ABC-Etüden Schreibwochen – 3-4.22

Hier findet ihr die Details.

Die aktuellen Worte sind die:

Wackelpudding
unverdrossen
knistern.

Und ich hab mir was „munteres“ ausgedacht, auf den Punkt 300 Wörter 😉

Katastrophe

Weihnachtsmorgen, zwölf Uhr. Die Luft knisterte. Eigentlich, unter normalen Umständen, würde Joschi jetzt das tollste Weihnachts- und Geburtstagsfrühstück der Welt für seine Tochter Lucy zaubern und die Geschenke unter dem Baum verteilen. Diesmal nicht. Weihnachten fiel aus.
Missmutig öffnete er den Kühlschrank und holte die schwere, große Brotbackform mit dem festgewordenen Waldmeister Wackelpudding heraus. Seine Depri-Spezialmischung, weniger Wasser, dafür eine halbe Flasche Vodka. Die Mischung machte er oft, wenn es Zoff mit seiner bescheuerten Tochter gab. Nerdig unschuldiges Hoppelhäschen mit großen braunen Rehaugen, die aber den lieben langen Tag nur zickte und bockig war – heute wurde sie sechzehn.

Er stürzte den Pudding auf eine Platte und schnitt zwei große Stücke ab und servierte sie ihm und Luise Hofgärtner, Lucys Lehrerin für Physik und Schauspielerei und seit ein paar Tagen seine Freundin. Eine Freundschaft, die seine Tochter zwar angeleiert hatte, aber mächtig torpedierte, indem sie im Wahn ihrer Krankheit Luise übel beleidigt und bedroht hatte. Lucy zuliebe, hatte es Luise zum Glück nicht der Schulleitung gemeldet, die seine Tochter in hohem Bogen von der Schule geworfen hätte. Er schob sich einen Esslöffel voll Vodka-Wackelpudding in den Mund und verfluchte Lucys Mutter dafür, ihrer Tochter diese beschissene Psycho Krankheit vererbt zu haben.

Ein Anruf bei einer guten Freundin hatte genügt und noch am gestrigen Abend war seine Tochter von zwei Pflegern abgeholt und in eine Einrichtung für Menschen mit besonders schweren psychischen Krankheiten gebracht worden. Seine Tochter, die ihre Krankheit vehement und unverdrossen leugnete, hatte geschrien und getobt, auf die Pfleger und auf ihn eingeschlagen und am Ende gebrochen geheult, gefleht und gebettelt.

Luise sah auf und lächelte flüchtig.
„Sehr interessante Mischung, aber tut gut.“
„Danke.“
„Wie fühlst du dich?“
„Beschissen.“
Sie sah betreten auf ihren Teller. Dann streckte sie den Arm auf und ergriff seine Hand.
„Wir stehen das zusammen durch!“

21 Kommentare zu „ABC-Etüden Schreibwochen – 3-4.22“

  1. Wackelpudding mit Wodka werde ich mir merken, klingt sehr schräg. Den Vater könnte ich allerdings an die Wand klatschen, wie distanziert und abfällig er über seine Tochter und ihre Krankheit spricht. Und natürlich, da ist nur die Mutter dran schuld, logisch …
    Mir ist schon klar, dass deine Geschichte ein Ausschnitt einer größeren Sache ist und dass ich deinem Protagonisten höchstwahrscheinlich unrecht tue. Aber das ist die Kunst einer Kurzgeschichte, dass sie einen Anfang und ein Ende hat (auch wenn es offen ist), und dass man nachvollziehen kann, warum jemand so reagiert, wie er reagiert. Weil SO steht er am Ende als der komplette Heuchler da, dem ich nicht abnehme, dass er trauert, und ihr „Wir stehen das zusammen durch“ ist so kotzklischeeartig, dass mir schon fast schlecht wird.
    Und das müsste bestimmt nicht sein, das ist nur eine Frage DEINER Präsentation.
    Weiß nicht, ob du mir meinem Sermon was anfangen kannst oder überhaupt magst. Werds ja lesen. Nichts für ungut 😉
    Schönen Abend! 😀

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    1. Nehm ich dir nicht krum. Nicht jede Geschichte landet einen Treffer ^^

      Der Geschichte fehlen halt die 30-40 Seiten davor, welche die Figuren aufbauen und ihre Hintergründe beleuchten. Von daher mein Fail. Ist kein Material für ne Kurzgeschichte, jedenfalls nicht in der Art, wie ich sie in zehn Minuten in die Tastatur gerotzt habe 😉

      Dieser in der Kurzgeschichte beschriebene Moment markiert den ersten großen Tiefpunkt (des Buches) und der Vater wird mit Situationen konfrontiert, mit denen er nicht umgehen kann und verzweifelt einen Ausweg sucht. Eigentlich hat auch er die selbe Krankheit wie seine Tochter – also hat sie es von beiden Elternteilen – zeigt aber einen, laut seinen Ärzten, seit über zwanzig Jahren absolut vorbildlichen Umgang mit seiner Krankheit und kann einfach nicht verstehen und nachvollziehen, warum sich seine Tochter komplett querstellt, die Therapie torpediert und mit voller Bockigkeit von einer krankheitlich provozierten Katastrophe in die nächste rauscht. Katastrophen die zum Beispiel die Folge haben können, dass Töchterlein für immer in einer geschlossenen Psychiatrie landen könnte!

      Und die Liebesgeschichte zwischen der Lehrerin und dem Vater ist bewusst klischeehaft und kitschig, ich will auch mal doofe Liebesgeschichten schreiben, lass mich doch 😛

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      1. Mach doch, mach doch. 😀
        So was in der Art hab ich mir ja gedacht, irre lange Vorgeschichte und so. Du denk vielleicht beim nächsten Mal dran, dass dein*e geneigter Leser*in das alles auch (richtig) verstehen möchte, wenn er*sie die Vorgeschichte nicht kennt – denn sonst schmeißt er*sie das Buch in die Ecke bzw. klickt einfach weg. Merke: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler! 😀

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    2. Und nicht vergessen, ich schreib erst seit wenigen Jahren und hab noch nicht Jahrzehnte Erfahrung als Autor von Kurzgeschichten und Bücher! Da zeigen mir solche ehrlichen und sehr kritischen Meinungen – die ja auch gewollt sind – das man noch eine Menge zu lernen hat 😉

      Ich glaube du würdest eine Prima Testleserin für „Das Osiris Projekt“ abgeben, so schonungslose Kritik brauche ich unbedingt für mein erstes Buch, immerhin soll es ja auch gut werden und eine gute Leseerfahrung bieten! 🙂

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      1. Du brauchst dich gar nicht zu entschuldigen, ich würde mir die Mühe nicht machen, wenn da nicht was wäre, worauf ich anspringen würde – soll heißen, dass ich glaube, du willst was für dich reißen und dein Schreiben entwickeln (und nicht nur irgendwo mit Geschriebenem glänzen). Und DAS ist die Hauptsache. Ob wir/ich dann was für dich sind, wird sich rausstellen. Erst mal herzlich willkommen, hab ich ja schon gesagt.

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      2. Als junger Autor ist es einfach angenehm, wenn die Leser ganz klar sagen, was passt und was eben nicht.

        Ich hatte die letzten zwei Jahren ein Testleser-Problem. Mein erstes Buch hatte einen Testleser und der hat es nur zu 2/3 gelesen. Ich hab ja nicht viele Freunde und Bekannte, da wollte aber trotzdem keiner ran.

        Ich merk zwar dass die langen Happen nicht so was für alle sind, aber bei den kurzen Sachen bin ich offen für schnungslose Kritik 🙂

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  2. Ich mag deine Geschichte, nur das Ende hat mir zuviel Klischee. Mir hätte es gereicht, wenn sie ihm nur die Hand auf den Arm gelegt hätte. Ansonsten hätte ich gedacht, rotziger Vater, der seine Gefühle unter rotzigen Worten versteckt.
    Und, ähm, den Wackelpudding mit Vodka kenne ich auch. 😁

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    1. Ich habe bisher als Liebesgeschichten nur Twilight gelesen (bzw. verschlungen) und wollte nach der niederschmetternden Kurzgeschichte letzte Woche einfach mal was kitschiges schreiben. Und der Vater soll son Arsch sein, ich mag komplexe „böse“ Charaktere 😉

      Wackelpudding mit Vodka habe ich mir ausgedacht, vielleicht muss ich das mal ausprobieren wenn ich alleine bin ^^

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      1. Sei bloß vorsichtig mit dem Spezialwackelpudding, der kann verheerend sein. Ich berichte hier von einer Freundin. 😁
        Und wenn es bislang nur Twilight war, Glückwunsch, da hast du noch einige sehr schöne Bücher vor dir. Das erste mal Lesen ist immer das schönste. 😊

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    1. Mh Ansichtssache. Zum einen fehlen dreißig Seiten Kontext zum anderen ist auch das Töcherlein ein ziemliches Arschloch. Der Papa reagiert – nicht optimal, aber irgendwie muss er schließlich reagieren, kann ja nicht sein, dass ihm seine Tochter ewig auf der Nase herumtanzt ohne das es Konsequenzen gibt 😉

      Und der Papa hat btw. die gleiche Krankheit und weiß exakt wie man damit vorbildlich umzugehen hat, Töchterlein hingegen stellt sich quer und provoziert die Katastrophe bewusst, die ein paar Seiten zuvor eingetreten ist.

      Inwiefern feige? Wie soll er sonst reagieren?

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      1. Wie soll er sonst reagieren ? Na wie ein Mensch zB oder auch ein Vater, der seine Tochter liebt, schätzt, was weiß ich… Allenfalls nicht abschiebt, bloß weil er ungestört bumsen möchte.
        Daß der Vater krank ist, davon steht nichts im Text, also kann ich darauf keine Rücksicht nehmen, ich weiß es ja nicht – Auszüge aus Texten, welche ein größeres als das angebotene Wissen voraussetzen, führen unweigerlich zu Mißverständnissen, soviel ist klar… Du könntest natürlich eine Vorgeschichte erzählen, welche für das Verständnis wichtige Details enthält und nicht zum Text gehören soll. Ob das Sinn macht und dir die Arbeit wert ist, kannst nur du entscheiden: es ist deine Etüde.

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      2. Er schiebt sie ab um in Ruhe bumsen zu können … interessante Idee.

        Da ich ein bisschen Erfahrungen mit psychischen Krankheiten habe, kann ich sagen, dass es einem manchmal sehr schwer gemacht wird, jemanden zu „lieben“ wenn die kranke Person etwas wirklich abscheuliches gemacht hat oder vorhatte. Insofern kann man es durchaus für Liebe halten, wenn man dafür sorgt, dass der geliebte Mensch in eine Einrichtung kommt, wo er die entsprechende Versorgung bekommt die er bekommt.

        Die Vorgeschichte wir erzählt, so viel Mühe mache ich mir schon, immerhin bin ich (Hobby)Autor. Häppchenweise, hier ist die erste Episode: https://orderlycreativecreations.com/2022/01/14/kurzgeschichte-nr-vi/

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