Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 22

22. Kaz – 2.Mai 2045– Dienstag – Armer Wolf

Das Rad war echt gut und der eingebaute Motor machte endlich Laune. Der Tag nach den Krawallen und überall waren Trupps die aufräumten und die ausgebrannten Autos abräumten. Gestern musste es echt noch schlimm gewesen sein. Vielleicht hätte er die Arschgeigen in schwarz überfahren sollen, nein müssen. Er war durch die Wohngebiete in Richtung BIT im Süden geradelt und war dann über die Brücke an Solomon Central vorbei. Er sah Horizon Gardisten mit Polizisten diskutieren. Wahrscheinlich war was vom Konzern kaputt gegangen. Hätte man doch HRZN Security genommen, ein paar Ritter und es wäre Schicht im Schacht. Oder ein paar Mechs. Die Russen und die Japsen waren ganz begeistert von Kampfläufern. Die Panzer der Zukunft hieß es, mag wohl stimmen. Solange es nur nicht wie in Metal Gear wird und die Dinger Railguns für nukleare Sprengköpfe bekommen. Dann würde es echt böse werden.
   Ein Autofahrer hupte ihn an und er drehte sich um und zeigte ihm den Vogel. Lern doch Fahren du Schwachmat! Genervt sah er wieder nach vorne auf die Straße und radelte durchs Bankenviertel zwischen Bahnhof und Kulturpark. Bei dem schönen Wetter waren viele Radler und Fußgänger unterwegs. Hier war ja was los, dutzende abgefackelte Wagen, darunter etliche Mercedes und BMW und drei Porsche, das würde teuer werden. Am Platz der Nationen gestern waren zwar Demonstranten aber keine Krawalle gewesen. Dafür hatten die Animals ordentlich Party gemacht. Er trat ordentlich in die Pedale und näherte sich dem Kulturpark, jetzt noch etwa fünfzehn Minuten und ich bin am Zoo. Seine Uhr zeigte ihm halb elf. Als er vor dem Zoo anhielt und sein Rad anschloss hörte er hinter sich Gelächter und er drehte sich um. Ein etwas älterer Herr mit weißem Vollbart radelte neben ihm auf einem grell pinken Damenfahrrad vorbei, er trug einen halboffenen Rucksack in dem ein großer Plüschwaran saß und rausguckte. Wolfgang Bluhm, was ein Zufall.
„Hey alter Mann, was machst du denn hier?“
Wolfgang schloss das auffällige Fahrrad an und drehte sich um.
„Ich gehe in den Zoo kleiner und was treibst du so?“
„Dasselbe. Warst du schon mal hier?“
„Ziemlich oft und seit Maras Tod jeden Tag.“
„Warum das denn?“
„Komm mit ich zeig‘s dir.“
Er folgte Wolfgang zum Eingang und entdeckte ein Schild, nach dem der Zoo von Horizon gesponsert wurde. Sie bezahlten und die Tickets waren erfreulich billig. An einer Tafel mit der Karte des Zoos blieb er stehen. Es gab ziemlich viele Raubtiere. Großkatzen, Wölfe, Bären. Dazu ein großes Vogelhaus, ein Insektenhaus, Affenhaus und ein riesiges Reptilienhaus. Nicht zu vergessen einen ganz schön großen Abenteuerspielplatz mit anliegenden Zoo Restaurant und zwei Cafés. So ein großer Zoo, toll. Sie gingen logischerweise zuerst zu den Wölfen.
„Guck die mal die Frau da an, Schlimm.“
Wolfgang deutete auf eine Frau mit dem linken Arm in der Schlinge und einem mächtigen blauen Auge. Er zuckte zusammen, das war Kriminalpolizistin Andrea Wolf. Sie sah ganz elend aus.
„Sie ist bei der Polizei, lass uns mal zu ihr gehen.“
Andrea bemerkte sie nicht bis sie vor ihr standen. Sie zuckte zusammen.
„Herr Solomon und Herr Bluhm, Äh … Hallo.“
Sie wirkte sehr unsicher.
„Kommen sie doch mit, ich lade euch beide ins Zoo Restaurant ein, die machen eine tolle Currywurst.
Und bitte nennen sie mich Wolfgang oder kurz Wolf.“
Andrea schniefte und trottete ihnen nach. Um die Uhrzeit war das Restaurant nicht sehr voll und sie bekamen einen abgelegenen Tisch in einer ruhigen Ecke. Kaz zuckte zusammen als eine Bedienung an ihrem Tisch auftauchte und ihnen Speisekarten vor die Nasen legte, Zoorestaurant war normalerweise Selbstbedienung, so war er es vom anderen Zoo in Berlin gewohnt.
   Sie bestellten zwei große Cola und ein großes Bier für Wolf. Dazu zwei normale Currywurst und eine doppelte Portion für ihn. Andrea schien etwas aufzutauen und nahm einen tiefen Schluck Cola.
„Dürfen wie erfahren wer dich so zugerichtete hat? Ich bin übrigens eingeweiht in ihre Mission.“
„Nach den unerlaubten Ermittlungen im März wurde ich degradiert und Strafversetzt nach Berlin Solomon. Da habe ich heimlich weiterermittelt, aber hier in Solomon sind die Cops absolut lupenrein. Nach deiner Anleitung habe ich mir einen Zugriff für den Hauptcomputer in den Zentralen der Polizei in den anderen Stadtteilen gesucht und bin fleißig am Suchen, aber das ist gar nicht so wichtig. Gestern hatte ich Dienst und wurde zu den Trupps eingeteilt, die bei den Krawallen auf den Straßen für Sicherheit sorgen sollten. Ich war in einer Gruppe mit fünf anderen und plötzlich tauchen die Autonomen von allen Seiten auf und attackieren uns. Ich hab zwar einigen ordentlich mit dem Knüppel auf die Glocke gehauen aber wir wurden völlig zu Brei geschlagen und man hat mir den Arm gebrochen und mir verdammt hart ins Gesicht geschlagen. Und ein Wichser hat mir Pisse über die Uniform gespritzt als wir am Boden lagen. Rettungswagen haben uns ins Krankenhaus gefahren und wir wurden versorgt. Ich bin jetzt erstmal krankgeschrieben. Und ich hab mich gestern von meinem Freund getrennt, er war in einer der Zellen im Präsidium und hat mich als falsche Faschisten Fotzte beschimpft. Verdammt wir waren ein Jahr zusammen und ich hab nichts bemerkt. Zuhause hab ich Stundenlang geduscht weil ich diesen Geruch von Urin nicht wegbekam und dann hab ich mich eingerollt und die halbe Nacht geheult. Und jetzt bin ich hier.“
„Das klingt ganz ordentlich heftig, ich wurde gestern nur entführt und von einer Kampfschwester von Horizon malträtiert. Aber du Arme, erst degradiert man dich, dann haut man dich zu Brei und jetzt bist du Single, das Leben einiger ist hart.“
„Und ich hab meine Tochter vorgestern zu Grabe getragen, das war auch nicht schön.“
Andrea spielte nervös mit einem Strohhalm.
„Ich glaube ich weiß, warum er und seine Freunde uns verdroschen haben. Ich wollte ihn anzeigen.“
„Das musst du uns aber erklären.“
Andrea senkte ihre Stimme und flüsterte fast.
„Dieses Arschloch hat mich vergewaltigt und gedacht ich merke nichts.“
„Heiliges Kanonenrohr, verstehe. Die korrupten Cops hätten ihn wahrscheinlich nur wieder laufen gelassen. Aber Knast hätte ihm gut getan, all die armen unschuldigen Seelen, die hätten ihn ordentlich vermöbelt. Aber das ist wirklich schlimm, das ist ein großes Verbrechen.“
Andrea nickte und weinte.
„Er hat mir so oft erzählt, dass er mit den Clowns ganz dicke ist und die würden meine Familie plattmachen, meine Mutter und meine kleine Schwester, wenn ich nicht den Mund halte und brav mitspiele. Ich wette das war nicht das einzige Mal, dass er sich an mir gütlich getan und mir sonst wo noch Schaden zugefügt hat.“
„Wir könnten dir anbieten, uns deinem kleinen Problem anzunehmen und dem guten Herrn einen Denkzettel zu verpassen. Alles ohne dass du uns bezahlen musst.“
„Moment mal, was wollen ein Autor und ein KSK Kommandant machen, woher kennt ihr euch überhaupt?“
„Das unterliegt der Geheimhaltung, aber ich kann sagen dass wir unzertrennlich sind auch wenn der Junge zehn Jahre in den USA gefaulenzt hat. Wir sind durch dick und dünn gegangen.“
Andrea hob ungläubig die Brauen und wechselte Blicke zwischen Kaz und Wolf, die breit zurückgrinsten.
„Ok, dann macht diesen Wichser platt, würde mich nicht stören wenn es endgültig wäre.“
„Sehr wohl Andrea, du bist ja auch ein Wolf, damit gehörst du fast zur Familie. Ich hab deinen Vater gut gekannt. Zwanzig Jahre haben wir zusammen gekämpft und er ist von jedem Einsatz heil zurückgekommen und dann kommt ein mieser Clown und macht ihn platt wenn er mit Freunden ein Bier trinken geht. Ich weiß es als wäre es gestern gewesen, wir waren in einer Bar was trinken und er ist raus weil er seine Brieftasche im Wagen vergessen hab. Und anstatt ihn einzuladen hab ich ihn gehen lassen. Danach das aufheulen eines Motors und der Aufprall. Verdammt, er ist in meinen Armen gestorben, während dieser Drecksack Fahrerflucht beging. Hätte ich meinen Freund doch nur eingeladen. Ich hab mir das nie verziehen, aber er hat eine wunderschöne Tochter hinterlassen.“
Andrea heulte lautstark und Wolf nahm sie in den Arm und strich ihr über den Rücken.
   Die Bedienung stellte die Teller ein bisschen verwirrt ab und verschwand dann wieder. Andrea lehnte sich auf ihrer Bank zurück und wischte sich mit der Serviette die Tränen weg.
„Das ist das erste Mal dass mir jemand sagt der dabei war, wie er gestorben ist. Alle haben immer nur gesagt er hätte einen Unfall gebaut, aber das stimmt doch nicht. Ich war so stolz auf meinen Vater und ich habe es gehasst wie unser Name durch den Dreck gezogen wird. Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich solche Verbrechen aufklären wollte. Vielleicht hätte ich wie Papa doch lieber zur Armee gehen sollen. Aber ich will dass diese Stadt wieder sauber wird.“
„Ein ehrenwertes Ziel nur leider könnte es dafür schon zu spät sein.“
„Ich gebe nicht auf. Solange ich bei der Polizei in Berlin Solomon bin, hab ich Rückenhalt. Das finde ich richtig gut, dass es auch noch Männer und Frauen gibt die ihre Berufung als Polizist ernstnehmen.“
Wolf prostete ihr zustimmend zu und sie stießen an. Dann wurde erstmal gegessen. Wolf hatte nicht zu viel versprochen, die Currywurst war echt lecker und die Pommes schön kross. Sie aßen in Ruhe und mit jedem Bissen schien es Andrea besser zu gehen. Bei den letzten Bissen wirkte sie regelrecht vergnügt.
„Darf ich fragen warum du einen Plüschwaran mit dir im Rucksack herumträgst?“
„Darfst du, das ist Earl. Den hab ich meiner Mara geschenkt als sie dreizehn oder vierzehn war. Dazu muss ich aber auch erklären was es mit meiner kleinen auf sich hatte und wie sie zu Karl gekommen ist, dem Kaiserwaran. Mara war ein unerwartetes Kind, eigentlich hatte ich mich mit meiner Frau Frida auf zwei Kinder geeinigt und als sie dann plötzlich wieder schwanger wurde hab ich sie dazu überredet, das Kind zu behalten. Es wurde ein Mädchen namens Mara. Sie war immer etwas anders und hatte große Schwierigkeiten damit Freunde zu finden. Frida wollte keine „kaputte“ Tochter und hat sie nie wie ein normales Kind behandelt. Sie hat sie nie richtig geliebt und sie ständig missachtet und für Dinge bestraft, die sie nicht begangen hat. Mara war faszinierend von Reptilien seit sie ein kleines Kind war und ich hab sie immer mit in den Zoo mitgenommen wenn ich zuhause war. Als Teenager hat sie ihr gesamtes Ersparnis in Terrarien und Reptilien investiert. Und dann kam dieses schreckliche Ereignis. Wisst ihr meine Frau Frida hat Maras Hobby abgrundtief gehasst. Mit sechzehn war Mara auf einer zweiwöchigen Klassenfahrt und als sie zurückkam fand sie all ihre Lieblinge tot oder vergiftetet vor. Sie war so außer sich vor Trauer und vor Wut. Sie hat meine Frau angefallen und angeschrien. Frida konnte damit nicht umgehen und ist regelrecht geflohen. Ich hab meine Brüder angefleht sich um die Kleine zu kümmern während ich weg bin. Als ich wieder in Berlin war hab ich mich um meine kleine Tochter gekümmert. Sie sollte bei meinem großen Bruder Wilhelm bleiben bis ich eine Wohnung für sie gefunden hatte. Als erstes waren wir wieder im Zoo und ich hab ihr im Shop dieses tollen Plüschwaran zum Trösten geschenkt. Wir waren bei einigen Ärzten und bei ihr wurde eine Form von Autismus gefunden. Und dann hatte ich eine verrückte Idee. Kaiserwarane haben einen sehr stabilen Bestand und werden aufgrund ihrer außerordentlich hohen Intelligenz und Ruhe gerne als Haustiere gehalten. Allerdings gibt es da Sonderbestimmungen. Ich habe in Absprache mit meinen Kommandanten eine Auszeit genommen und eine Wohnung für mich und meine Tochter gesucht und auch gefunden, in Berlin Solomon, nahe der Havel und dem Platz der Nationen. Dort haben wir gewohnt und ich habe ihr nach der Schule einen Platz bei Bluhm Security besorgt. Zum siebzehnten Geburtstag habe ich ihr einen frisch geschlüpften Kaiserwaran vom Zoo in Berlin Solomon geschenkt. Sie war ganz aus dem Häuschen und hat ihn aufgezogen. Karl war immer ihr bester Freund. Als ich dachte sie sei wieder in Sicherheit bin zurück zum KSK und zu meiner Einheit. Alles ging so gut, bis zu dem Attentat. Ich war durch eine Mission auf der anderen Seite der Welt gebunden und konnte nicht zurück. Mara wurde lebensgefährlich schwer verletzt und ich dachte dieses Mal hätte ich sie für immer verloren. Sie war Frau Engström zugeteilt die Mara beschützt und verteidigt hat bis Verstärkung von HRZN Security auftauchte. Augmentierungen werden von keiner Kasse bezahlt und ich bin nicht reich und ich dachte das war‘s. Aber diese wunderbare Geschäftsfrau bezahlte alle Operationen für mein kleines Mädchen auch wenn sie danach nicht mehr wiederzuerkennen war. Karl durfte bei Frau Engström wohnen und Der Stoffwaran Earl schlief in Maras Bett in ihrem Apartment. Und dann das zweite Attentat. Mara war besser gewappnet aber ihre Gegner auch. Vor knapp einem Monat war es endgültig und ich hab meine liebe Tochter für immer verloren. Und Karl, den dieser Kerl hier bald adoptiert, und der Stoffwaran hier sind alles was mir von meiner kleinen Tochter geblieben ist. Ich bin zwar schon über sechzig, aber wenn ich zuhause in Deutschland bin, nehme ich den fast überall hin mit, auch ins Bett. Nennt mich ruhig kindisch, aber wenn ich die beiden Warane sehe ist es fast schon wieder so als würde ich mit meiner kleinen Mara spielen. Ich vermisse sie so sehr. Jeden Tag.“
Jetzt weinte Wolf und Andrea starrte ihn ungläubig ab. Kaz tröstete seinen Freund.
„Ich möchte euch etwas zeigen, bei den Waranen.“
Wolf zahlte und sie gingen in Richtung Reptilienhaus. Das war ja riesig. Reptilien auf drei Etagen, nach Größe sortiert. Unten waren die dicken Schuppenviecher und ganz oben die kleinen Eidechsen und Geckos. Unten blieb Wolf vor einem wirklich riesigen Terrarium stehen.
„Das sind Hera und Rüdiger, Karls Eltern. Paare von Kaiserwaranen bleiben ein Leben lang zusammen. Kaiserwarane sind schon etwas seltsam. Leben in Gruppen, Sind oft Baumbewohner und unfassbar schlau, also wirklich schlau. Karl ist keine Ausnahme. Komm ich zeige es euch.“
Wolf winkte einem der riesigen Warane zu. Die Echse kam näher und musterte die drei neugierig. Erst jetzt bemerkte, dass vor dem Waran nahe der Scheibe eine Art Tastatur in den Boden eingelassen war. Mit einer mächtigen Kralle tippte die Echse auf der Tastatur.
„Mara?“
Wolfgang seufzte tief. Und tippe auf seiner Seite etwas.
„Tot.“
Der Waran musterte sie lange, dann erschien ein „Traurig“ Emote auf dem Bildschirm auf ihrer Seite.
„Das ist Hera, sie ist über vierzig, Kaiserwarane werden über achtzig Jahre alt. Sie ist also noch in den besten Jahren, sie will wissen wer ihr seid, also tretet vor und tippt eure Namen ein.“
Schwer fasziniert trat Kaz vor und tippte „Kaz“ ein. Und dann kam Andrea und tippte ihren Namen ein. Ein „Fröhlich“ Emote kam und dann drehte die Waranin wieder um.
„Sie wird sicher trauern, sie hat Mara sehr gemocht. Kommt lasst uns weiter gehen.“
Bedächtig sahen sie sich alles an und gingen dann in die anderen Häuser. Der Zoo war echt groß. Am Ende standen sie wieder vor dem Eingang und Andrea bedankte sich für die Einladung und die Führung.
„Und bitte knallt diesem Arschloch eine, wenn ihr ihn seht.“
„Es wird uns eine Freude sein Andrea.“