihm jemand die Lebensenergie geraubt und ihm eine reingehauen.
   Er setzte sich auf den Po und seufzte schwer. Er hörte das leise Tapsen von Pfoten und sein Kater Luzifer schmiegte sich an ihn und miaute aufmunternd. Er lächelte und es gelang ihm sich aufzurappeln. Schweren Schrittes schleppte er sich in die Küche und setzte sich auf einen Stuhl.
   Er würde es wiedergutmachen, alles würde wieder gut werden. Er öffnete eine Dose Red Bull und leerte sie im Stehen. Etwas wacher öffnete er den Kühlschrank und holte eine Schale frischer Waldfrüchte hervor.
„Ich mache dir den besten Wackelpudding der Welt Lucy, jeden einzelnen Tag!“
Sprach er laut in den Raum, riss sich zusammen, wischte sich die Tränen weg und machte sich ans Werk.

ENDE

3 Kommentare zu „Kurzgeschichte Nr. 6“

  1. Okay. Das, was ich über „bipolar“ weiß, ist verschwindend gering, das schicke ich gleich schon mal voraus, zusammen mit der Feststellung, dass ich mich hier rein über eine erfundene Figur auslasse.
    Kurz gesagt: Gut geschrieben (da kann man zwar noch einiges verbessern, aber es liest sich schon mal gut), sehr emotional – aber das heißt immer noch nicht, dass ich die Figur leiden kann.

    Da haben also ein bipolarer Mann und eine bipolare Frau ein Kind in die Welt gesetzt, obwohl sie wussten, dass es die Krankheit erbt (Internet sagt, man erbt eine Veranlagung, das müsse so früh nicht ausbrechen). Und jetzt macht er sich dafür fertig, dass das Kind leidet und wer-weiß-was angestellt hat und in eine Klinik muss, hält sich für den „beschissensten Vater der Welt“ und ersäuft in Selbstmitleid. Super. Extrem erwachsen, extrem verantwortungsbewusst. Jeden Tag ein Wackelpudding wird wie lange funktionieren? 4 Tage? 5? Bis ihm irgendwas ähnlich Geniales einfällt? (Hoffentlich, also für das Kind.)
    Hab ich verpasst, wo die Mutter ist?
    Immerhin scheint die Katze klarzukommen, die (natürlich) Luzifer!!! heißt.

    Wenn du das alles so mit Absicht konstruiert hast, Hut ab 😉
    Abendgrüße 😁✨🍷🍪👍

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    1. Das ist doch eine wesentlich positivere Feedback Meldung als bei der Etüde Montag ^^ Danke für das Lob über den Schreibstil, ich höre oft, dass ich ganz solide schreiben kann, jetzt müssen nur noch die erzählten Geschichten besser werden.

      Der Papa soll ein Arsch sein und einer der mit dem Schuldgefühl nicht umgehen kann und ich hab vergessen mit einzubauen, dass die Mutter tot ist (2 Tage nach der Geburt des Kindes an Entkräftigung). Die Hintergrundgeschichte kann man in „Joschis Abenteuern“ nachlesen, die ich regelmäßig veröffentliche (solange ich mit dem Schreiben hinterherkomme). Natürlich eine schlechte Ausrede, wenn man nachlesen muss, was die Geschichte selbst eigentlich liefern muss, weiß ich.

      Und wenn ich selbst eine schwarze Katze habe, würde ich sie Lucy oder Lucifer nennen, so wie ich einen Waran natürlich immer Karl nennen würde. Das hab ich einfach so eingebaut, der doofe Heulsusen-Papa ist nämlich mein Alter Ego 😉

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    2. Ich kenn mich mit Bipolar ganz gut aus und während starker depressiven oder manischen Episoden ist es für den patienten ratsam, sich in ein Krankenhaus einweisen zu lassen, wo er optimal betreut werden kann und dafür gesorgt wird, dass er die Medikamente in der richtigen Dosierung nimmt.
      In der Story wäre der Hintergrund also eher so, dass Lucy eine manische Episode hatte und was richtig dummes gemacht hat (zum Beispiel Morddrohungen an ihre Lehrer zu schreiben), aber Papa das nicht sofort geschnallt hat, aber da er jahrzehntelange Erfahrung mit der Krankheit selbst hat, weiß er natürlich, wie man am besten handeln muss, wenn akut mehrere Symptome der Krankheit stark ausgeprägt vorhanden sind, also ab ins Krankenhaus. Im Idealfall läuft das natürlich ganz entspannt und ohne Angstattacken und Tränen ab. Aber da gerade manische Patienten davon überzeugt sind, dass es ihnen gut geht und sie ganz gesund sind, kann es passieren, dass sie nicht kooperationsbereit sind, die Pfleger „sanft“ nachhelfen müssen und sie dann schonmal eine Woche oder länger in der geschlossenen Psychiatrie hocken müssen, bis sie wieder „normal“ genug sind um auf eine offene Station verlegt zu werden.
      Ich weiß nicht in welchem Alter die Krankheit bei Patienten normalerweise ausbricht, aber es kann gut sein, dass die Krankheit mit schwachen Symptomen jahrelang wütet, aber so, dass es die Eltern und Freunde nicht einordnen können. Zudem gibt es viele Varianten der Krankheit, die alle ganz unterschiedlich verlaufen. Aus rein dramaturgischen Gründen, bricht die Krankheit in der Story (bzw in „Joschis Abenteuer“) bei Lucy im Alter von 16 Jahren aus.

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