Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 30

30. Jack – 3.W. Aug 2045 – Freitagabend

Was hatte sie eigentlich geritten, kurz vor Ambers und Akiras Geburtstagsparty nochmal diese scheißhohe Wand hochzuklettern? Über hundert Meter. Aber Yusuf führte sie und sie kamen gut voran. Und dann plötzlich ging alles schief. Yusufs Funkgerät schrillte und der Araber hielt an. Dabei lehnte er sich in das Geschirr und sah sich zu beiden Seiten um. Wie als ob er etwas suchen würde und er wirkte sehr angespannt.
„Fuck, Fuck, Fuck. FUCK!“
Das letzte Wort brüllte er in die Nacht.
„Kids, seilt euch ab ASAP! Los los los.“
Verunsichert ging es den Fels runter so schnell es ging. Auf halber Strecke hörten sie eine dumpfe gewaltige Explosion, die sie von hier aus nicht sehen konnten. Dann weitere Explosionen. Die vierte war noch mächtiger als die erste. Jetzt bekamen sie es echt mit der Angst zu tun und beeilten sich so schnell wie möglich von hier runterzukommen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis sie endlich festen Boden erreicht hatten.
„Vertraut ihr mir?“
Sie nickten
„Dann kommt mit!“
Sie ließen einen unordentlichen Haufen mit Klettergeschirr hinter sich liegen und rannten Yusuf hinterher. Zu seinem Truck. Was sollte das denn, damit sitzen wir wie auf einem Präsentierteller!
Yusuf verschwand für einen Moment im Inneren dann warf er Jack etwas zu. Ein AR-15 Gewehr, geladen! Und Pistolen für die Mädchen. Und dann drei kugelsichere Westen und Geschirre und ein paar Magazine. Und kurz darauf erschien Yusuf in einem schwarzen Tarnanzug mit einem Helm unterm Arm.
„Die Waffen sind für den Notfall. Jack du willst Soldat werden, also zögere nicht wenn du einen Clown siehst. Knall ihn ab! Wir bekommen in sechzig Sekunden Verstärkung. Ich bringe euch in Sicherheit, das habe ich eurem Vater versprochen.“
Sie zogen sich schnell an und stopften die Magazine in die Geschirre. Drei schwarze Geländewagen hielten mit quietschenden Reifen vor ihnen und die hinteren Türen des mittleren Wagens sprangen auf. Da stiegen sie ein und Yusuf winkte ihnen nach. Türen zu und los ging es. Sie preschten aus der schweren Pforte. Zu ihrer linken sahen sie in der Ferne dicke Rauchschwaden und Flammen. Sie fuhren ein paar Minuten. Dann passierte alles ganz schnell. Der Wagen vor ihnen wurde von einer Explosion zerfetzt und regelrecht in die Luft geschleudert. Ihr Fahrer ihres Wagens stoppte und wollte den Rückwärtsgang einlegen, da explodierte der Wagen hinter ihnen und ihr Wagen wurde von schräg rechts von Kugeln zersiebt. Jack stieß die Tür auf und zog die Mädchen aus dem Wagen. Verdammte scheiße, Akiras rechtes Bein blutete stark. Amber gab Feuerschutz und Jack schnallte sich die Waffe um und zog Akira hinter eine Häuserwand. Er untersuchte das Bein und vom Einschlagswinkel her sollten die Arterien und der Knochen unverletzt sein. Amber zitterte und wirkte gefasst. Akira weinte. Jack zeriss ihre Hose und legte ihr einen notdürftigen Druckverband an. Dann Half er ihr hoch und stützte sie, während er ihre Pistole nahm. Jetzt machte sich das Training mit Kaz bemerkbar. Sie humpelten zu einem nahen Wohnhaus und klingelten Sturm. Keiner regte sich. Amber verstand sofort und zischte davon. Keine fünf Minuten hörten sie ein Klicken und die Tür öffnete sich von innen. Sie schleppten Akira ins Wohnzimmer und aufs Sofa. Sie verlor viel Blut. Sie brauchte dringend Hilfe. Jack sah sich händeringend um. Das Licht war ausgeschaltet.
„Amber such‘ nach einem Erstehilfekasten. Schnell!“
Er legte die Pistole neben Akira und entsicherte das Gewehr. Er schlich in die Küche, schnappte sich ein Messer und verriegelte die Tür. Clowns näherten sich dem Haus. Er schoss aus dem Fenster und erwischte zwei von ihnen. Der Rest suchte Deckung hinter den parkenden Autos, sie schossen auf ihn und die Kugeln prasselten gegen die Wand. Ein paar Kugeln zischten durchs Fenster, aber die Wände – hoffentlich Beton – hielten stand. Einer der Clowns versteckte sich auf Höhe der Seitenfahrertür. Er hatte den besseren Winkel und schoss eine Salve ab. Die Scheibe auf der Fahrerseite zersprang und die panzerbrechenden Kugeln durchlöcherten die Beifahrertür. Er hörte einen erstickten Schrei gefolgt von einem Gurgeln. Getroffen Schweinehund. Fuck, er hatte gerade drei Menschenleben ausgelöscht!
   Er warf einen Blick ins Wohnzimmer wo Amber mit einem Erstehilfekasten über Akira kniete und ihr Bein verband.
„Die Kugel ist durchgegangen. Sie braucht einen Arzt!“
Wir brauchen nicht nur das. Er spähte aus dem Fenster und sprang zur Seite aus der Küche raus und er zog Amber und Akira vom und hinter das Sofa. Kurz darauf hörten sie ein Donnern als das RPG Geschoss durch das Küchenfenster geschossen kam und in die Betonwand krachte. Betonbrocken und Splitter schossen durch die Gegend und die Druckwelle zerstörte die Küche.
Er sah sich panisch um. Da, die Tür zur Terrasse. Nein sie saßen in der Falle, aber von der anderen Seite kamen die Clowns. Er hörte ihr Geschrei. Akira ich hoffe du kannst auch unter starken Schmerzen klettern. Er sah den Heizöltank im Garten. Und er hatte in der Küche ein Zippo gefunden.
Hoffentlich gingen keine Unschuldigen bei der Aktion Hops.
   Akira stand auf biss die Zähne zusammen und sprang unter Schmerzensschreien die Wand hoch und erreichte die Kante. Sie blieb oben sitzen und half Amber und ihm. Oben schoss er eine Salve in den Tank und warf das lodernde Feuerzeug in die sich schnell ausbreitende Lache aus Heizöl. Der entzündete sich fauchend und versperrte den Clowns den Weg. Er ließ sich über die andere Seite fallen.
   Akira heulte vor Schmerzen aber sie humpelte so schnell sie konnte, von ihm gestützt. Plötzlich quietschten Reifen hinter ihnen und schwere Geschosse donnerten hinter ihnen in den Gehweg. Sie warfen sich hinter die parkenden Autos. Das Wummern kam näher. Dann hörte er das Donnern eines schweren Diesels. Es krachte gewaltig und das schwere MG stoppte abrupt. Jack spähte hinter dem Auto hervor. Yusufs fahrender Schrotthaufen hatte den Wagen der Clowns mit seinem 50 Tonnen Kampfgewicht einfach überrollt. Der Truck hielt auf ihrer Höhe quietschend an und die Tür zum Wohnteil sprang auf und Yusuf eilte heraus und half ihnen Akira ins Innere zu heben. Sie fuhren los. Moment Mal, der Araber war doch bei Ihnen, war die Kiste auch autonom? Yusuf las seinen Blick und schüttelte nur den Kopf.
„Vorne sitzen Nadja und Igor in Kampfanzügen, wir bringen euch in Sicherheit.“
In dieser Rostlaube? Sie hörten wie irgendwas von unten gegen den Unterboden knallte, aber nichts passierte. Kugeln schlugen um sie ein, aber sie drangen nichts ins Innere. Das Innere!
Das war nicht der Innenraum des Trucks den er kannte. Alles war weiß und schwarz und die Wände waren voller Fächer und Schubladen. Der Araber besah sich das Bein und nickte zufrieden. Aus einem Fach zog er eine Blutkonserve und hängte Akira an den Tropf. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn und sie schluchzte heftig.
„Tapferes Mädchen. Die Wunde wird schon wieder und es wird höchstwahrscheinlich keine Schäden geben.“
„Wie sieht es mit euch aus? Seid ihr verletzt?“
Die Stimme war von Nadja und kam durch den Kriechgang über dem Motorraum.
Amber und er tasteten alles ab, aber nein kein Blut, keine Schrappnelle.
„Nein, wir sind in Ordnung.“
„Wunderbar, nicht dass ich gleich meine erste Klasse verliere.“
„Nicht so laut. Noch haben wir es nicht geschafft. Und diese Mühle ist lahm wie Sau.“
„Aber das ist ein Theta, die brauchen schon was Größeres als ein RPG um hier reinzukommen! Wie geht es Akira. Als wir die Explosion hörten, haben wir gleich den Truck fertig gemacht, den hätten wir gleich nehmen sollen. Dem macht eine IED nichts. Verdammt, hoffentlich saß da niemand drin den ich kannte. Verdammte scheiße. Diese Schweine haben eine A380 mit Passagieren in den Horizon Tower auf der anderen Seite vom Fluss gejagt. Da sind hunderte bei gestorben, vielleicht sogar tausende. Aber die haben schnell geschaltet und die Brücken hochgezogen und alles dicht gemacht. Und ihre Flotte an Gunships in die Luft geschickt.“
Verdammt warum redete die immer so viel. Er hielt Akiras eine Hand, Amber ihre Andere. Auf einem Bildschirm sahen sie das Gelände von Horizon. Das Krankenhaus und der Turm im oberen Drittel standen in Flammen.
„Wurde die Schule angegriffen?“
„Anzunehmen, aber wir sind gut vorbereitet. Wir haben ein Verteidigungssystem gegen Raketen und die Außenwände sind Meterdick und durch die Schleusen kommt keiner rein.“
„Warum sind wir nicht geblieben?“
„Weil es bei eurem Onkel noch sicherer ist. Das ist eine echte Festung und gut bewacht.“
„Wissen wir. Was wisst ihr über die Festung.“
„Sorry, das liegt über meiner Gehaltsgrenze. Das kann ich dir nicht beantworten.“
„Wo müssen wir hin?“
„Lieferanteneingang und dann links.“
„Geht klar. Für einen fetten Mülleimer ist die Kiste ganz schön fix. Ich bin bei 75 km/h. Kids wir sind in kürze da. Bitte halt durch Akira.“
Akira hatte die Augen geschlossen und stöhnte. Jack drückte ihre Hand fest.
„Nadja, du warst doch Sanitäterin, kannst du sie flicken?“
„ja na klar, Moment.“
keine Minute später kniete sie über Beinwunde und begutachtete sie.
„Du hast verdammt viel Glück gehabt Mädchen. Ich kümmere mich um dein Bein also sei bitte ganz Tapfer.“
Es war kurz und schmerzhaft und Akira schluchzte vor Schmerzen. Dann saß der Verband ganz fest und Nadja beugte sich vor um Akira sanft an der Schulter zu schütteln.
„Du hast es überstanden. Du solltest aber nochmal geröntgt werden, wenn der Trubel hier vorbei ist. Du hast dich gut geschlagen. Bei meiner ersten Schusswunde habe ich stärker geheult als du.“
Nadja zwinkerte ihnen zu, Dann setzte sie wieder den Helm auf und kroch ins Führerhaus.
„Shit, siehst du den Leopard 2, was will der den.“
„Er nickt mit dem Kanonenrohr, ich denke das heißt wir können weiterfahren.“
„Hoffen wir es.“
Ein Leopard 2 Panzer? Die waren doch gar nicht mehr im Dienst. Er sah durch den Kriechgang nach vorne und nach draußen. Stimmt. Leopard 2 A6. Nicht mehr wirklich taufrisch. Pechschwarz und das Symbol der Geister prangte seitlich am Turm, oha.
   Sie passierten den Kampfpanzer und näherten sich dem Haus. Alles war Dunkel und kein Licht brannte. Der Truck fuhr in den Liefereingang hinab und nach links durch ein schweres Rolltor. In der dunklen Halle blieben sie stehen und alle stiegen aus. Yusuf klappte eine Trage aus und sie betteten Akira da drauf und brachten sie durch ein Gewirr von schlecht beleuchteten Gängen zu einem Fahrstuhl und fuhren in den dritten Stock. Woher kannten sich Nadja und Igor hier eigentlich so gut aus? Hier waren nirgends sichtbare Schilder und sie hatten sich nicht einmal verlaufen.
Vor der Haustür erwarten sie das Personal, Lien und Suzi mit Kampfmessern und Pistolen und Benj mit einer Shotgun. Alle hatten Schutzsichere Westen um. Ihre Eskorte verließ sie und Sie wurden reingelassen. Die Fenster waren Schwarz und Blickdicht und es brannte Licht. Zitternd ließen sich die drei auf dem Sofa nieder, beziehungsweise Akira lag auf einem, und sie legten die Waffen nieder. Yusuf tigerte unruhig umher. Amber schaltete den Fernseher ein und einer der großen Sender brachte eine Eimeldung.
„Uns erreichen Berichte nach denen Adrian Drosser und Miranda Klee, die Tochter des Oberbürgermeisters brutal von dem Mörder hingerichtet wurde, der die Republik zuletzt im April in Angst und Schrecken versetzt hat. Man nennt ihn Dagger …“
Amber schaltete um, und schaltete und schaltete, aber kein Sender berichtete auch nur im Entferntesten von den massiven Explosionen bei Horizon. Dann blieb sie wieder beim ersten Sender hängen.
„ … ein großes Drama für unsere Stadt, nach dem versuchten Mord an Adrian Drosser durch Ryan Solomon und … heh, wir sind auf Sendung das dürfen sie nicht!“
Die beiden Nachrichtensprecher wichen zurück als zwei vermummte Männer in schwarzen Kampfanzügen mit HK416 Sturmgewehren die beiden Nachrichtensprecher zurückscheuchten. Gefolgt von einem Mann über sechzig der Ähnlichkeiten mit Manfred Bluhm hatte. Dieser Legte einen Stapel mit Papieren und einem Laptop auf den Tisch und winkte in die Kamera.
„Test test? Haha, es funktioniert. Entschuldigen sie das dramatische Eingreifen, aber wie soll man euch sonst daran hindern diese Grütze zu senden. Und wenn ihr auf die Polizei wartet … die haben gerade besseres zu tun. Aber kurz zu mir. Die wenigsten dürften mich kennen, ich bin Wilhelm Bluhm. Ehemaliger KSK Befehlshaber und Gründer und Anführer der KSK Gruppe „die schwarzen Wölfe“, einer der besten Militärspezialeinheiten der Welt. Bis zu meiner Verletzung. Seitdem führe ich einen gut laufenden Sicherheitsdienst hier in Berlin und mein kleiner Bruder führt die Wölfe seither. Aber genug Geschwätz. Wir wollen euch ein paar Fakten nennen. Soeben haben unsere Junior Clowns versucht die Familie Solomon auszulöschen. Ist ihnen nicht ganz gelungen und die Überlebenden sind in Sicherheit und ich werde ihre Positionen ganz sicher nicht verlauten solange diese Clown Psychopaten und korrupten Cops draußen herumlaufen. Und jetzt schalten wir mehr oder weniger Live zu den Angriffen der Clown, während ich meine Brille suche.“
Fuck, meinte er damit dass Mama tot war? Ihm wurde kalt. Akira neben ihm auf dem anderen Sofa brach in Tränen aus. Amber drückte fest seine Hand. Und wo zum Geier waren Kaz und Anna hin? Hoffentlich ging es ihnen gut.
   Sein Herz verkrampfte sich als er die Fernsehbilder sah. Das war das Gelände von Horizon.
Irgendwas war in den riesigen Turm gekracht und Feuer loderte aus einem riesigen Loch gefolgten von dicken schwarzen Rauchwolken, wie bei Nine-Eleven vor fast fünfzig Jahren. Das Krankenhaus war schwer getroffen worden und brannte Lichterloh. Auf Dem Vorplatz tummelten sich eine Menge Gestalten die zu jubeln schienen. Dazu eine Menge Trucks.
   Das Pförtnerhaus war nur noch Asche. Und dann diese grausamen Bilder. Ein riesiger Airbus A380 im Tiefflug flog auf den Horizon Turm zu und krachte in das untere Drittel und Explodierte in einer heftigen Explosion. Die Clowns unten am Tor jubelten und zogen ab als, der Turm krachte und sich langsam neigte. Wie verdammt viele Menschen sind dabei umgekommen. Es war erst früher Abend an einem Freitag, das waren bestimmt viele noch ihren Büros. Und die Flieger waren sicherlich auch nicht gerade leer.
   Der Turm stürzte und eine gewaltige Staubwolke türmte sich auf. Die Qualmwolken türmten sich hoch in die Nacht hinein und überall loderten Brandherde.
„Seht ihr das verdammt nochmal? Das Werk der Clowns. Wollte ihr diese Bastarde immer noch decken. Ihr Clowns da draußen, wir haben da mal was vorbereitet für euch.“
Ein Countdown mit zehn Minuten lief über das Bild, als sich die Tür hier bei ihnen öffnete und zwei Gestalten in Anzügen hereinstolperten. Der eine war definitiv Kaz und die andere Gestalt war eine Frau, dass musste Anna sein. Lien nahm das Scharfschützengewehr in die Arme und legte es zur Seite während die Frau den Helm abnahm. Genau es war Anna und ihr liefen Tränen über das Gesicht. Kaz war über und über mit Blut besudelt. Er nahm den Helm ab und auch er stand unter Schock und weinte.
„DAD, MUM!“
Amber sprang auf und umarmte die beiden.
„Papa ist das dein Blut?“
„Nein, das von Papa und das der 10 Clowns und von Adrian Drosser.“
Wie Kaz das so einfach sagte. Moment Mal, tote Clowns und die Nachrichten sprachen von dem Mörder Dagger. Seine Augen weiteten sich vor Angst. Kaz war Dagger? Dieser kranke psychopatische Massenmörder der seine Opfer sadistisch quälte. Er griff nach einer Pistole und zielte mit heftig zitternder Hand auf Dagger.
„Jack was machst du da, ich bin‘s Kaz, dein Onkel. Nimm die Waffe runter!“
„Du bist ein sadistischer Mörder und du bist ein Geist.“
Kaz wirkte sehr resigniert.
„Ich gebe zu dass das stimmt. Aber ich töte keine Unschuldigen. Meine Opfer haben den grausamen Tod durch und durch verdient.“
Akira war kalkweiß geworden und griff auch nach einer Pistole. Amber wich angstvoll vor ihrem Vater zurück, während sich Anna schützend vor Kaz stellte. Benj, Suzi und Lien standen da und wirkten fast gelassen. Was war hier los?
„Kinder, das ist die Stunde der Geister. Das ist unser Moment. Und es ist pure Tragik, dass meine Eltern und dein Vater und deine Mutter zu den Opfern der Clowns gehört haben mussten.
Mein Vater ist in meinen Armen gestorben. Ich war zu spät verdammt nochmal. Wir … ich war nachlässig und die vier mussten mit dem Tod bezahlen. Die Welt ist verdammt grausam.
Es tut mir so leid, aber bitte nehmt die Waffen runter.“
„Und das Training im April? Du willst uns zu kaltblütigen Killern machen!“
„Wollt ihr das nicht? Gerechtigkeit in die eigene Hand nehmen? Die Toten rächen? Die Clowns dafür büßen lassen, was sie euch angetan haben. Sagt nicht, ihr hättet nicht davon geträumt grausame Rache an den Clowns zu nehmen.“
Amber und Akira wirkten beschämt. Verdammt es stimmte leider was Dagger da sagte. Die Welt war scheiße und ungerecht. Und er wollte Clowns und andere böse Jungs töten. Und es hatte sich verdammt gut angefühlt diese Clowns zu erschießen. Aber er war kein Sadist.
„Du bist ein Sadist!“
„Man kann sich leider nicht alles aussuchen was man ist. Ich habe meine Vorlieben gut unter Kontrolle und finde Ventile dafür. Dagegen gibt’s leider keine Pillen.“
Dagger lachte trocken.
„Und die drei da, wer sind die?“
„Wir sind Geister, sie sind Geister, bald seid ihr Geister. Teil der Familie. Die Geister sind um euch herum wohin ihr auch seht.“
Das war echt unheimlich. Aber leider klang es auch cool.
„Wie viele von euch gibt es?“
„Ich bin inaktiv, ich kann dir keine genaue Zahl sagen. Aber wir sind keine sehr große Organisation, weil nur die besten der besten uns beitreten.“
Die besten der besten, huh. Dazu gehörten sie drei doch gar nicht.
„Wir sind alles was von der Familie Solomon übrig geblieben ist. Wir gehören jetzt zusammen, wir fünf. Wir sind wie ein Rudel Wölfe. Das ist übrigens Mama Wolf.“
Dagger stupste Anna an, die verlegen lächelte und sich die Tränen wegwischte.
„Bekommen wir dann alle Codenamen wenn wir bei den Geistern sind.“
„Japp und wo wir schon dabei sind: Ich bin Dagger, Anna ist Quiet, Benj ist Ape, Suzi ist Dash und Lien ist Needle. Und Alpha ist Maras Vater.“
Allein .. zu dritt unter Geistern. Und Wolfgang war ein Geist, dann waren die schwarzen Wölfe bestimmt auch alle Geister. Oh man.
„Wer ist der Anführer?“
„Wir kennen seinen Codenamen, aber wir wissen nicht wer er ist: Das Auge. Er sieht alles und er weiß alles. Zumindest ab und zu.“
„Wenn er alles sieht, wie konnte er das alles nicht vorhersehen.“
„Weißt du, die Welt ist unfassbar komplex und es gibt unvorstellbar viele Varianten für jedes Ereignis. Da kann man nicht alles Wissen, aber Wolf wusste, dass heute etwas Großes passieren würde. Auch wenn ich nicht mit diesem Ausmaß gerechnet habe, aber ich war nicht eingeweiht. Ich hab versucht meine Familie zu retten aber trotz meiner Mittel habe ich versagt. Es tut mir so leid verdammt nochmal.“
Jetzt kamen Jack wieder die Tränen und er legte die Pistole auf dem Tisch ab. Akira folgte ihm und sie umarmten Kaz und Anna, Amber schloss sich ihnen an. Jetzt waren sie nur noch zu fünft. Aber sie waren nicht so wehrlos wie seine alte Familie. Er würde ein Geist werden. Sie lösten sich wieder und Die Angestellten nickten ihnen freundlich zu. Lien verschwand in die Küche während Kaz oder Dagger und Anna ins Schlafzimmer gingen, um sich umzuziehen. Kurz darauf erschienen sie wieder in bequemen Sachen. Zu fünft quetschten sie sich auf das Sofa und sie schlangen trotz der Wärme Decken um sich.
„Du bist ja verletzt Akira! Hat es dich schlimm erwischt?“
„Nein geht schon, auch wenn es ganz gut wehtut.“
„Du armes Mädchen, ich hoffe es tut nicht zu weh, wenn wir hier sitzen?“
„Nein ich bin ok.“
Der Timer auf dem Fernseher erreichte Null und er verschwand. Dafür flackerte der weiße Schädel der Geister über den Bildschirm und Verschwand wieder.
„Deutschland“
Videoschnipsel von Clownangriffen flackerten über den Bildschirm. Ein paar erkannte Jack wieder und bei ein paar musste er ins Bad rennen um sich zu übergeben. Seine und Ryans Prügelei mit den Clowns, Das Massaker auf Mara und Helena. Die Hinrichtung ihrer Eltern und Großeltern. Dann andere Bilder. Autobomben, Molotows in Kinderwägen oder auf Personen, Messerstechereien, IEDs, Schießereien, Autounfälle. Die Szenen verliefen jetzt Parallel in kleinen Kästchen und eine Zahl zählte rasend schnell hoch und stoppte bei 3785 Toten. In Deutschland allein. Durch die Clowns.
Einfach nur Krank. Das wusste er nicht, dass es so viele waren.
„Ihr habt nichts gemacht. Ihr habt sie gedeckt. Heute ist Zahltag.“
Ein Video ohne Ton wurde eingeblendet. Ein Militärbriefing. An der Wand hing die amerikanische Flagge und die Flagge der Geister. Dann weitere Einblendungen. Die Situation war dieselbe. Briefings von Militärs in verschiedenen Umgebungen. In Zelten, In Schiffen, In Gebäuden. Aber alle teilten die gleiche Botschaft. Die Clowns waren zu weit gegangen. Er sah mehr Landesflaggen als er kannte. Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Schweiz, Österreich, Polen, Russland, China, Japan, Indien, Israel, Afghanistan, Iran, Ägypten und so weiter.
   Ein Schnitt zu einer Reihe von Schnipseln, der Vorbereitung. Panzer wurden bemannt, Soldaten checkten ihr Equipment, Soldaten in schwarzen Uniformen rannten zu startenden Transportflugzeugen und Helikoptern, Cockpitsichten aus Kampfjets auf Flugplätzen und auf dem Deck von Flugzeugträgern. Und dann ging es los. Schwärme von Helikoptern donnerten durch die Luft, er sah Staffeln Blackhawks und Ospreys mit Geleitschutz von russischen Mil Mi-43 Gunships.
Staffeln von Jets und strategischen Bombern. Bodenkampfflugzeuge. Kolonnen von Panzern und Schützenpanzern mit langen Ketten von LKWs und gepanzerten Fahrzeugen hinter sich her.
Dann Schwärze.
„Heute werdet ihr bezahlen! We make you pay tonight!“
Und ein Ziel ploppte auf. Es sah aus wie die Hochburg der Clowns. Eine alte umgebaute Fabrik alleinstehend in einer weiten Fläche. Drohnen zeigten Nahaufnahmen. Massenweise Clowns mit Waffen. Werkstätten wo Fahrzeuge mit Waffen bestückt wurden, laute Musik dröhnte aus Boxen und er sah ein paar Clowns Feiern. Dann Schwärze.
   Jack kochte vor Wut, ihr verdammten Schweine. Jetzt waren Drohnenbilder zu sehen. War das Konserve oder Live? Die Hochburg aus ein paar Kilometern Entfernung. Die Musik war immer noch vernehmbar. Dann schoss etwas über den Himmel auf die Burg zu und ein Lichtblitz blendete sie alle und ging in eine gewaltige Explosion über, welche die Festung der Clowns völlig zerfetzte. Das Donnern der Explosion war unglaublich laut.
   Es wurde wieder ins Studio geschnitten, wo Wilhelm mit einer Lesebrille halb auf der Nase eine Pfeife schmauchte.
„Da habt ihr es, ihr Clowns, ihr habt euch mit den falschen angelegt. Ihr wollt das Militär zermürben. Aber das sind harte Kerle und Frauen. Wir geben nicht locker und es hat uns gereicht, dass unsere Verwandten von euch abgeschlachtet werden. Wir befinden uns in der wahrscheinlich größten internationalen Militär Aktion überhaupt. Wir werden zentrale Knoten besetzen und korrupte Schweine davon abhalten, uns stoppen zu wollen. Heute Nacht bezahlen die Clowns für ihren Terror. Ihr hört von uns. Zumindest wenn die Flaschen sich trauen, wieder auf Sendung zu gehen. Wir machen uns jetzt vom Acker bevor die GSG9 hier auftaucht. Ich wünsche euch noch eine angenehme Nacht.“
Der Bildschirm wurde dunkel und sie blieben angespannt sitzen.
„Wie fühlt ihr euch? Ihr drei?“
„Ungewöhnlich gut für jemanden, die gerade ihren Vater verloren hat. Du Jack?“
„Ich glaube nach Ryan ist mein Sensor für Verlust im Arsch.“
„Sorry für euch beiden, aber ich vermisse meine Großeltern.“
Dagger nahm Amber sanft in den Arm und drückte sie. Mörder hin oder her, er war irgendwie auch empathisch und wirkte jetzt total normal. Hieß das er war kein Psychopat oder spielte er seine Rolle nur so gut? Anna stand auf.
„Habt ihr Hunger? Wir haben Kuchen, Kaffee und Kakao in der Küche. Lien bereitet gerade alles vor. Es ist mit dem Verlust zwar nicht so schön, aber wir haben zwei Geburtstagskinder. Herzlichen Glückwunsch nachträglich ihr beiden tollen Mädchen.“
Kuchen wenn die Welt untergeht? Er war dabei. Er sah in die Runde und sah zustimmende Gesichter.
Minuten später hatten sie sich auf die drei Sofas verteilt und aßen eine richtig leckere Torte und tranken tollen Kakao.
„Für dich Akira hab ich etwas ganz besonderes. Es wurde heute früh geliefert. Dein neuer Spezialanzug und du bist jetzt offiziell im Training bei den Geistern. Dein Name ist Diamond Snake.
Das Paket steht sicher im Keller, das hole ich morgen hoch. Auch wenn du es erst richtig testen kannst, wenn dein Bein verheilt ist. Und Liz hat dir ein Riesenpaket geschnürt und ich fürchte wir alle wissen, was da drin ist.“
Er holte ein nicht kleines Paket und drückte es Akira in die Hand die es sogleich aufriss.
„Verdammt das sind alles Perücken. Das ist aber mehr als die eine, die sie mir im April versprochen hatte.“
Akira stellte das Paket vor sich auf den Boden und nahm eine der Schachteln heraus und verschwand damit kurz humpelnd im Bad. Kurz darauf kam sie mit einer tollen langen Haarmähne in ihren typischen Regenbogenfarben heraus.
„Das ist ja der Wahnsinn. Auf Liz.“
Sie hob ihren Becher und tranken.
„Für dich Amber haben wir lange überlegt, aber weil du so tierlieb bist, möchten wir dir eine Katze schenken.“
„Einen Panther?“
Amber strahlte und Dagger und Anna sahen sich an.
„Puh, das wird knifflig, aber wir probieren es.“
Amber sprang auf ohne etwas umzuwerfen und umarmte ihre neuen Eltern überschwänglich.
„Ok, ich würde vorschlagen wie schlafen alle in dem großen Bett dort, dann sind wir bei euch, wenn ihr Albträume habt. Habt ihr was dagegen.“
Sie schüttelten den Kopf. Dann aßen die Torte auf und tranken aus und dann der Reihe nach ab ins Bad. Yusuf hatte sie schweigend beobachtet und zog sich aus der Wohnung zurück. Ein Bad war doch echt doof zu fünft. Sie kuschelten sich zu fünft in ihren Schlafoutfits ins Bett und Anna warf die riesige Pelzdecke über sie. Von links nach rechts Kaz, Amber, er, Akira und Anna.
Dick eingemummelt schliefen sie trotz des harten Verlusts schnell ein und schliefen seltsam traumlos und gut und tief.

ENDE Teil 1

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 29

29. Kaz – 20. August 2045 – Freitagabend – Die Stunde der Geister

„Großer wir sind schon spät, zieh dich mal an sonst verpassen wir die Feier!“
Schlagartig wurde er wach. Er war mit einem Katalog auf der Brust eingenickt. Mit diesen Katalogen konnte er mittlerweile Türme bauen. Er warf die Wolldecke zur Seite und rappelte sich auf. Anna wartete schon mit ihrem hinreißenden türkisfarbenen Kleid. Er stützte sich auf der Brüstung ab.
Heute feierten sie Ambers 16. und Akiras 19. Geburtstag nach.
   Er würde seiner Tochter eine Katze schenken, zumindest einen Gutschein für eine Katze. Nach ihrem Ausflug ihm Zoo und ihrer Begeisterung für Großkatzen, war das irgendwie die einzig logische Schlussfolgerung gewesen. Karl würde das schon verstehen hoffte er. Er spielte schon oft genug mit dem Waran oder ging mit ihm spazieren.
   Das war immer der Brüller und er machte sich zum Affen. Aber das hatte er sich immer schon einmal erträumt. Und Karl war freundlich und sanft und ließ sich streicheln. Kasimir war immer etwas wild drauf und zog die Leine samt Herrchen hinter sich her, wenn er etwas Spannendes sah.
Zweiter Monat mit Anna in einem Haushalt war gut überstanden und sie kamen gut miteinander klar. Sie hatten noch nie richtig zusammen gewohnt, und das war ihr erstes Mal. Amber kam gut mit ihr klar, auch wenn sie sie nicht Mama rief sondern beim Vornamen nannte. Aber sie akzeptiere, dass Anna in nicht allzu langer Zeit per Gesetz ihre Mutter werden würde, oder Stiefmutter, er hatte die Terminologie nicht so drauf.
„SIR, SIR! AUFWACHEN!“
Hal klang hellauf alarmiert.
„Ein Konvoi mit Vans der Clowns nähert sich in hohem Tempo ihrem Elternhaus!“
Verdammte Scheiße, warum konnten wir nicht hier feiern wo alles sicher ist. Aber dort. Alle verbliebenen Solomons auf einem Haufen. Der CEO eines Megakonzerns mit seiner Tochter, Eine schwer erfolgreiche Architektin mit ihrem Sohn, Ein erfolgreicher Autor mit seiner Tochter, und ein älterer Star Architekt mit seiner Frau. Auf dem Präsentierteller für die Clowns. Fuck, darauf haben die es wohl abgezielt. Uns erst in Sicherheit wiegen und dann zuschlagen wenn wir am schwächsten sind.
„ANNA! Raus aus dem Kleid, rein in deinen Anzug, ich brauche Feuerschutz. Die AWM ist im Schuppen.“
Anna ließ alles stehen und liegen, warf ihre High Heels zur Seite und schoss ins Schlafzimmer, er folgte ihr auf dem Fuß. Hal übermittelte ihm dass der Omega Avenger schon los preschte und Suzi den Lambda Swordfisch startklar machte, dessen Chamäleonhaut jetzt pechschwarz wurde.
Jetzt hatte sich das viele Üben bewährt gemacht. In Windeseile waren sie fertig und Kaz stopfte drei Reservemagazine in das Geschirr, das sich über den Anzug spannte. Er zog den Schlitten der schwarzen HK MR308 zurück und schnallte sie sich auf den Rücken und Anna schnappte sich ihre AI AWM und sie sprinteten zum Fahrstuhl. Und schossen zum Dach. Die Menschen oben drehten sich erschrocken zu ihnen um, als sie an ihnen vorbeirannten. Die Turboprop Triebwerke des Swordfish drehten schon auf allen Touren und sie sprangen durch die Heckklappe an Bord. Sie verständigten sich über eingebauten Funk. Die Klappe blieb offen und der Swordfish hob ab und gewann schnell an Höhe. Sie donnerten niedrig über die Stadt hinweg.
„Ich geh über das Dach rein und Suzi setzt dich in einiger Entfernung ab. Mein Anzug absorbiert Stürze bis dreißig Meter und deiner?“
„knapp vierzig.“
„Suzi gehört?“
„Klar und deutlich. Achtung ich kippe die Rotoren und geh ein bisschen auf Höhe. Nehmt Fallschirme, dann seid ihr gut mit dabei. Hab leider kein Equipment für einen HALO Sprung an Bord. Hal hat schon eine gute Position für den Sniper Overwatch ermittelt. ETA ist in fünf Minuten. Ich sag euch Bescheid wenn es Zeit für den Absprung ist, erstes Licht für Kaz, zweites für Sie Madam.“
er schnallte sein Gewehr vor die Brust und sie stiegen in die Fallschirme. Es waren schnell öffnende Schirme für Basejumping. Sie prüften gegenseitig ihr Equipment.
   Kaz Herz pochte. Über sein HUD sah er eine Videoeinblendung und sah dass die Clowns das Haus erreicht hatten und die Security überwältigten oder einfach erschossen. Die Polizei riegelte den Bezirk ab. Dreckiger korrupter Abschaum. Heute Nacht würde es sehr persönlich werden.
   Die Zeit verging wie im Fluge und das Grüne Lämpchen sprang an. Er sprang in den Nachthimmel hinaus und drehte sich in eine stabile Position. Er war nicht sehr hoch und zog fast sofort an der Leine. Als er etwa zwanzig Meter über dem Dach war, schnitt er den Fallschirm los und fiel wie ein Stein nach unten. Er kam schnell näher und krachte durch das alte morsche Dach. Es schepperte ordentlich als er auf dem Boden des Dachbodens landete und Ziegeltrümmer auf den Dielenboden regneten.
   Klopf Klopf Schweinehunde. Er prüfte schnell seine Waffe, entsicherte und trat die Tür zum Treppenhaus aus den Angeln. Ein paar Clowns rannten die Treppe hoch und er erschoss sie ohne zu zögern. Immer zwei Schüsse in die Brust und einer in den Kopf. Die toten Körper sackten zusammen und er rannte an ihnen vorbei an ihnen vorbei. Sein HUD zeigte ihm den Kugelstand. Die Clowns fielen wie die Fliegen und er bemerkte ihre Bewaffnung. Russische und chinesische Sturmgewehre. Überraschte ihn nicht. Er prüfte zuerst die Gästewohnung seiner Eltern. Leer. Dann die Wohnung seiner Schwester. Er fand sie auf dem Wohnzimmerboden in einer riesigen Blutlache und regelrecht mit einer Kettensäge zerstückelt.
   Sein Kiefer krampfte und er zitterte vor Wut. Die Kameras in der Wohnung seines Bruders zeigten sieben Clowns und Adrian Drosser in seinem lächerlichen bunten Joker Anzug. Er kochte vor Wut und warf das Gewehr zur Seite. Kugeln waren eindeutig zu schnell. Er zückte sein schweres Kampfmesser und sprang im Treppenhaus nach unten. Ein Clown sah ihn und rüttelte an seinem Gewehr herum, das offensichtlich klemmte. Kaz nahm Anlauf und trat dem Clown mit Anlauf in den Schritt. Der krachte gegen die Haustür und Blut strömte zwischen den Beinen hervor und er wimmerte vor Schmerz. Nicht für lange. Links klappte eine Klinge aus der Unterarmpanzerung und er rammte sie dem Clown durch die Augenhöhle in den Schädel. Er schlüpfte in die Wohnung und machte die Clowns platt, die gerade dabei die große Torte und den schön gedeckten Esstisch zu demolieren. Einem rammte er die versteckte Klinge von unten durch den Kiefer in den Kopf, einem anderen Schnitt er die Kehle durch und dem letzten riss er den Kiefer ab. Wie als würde der Anzug wissen, in welcher Rage er sich befand, wurde er schneller und die Attacken stärker.
   Zwei Clowns mit russischen AK-103 Sturmgewehren stürmten in den Raum und ballerten auf alles und trafen praktisch nichts und die wenigen Kugeln die Kaz trafen, prallten wirkungslos an seiner Panzerung ab. Dem rechten durchschnitt er die Beinarterien und rammte ihm die Klinge in den Schritt, dessen Schmerzensschrei hallte durch die Nacht. Dem linken stach er zuerst die Augen aus und rammte ihm ein Messer tief in den Rachen. Jetzt waren es nur noch zwei Clowns und Adrian. Einer der Clowns wollte durch das Fenster fliehen. Kaz war sofort bei ihm und rammte seinen Kopf gegen und durch das Fenster und zog sein Gesicht durch die Scherben. Der Clown war eine Frau und sie wimmerte vor Schmerzen.
   Adrian fuchtelte Panisch mit einer Pistole vor ihm herum. Er hatte sich die Haare Grün gefärbt und trug Clown Schminke. Falsches Universum du Flasche. Er brach ihm den Arm und ein trat ihm mit  voller Wucht von vorne so gegen das Knie, dass das Bein nach hinten wegbrach. Du bist ein miserabler Joker. Er warf einen Blick auf das Alkoholregal und ihm kam eine Idee für den letzten Clown. Dem brach er Arme und Beine und goss eine Flasche mit siebzigprozentigem Rum über Oberkörper und Gesicht. Ihr Clowns habt es doch so gerne mit dem Feuer. Hier ist deins Arschloch. Flammen loderten und es stank schnell nach verbrannten Haaren und Fleisch. Die Schreie des Clowns waren wie Musik in seinen Ohren.
   jetzt das Dessert. Er zerrte den wimmernden Adrian auf eine freie Fläche und riss den Anzug auf.
Genüsslich ritzte er die fünf Linien in die Brust.
Daggers Dolchsymbol.
SEIN Symbol.
   Er zückte seine M1911 und schoss Adrian in die Brust. Und dann aus Spaß zweimal in den Eier. Adrian bäumte sich auf und öffnete den Mund, gurgelte aber nur Blut hervor. Der König der Junior Clowns am Boden.
   Hatte er wen vergessen? Achja, die Fotze mit dem zerschnittenen Gesicht.
Das Extra Dessert. Er Riss ihr den Kiefer ab und zerstach ihr die Augen. Das letzte Bild, das du jemals sehen wirst ist mein Messer.
   Er seufzte tief und steckte das Messer und die Pistole weg. Er fühlte sich großartig.
Im Wohnzimmer fand er seine Familie. Alle grausam hingerichtet.
„Kaz beweg deinen Arsch. Polizei rückt mit zwei SEK Trupps an.“
Meldete Anna über Funk. Wilder Eifer kam in ihn hoch und sein Herz pumpte wie wild Blut durch seine Adern. Euch dreckigen Abschaum nehme ich mir auch noch vor. Das Messer ist durstig. Es hat schon lange kein Blut kosten dürfen.
„Wer bist du? Bist du der Tod?“
Er zuckte zusammen. Papa!
Sein Vater lag auf dem Boden und Blut strömte aus einer Wunde am Hals. Eine tödliche Wunde. Kaz kniete sich hin und schob das Visier seines Helmes hoch. Ein warmes Lächeln breitete sich auf Papas Gesicht aus.
„Kaz, die SEK ist da und kurz darauf, dass Haus zu stürmen. Raus da verdammt.“
Kam es von Anna. Aber das war ihm egal. Sein Vater lebte noch, wenn auch nur noch für einen Moment. Er hielt den schwächer werdenden Körper seines Vaters in den Armen und Tränen rollten ihm über die Wangen.
„Jetzt bist du das Oberhaupt. Ich bin stolz auf dich. Lebe wohl.“
Als der Blick seines Vaters brach, schluchzte er unkontrolliert. Und das Licht ging aus.
Von draußen hörte er Gemurmel, dann Schreie, vereinzelte Schüsse und dann nur noch Stille.
„Kaz Großer, das ist Alphas Rudel!“
Annas Stimme klang panisch. Er legte den Körper seines Vaters sanft zu Boden und erhob sich langsam.
   Er wusste schon, dass Alpha hinter ihm stand und er drehte sich langsam um.
Alpha in seinem Nachtschwarzen Kampfanzug stand hinter ihm.
„Willst du mich töten?“
Alpha schüttelte den Kopf.
„Ich und mein Pack haben versagt die unseren zu schützen. Familie ist etwas sehr heiliges. Es tut mir Leid verdammt nochmal.“
Fuck, diese Stimme! Das war Wolfgang Bluhm, KSK Offizier und Maras Vater. Und sein Freund und Mentor.
   Wolfgang klappte sein Visier hoch und trat auf ihn zu, Tränen liefen ihm über das Gesicht und tränkten seinen weißen Vollbart.
„Komm her Kleiner.“
Wolfgang umarmte ihn fest.
„Erst konnte ich meine Mara nicht schützen und jetzt nicht deine Familie. Ich habe auf ganzer Linie versagt.“
Ein Schock lief durch Kaz. Verdammt, was war mit Amber, Akira und Jack?
„Was ist mit den Kids?“
Wolfgang löste sich von ihm und sah ihn lange traurig an. Kaz Herz krampfte sich zusammen.

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 28

28. Jack – 3.W. Juni 2045 – Samstagnacht.

Jack schluckte, seine Kehle fühlte sich trocken an. Was war denn nur passiert. Er hatte beobachtet wie Akira in eine der Wohnungen eingestiegen war, dann war überall das Licht ausgegangen und ihm war schwarz vor Augen geworden. Er machte die Augen auf. Neben ihm saß Karl und züngelte ihn an. Er bemerkte, dass er an Händen und Füßen mit Kabelbindern gefesselt war. Verdammter Mist. Rechts neben ihm lag Amber, die noch bewusstlos war. Er setzte sich auf und starrte Kaz in einer merkwürdigen Kluft an. Ihn hatte man doppelt und dreifach gefesselt. Neben ihnen lagen noch Akira und Anna, Kaz Verlobte. Die Mädchen schliefen alle. Kaz sah ihn an und sagte etwas Merkwürdiges.
„Karl, weißt du was ein Seitenschneider ist? Im Schuppen ist einer. Roter Schrank, dritte Schublade von unten. Holst du mir den bitte?“
Was war denn das bitte? Das war eine doofe Echse, was sollte die schon ausrichten können. Aber Karl schoss in den Schuppen und sie hörten ein Klappern und ein Scheppern. Fünf Minuten später kam das Viech wieder. Mit einem gottverdammten Seitenschneider im Maul. In was für einer Welt leben wir eigentlich, wo das möglich ist?
„Guter Junge, kannst du mir die geben. Gleich bekommst du ein paar schöne Pfirsiche.“
Karl drückte Kaz den Seitenschneider in die Hand und sah ihn erwartungsvoll an. Es dauerte ein bisschen aber dann waren Kaz Hände frei, und dann die Füße. Sein Onkel befreite erst ihn und dann die beiden Mädchen und Anna. Jack schoss in die Küche um sich den ekelhaften Geschmack im Mund auszuspülen. Als er zurückkam rappelten sich die beiden Mädchen auf und Kaz war gerade dabei Anna wach zu schütteln. Trug Kaz seinen Kampfanzug unter den schlabbrigen Klamotten? Warum war er eigentlich gefesselt?
„Sorry Jack, ich hab dir Unrecht getan und du hattest einen echt guten Riecher und ich hab einfach nur gepennt. Wie ich sehe seid ihr drei ein gutes Team. Es tut mir Leid und trotz des Zwischenfalls mit Suzi bekommst du deinen Schlüssel wieder. Aber ich werde die Kombination der Waffensafes ändern und Annas AWM wegschließen.“
Wie bitte? Das Scharfschützengewehr gehörte dieser schlanken schönen Russin?
„Oh man, warum bekomme ich eigentlich auf den Deckel wenn ihr irgendwas Doofes macht. Weiht mich doch auch ein. Was war denn los?“
Kam es von Anna. Kaz war jetzt ganz ernst.
„Das war eine Warnung der Geister uns nicht in ihre Angelegenheiten einzumischen. Ich glaube nicht dass Alpha beim nächsten Mal Gnade walten lässt.“
Akira und Amber starrten Kaz verständnislos an, Anna wirkte nervös und Jack war ratlos. Alpha war einer der Geister, so wie Dagger.
„Was habt ihr denn entdeckt?“
Fragte Kaz.
„Nicht viel, nur dass diese Wohnungen perfekte Aussicht und Überblick bieten. Und du?“
„Die Verbindungswände zwischen den Türmen werden als Lagerräume verwenden. Der Gang wo ich war für Waffen und Ausrüstung. In anderen vermute ich Lebensmittel, Sanitärartikel und medizinisches Equipment. Der Mittlere ist ein kompletter Bunker und ich in einen Aussichtspunkt eines Snipers gestolpert. Unter dem Sofa war ein M82A1 versteckt. Ich tippe, dass sich dort ein Duo eingenistet hat. Wahrscheinlich die größte Bunkeranlage der Welt, als Wohnhäuser getarnt und mit genug Leben gefüllt, sodass niemand Verdacht schöpft. Ich wette mit dir, dass es unter unseren Füßen verdammt tief unter die Erde geht, wahrscheinlich gibt es hier auch eine geheime U-Bahnstation oder ein separates Gleis für die Versorgung. Die Pläne sind gefaked, die zeigen nicht mal die realen Wandstärken. Und es ist recht international alles, Waffen und Equipment. Mein Gedanke war, dass nach dem Bau, viele Soldaten mit ihren Familien hier eingezogen sind.“
„Das ist doch total absurd.“
„Das weiß ich verdammt. Aber alles passt. Ich denke wir sind da in eine Sache reingestolpert die ein paar Nummern zu groß für uns ist. Und Alpha weiß, was wir wissen. Und wir sollten fürs erste auch Stillschweigen bewahren. Und absurd? Mein Omega hält A-10 Thunderbolts Frontal stand. Nimm dir dessen Scheibe und vergleich die mit der hinter dir. Und die Wände, Decken und Böden sind irrsinnig dick. Allein das Dach dürfte an die zwei oder drei Meter messen. Das ist ein Bunker verdammt nochmal. Und jetzt muss ich Karl füttern, ich hab ihm Pfirsiche versprochen und die bekommt er auch. Ohne ihn wären wir total am Arsch. Lien kommt erst in fünf Stunden.“
Jack wechselte Blicke mit Amber und Akira. Wenn jemand wie Kaz mit der Situation nicht fertig wurde sollten sie definitiv einen Gang runterschrauben. Das war ne Nummer zu heiß. Aber es machte ihn total neugierig. Und dieses Echsenvieh … das war doch nur absurd. Mussten sie nicht längst schon wieder im Internat sein? Internat war auf die Dauer auch irgendwie doof, aber sein Zimmer würde er nicht wirklich vermissen. Das war ein aufregender Tag gewesen.
   Sie beobachteten wie Karl sich über die Pfirsiche hermachte. Was für ein komisches Tier.
„Kinder ich muss euch leider ins Internat zurückbringen. Anna Liebes, lass dir doch ein Bad bei Kerzenschein ein, wenn es noch warm ist hüpfe ich auch noch mit rein wenn ich wieder da bin.“
Amber verdrehte die Augen und Akira und er bissen sich auf die Lippen. Tja, das ist deine neue Mama Amber, gewöhn dich an solche Sprüche, dachte er feixend.
   Sie zogen sich um und begleiteten Kaz nach draußen. Sie gingen durch den Park. Wer auch immer die Leute waren, die das hier gebaut hatten, sie schienen nicht feindlich zu sein. Zumindestens nicht feindlich gegen sie. Wie viele Augen sie wohl jetzt in diesem Moment beobachteten? Sie stiegen in den Avenger und düsten los. Beim BIT ließ er sie raus.
„Eine Sache noch Onkel, wie bist du überhaupt reingekommen?“
„Lara hat sich reingehackt, sie ist Hands off die beste Hackerin der Welt und sie ist Hals Geliebte.“
Kaz zwinkerte ihm zu, bevor Jack ausstieg und der Avenger davon düste.
   Hals Geliebte, also war sie eine KI. Interessant. Was hatte Hal auf der Party gesagt, dass es 16 ausgewachsene menschähnliche KIs gab? Nox, Prism, HALOS, Spectre, Theta. Alle von KIs entwickelt.
Das war eine merkwürdige Welt.

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 27

27. Kaz – 3.W. Juni 2045 – Samstagabend.

Er war zu hart zu dem Jungen gewesen oder nicht? Oder? Er wusste es. Die Nachforschungen des Kleinen nagten an ihm. Das stimmte nämlich alles. Das war ihm auch merkwürdig erschienen. Er hatte die Pläne von diesem Viertel studiert, aber die zeigten nicht alles. Bei seinen Gängen hier hatte er schon vor so vielen Türen und Toren gestanden, die einfach nicht da sein dürften.
Außerdem waren auf den Plänen keine Räume für Notstromgeneratoren und die Komplexe Lüftungsanlage aufgezeichnet. Für Haustechnik bisweilen auch nicht. Nicht zu vergessen die Türen mit acht gut fünf Zentimeter starken Riegeln aus schwerem Stahl und den tiefen Löchern dafür im Türrahmen.
   Jetzt war das Abendessen vorbei, Anna war zum Lesen ins Dachcafé verschwunden und seine Angestellten hatten Feierabend. Und die Sache mit Jack tat ihm leid. Eigentlich hatte er gehofft, dass er das Armband einfach behalten würde, das war doof von ihm. Aber er war zu weit gegangen. Und Liz war einfach zu leichtsinnig mit ihren Waffen. Jeder Idiot, der sie näher kannte, konnte sich die Kombination des Schlosses der Waffensafes denken.
   Zumindest waren Amber und Akira geblieben und hatten den Jungen getröstet. Auch wenn sie ihm danach etwas zu glücklich gewirkt hatten. Merkwürdig. Er sah aus dem Fenster.
   Na dann würde er auch ein bisschen schnüffeln gehen. Er hatte jetzt einen Link und Hal fuhr den Wagen zu einer unauffälligen Position vor, stellte den Anhänger ab und fuhr eine Straße weiter und blieb dort stehen. Ein Mostquitoschwarm würde losfliegen und die Gegend erkunden.
„Lara, kannst du mich hören?“
„Klar und deutlich, was gibt’s?“
„Warst du am Bau dieser Gebäude beteiligt?“
„Nö, die anderen haben mich und Hal nicht gelassen, weil wir Hacker und Cracker sind. Willst du rein? Ich weiß wie.“
„Das wäre meine Frage.“
„Dazu müsstest du ein Spectre mit einem Prism koppeln, und nimm ein paar Akkus mit. Hast du sowas? Und ich brauche Zugang für beide“
„Ich hab genau sowas, warte mal.“
Das leistungsstarke Spectre, das er fürs Zocken verwendete, lag in einer Schublade. Er holte es und klappte es auf und loggte sich ein. Er folgte Lara Instruktionen und nach ein paar Minuten war sie drin, das wiederholte er mit seinem Prism. Dann holte er seinen Kampfanzug und schlüpfte hinein, darüber zog er eine weite Arbeitshose mit Hosenträgern und einen sackigen Kapuzenpullover, dazu Arbeitshandschuhe. Den Helm ließ er hier, hoffentlich schoss ihm keiner in den Kopf. Und er trug ein kugelsicheres Halstuch. Dann die aufgeladene VR Brille, den Stealth Rucksack, eine Tranquilizer Pistole und Laptop mit Prism und Spectre. Zu guter Letzt steckte er sich ein Fernglas … Moment mal, da fehlten ein paar. Amber, was habt ihr nur vor? Und sein Nachtsichtgerät nahm er mit. Anna war nicht in Form, er würde ihr gerade nichts sagen.
   Er schloss die Tür hinter sich und fuhr aufs Dach. Er entdeckte Anna mit einem Buch und einer Brille auf der Nase im Café und nippte an einem bunten Cocktail. Sie trug die neuen Sachen und den Kapuzenpulli. Die Frisur stand ihr echt gut auch wenn er ihre lange blonde Mähne vermisste.
   Völlig egal. Er schlenderte über das Dach und erkannte Jack sofort. Betont unauffällig in seiner Kaz-Verkleidung, dieses Mal nur mit einer AR Brille auf der Nase und blickte auf ein Smartphone.
Er schickte die Hawks los und suchte nach Amber und Akira. fünf Minuten später fand er sie auf dem Dach, zumindest Amber, die oben stand, während sich Akira im Schutz der Dunkelheit an der Fassade abseilte. Oh man, so jung und schon so gerissen. Aber vielleicht nicht gerade subtil. Zumindest hatten sie die Dunkelheit auf ihrer Seite. Er verließ das Dach und das Gebäude.
Zwei Polizisten liefen an ihm vorbei, einer nickte ihm zu. Kaz sah ihm nachdenklich hinterher. Jack hatte schon recht mit dem Symbol. Der rechte hatte das Symbol auf seiner rechten Gesäßtasche eingestickt. Der Gesichtsscan hatte ergeben, dass es saubere Cops waren. In Berlin Solomon gab es erstaunlicherweise keine korrupten Cops, jedenfalls hatte er noch keine gesehen. Gut zu wissen.
Er dachte an Andrea Wolf, ob sie bei ihrer Jagd erfolgreich war, er wünschte es ihr. Eine fähige Kripo Beamtin auf seiner Seite zu haben wäre schon nützlich. An der T-Kreuzung blieb er stehen und musterte die Umgebung so wie Jack es wohl vorher gemacht haben musste.
   War der Gullideckel dort schon immer so groß gewesen? Er trat näher heran und kniete sich über den Metalldeckel. Da ganz versteckt, war das Symbol eingekratzt. Merkwürdig. Er schickte die Silent Blades los um ein Luftbild zu machen.
   Da der dreißig Meter hohe Klotz in der Mitte, wo seine beziehungsweise Liz Wohnung lag. Mit dem Glasturm für das Haus der Welt und dem fetten Helikopter Turm. Drum herum in alle vier Seiten vierhundert Meter Park. Durchbrochen von den öffentlichen Eingängen für Schwimmbad und Fitnessstudio und dem unterirdischen Liefereingang mit dem ominös großen Rolltor und auf der anderen Seite die Zufahrt zur Tiefgarage. Wie mit dem Lineal geschnitten die Straße mit den Parkplätzen zu beiden Seiten, die einmal um den Klotz führte.
   Und dann ging der Park nochmal gute zweihundert Meter weiter und wie eine Mauer führten fette Festungsähnliche Gebäude herum aus denen in regelmäßigen Abständen ziemlich hohe Wohntürme hervorragten, die von mit Dicken Wänden aus Stahlbeton und Glas verbunden waren. Festung oder Burg war schon sehr treffend. Es waren auf zwei Seiten sieben Wohntürme in Reihe, auf den anderen Seiten neun und immer der mittlere war viel fetter als die anderen. Da würde er reingehen. Er schob sich das Totenkopfhalstuch bis unter die Augen, blendete die Brille ab und zog sich die Kapuze tief in die Stirn. Er suchte sich eine Siebenergruppe aus und nahm das zweite Gebäude aus. Er ging an den Ladengeschäfften im Erdgeschoss vorbei.
   Vor der Tür zum Wohntrakt berührte er das elektronische Schloss mit seinem Prism und nach zehn Sekunden war es offen. Lara war ein Genie. Im inneren besah er sich das Treppenhaus. 56 Stockwerke, ne die Treppe nahm er nicht. Es gab drei Aufzüge. Mit dem leeren Fahrstuhl fuhr er bis in den dreißigsten Stock und stieg aus. Unpersönlich konnte man das nicht nennen. Die Türen waren mit Aufklebern, Bildern und Postern beklebt. An ein paar hingen Flaggen. Er sah zwei deutsche, eine indische und eine amerikanische Flagge. Er ging einmal auf der Etage herum. Auf beiden Seiten wo die Verbindungswände waren, war jeweils eine breite Tür auf der Wartung stand.
   Lara knackte das elektronische Schloss in ein paar Minuten und die schwere massive Tür öffnete sich. Wartungstür von wegen, das ist wie eine gepanzerte Tresortür. Ein breiter weiß beleuchteter Gang, gut sechzig Meter lang und beidseitig von Deckenhohen Glasfenstern unterbrochen. Die Wände waren mit Fächern und Schubladen gespickt, alles Elektronisch gesichert. Er knackte eine breite Schublade und zog sie auf. Holla, zwei HK416 mit Schalldämpfern. In anderen Fächern fand er Magazine, Munitionskisten, Granatwerfer und so weiter. Alles Amerikanische und Europäische Hersteller. Chinesische oder Russische Sachen gar nicht. In einem Schrank waren schwarze Uniformen mit dem Symbol der schwarzen Geister auf dem rechten Oberarm. Dazu Kevlar Panzerungen und Geschirre für Munition und Ausrüstung.
   Er hatte das Waffenlager einer ganzen Armee gefunden. Überall war das Symbol, das seine Bücher zierte, dass wiederum das gespiegelte Symbol der Geister war, nur deren Symbol war weiß.
Ob das auf allen Etagen so aussah?
   Er ging den Gang weiter und knackte die noch fettere Tür. Laras Skills waren Gold wert. Er würde sie definitiv unterstützen wenn sie eine Spectre Fabrik in Deutschland bauen sollte. Was allein die ganzen Goldbarren in Liz Keller wert waren …
   Hier starrte er auf eine dicke Betonwand. Zu beiden Seiten waren in der Außenwand Wohnungstüren in den Beton eingelassen. Vor einer mit einer amerikanischen Flagge blieb er stehen und öffnete das Schloss. Die Wohnung winzig zu bezeichnen war eine Untertreibung. Direkt neben ihm war ein winziges Bad, daneben eine winzige Kochnische, die einzige weitere Tür führte in einen Raum mit Sofa, Fernseher, ein paar Regalen, einem Tisch. und einer großen Flagge an der Wand. Sieht irgendwie zu merkwürdig aus. Das Sofa hatte einen Kasten den er aufzuziehen versuche. Ging nicht. Er entdeckte ein Schloss und knackte es. Dann ließ sich der Kasten herausziehen. Bingo, ein Barrett M82A1, ein schweres Scharfschützengewehr in .50 BMG. Das war doch alles Fake. Er trat auf den Balkon. Perfekte Sicht auf das Viertel. Ein Scharfschützennest. Gerade leer, aber definitiv bewohnt.
   Fuck, er bemerkte erst jetzt dass der Fernseher lief, Spielkarten auf dem Tisch lagen neben zwei halbleeren Bierflaschen. Die waren noch kalt gewesen. Damn it.
   Plötzlich ging das Licht aus und Dunkelheit umgab ihn. Er wollte wieder reingehen als er ein ungutes Gefühl hatte, er zückte die Taschenlampe und machte sie an.
   Alpha! Er stand im Türrahmen zum Flur und sah ihn stockstarr an. Ein wahrhaftiger Geist.
„Bist du hier um mich zu töten?“
Der Geist schüttelte mit dem Kopf.
„Aber ich darf nicht mehr weiterschnüffeln?“
Der Geist nickte.
„Wer seid ihr?“
Aber nichts passierte, außer dass seine Taschenlampe erlosch und ihm schwarz vor Augen wurde.

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 26

26. Jack – 3.W. Juni 2045 – Samstagnachmittag.

Sie hatten sich Räder von der Uni ausgeliehen. Heute trafen sie sich mit Kaz, er meinte er wollte ihnen jemanden vorstellen. Na dann, er war gespannt. Amber war etwas traurig, dass es kein Tandem gegeben hatte. Sie war echt süß. Seit wann waren sie zusammen? Seit knapp zwei Monaten und ihm kam es schon wie eine halbe Ewigkeit vor. Aber sie hatten sich darauf geeinigt dass es Sex erst geben würde, wenn sie volljährig wäre. Also noch zwei lange Jahre. Vielleicht würden sie einfach schummeln, unter Dieben und so. Schwer zu glauben, dass ihr netter wenn auch ein bisschen durchgeknallter Klassenlehrer auch noch ein Meisterdieb sein sollte, aber zuzutrauen war‘s ihm bestimmt. Der Verrückte radelte mit einem Schrotthaufen von einem Fahrrad  voraus und drehte sich im Fahren eine Zigarette. Sie drei radelten hinterher. Akira war etwas schweigsam. Ihre Haare waren mittlerweile noch kürzer und sie brauchte nicht mal mehr Gel. Warum machte sie das? Er verstand das nicht. Und mögen tat er es auch nicht. Amber trug mittlerweile immer, außer zu Sport eine lange dunkelbraune Perücke, die ihr Vater ihr aus Liz Sammelsurium gegeben hatte.
Damit war sie richtig heiß, auch wenn sie bei dem Wetter unter dem Ding bestimmt ganz schön schwitzen musste. Der Juni war knallhart heiß und heute sollte es über dreißig Grad heiß werden. Zum Glück war ihr Zimmer auf dem Internat temperiert und Sergej mochte es auch eher kühl.
Das mit den Aussetzen der Clownattacken war ihm suspekt und zu gerne hätte er mit den Animals ein paar Clowns verdroschen, aber Amber wollte das nicht. Sie wollte so viel Zeit mit ihm verbringen wie möglich. Akira verdrehte immer genervt die Augen wenn sie sich küssten oder Händchen hielten, tat aber immer ganz unschuldig wenn Jack darauf hinwies, dass sie dasselbe mit Sahid machte und zwar auch die ganze Zeit und gar nicht nervtötend. Trotzdem waren wir drei mittlerweile ein echt gutes Team. Und wir haben alle die gleichen Sonderkurse, fast. Akira hatte ein paar zu Elektrotechnik und Robotik. Mit Informatik konnte er nicht so richtig was anfangen, aber ein bisschen Programmieren konnte er schon. Amber radelte neben ihm und es war ein gewisser Balance-Akt beim Fahren zu küssen ohne runterzufallen oder irgendwo gegenzuknallen. Akira seufzte nur genervt, dann versuchte sie dasselbe mit Sahid. Yusuf drehte sich zu Ihnen um und lachte gackernd während er sich die Zigarette mit einem Zippo anmachte.
   Die Straßen waren ruhig und überall waren Leute, die auf den Straßen Fußball spielten, joggten, spazieren gingen und sich in Biergärten, Lokalen oder Cafes trafen. Yusuf war hier mittlerweile ein Star und unzählige Leute grüßten sie auf der Vorbeifahrt. Amber hatte erzählt, dass ihr Vater mittlerweile das Haus nur noch mit einem dicken Stapel Autogrammkarten verließ und dass die aktuelle Auflage seiner Bücher restlos ausverkauft war, Die Druckerei kam kaum noch hinterher. Jetzt kam der Erfolg doch noch zu diesem mittelmäßig erfolgreichen Autor? Nicht, dass er auf das Geld angewiesen war. Sie hatten mitbekommen, wie ein Lambda Orca auf dem Heli-Turm des Hauses gelandet war. Der war auch nicht gerade billig. Und Amber war ganz perplex, dass ihr Liz, die sie eigentlich gar nicht wirklich gekannt hatte, 80 Millionen Euro vermacht hatte. Aber erst wenn sie achtzehn werden würde.
   Damit wären sie ganz schön reich, wenn er sie in ein paar Jahren heiraten würde. Auch wenn er sich schlecht fühlen würde, denn auf seinem Konto waren vielleicht ein paar hundert Euro. Das nagte an ihm. Und Amber würde irgendwann den Krempel von Kaz erben.
   Mit Pech auch die große Terrorechse, nein BEIDE große Terrorechsen. Einen verdammten Waran UND einen Alligator. Man ey. Und dieser Waran sollte gruselig schlau sein und konnte Türen öffnen und so weiter, das war doch nicht normal.
   Da kamen die riesen Türme in Sicht. Dort wohnte dann die Mittelschicht, nahm er an. Und die waren auch von einem Park umgeben. So war der riesige Luxuskasten wie der Bergfried in einer Burg. Zentral und von allen Seiten gut geschützt. Ne Mama hat das definitiv nicht gebaut, die hat von Taktik null Plan. So gesehen stach dieses Viertel völlig aus dem Stadtteil heraus, ebenso wie das BIT, das ebenfalls wie eine komplette Festung gebaut war. Gerne hätte er ein bisschen Detektiv gespielt, aber dort war auch alles voller Kameras und elektronischer Sicherheitsschlösser und ein Einbrecher wie Akira war er nicht und wollte er eigentlich auch nicht sein. Er war einfach nur neugierig. Getarnte Festungen fand er immer schon spannend, genauso wie Mythen und so Zeugs. Emma hatte immer lachend gemeint er käme damit genau nach Kaz, der auch von Mythen und Legenden besessen war. Die Verbindung fand er echt cool. Und hier vermutete er ein Geheimnis, irgendwas war hier faul. Hätte er nur auch so eine irre KI, die ihm beim Knacken von Schlössern half. Moment mal, er hatte doch ein Prism 12. Kaz hatte ihnen doch einen Hal Klon aufgespielt, der den Sprachassistent ersetzte und er hatte ihn Steve genannt. Könnte er nicht zum Beispiel sein Prism 12 mit dem Spectre koppeln und mit einem Akkupack in seinen Rucksack packen?
   Das würde er heute oder morgen ausprobieren. Nach Hause marschieren, seine Tarnung anziehen, dieses Mal mit einer AR Brille und einem Headset und dann würde er Detektiv spielen. Mittlerweile hatten sie alle elektronische Schlüssel für das Haus. Vielleicht könnte er die anderen beiden davon überzeugen mitzumachen, schließlich waren sie ein gutes Team und eine kleine Kampfeinheit. Infiltration mit Feuerschutz so gesehen. Nur wo würden sie Waffen herbekommen? Seine Beretta und den Sack Muniton hatte Kaz beschlagnahmt, was er mega uncool fand. Dafür war das Keramikmesser klasse gewesen, was er außerhalb von der Schule immer bei sich trug, so wie jetzt auch.
„Hey Träumer, wir sind fast da!“
Bei Ambers Worten war er schlagartig wach. Nein, erstmal würde er sich alleine umsehen, beschloss er, vielleicht ergab sich was auch wenn Kaz mittlerweile eine Haushälterin und einen Bodyguard und er war ein siebzehnjähriger Junge. Nicht zu vergessen der gruselige Waran. Ne Planänderung, Die Haushälterin war gerade nicht da und Kaz wartete auf sie und hatte hoffentlich die Echse, die ominöse Person und seinen Leibwächter mit sich. Perfekte Gelegenheit.
„Amber Liebling, ich habe ein coole Idee, ich komme gleich nach! Versprochen.“
Es tat ihm etwas weh seine Freundin anzulügen, aber sonst würde es merkwürdig aussehen.
Amber sah ihn mit großen Augen an und nickte dann nur. Er scherte nach links aus und fuhr zu einem anderen Hauseingang. Am Parkeingang schloss er sein Fahrrad an und sah sich um. Irgendwas war hier falsch und es sprang ihm nahezu in die Augen, er wusste nur nicht was. Er verharrte aufmerksam um Schatten eines hohen Baumes und musterte die Passanten neugierig. Ein paar schnatternde Mädchen viel ihm auf, Eine hatte das Symbol der schwarzen Geister auf die Schulter tätowiert. Er zuckte zusammen, Amber hatte sich das gleiche Symbol stechen lassen, vor zwei Wochen, hatte Kaz aber noch nichts gesagt.
   Das Symbol! Er hatte die Auflagen von Kaz Büchern geprüft, vielleicht hunderttausend weltweit. Warum war dann überall das Symbol seiner Bücher zu finden. Tätowierungen, Aufkleber, T-Shirts, überall, aber irgendwie nur da, wo es keine Clowns gab.
   Und seine Kreationen wurden Wirklichkeit, sowie Swordfish und der Orca von Lambda.  Es konnte Zufall sein, aber es kam ihm komisch vor. Die Laterne ein paar Meter entfernt trug ebenfalls das Symbol. Was war das eigentlich daneben auf dem Boden? Er trat neugierig näher. Ein Symbol, schon etwas ausgewaschen aber gut zu erkennen. Ihm wurde kalt. Der Dolch aus fünf Strichen, Das Symbol des Geistes Dagger. Hoffentlich reiner Zufall.
   Er joggte durch den Park. Er sah Jungs mit Rucksäcken mit Aufnähern die das Symbol trugen. Aufkleber auf Laptops, noch mehr Tätowierungen. An der Buchhandlung blieb er stehen und sah überrascht hinein. Ein großer Aufsteller mit Kaz Büchern, groß Beworben. Und daneben ein Regal mit Merchandise. Aufklebern, Aufnähern, Postkarten, T-Shirts, Beuteln und Postern. Das schrie nach Johnny. Die Schlange war auch gut lang. Er überlegte sich ein paar Sticker mitzunehmen, aber nicht bei der Schlange. Er fuhr erleichtert in den Keller und zu Kellerraum 3-VII. Der war riesig und Kaz hatte einiges an Pelzen hier runter verfrachtet. Überall Prepper Krempel und einige Tresors. Auf dem Arbeitstisch war etwas mit einem Tuch abgedeckt. Er zog es herunter und zuckte zusammen.
Eine schwer modifizierte Accuracy International AWM mit Schalldämpfer und einem krank aussehenden Fernrohr, aufgebockt auf einem Zweibein. So viel zum Thema Waffen. Nur wem gehörte die denn bitte?
   Hm, keine Munition. Er musterte die drei Waffentresore, alle mit einem Zahlenschloss. Dann wollen wir mal sehen. Vielleicht wie bei Kaz. Er probierte Pi, Zweierpotenzen und Fibonacci, nichts. Liz Geburtstag war es auch nicht. Und Kaz Geburtstag? Haha, es klickte und die schwere Tür schwang auf. Ein Arsch voll Pistolen. Er nahm sich eine Beretta, mit der hatte er geübt. In dem anderen waren Munition und ein paar gefüllte Magazine. Er suchte sich das passende zu seiner Pistole und schob sie in den Schacht. Er zog den Schlitten zurück und sicherte die Waffe. Dann schob er sie sich unauffällig in den Hosenbund. Im dritten Schrank waren Gewehre. Er musterte das MR308 lange und schloss dann die Tresore und verließ den Keller. In Kaz Wohnung inspizierte er alles. Zu seinem Ärger folgte ihm der Waran umher und er sperrte ihn ins Bad. In der Garderobe ganz weit am Ende fand er einen großen Sicherheitskasten den er öffnete. Was zum Geier suchte er eigentlich. Das war zwar kein Einbruch, aber er brach Kaz Vertrauen verdammt nochmal. Er fand nichts. Als er zuklappen wollte fiel ihm etwas auf. Auf der Innenseite der Tür hatte man dieses verdammte Symbol eingeritzt, ins Metall. Und zwar bestimmt nicht erst gestern.
„Hey Kiddo, was machst du denn da?“
Er zuckte heftig zusammen wer war das denn. Er drehte sich um und sah eine Schwarze mit feuerroten Haaren die ein Hauch von Nichts trug und sich ein Handtuch um den Hals geschlungen hatte. Er trat aus der Kammer raus. Die Tür zum Bad war offen, verdammt, die Echse war ausgebüchst. Vorsichtig sah er sich um. Das war nicht Adrian Drosser, sondern eine Person die bestimmt gut kämpfen konnte. Er entfernte sich ein Stück von ihr und zog dann Blitzschnell die Pistole. Was zum Henker machte er denn da? Er machte alles nur noch Schlimmer. Die Frau zuckte nicht mal. Sie zog sich das Handtuch vom Hals und sah ihn unverwandt an.
   Plötzlich war sich jemand von links gegen seine Beine, dieser dämliche Waran und die Frau schoss vor. Sie schlug ihm die Waffe aus der Hand und trat ihm gehörig in den Schritt. Fast schon gelähmt vor Schmerz steckte er eine Reihe harte Schläge Tritte ein und er landete auf dem Boden. Ein Harter Kick gegen den Kopf schickte ins Land der Träume.

*

Er wachte auf als ihm jemand ein Glas Wasser ins Gesicht schüttete. Blinzelnd öffnete er die Augen und sah sich um. Ihm wurde schlecht. Alle waren da. Und saßen auf den Sofas. Kaz kniete mit dem Wasserglas vor ihm und sah ihn mit einem gequälten Gesichts Ausdruck an. Amber liefen Tränen über das Gesicht, Akira und Sahid sahen ihn enttäuscht an.
   Eine Frau mit einem kurzen blonden Bob und Yusuf sahen ihn mit einer gewissen Neugierde an. Dahinter standen ein massiger Schwarzer, eine Asiatin und die Frau, die ihn überwältigt hatte.
„Man Großer, was machst du denn? Wir waren schon alle ganz besorgt als du nicht mehr auftauchst. Amber hat vor Angst geweint. Und dann bekomme ich die Meldung von Suzi, dass sie einen bewaffneten Einbrecher überwältigt hat. Du hattest eine Waffe, du hättest Suzi umbringen können, du bist zu jung für den Scheiß. Ich weiß nicht was ich machen soll. Nur dass du mir dieses Band da an deinem Handgelenk zurückgeben solltest. Das musst du dir jetzt hart verdienen! Was hast du nur gesucht?“
„Die Wahrheit!“
Kam es trotzig über seine trockenen Lippen.
„Welche Wahrheit denn bitte.“
„Warum sind überall deine Symbole zu finden, überall. Auch da wo sie nicht hingehören. So bekannt sind deine Bücher nicht, ein totales Nischenprodukt.“
Kaz sah ihn verwundert an.
„Das ist doch totaler Quark, die Bücher verkaufen sich weltweit millionenfach, werden versoftet und sollen verfilmt werden. Ich kann mich vor Fanpost kaum retten und namhafte Studios fragen bei mir an ob sie sich die Markenrechte sichern können. Vor dir liegt ein Muster Katalog mit Merch und Spielzeug und selbst LEGO hat angefragt. Also nach Nischenprodukt klingt das nicht.“
Jack wurde kalt. Wie kam er mit seiner Suche auf knapp hunderttausend verkaufte Bücher?
„Shit, tut mir leid.“
„Ich weiß nicht ob das genug ist Großer. Du hast eine Waffe von mir geklaut und meine Angestellte bedroht. Ohne Karls beherztes Eingreifen hätte etwas Furchtbares passieren können.
Das kann man nicht so einfach verzeihen.“
„Und warum ist das alles hier wie eine Festung aufgebaut? Meterdicke Betonwände, Decken und Böden, ultradickes Glas, alles über Klimaanlage und keine öffnenbare Fenster. Alles nur elektronisch, Türen aus Panzerstahl. Dann die Lage. Mitten im Park und flankiert von hohen Wohntürmen.
Die beiden Straßen die durch das Viertel gehen sind gut im Blick und können abgeriegelt werden. Das hier ist eine verdammte Festung mit nur vier Zugängen!“
„Hier wohnen eben ein paar verdammt reiche Leute. Das kann doch nicht dein Motiv dazu sein hier einzubrechen. Du siehst Gespenster.“
„Genau, Gespenster! Überall ist dein Symbol, auch da wo es nicht sein sollte. Und draußen war das Symbol war von Dagger, auf einem Gehweg.“
Kaz musterte ihn eindringlich und schüttelte den Kopf.
„Ich kann dir Hausverbot erteilen und dich von meiner Tochter trennen lassen, aber das mache ich nicht. Ich gebe dir noch eine Chance, aber verbock es nicht! Und jetzt hoch mit dir, dusch dich und zieh dir was Trockenes an.“
Kaz klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und erhob sich. Jack saß einfach nur da und starrte ins Leere. Er hatte versagt. Auf ganzer Linie. Er war ein nutzloser Versager. Amber setzte sich neben in und lehnte den Kopf an seine Schulter.
„So, wer hat Lust auf ein Eis? Ich lade euch ein.“
Alle außer ihm, Amber und Akira standen auf und folgten Kaz aus der Wohnung. Er schien ihm zumindest so weit zu vertrauen, dass er ihn allein mit den zwei ließ. Er zog sich das Armband ab und legte es auf den Tisch.
„Hey Jack, warum machst du solche Alleingänge? Wir sind ein Team, wir halten zusammen und wenn wir was Doofes machen, stürzen wir uns zusammen rein!“
Akira nahm ihn in Schutz? Sie war doch enttäuscht gewesen.
„Sorry, Schauspielern und Lügen gehört zu dem Job dazu. Und Sahid ist nicht eingeweiht und wird es auch nie sein, wenn es nach mir geht. Ich musste irgendwas spielen. Und ja, es klingt einleuchtend was du da sagst. Rein zufällig hab ich mir eine Sache ausgetüftelt wie man elektronische Schlösser knackt. Hal wird uns dabei helfen. Und wir müssen uns andere Namen ausdenken. Unsere Hals sind Klone die mit Kaz Hal nichts zu tun haben.“
„Ich dachte an eine Kombi aus AR Headset, Prism und Spectre für Bruteforce.“
„Sorry, für reine Bruteforce sind wir hier im falschen Gebäude, hab ich alles schon versucht.“
„Hier nicht, aber bei den anderen. Wir könnten eine Stealth Drohne hochschicken, die sucht nach einem offenen Fenster und betätigt den Summer für die Tür unten, dann sind wir drin. Die elektronischen Schlösser sind ja nur außen, von Innen ist es meist nur eine normale Türklinke oder ein Bewegungssensor.“
„Das klingt besser. So eine Drohne haben wir an der Schule. Gut ich schnappe mir meine Ausrüstung und ihr besorgt euch Nachtsichtgeräte, Ferngläser, Dietriche, schwarze Klamotten und Sachen mit denen wir unsere Entdeckungen festhalten können.“
„Vielleicht sollte einer hier oben auf dem Dach Posten beziehen und beobachten, vielleicht nach leeren Wohnungen Ausschau halten wo zumindest einer von uns rein kann. Dann machen wir den Drohnen Trick und gehen rein und hoch aufs Dach, dann kannst du dich abseilen.“
„Das klingt besser, Jack du machst den Beobachter und steuerst die Drohne. Ich seil mich ab und Amber du improvisierst.“
„Und ich klau mir die Ausrüstung hier und im Keller, wir treffen uns um zehn auf dem Dach. Wie ist die Kombination?“
„Kaz Geburtstag.“
„Ja super, hätte ich mir auch selbst denken können. Und jetzt den anderen hinterher bevor einer misstrauisch wird. Auf geht’s.“
Sie drückte ihm einen Schmatzer auf die Wange und zog ihn hoch. Hätte er die beiden doch nur von Anfang an eingeweiht.

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 25

25. Kaz – 3.W. Juni 2045 – Mittwochnachmittag – Anna

Kaz lag faul auf dem Sofa und hörte Liz neues und letztes Album in Dauerschleife über Spotify. Das Album war erstaunlicherweise ganz fix die Charts hochgeklettert, nicht nur in Deutschland. Aber es war einfach so gut. Und alle waren hin und weg dass die Chefin eines Megakonzerns doch ein heimlicher Rockstar war. Auf dem Sofa ihm gegenüber hatte sich Karl unter einer Kuscheldecke verkrochen und nur noch die Schnauze mit der züngelnden Zunge guckte hervor – er mochte keine laute Musik und er mochte es behaglich.
   Dieser Waran war ein seltsames Geschöpf. Sanft, Sehr darauf bedacht nichts zu zerkratzen und benutze ein großes Katzenklo, das im Bad stand. Er aß angebratenes Fleisch. Aber sein Lieblingssnack waren Dosenpfirsiche. Und er war sehr neugierig. Kurzum, er war das Perfekte Haustier für Kaz.
In der Woche nach dem Abschied war er sprichwörtlich umgekippt, als er mit Amber beim Notar war. Liz hatte ihm tatsächlich alles vermacht, was sie besaß und das war noch mehr als er gewusst hatte. Sie besaß eine riesen Motorjacht und eine Segeljacht, drei Luxus Motorräder und einen echten Lamborgini Sián. Und sie verfügte über ein paar Bankschließfächer und mehrere Lagerräume, in dem er noch mehr Pelze vermutete. Dazu fünfzehn Prozent Firmenanteile an Horizon, was er für absurd viel erachtete.
   Und das ganze Geld. Erst war Amber umgekippt, nachdem Liz ihr testamentarisch achtzig Millionen Euro vermachte und als sie wieder wach war, hatte der grinsende Notar eröffnet, dass Liz ihm zweihundertneunzig Millionen vermachte und ihn hatte es aus den Latschen gehauen. Danach waren sie beide sehr wacklig aus dem Gebäude und Hal musste sie nach Hause fahren.
Wenn sie nicht alles verprassten würden sie in ihrem Leben de facto nicht mehr arbeiten müssen. Er fühlte sich an das Geld damals erinnert, das er und Hal zusammen ergaunert hatten. Das hatte praktisch ewig gehalten, und da waren das Startkapital für Horizon und Omega mit drin gewesen.
Und jetzt? Was zum Geier sollte er mit dem Supercar und warum hatte Liz sowas?
   Einer Eingebung folgend hatte er dann die Prospekte von Lambda und Omega aus dem Handschuhfach geholt und oben in der Wohnung sorgfältig studiert. Die waren schon toll. Was die wohl kosten würden? Auf der letzten Seite hatte er gesehen, dass persönliche Beratungstermine auch über VR verfügbar waren. Das fand er spannend, also hatte er sich Hals Vision Paket geschnappt, war in die Handschuhe geschlüpft und hatte sich die Brille aufgesetzt. Dann wieder hochgeschoben und die Sofas an die Wand geschoben und Karl im Bad eingesperrt, damit er über nichts stolperte. Dann hatte er angewählt und war auf einer weißen Ebene gelandet, mit der Sonne über ihm. Wie ein Salzsee. Eine Frau in einem schicken Kostüm hatte sich ihm von hintern genähert und ihn in ein Haus geführt. Wie gut dass er in der Umgebung teleportieren konnte, andernfalls wäre er in eine Wand gekracht oder über Karl gestolpert, dem es in der Zwischenzeit gelungen war sich aus dem Bad zu befreien.
   In dem großen Raum hatte sie ihn mit einer rauchigen Stimme bei Lambda begrüßt und hatte gefragt welche Modelle er sich denn gerne angucken möchte, worauf er Orca meinte. Sie hatte ihn auf einem Art Präsentator ein Hologram des Flugzeugs gezeigt, mit Innenraum und alles. Wie bei Iron Man. Sie hatte ihn nach seinen Wünschen und Vorstellungen gefragt.
   Als er gefragt hatte ob es den Orca auch in Gelb gibt, hatte sie herzhaft gelacht und die Frage bejaht. Er hatte sich stundenlang verschiedene Konfigurationen angeguckt. Dann waren sie raus gegangen und hatten sich ein paar Flieger in Echt angesehen. Die Simulation war so real, dass er in die Maschinen reingehen konnte und Schubladen aufziehen und Hebel betätigen konnte.
Er entschied sich einen Orca Expedition. Den Swordfish Escort und Orca Travel hatte er von Liz geerbt. Den Orca Expedition mit leichter verborgener Bewaffnung. Bei dem Kostenvoranschlag wurde ihm schlecht. So viel zum Thema das Geld nicht auf den Kopf hauen. Aber wie Omega hatte auch Lambda ein Rundum-Sorglos Servicepaket.
   Und wenn er so darüber nachdachte, ihr erste Klasse Flug nach Deutschland hatte um die zehntausend Euro gekostet – zu zweit. Da würde sich der Orca Travel definitiv rentieren, wenn Sprit und Proviant nichts kosteten oder stark rabattiert waren.
   Und er bekam Rabatt, dafür dass er sich die Flieger ausgedacht hatte, darauf bestand der Chefingenieur, der zudem am BIT studiert hatte. Seine Pilotin Suzi und Stewardess Sarah waren geschult im Umgang mit den Lambdas. Damit war er einverstanden. Damit hatte er sich verabschiedet, die Brille abgesetzt und war prompt über Karl gestolpert, dämliches Vieh.
   Zudem hatte er einen Fahrer und Bodyguard engagiert. Einen muskelbepackten hünenhaften Schwarzafrikaner namens Benj. Jetzt war sein Dienstpersonal sehr schön durchmischt. Eine chinesische Haushälterin, eine weiße Stewardess und zwei Schwarze Angestellte – sehr Progressiv. Aber nein so lief dieses Spiel nicht, er war weiß, also war er problematisch, weil seine Angestellten Farbige waren und er weiß. Warum auch immer, diese schwachsinnige Logik hatte er noch nie verstanden. Das ging auch groß durch die Presse, dass er ein hinterhältiger Millionenerbe und ein Rassist sei. Man, habt ihr nichts Besseres zu tun?
   Einmal war er draußen beim Falafelladen und wurde prompt von einer Schar von ausnahmelos Weißen Harpien und Spinnern umringt die ihn beschimpften und anpöbelten. Er hatte nur belustigt dagestanden und seinen Falafel gegessen und beobachtet wie eine sehr diverse Schar junger muskulöser Männer der Animals aufgetaucht war und gefragt hatte, was denn los sei. Auf die Bemerkung Kaz sein ein bösartiger Rassist hatten die Jungs nur gelacht und die Gruppe mit den Schildern als Heuchler beschimpft. Was die gar nicht gar nicht lustig fanden. Es gab ein kurzes Gerangel und die Heuchler suchten ihr Heil in der Flucht. Darauf spendierte Kaz Falafel für alle und schüttelte jedem die Hand. Die waren echt happy gewesen und hatten ihn bejubelt.
   Er füllte sich in Berlin Solomon mittlerweile echt wohl. Berlin konnte ein echtes Drecksloch sein, aber das hier war eine gemischt liberale und konservative Enklave. Und wahrscheinlich der einzige Ort wo Multi-Kulti wirklich funktionierte, hatte er das Gefühl. Er war jeden Tag draußen um sich den Stadtteil anzusehen oder sich nach Schulschluss mit den Kids zu treffen, mittlerweile hatte er freien Zugang für das Gelände. Und er sah bei der Wärme so viele kulturell durchmischte Grüppchen die abhingen, sich unterhielten, Spiele oder Fußball auf dem Rasen spielten, kletterten.
   Er wusste jetzt, dass es hier eine regelrechte Parcour Scene gab, dass hätte er nicht gedacht. In einem Straßencafé unweit vom BIT im Süden hatte er mit einem aufgeschlossenen Juden Schach gespielt, während ein Araber, eine Inderin und ein schwarzer Christ neben ihm saßen und sie von einer asiatischen Kellnerin bedient wurden. Und ein Araber hatte ihm gesteckt, dass Solomon die Herkunft der Animals war, alles Sportler und eine Gegenbewegung zu den Clowns, die sich mit denen öfter prügelten. Und versuchten die Clowns in ihren Taten zu stoppen. Zahlreiche Attentate konnten so schon verhindert werden. Gerade die Junior Clowns waren ziemliche Stümper.
   Die Clowns. Die waren nicht mehr aufgetaucht, überall auf der Welt nicht. Das war zu schön um wahr zu sein, aber er hatte ein verdammt mieses Gefühl bei der Sache.
   Sein Lieblingsplatz war der Spielplatz, wo nach Yusufs auftauchen ziemlich viele Leute Parcour und Akrobatik übten. Ab und an traf er sich abends mit dem Araber auf ein Tee. Nicht selten schleppte der die Kids mit sich. Amber machte sich gut und sie war von Akira einfach nicht zu trennen. Die beiden waren wie Schwestern.
   Er stopfte sich noch eine Handvoll Chips in den Mund, dann war die Tüte alle und er rappelte sich missmutig hoch. Und ging ins Schlafzimmer. Er hatte Liz Süßigkeiten Vorrat entdeckt, in der vorderen Bettschublade. Er hatte ein bisschen aufgeräumt und einiges von dem Krempel in den Schuppen, so nannte er die lange Kammer neben dem Eingang, oder den Keller geräumt. Die große Pelzdecke hatte er behalten, sie roch noch nach Liz und erinnerte ihn an sie. Dafür hatte er im Bettkasten auf seiner Seite seinen Kampfanzug versteckt. Und er übte regelmäßig so schnell wie möglich da rein zu kommen. Er hatte absolut keine Idee was er mit den Bergen von Pelzen anstellen sollte. Akira war etwas ängstlich was das anging und Amber war zu klein, wörtlich.
   Er öffnete die Schublade und griff nach einer Tüte Paprikachips. Lien fand es nicht gut, dass er so viel Cola in sich reinschüttete und Chips mampfte. Sie meinte er würde noch fett werden. Das stimmte auch. Er war zwar durchtrainiert, aber er hatte ein kleines Bäuchlein und er wog mittlerweile über hundert Kilogramm. Benj hingegen wog hundertdreißig oder sowas in der Art, aber er war auch bärenstark.
   Benj wohnte schon seit zwei Wochen in seinem Apartment und genoss die Privilegien des Hauses. Er liebte knifflige Rätsel und schwere Spiele und trug immer ein Dark Souls T-Shirt.
   Lien war um die fünfzig oder etwas älter und absolut loyal. Sie machte Essen, sie kochte, Sie putzte, sie kaufte ein und kümmerte sich zusammen mit Sarah um seinen Papierkram. Kurz um er war völlig aufgeschmissen ohne sie. Er gab ihr regelmäßig abends frei und an den Wochenenden kümmerte er sich selbst um alles … außer den Papierkram, den hatte er als Selbstständiger immer schon gehasst. Und am Wochenende merkte sie es nicht, wenn er Cola, Chips und Süßigkeiten kaufte. Er war begeistert mit Suzi. Er hatte ihr Flieger-Showcase gesehen und sie war ein echtes Ass im Pilotensessel. Nach Liz Fortgehen hatte er sich ja ein bisschen in Europa und der Welt umgesehen und Suzi und Sarah waren immer mit von der Partie gewesen.
   Sein Handy klingelte, es war Anna und sein Herz schlug schneller. Er machte die Musik aus und Karl kam hervor und rieb seinen Kopf an seinem Bein. War das ein Waran oder eine Katze?
„Ja, Anna, schön dich zu hören Liebes.“
„Hey großer, sorry dass es mit der Sache im Mai nicht geklappt hat. Es ist mir wirklich ganz unangenehm, aber ich könnte dringend deine Hilfe gebrauchen. Mir kam das so merkwürdig vor mit dem plötzlichen Verschwinden der Clown Attacken, also hab ich meine Zelte gepackt, meine Kostbarkeiten in mein kleines Auto gestopft und bin nach Deutschland zu dir aufgebrochen. Und ich dumme Nuss hab vergessen zu tanken und hänge jetzt mit einem leeren Tank auf einer praktisch leeren Rastplatz fest. Praktisch die letzte Ausfahrt vor der deutschen Grenze, ich bin so doof. Und Ich will niemanden holen. Ich hab meine AI AWM und meinen Anzug hinten drin und Lara schlummert dick eingemummelt auf dem Beifahrersitz und unter meinem Sitz liegt eine Beretta.
Ich kann mich doch schlecht aus der Situation rausballern und ich will mein Zeugs nicht zurücklassen. Kannst du mir bitte, bitte helfen? Ich flehe dich an.“
„Oh man, ok was für ein Auto fährst du denn, der Lada?“
„Häh, du weißt doch, dass ich mein Leben noch nichts anderes als Opel gefahren bin, gerade sitze ich in meinem alten Zafira aber der macht‘s auch nicht mehr lange. Warum fragst du?“
„Um zu sehen, ob ich den Anhänger mitnehmen muss, kannst du mir die GPS Position schicken?“
„Kann mein Handy nicht, ich kann dir die Ausfahrt und die Autobahn nennen.“
„Hast du kein PRISM?“
„Als ob ich mir als Spieleentwicklerin, die auf Kickstarter angewiesen ist, ein viertausend Euro Handy leisten kann.“
„Mensch Mädchen, du hast einen Pelzmantel …“
„… den ich mir gekauft habe, als ich als Topmodel satt verdient habe. Ersparnisse halten auch nicht ewig. Bitte hilf mir.“
„Ok, ich zieh mir kurz was an und dann düse ich los.“
„Vielen Dank Großer, du bist ein Schatz.“
Oh man. Das war so typisch für sie. Die vermutlich beste Scharfschützin der Welt vergaß zu tanken. Er zog sich ein paar Bequeme zweckmäßige Sachen an. Draußen am Lichthof las Benj in einem Buch über Kryptografie. Er sah auf als Kaz den Fahrstuhl erreichte.
„Brauchen sie Hilfe Sir?“
„Nein, ich geh nur eine alte Freundin abholen, ich gebe dir den Nachmittag frei.“
„Vielen Dank Sir. Bis morgen.“ Und er ging durch die Tür zu seinem Apartment während Kaz in den Keller fuhr. Der Avenger wartete schon auf ihn und hatte sich schon seinen Anhänger geschnappt. Anna steckte auf einem Rastplatz fest, der nah an der deutsch-polnischen Grenze lag. Hal berechnete die schnellste Route und Kaz fuhr aus der Tiefgarage und drückte aufs Gas. Leider war der Avenger recht auffällig und erregte immer viel Aufmerksamkeit. Egal. Konnte man auch nicht ändern. Liz schwarzer Defender war auch nicht besser und aus Pappe und schluckte wie ein Loch. Und in den Hound passte nicht so viel Zeug rein, der war ja zur Luxus Limousine umgebaut worden und hatte praktisch keinen Kofferraum.
   Abends war er da und bog auf einen Rastplatz ab, wo eine nervös aussehende blonde Frau in seinem Alter an einen abgenutzten und schwer mit Aufklebern beklebten silbernen Opel Zafira lehnte. Ein  Modell das noch nicht mal vor zwanzig Jahren neu gewesen wäre. Er parkte vor ihr und stieg aus. Die Frau bemerkte ihn, trat die Zigarette aus umarmte ihn stürmisch.
„Vielen Dank dass du gekommen bist. Willst du wirklich alles umladen?“
Kaz nickte.
„Das ist sicherer so. Ich besorg dir einen Kombi von Omega wenn du willst.“
„Ich bitte dich, eigentlich brauche ich den nicht. Ein neues Fahrrad wäre mir lieber. Ok, es sieht nach viel aus und ist es leider auch, ich kann mich eben einfach nicht von den Sachen trennen.“
Kaz verdrehte die Augen und öffnete die Heckklappe des Anhängers. Der Krempel würde hier locker reinpassen.
„Dass du so viel Geld hast dir diesen Panzer zu kaufen ist schon echt krass.“
„Du wärst eine erstklassige Diebin.“
„Das ist mir aber zu unfair, außerdem möchte ich ehrlich leben. Ok jetzt los, bevor irgendwer was schnallt.“
In Windeseile packten sie den Zafira aus und luden den Krempel um. Anna hatte einen Spectre One Tower PC in eine dicke Pelzdecke eingewickelt und vorne angeschnallt. Die hatte sie auch nicht mehr alle. Nach einer halben Stunde war alles erledigt und der Zafira war komplett blank.
   Ängstlich strich Anna über den Spectre und stieg dann auf der Beifahrerseite ein. Kaz klappte zu und nahm auf dem Fahrersitz Platz.
„Mensch das sieht ja noch besser aus als in einem Supercar! Hat wahrscheinlich auch mehr gekostet oder. Ich muss dir noch was beichten. Ich hab es viel zu spät geschnallt. Lara hat ihre Werke in Russland und China geschlossen und alles Equipment und Personal mitsamt Familien nach Deutschland geschafft. Heimlich natürlich. Mulan hat dasselbe mit den Theta Werken in China gemacht. Russland und China sind momentan echte Pulverfässer und ich bin lieber in Deutschland als in Russland wenn die Welt untergeht. Aller Mühen zum Trotz ist Russland immer noch ein korruptes Drecksloch. Und China ist nur auf dem Papier eine Demokratie. Wir haben die Leute auf Hals Gelände untergebracht und sie werden von Sir Henry von NOX mit Nahrungsmitteln und Kleidung versorgt.“
„Stimmt das Hal? HAL??“
„Jawohl Sir, stimmt alles, der Rat hält es sicherer wenn wir für die Dauer der bevorstehenden Krise zusammenbleiben. Auf dem Gelände sind oberirdisch momentan etwa 783 Menschen untergebracht und in den beiden Dörfen haben 195 Menschen Stellung bezogen.“
„Das sind eine Menge illegaler Einwanderer.“
„Die bestens ausgebildet sind und bereit sind Deutsch zu lernen und sich an die Kultur anzupassen. Sie halten sich momentan sehr bedeckt. Glücklicherweise ist das Wetter fürs Campen sehr Ideal. Die Bundeswehr ist informiert und steuert Zelte, Kleidung und Nahrungsmittel bei und hat ein paar Einheiten dort stationiert um es in der Not wie eine Truppenübung aussehen zu lassen. Etwas zusammengeschustert ich weiß. Die Armee wurde durch die Clownangriffe schwer getroffen, die werden den Teufel tun und irgendwas an irgendwen verraten. Ok wann sind wir da? Ich hab einen Bärenhunger, ich hatte heute noch gar nichts außer ein paar Schokoriegeln!“
„Im Fach unter der Armlehne links neben dir sind Snacks und gekühlte Cola. Hal, sag Lien Bescheid dass sie ein deftiges Abendessen für zwei Personen zubereiten soll, wir sind in etwas drei Stunden da. Danke dir.“
„Wow du hast jetzt Personal? Ich hab gehört, du sollst der totale Rassist sein, weil du zwei Schwarze und eine Asiatin angestellt hast. Soll ich mir da als halbe Russin und deine Verlobte Sorgen machen?“
Sie zwinkerte ihm zu und schnappte sich dann eine Cola.
„Alles nur Geschwätz“
Winkte er ab. Der Berliner Stadtverkehr war mal wieder zum Kotzen und sie parkten mit einer Stunde Verspätung in der Tiefgarage.
„Kannst du Lara nehmen? Bitte Bitte! Ich nehme meine Tasche.“
Kaz schnappte sich das Paket aus Pelzdecke und Rechner und stapfte mit Anna in Richtung Aufzug. Wenige Minuten später waren sie in der Wohnung, wo Anna sich alles mit riesigen Augen ansah und er Lara oben unter dem Schreibtisch einstöpselte. Sie brauchte ja nur Strom und ein Netzwerkkabel. Die Decke warf er auf den Sessel zu der anderen. Anna kam hoch und Drückte ihn fest, dann küsste sie ihn auf den Mund, ihr Atem roch nach Pfefferminz. Sie wusste genau, dass er sie nicht küssen wollte, wenn sie nach Zigaretten roch. Anna war größer als Liz, etwa einen halben Kopf. So musste er sich nicht übermäßig bücken, wenn er sie umarmte. Sie waren wieder zusammen, nach einem knappen Jahrzehnt. Es war einfach nicht zu glauben. Liz würde ihn bestimmt hassen. Wie würde Amber darauf reagieren? Schließlich würde er Anna heiraten und sie wäre dann Ambers Stiefmutter auf dem Papier. Hoffentlich ging das gut, aber Anna war auch eine tolle Mutter und eine tolle Frau.
„Essen steht bereit Sir und Madam. Wenn Sie mir bitte folgen würden“
Lien stand hinter ihnen und verbeugte sich vor ihnen. Sie folgten ihr zur reich gedeckten Tafel, wo sie sich gegenüber hinsetzten. Dann servierte Lien die Speisen und tat ihnen auf. Es gab einen fantastisch duftenden Sauerbraten mit Klößen, Rotkohl und Bratensoße. Dazu gekühltes Weißbier. Anna sah überwältigt auf ihren Teller und schnitt ein Stück Braten und schob es sich etwas zaghaft in den Mund.
„Oh mein Gott. Das ist gut. Besser noch als das alte Familienrezept von meinem Vater. Bitte Lien, woher weißt du, dass ich in Bayern aufgewachsen bin?“
Lien lächelte.
„Hal hat es mir verraten.“
Sie zwinkerte ihnen zu.
„Ich werde mich nun von Ihnen verabschieden, ich wünsche den Herrschaften noch einen schönen Abend.“
Anna und Kaz sahen der mittelgroßen etwas molligen Asiatin nach, dann prosteten sie sich zu und machten sich ans Essen.
„Ich dachte du verarschst mich, als du meintest deine Haushälterin wäre eine erstklassige Köchin wäre. Aber das Essen ist fantastisch. Ich fürchte das macht mich total verdorben wenn die jeden Tag so gut kocht. Aber du bist ja auch nicht schlecht. Kommst du eigentlich noch um Kochen?“
„Ich koche an den Wochenende und wenn sie frei hat. Übrigens ist dein bayrischer Akzent sehr süß.“
„Oh nein, hab ich deutsch gesprochen? Ach verdammt, ich werde diesen dämlichen Akzent einfach nicht los und der ist nicht süß, der ist schrecklich. Aber immerhin ist es nicht sächsisch. Und man hört ihn nicht sofort wenn ich Englisch oder Russisch rede. Wehe du sagst du findest den Akzent sexy!“
Kaz grinste nur breit, das wollte er gerade sagen.
„Du bist schlimm. Du kannst froh sein dass ich tierlieb bin ansonsten wüsste ich nicht was ich zu diesem Vieh sagen sollte. Der … äh … Das Viech ist einfach nur riesig und unheimlich.“
„Ich bin der zweite Besitzer. Die Art wird verdammt alt, der bleibt also eine Weile und er kann Türen öffnen was mir gar nicht gefällt. Er hat die Klinke runtergedrückt als ich ihn im Bad eingesperrt habe und ich bin VR Brille auf der Nase über ihn gestolpert, er heißt übrigens Karl.“
Anna prustete los und lachte sich schlapp.
„Ahaha, das kann ich mir bildlich vorstellen. Ok, dann schließe ich immer ab wenn ich im Bad in der Badewanne liege oder schlafe. Ist die Decke auf dem Bett eigentlich echt?“
„Ja, Liz hatte einen Tick was Pelze angeht. Ich bin ratlos was ich mit dem Krempel anstellen soll. Ich hoffe dir macht es nichts aus Pelze zu tragen.“
„Ne, tut es nicht. Wo sind die denn?“
„Halt erst wird schön aufgegessen!“
„Ach ja, sorry.“
Als ihre Teller leer waren stand Kaz satt und zufrieden auf und sie wuschen sich die Hände mit Seife im Bad. Dann zeigte er ihr die Garderobe im Schuppen.
„Oh verdammt. Wer braucht denn so viele Schuhe? Ich hab vielleicht fünf oder sechs Paar für alle Jahreszeiten. Das sind locker dreißig.“
„Warte bis du die Mäntel siehst.“
Und er öffnete die Schiebetür zur Garderobe. Anna hielt sich die Hände vor den Mund und sog hörbar die Luft ein.
„Oh mein Gott, das sind ja dutzende! Moment, 26 Stück und alle sehr edel. Das ist doch völlig absurd. Soll ich meinen dazu hängen? Die sind ja großartig, ja die trag ich alle, versprochen.“
„Im Keller sind noch 15 weitere, also sind es 41. Bei den Temperaturen in Deutschland die nächsten Jahren wir es etwas eng mit dem tragen. Es sei denn du trägst sie, wenn du nackt bist.“
Er zwinkerte ihr zu.
„Mensch wenn ich nicht so vollgefressen wäre würde ich dich glatt fragen, ob du Lust auf Sex hast. Aber ich muss dich ein bisschen vertrösten. Hast du eine Zahnbürste? Ich hab jetzt grad keinen Bock um in den Keller zu gehen und den Krempel zu holen, lass uns das morgen machen.“
Anna gähnte herzhaft und ging ins Bad. Er suchte ihr einen Kopf für die elektrische Zahnbürste heraus und sie putzte drauf los. Fünf Minuten später kroch sie auf seiner Bettseite ins Bett und kuschelte sich ein, ein paar Minuten später schlummerte sie friedlich. Er zog sich zurück und schloss die Tür zu, gerade rechtzeitig. Der Waren blieb vor der Tür sitzen und sah neugierig zu ihm hoch. Dieses Viech war sehr merkwürdig. Mehr als einmal hatte er die Echse dabei erwischt aufs Bett zu kriechen um sich neben ihn zu legen. Er verriegelte die Tür. Hoffentlich stand Anna nicht in der nächsten Stunde auf und musste aufs Klo, was bei dem Liter Bier den sie getrunken hatte durchaus der Fall sein konnte.
„Karl, stör sie bitte nicht, sie hatte einen langen Tag hinter sich.“
Der Waran guckte ihn an und trottete dann davon, Warane waren zwar recht schlau, aber hier war was faul. Er öffnete den Riegel wieder und seufzte.
   Dann nutzte er die Gelegenheit der Nacht und packte das Auto aus. Alleine dauerte das etwas mehr als eine Stunde, aber dann war alles oben und er seufzte. Er hatte sich Mühe gegeben keinen Laut zu machen. Karl sah aus dem Fenster und schlug etwas unruhig mit dem Schwanz. Kaz trat neben ihn. Moment, wo waren denn die Lichter hin? Alles war pechschwarz. Er schlich in den Schuppen und holte ein Nachtsichtgerät hervor, dann machte er die Lichter der Wohnung aus und trat ans Fenster. Er starrte aus dem Fenster, während sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten.
   Im schwachen Schein des Mondes sah er eine Gestalt draußen auf dem Weg. Er klappte das Nachtsichtgerät herunter und sah nach draußen. Die Gestalt trug einen Kampfanzug und ihr Blick schien sich trotz des Helms zu treffen. Der Behelmte nickte ihm zu und hob ein Stück weiße Kreide hoch. Kaz erkannte das Emblem auf dem Brustpanzer und er zuckte zurück. Alpha. Er blinzelte und die Gestalt war weg. Eine Minute später gingen auch wieder die Straßenlaternen an. Dort wo die Gestalt gestanden hatte, war etwas aufgemalt worden. Er tauschte das Nachtsichtgerät gegen ein Fernglas. Das Symbol eines Dolches, Daggers Symbol.
   Kaz kannte sich ein bisschen mit der Legende der Geister aus. Dagger war unter eingeweihten in aller Munde, weil er immer sein Zeichen hinterlies und verdammt grausam war, ein sadistischer Drecksack, der seine Opfer zerstückelte. Alpha war eine Legende und war angeblich einer der ältesten und besten Kämpfer der Geister, aber keiner hatte ihn je gesehen. Er war ein Schatten unter vielen Schatten. Bis jetzt dachte sich Kaz grimmig.
   Warum hatte er ihm zugenickt? Ein Gruß, eine Warnung? Und warum hinterließ er das Symbol von Dagger und nicht seines? Fragen über Fragen. Und warum hatte der Waran ihn gespürt? Seit wann konnten Warane sowas?
   Er ging in den Schuppen und suchte nach einer Dose Pfirsiche. Die füllte er in der Küche in einen Napf um und stellte sie Karl hin der sie mit Appetit verspeiste. Kaiserwarane. Er hatte die Färbung ähnlich eines Bindenwarans, war aber viel massiger, so wie ein Komodo, schien aber nicht giftig zu sein. Und er war von Schnauze zur Schwanzspitze knapp 3,5 Meter. Das war sehr sonderbar, hoffentlich wurde der nicht noch größer. Schlafen konnte er nach der seltsamen Begegnung nicht mehr. Er machte es sich auf dem Sofa bequem und klickte sich durch das Programm. Er hörte über Bluetooth Kopfhörer.
   Liz hatte so ziemlich alles im Programm. Bei einer etwas reißerischen Doku zur Legende des Riesenkraken blieb er hängen. Sven Engström wurde im Vorspann genannt, das war einer von Liz‘ großen Brüdern. Der war Meeresbiologe. Spannend gemacht und im letzten Drittel zuckte er zusammen. Diesen Engström Spinnern war es gelungen einen leibhaftigen Riesenkalmar in der Tiefsee zu Filmen. Das eklige Ding war über zwanzig Meter lang.
   Tja da ging sie dahin seine Lust mit den Kids tauchen zu gehen. Er hasste tiefes Wasser und seine lebhafte Fantasie trieb ihn in den Wahnsinn wenn er in einem Gewässer schwamm, wo er den Boden nicht sehen konnte.
   Zur Entspannung holte er sich noch eine Cola aus dem Kühlschrank und startete einen spontanen Filmmarathon aller Marvel Filme bis Endgame. Mal gucken wie weit er kam bis Anna aufwachte und aufs Klo musste.
   Er schaffte einen halben ersten Iron Man bis sich die Schlafzimmertür öffnete Anna in einem Slip herauskam und ihn fragend anstarrte während sie auf dem Klo verschwand. Er drückte auf Pause und legte die Kopfhörer zur Seite und wartete auf seine Verlobte.
„Was machst du denn Großer? Ich dachte du kuschelst mit mir. Danke fürs auspacken. Bekomme ich auch ne Cola? Wenn du nicht schläfst, mag ich auch nicht schlafen, außerdem guckst du meinen Lieblings Marvel Film! Warte einen Moment.“
Kaz machte das Soundsystem an und legte die Kopfhörer wieder in die Ladestation. Anna kam mit ihrer Pelzdecke zurück und kuschelte es sich damit auf dem Sofa ein. Eng zusammen gedrängt guckten sie weiter. Als sie Captain Amerika guckten, öffnete sich die Tür und Lien sah sie etwas überrascht an. Sie schüttelte nur den Kopf und verschwand in der Küche. Wunderbar, Frühstück auf dem Sofa mit seiner Liebsten. Auf dem Tisch stand mittlerweile ein ganzer Stapel leerer Cola Dosen.
„Wann gibst du mir den Ring?“
Fragte sie Plötzlich.
„Wenn wir es ein halbes Jahr ohne weltendenden Krach zusammen unter einem Dach überstanden haben. Das ist eine Challenge für dich.“
Sie lachte.
„Hast du mich als so schlimm in Erinnerung? Ok, Challenge Angenommen. Und wenn ich gewinne bestimme ich, wie und wo wir feiern ok?“
Hohes Risiko sich selbst volle Möhre ins Knie zu schießen.
„Abgemacht.“
Sie sahen sich weiter den Film an und Lien servierte einen stark gesüßten doppelten Espresso und verkündigte die Pläne für das Mittagessen. Fränkisch. Deftige Bratwürstchen mit Sauerkraut.
Das klang gut. Eine Stunde später kam das Frühstück. Eine große Platte Schnittchen auf Baguette. Dazu ein frischer Obstsalat und halbierte hartgekochte Eier mit einer leckeren Creme. Frisch gepressten Orangensaft und zwei Milchkaffee mit ordentlich Zucker. Danach verabschiedete sich Lien zum Einkaufen.
„Ist das jetzt jeden Tag so?“
Anna wirkte überwältigt.
„Solange Lien hier arbeitet ja, und am Wochenende verführe ich dich meine Liebe.“
„Das ist echt peinlich, dass ich nicht kochen kann und du so verdammt gut. Aber ich freue mich, ich hoffe die Kids essen auch so gut.“
„Mach dir mal keine Sorgen, Was die Internat nennen, nennen normale Menschen Fünf Sterne Wellness Hotel. Und Amber und Jack knutschen die ganze Zeit wie Akira säuerlich bemerken lässt.“
„Oh ich bin so gespannt die Kleine endlich mal kennenzulernen. Und es tut mir so unglaublich Leid dass ich dich so selten in den letzten Jahren besucht habe. Was meinst du, bin ich bereit dazu wieder in die Rolle einer Mutter zu schlüpfen? Ich hab doch beim ersten Mal total versagt.“
„Ach Quatsch. Du bist die liebenswerteste Frau die ich kenne und du warst eine tolle Mutter. Amber wird dich lieben.“
„Ach ich weiß nicht, ich fühle mich nicht bereit dazu wieder in diese Rolle zu schlüpfen. Ich versage bestimmt total. Und sie ist fast sechzehn, ich weiß doch gar nicht was ein Teenager braucht und was Mädchen in dem Alter brauchen und wollen!“
„Denkst du ich wusste auf was ich mich da eingelassen habe? Nein! Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen und es hat irgendwie funktioniert. Hab ich dir eigentlich erzählt dass sie wie die junge Lara Croft aussieht?“
„Ja und du hast auch erzählt, dass sie sich die Haare abgeschnitten hat.“
„Genau und dann hat sie sich total in Jack verknallt, der sie mit langen Haaren attraktiver findet und sie lässt sie wieder lang wachsen. Oder sie trägt eine Perücke, was sie an Wochenenden öfter mal macht.“
„Oh je die habe ich auch gesehen. Das ist einfach nur der Wahnsinn. Und der ganze Krempel gehört dir. Oh man das muss doch so mies aussehen. Sie hat dich geliebt und dir alles vermacht und dann komm ich und wir heiraten hoffentlich bald und ich schnappe mir alles. Ich glaube ich darf keine Zeitung mehr lesen oder Nachrichten gucken.“
„Von wegen schnappen. Du richtest die Feier aus und ich mache den Ehevertrag.“
„Vertraust du mir nicht?“
Sie schmollte ein bisschen, aber er wusste dass sie nur spielte.
„Ich bin nur gut vorbereitet. Wie wäre es denn damit, wir starten damit, dass du verarmte Deutsch-Russin jeden Monat ein großzügiges Taschengeld bekommt.“
„Mh, immer noch besser als nichts schätze ich. Was erwartest du denn von mir, im Gegensatz zu Liz bin ich die Bescheidenheit in Person. Ok bis auf den Krempel den ich mir als Model gekauft habe. Da stimme ich dir zu. Ich möchte aber in weiß Feiern!“
„Erstmal feiern wir Ambers und Akiras Geburtstag, die haben in derselben Woche Geburtstag und zwar im August. Da feiern wir alle in meinem Elternhaus, obwohl das extrem unsicher ist. Das Ding ist aus Pappe. Hast du eine Idee was ich Amber schenken könnte? Ich kenne sie erst seit einem dreiviertel Jahr und ich weiß nicht ob ich sie einschätzen kann.“
„wie wäre es mit einem Haustier? Einem Hund oder einer Katze?“
„Die Idee ist gar nicht so schlecht. Hoffentlich wird der Welpe oder das Kätzchen nicht von der Terrorechse gefressen.“
Anna lachte.
„Du hast zwei Terrorechsen. Da muss ein kuschliges kleines Kätzchen auch mal mit rein. Und Karl macht mir einen klugen Eindruck. Guck, er hört zumindest auf seinen Namen.“
Karl hatte den Kopf gehoben, als der seinen Namen hörte und starrte neugierig Anna an.
„Ich möchte wissen warum der so klug ist. Das ist doch absurd. Aber mal was anderes …“
Sie fuhr sich nachdenklich durch die langen offenen Haare.
„Soll ich mir die auch kurz machen?“
„Warum denn das?“
„Du stehst doch auf sowas.“
„Stimmt schon, aber deine lange Mähne ist doch einfach nur toll, ich möchte nicht, dass du dir die kurz schneiden lässt!“
„Aber es würde dir gefallen, stimmt’s?“
Kaz nickte resigniert.
„Dann probiere ich es auch mal. Ich hab gesehen dass dort drüben eine lange Echthaarperücke mit meiner Haarfarbe ist, die trage ich zur Hochzeit. Ach komm nicht schmollen. Kurze Haare hatte ich zuletzt vielleicht in der zehnten Klasse. Gibt’s hier einen guten Frisör in der Nähe?“
„Bitte mach es nicht, dass dauert ewig und drei Tage bis die wieder lang sind. Aber gut, im Center unten im Haus ist ein ziemlich guter. Die beraten dich auch gut.“
Sie strich ihm durch die kurzen Haare und gab ihm einen intensiven Kuss.
„Wenn du mich das lassen machen lässt höre ich auch mit dem Rauchen auf, versprochen. Aber erst möchte ich die beiden Mädchen und Jack sehen und diesen verrückten Araber von dem du immer sprichst.“
„Lass uns das am Wochenende machen, wenn die drei rausdürfen. Und ok, mach was du für richtig hältst. Solange sie nicht ganz ab sind, bin ich happy. Liz hat das zwar knallhart durchgezogen, aber die hatte auch den Mumm und das richtige Auftreten dazu. Und sie hätte Musikerin werden sollen, ihre CD verkauft sich wie Teufel. Hast du schon mal gesungen?“
„Ein bisschen, aber ich würde mich nicht wirklich trauen, das so richtig vor Publikum zu machen. Ich mag es eigentlich gar nicht im Rampenlicht zu stehen, ich guck mir lieber alles aus der Distanz an. Von daher wird die Hochzeit ein gewisser Albtraum für mich.“
„Stell dich nicht so an, du hast gemodelt und standest die ganze Zeit im Rampenlicht.“
„Frag dich mal warum ich aufgehört habe! Das war einfach nur schlimm. Ich habe es gehasst. Als Fotografin sieht man nur meine Werke, nicht aber mich und als Spielentwicklerin auch nicht.“
„Ist die Kamera die Kompensation für deine AWM?“
„Ja so fühlt es sich an. Auch wenn es fast schon schmerzhaft ist, nicht den satten Rückstoß zu verspüren, wenn ich ein Foto mache. Vorläufiger Ruhestand ist etwas Komisches nicht war.“
„Ja ich weiß, man vermisst das alte Leben sehr.“
„Bist du noch aktiv?“
„Ich bin nicht völlig inaktiv, aber ich lass andere zum Zug kommen.“
„Was denkst du über Dagger?“
„Ein bisschen durchgeknallt und ein großer Fan von Alpha, wird aber nie in seine Fußstapfen treten. Ein bisschen wie Nate und Noah aus meinem Buch. Der junge und der Alte, die nicht auf Augenhöhe sind oder sein können. Die Morde im April passen nicht in sein Schema. Aber so tief bin ich nicht in der Materie drin.“
„Nicht tief in der Materie? Du bist regelrecht besessen von den Geistern.“
„Das stimmt nicht, außerdem sind sie bis auf Ausnahmen ein moderner Mythos.“
„Du stehst doch total auf Legenden und Mythen und Mysteriöse Vorkommnisse aller Art. Du hast in der Schule ständig versucht mich mit deinem Wissen über Obskures Zeugs zu beeindrucken“
„Hab ich nicht, außerdem hast du mir zugehört.“
„Weil du sonst nie Ruhe gegeben hättest“
„Und der Kuss in der 10. Klasse?“
„Um dich abzuwürgen. Aber sei doch froh, so hab ich mich in dich verliebt. Du warst schon immer ein guter Küsser. Und du hast das Herz am rechten Fleck, das ist das wichtigste. Und sieh was aus uns geworden ist. Ein verlobtes Paar, das gemütlich eingekuschelt auf dem Sofa schmusend frühstückt und Filme guckt. Eigentlich könnten wir das auch im Bett machen, aber hier ist auch sehr gemütlich. Der Orangensaft ist echt lecker und der Rest auch. Schnittchen machen kann ich gerade so. Alles was mit Kochen zutun hat kann ich einfach nicht, die letzten Jahre hab ich mich fast nur von Tiefkühlpizzen, Tiefkühlpfannengerichten, Fastfood und fünf-Minuten-Terrinen ernährt. Nur dank meines Körpers bin ich nicht total fett geworden. Würdest du mich eigentlich noch lieben wenn ich fett werden sollte?“
„Klar, aber nur wenn du mich mit Fettbauch auch liebst.“
Sie tätschelte seinen Bauch.
„Du wirst doch schon fett und ich liebe dich trotzdem Dickerchen. Du wiegst doch bestimmt über hundert Kilo. Solange du nicht so fett wie Xen wirst ist alles ok. Ich frage wie Tamara das aushält, gerade beim Sex.“
„Willst du quatschen oder schön den Film weiter gucken?“
„Ich würde gerne in Ruhe frühstücken und mir ein bisschen das Viertel angucken solange es das Koffein noch wirkt und bevor es Essen gibt. Ok?“
„Ok wird gemacht“
Sie aßen in Ruhe, tranken Saft und Kaffee und lauschten Liz toller Stimme aus den Boxen.
„Wie viele Klamotten hast du dabei?“
„Ups, meine Waschmaschine ist kaputt und ich hab nur einen müffelnden Sack Dreckwäsche mit, Die Sachen die ich anhatte waren die letzten Frischen Sachen die ich habe.“
„Dann sollten wir wohl dringend einkaufen während sich Lien um die Wäsche kümmert. Trägst du eher Hosen oder Röcke. Oder ein Kleid vielleicht?“
„Eine Jeans, ein paar Socken und ein T-Shirt wäre gut. Deine T-Shirts sind für mich leider etwas zeltartig.“
„Quatsch, so fett bin ich auch nicht. Ok, für die paar Sachen wird es schon reichen. Im Center unten ist ein großer Klamottenladen. Da sollten wir bestimmt was finden. Und ich spendiere dir ein Sommerkleid, falls du eins siehst, dass dir gefällt.“
Sie nickte zustimmend und trank einen Schluck Kaffee. Eine Stunde später waren sie fertig und frisch geduscht und verließen die Wohnung, es war gerade neun. Mal gucken ob der Laden überhaupt schon offen hatte. Er warf auf einen Blick auf den Briefkasten. Wann hatte er den eigentlich zuletzt geöffnet. Er warf einen Blick hinein. Shit, der war ja randvoll mit Briefen. Oh, Gott. Er atmete durch. Darum würde er sich kümmern, wenn er zurück war. Anna sah ihn schon erwartungsvoll an.
„Warum hast du eigentlich eine Arbeits-Latzhose an?“
„Das wirst du merken wenn wir draußen sind.“
Er zwinkerte ihr zu. Sie zuckte nur mit den Schultern und sie fuhren nach unten, fürs Einkaufen im Haus brauchte er Benj zwar eigentlich nicht, der Schwarze kam aber trotzdem mit. Im Erdgeschoss setzte sich Benj vor dem Klamottenladen auf eine Bank und kramte einen Sudoku Block und einen Bleistift hervor. Anna starrte den Schwarzen mit großer Neugierde an. Kaz schob sie sanft durch die Tür in den Laden.
   Er freute sich fast schon, Shoppen mit Anna war schon immer unproblematisch gewesen. Sie hatte eine ziemlich genaue Vorstellung was sie wollte und was ihr stand und probierte nur, wenn sie allein einkaufen ging. Und sie probierte nicht tausend Sachen an und kaufte dann nichts.
   Sie kauften eine fast schwarze Jeans, ein paar T-Shirts, Unterwäsche und einen dünnen Hoodie. Und ein türkises Kleid, dass gut zu ihren tollen Augen passte. Alles in allem ging es schnell und unkompliziert über die Bühne, nur die Verkäuferin fragte verlegen ob sie ein Autogramm von ihm haben könnte.
„Deshalb trage ich diese Hose.“
Er zückte einen schwarzen Marker und zog eine Postkartengroße Karte mit einem Artwork aus seiner Buchwelt aus der Cargotasche und unterschrieb und schob sie der glücklichen Verkäuferin zu. Anna starrte ihn nur verblüfft an.
   Es war Johnnys Idee gewesen, die Werbetrommel nochmal so richtig zu rühren und Merchandise in den Markt zu bringen. Man kleiner Bruder, was hast du da wieder angerichtet. Im März noch hatte ihn kaum einer angesprochen, jetzt war es ihm fast schon lieb das Benj ihn immer draußen begleitete. Bevor sie rausgingen forderte er beim Sicherheitsbüro an, dass Anna einen Transponder bekommen sollte. Und sie machten oben einen Frisörtermin für Montagvormittag. Es war noch früh am Tag und Frisch draußen. Die Kinder waren noch in der Schule. Bald waren aber Sommerferien. Er sah die kulturell gemischte Schachgruppe auf dem Weg zu ihrem Stammcafé und paar Junge Erwachsene trainierten Parcour. Mütter rollten Kinderwägen über den breiten Gehweg. Leute gingen ihren Hunden und ein alter Kauz mit seiner Savannah Katze spazieren.
   Eine Savannah bekam Amber nicht, die waren schweineteuer und die reinrassigen brauchten einen Zwinger. Sie blieben stehen als sie ein mächtiges Flappen hörten, kurz darauf flog eine Lamba Swordfish im Landeanflug auf das Haus zu und landete auf dem Dach des Hangarturms. Er zeigte Anna das Viertel und unterschrieb mindestens achtzehn Autogrammkarten. Die Leute grüßten sich wie in einem Dorf oder einer Kleinstadt. Es herrschte ausgelassene Stimmung und er sah Flaggen aller Länder und die von Deutschland von Balkonbrüstungen wehen. Ein Inder mit Turban radelte an ihnen vorbei und die Deutschlandflagge wehte an einer kleinen Fahnenstange hinter ihm her. Anna sah sich interessiert um und blieb häufig stehen um sich etwas genauer anzusehen. Bis zum BIT schafften sie es leider nicht. Außerdem hatten die Kids Unterricht – Sport mit ihrer Klassenlehrerin Nadja, wenn er den Stundenplan richtig in Erinnerung hatte. Sie machten eine Schleife und gingen zurück. Anna wirkte überwältigend. Das war ein anderes Berlin als sie als Teenager kennengelernt hatte.
   Sie waren pünktlich um eins zuhause. Kaz holte eine Klappkiste aus dem Schuppen und leerte dort hinein den Inhalt des Briefkastens. Hoffentlich waren es keine Mahnungen. Ob er sich einen Sekretär besorgen sollte?
   Er würde Hal darauf ansetzen, aber erst wenn er sich die ganzen Sachen angesehen hatte. Oben wartete schon das Essen auf sie und Lien hatte sich Annas müffelnder Kleidung angenommen. Sie stellte die Tüten mit den neuen Sachen neben den Fernseher und sie stiegen die Treppe nach oben. Eine große Platte mit einem Haufen deftiger Nürnberger Bratwürstchen erwartete sie, dazu Sauerkraut und ein Korb mit Graubrot. Es gab Töpfchen mit Senf und Meerrettich und zu trinken schönes Kräftiges Weißbier. Für die bayrisch aufgewachsene Anna ein Traum. Kaz selbst hatte das auch ewig nicht mehr gegessen.
   Sie aßen in Ruhe, tranken Bier und räumten dann den Tisch ab. Sie waren beide etwas geschafft und fielen eng zusammengekuschelt ins Bett und schliefen schnell ein. Kaz träumte glücklicherweise nicht von Geistern oder Kalmaren sondern von einem tonnenschweren Monsterwaran, der ihn jagte.
Er wachte auf. Karl lag schwer auf seiner Brust und sah ihn neugierig an. Etwas unsanft befreite er sich von der Echse. Anna wachte auf und fiel beim Anblick der Echse vor Schreck aus dem Bett. Der Waran hingegen rollte sich ein und schlummerte.
   Zumindest waren sie jetzt wach und es war sechs. Lien hatte ihnen einen kräftigen weißen Tee und zwei Stück Kuchen und etwas frisches Obst serviert. Kaz fragte Anna ob sie nach dem Mittagessen noch übermäßig Hunger hatte und sie verneinte. Also sagte er das Abendessen ab und schickte die Chinesin in den Feierabend. Diese bedankte sich und schloss die schwere Tür hinter sich.
Anna fuhr sich nachdenklich durch die Haare.
„Und wenn ich einfach jetzt mache?“
„Redest du schon wieder davon? Dann mach doch, wenn du dich nicht gedulden kannst!“
„Hey, nicht so patzig. Tee noch und Kuchen und dann guck ich mal ob die unten noch was frei haben. Ich finde lang etwas langweilig.“
„Tu was du nicht lassen kannst. Schlüssel hast du ja mittlerweile.“
Er verdrehte nur die Augen und nippte an dem Tee, er war etwas verstimmt. Auch wenn sie ihm vielleicht eine Freude zu machen versuchte. Stimmte schon dass sie das letzte Mal als Teenager super kurze Haare gehabt hatte. Ein paar Monate zuvor hatte sie sich als Protest gegen ihre spießigen Eltern den Kopf rasiert, was er mega dämlich fand. Aber auch ein bisschen heiß. Ihr Vater war aus beruflichen Gründen von einer Kleinstadt in Bayern nach Berlin gezogen und hatte die Familie mitgeschleift, da war Anna etwa 14 gewesen und sie kam in seine Klasse. Seitdem hatte er sie nie mehr mit kurzen Haaren gesehen. Sie hatten sich irgendwann angefreundet und ständig Filme zusammen geguckt. Er erinnerte sich noch an den Film Anna von Luc Besson, der war nicht so pralle gewesen und die echte Anna hatte sich die ganze Zeit unwohl gefühlt. Auch wenn sie die Idee irgendwie cool fand als Agentin oder Attentäterin zu arbeiten und eine Tarnidentität zu führen. Er schätzte, das war hängen geblieben. Bei ihm war das ja schon ein bisschen der Fall gewesen, da er damals schon fleißig an Hal herumbaute, während er den Idioten im Unterricht mimte.
„Ok Schatz bis gleich, du kannst mein Stück haben.“
Kaz zuckte ein bisschen zusammen und sah auf das halb aufgegessene Kuchenstück von Anna. Er sah ihr nach und dachte ein bisschen weiter nach, während er den köstlichen Kuchen aß. Danach schleppte er die Kiste mit der Post nach oben zum großen Tisch und schüttete sie aus.
Eine Menge Rechnungen für Zeugs, was ihm Liz vererbt hatte. Ein Sack Fanpost, die er mit einem Schmunzeln las. Angebote von Waffenherstellern um ihr Zeugs zu reviewen – Tja würde ich ja gerne aber das ist Deutschland, da sind die Waffengesetze echt absurd strikt.
   Ein paar Angebote von Merchandise Herstellern, um nicht zu sagen ganze Kataloge. Ah darauf freute er sich, sowas was immer gute Lektüre und er hatte dicke Kataloge immer schon geliebt. Als er klein gewesen war hatte er immer dicke Globetrotter oder Manufaktum Kataloge gelesen, wenn er nachts nicht schlafen konnte. Apropos Manufaktum. Er brauchte Seife und vielleicht ein paar dicke Wolldecken um Anna und Amber von Pelz wegzubewegen. Gab es den Laden am Ernst-Reuter-Platz eigentlich noch? Dann würde er mal mit der Bahn hinfahren. Das war neben der Charité, wo Ryan an seiner Verletzung gestorben war, arme Socke. Siebzehn Jahre und dann so eine Scheiße.
   Er studierte die Kataloge und nippte an einer Cola als sich die Tür wieder öffnete.
„Hey Schatz, tut mir Leid dass ich dich so lange warten hab lasse, aber ich musste eine halbe Stunde warten, komm mal her. Und Karl geh‘ woanders spielen!“
Kaz erhob sich, schon eine Rechnung als Lesezeichen in den Katalog und trat ans Geländer.
„Ich bin hier oben.“
Ihr Anblick war ein gewisser Schock. Ein sehr kurzer, schicker Bob. Da war sie dahin ihre lange blonde Mähne. Er sprang über das Geländer und rollte sich ab. Sie war etwas erschrocken, ließ sich aber nur zu gerne von ihm küssen.
„Ich muss einräumen, dass das verdammt gut aussieht.“
„Ich hab mich auch lange beraten lassen. Aber es ist jetzt so viel leichter. Und ich finde es total schick. So, ich könnte eine Kleinigkeit vertragen und dann will ich weiter gucken! Und heute machen wir nicht durch, ich will morgen trainieren, damit ich von dem ganzen guten Essen nicht fett werde.“
„Unten ist ein sehr großes top eingerichtetes Studio mit einer riesen Kletterwand. Und auf der anderen Seite ist ein großes unterirdisches Schwimmbad. Frag mich bloß nicht, wie die das mit der Statik gelöst haben, das ist einfach nur der Wahnsinn. Aber es ist klasse und da du mit mir hier jetzt wohnst, darfst du die beiden Sachen völlig kostenlos benutzen. Und du bekommst Rabatt in den Läden unten.“
„Hab ich schon gemerkt, dass ist der totale Knaller. Liz war irgendwie etwas komisch drauf. Die Pelze, die Perücken und der ganze Prepper Krempel in der Kammer da.“
„Da musst du mal den Keller sehen. Ich fürchte ich hab sie damals infiziert. Und da stehen drei Waffentresore rum. Randvoll mit Gewehren und Pistolen und Munition fürs Sportschießen.“
„Oh Gott, warum hat man sowas? … fragt eine mit einer AWM und einer Beretta.“
Anna lachte unsicher.
„Und die anderen Tresore nicht zu vergessen. Einer ist voller Geldbündel, einer voll mit Wertpapieren und Schmuck, und in einem stapeln sich Barren aus Silber und Gold. Liz muss in den paar Jahren unglaubliche Reichtümer angehäuft haben. Mir graut schon davor was man in Johnnys Keller finden wird. Ich schätze wir sollten für Akira eine Trage mitnehmen, wenn sie vor mir aus den Latschen kippt. Liz hat mir ja schon absur … Aua, das war ein Scherz.“
„Man sowas macht man nicht, deine beste Freundin ist höchst wahrscheinlich tot und du hast frisch deine Schwägerin und deinen Neffen verloren. Dein Humor war schon immer völlig fehl am Platze!“
„Ja Entschuldigung. Wie soll man sonst der Situation begegnen wenn nicht mit Humor. Nach dem Tod von Ryan und Helena hab ich mir die Kids geschnappt und bin zur Fabrik gefahren. Dort haben wir hart trainiert und ich den dreien Schießen beigebracht. Jack und Amber sind ein gutes Team an der AWM und AX50.“
„Bitte WAS? Leute sterben und du zeigst KINDERN wie man Leute abknallt. Geht’s noch?“
„Schrei mich nicht an, ich bitte dich, du hattest deinen ersten Abschuss bevor du achtzehn warst. Also stell dich nicht so an. Den Bürgern in diesem Drecksland wird es unfassbar schwer gemacht sich selbst zu verteidigen. Einbrecher darfst du nicht mal mehr überwältigen, sondern du musst auf die korrupte Polizei warten, die die Clowns übrigens deckt und mit Waffen versorgt. Die Politiker machen nichts außer die Sache für die Opfer so schwer wie möglich zu machen und die Presse übertüncht die Wahrheit. In so einer Scheißwelt ist es mir egal ob mir jemand sagt was ich zu tun und zu lassen habe. Die Kids lernen sich zu wehren und das ist mir verdammt noch mal wichtig. Denk doch nur mal an unseren Sohn Markus. Oh nein, nicht weinen.“
Anna war in Tränen ausgebrochen und er nahm sie sanft in den Arm. So knallhart wie er war sie vielleicht doch nicht.
„Oh man du bist immer noch so sanft und sensibel wie ein verdammter Panzer! Ich hab dich trotzdem lieb. Können wir jetzt vielleicht weitergucken, Büdde?“
„Ja klar, ich räume nur das Geschirr ab. Willst du noch einen Kaffee oder einen Tee?“
„Ich mag noch eine Cola, wenn noch welche da ist.“
„Ach klar im Keller steht eine Europalette von dem Zeug. Kommt sofort.“
„Du verarscht mich doch!“
„Nein die Palette erscheint mir realer als der Schrank mit den Gelscheinen. Warte ich hol dir eine kühle Dose. Dann gibt’s morgen aber satt Sport vor dem Frühstück!“
„Klar, nicht dass wir beide noch fett werden. Und schön Zähneputzen, wir sind zu jung für die Dritten.“
„Ich hab gelesen mittlerweile werden bei Horizon Nanomaschinen getestet die für dich putzen, Zahnstein entfernen und Löcher stopfen.“
„Du spinnst doch. Wir haben zwar 2045, aber das nehme ich dir nicht ab.“
„Komm das ist nicht weniger absurd als Augmentierungen. Mittlerweile gibt es sehr gut funktionierende künstliche Augen. Damit kann Blinden enorm geholfen werden. Die gibt’s auch mit Nachtsicht und Zoom.“
„Na dann hol dir doch eins!“
„Quatsch, ich bin Purist was sowas angeht, ich hab nur einen Haufen Tattoos.“
„Ja voll der Nazi und so. Alles voller Totenschädeln, Waranen und die Deutschlandflagge, um nur ein paar zu nennen. Oh man, die Presse hat dich mit einer Drohne abgelichtet als du mit freiem Oberkörper rumgelaufen bist. Für die im Viertel bist du ein Patriot, für die Leser der Klatschpresse ein Neonazi. Ich will gar nicht wissen was die in nächster Zeit über mich schreiben.“
„Wahrscheinlich als geldgierige Schlampe, die sich nach dem Tot von Liz an mich heranmacht um an die Kohle ranzukommen. Egal, die werden auf jeden Fall alles ausgraben, was man zu dir finden kann, also bete, dass deine Tarnidentität absolut wasserdicht ist. Und ignorier den Scheiß einfach.“
„Kann ich nicht, in hab nicht so ein dickes Fell wie du. Ich bin ein zartes Blümchen.“
„Mit einem Scharfschützengewehr im Schrank, ja ne ist klar.“
Anna grinste nur und ließ sich aufs Sofa fallen und klopfte mit ihren manikürten Fingern auf den Platz neben ihr. Kaz schüttelte den Kopf, räumte ab und die Maschine ein und nahm sich zwei kalte Cola Dosen mit ins Wohnzimmer. Das würde ein knalliges halbes Jahr mit Anna werden. Er war schon gespannt wie die Kids reagieren würden.

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 24

24. Kaz – 2.W.Mai 2045 – Sonntagabend – Abschied.

Kaz stand mit seinem Anzug vor dem Spiegel und dachte nach. Rein schwarz sollte er nicht sein, dann sah es zu sehr nach Beerdigung und Liz hatte ihn angefleht ihr das nicht anzutun. Er tippte etwas auf seinem Prism und der Anzug wurde Anthrazit und die Krawatte rot. Schon ein bisschen besser.
Er sah nach Amber in ihrem Zimmer. Sie trug das tolle trägerlose Kleid von NOX. Sie hatte sich die Haare gemacht, die jetzt wieder dunkelbraun waren und trug gerade Makeup auf. Akira oder Liz mussten ihr gezeigt haben wie das geht. Sie hatte dem Tomb Raider Fan und ihrem Freund Jack hoch und heilig versprochen, sich die Haare wieder langwachsen zu lassen. Der Junge hatte einen guten Einfluss auf die Kleine, auch wenn es drei Jahre dauern würde, bis die Haare wieder schön lang waren. Zu Sahids Leidwesen gefielen Akira die sehr kurzen Haare hingegen. Für die Feier wollte Liz keine Geschenke, darauf hatte sie bestanden.
   Er sah auf sein schwarzes Masterarmband am Handgelenk. Sie hatte ihm die Wohnung heute Morgen ihm übertragen. Ihr Testament würde in einer Woche vollstreckt werden. Er wusste nicht ob er sich darüber freuen sollte oder lieber weinen sollte.
   Die letzten beiden Wochen waren merkwürdig gewesen. Trotz Krankheit war sie so voller Tatendrang gewesen was das musikalische anging. So hatte er sie kennengelernt. Stressiger Job und abends und an Wochenenden mit ihrer Band geprobt. Ein bisschen bereute er es ihr den Job in Johnnys Firma vermittelt hatte. Vielleicht wäre sie als Musikerin glücklicher gewesen. Zumindest hatten sie die entspannten Frühstücke und die späten Abende miteinander verbracht und oft zusammen gekocht, Games auf dem Sofa gespielt und Filme geguckt. Alles wie früher, als sie in seiner kleinen Zwei-Zimmer Bude zusammengelebt hatten. Er hatte das vermisst und sie auch. Dennoch kam er nicht daran umhin die ganze Zeit an seine Verlobte zu denken. Sie hatte es vorgezogen nicht zu kommen um ihre Rivalin nicht zu kränken, wie sie es gesagt hatte. Das konnte er gut verstehen. Liz hatte nicht gut auf den Brief reagiert den sie beim Schnüffeln in seinen Sachen gefunden haben musste. Zumindest hatte sie das eine Bild nicht zerrissen. Liz war immer ein bisschen eifersüchtig und leicht kränkbar gewesen, dass hatte ihr Zusammenleben auch oft auf eine harte Probe gestellt.
   Xen hatte sich auch entschuldigt, seine Frau stand kurz vor der Geburt. Aber die Kleine würde Elisabeth heißen, ganz nach Liz. Diese hatte sich sehr gefreut.
   Liz hatte schon gepackt und die Sachen wurden in den Lambda Swordfish der Firma geladen, die oben auf dem großen Landedeck auf Liz warten würde. Sie nahm natürlich eine Decke und ihren Lieblingspelzmantel mit. Großartig, blieben also nur noch 41, er seufzte.
   Und sie hatte sich mit ihrer Familie versöhnt, was ein gutes Zeichen war. Er sah auf die Uhr, die Feier würde in einer halben Stunde starten. Amber war konzentriert und hatte ihn die ganze Zeit nicht bemerkt. Er klopfte dezent. Sie sah auf.
„Es wird Zeit wir müssen los.“
„Sekunde, bin in fünf Minuten unten.“
Aus den fünf Minuten wurden zwanzig, aber dann stand sie endlich vor ihm mit einem sauberen tollen Makeup. Sie gingen zum Fahrstuhl und fuhren nach oben zum Dach. Das Haus der Welt hatte schon eine Bühne aufgebaut, davor war eine Tanzfläche und dann waren Tische mit bequemen Stühlen aufgebaut. Der Abend war klar und recht warm. Über ihren Köpfen war eine Schar von Scheinwerfern angebracht, die die Bühne hell erleuchteten. Um den abgegrenzten Bereich des Restaurants hatte sich auf dem Dach eine große Fangemeinde versammelt. Die sechsköpfige Band wartete schon an ihren Instrumenten und machte einen lockeren Eindruck. Fünf Männer und eine Frau am Piano. Zwei Gitarren, Ein Bass, Schlagzeug, Piano und zu seiner Überraschung ein Blechbläser. Liz stand schon da in einem atemberaubenden tollen langen Kleid mit einem hohen Stehkragen, starkem aber nicht überzogenem Makeup, tolle Ohrringe und ihren haarlosen Kopf. Das Kleid musste Johnny entworfen haben und es war einfach nur hinreißend. Und es passte zu ihr wie die Faust aufs Auge.
   Kaz suchte Jack und Akira, die schon auf sie warteten und setzten sich an einen Vierertisch. Er sah auf die Uhr, gleich geht’s los. Liz klopfte auf ihr Mikrofon und alle verstummten.
„Willkommen, meine lieben Freunde. Heute gebe ich mein Abschlusskonzert und möchte mich bei euch allen für euren großartigen Support und tolle Freundschaft über all die Jahre bedanken. Leider werde ich euch aus gesundheitlichen Gründen alle verlassen müssen, aber daran sollt ihr nicht denken. Ich bin den letzten Jahren nicht viel zum Musikmachen gekommen, aber ich war nicht untätig. Ich habe sieben Songs geschrieben und drei gecovert. Und die werde ich heute mit meiner Band Hope spielen. Das Gleichnamige Album wird im Juni erscheinen. Handyvideos sind erwünscht, aber dieser Abend wird auch professionell aufgenommen. Gegessen wird später, ich lade euch alle ein. Und schwingt das Tanzbein. Also dann los geht’s.“
Und die Band fetzte los. Während ein Kellner ihm und Jack eine große Cola auf den Platz stellte hörte er mit offenem Mund zu. Die Band war der Wahnsinn und Liz Stimme war göttlich. So wandlungsfähig und vielseitig, es war der Wahnsinn. Sieben tolle Stücke. Darunter eine herzeigreifende Ballade über den Abschied, Rockhymnen und zwei tolle Metal Stücke. Die Cover waren von Rammstein und Linkin Park, letztere gab es ja leider schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr, das war seine Lieblingsband gewesen. Die Tanzfläche war voller tanzbegeisterter Leute.
Der Auftritt würde Kaz noch Jahre in Erinnerung bleiben und es war viel zu schnell vorbei und Liz ging in einem begeisterten Jubelgeschrei unter. Wärst du doch nur dieses Leben Rockstar geworden, meine Liebe. Liz trat von der Bühne und Getränke wurden für die Musiker gebracht. Sie trank ein Glas Cola auf Ex und umarmte jeden Gast fest. Eine Gruppe in schrägen Expeditionsoutfits startete eine Massenumarmung, das war ihre etwas schrullige Familie, die sie damals verstoßen hatte. Die Umarmung mit Johnny dauerte lange und sein kleiner Bruder schluchzte tatsächlich. Und dann kam er an die Reihe. Liz strahlte und gab ihm einen langen Kuss auf den Mund. Und sie umarmte Amber die bitterlich weinte. Dann war sie mit den Verabschiedungen durch und holte sich ein Mikrofon.
„Das war alles. Meine Band wird den restlichen Abend spielen, aber leider ohne mich.
Ich muss meinen Flieger erwischen. Wir sehen uns alle im nächsten Leben. Ich wünsche euch alles Gute meine Lieben. Und nun haut rein meine Lieben und esst was das Zeug hält, Feiert durch die ganze Nacht. Ich wünsche euch eine tolle Zeit und ich wünsche euch Hoffnung. Tschüss.“
Und Liz wurde von Vera durch die Menschenschar draußen auf dem Dach geführt, die beinahe ehrfürchtig zurückwich und verschwand in dem Swordfish, der die Turbinen anschmiss und unter lautem Getöse abhob und in der Dunkelheit verschwand. Alle sahen ihr traurig nach.
Das war‘s. Er würde sie niemals wiedersehen. Erst in einem neuen Leben.
   Es war ein Abschied, aber er machte ihm weniger stark zu schaffen als zum Beispiel der Tod seines Neffen und seiner Schwägerin. Der Moment war nicht plötzlich gewesen, sondern er hatte sich darauf vorbereiten können. Er würde sie trotzdem vermissen, sehr. Sie kannten sich seit über zwanzig Jahren. Das war eine kleine Ewigkeit. Wie es dann wohl sein musste jemanden zu verabschieden, den man zum Beispiel fünfzig Jahre kannte? Er wollte gar nicht darüber nachdenken. Die Speisekarte wurde gebracht, aber er warf nur einen grinsenden Blick in die ebenfalls grinsenden Gesichter von Amber, Akira und Jack. Heute gab es Steak!
„Auf Liz!“ Alle hoben die Gläser und stießen klirrend an.
Ich werde dich kleines Mädchen niemals vergessen! Und morgen rette ich Karl.

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 23

23. Kaz – 3.Mai 2045 – Mittwoch – So wie früher

Kaz beobachtete die linksautonome Bar und wartete geduldig. Um kurz nach Eins kam Andreas Ex-Freund heraus und ging mit etwas wackligen Schritt die Straße entlang. Gleich würde er bei Kaz sein. Er drückte sich gegen die Wand der kleinen Gasse und verschmolz mit den Schatten.
   Der Typ ging an der Gasse vorbei und Kaz schlug zu. In den Würgegriff, Mund zu halten und in die Gasse zerren. Im nu war der Typ k.o. Er zückte eine Spritze, zog die Kappe ab und gab dem Typen die volle Ladung in den Hals, jetzt träumst du erstmal süß. Ein Wagen hielt vor der Gasse. Ein uralter rostiger VW Passat in ausgeblichenem grün. Wolf stieg aus und sie luden den Bewusstlosen in den Kofferraum und warfen eine Decke über den Typen. Sie stiegen vorne ein und fuhren los.
„Wo hast du denn diese Affenschaukel gefunden, alter Mann?“
„Den hab ich mir geliehen, bei einer Entführung muss man immer unauffällig sein.“
„Schön und gut aber hast du auch einen Ort, wo wir den ausquetschen können.“
„Und ob ich den weiß, wir besuchen einfach die Potsdamer Mafia.“
„Verarsch mich nicht sowas gibt’s nicht.“
„Offiziell nicht aber die Jungs und Mädels sind ja auch gut in ihrem Job. Ich hab dir doch erzählt dass ich in Potsdam aufgewachsen bin. Nicht so schlimm wie die gute Liz, aber das Haus war schon ganz schön alt und nicht saniert. Jedenfalls bin ich als Junger Mann zu einer Menge Geld gekommen und ich habe das Haus gekauft und die beiden daneben auch. Unter Falschen Namen natürlich. Und dann habe ich mir ein paar Jungs und Mädels ausgesucht, die da einziehen. Junge Leute, die sich das reiche Potsdam nicht leisten können und etwas außerhalb eine WG gründen und unabhängig sein möchten. Selbst Energie erzeugen, Sachen reparieren, Alltagsgegenstände selbst herstellen und Obst und Gemüse anbauen, sowas eben. Und bis heute hält sich dieses Bild. Aber die Wahrheit wird dir mehr gefallen. Diebe, Einbrecher, Attentäter, Hehler, Schmuggler, Fälscher, Geldwäscher, Drogenmixer und Prostituierte. Ich sag nichts bekomme zwanzig Prozent von den Einnahmen und die zahlen dafür keine Miete und bekommen Schutz von mir und meinen Jungs, das Geld hab ich mit den schwarzen Wölfen fair geteilt. Wer legt sich schon mit der besten Spezialeinheit der Welt an? Die die es versucht haben sind heute alle Tot und sie sind nicht natürlichen Todes gestorben. Hahaha. Und das Virus hat sich ausgebreitet und die ganze Straße unterwandert. Die haben Keller und Tunnel zwischen den Häusern gegraben, das ist ein ganzes Labyrinth da unten. Natürlich hab ich ihnen ein paar Tricks beigebracht, wie man‘s macht und so. Und sie machen keine Geschäfte mit den Clowns. In dem Haus in dem ich aufgewachsen war gibt es unterm Dach ein kleines Zimmerchen wo ich ab und zu penne, wenn ich Krach mit meiner Frau hab. Die Mädels dort trösten mich ab und an. Und das Gras, das die da anbauen ist erste Sahne.“
„Tja, du hast Geheimnisse und ich habe meine Geheimnisse. Manche größer, manche kleiner.“
„Und wir beide gehen durch dick und dünn, so wie früher kleiner.“
Sie fuhren aus Berlin raus und auf die B2 in Richtung Potsdam, sie unterhielten sich nicht. Stattdessen durchsuchte Kaz das Handschuhfach und fand ein paar alte Drei Fragezeichen Kassetten, er legte gerade die A Seite von Superpapagei ein als sie Spandau hinter sich ließen. Die altbekannte Melodie dudelte und das Hörspiel startete. Wolf schmunzelte. Er war mit dem Zeug aufgewachsen.
„Was ist deine Lieblingsfolge?“
„Ich hab da so einige, aber die frühen haben immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.“
Sie lauschten der Geschichte und fuhren mit gemäßigtem Tempo Potsdam entgegen.
„Eine so schöne, so hässliche Stadt. Alles haben sie mit hässlichen Betonklötzen zutapeziert und die Mieten kann sich kein Normalsterblicher mehr leisten, immerhin haben sie die Altstadt und die zerbombten historischen Sachen wiederaufgebaut. Aber wo viel Geld ist bleibt auch genug für uns übrig. Das ganze Unternehmen bringt mit ein ganz hübsches Sümmchen Schwarzgeld jeden Monat ein. Weißt du, Kommandant der Wölfe hin oder her, viel verdient man damit nicht. Und ich stehe kurz vor der Rente, von diesem Hungerlohn will ich nicht leben müssen. Ich würde nur gerne meine Frau loswerden, wie gut, dass die nicht eingeweiht ist. Immer macht sie alles kaputt was mir lieb und teuer ist. Vielleicht hätte Mara noch gelebt, wenn sie nicht so ein abscheuliches Biest zu ihr gewesen wäre. Wäre ich doch nur da gewesen und hätte sie beschützt.“
Große Bitterkeit lag in Wolfs Stimme. Sie erreichten Potsdam und Wolf fuhr nach Westen in Richtung Bornstedt. Fünf Minuten später bog Wolf rechts in eine Straße ein, wo um diese Uhrzeit nicht mehr viele Lichter brannten, auf halber Strecke bog er nach links auf einen sandigen Hof ein. Laute Musik drang aus einer offenen Tür hinterm Haus. Sie hielten an und Wolf drehte den Motor aus. Zwei junge Frauen mit großen Möpsen in entsetzlich engen Latexkleidern und hohen Absatzschuhen rauchten ein paar Zigaretten. Die eine winkte Wolf zu, als dieser ausstieg. Für die Mädels schien es eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass sie einen Bewusstlosen in eine Decke eingewickelt ins Haus trugen.
„Erster Stock Großer, die Tür ist wahrscheinlich verschlossen. Aber du gehst ja nie ohne Dietriche aus dem Haus. Das Bad in der Wohnung ist der Platz fürs Eingemachte. Alles abgeklebt und schallisoliert. Da drin kannst du eine Bombe zünden und keiner bekommt es mit.“
Der Typ war nicht gerade leicht. Er knackte das Schloss oben und sie bugsierten ihn ins Bad. Dort war ein Metallstuhl über einem Ausfluss fest in den Boden geschraubt. Sie zogen den Kerl bis auf die Haut aus und fesselten ihn mit Kabelbindern an den Stuhl.
„Das dürfte halten, wenn du ihm die volle Ladung gespritzt hast, bleiben uns ein paar Stunden. Komm mal mit nach nebenan. Da können wir ihn durchleuchten.“
Kaz folgte Wolf in einen mit Technik vollgestopftes Zimmer, der ältere Mann räumte eine Stelle frei und musterte das Handy.
„Ein generisches Smartphone von Samsung, das vorletzte Modell der Mittelklasse. Solide Sicherheitseinrichtung, aber kein Prism deine Freundin Lara werden wir wohl nicht brauchen. Moment mal, was ist denn das für ein Stümper, man kann es einfach durch wischen entsperren, kein Fingerabdruck oder Gesichtsscan. Vollidiot. Dann wollen wir mal sehen was dieses Smartphone über seinen Besitzer aussagt. Scan läuft. Hast du Durst? Das wird etwa eine Viertelstunde dauern.“
„Klar warum nicht.“
Wolf tippte auf ein paar Tasten und der Lüfter des PCs heulte auf, als der Prozessor ordentlich beansprucht wurde. Wolf führte ihn in eine geräumige Küche mit Blick auf den Innenhof. Die Party war immer noch im vollen Gange und noch mehr Leute in Latex Outfits rauchten auf dem Hof. Interessante Gegend.
„Die Leute die diesen Club da unten betreiben sind echt nett und ein paar der netten Mädchen hätte ich glatt gerne als Töchter. Die behandeln mich auch so, als wäre ich ihr Papa. Aber die Welt ist eben ungerecht. Ich hab unseren Besuch angekündigt und wir sind gut versorgt. Ein paar Jungs hier in der Straße betreiben einen Imbiss und ein paar andere ein indisches Restaurant.“
Auf dem Tisch stand eine Warmhaltebox und Wolf entnahm zwei eingepackte Döner, im Kühlschrank waren ein paar Flaschen Budweiser und Cola. Sie entpackten ihr Essen, entkorkten die Flaschen, Wolf goss sich gekonnt ein und sie prosteten sich zu. Lecker, Knoblauch und extra viele Zwiebeln, Liz würde ihn wohl nicht so schnell mehr küssen.
„Ich genieße das sehr, ganz wie in alten Tagen. Nur macht es mir sorge, dass die Geister wieder aufgetaucht sind, dass könnte unserer Vorhaben erschweren, gerade mit diesem Wichser Dagger will ich nichts zu tun haben. Seine letzte bekannte Tötungsmission hatte maximale Opferzahlen. Und er ist ein sadistischer Scheißkerl. Wir sind eine saubere Organisation, da können wir sowas nicht brauchen. Und er ist immer schlecht gelaunt wenn man ihn nachahmt. Siebzehn Tote, das war doch nur ne Aufwärmung für den Sack. Meine Jungs haben geschnüffelt und beim letzten Mal sind über zweihundert Menschen durch seine Hände Hops gegangen. Zweihundert in einer Nacht, was für ein krankes Schwein macht sowas? Der nimmst uns doch als Vorspeise. Also wir machen das gleich ganz sauber und machen diesen Pisser nicht unnötig schmutzig. Und in kein Organ schießen, was wir noch gebrauchen können, ich hab einen Organspende Ausweis gefunden und das gibt immer ganz gut Knete. Ich bin sehr auf die Werte gleich gespannt.“
Kaz schob sich das letzte bisschen Döner zwischen die Kiemen und spülte mit der Cola nach.
„Wie machen wir es?“
„Kleines Verhör, wir lassen ihn zappeln und wimmern und knallen ihn ab und dann gucken die Mädels unten was man verwerten kann und die Reste schmeißen wir in ein Säurebecken. Ganz Saubere Angelegenheit. Und dann lackieren wir den Passat um und er bekommt neue Nummernschilder. Ganz einfache Sache.“
Sie wuschen sich die Hände mit Seife an der Spüle und gingen ins Rechenzentrum nebenan.
„Ah wunderbar, komm hol dir einen Stuhl. So wen haben wir denn da. Robert Müller, fünfunddreißig Jahre. Der Name ist so generisch dass das fast schon wie ein Alias klingt. Mal sehen, arbeitet in einer linksautonomen Bar als Kellner und Barkeeper, handelt mit Rauschgift nebenher und hat mit Andreas Kreditkarte regelmäßig schmutzige Sachen bezahlt. Besitz von Waffen, harten Drogen und Diebesgut. Nettes Kerlchen. Hat etwa dreitausend Euro auf dem Konto, das werde ich gleich mal an eins unserer Konten transferieren und ich schick ein paar Jungs zu seiner Einzimmerwohnung um sie nach etwas Brauchbarem zu durchsuchen. Hundert Mäuse in der Brieftasche, du mit deinem Avenger hast bestimmt noch genug Kleingeld übrig. Davon besorge ich Karl ein paar schöne Pfirsiche. Mh, hat Andrea mehr als einmal in bewusstlosen Zustand vergewaltigt und Nacktbilder von ihr online verbreitet. Die Gute hat einen beschissenen Geschmack für Männer. Hier arbeiten ein paar gute Jungs, vielleicht sollte ich die mal vermitteln. Ich denke das reicht, lass uns diesen Pisser aufwecken.
Warte ich gebe dir was.“
Wolf drückte ihm eine Beretta 92 mit Schalldämpfer in die behandschuhte Hand. Er mochte den Italiener, auch wenn ihm in den letzten Jahren die Belgier sehr ans Herz gewachsen waren. Die Browning High Power und besonders seine geliebte FN Five-Seven.
   Im Bad verabreichte Wolf dem Bewusstlosen eine Spritze und binnen Sekunden wachte der japsend und zitternd auf. Sein Blick ging fahrig durch den Raum und blieb an Kaz Waffe hängen. Auf einmal wurden die Augen des gefesselten Robert Müller riesengroß und er wimmerte.
„Was wollt ihr, bitte tut mir nichts, wollt ihr Geld? Das kann ich euch besorgen. Oder Drogen? Oder Mädchen? Ich gebe euch alles nur bitte tut mir nichts.“
Tränen liefen Robert über die Wangen. Wolf trat vor.
„Diebstahl, Vergewaltigung und Angriff auf Polizei Beamte, das bringt ein paar Jährchen, und die Jungs im Knast gehen nicht so zimperlich mit Vergewaltigern um, also kommst du bei uns sogar noch gnädig weg. Und du siehst unsere Gesichter, also wirst du lebend diesen Raum nicht verlassen!“
Kaz schnaubte.
„Wolf, wie schalldicht ist dieser Raum?“
„Wir haben Blanks des Kalibers .50 BMG abgefeuert und das hat kein Schwein gehört, mach schon, ein bisschen Spaß muss doch auch sein.“
Kaz schoss Robert eine 9mm Kugel mitten in die Eier. Der quickte auf wie ein angestochenes Schwein und wimmerte während ihm Bäche von Tränen über die Wangen liefen.
„Was ein Waschlappen, komm beende es, das ist doch peinlich.“
Kaz schoss Robert ohne zu zögern in den Kopf, genau zwischen die Augen.
Der tote Körper erschlaffte und Blut tropfte auf den Boden. Draußen hörte man ein Klopfen.
„Ah pünktlich wie die Maurer.“
Vor der Haustür standen vier Männer in schwarzen Outfits, mit einem Leichensack und Putzsachen. Dem Anführer drückte Wolf zwei Hunderter in die Hand.
„Leider sind wir noch nicht so weit, dass wir uns Goldmünzen prägen lassen können. Aber wir arbeiten daran. Macht’s gut Jungs.“
Die vier grüßten ihnen zu und Kaz und Wolf gingen im Treppenhaus nach unten. Auf der Steintreppe zum Hof setzten sie sich und Wolf drehte gekonnt einen Joint.
„Zieh auch mal dran, tut immer wieder gut und mir hilft es gegen die Rückenschmerzen. Ich werde auch nicht mehr jünger und mein Körper zerfällt langsam.“
Kaz nahm einen tiefen Zug und sein Kopf fühlte sich etwas leichter an. Er drehte sich eine normale Zigarette und steckte sie sich mit dem Zippo an. Hatte er gesagt, dass er Nichtraucher war? Das war gelogen. Anna hatte ihn angestiftet und sie fand es sah cool bei ihm aus. Er freute sich auf seine zweitbeste Freundin, vielleicht traute sie sich ja her, wenn Liz weg war.
„Wie in John Wick, er und sein Mentor. Und du siehst auch noch so aus. Wörtlich.“
„Ich weiß. Und wir werden beide alt. Und unsere Familien wissen nicht womit wir unsere Brötchen verdienen. Für meine Familie bin ich immer noch der Loser der einen Zufallstreffer gelandet hat.“
„Aber nicht, dass du es versehentlich irgendwas blödes ausplauderst.“
„Quatsch, mein Bruder ist zu beschäftigt um irgendwas zu schnallen und der Rest der Familie denkt ich wäre ein Art Geheimagent.“
„Tja, das ist nicht so fern der Wahrheit. Du hast ein gutes Herz Großer. Ich möchte, dass es dir gut geht und pass auf Amber auf. Anna wird sich gut als Mutter machen, das hat sie schon bewiesen.“
„Wo ist eigentlich der Passat hin.“
„Hab ich doch gesagt, der bekommt ein Facelifting. Ich schlaf die Nacht hier und fahr morgen mit der S-Bahn zurück. Hab immer Berlin ABC Tickets dabei.“
Plötzlich fuhr ein Alter Opel Astra in dem Standard Silber auf den Platz und zwei Männer sprangen hektisch heraus. Sie rannten mit einer Trage ins Haus. Eine junge Frau die man gefoltert und heftig verstümmelt hatte. Skalpiert. Ohren, Nase und Lippen abgeschnitten und Augen zerstochen. Kaz und Wolf traten die Kippen aus und rannten hinterher. Im zweiten Keller waren ein modern eingerichteter Operationssaal. Eine Ärztin eilte in den Saal. Die beiden Typen wuchtete die Frau auf den Tisch.
„Fuck das ist Alina. Die sollte nur einen Freundschaftsbesuch machen. Die Schweine haben ihr auch noch die Zunge herausgeschnitten und Finger und Handgelenke zertrümmert. Das bekommen wir nicht alleine hin, dafür haben wir nicht die Ausstattung!“
Kaz hob eine Braue, zückte sein Prism und tippte eine Nummer ein.
„Kaz Bruderherz, was gibt’s?“
„Was kostet eine vollständige Plastische Wiederherstellung eines Gesichts, zuzüglich augmentierten Augen, Zunge und Händen? Plus ein CQC Upgrade der Stufe zwei.“
„Hoppla, was geht denn da bei dir ab, schick mir mal Details.“
Kaz machte ein paar Bilder von Alina. Am anderen Ende hörte er seinen Bruder japsen und sich in einen Mülleimer übergeben.
„Was zum Fick machst du denn? Erst die Sache mit unseren Eltern und jetzt das. Ok. Wo ist das? Wir schicken einen Trupp hin und holen die kleine ab. Wenn du dir den Avenger leisten kannst dann bezahlst du die Operation aus der Portokasse.
„Es ist nicht ganz legal wo ich hier bin, ich schicke ein paar Jungs los und gebe dir die Koordinaten. Schick am besten einen Hammerhead.“
„Ist gut, wir warten auf dein Signal.“
Er beendete den Anruf und alle starrten ihn mit offenen Augen an.
„Sie helfen einer verletzten Frau einfach so, die Sie noch nie gesehen haben. Wie können wir Ihnen danken?“
„Erstmal bin ich Kaz und zweitens schickt‘ Boten nicht unbewaffnet los. Horizon gibt der kleinen ein nettes Upgrade. Das erste Mal geht aufs Haus, nächstes Mal zahlt ihr.“
Die Ärztin flickte die Wunden und einer der Typen hängte die Frau an eine Blutkonserve.
„Danke kleiner, das war sehr freundlich. Wenn ihr nach Norden über die Felder rausfahrt gibt es genug Stellen wo man eine Übergabe gestalten könnte. Macht sie transportbereit und dann geht’s los, schickt mir eure Koordinaten, dann kommt der Rest. Kaz komm mal mit.“
Sie gingen die Treppe hoch in den zweiten Stock.
„Hier sind wir ungestört. Danke für deine Hilfe, die nehmen wir gerne an. Das wird dir Alina nie verzeihen. Ich hätte eine kleine Aufgabe für dich. Alina sollte eine Lieferung an Juri den Zwerg bringen, der gehört zur russischen Mafia und die versuchen hier Fuß zu fassen. Alina ist neu bei uns hier oben und das sollte ein simpler Routine Job sein. Das finde ich nicht sehr nett, sie so zuzurichten. Das bedarf einer Antwort. Hättest du Lust die Nachricht zu überbringen? In deinem Fall natürlich ein Sack .308 Winchester in Geschenkpapier eingepackt.“
„Du weißt dass du mich nicht fragen musst wenn es um sowas geht. Ich fahr hoch zur Nordspitze des Buga Parks, da hat Hal den Avenger X5 geparkt. Eine Adresse wäre nett.“
„Immer einen Schritt voraus. Also mach es sauber und hinterlass keine Spuren. Rund um die Fabrik hast du doch ein paar tote Dörfer als Tarnung. Das haben die Russen auch ausprobiert und sich in einem winzigen Kaff Nordwestlich von Potsdam eingenistet. Danke dir Kaz, das vergesse ich dir nicht. Brauchst du Hilfe?“
„Glaube ich nicht, mit was muss ich rechnen?“
„Juri den Zwerg, ein paar loyale Mädels dieses Pissers und bestimmt ein Dutzend Schläger.“
„Gut, dann bin ich zum Frühstück wieder zurück. Bis gleich.“
Wolf umarmte ihn und sah ihm nach als er das Treppenhaus hinab lief.

*

„Hal wie sieht es aus?“
„Ein Haufen sadistischer Stümper. Sie haben nicht mal geschnallt als wir ihre Telekommunikation gegrillt haben. Sie werden keine Probleme haben. Für den Fall der Fälle geben wir mit Railgun, .50 BMG Maschinengewehr und Dronen Feuerschutz.“
„Lassen wir es mal nicht so weit kommen. Das ist reine Routine.“
Er lud sein schallgedämpftes HK MR308 und näherte sich im Stealth Modus seines Anzugs dem Hintereingang des Hauses. An ihm ging eine tätowierte und gepiercte Frau vorbei, die ihn nicht bemerke. Im Keller entdeckte er fünf Männer und eine Frau beim Poker spielen. Er schoss sie alle sechs mit jeweils einem Schuss in den Kopf. Auf dem Tisch lag ne Menge Geld, das würde er sich später holen. Im Erdgeschoss erledigte er heimlich vier und im ersten Obergeschoss fünf schlafende Drecksäcke. Im zweiten Obergeschoss wartete das Dessert auf ihn.
   Er scannte den Raum hinter der schweren von innen verschlossenen Tür. Zwei Saßen auf der Couch, einer stand an einer Bar und zwei Frauen saßen neben dem Boss, Juri dem Zwerg. Wie die Szene in einem seiner Lieblings Actionstreifen, The Equalizer mit Denzel Washington.
Er knackte das Schloss, öffnete die Tür und spazierte in den Raum.
„Ey Man, was soll die Scheiße?“
Kam es von Juri der viel zu sehr mit einer der nackten Frauen beschäftigt war.
„Hey Man, was soll das, wer hat dich geschickt?“
„Die Frau, der du heute die Augen ausgestochen hast.“
„Alina die Fotze, genau, sie wollte nicht, dass ich mit ihr spiele. Komm gib doch nicht so den harten Typ in deiner Möchtegern Ninja Ausrüstung. Bist hier reingeschlichen und willst mich erschießen. Ich bitte dich, meine Jungs hauen dich zu Brei. Kommt schon.“
Er dachte an das Versprechen an Wolf es sauber zu machen. Drei Schüsse später lagen die Schläger auf dem Boden. Juri und die Mädchen waren nun gar nicht mehr gelassen.
„Verdammte Scheiße bist du sowas wie John Wick? Wir haben ganz viel Gold und Geld in dem Safe da, ich gebe dir die Kombination wenn du mich am Leben lässt.“
„Ok das lässt sich einrichten.“
Unter dem Visier grinste er breit. Juri würde so oder so sterben. Er erschoss die beiden Mädchen und zerrte den kleinwüchsigen Juri über den Schreibtisch und fesselte ihn.
„Moment Mal, so war das nicht abgemacht. Verdammt die Kombination ist 1234. Und jetzt lass mich in Ruhe. Wir hatten einen Deal.“
„Mir egal.“
Kaz testete die Kombination und starrte beeindruckt auf den fetten Stapel Goldbarren. Dann erschoss er auch Juri. So wurde das ja vielleicht doch noch was mit den Goldmünzen.

*

Er parkte den Avenger X5 in der Tiefgarage vom Platz der Nationen eins und ging hoch ins Center. Beim Bäcker kaufte er sich das volle Sortiment an frischen Gebäckstücken. Die Bäckereifachverkäuferin starrte ihn mit großen Augen an als er eine Rolle Fünfziger hervorholte und mit einem der Scheine bar bezahlte. Das Wechselgeld stopfte er in die Hose und nahm den Stapel Tüten mit beiden Händen.
   Es leben elektronische Schlüssel, denn er hatte gerade echt keine Hand mehr frei. Die Tür zu 3-VII öffnete sich lautlos und er legte seine Beute auf die Arbeitsplatte in der Küche und warf schon mal die Kaffeemaschine an. Es war kurz vor sieben. Wolf würde ihm seinen Anteil geben, der würde hoffentlich Alinas Operation decken, die kleine würde vermutlich nie mehr sprechen können. Wenn man vom Teufel sprach, sein Prism läutete.
„Immer noch im Büro Johnny? Bei mir und Liz gibt es gleich Frühstück.“
„Ja, ich hab ne halbe Packung mit Koffeintabletten geschluckt. Ich verfolge da so eine Sache. Die gute Alina konnte zum Glück noch hören und wir haben sie durch das Programm navigiert. Sie bekommt eine saftige Kampfwertsteigerung so wie Mara, wir haben ihre Erlaubnis bekommen. Wir übernehmen die Kosten. Unser Angebot war besser als deins. Sie wird unserer Garde beitreten und ihr Gauner-Leben hinter sich lassen. Wir suchen immer junge engagierte Talente. Ich hatte ein nettes Pläuschchen mit meiner lieben völlig aufgelösten Schwester. Du Wichser hast Mama, Papa und Emma fast erschossen! Ich schick dir die Garde auf den Hals wenn du mir nicht erklärst was da abging.“
„Nimm den Mund nicht zu voll Schlappschwanz. Deine Garde ist mir zahlenmäßig vielleicht überlegen, aber nicht so gerissen wie ich. Sag ein böses Wort und ich schlüpfe in eine Tarnidentität und bin verschwunden. Und du wirst von da an jeden Tag über deine Schulter gucken müssen.
Garde und Bruderschaft hin oder her, du wohnst in einem maroden Schuppen, in den man verdammt einfach reinkommt wenn man weiß wie. Großvater Ben hat mir die Tricks gezeigt.“
„Halt die Fresse du Spinner. Du Versager warst schon immer von Spionage Filmen und Büchern besessen. Komm mal runter auf den Boden der Tatsachen. Das ist hier keins von deinen Büchern wo der Protagonist Plot Rüstung hat. Das ist die verdammte Realität. Und du wolltest unsere Eltern umbringen.“
„Hey du Waschlappen, die wären längst tot wenn ich sie umbringen wollte. Mir war nur nach ein bisschen Spaß zu Mute, nachdem mich deine Arschgeigen so gedemütigt hatten.“
„Aber es ist doch kein Spaß, wenn du jemanden erschrecken willst indem du ihm eine geladene Waffe auf die Brust drückst.“
„Das war ein Spielzeug. Ich kenn da so ‘nen Laden in Berlin. Die Waffe ist mit Schalldämpfer und macht ein Geräusch wie ein Schuss und lässt den Schlitten zurückgleiten. Und der Rest war Pyrotechnik. Ne kleine elektronisch gezündete Ladung im Dielenboden und eine die aus der Mündung der Pistole kommt. Ein völlig harmloser Spaß. Und ihr seid alle drauf reingefallen. Aber ein bisschen schauspielern kann ich auch. Hab den bösen Typen gespielt. Ich hab alles vorbereitet als wir nach der Beerdigung bei euch waren. Den Schaden bezahl ich euch.“
Er hörte wie Johnny am anderen Ende sichtlich erleichtert aufatmete.
„Du verdammter Spinner. Irgendwas ziehst du sowas ab und die Leute sind nicht so verständnisvoll. Man Bruderherz ich mache mir so Sorgen um dich. In welchen Gegenden und Kreisen verkehrst du denn das dir schwerverletzte Mädels wie die von heute Morgen begegnen?“
„Berufsgeheimnis.“
„Du bist hauptberuflich Autor und Spinner …“
„So sieht das aus ja.“
„Wenn du mir jetzt sagst, dass die Waffe doch echt war dann knall ich dir eine.“
„Die war wirklich ein Spielzeug. Aber ich hab einen Waffenschein und darf legal Waffen besitzen.“
„Und das macht mir bei dir echt Angst. Da kann doch leicht mal was schiefgehen.“
„Bisher nicht und die schweren Waffen sind noch auf der Ranch in Texas. Hierzulande bekommt man nicht so viele spaßigen Sachen. Aber ich dachte daran mir vielleicht ein HK MR308 von Heckler und Koch zu besorgen, deren Waffen machen immer Laune.“
„Noch ein Wort zu Waffen und ich lasse dich verhaften. Tja, in einer Stunde ist das erste Meeting des Tages und ich brauche noch einen Power Nap und will ‘ne Runde Duschen und was Vernünftiges essen. Wir hören und sehen uns bestimmt nochmal großer Bruder. Ich schulde dir ein Mittagessen im Haus der Welt. Und lass den Scheiß mit den Waffen und bleib bei Bögen.“
„Mache ich, viel Spaß mit deinem Meeting. Hab dich lieb Bruderherz. Mach’s gut.“
Er legte auf und atmete auf. Er hasste es, seinen Bruder und durchaus besten Freund zu belügen, aber die Arbeit machte es erforderlich. Das würde Wolf nicht mögen, dass Alina jetzt bei Horizon war.
   Egal, er nahm sich eine Cola aus dem Kühlschrank und trank sie in einem Zug aus. Man das tat jedes Mal wieder gut.
„Hey Großer, ich hab dich gestern Nacht vermisst.“
Liz kam in die Küche und gähnte herzhaft.
„Weißt du ich hatte da so eine Sache am Laufen.“
„Warte mal, du riechst total nach Qualm. Und … iih … Dein Atem riecht nach Knoblauch, Zigaretten, Gras und Alkohol! Was machst du denn bitte für Sachen?“
„Ich hab mich mit einem Kumpel getroffen und wir sind um die Häuser gezogen.“
„Details bitte. Waren Frauen im Spiel und wer ist dieser Kumpel.“
„Jede Menge Prostituierte und mein Kumpel ist Wolfgang Bluhm.“
„Ist ja nicht mein Problem mit wie vielen Frauen du deine Verlobte betrügst, aber woher kennst du einen KSK Befehlshaber?“
„Ich kenne auch Marines und Navy SEALs persönlich. Ist es da verwunderlich wenn ich auch ein paar meiner Landsleute kenne? Ich hab Kontakt zu ihm gefunden als ich in den USA war und das ging meist nur via Chat und per Telefon. Und Auf der Beerdigung hab ich ihn zum ersten Mal in Echt gesehen und gestern waren wir zusammen unterwegs.“
„Und wo wart ihr so?“
„Wir haben uns am Hauptbahnhof in Berlin getroffen und sind mit der S7 in Richtung Potsdam gedüst. In Babelsberg haben wir gehalten und uns dann erstmals einen fetten Döner zwischen die Kiemen gezimmert. Und dann haben wir die Bars und Clubs in Potsdam abgeklappert. Zuletzt waren wir in einem merkwürdigen Schuppen, wo die Mädels riesen Möpse hatten und Latexoutfits trugen, aber ich hab den Namen vergessen, da war ich schon völlig breit. Ich erinnere mich aber noch, dass die Absätze von deren Stiefeln waren so hoch wie deine. Vielleicht solltest du das auch mal ausprobieren. Jedenfalls sind wir um halb fünf Hackebreit wieder nach Berlin gedüst. Und ich dachte ich bring dir als Entschuldigung ein bisschen Gebäck mit.“
„Haarsträubende Geschichte und ich hasse Latex … und Zigaretten. Während ich hier Frühstück mache gehst du erstmal ins Bad unter die Dusche und putzt dir am besten zweimal die Zähne und zieh gefälligst was Frisches an!“
„Ok Boss.“
Im Badezimmer seufzte er, er hasste es seine Freunde die ganze Zeit anlügen zu müssen, aber die Zeit war noch nicht reif und sie waren hier nicht in der Welt von John Wick wo praktisch jeder ein Killer ist. Er leerte die Taschen und warf die dreckige stinkige Wäsche in den Wäschesack. Er genoss immer wieder diese funktionierende Dusche und den prallen Wasserdruck. Mit einem Handtuch um die Hüften gebunden tappte er ins Schlafzimmer und mimte den etwas Besoffenen. Er schlüpfte in Bequeme Sachen und folgte Liz zum großen Esstisch. Sie hatte schon alles vorbereitet. Fast so wie früher. Nur war das nicht seine schrottige kleine Bude sondern ein Edelpalast vom Feinsten. Wie er es doch vermisste, irgendwo zu wohnen, wo eben nicht alles auf Anhieb funktioniert. Bastler war er nicht geworden weil alles immer funktionierte.
   Er nahm einen Schluck vom heißen Milchkaffee. Liz trug einen Hauch von Nichts und scrollte durch die Zeitung. Auf einmal hielt sie inne und ihre roten Augen wurden groß.
„Heilige Scheiße, außerhalb von Potsdam gab es eine Schießerei. Nein eine regelrechte Hinrichtung. Die Bilder … ich wette das waren Profis und nicht so ‘ne popelige Gang. Du warst doch heute in Potsdam, habt ihr da was mitbekommen?“
„Sorry nein, wir haben gekifft wie die Weltmeister und waren die ganze Zeit ziemlich breit.“
„Schade. 21 Tote in einer Nacht. Das erinnert mich an die Sache mit Dagger. Du bist doch so ein Experte in Sachen Mythen und Legenden. Was weißt du über die Geister.“
„Eine Geheimorganisation von Geheimagenten und Attentätern. Angeblich gib es sie schon seit Jahrhunderten oder länger. Sie werden nicht ohne Grund die Geister genannt, man hat noch nie einen Lebenden gesehen, tot natürlich auch nicht. Man munkelt dass es ein Netzwerk von Unterstützern um den gesamten Globus gibt. Und sie haben angeblich eine Privatarmee, die man die schwarzen Geister nennt. Und richtig viele Geister gibt es nie. Die Besten der Besten in ihren Berufsfeldern. Ihre Zahl ist unbekannt aber die Leute die danach forschen gehen von vielleicht zwanzig bis dreißig aktiven Geistern aus. Das Perfide sind die Geheimidentitäten. Die tun so als wären sie ganz normale Leute. Nur Dagger ist recht bekannt, weil er sein Zeichen in die Haut seiner Opfer einritzt. Er ist ein sadistischer Psychopath der seine Opfer foltert. Man sagt sich dass er bei seiner letzten Mission völlig Amok gelaufen ist. Zweihundertsiebzehn verdammte Tote … in einer Nacht! Was ein kranker Wichser. Stell dir vor du hast den als Feind, dagegen ist noch selbst John Wick ne kleine Nummer. Jedenfalls gehen die Geister heimlich vor und werden nicht gefunden, es sei denn sie wollen gefunden werden. Keiner weiß wie sie aussehen.“
„Dann wette ich mit dir, dass du liebenswürdiger Versager ein Geist bist.“
„Ach Quatsch, du fantasierst, ich könnte doch keiner Menschenseele Leid antun.“
„Das stimmt allerdings, gibst den harten Bastard und bist in Wahrheit so ein liebenswürdiger Kerl. Du bist ein Bücherwurm und du zeichnest. Du schreibst coole Sachen und bastelst geniale Erfindungen zusammen. Du könntest doch niemals richtig böse zu jemandem sein.“
„Ach am Montag habe ich meinen Eltern und meiner Schwester einen üblen Streich gespielt und so getan als würde ich sie umbringen wollen.“
Liz sah ihn zu Tode erschrocken an.
„Bist du wahnsinnig. Bei der ganzen Security hätte das Übel ins Auge gehen können. Versprich mir, dass du das nicht nochmal machst. Und Wehe du kaufst dir eine Waffe während du hier bei mir wohnst, versprich mir das!“
„Ok beste Freundin, ich verspreche es.“
Während sich sein Herz etwas verkrampfte wirkte sie erleichtert.
„Unsere Proben und Aufnahmen gehen leider noch diese ganze Woche und nächste Woche bis zum Live-Auftritt. Aber wir haben die Morgende und Abende zusammen und am Wochenende nehme ich mir Zeit für Amber. Versprochen.“
„Ich vermisse dich jeden Tag wo du nicht bei mir sein kannst liebe Freundin.“
„Ja, aber ich möchte auch, dass der Abschied richtig gut wird. Für alle, nicht nur für dich. Tut mir so leid. In meinem nächsten Leben werde ich kerngesund und total faul.“
„Du musst ja nicht faul sein, aber Zeit einfach mehr genießen.“
„Ich bin leider so, das kann ich die letzten zwei Wochen auch nicht mehr ändern.“
„Leider, ich hab mich nach zehn Jahren so gefreut mit dir wieder ganz normale Sachen wie früher machen zu können. In Kino gehen, Eis essen, Kochen, Spiele spielen.“
„Für sowas hab ich nur noch selten Zeit gehabt nachdem ich bei Horizon angefangen habe.“
„Das ist sehr schade.“
„Und bevor ich sterbe möchte ich das machen, was ich am liebsten mache, Musik!“
„Okay okay, dagegen spricht ja auch nichts.“
„Soll ich dich heute zum Essen einladen?“
„Ich hab am Platz der Nationen diesen echt guten Inder gefunden, da lad ich dich ein.“
„Oh man ich hab seit fast zehn Jahren kein Indisch mehr gegessen! Ok ich bin dabei.“
„Und sag Anna besser nichts davon.“
„Wieso, sie ist erstens in Moskau und nicht hier und zweitens bist du meine beste Freundin.“
„Dann wird das wie früher, wo du mich nach der Physiotherapie immer zum Inder in Potsdam eingeladen hast.“
„Japp, deshalb habe ich ja auch immer den allerletzten Termin vor Feierabend bei dir genommen.“
„Das waren tolle Zeiten, weißt du das? Mein Leben war scheiße, aber ich hatte immer dich.“
„Meins war nicht so viel besser und ich hatte dich. Anna war in Moskau, Xen in Polen und Johnny hatte nie Zeit. Du warst oftmals alles was ich hatte.“
Sie beugte sich über den Tisch und küsste ihn auf den Mund.
„Ich habe gerade beschlossen, dass wir im nächsten Leben daten.“
„Das finde ich eine gute Idee.“
„Auf die Beziehung im nächsten Leben.“
Sie stießen mit den Kaffeebechern an und brachen in schallendes Gelächter aus. Das war exakt so wie früher in der guten alten Zeit.

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 22

22. Kaz – 2.Mai 2045– Dienstag – Armer Wolf

Das Rad war echt gut und der eingebaute Motor machte endlich Laune. Der Tag nach den Krawallen und überall waren Trupps die aufräumten und die ausgebrannten Autos abräumten. Gestern musste es echt noch schlimm gewesen sein. Vielleicht hätte er die Arschgeigen in schwarz überfahren sollen, nein müssen. Er war durch die Wohngebiete in Richtung BIT im Süden geradelt und war dann über die Brücke an Solomon Central vorbei. Er sah Horizon Gardisten mit Polizisten diskutieren. Wahrscheinlich war was vom Konzern kaputt gegangen. Hätte man doch HRZN Security genommen, ein paar Ritter und es wäre Schicht im Schacht. Oder ein paar Mechs. Die Russen und die Japsen waren ganz begeistert von Kampfläufern. Die Panzer der Zukunft hieß es, mag wohl stimmen. Solange es nur nicht wie in Metal Gear wird und die Dinger Railguns für nukleare Sprengköpfe bekommen. Dann würde es echt böse werden.
   Ein Autofahrer hupte ihn an und er drehte sich um und zeigte ihm den Vogel. Lern doch Fahren du Schwachmat! Genervt sah er wieder nach vorne auf die Straße und radelte durchs Bankenviertel zwischen Bahnhof und Kulturpark. Bei dem schönen Wetter waren viele Radler und Fußgänger unterwegs. Hier war ja was los, dutzende abgefackelte Wagen, darunter etliche Mercedes und BMW und drei Porsche, das würde teuer werden. Am Platz der Nationen gestern waren zwar Demonstranten aber keine Krawalle gewesen. Dafür hatten die Animals ordentlich Party gemacht. Er trat ordentlich in die Pedale und näherte sich dem Kulturpark, jetzt noch etwa fünfzehn Minuten und ich bin am Zoo. Seine Uhr zeigte ihm halb elf. Als er vor dem Zoo anhielt und sein Rad anschloss hörte er hinter sich Gelächter und er drehte sich um. Ein etwas älterer Herr mit weißem Vollbart radelte neben ihm auf einem grell pinken Damenfahrrad vorbei, er trug einen halboffenen Rucksack in dem ein großer Plüschwaran saß und rausguckte. Wolfgang Bluhm, was ein Zufall.
„Hey alter Mann, was machst du denn hier?“
Wolfgang schloss das auffällige Fahrrad an und drehte sich um.
„Ich gehe in den Zoo kleiner und was treibst du so?“
„Dasselbe. Warst du schon mal hier?“
„Ziemlich oft und seit Maras Tod jeden Tag.“
„Warum das denn?“
„Komm mit ich zeig‘s dir.“
Er folgte Wolfgang zum Eingang und entdeckte ein Schild, nach dem der Zoo von Horizon gesponsert wurde. Sie bezahlten und die Tickets waren erfreulich billig. An einer Tafel mit der Karte des Zoos blieb er stehen. Es gab ziemlich viele Raubtiere. Großkatzen, Wölfe, Bären. Dazu ein großes Vogelhaus, ein Insektenhaus, Affenhaus und ein riesiges Reptilienhaus. Nicht zu vergessen einen ganz schön großen Abenteuerspielplatz mit anliegenden Zoo Restaurant und zwei Cafés. So ein großer Zoo, toll. Sie gingen logischerweise zuerst zu den Wölfen.
„Guck die mal die Frau da an, Schlimm.“
Wolfgang deutete auf eine Frau mit dem linken Arm in der Schlinge und einem mächtigen blauen Auge. Er zuckte zusammen, das war Kriminalpolizistin Andrea Wolf. Sie sah ganz elend aus.
„Sie ist bei der Polizei, lass uns mal zu ihr gehen.“
Andrea bemerkte sie nicht bis sie vor ihr standen. Sie zuckte zusammen.
„Herr Solomon und Herr Bluhm, Äh … Hallo.“
Sie wirkte sehr unsicher.
„Kommen sie doch mit, ich lade euch beide ins Zoo Restaurant ein, die machen eine tolle Currywurst.
Und bitte nennen sie mich Wolfgang oder kurz Wolf.“
Andrea schniefte und trottete ihnen nach. Um die Uhrzeit war das Restaurant nicht sehr voll und sie bekamen einen abgelegenen Tisch in einer ruhigen Ecke. Kaz zuckte zusammen als eine Bedienung an ihrem Tisch auftauchte und ihnen Speisekarten vor die Nasen legte, Zoorestaurant war normalerweise Selbstbedienung, so war er es vom anderen Zoo in Berlin gewohnt.
   Sie bestellten zwei große Cola und ein großes Bier für Wolf. Dazu zwei normale Currywurst und eine doppelte Portion für ihn. Andrea schien etwas aufzutauen und nahm einen tiefen Schluck Cola.
„Dürfen wie erfahren wer dich so zugerichtete hat? Ich bin übrigens eingeweiht in ihre Mission.“
„Nach den unerlaubten Ermittlungen im März wurde ich degradiert und Strafversetzt nach Berlin Solomon. Da habe ich heimlich weiterermittelt, aber hier in Solomon sind die Cops absolut lupenrein. Nach deiner Anleitung habe ich mir einen Zugriff für den Hauptcomputer in den Zentralen der Polizei in den anderen Stadtteilen gesucht und bin fleißig am Suchen, aber das ist gar nicht so wichtig. Gestern hatte ich Dienst und wurde zu den Trupps eingeteilt, die bei den Krawallen auf den Straßen für Sicherheit sorgen sollten. Ich war in einer Gruppe mit fünf anderen und plötzlich tauchen die Autonomen von allen Seiten auf und attackieren uns. Ich hab zwar einigen ordentlich mit dem Knüppel auf die Glocke gehauen aber wir wurden völlig zu Brei geschlagen und man hat mir den Arm gebrochen und mir verdammt hart ins Gesicht geschlagen. Und ein Wichser hat mir Pisse über die Uniform gespritzt als wir am Boden lagen. Rettungswagen haben uns ins Krankenhaus gefahren und wir wurden versorgt. Ich bin jetzt erstmal krankgeschrieben. Und ich hab mich gestern von meinem Freund getrennt, er war in einer der Zellen im Präsidium und hat mich als falsche Faschisten Fotzte beschimpft. Verdammt wir waren ein Jahr zusammen und ich hab nichts bemerkt. Zuhause hab ich Stundenlang geduscht weil ich diesen Geruch von Urin nicht wegbekam und dann hab ich mich eingerollt und die halbe Nacht geheult. Und jetzt bin ich hier.“
„Das klingt ganz ordentlich heftig, ich wurde gestern nur entführt und von einer Kampfschwester von Horizon malträtiert. Aber du Arme, erst degradiert man dich, dann haut man dich zu Brei und jetzt bist du Single, das Leben einiger ist hart.“
„Und ich hab meine Tochter vorgestern zu Grabe getragen, das war auch nicht schön.“
Andrea spielte nervös mit einem Strohhalm.
„Ich glaube ich weiß, warum er und seine Freunde uns verdroschen haben. Ich wollte ihn anzeigen.“
„Das musst du uns aber erklären.“
Andrea senkte ihre Stimme und flüsterte fast.
„Dieses Arschloch hat mich vergewaltigt und gedacht ich merke nichts.“
„Heiliges Kanonenrohr, verstehe. Die korrupten Cops hätten ihn wahrscheinlich nur wieder laufen gelassen. Aber Knast hätte ihm gut getan, all die armen unschuldigen Seelen, die hätten ihn ordentlich vermöbelt. Aber das ist wirklich schlimm, das ist ein großes Verbrechen.“
Andrea nickte und weinte.
„Er hat mir so oft erzählt, dass er mit den Clowns ganz dicke ist und die würden meine Familie plattmachen, meine Mutter und meine kleine Schwester, wenn ich nicht den Mund halte und brav mitspiele. Ich wette das war nicht das einzige Mal, dass er sich an mir gütlich getan und mir sonst wo noch Schaden zugefügt hat.“
„Wir könnten dir anbieten, uns deinem kleinen Problem anzunehmen und dem guten Herrn einen Denkzettel zu verpassen. Alles ohne dass du uns bezahlen musst.“
„Moment mal, was wollen ein Autor und ein KSK Kommandant machen, woher kennt ihr euch überhaupt?“
„Das unterliegt der Geheimhaltung, aber ich kann sagen dass wir unzertrennlich sind auch wenn der Junge zehn Jahre in den USA gefaulenzt hat. Wir sind durch dick und dünn gegangen.“
Andrea hob ungläubig die Brauen und wechselte Blicke zwischen Kaz und Wolf, die breit zurückgrinsten.
„Ok, dann macht diesen Wichser platt, würde mich nicht stören wenn es endgültig wäre.“
„Sehr wohl Andrea, du bist ja auch ein Wolf, damit gehörst du fast zur Familie. Ich hab deinen Vater gut gekannt. Zwanzig Jahre haben wir zusammen gekämpft und er ist von jedem Einsatz heil zurückgekommen und dann kommt ein mieser Clown und macht ihn platt wenn er mit Freunden ein Bier trinken geht. Ich weiß es als wäre es gestern gewesen, wir waren in einer Bar was trinken und er ist raus weil er seine Brieftasche im Wagen vergessen hab. Und anstatt ihn einzuladen hab ich ihn gehen lassen. Danach das aufheulen eines Motors und der Aufprall. Verdammt, er ist in meinen Armen gestorben, während dieser Drecksack Fahrerflucht beging. Hätte ich meinen Freund doch nur eingeladen. Ich hab mir das nie verziehen, aber er hat eine wunderschöne Tochter hinterlassen.“
Andrea heulte lautstark und Wolf nahm sie in den Arm und strich ihr über den Rücken.
   Die Bedienung stellte die Teller ein bisschen verwirrt ab und verschwand dann wieder. Andrea lehnte sich auf ihrer Bank zurück und wischte sich mit der Serviette die Tränen weg.
„Das ist das erste Mal dass mir jemand sagt der dabei war, wie er gestorben ist. Alle haben immer nur gesagt er hätte einen Unfall gebaut, aber das stimmt doch nicht. Ich war so stolz auf meinen Vater und ich habe es gehasst wie unser Name durch den Dreck gezogen wird. Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich solche Verbrechen aufklären wollte. Vielleicht hätte ich wie Papa doch lieber zur Armee gehen sollen. Aber ich will dass diese Stadt wieder sauber wird.“
„Ein ehrenwertes Ziel nur leider könnte es dafür schon zu spät sein.“
„Ich gebe nicht auf. Solange ich bei der Polizei in Berlin Solomon bin, hab ich Rückenhalt. Das finde ich richtig gut, dass es auch noch Männer und Frauen gibt die ihre Berufung als Polizist ernstnehmen.“
Wolf prostete ihr zustimmend zu und sie stießen an. Dann wurde erstmal gegessen. Wolf hatte nicht zu viel versprochen, die Currywurst war echt lecker und die Pommes schön kross. Sie aßen in Ruhe und mit jedem Bissen schien es Andrea besser zu gehen. Bei den letzten Bissen wirkte sie regelrecht vergnügt.
„Darf ich fragen warum du einen Plüschwaran mit dir im Rucksack herumträgst?“
„Darfst du, das ist Earl. Den hab ich meiner Mara geschenkt als sie dreizehn oder vierzehn war. Dazu muss ich aber auch erklären was es mit meiner kleinen auf sich hatte und wie sie zu Karl gekommen ist, dem Kaiserwaran. Mara war ein unerwartetes Kind, eigentlich hatte ich mich mit meiner Frau Frida auf zwei Kinder geeinigt und als sie dann plötzlich wieder schwanger wurde hab ich sie dazu überredet, das Kind zu behalten. Es wurde ein Mädchen namens Mara. Sie war immer etwas anders und hatte große Schwierigkeiten damit Freunde zu finden. Frida wollte keine „kaputte“ Tochter und hat sie nie wie ein normales Kind behandelt. Sie hat sie nie richtig geliebt und sie ständig missachtet und für Dinge bestraft, die sie nicht begangen hat. Mara war faszinierend von Reptilien seit sie ein kleines Kind war und ich hab sie immer mit in den Zoo mitgenommen wenn ich zuhause war. Als Teenager hat sie ihr gesamtes Ersparnis in Terrarien und Reptilien investiert. Und dann kam dieses schreckliche Ereignis. Wisst ihr meine Frau Frida hat Maras Hobby abgrundtief gehasst. Mit sechzehn war Mara auf einer zweiwöchigen Klassenfahrt und als sie zurückkam fand sie all ihre Lieblinge tot oder vergiftetet vor. Sie war so außer sich vor Trauer und vor Wut. Sie hat meine Frau angefallen und angeschrien. Frida konnte damit nicht umgehen und ist regelrecht geflohen. Ich hab meine Brüder angefleht sich um die Kleine zu kümmern während ich weg bin. Als ich wieder in Berlin war hab ich mich um meine kleine Tochter gekümmert. Sie sollte bei meinem großen Bruder Wilhelm bleiben bis ich eine Wohnung für sie gefunden hatte. Als erstes waren wir wieder im Zoo und ich hab ihr im Shop dieses tollen Plüschwaran zum Trösten geschenkt. Wir waren bei einigen Ärzten und bei ihr wurde eine Form von Autismus gefunden. Und dann hatte ich eine verrückte Idee. Kaiserwarane haben einen sehr stabilen Bestand und werden aufgrund ihrer außerordentlich hohen Intelligenz und Ruhe gerne als Haustiere gehalten. Allerdings gibt es da Sonderbestimmungen. Ich habe in Absprache mit meinen Kommandanten eine Auszeit genommen und eine Wohnung für mich und meine Tochter gesucht und auch gefunden, in Berlin Solomon, nahe der Havel und dem Platz der Nationen. Dort haben wir gewohnt und ich habe ihr nach der Schule einen Platz bei Bluhm Security besorgt. Zum siebzehnten Geburtstag habe ich ihr einen frisch geschlüpften Kaiserwaran vom Zoo in Berlin Solomon geschenkt. Sie war ganz aus dem Häuschen und hat ihn aufgezogen. Karl war immer ihr bester Freund. Als ich dachte sie sei wieder in Sicherheit bin zurück zum KSK und zu meiner Einheit. Alles ging so gut, bis zu dem Attentat. Ich war durch eine Mission auf der anderen Seite der Welt gebunden und konnte nicht zurück. Mara wurde lebensgefährlich schwer verletzt und ich dachte dieses Mal hätte ich sie für immer verloren. Sie war Frau Engström zugeteilt die Mara beschützt und verteidigt hat bis Verstärkung von HRZN Security auftauchte. Augmentierungen werden von keiner Kasse bezahlt und ich bin nicht reich und ich dachte das war‘s. Aber diese wunderbare Geschäftsfrau bezahlte alle Operationen für mein kleines Mädchen auch wenn sie danach nicht mehr wiederzuerkennen war. Karl durfte bei Frau Engström wohnen und Der Stoffwaran Earl schlief in Maras Bett in ihrem Apartment. Und dann das zweite Attentat. Mara war besser gewappnet aber ihre Gegner auch. Vor knapp einem Monat war es endgültig und ich hab meine liebe Tochter für immer verloren. Und Karl, den dieser Kerl hier bald adoptiert, und der Stoffwaran hier sind alles was mir von meiner kleinen Tochter geblieben ist. Ich bin zwar schon über sechzig, aber wenn ich zuhause in Deutschland bin, nehme ich den fast überall hin mit, auch ins Bett. Nennt mich ruhig kindisch, aber wenn ich die beiden Warane sehe ist es fast schon wieder so als würde ich mit meiner kleinen Mara spielen. Ich vermisse sie so sehr. Jeden Tag.“
Jetzt weinte Wolf und Andrea starrte ihn ungläubig ab. Kaz tröstete seinen Freund.
„Ich möchte euch etwas zeigen, bei den Waranen.“
Wolf zahlte und sie gingen in Richtung Reptilienhaus. Das war ja riesig. Reptilien auf drei Etagen, nach Größe sortiert. Unten waren die dicken Schuppenviecher und ganz oben die kleinen Eidechsen und Geckos. Unten blieb Wolf vor einem wirklich riesigen Terrarium stehen.
„Das sind Hera und Rüdiger, Karls Eltern. Paare von Kaiserwaranen bleiben ein Leben lang zusammen. Kaiserwarane sind schon etwas seltsam. Leben in Gruppen, Sind oft Baumbewohner und unfassbar schlau, also wirklich schlau. Karl ist keine Ausnahme. Komm ich zeige es euch.“
Wolf winkte einem der riesigen Warane zu. Die Echse kam näher und musterte die drei neugierig. Erst jetzt bemerkte, dass vor dem Waran nahe der Scheibe eine Art Tastatur in den Boden eingelassen war. Mit einer mächtigen Kralle tippte die Echse auf der Tastatur.
„Mara?“
Wolfgang seufzte tief. Und tippe auf seiner Seite etwas.
„Tot.“
Der Waran musterte sie lange, dann erschien ein „Traurig“ Emote auf dem Bildschirm auf ihrer Seite.
„Das ist Hera, sie ist über vierzig, Kaiserwarane werden über achtzig Jahre alt. Sie ist also noch in den besten Jahren, sie will wissen wer ihr seid, also tretet vor und tippt eure Namen ein.“
Schwer fasziniert trat Kaz vor und tippte „Kaz“ ein. Und dann kam Andrea und tippte ihren Namen ein. Ein „Fröhlich“ Emote kam und dann drehte die Waranin wieder um.
„Sie wird sicher trauern, sie hat Mara sehr gemocht. Kommt lasst uns weiter gehen.“
Bedächtig sahen sie sich alles an und gingen dann in die anderen Häuser. Der Zoo war echt groß. Am Ende standen sie wieder vor dem Eingang und Andrea bedankte sich für die Einladung und die Führung.
„Und bitte knallt diesem Arschloch eine, wenn ihr ihn seht.“
„Es wird uns eine Freude sein Andrea.“

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 21

21. Kaz – 1.Mai 2045 – Montag – Das Fahrrad.

Sie schmusten und knutschten lange im Bett unter der flauschigen Pelzdecke, an die er sich mittlerweile gut gewöhnt hatte. Amber war auf dem Internat und ihre neuen besten Freunde Jack und Akira ebenfalls. Er küsste sie auf den Mund und hielt inne.
„Es ist Neun, ich glaube wir müssen mal raus, du willst doch proben.“
Liz stöhnte gequält und rollte sich auf den Rücken.
„Manchmal ist ein Hobby auch echte Arbeit, aber ich habe den Ehrgeiz, dass es was wird. Du gehst zuerst duschen, ich brauche nicht so lang wie du. Und Lien müsste schon fleißig Frühstück machen.“
Er grunzte und erhob sich. Er suchte sich ein paar bequeme Sachen zusammen und tappte ins Bad. Über den Link bekam er die Zulieferungsbestätigung für seine Lieferung von Nox. Darauf würde er aber warten müssen bis Liz weg war. Die andere Lieferung war auch gekommen.
   Er duschte schnell und er genoss es dass seine kurzen Haare im nu trocken waren. Aber was sollte er da sagen, seine Freundin war haarlos und so viel echte Haut hatte sie auch nicht mehr, sie verwendete immer nur eine feste natürliche Seife für ihre Haut.
   Kurze Zeit später saßen sie am Tisch, aßen Croissants mit Marmelade und tranken leckeren Milchkaffee. Sie aß zwei, er sechs. Das belustigte sie sehr. Kurz vor zehn setzte sie sich eine Mütze auf den kahlen Kopf, schob sich eine Sonnenbrille auf die Nase und verabschiedete sich.
So erkannte man sie kaum wieder und das war in der Öffentlichkeit auch gut so, Vera begleitete sie. Die augmentierte Französin machte einen aufgeweckten Eindruck. Bei ihr war Liz bestimmt in guten Händen.
   Und dann war er allein, wenn man von Karl absah, der vor dem Fenster in der Sonne döste. Jetzt ging es los, er rieb sich aufgeregt die Hände und stopfte noch ein Gebäckstück zwischen die Backen bevor er nach unten ging. Vor der Haustür erwartete ihn ein ziemlich großes Paket von Nox und oben auf der Ablage eine Schuhkartongroße Kiste. Er bugsierte beides ins Wohnzimmer wo Karl schon neugierig angelaufen kam. Der Waran war merkwürdig.
   Zuerst den kleinen Karton. Das Innere war voll mit hunderten oder tausenden Karten in DIN A6. Er zog ein paar heraus und sie waren mit Motiven aus seinen Büchern bedruckt, die er oder Johnny gezeichnet hatten. Das waren seine selbstdesignten Autogrammkarten. Gerade in Deutschland waren seine Bücher extrem beliebt und er dementsprechend bekannt. Er wurde dauernd von Passanten nach einem Autogramm gefragt.
   Er spähte auf den Tisch wo er schon ein paar Sachen bereitgelegt hatte.
Dann öffnete er mit großer Vorfreude das große Dicke Paket.
Drei edel verpackte Kisten von Nox waren drin. Alles handgefertigte Maßanfertigungen.
In der ersten war ein Kapuzenpulli mit Reißverschluss. Natürlich kugelsicher, smart und mit Chamäleon Technologie. Er legte den Kapuzenpullover zur Seite und öffnete die nächst größere Kiste.
Darin fand er eine Cargo Latzhose in Schwarz. Klimatisiert, sicher gegen Schnitte und gegen kleinkalibrige Kugeln geschützt. Er schlüpfte aus seiner Jogginghose und zog sich die sehr bequeme Latzhose an.
   Saß wie angegossen, aber nichts anderes hatte er von Nox erwartet. Er war Prepper mit Leib und Seele und er begann damit die unzähligen Taschen mit Inhalt zu füllen. Das Prism steckte er in ein spezielles Fach vor die Brust, dort wurde es drahtlos mit Strom der in die Hose geschickt eingearbeiteten Akkus versorgt. Das machte die Hose natürlich ziemlich schwer, aber es war ja auch eine Latzhose mit Schulterträgern. Schlüssel vorne rechts, seine Dietriche links, Geldbeutel hinten rechts und eine Dose mit Kopfhörern hinten links. Dann Marker und Filzer in die Brustfächer. Kompass, kleines  Fernglas mit Nachtsichtfunktion, Survivalmesser, Endlosschnur, ein kleines Verbandskästchen, Besteck und einen Edelstahltrinkhalm und noch ein bisschen mehr. Dafür war in der Hose Platz.
   Ah die Normalität kehrte langsam wieder zu ihm zurück. Seit er denken konnte trug er Cargohosen mit einer Mini Survivalausrüstung mit sich herum, jeden Tag, auch in der Schule und der Uni.
Jetzt fühlte sich alles wieder so gewohnt schwer und angenehm an. Er hatte das Gefühl vermisst.
Auch wenn sich Liz und gerade Jack kaputtlachen würden wenn sie ihn so sahen. Jack hatte sich Anfang April so wie er getarnt, kleiner Blödmann.
   Er zog den Pulli an und änderte die Farbe auf grün. Dann setzte er sich noch seine hellgraue Mütze von Nox aus. Und das wichtigste nicht zu vergessen, seine AR-Brille die ihm Hal geschenkt hatte und ein paar unauffällige VR-Handschuhe. Damit konnte er so viel machen, das war unglaublich.
Er hatte eine Minikarte und Navi, ein HUD und er konnte zum Beispiel mit den Handschuhen und der Brille Texte und Nachrichten Tippen ohne eine Tastatur zu brauchen. Und Die Gläser agierten als Schutz gegen Funken, Splitter und Schrapnelle. Und sie ließ sich zur Sonnenbrille abdunkeln und verspiegeln. Damit konnte er auch bequem telefonieren und Musik hören.
   Stopp, er hatte das schwere Mundtuch vergessen! Er setzte die Brille ab und schob sich das Halstuch über die Hirse. Jetzt brauchte er die Autogrammkarten gar nicht mehr einstecken weil ihn keiner mehr erkennen würde, aber zu Sicherheit nahm er sich einen Stapel mit fünfzig Karten mit und versenkte sie in einem freien Fach. Heute würde er ein bisschen erkunden gehen, dass hatte er glatt vergessen als er nach Polen gedüst war und anschließend die Tour mit den Kids gemacht hatte.
Die Stadt seiner Familie. Ein bisschen neugierig war er ja schon. Die Zukunftsmetropole hatte es damals auf den Plakaten geheißen. Er war weg als alles noch im Bau war, also vor zehn Jahren.
Mal gucken wie abstoßend hässlich alles war. Er lachte dabei auf und griff nach der letzten Kiste.
Eine schicke Umhängetasche aus einem dicken dunklen Stoff, auch Kugelsicher.
Er klappte den Deckel zurück und fand alles vor, was er im Alltag und der Freizeit brauchen würde.
Die Zeichenkladde und das edle Federmäppchen freuten ihn sehr. Er malte am liebsten mit Druckbleistift und mit Tuschefüllern. Und natürlich digital, dazu würde er sein Spectre Feather mitnehmen was neben dem Bett auf dem Nachttisch lag, das würde da genau reinpassen. Außen war eine Röhre für Getränke da, die konnte über den eingebauten Akku entweder gekühlt oder beheizt werden. Das würde er gleich mal ausprobieren. In der Küche öffnete er den Kühlschrank und nahm sich zwei Coladosen.
   Haha, die passten perfekt rein. Jetzt aber der Clou den niemand von außen sah. Er koppelte die Umhängetasche mit seinem Prism und probierte die letzten drei Funktionen aus.
   Bei der ersten fuhr ein Fach aus und eine Handtellergroße Drohne schoss heraus die der mit seiner Brille und den Handschuhen steuern konnte. Die Drohne war klein, lautlos, mit zehn Stunden Akku und hatte eine sehr leistungsstarke Kamera mit Zoom und allerhand Sensorik an Bord.
   Fach Nummer zwei enthielt ein schweres Kampfmesser und einen Teleskopschlagstock die unter das Waffengesetz fielen und nicht erlaubt waren. Ihm war es egal, er fühlte sich sehr sicher damit.
Und jetzt der Knaller, Fach Nummer drei fuhr heraus und er griff sich die FN Five-Seven. Eigentlich war er ein großer Fan vom Klassiker der Colt M1911, aber sieben Schuss gegen zwanzig? Die belgische Pistole gewann. Dazu waren in dem Fach ein Schalldämpfer und ein volles verlängertes Reservemagazin mit dreißig Schuss. Hatte erwähnt, dass das extrem illegal war und die Munition die Kugelsicheren Westen der Polizei durchschlug? Wie gut dass seine Waffen in dem Fach nicht aufspürbar waren. Das war eine Maßanfertigung von Nox, die nur ausgewählten Freunden vom Gründer Sir Henry zugutekamen. Und er war einer davon und kannte den vornehmen Britten ganz gut und ein paar der Bitcoin Millionen hatte er damals in Nox investiert, das vergaß ihm der Britte nie. Wenn er daran dachte, wem er alles seine Millionen gegeben hatte. Nox, Horizon, Omega, Prism, Spectre und ein paar andern. Ob er daran schuld war, dass diese Unternehmen heute so riesig geworden waren? Ihm war es egal, das viele Geld war immer eine Belastung gewesen.
Eigentlich war es immer sein größter Reiz gewesen, etwas Schrottiges in etwas Schönes zu verwandeln. Wie seinen alten schwarzen Defender, der jetzt in Afghanistan zerlegt wurde. Von den Clowns. Miese Arschlöcher von Cops, sein Eigentum weiterzugeben und zu zerstören. Nur hatten diese Idioten nichts von dem Peilsender gewusst. Vielleicht sollte er mal einen Trip nach Afghanistan machen und gucken ob er noch ein paar Reste und Terroristen fand.
   Egal, er dachte an sein Fahrrad, was noch in den USA auf seiner Ranch stand. Verbittert dachte er an seine Jugend wo seine Geschwister edle Luxusfahrräder bekommen hatten und er leer ausging. Scheiß Noten verdienten Bestrafung, kam es immer von seinen Eltern. Gerade seine Mutter hatte ihn regelrecht verachtet und sein Vater hatte ihn immer nur angeschrien und geschlagen und ihn vor seinen Geschwistern gedemütigt.
   Dann hatte es ihm gereicht und er hatte mit einem Handkarren zu Fuß die Bahnhöfe und Schrottplätze abgeklappert und nach Fahrrad und Motorradwracks abgesucht, dann hatte er ein regelrechtes Frankenstein Monster von Fahrrad zusammengeschweißt und mit zahllosen elektronischen Finessen ausgerüstet. Nach dem Lackieren sah es sogar echt gut aus. Man waren seine Geschwister neidisch auf sein Schrottrad gewesen und seine Eltern hatten vor Wut geschäumt.
Selbes mit dem Defender den er bekommen hatte als der Tüv frisch abgelaufen war. Mit seinem eigentlich einzigen Freund Xen hatte er die Karre kräftig aufgemöbelt und durch mehr als eine Tüv Kontrolle gebracht. Das hatte seinen Vater rasend gemacht, aber zu dem Zeitpunkt wohnte er schon nicht mehr zuhause. Und jetzt die angebliche Versöhnung. Er schnaubte verächtlich.
   Sein Bruder hatte heimlich immer zu ihm gestanden. Seine Schwester hatte ihn eigentlich immer nur gehasst. Er hatte nicht eine wirklich positive Erinnerung an seine Familie. Im Campingurlaub musste er immer unter freiem Himmel schlafen und bekam mieses Essen. Schlechte Leistung verdient schlechte Behandlung, das war Mamas ewiges Mantra gewesen. Und jetzt wo er internationale Bestseller verkaufte taten alle so, als hätte es die Vergangenheit nie gegeben. Und das Paradoxe war doch, dass er seine Eltern sehr liebte.
   Jedenfalls hatten sie ihm einen neuen Land Rover Defender 2020 geschenkt, zu Versöhnung. Abfällig dachte er daran, so ein beschissenes Auto was aussah wie geleckt. Er hatte seinen alten Ziegelstein auf Rädern vermisst. Und jetzt hatte er mal zur Abwechslung das Beste vom Besten mit dem Omega Avenger X5. Er dachte mit Genugtuung an die vielen offenen Münder und ungläubigen Gesichter auf der Beerdigung gestern. ER hatte ein Stück Luxus, nicht die anderen. Und er war etwas geworden, was sich die anderen nie hatten vorstellen können: Erfolgreich.
   Gerade seine Mutter wich ihm jetzt regelrecht aus, vielleicht sollte er sie mal mit der Wahrheit konfrontieren. Wenn sie nur halb so viel wüsste wie er, würde sie vor Angst weinen. Und sein Vater erst, diese Memme und dieser Schwächling. Vielleicht sollte er mal zurückschlagen. Bei dem Gedanken grinste er bösartig und tätschelte die Tasche. Die schulterte er jetzt und überlegte ob er was vergessen hatte. Nein alles dabei. Feuerzeug hatte er auch einstecken. Ein Zippo mit einer Reserveflasche Benzin obwohl er nicht rauchte, aber es machte sich gut um Sachen anzuzünden. Anna rauchte, und sie hatte die Angewohnheit gehabt ständig mit leeren Feuerzeugen herum zu rennen. Seitdem hatte er immer ein volles Zippo dabei.
Leider hatte er keinen Plastiksprengstoff dabei, aber er wusste wo er welchen finden würde, dazu Fässer mit Benzin und Zünder. Bomben konnte er im Schlaf bauen. Mehr als einmal hatte er davon geträumt sein Elternhaus mitsamt seinen Bewohnern in die Luft zu sprengen. Vielleicht würde der Tag einmal kommen. Auch wenn vielleicht nicht heute. Oder doch? Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Er verließ die Wohnung und nahm den Fahrstuhl nach unten. Das Center war gut besucht. Heute war doch Feiertag, warum hatten denn die Geschäfte alle offen? Er zuckte mit den Schultern und suchte nach dem Buchladen, von dem Liz erzählt hatte. Als er den Laden sah, zog er sich das Halstuch über Mund und Nase und schaltete die Brille auf spiegelnd um. Vor dem Laden stand ein Aufsteller. Was heißt hier Aufsteller, das waren seine Romanfiguren in Lebensgröße. Ted der Dieb, Merten der Mönch, Liz die Tigerin und Nate der Söldner.
   Im Laden gab es ein großes Display mit den Büchern die er geschrieben hatte und Merchandise.
Er drängelte sich etwas durch die Menge und griff nach dem ersten Band. Elfte Auflage, Er wurde alt. Den Verlag kannte er nicht, HRZN Print. Wer waren denn die? Er zuckte mit den Schultern und wand sich dem Merchandise zu. Cool, es gab sogar Actionfiguren. HRZN Toys. War das eine Unternehmensgruppe oder sowas? Von der hatte er noch nie gehört.
   Aus Jux nahm er ein Sticker Pack mit und machte sich dann daran, die Stadtpläne zu suchen. Die waren oben bei den Sachbüchern. Der Laden war ja riesig und es gab hier sogar ein kleines Café.
Er fand das Regal mit den Stadtplänen mit großen europäischen Städten. So mal sehen, A, B, Basel, Berlin … Berlin Solomon? Der Stadtteil hatte einen eigenen Stadtplan. Er zog den Plan heraus und den von Berlin, wieder HRZN Print. Merkwürdig. Die Kassiererin beäugte ihn misstrauisch, als sie die Sachen über die Kasse zog. Er bezahlte und bemerkte den Aufsteller mit den verfügbaren Zahlmethoden. HRZN Pay? Langsam wurde es ihn zu bunt.
   Er setzte sich auf eine Bank draußen im Park etwas Abseits und studierte den Stadtplan von Berlin Solomon. Der große lange Havel See war in der Mitte und es gab Solomon Ost und West und ein Fitzelchen im Südwesten. Im Nordosten war Solomon Industries mit der großen Akademie eingezeichnet, einer Uni und Berufsschule für Handwerksberufe im Bereich Bau. Da hatte Emma studiert. Da fuhr sogar eine S-Bahn hin, die S10 Richtung Solomon Central.
   Er runzelte die Stirn, das Gebäude war auf der Karte ein gutes Stück größer als der Berliner Hauptbahnhof. Wahrscheinlich mit dem Potsdam Syndrom. Riesiger Bahnhof und nur Regios und die S-Bahn hielten da. Während der ICE anderorts an Bahnsteigen hielten, die noch nicht mal eine Bahnhofshalle besaßen. Politik halt. Mal gucken ob das anders war.
   Er sah im Westen das Rathaus, einen großen Sportpark mit mehreren ordentlich groß aussehenden Stadien. Den Kulturpark und das da sah alles nach Bürogebäuden aus.  Und im Norden an der Stadtgrenze gab es einen Zoo, sehr interessant.
   Im Osten waren Wohngebiete, die Stadtwerke, Polizei und Feuerwehr. Er zuckte zusammen als er den nicht gerade kleinen quadratischen Park entdeckte, der von Wohngebäuden eingegrenzt wurde.
Der Platz der Nationen, hier hielt sogar die U-Bahn.
Im Süden war das BIT, das war einfach nur gigantisch riesig, um einiges größer als die TU Berlin, wo er nach der Schule studiert hatte.
   Fünf Brücken unterschiedlicher Größe überspannten die Stadt, auch nicht so wie in Potsdam mit ganzen zwei Brücken, über die sich jeden Tag alles staute. Eine war wohl für den Zug gedacht.
Er drehte den Plan um und studierte den Streckenplan. Die S10 fuhr wie erwähnt zu Solomon Central. Ebenso die U10, die über den Platz der Nationen und Solomon Akademie fuhr. Und die U11, eine Ringbahn die wie eine Acht geformt war, mit dem Hauptbahnhof als Knotenpunkt in der Mitte.
   Er fuhr die Stationen ab. Solomon Akademie, Platz der Nationen, Solomon Central, Solomon Sportpark, BIT West, BIT Süd, BIT Ost, Kulturstadion, Solomon Zoo.
Puh, das würde ein langer Tag werden. Er faltete den Plan zusammen und steckte ihn ein. Er öffnete die Tüte mit den Stickern und klebte den mit Nathan dem Söldner auf die Rückseite seines Spectre Feather. Passt ganz gut, die restlichen Sticker steckte er erstmal ein.
Wo war denn nur die U-Bahn? Er wanderte umher und dann erkannte er das blaue Schild am südlichen Block. Er ging mit gemächlichem Schritt darauf zu und zog sich eine Tageskarte für Berlin AB am Automaten. Kann es sein dass die Preise günstiger geworden sind? Wunder gibt es anscheinend doch.
   Unten roch es nach der warmen muffigen Luft der U-Bahn, die ihm so vertraut war. Die U10 in Richtung Solomon Central war ordentlich voll und er schob sich mit sanfter Gewalt in den Wagen. Die U-Bahn war definitiv neuer, als er es in Erinnerung hatte. Und schneller.
   Sie düsten unter der Havel durch und waren da und er stieg aus. Eine Menschenmasse schwappte nach oben die Treppen hoch. Interessiert sah er sich um, das war unverkennbar die Handschrift seines Vaters und seiner kleinen Schwester. Viel Beton, viel Glas und viel Grün.
   Er stoppte an einem verglasten Lichthof in dem auf Waldboden ein junger Baumriese wuchs. Auf einer Tafel las er, dass es ein Mammutbaum war, der dem Bahnhof in fünfzig Jahren ein grünes Dach geben würde. Interessante Idee. An einer Wand mit den Abfahrten blieb er stehen.
Hoppla, hier fuhren die super schnellen Sprinter ICEs. ICEs in zwanzig Minuten Taktung.
Eine Spalte verwirrte ihn. London, Paris, Warschau, Rom, New York, Moskau.
Darüber ein Schriftzug mit HRZN Travel. Schon wieder HRZN.
Er betrachtete die Beschilderung im Bahnhof und fand einen Infopoint, wo man sich eine 3D Karte des Bahnhofs laden konnte. Heiliges Kanonenrohr war der Bahnhof riesig!
Moment mal, Flugdeck eins bis sieben. Dann war das auch ein Flughafen?
Das musste er sehen.
   An einem Ticketschalter tippte er ein paar Sachen ein. HRZN Travel nach London. Die erste Klasse mit Einzelkabine kostete knapp hundertfünfzig Euro. Zweite Klasse lag bei fünfzig. Aus Spaß gab er Austin, Texas ein. Erste Klasse lag bei zweitausend Euro mit einem Direktflug. Also hatte ihn die Lufthansa mit den Wucherpreisen für die erste Klasse glatt verarscht.
Er buchte spontan erste Klasse nach London mit Rückflug. Das digitale Ticket wurde auf sein Prism geladen und über seine Brille wurde ihm die Route zum Flugdeck vier angezeigt.
Er folgte den Anweisungen und stieg hoch bis zur Wartehalle. Dort kam der erste große Test. Seine als Powerbank getarnte Waffenkammer wurde in der Schranke nicht erkannt. Wie gut das Nox keine Terroristen als Freunde hat. Oder doch? Er grinste.
   Die Wartehalle füllte sich immer mehr mit Touristen und Reisenden. Schweres Gepäck wurde gesondert abtransportiert. Er sah durch die Glasscheibe nach draußen auf das betonierte Flug … Das war ja gar keine Landebahn. Seine Vermutung bestätigte als ein Blauweiß lackierter Lambda Orca von HRZN Travel landete. Ein VTOL das so lang wie eine Transall C-160 war, aber bulliger, breiter und höher. Die beiden mächtigen Rotoren wurden immer langsamer und stoppten ganz. Mannschaften stürmten auf Flugfeld zur Betankung und um das Gepäck einzuladen. Breite Türen im Rumpf wurden geöffnet und Rampen wurden ausgefahren, dann öffnete sich die Schiebetür zum Flugdeck und Kaz näherte sich der Maschine. Hatte Liz nicht auch so ein Ding? Den Orca Travel, wozu nur? An Bord begriff er sofort warum die Preise so günstig waren. Das war quasi der ICE der Lüfte. Seine erste Klasse Kabine war nicht so groß und edel eingerichtet wie auf dem großen Airbus.
   Ein bequemer Sitz, ein Fernseher und ein Fenster nach draußen. Kein Rundumsorglos-Service mit Bewirtung durch eine Stewardess. Draußen im Gang war das Bistro. Und dahinter waren die Toiletten und in der Mitte und im Heck die zweite Klasse. ICE ohne Bahncard war trotzdem teurer und weniger bequem. Viellicht hätte er einen Kurzurlaub nach Madeira machen sollen. Das Flugziel gab es nämlich auch. Aber so konnte er mal bei dem Nox Kaufhaus in London vorbeischauen und ein paar Leckerbissen erstehen. Der Rückflug war heute Abend um acht, aber bei den Preisen könnte er auch für eine Nacht bleiben. Aber es gab ein Risiko. London wurde seit Jahrzehnten von Terroristischen Anschlägen gebeutelt und hatte jeden Monat mindestens einen Anschlag. Und in London wütenden kriminelle Banden und Organisationen. Die Polizei führte mit denen seit Jahren regelrecht Krieg und war dementsprechend kurz angebunden und schwer bewaffnet. Die wohlhabenden Bürger fuhren fast alle nur noch Omegas. Xen profitierte ordentlich von dem ganzen Chaos auf der Welt. Johnny und Liz ja auch. Verwundete und Schwerverletzte hieß Profit. Und er hatte seinem Bruder seinen Laden auch noch mit finanziert. Ihm schauderte.
   Jetzt hatten alle ihren Sitz gefunden und schnallten sich an. Die mächtigen Turboprop Triebwerke drehten auf und sie hoben langsam ab. Mit seinem großen Fenster hatte er gute Sicht über Berlin Solomon und Umland. Seine Augen wurden riesig als er in der Ferne einen Riesen in Blau und Weiß mit goldenen Streifen sah, der auf Solomon Central zuflog. Einen Lambda Beluga. Mit über Hundertsiebzig Metern Länge das größte (VTOL) Flugzeug der Welt und Zivil ein Luxusliner der Lüfte. Mit seinem Fernglas las er die Beschriftung. Das war der Graf Zeppelin von HRZN Travel.
Er träumte immer mal davon auf einem dieser Riesen eine Weltrundreise zu machen. Dort war die erste Klasse richtig teuer, aber dafür hatte man richtig eigene Apartments. Drei Decks für Passagiere und zwei für Cargo, Personal, Antrieb und Treibstoff. Die Belugas liefen Nuklear mit Generation fünf Reaktoren. Hochumstritten aber absolut sicher und grün.
   Er hatte gelesen, dass es bei Generation fünf Reaktoren eine Verwertungskette für Treibstoff hatte und die Stäbe am Ende nur noch eine Halbwertszeit von wenigen Jahren hatten. Nach der Stromkrise in Deutschland und den monatelangen Blackouts war man mit eingezogenem Schwanz wieder zum Atomstrom zurückgekrochen und Konzerne wie Horizon und Sigma hatten Milliarden in die Forschung und den Bau von nuklearen Reaktoren investiert um Deutschland zu grünem günstigen Strom verholfen.
   Horizon und Sigma kümmerten sich um die Lagerung der abgebrannten Brennstäbe. Auf dem Mond und dem Mars war viel Platz für Müll. Für die Wutbürger war das genug um aufzugeben. Und grüner Atomstrom kostete noch einen Bruchteil dessen was er vorher gekostet hatte und weit von den Wucherpreisen für grünen Strom entfernt.  
   Die Zukunft der Energie gehörte der Fission und der Fusion. Sigma hatte den Durchbruch in der Fusion gehabt. Jetzt war Strom so billig, dass er eine Selbstverständlichkeit wie Luft geworden war. Und mit einem Überschuss von Energie, war Afrikas Wasserkrise gelöst. Meerwasser zu Trinkwasser.
Dazu auch das Problem grüner Mobilität. Wasserstoff war billig wie nie und mittlerweile flogen die meisten Flugzeuge mit Treibstoff auf Wasserstoffbasis.
   Eine grüne Welt. Die Polkappen schmolzen trotzdem ab und die Antarktis wurde bebaut und bepflanzt. Und das Klima wurde Merkwürdig. Heiße Sommer und seltsamerweise scheißkalte Winter in Mitteleuropa. Das Freute die Damen, die wie Liz gerne Pelz trugen. Und von denen gab es am Platz der Nationen bestimmt genug.
   Sie flogen weiter, jetzt bei Tag konnte er eine Menge unten sehen. Da war der Sportpark. Eine wahrlich riesige Anlage und er würde drauf Wetten, dass das Stadion da unten größer als das Olympiastadion war. Und sie hatten ein richtig großes Baseballstadion, interessant. Und noch mehr in großen Hallen. Und die Kulturarena war ja auch ein mörderischer Kasten. Ob es in dem Zoo dahinten noch mehr Kaiserwarane wie Karl gab? Er müsste mal hingehen. Er schrieb es auf seine Todo Liste. Vielleicht morgen oder übermorgen.
   Die Triebwerke kippten in die horizontale und sie wurden schneller. Sie verließen Berlin und heilige Scheiße was war dann das? Mit völligem Unglauben sah er auf das riesige Gelände was sich in jede Richtung kilometerweit erstreckte. Und dann leuchtete es ihm ein, Das war Horizon. Der Megakonzern seines Bruders. Die hatten sogar einen eigenen Flughafen mit einem riesigen Terminal und Kilometerlangen Landebahnen. Johnny hat ihm das erzählt, dass es ihm zu bunt geworden war mit den ständigen Eröffnungsverschiebungen des neuen Berlin Brandenburg Flughafens und einfach selbst einen im Bruchteil der Zeit hochgezogen hatten. Aber er hätte nie gedacht, dass dieser Flughafen so riesig war, er dachte es ging immer nur um einen kleinen Cargo Flugplatz. Der war ja größer als Berlin-Tegel.
„Meine sehr verehrten Fluggäste ich muss ihnen leider mitteilen dass sich unsere Reise um einen Moment verzögert. Ein Beluga von Horizon Security wird andocken und einen kleinen Security Check durchführen.“
Ah fuck. Dort näherte sich schwarze Monster mit Waffenstationen und Strahltriebwerken.
Der Beluga dockte von unten an und der Orca wurde ein bisschen durchgeschüttelt. Er hoffte auf einen Zufall als seine Kabinentür geöffnet wurden und zwei Horizon Gardisten in schwarzen Kampfanzügen uns schweren Waffen vor ihm standen.
„Mitkommen.“
Sagte der eine trocken. Resigniert nahm er seine Tasche und folgte den beiden durch den Flieger und durch einen Schacht im Bug des Orcas nach unten in Richtung Beluga.
   Dort warteten zwei Ritter und eine Kampfschwester auf ihn. Er musste seine Taschen vollständig leeren und alles abgeben. Dann musste er sich vollständig entkleiden und wurde auf versteckte Waffen geprüft. Es kotzte ihn an das er von diesen augmentierten Blechdosen so gedemütigt wurde. Immerhin fanden sie das Fach mit der Five-Seven in seiner Umhängetasche nicht.
   Man reichte ihm eine Hose und ein T-Shirt in weiß, was überhaupt nicht nach Gefangener schrie.
„Sie stellen leider ein Sicherheitsrisiko dar und wir müssen sie fesseln.“
Die Fotze mit der hässlichen weißen Helmfrisur legte ihm feste Handschellen an. Er hörte wie der Orca abdockte und der Beluga leicht erzitterte.
   Johnny ich knall dir eine. Zehn Minuten später wurde er unsanft aus dem Flieger befördert und die Kampfschwester schubste ihn in ein kleines Vehikel und sie düsten über das Gelände was Flächenmäßig einer Großstadt nahekam. Die Leute draußen trugen farbcodierte Outfits.
Und er sah jede Menge Gardisten in Schwarz.
   Wie lange fuhren sie denn bitte? Was hatte sein bescheuerter Bruder da auf die Beine gestellt. Hier ging ihm sein Zeitgefühl völlig abhanden. Irgendwann stoppten sie und die Schlampe riss ihn so unsanft aus dem Wagen gerissen das er zu Boden stürzte und sich die Ellenbogen aufschürfte. Er hörte wie sie lachte und rappelte sich mühsam auf. Sie sah ihn höhnisch an und stieß ihn unsanft vorwärts. Es ging durch unzählige Sicherheitsschleusen und lange sterile Gänge entlang. Dann in einen Lift und sie düsten hoch. Seine Begleiterin trat ihm aus Spaß die Beine weg und er krachte mit dem Gesicht har gegen die Wand des Aufzugs. Deinen Namen und dein hässliches Gesicht merke ich mir und dann statte ich dir einen nächtlichen Besuch ab, das schwöre ich mir. Oben angekommen gab sie ihm einen unsanften tritt in den Hintern und er stolperte über eine Reihe Besucherbänke und stürzte zu Boden. Wieder lachte sie und riss ihn auf die Beine. Und warf ihn regelrecht in einen Raum, wo wohl Konferenzen abgehalten wurden. Unsanft landete er auf dem Rücken und ein bekanntes Gesicht schob sich in sein Gesichtsfeld. Johnny hielt ihm eine Hand hin. Er schlug sie weg und rappelte sich auf. Die augmentierte Fotze wirkte sehr selbstzufrieden.
„Sir, wir haben einen Terroristen geschnappt!“
„Ich bitte dich Veronica, du hast meinen Bruder von einem Kurztrip nach London abgehalten. Malträtierung und Belästigung von Familienmitgliedern kommt nicht gut beim Chef an!“
Genüsslich beobachtete Kaz wie die Frau so kalkweiß wie ihre dämliche Frisur wurde.
„Melde dich bei der Security, die nehmen sich deiner an. Du bist eine Schande für die  Kampfschwestern!“
Die Frau drehte sich um und ging. Johnny drehte sich zu ihm und löste seine Fesseln.
Kaz schlug ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Seinem Bruder flog die Brille von der Nase und er stolperte zurück.
„Hey Mann, was soll das? Ich hab dir gerade deinen Arsch gerettet!“
„Vor was, vor Augs und Blechdosen?“
„Hey Liz ist auch augmentiert.“
„Nicht jeder Aug ist ein mieses Arschloch wie die Fotze eben.“
„Ich kann nicht für jeden meiner Angestellten bürgen. Sie war die Ausnahme.“
„Wetten nicht? Du schuldest mir zweihundert Euro und ich wollte Shortbreadfingers in der Gourmettheke im Nox Kaufhaus in London für Liz kaufen, das hast du versaut mit deiner scheiß Privatarmee.“
„Sorry, großer Bruder das meine Security übergriffig wurde. Das war eine Ausnahme!“
„Nehme ich dir nicht ab. Und in wie vielen Bereichen hast du mittlerweile deine Finger. Horizon beziehungsweise HRZN ist ja praktisch überall.“
„Ich hab die Zahl nicht genau im Kopf, aber Horizon besteht aus etwa siebzehn Bereichen.
Von Lebensmitteln über Reisen, Energie, Medizin bis hin zu Bezahlmethoden. Das ist auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es dir gut geht. Komm wir nehmen einen Flieger zum Platz der Nationen und gehen ins Haus der Welt und ich erklär dir alles.“
„Sorry aber nein, setz‘ mich mit meinen Sachen wieder bei Solomon Central ab, ich will mir die Stadt in Ruhe angucken.“
Johnny sah ihn traurig an, irgendwas war mit ihm los, aber momentan interessierte es ihn einen Scheiß. Er war einfach nur wütend weil er auf dem Weg hierhin so mies behandelt worden war.
„Ok Bruder, aber pass auf dich auf, heute sind Krawalle angesagt. Und trag nicht immer Sachen mit, als würdest du in den Krieg ziehen. Ich hab die gleiche Tasche und bei mir ist da ein Taser drin, bei dir wahrscheinlich nicht. Das macht mir echt Angst großer Bruder. Zusammen mit dem was du gestern erzählt hast. Und nach der Sache mit den Kids sind meine Nerven sehr angespannt, bitte sei doch vernünftig und renn nicht mit einer Waffe durch die Gegend! Ich lasse einen Swordfish kommen, der dich abholt. Ich bringe dich zu deinen Sachen. Komm mit.“
Kaz folgte Johnny durch die Tür durch einen langen Gang in einen Raum, wo ein Gardist den Inhalt aus einer großen Plastikbox auf dem Tisch aufreihte. Wütend schubste er den Gardisten zur Seite und zog seine Sachen wieder an und befüllte seine Taschen, zum Glück war alles noch heil. Zur Sicherheit prüfte er alles genau. Erleichtert atmete er auf. Nach seiner unfreundlichen Behandlung hatte er Schlimmes für seine Sachen befürchtet. Jetzt würde er vieles machen nur nicht sich diese scheiß Stadt angucken wenn linksautonome sich Straßenschlachten mit der Polizei gaben.
Er ließ die Klinge des Survivalmessers aufschnappen und hielt sie dem Gardisten unter die Nase.
„Sebastian lass das!“
Kam es ungehalten von Johnny.
„Schon gut, lass mich doch auch ein bisschen spielen.“
Er steckte das Messer wieder ein. Und schnappte sich seine Umhängetasche. Johnny umarmte ihn fest und so standen sie eine Weile. Der Gardist führte ihn eine Treppe nach oben auf das Dach des Horizon Turms. Die tolle Aussicht interessierte ihn nicht wirklich und er stieg in den Swordfisch und setzte sich auf den erstbesten bequemen Sitz. Er ließ Hal den Avenger schon mal am Bahnhof vorfahren.
   Seine Laune hatte einen Tiefpunkt erreicht, mal gucken ob es noch tiefer ging.
Auf seinem Weg zurück sah er vereinzelte Feuer in den Straßen und schwarze kleine Gestalten herumrennen. Er ahnte übles. Sie erreichten Solomon Central und er stieg aus und betrat den Bahnhof. Alles voller Polizisten in schwerer Montur. Er rannte nach draußen und stieg in den Avenger ein. Der schwere Wagen nahm schnell Fahrt auf. Dann hielt er abrupt und Kaz sah auf die Straße.
Eine Gruppe aus vielleicht fünfundzwanzig schwarz gekleideten Gestalten blockierte die Straße und näherte sich dem Wagen. Über die Mikrofone hörte er mit, was draußen vor sich ging.
Granitsteine flogen auf den Avenger zu und prallten wirkungslos ab. Das irritierte die Gruppe die in der Straße anscheinend schon ein paar Wagen angesteckt hatten die fröhlich vor sich hin brannten.
Jetzt kamen die Molotows die an den Seiten und der Windschutzscheiben zerplatzten.
Er drückte auf die Hupe und ein lautes tiefes Dröhnen donnerte durch die Straße. Das nenne ich doch mal eine ordentliche Hupe, dachte er sich grinsend.
   Die Scheinwerfer fuhren auf maximale Leuchtkraft hoch und er fuhr langsam durch die Menge. Er wartete bis er hübsch und schön umzingelt war und dann zündete er das Tränengas. Das Keuchen, Husten und Röcheln der Linksautonomen war wie Musik in seinen Ohren. Er drehte die Beleuchtung wieder zurück und schob sich durch die Menge und fuhr etwas zufriedener seinem Ziel entgegen. Er hielt an der gleichen Stelle von der er aus Jack und Akira vor ein paar Wochen abgeholt hatte. Mit Umhängetasche näherte er sich dem kleinen Häuschen mit dem Zahlenschloss was einen der Geheimgänge zu den Räumen unter dem Anwesen führte. Er war definitiv nicht der erste Prepper in der Familie gewesen. Da unten war es wie in einem Labyrinth wenn man wusste wo die geheimen Türen und Gänge waren.
   In seinem Prepper Raum holte er die FN Five-Seven hervor, schraubte einen Schalldämpfer auf die Waffe, zog den Schlitten zurück und entsicherte.
   Auf seiner Brille sah er wie Emma und seine Eltern in Johnnys Küche fuhrwerkten und Mittagessen kochten. Alle zusammen auf einem Fleck wunderbar. Draußen standen Sicherheitsleute von Bluhm Security, sechs Mann und er hatte fünfzig Schuss Munition dabei. Reicht satt. Er stellte die Brille auf schwarz spiegelnd und zog sich Mütze und Mundtuch tief ins Gesicht. Er grinste.
   Er öffnete den Geheimgang im Keller und schlich sich nach oben, die Tür zur Wohnung seines Bruders knackte er in zwei Sekunden. Immer noch waren alle in der Küche zugange.
Hal startete ein Ablenkungsmanöver und er richtete seine Waffe auf die Küchentür.
„Was ist denn da draußen los, kann mir das mal einer erklären?“
Hörte er seinen Vater sagen und dessen Schritte näherten sich auf dem Dielenboden.
„Oh mein Gott was wollen sie denn hier? Bitte tun sie uns nichts!“
Fahrig wich sein Vater zurück, direkt in die Arme von Lilly und Emma die ihn zutiefst erschrocken anstarrten, Lilly fing an zu weinen.
„Bitte, wir haben nicht viel Bares bei uns aber wir haben etwas Schmuck da.“
Kaz schüttelte langsam mit dem Kopf.
„Falsche Antwort alter Sack.“
Herberts Augen wurden riesig groß als er die Stimme seines Sohnes erkannte.
„Ach du bist es, leg dieses lächerliche Spielzeug weg und ja uns nicht so eine Angst ein.“
Herbert trat vor und Kaz jagte einen halben Meter vor seinem Vater eine Kugel in den Dielenboden.
Der Schalldämpfer knackte laut und Lilly stieß einen panischen Schrei aus.
„Ich hab was zu sagen, also haltet die Fresse und Marsch zurück in die Küche.“
Verängstigt gingen die drei und Kaz in die Küche und setzten sich an den Küchentisch. Kaz legte die Waffe demonstrativ vor sich auf den Tisch, schaltete die Brille wieder auf normal und schob sich das Mundtuch runter. Seine drei Opfer sahen ihn mit großem Entsetzen an.
„Wo kommt die Waffe her? Das ist super illegal sowas zu besitzen. Und warum machst du das, wir haben dir doch gar nichts getan.“
„Nichts getan? Ihr drei habt meine Kindheit und Jugend zur Hölle gemacht! Die Schlampe da hat immer nur das Beste vom Besten bekommen und für mich war selbst gebraucht noch zu gut. Ihr habt mich immer nur schwach und dumm genannt und mich drangsaliert. Mich immer nur geschlagen und angeschrien wenn ich mal wieder eine schlechte Note nach Hause gebracht habe. Wenn Johnny oder die mal schlechte Noten hatten, kamen gleich die Päppelungen mit Nachhilfeunterricht und einem schönen Kakao und Süßigkeiten zum Trösten. Edelräder und nagelneue Defender für die beiden und ich krieg den alten Müll. Ihr habt michverachtet und gehasst und die Pistole hier ist die Quittung. Darauf hab ich mich über zwanzig Jahre lang vorbereitet. Trainiert und geübt. Das Ende der Solomons und Johnny knall ich ab, wenn er nach Hause kommt. Die Welt und die Clowns werden feiern und mich erwischt ihr nicht, das habe ich so lange geplant, dass mein Escapeplan absolut wasserdicht ist und ich habe mehr als eine Identität um abzutauchen.“
Die drei weinten.
„Großer bitte, das ist ein Ticket ohne Wiederkehr. Verdammt überleg dir das. Wir hatten immer nur das Beste für dich im Sinn, aber du hast es uns immer so schwer gemacht und uns nichts gegeben woran wir uns entlangtasten können. Deine Leistungen waren schon immer so mangelhaft. Wir können dich doch nicht dafür belohnen dass du nichts mit deinem Leben machst.“
„Ihr hättet wenigstens die Freundlichkeit haben können ab und zu mal nett zu sein.“
„Aber das sind wir doch.“
„Ja jetzt, nachdem euer Versagersohn erfolgreich geworden ist und eine wunderschöne Tochter adoptiert hat. Jetzt vielleicht. Wisst ihr, es gibt so viel was ihr nicht über mich wisst und ich aus Gründen der Geheimhaltung nicht sagen darf. Eine Sache schon, ich habe eine Hochbegabung für Mathematik und Informatik und habe mit fünfzehn eine menschenähnliche KI namens Hal geschrieben die mein Assistent und meiner bester Freund und damals einziger Freund geworden ist.
Wir haben zusammen HALOS entwickelt, heute eins der am weitesten verbreiteten Betriebssysteme der Welt. Klingt doch so richtig nach Versager.“
Lilly wurde bleich.
„Warum hast du uns das nie gesagt. Das ist doch wichtig.“
„Gründe der Geheimhaltung. Ich darf euch keine Details nennen.“
„Was soll das, du bist doch nicht etwa beim Geheimdienst.“
„Keine Details. Ich hätte mit einem Schnitt von 1.0 bestehen können, aber das war nicht meine Aufgabe. Ich habe es ertragen. All die Folter, Verachtung, Abscheu. Es gibt wichtigeres auf der Welt als eine völlig versaute Kindheit und eine Familie von der man gehasst wird.“
„Wir hassen dich nicht wir haben nur …“
Lilly klappte den Mund wieder zu und sah ihn traurig an.
„ … dich nicht geliebt. Ich habe mich in euren Augen nie für Kinder interessiert. Keine Kinder, kein Erbe, also völlig Nutzlos. Und dann die miesen Noten, der totale nutzlose Versager. Nicht wahr?“
„Nein, das stimmt nicht, hör auf uns Wörter in den Mund zu legen. Wir dachten wir hätten wieder Frieden geschlossen und jetzt willst du uns töten!“
Kaz schnaubte amüsiert.
„Was ist jetzt bitte lustig?“
„Ich habe ein Mittagessen mit Johnny im Haus der Welt ausgeschlagen. Der Nase nach würde ich sagen dass das Essen jetzt fertig ist. Bekomme ich was ab?“
Er sah die sichtbare Erleichterung in den Gesichtern und er schraubte den Schalldämpfer wieder ab und verstaute alles in seiner Umhängetasche. Draußen parkte Hal für später.
„Du blödes Arschloch von Bruder, hättest du uns echt erschossen?“
„Ihr seid nicht meine Mission Schwesterherz, ich bin im Ruhestand.“
„Weswegen?“
„Darf ich nicht sagen.“
Herbert nickte grimmig. Es gab einen schönen saftigen Braten mit Kartoffeln, Soße und Blumenkohl.
Sie aßen beherzt, es war sehr lecker.
„Es tut mir so leid, dass ich so eine miserable Mutter zu dir war und nichts wird es wieder gut machen. Wir waren nur immer so besorgt um dich. Ich glaube das haben wir dir nie richtig gezeigt. Als du zehn Jahre alt warst wurdest du schlagartig schlechter in allem, das haben wir uns nicht erklären können. Ich hatte mit deinem Vater endlos viele Gespräche was das angeht. Die Schläge waren nicht in Ordnung, dass wissen wir. Wir waren nur so verzweifelt. Meine Eltern waren immer sehr streng mit mir, ich dachte es würde besser werden, wenn wir auch so streng zu dir wären. Und deine Geschwister waren immer so herausragend in allem.“
„Ich war immer recht gut in Sport.“
„Aber damit kannst du kein Leben gestalten.“
„Eigentlich schon irgendwie, wenn man es mit ein paar anderen Sachen kombiniert, guck dir nur Jack und Akira an, die sind beide topfit und sehr sportlich.“
„Wir wissen noch als Johnny und Helena so verzweifelt waren, als Akira genau nach dir kam und sich auch für nichts zu interessieren schien. Und jetzt ist sie so erfolgreich und ist noch nicht mal mit der Schule fertig. Und Jack und …“
Emma stoppte und brach in Tränen aus.
„Warum hast du nie erzählt dass du einen Sohn hast und wann dürfen wir deine reizende Verlobte denn kennenlernen? Wer ist sie denn und woher kennst du sie?“
„Ihr Name ist Anna und wir sind zusammen zur Schule gegangen und wir sind Freunde seitdem wir vierzehn sind, also knapp dreißig Jahre. Nach der Schule hat sie zu Modeln angefangen und wurde damit sehr erfolgreich. Ihr Vater ist Deutscher und ihre Mutter Russin. Sie hat einen starken bayrischen Akzent den ich sehr mag, sie aber nicht und spricht deshalb am liebsten Englisch.
Sie mag gerne Codes und Rätsel. Wir haben zusammen immer Brettspiele gespielt.“
„Warum hast du sie uns nie vorgestellt?“
„Ich bitte euch, euer Versager Sohn mit dem heißesten Mädchen der Schule? Das wäre doch nie gut gegangen, außerdem ist sie etwas scheu. Und jetzt mag sie nicht kommen solange ihre Konkurrentin da ist. Aber ich denke sie kommt spätestens mal im Sommer zu Besuch.“
„Sie sieht Liz als Konkurrentin?“
„Ja, da gab es immer Streit, weil nie klar war, wer meine beste Freundin ist. Das ist nämlich Liz und Anna war immer traurig deswegen, gerade weil wir uns länger kennen. Aber ich liebe sie.“
„Das ist ja richtig romantisch. Das hätten wir nie gedacht. Zudem noch so zwei bildhübsche Frauen.“
„Herbert ich bitte dich, das ist nicht alles, auf das es ankommt.“
„Also mir war es sehr wichtig und hab mir die Hübscheste gegriffen.“
Herbert küsste Lilly und Emma verdrehte die Augen. Kaz grinste, wenn doch nur seine ganze Jugend so entspannt gewesen wäre.
„Ach ja Großer wir haben noch ein Geschenk für dich, ich und dein Vater haben nachgedacht und wollen dir ein Fahrrad schenken. Den Defender, den dir deine Geschwister geschenkt haben brauchst du ja offensichtlich nicht wenn man den Panzer da draußen sieht und wir dachten uns, dass das eine etwas versöhnliche Geste darstellt, weil wir dir ja nie eins geschenkt haben. Es ist eine Maßanfertigung. Ich zeig es dir nach dem Essen, wir haben Eis zum Nachtisch im Eisfach. Wir haben dich lieb Großer auch wenn wir das dir vielleicht nie direkt gezeigt oder gesagt haben. Das war ein Fehler. Aber bitte kein Schlafmittel mehr wenn du die Kinder zum Campen mitnehmen willst, das war sehr unfair von dir. Das ist uns wirklich nicht aufgefallen, wir rätseln immer noch wie du hier reinkommst ohne dass es jemand mitbekommt. Du steckst so voller Geheimnisse dass du ganz bestimmt ein Geheimagent bist.“
„Aber bitte lauf nicht so gruselig rum wie früher, der Anzug gestern stand dir hervorragend!“
„Ich mag es aber, viele Taschen zu haben. Damit bin ich einfach unabhängiger. Das habt ihr mich definitiv gelehrt, wie man unabhängig von anderen wird.“
„Das freut uns, aber ich weiß worauf du anspielen willst und es tut uns so sehr Leid.“
„Vergangenheit kann man nicht ändern und vielleicht verzeihe ich euch auch irgendwann.“
„Bitte nicht irgendwann, ewig leben wir auch nicht mehr, wir werden alt Großer.“
„So hab ich das nicht gemeint.“
„Alle fertig? Ich habe ein tolles Eis vorbereitet. Mit frischen Früchten und Fruchtsoße.“
Sie räumten ab während Lilly die Eisbecher füllte und mit Waffeln servierte.
Mango, Zitrone, Banane und Kirsche. Sehr lecker, sie vier machten sich über das tolle Eis her.
Danach verabschiedete begleiteten ihn die drei in den Garten hinaus.
   Stolz deutete seine Mutter auf ein Fahrrad dass an der Häuserwand lehnte.
„Ihr verarscht mich doch, dass habt ihr hinterm Bahnhof geklaut.“
„Es ist ein Fahrrad von Omega und du hast recht es soll so schrottig wie möglich aussehen.“
Omega. Also von Xen und steckte bestimmt voller Überraschungen.
„Der Chef von Omega meinte die Gebrauchsanleitung schickt er dir per Post.“
Kaz hob das Rad hoch und es war wesentlich schwerer als gedacht. Und bei den Reifen dachte er an Xens Geschwafel mit den tollen Superreifen, vielleicht waren die ja hier auch verbaut.
„Was habt ihr bezahlt?“
„Nichts, das hat uns überrascht, der Chef meinte es sei ein Geschenk. Weißt du was das bedeuten könnte?“
„Japp, Horatius alias Xen ist mein bester Schulfreund seit ich zwölf bin und wir haben rund vier Jahre zusammen in einer Zweier-WG gewohnt bevor er in Polen Omega gegründet hat.“
„Verarscht du uns?“
„Nö, ist mein voller Ernst.“
„Immer wieder erstaunlich. Das wussten wir nicht.“
„Ihr wisst leider so vieles über mich nicht. Vielleicht ist das gut so.“
„Wir möchten uns gern wieder mit dir versöhnen. Besuch und doch mal wieder. Aber dieses Mal ohne aus dem Nichts aufzutauchen uns mit einer Waffe zu bedrohen!“
„Ok versprochen, danke für das Fahrrad.“
Er umarmte die drei und schleppte das schwere Rad durch das Treppenhaus und zum Avenger der vorgefahren kam. Er klappte den Fahrradträger aus und montierte das Bike. Als es fest saß trat er zufrieden zurück. Das sah schön schrottig aus, nur Yusufs Affenschaukel war noch schrottiger.
Er würde ein schönes schweres Schloss dafür besorgen, so wie ein Motorradschloss oder so.
Am Platz der Nationen gab’s doch bestimmt einen schönen Fahrradladen.
   Er winkte seiner Familie zu und stieg vorne ein und brauste mit seinem zehn Tonnen Monster davon. Jetzt hing der Familiensegen ein bisschen gerader und er hatte ein Fahrrad.