Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 27

27. Kaz – 3.W. Juni 2045 – Samstagabend.

Er war zu hart zu dem Jungen gewesen oder nicht? Oder? Er wusste es. Die Nachforschungen des Kleinen nagten an ihm. Das stimmte nämlich alles. Das war ihm auch merkwürdig erschienen. Er hatte die Pläne von diesem Viertel studiert, aber die zeigten nicht alles. Bei seinen Gängen hier hatte er schon vor so vielen Türen und Toren gestanden, die einfach nicht da sein dürften.
Außerdem waren auf den Plänen keine Räume für Notstromgeneratoren und die Komplexe Lüftungsanlage aufgezeichnet. Für Haustechnik bisweilen auch nicht. Nicht zu vergessen die Türen mit acht gut fünf Zentimeter starken Riegeln aus schwerem Stahl und den tiefen Löchern dafür im Türrahmen.
   Jetzt war das Abendessen vorbei, Anna war zum Lesen ins Dachcafé verschwunden und seine Angestellten hatten Feierabend. Und die Sache mit Jack tat ihm leid. Eigentlich hatte er gehofft, dass er das Armband einfach behalten würde, das war doof von ihm. Aber er war zu weit gegangen. Und Liz war einfach zu leichtsinnig mit ihren Waffen. Jeder Idiot, der sie näher kannte, konnte sich die Kombination des Schlosses der Waffensafes denken.
   Zumindest waren Amber und Akira geblieben und hatten den Jungen getröstet. Auch wenn sie ihm danach etwas zu glücklich gewirkt hatten. Merkwürdig. Er sah aus dem Fenster.
   Na dann würde er auch ein bisschen schnüffeln gehen. Er hatte jetzt einen Link und Hal fuhr den Wagen zu einer unauffälligen Position vor, stellte den Anhänger ab und fuhr eine Straße weiter und blieb dort stehen. Ein Mostquitoschwarm würde losfliegen und die Gegend erkunden.
„Lara, kannst du mich hören?“
„Klar und deutlich, was gibt’s?“
„Warst du am Bau dieser Gebäude beteiligt?“
„Nö, die anderen haben mich und Hal nicht gelassen, weil wir Hacker und Cracker sind. Willst du rein? Ich weiß wie.“
„Das wäre meine Frage.“
„Dazu müsstest du ein Spectre mit einem Prism koppeln, und nimm ein paar Akkus mit. Hast du sowas? Und ich brauche Zugang für beide“
„Ich hab genau sowas, warte mal.“
Das leistungsstarke Spectre, das er fürs Zocken verwendete, lag in einer Schublade. Er holte es und klappte es auf und loggte sich ein. Er folgte Lara Instruktionen und nach ein paar Minuten war sie drin, das wiederholte er mit seinem Prism. Dann holte er seinen Kampfanzug und schlüpfte hinein, darüber zog er eine weite Arbeitshose mit Hosenträgern und einen sackigen Kapuzenpullover, dazu Arbeitshandschuhe. Den Helm ließ er hier, hoffentlich schoss ihm keiner in den Kopf. Und er trug ein kugelsicheres Halstuch. Dann die aufgeladene VR Brille, den Stealth Rucksack, eine Tranquilizer Pistole und Laptop mit Prism und Spectre. Zu guter Letzt steckte er sich ein Fernglas … Moment mal, da fehlten ein paar. Amber, was habt ihr nur vor? Und sein Nachtsichtgerät nahm er mit. Anna war nicht in Form, er würde ihr gerade nichts sagen.
   Er schloss die Tür hinter sich und fuhr aufs Dach. Er entdeckte Anna mit einem Buch und einer Brille auf der Nase im Café und nippte an einem bunten Cocktail. Sie trug die neuen Sachen und den Kapuzenpulli. Die Frisur stand ihr echt gut auch wenn er ihre lange blonde Mähne vermisste.
   Völlig egal. Er schlenderte über das Dach und erkannte Jack sofort. Betont unauffällig in seiner Kaz-Verkleidung, dieses Mal nur mit einer AR Brille auf der Nase und blickte auf ein Smartphone.
Er schickte die Hawks los und suchte nach Amber und Akira. fünf Minuten später fand er sie auf dem Dach, zumindest Amber, die oben stand, während sich Akira im Schutz der Dunkelheit an der Fassade abseilte. Oh man, so jung und schon so gerissen. Aber vielleicht nicht gerade subtil. Zumindest hatten sie die Dunkelheit auf ihrer Seite. Er verließ das Dach und das Gebäude.
Zwei Polizisten liefen an ihm vorbei, einer nickte ihm zu. Kaz sah ihm nachdenklich hinterher. Jack hatte schon recht mit dem Symbol. Der rechte hatte das Symbol auf seiner rechten Gesäßtasche eingestickt. Der Gesichtsscan hatte ergeben, dass es saubere Cops waren. In Berlin Solomon gab es erstaunlicherweise keine korrupten Cops, jedenfalls hatte er noch keine gesehen. Gut zu wissen.
Er dachte an Andrea Wolf, ob sie bei ihrer Jagd erfolgreich war, er wünschte es ihr. Eine fähige Kripo Beamtin auf seiner Seite zu haben wäre schon nützlich. An der T-Kreuzung blieb er stehen und musterte die Umgebung so wie Jack es wohl vorher gemacht haben musste.
   War der Gullideckel dort schon immer so groß gewesen? Er trat näher heran und kniete sich über den Metalldeckel. Da ganz versteckt, war das Symbol eingekratzt. Merkwürdig. Er schickte die Silent Blades los um ein Luftbild zu machen.
   Da der dreißig Meter hohe Klotz in der Mitte, wo seine beziehungsweise Liz Wohnung lag. Mit dem Glasturm für das Haus der Welt und dem fetten Helikopter Turm. Drum herum in alle vier Seiten vierhundert Meter Park. Durchbrochen von den öffentlichen Eingängen für Schwimmbad und Fitnessstudio und dem unterirdischen Liefereingang mit dem ominös großen Rolltor und auf der anderen Seite die Zufahrt zur Tiefgarage. Wie mit dem Lineal geschnitten die Straße mit den Parkplätzen zu beiden Seiten, die einmal um den Klotz führte.
   Und dann ging der Park nochmal gute zweihundert Meter weiter und wie eine Mauer führten fette Festungsähnliche Gebäude herum aus denen in regelmäßigen Abständen ziemlich hohe Wohntürme hervorragten, die von mit Dicken Wänden aus Stahlbeton und Glas verbunden waren. Festung oder Burg war schon sehr treffend. Es waren auf zwei Seiten sieben Wohntürme in Reihe, auf den anderen Seiten neun und immer der mittlere war viel fetter als die anderen. Da würde er reingehen. Er schob sich das Totenkopfhalstuch bis unter die Augen, blendete die Brille ab und zog sich die Kapuze tief in die Stirn. Er suchte sich eine Siebenergruppe aus und nahm das zweite Gebäude aus. Er ging an den Ladengeschäfften im Erdgeschoss vorbei.
   Vor der Tür zum Wohntrakt berührte er das elektronische Schloss mit seinem Prism und nach zehn Sekunden war es offen. Lara war ein Genie. Im inneren besah er sich das Treppenhaus. 56 Stockwerke, ne die Treppe nahm er nicht. Es gab drei Aufzüge. Mit dem leeren Fahrstuhl fuhr er bis in den dreißigsten Stock und stieg aus. Unpersönlich konnte man das nicht nennen. Die Türen waren mit Aufklebern, Bildern und Postern beklebt. An ein paar hingen Flaggen. Er sah zwei deutsche, eine indische und eine amerikanische Flagge. Er ging einmal auf der Etage herum. Auf beiden Seiten wo die Verbindungswände waren, war jeweils eine breite Tür auf der Wartung stand.
   Lara knackte das elektronische Schloss in ein paar Minuten und die schwere massive Tür öffnete sich. Wartungstür von wegen, das ist wie eine gepanzerte Tresortür. Ein breiter weiß beleuchteter Gang, gut sechzig Meter lang und beidseitig von Deckenhohen Glasfenstern unterbrochen. Die Wände waren mit Fächern und Schubladen gespickt, alles Elektronisch gesichert. Er knackte eine breite Schublade und zog sie auf. Holla, zwei HK416 mit Schalldämpfern. In anderen Fächern fand er Magazine, Munitionskisten, Granatwerfer und so weiter. Alles Amerikanische und Europäische Hersteller. Chinesische oder Russische Sachen gar nicht. In einem Schrank waren schwarze Uniformen mit dem Symbol der schwarzen Geister auf dem rechten Oberarm. Dazu Kevlar Panzerungen und Geschirre für Munition und Ausrüstung.
   Er hatte das Waffenlager einer ganzen Armee gefunden. Überall war das Symbol, das seine Bücher zierte, dass wiederum das gespiegelte Symbol der Geister war, nur deren Symbol war weiß.
Ob das auf allen Etagen so aussah?
   Er ging den Gang weiter und knackte die noch fettere Tür. Laras Skills waren Gold wert. Er würde sie definitiv unterstützen wenn sie eine Spectre Fabrik in Deutschland bauen sollte. Was allein die ganzen Goldbarren in Liz Keller wert waren …
   Hier starrte er auf eine dicke Betonwand. Zu beiden Seiten waren in der Außenwand Wohnungstüren in den Beton eingelassen. Vor einer mit einer amerikanischen Flagge blieb er stehen und öffnete das Schloss. Die Wohnung winzig zu bezeichnen war eine Untertreibung. Direkt neben ihm war ein winziges Bad, daneben eine winzige Kochnische, die einzige weitere Tür führte in einen Raum mit Sofa, Fernseher, ein paar Regalen, einem Tisch. und einer großen Flagge an der Wand. Sieht irgendwie zu merkwürdig aus. Das Sofa hatte einen Kasten den er aufzuziehen versuche. Ging nicht. Er entdeckte ein Schloss und knackte es. Dann ließ sich der Kasten herausziehen. Bingo, ein Barrett M82A1, ein schweres Scharfschützengewehr in .50 BMG. Das war doch alles Fake. Er trat auf den Balkon. Perfekte Sicht auf das Viertel. Ein Scharfschützennest. Gerade leer, aber definitiv bewohnt.
   Fuck, er bemerkte erst jetzt dass der Fernseher lief, Spielkarten auf dem Tisch lagen neben zwei halbleeren Bierflaschen. Die waren noch kalt gewesen. Damn it.
   Plötzlich ging das Licht aus und Dunkelheit umgab ihn. Er wollte wieder reingehen als er ein ungutes Gefühl hatte, er zückte die Taschenlampe und machte sie an.
   Alpha! Er stand im Türrahmen zum Flur und sah ihn stockstarr an. Ein wahrhaftiger Geist.
„Bist du hier um mich zu töten?“
Der Geist schüttelte mit dem Kopf.
„Aber ich darf nicht mehr weiterschnüffeln?“
Der Geist nickte.
„Wer seid ihr?“
Aber nichts passierte, außer dass seine Taschenlampe erlosch und ihm schwarz vor Augen wurde.