Der Katastrophenzyklus – 2-3 – Einsicht (13 Seiten)

Lucy machte plötzlich ein Gesicht, als hätte ihr Gehirn einen kritischen Error ausgespuckt. Joschis Frau stand mit legerer Kleidung und einer noch etwas feuchten dicken pechschwarzen Mähne, die ihr bis zum Po reichte, im Türrahmen und näherte sich neugierig Lucy. Die saß verdattert auf ihrem Stuhl und starrte die Frau an. Unter dem Tisch griff Joschi in die Hosentasche und schob sich den Ehering, den er zuvor aus dem Safe genommen hatte, auf den Ringfinger. Dann stand sie direkt hinter Lucy und umarmte sie liebevoll.
„Was wird hier gespielt?“
Gianna war nicht weniger verwirrt als Lucy.
„Ich erkläre es dir gleich, hab etwas Geduld.“
Seine Ehefrau, Gattin durfte man ja leider nicht mehr sagen was ihn nicht davon abhielt sie damit zu ärgern, löste sich wieder von Lucy und schob sich neben ihn auf die Bank.
„Du bist groß geworden, Amber.“
Lucy machte ein Gesicht als würde sie gleich heulen.
„Ich heiß nicht Amber! Mein Name ist Lucy, keiner darf mich bei meinem Vornamen nennen!“
Seine Frau machte ein trauriges Gesicht.
„Das ist aber unfair, schließlich hab ich dir diesen tollen Namen gegeben.“
Sowohl Gianna als auch Lucy starrten sie verdattert an. In Giannas Kopf machte es zuerst Klick und ihre Wangen verfärbten sich rot vor unterdrückter Wut.
„Du Mistkerl hast gestern auf die Tränendrüse gedrückt und mir vorgeheult, Lucys Mutter Meggie wäre kurz nach Lucys Geburt gestorben und tada, jetzt sitzt sie da putzmunter neben dir!“
Fauchte Gianna beleidigt. Lucy sah nur völlig verwirrt aus, dann brach sie in Tränen aus.
„Aber Mama hat uns doch verlassen. Du hast immer gesagt, Mama hätte uns einfach verlassen!“
Magdalena, kurz Meggie, wirkte geknickt.
„Ich musste euch verlassen, sonst wären du und dein Papa in großer Gefahr gewesen. Ich musste erst dafür sorgen, dass mir niemand mehr etwas Böses will.“
„Warum wollte dir jemand etwas Böses?“
Lucy klang plötzlich vage interessiert.
„Ich bin Reporterin und Ex-Spionin, ich decke böse Machenschaften auf und ein paar böse Leute, hatten das damals mitbekommen und wollten mich daran hindern. Sie wollten mich aus dem Weg räumen, aber mit Hilfe deines Papas und ein paar guten Freunden konnte ich meinen Tod vortäuschen und aus dem Verborgenen weitermachen. Aber keine Sorge, die Bösen sitzen jetzt für eine sehr, sehr lange Zeit im Gefängnis und ich konnte endlich zu euch zurückkehren. Jetzt sind wir wieder eine richtige Familie.“
Lucy musterte sie nachdenklich, dann ging sie wieder sofort in den Trotzmodus.
„Aber ich kenn dich gar nicht und irgendwie mag ich dich auch überhaupt nicht! Ich mag Frau Hofgärtner ganz dolle, ich will, dass sie meine Mama wird, nicht du! Du warst doch die ganze Zeit nicht da, dann kannst du doch auch wieder weggehen! Papa, ich will sie nicht! Mach, dass sie wieder weggeht! Ich will sie nicht als Mutter!“
Lucy war vor Zorn rot angelaufen. Joschi wechselte einen besorgten Blick mit Meggie, die ganz erschrocken guckte und deren Augen sich schnell mit Tränen füllten. So war das aber auch nicht geplant. Er legte den Arm um Meggies Schulter.
„Lucy, sie ist meine Ehefrau, ich werde sie ganz sicher nicht wegschicken. Sie wird jetzt wieder bei uns wohnen. Und du hast in dieser Entscheidung keine Stimme! Warts ab, sie ist eine richtig gute Mutter und du wirst sie sofort mögen.“
„Ich will sie aber nicht! Ich hasse dich! Ich hasse die da auch! Du machst mir immer alles kaputt!“
Schrie seine Tochter ihn an, dann griff sie nach dem vollen Kaffee-Becher vor ihr auf dem Tisch und pfefferte ihn an die Wand, wo er mit einem Knall zersprang und überall heißen Kaffee verspritzte. Sie sprang auf, bevor er etwas sagen konnte und rannte aus der Küche, kurz darauf knallte ihre Zimmertür. Es herrschte Stille in der Küche.
Meggie reagierte zuerst und wischte sich schniefend die Tränen weg.
„Ich mach das weg.“
Sie deutete auf die Scherben und die braune Pfütze.
„Nein, bleib sitzen und stärk dich. Du weißt noch nicht wo die Putzsachen sind, es wird schneller gehen wenn ich das mache.“
„Ok.“
Gab sie kraftlos zurück, dann ließ ihn vorbei und griff sich dann ein frisches Brötchen, an den geschnittenen Kuchen traute sie sich nicht heran. Joschi entsorgte die Scherben, schrubbte den Kaffeefleck von der weißen Wand und wischte die Pfütze auf. Die Wand brauchte eh einen frischen Anstrich, fürchtete er resignierend, es war nicht der erste Becher gewesen, der daran im Trotz geworfen zerschellte. Zum Glück kaufte er für seine Tochter nur generische Becher, seine Lieblingsbecher waren vor ihr sicher. Dann griff er sich zwei Äpfel aus der Obstschale und ein kleines Messer und setzte sich zu seiner Frau auf die Bank, die auf einem Marmeladenbrötchen kaute und wie immer schwarzen Kaffee ohne Milch und Zucker trank. Sie lehnte sich an ihn, als er sich neben sie setzte.
„Das ist übrigens Gianna, meine kleine Schwester, ich hab dir ja ein bisschen was über sie erzählt.“
„Hoffentlich nur Gutes?“
„Du kennst mich doch.“
Er zwinkerte seiner Schwester zu, die die Mundwinkel verkniff.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt.“
Meggie stieß einen russischen Fluch aus und schniefte erneut.
„Sie wird sich schon wieder beruhigen, ich glaube sie steht ein bisschen unter Schock.“
„Und wer ist diese Frau Hofgärtner?“
„Das ist Lucys Lieblingslehrerin aus der Schule, sie unterrichtet Physik und Schauspielerei. Lucy hat letzte Woche ein Date mit ihr für mich eingefädelt. Hat mich mit einem tollen Frühstück überrascht und verkündet, dass sie eine Mama haben will und zwar Frau Hofgärtner.“
„Ich hoffe ihr hattet keinen Sex, dann wäre ich ernsthaft beleidigt.“
„Wir haben uns nur ein bisschen geküsst, keine Sorge.“
„Na das geht ja noch. Küssen zählt für mich noch nicht als Fremdgehen. Außerdem stehe ich mit der Sache von damals noch tief in deiner Schuld, da wäre ein sexueller Patzer schon irgendwie durchgegangen.“
Als Reaktion küsste sie ihn kurz auf den Mund. Joschi schälte sich die beiden Äpfel und griff nach deren Verzehr nach einer Quarktasche.
„Wie habt ihr euch beiden denn nur in echt kennengelernt? Wie kommen ein Buchhalter und eine Reporterin und, habe ich das richtig mitbekommen, Ex-Spionin zusammen?“
„Erinnerst du dich an den Krieg in Osteuropa vor rund zwei Jahrzehnten?“
Gianna nickte.
„Stimmt ich hab hundertfünfzig Dollar gespendet und hab mich schlecht gefühlt, dass ich nicht mehr geben konnte.“
„Das war auch die Zeit wo ich arbeitslos war, auf Kurswechsel von gescheiteter IT- Laufbahn hin zur Buchhaltung. Mathe war schon immer mein bestes Fach, aber ich finde Programmieren doof und mag das einfach nicht, ist nur schlecht wenn man Informatik studiert hat und dann in einer Software-Klitsche arbeitet. Jedenfalls hatte ich als arbeitsloser Tropf jede Menge Zeit zum Totschlagen und habe mich als Flüchtlingshelfer engagiert. Aus der Zeit habe ich noch ein paar gute ukrainische Freunde, einer ist sogar Lucys Patenonkel, damals noch ein fünfzehnjähriger Dreikäsehoch dem ich ein paar alte Transformers Spielfiguren und meinen alten Laptop mit haufenweise Spielen geschenkt habe. Jedenfalls war ich da an diesem einen Tag an einer überlaufenden Ankunftsstelle in Berlin und ich hab eine Frau in Tarnklamotten und Rucksack bemerkt, die die ganze Zeit nur Fotos der Flüchtenden gemacht hat. Ich hab sie angeblafft, dass sie sich verziehen soll, wenn sie nicht helfen will und war so aufgeladen, dass ich ihr gerne eine gescheuert hätte. Sie meinte verbissen auf English, dass sie nur hilft, wenn ihr keiner ihre Sachen klaut. Also hab ich ihr angeboten ihre Sachen in meinem damals frisch angeschafften Opel Mokka einzuschließen und darauf hat sie sich eingelassen und anschließend mitgeholfen. Sie hat sich mir als Meggie vorgestellt, gebürtige Russin und ausgewanderte Reporterin, nachdem dieses hirnrissige Mediengesetzt in Russland erlassen wurde, das jegliche kritische Berichtserstattung zum Krieg praktisch im Kern erstickt hatte. Das mit dem Helfen hat auch gut funktioniert, weil sie recht gut Ukrainisch, aber eben auch fließend English konnte. Irgendwann gegen zehn Uhr abends, als wir ziemlich schlapp waren, habe ich sie zu mir nach Hause eingeladen. Ich hab dir gestern verschwiegen, dass ich damals schon aus meiner winzigen Zweck-WG in eine passable, wenngleich hoffnungsvoll vollgestopfte Zwei-Raum-Wohnung gezogen bin. Wir haben uns an dem Imbiss um die Ecke etwas zu Essen geholt und sie hat zugelangt, als wäre sie am Verhungern. Sie hat etwas schüchtern gefragt, ob sie übernachten könne, sie sei auch erst heute in Deutschland angekommen und sozusagen Flüchtling, wenn auch als Russin ein ungeliebter Flüchtling und von den meisten schief angeguckt. Als hoffnungslos naiver Trottel konnte ich einer durchaus hübschen Russin natürlich nicht absagen und ich hab ihr angeboten fürs erste bei mir unterzukommen. Sie hat angefangen zu heulen vor Dankbarkeit und hat mir einen schnellen Kuss auf die Wange gedrückt, daraufhin bin ich knallrot angelaufen wie eine Tomate, das war nämlich mein erster Kuss.“
Er hielt inne und lachte kurz verlegen auf.
„Entschuldigung. Als ich ihr mein Stofftier-infiziertes Bett angeboten und mich daran gemacht habe eine Isomatte für mich auszurollen weil ich kein Schlaf-Sofa hatte, hat sie mich mit großen Augen entsetzt gefragt ob sie stinkt. Sie hat mich eine gute Viertelstunde lang ermuntert, neben ihr zu schlafen. Hab ich auch irgendwann gemacht und war schrecklich nervös, weil sie meine erste Frau im Bett war … ähm Sex hatten wir nicht, jedenfalls nicht in der ersten Nacht. Egal, jedenfalls war sie eine Russin und wurde von allen schief angeguckt, weil dieser russische Irre den Krieg angezettelt hat. An dem Abend ist sie sofort vor Erschöpfung in meinen Armen eingeschlafen.“
Er warf einen Seitenblick zu seiner Frau.
„Ein bisschen gemüffelt hatte sie schon, zumindest hat sie am nächsten Tag sofort geduscht … eine halbe Stunde lang. Und dann hat sich das so ergeben, dass sie bei mir wohnt. Anfangs hat sie zaghaft gefragt ob sie fürs erste bei mir unterkommen könnte oder sich was Neues suchen muss, ich hab ihr weiter angeboten, bei mir zu wohnen. Ich hab ihr beim Papierkram geholfen und sie dabei unterstützt die nötigen Genehmigungen eingeholt, damit sie in Deutschland bleiben und arbeiten durfte. Und über die Zeit haben wir uns kennen und lieben gelernt. Natürlich hatte jeder von uns seine kleinen und großen Macken, aber das gleicht sich aus. Unsere gemeinsame Sprache war Englisch und neben den Sprachkursen, die sie besucht hat, habe ich ihr abends noch ein bisschen Deutsch beigebracht und sie mir Russisch und ukrainisch. Das russische hab ich nie gebraucht, da es mich nach dem Krieg nie gereizt hat, in dieses nicht nur moralisch bankrotte Land einzureisen und mir diese Heuchler anzusehen oder gar Geld dort auszugeben. In der Ukraine war ich hingehen oft. Nach dem Wiederaufbau sind viele meiner ukrainischen Freunde zurück in die Heimat gezogen und ich hab sie regelmäßig besucht. Sehr schönes und mittlerweile starkes und wohlhabendes Land, ich bin gern dort und mein Ukrainisch ist erträglich. Jedenfalls haben wir uns richtig gut verstanden und nach zweieinhalb Jahren Beziehung haben wir still und heimlich geheiratet, in erster Linie wollte sie ihren russischen Nachnamen loswerden und ich konnte es ihr nicht verübeln. Ein gutes Jahr später ist sie schwanger geworden, mit einem Mädchen, das wir damals Amber nennen wollten. Und dann hat ihre Vergangenheit sie eingeholt. Irgendein angeheuerter russischer Gauner hat sie mit einem Messer attackiert, als sie alleine unterwegs war. Dabei ging ein Stich direkt in ihren Bauch und ein anderer Hieb ging durch ihr Gesicht und hätte fast ihr Auge erwischt. Sie konnte sich aber erfolgreich wehren, immerhin ist sie tough, und fliehen und hat mich im Krankenhaus sofort angerufen. Der Säugling war leicht verletzt worden und wurde sofort per Kaiserschnitt herausgeholt. Amber war schwach, aber tapfer und wir haben ihr den Zweitnamen Lucy gegeben, ohne zu wissen dass sie ihren Erstnamen verabscheuen würde. Der Chefarzt der Klinik ist ein enger Freund von mir und wir haben arrangiert, dass Meggie ihren Tod vortäuscht und verschwinden kann. Meggie hat eine halbe Stunde in meinen Armen gelegen und geweint, dann ist sie schweren Herzens in der Nacht verschwunden. Über die Jahre hat sie mir immer wieder Briefe und etwas Geld für Lucy zugeschickt, aber heute ist der erste Tag an dem ich sie wiedersehe, nach sechzehn langen Jahren.“
Gianna wischte sich mit einer Stoffserviette die Tränen weg und räusperte sich.
„Eine schöne Geschichte, mein lieber großer Bruder.“
„Eine kitschige Geschichte mit Happy End, minus die bockige Tochter, die alles zunichtemacht.“
„Könntest du einmal aufhören auf ihr herumzuhacken? Sie ist bestimmt am Boden zerstört und heult sich die Augen aus, weil du ihren Plan durchkreuzt hast.“
Er zog eine Grimasse.
„Aber ich hab jetzt Frau Hofgärtner nicht unbedingt als Ehefrauen-Material gesehen, eher so als weiblichen Buddy zum Abhängen.“
„Sei doch nicht so abfällig. Sie hat sich bestimmt auf das Date mit dir gefreut, immerhin hat sie dir eine Probierkiste Craft Beer mitgebracht und sich ganz schick gemacht.“
„Du warst doch gar nicht dabei, sie war anfangs stumm wie ein Fisch.“
„Sagt der richtige. Es gibt ganze Tage, an denen du nicht ein einziges Wort von dir gibst.“
„Gianna, du hast mich sechsundzwanzig Jahre nicht gesehen, das stimmt überhaupt nicht!“
„Ach ja?“
Fragte sie bissig.
„Ja, ich …“
Er biss sich auf die Lippen.
„Ja?“
„Ähm“
„Ich höre!“
„Ich hab angefangen mit mir selbst zu reden, wenn ich einsam bin.“
Seine Schwester musterte ihn mit einem schwer interpretierbaren Blick.
„Hm, so richtig psycho warst du ja schon immer ein bisschen. Nur einfach so in den Raum reden oder auch Gespräche mit dir selbst.“
„Gespräche nur mit Stofftieren.“
„Das wird ja immer besser. Au man großer Bruder.“
Mit der linken stöberte er in dem Berg Stofftiere und griff sich einen genervt aussehenden Drachen.
„Hör auf deinen Bruder so zur Schnecke zu machen.“
Sprach er anstelle des Drachen mit verstellter Stimme und fuchtelte mit einer Tatze bedrohlich in Giannas Richtung. Das hat zur Folge, dass seine Schwester laut losprustete. Meggie musterte sie fragend, immerhin war seine Frau seine Kunststückchen mit diversen Stofftieren zu ihrem Leidwesen gewohnt. Sie zuckte mit den schmalen Schultern, stöberte im Gebäck-Korb und griff sich dann ein Marzipan-Croissant.
„Soll ich Bacon braten? Wenigstens eine Frau am Tisch könnte etwas hoffnungslos Fettiges vertragen.“
Meggie warf ihm einen etwas giftigen Blick zu, während sie auf dem Croissant herumkaute.
„Was denn, du siehst etwas dünn aus, werte Gattin.“
Meggie schluckte den Bissen herunter.
„Erstens nenn mich nicht so, du weißt schon „Der Gatte begattet die Gattin“ ist uncool heutzutage und zweitens bin ich die letzten sechzehn Jahren immer auf Trab gewesen und hatte oft nicht den Luxus von regelmäßigen Mahlzeiten. Hör auf, auf mir rumzuhacken, weil ich zu dünn bin, ich bin nicht doof.“
„Nur dünn wie ein Skelett.“
Kommentierte der Drache.
„Das stimmt doch gar nicht, du Blödmann. Ich bin schlank, nicht abgemagert!“
„Komm ich mach Bacon. Für morgen hab ich einen Tisch beim Inder reserviert, dann isst du mageres Ding gefälligst, bist du platzt, ich trag dich auch nach Hause, wenn’s sein muss, du siehst nicht aus, als würdest du mehr wiegen als zwei Kästen Bier.“
„Du Arsch, wie habe ich dich nur vermisst.“
Kommentierte seine Frau sarkastisch und pellte sich ein Frühstücksei. Auf dem freien Stuhl ließ sich Lucifer von Gianna mit Räucherlachs füttern.
„Kotzt Lucifer eigentlich?“
„Nicht so oft, wie der Kater unserer Eltern. Pino der zweite hat einen äußert nervösen Magen. Außerdem haben wir Parkett, da lässt sich Katzenkotze leichter abkratzen als von Teppich.“
„Musst du von Kotze sprechen, wenn ich esse?“
Fragte Meggie säuerlich.
„Ja. Soll ich mit Kinderkotze weitermachen? Da kann ich dir tolle Geschichten erzählen.“
Meggie würgte und spülte mit Kaffee.
„Bloß nicht.“
„Warum nicht, du hast tolle Sachen verpasst.“
„Bitte!“
Kam es gequält von ihr.
„Nur wenn du mich vorbeilässt, ich könnte ein bisschen Speck vertragen.“
Meggie kniff ihn in den Bauch.
„Wenn du Fettqualle von mir verlangst, dass ich zunehme, dann nimm gefälligst ab Major Speckbär!“
Giftete sie und rückte raus um ihm Platz zu machen. Grinsend holte er eine Papiertüte mit geschnittenem Bacon vom Metzger aus dem Kühlschrank und stellte eine große Pfanne auf den Herd.
Eine Viertelstunde später stellte er einen Riesenberg Bacon auf den Tisch und setzte sich wieder hin.
Seine Frau langte ordentlich zu und er betrachtete die Torte.
„So, wer will ein Stück Torte?“
Seine Schwester verzog das Gesicht.
„Erstens ist das unfair ohne das Geburtstagskind die Torte zu servieren und zweitens habe ich gerade einen Haufen Bacon im Magen, das passt stilistisch nicht so gut.“
„Wie du meinst.“
Er tat sich ein großes Stück Torte auf.
„He!“
„Was, das bockige Biest siehts doch eh nicht, ich stand gestern dafür stundenlang in der Küche, ich esse jetzt Torte. Es gibt übrigens noch drei Sorten Muffins und altes Weihnachtsgebäck.“
„Dann frag deine Tochter gefälligst, ob sie auch Torte haben will. Sie ist jetzt bestimmt ganz traurig und weint. Du bist ihr Papa und heute ist ihr Geburtstag, kümmere dich doch um deine Tochter.“
„Jawohl Sir.“
Er stand auf und im Vorbeigehen knuffte ihn seine Schwester. Bevor sie mir den heißen Kakao ins Gesicht schüttet, klopfe ich erstmal um zu sehen wie sie drauf ist, dachte er sich. Einen Moment später klopfte er entschieden an Lucys Zimmertür und wartete auf ihre Reaktionen. Die kam nicht und er legte ein Ohr an die Tür, Ihr Fernseher lief. Er klopfte nochmal, dann betrat er Lucys Zimmer, die Schlösser hatte er schon vor Urzeiten ausgebaut. Lucy lag einwickelt in eine flauschige Decke im Bett und weinte bei eingeschaltetem Fernseher. Sie bemerkte ihn erst, als er neben ihr stand.
„Lass mich in Ruhe, du Blödmann.“
Er setzte sich neben sie aufs Bett und strich ihr sanft über den Rücken.
„Ich hab dich lieb, weißt du das?“
„Mir egal, du bist doof, du hast alles verdorben!“
„Lucy, ich war schon mit Meggie verheiratet, da warst du noch gar nicht geboren!“
„Ja und, sie ist trotzdem eine doofe Kuh.“
„Du kennst sie doch gar nicht.“
„Trotzdem.“
Erwiderte sie kraftlos und schniefte. Er wagte sich vor.
„Darf ich dir ein Stück Torte und einen Kakao bringen, dann hast du Freizeit bis zur Bescherung und musst nicht beim Abendessen helfen. Abgemacht?“
„Ok.“
Kam es traurig hervor und Amber drehte sich auf die andere Seite. Sie klang ehrlich geknickt und das tat ihm so leid, er wusste noch wie euphorisch sie nach seinem Date mit ihrer Lehrerin war. So wie sie drauf war, schien sie sich echt darüber gefreut zu haben, ihre Lieblingslehrerin als Stiefmutter zu bekommen. Er schluckte, bei Frau Hofgärtner würde er sich auch noch in aller Form entschuldigen müssen. Er würde sie mit der Wahrheit tief verletzen und kränken, das wusste er jetzt schon. Er blieb noch eine Weile neben Lucy sitzen, dann raffte er sich auf und ging in die Küche. Ein Tablet mit dem größten Stück Torte, drei Muffins und ihrem Lieblingsbecher fast randvoll mit ihrer Liebling Zotter Kakao Sorte. Er stellte das Tablet auf Lucys Nachttisch.
„Sollen wir dich zu halb sechs rufen?“
„Mir egal.“
Kam es traurig und vernuschelt unter dem Deckenknäul hervor.
„Denk dran Mausbär, Kakao wird schnell kalt und aufgewärmt schmeckt er nicht so gut. Hab dich lieb. Wir haben dich lieb, wir alle.“
Die Antwort war ein Brummen. Er seufzte und ging zurück in die Küche. Meggie schob sich gerade eine Gabel Torte in den Mund und verzog die Lippen zu einem Grinsen.
„Ich habe deine Tortenkünste echt vermisst, werter Herr Gatte. Komm, ich hab dir Kaffee nachgeschenkt und auf dieser Bank ist es einfach so bequem.“
„Warum darfst du mich Gatte nennen, ich dich aber nicht Gattin?“
Sie schmunzelte.
„Darfst du schon, nur möchte ich dann, dass wir auch regelmäßig in die Kiste hüpfen, ich hab das so mit dir vermisst. Ich muss mich nur vorher rasieren, sonst ist es mir peinlich.“
„Das lässt sich einrichten, Nassrasur oder Wachsen? Ich hab beides auf Vorrat.“
„Das ist ja cool, ähm wachsen ist etwas dauerhafter, wenn auch schmerzhafter.“
„Du bist doch ein toughe Russin, die Ausrede zählt nicht.“
„Das ist gemein, außerdem bin ich jetzt ein ganz zahmes Häschen.“
„Außer im Bett.“
„Ey!“
Sie knuffte ihn in die Seite.
„Aber im Ernst, nach dem jahrelangen Stress will ich nur den ruhigen Alltag einer Stay-at-Home Mutti, die nebenbei eben ein bisschen bloggt.“
Sie schien etwas zu zögern.
„Schneidest du mir die Haare? Nur lang finde ich doof und die reichen mir ja bis zum Po.“
Er musterte sie von der Seite und schob sich nachdenklich ein Stück köstlicher Torte in den Mund.
„Sicher, was darf’s denn sein.“
Sie strahlte.
„Ich möchte einen langen Bob in dunkelrot und darunter einen Undercut. Geht das?“
Er hörte einen Moment auf zu kauen und sah sie an, sie erwiderte seinen Blick mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck.
„Das ist machbar. Ich dachte schon du willst es richtig kurz. Man könnte aus deinen langen Haaren eine Perücke knüpfen, die sind ja schön dick.“
„Ok, kann einen Pixie mit Undercut. Und eine schöne Perücke.“
„Machbar. Auch Rot?“
„Ne, Blond.“
Sie streckte ihm die Zunge raus. Gianna von der anderen Seite des Tisches wirkte ich interessiert.
„Hab ich was verpasst, seit wann kannst du Haareschneiden?“
„Naja, ich hab mal mehr aus Spaß professionelles Equipment gekauft und mir dann Berge an Tutorials angesehen und meine Tochter war das Versuchskaninchen. Bis vor zwei Jahren hatte sie immer relativ kurze Haare und sie war immer stolz, dass ihr Papa das konnte. Das hat bei den Müttern ihrer Freundinnen schnell die Runde gemacht und ein paar haben mich etwas zögerlich angefragt, ob das was kosten würden, wenn ich ihren Töchtern auch die Haare mache. Später auch für die Mütter. Jetzt kommen eben ab und zu Pärchen aus Mutter und Töchter, alles Freundinnen von Lucy, auf einen Nachmittag vorbei und wir machen eine Session. Also schneiden bin ich fit, aber Färben nur, wenn es eine Farbe ist. Strähnchen gehen so. Aber Ombre oder Balayage, ne, dass übersteigt mein Können. Nur ich muss selber zum Frisör gehen. Die Ehemänner und Freunde fanden das Anfangs belustigend und albern, aber nachdem ich die mal zum Bogenschießen mitgenommen habe und auf fünfzig Meter verlässlich eine zehn Zentimeter Scheibe getroffen habe, oder sie an einem anderen Tag alle nacheinander in Jiu-Jitsu auf die Bretter geschickt habe, waren sie dann doch sehr still.“
Er dachte einen Moment nach, wie er es am diplomatischsten Formulieren sollte.
„Gattin, wir warten die Bescherung ab und dann führen wir das Gespräch nochmal. Auch das Thema Hausfrau lasse ich erstmal unbeantwortet im Raum stehen. Sei einfach mal ein bisschen gespannt. Es sind ja nur noch ein paar Stunden.“
Meggie musterte ihn mit einer Mischung aus Verblüffung und völliger Neugierde.
„Ok. Machen wir.“
 Gianna schien nachdenklich geworden zu sein.
„Darf ich meinen liebsten Bruder vielleicht um einen schicken Haarschnitt bitten? Vielleicht einen mittellangen Bob?“
„Klar warum nicht, sollen wir nachfärben?“
„Nein das bisschen Grau darf bleiben. Gut, dann vielleicht bevor der Rest der Familie eintrifft. Wann wann kommt wer?“
„Mama und Papa fahren zu uns mit dem Zug am 28. und unser kleiner Bruder kommt mit Mann und Maus ein paar Tage zu uns, ich glaube am 30. Und bleiben bis 4. das ist der Sonntag. Also lege ich dir eine Matratze ins Studio oder ins Büro, keine Sorge, ich hab eh nur Tempur Matratzen. Und dann bleiben Mama und Papa noch ein paar Wochen hier und dann bringe ich sie zurück, ich weiß nicht ob mit Ernie oder mit dem Zug. Mittlerweile ist Potsdam wieder angebunden als ICE Strecke und es gibt eine Direktverbindung Potsdam und Erfurt. Kann sein, dass ich erster Klasse buche, die haben ja eine Bahncard 50. Mal gucken, oder ich leihe mir einen Tesla von Johnny, bei vieren wird er einen wohl kaum vermissen. Das ist zumindest die Theorie. Wir feiern mittlerweile nur noch bei uns, weil Papa die Treppen nicht mehr so gut hochkommt und Johnny im dritten und vierten Stock wohnt, so wie wir früher auch, aber Papa ist schon zweiundachtzig, das wird ihm langsam zu viel.“
„Stimmt, dann ist das hier echt der pure Luxus mit gleich zwei Fahrstühlen und alles barrierefrei.“
„Mhm.“
Meggie sah ihn immer noch an.
„Was?“
„Das frage ich dich werter Gatte, was hast du vor?“
„Du kennst mich doch, immer voller Geheimnisse.“
Er zwinkerte ihr zu.
„So, möchte noch jemand etwas? Sonst wäre ich dafür, dass wir nach der Torte alles aufräumen und dann haben wir noch ein paar Stunden zur Bescherung. Ich glaube Meggie könnte etwas Schlaf vertragen und du, Gianna, kannst deine Geschenke vorbereiten. Es ist kein förmliches Event, es ist ja auch der 16. Geburtstag unserer Tochter, also Jeans und T-Shirt reicht völlig.“
„Gut, Torte reicht ja noch ein bisschen und ich bin pappe satt. Sollen wir dir beim zusammenräumen helfen?“
Er winkte ab.
„Iwo, ich zeige euch mal wann anders wo hier alles ist, heute mache ich das alleine, geht einfach schneller. Und Madam, husch ins Bett.“
Meggie streckte ihm die Zunge raus, trank ihren Kaffee aus und kratzte den Kuchenteller ab, verschmähte aber die Marzipankruste, die sie ihm auf den Teller legte, bevor sie sich streckte und in Richtung Flur schlenderte. Gianna hingegen liebte wie er Marzipan und warf einen sehnsüchtigen Blick auf seine Marzipankante.
„Oder möchtest du einen Marzipan Muffin?“
Ihre Augen fingen an zu leuchten.
„Das wäre toll, wo sind die denn?“
„In der italienischen Blechdose neben der Spüle.“
„Danke.“
Sie nahm sich zwei Muffins, winkte ihm zu und verschwand ebenfalls. Mit Genuss machte er sich über das Marzipan her, dann räumte er den Tisch ab. Lucifer sah ihn vorwurfsvoll an und er schüttete ihm etwas Sahne in ein Schälchen, das der Kater aufschlabberte und dann dankbar seinen Kopf an seinem Bein rieb und schnurrte.
Nach dem Abräumen sah er auf die Uhr, fast halb drei, also drei Stündchen. Er holte sich sein Lesebuch und machte es sich am Tisch bequem, er las lieber am Tisch, als auf Sessel oder im Bett.
„Hi Papa.“
Amber war in die Küche getappt und stellte ihr Geschirr neben die Spüle. Es war vier Uhr durch. Er verkniff sich ein „In die Spüle einräumen“, stand auf und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie lehnte sich an ihn und umarmte ihn.
„Tut mir so leid mit dem Becher, den ersetz ich dir. Ich hab mich nicht fair verhalten. Und ich war in letzter Zeit einfach nur eine absolut furchtbare Tochter. Ich will das wiedergutmachen!“
Er wunderte sich über die Einsicht seiner Tochter.
„Ist doch nicht so schlimm, alles ist gut.“
„NEIN! Oh sorry, ich meine das war total schlimm was ich zu dir und Mama gesagt habe. Hier, ich weiß nicht wie viel der Becher gekostet hat, aber ich möchte dir zwanzig Euro für den Becher geben.“
„Lucy, das ehrt dich, aber kauf dir davon etwas Schönes, das war doch nur ein Becher, das ist nicht schlimm!“
„Aber das ist es ja, ich bin schlimm, weil ich Sachen zerdeppere. Und es ist furchtbar, dass ich so eine zickige Schlampe bin. Und dass ich nicht im Haushalt helfe und dir nur ein unnützer Klotz am Bein bin.“
„Lucy, du bist sechzehn, meine erste Wäsche habe ich mit 24 gemacht und wirklich ordentlich war ich ja auch nie. Das ist nicht schlimm, dass du das mit 16 noch nicht machst.“
„Ich würde aber gerne helfen, irgendwie.“
„Du könntest ab und zu den Müll runterbringen und nach dem Schwimmen die Sachen aufhängen, nichts Schlimmes. Aber ich hätte eine lustige Idee, du könntest deiner Mama beibringen, wie man sich schminkt, das kannst du nämlich total gut.“
Lucy errötete und grinste verlegen.
„Kann sie das nicht?“
„Nein, hat sie nie gelernt.“
„Mh, ist Mama nett?“
„Total, sonst hätte ich sie ja nicht geheiratet.“
„Magst du sie sehr.“
„Ja, sehr.“
„Wie ist sie so?“
Er dachte einen Moment nach.
„Hilfsbereit, natürlich und verspielt. Sie zockt total gerne und probiert ständig neue Sachen aus. Sie reist gerne und war schon überall auf der Welt.“
„Klingt, mh, gut. Meinst du, sie mag mich?“
„Warum sollte sie dich nicht mögen?“
„Naja, weil ich oft ganz schön blöd zu anderen bin. Ich bin kein Bully, aber ich bin auch kein liebes Mädchen. Du Papa?“
„Was gibt’s Mausbär.“
„Sind wir arm?“
„wie kommst du darauf?“
„Ich wollte mir gestern noch ein Glas Milch holen und hab dich und meine, Ähm, Tante reden gehört und du hast gesagt, du würdest überall rote Zahlen schreiben. Ich kenne mich damit zwar nicht aus, aber das klang nicht gut und ich würde gerne helfen!“
„Naja, wir müssen unsere Haushaltskosten anpassen und ich kann dir nicht mehr immer für alles Geld geben. Unser Auto muss ersetzt werden, und wenn wir nicht sparen, kann ich mir kein gescheites leisten. Vielleicht müssen wir unseren Sommerurlaub irgendwie anders machen.“
„Können wir zelten gehen?“
„Du hast doch noch letzte Woche gesagt, dass du camping doof findest.“
Sie druckste herum.
„Nur ein bisschen, aber wir können schlecht nach Spanien fliegen, wenn wir kein Geld haben. Ich will nicht mehr so viel Taschengeld haben, habe ich jetzt beschlossen. Und ich will nicht mehr zum Frisör, du machst das immer viel besser und ich hätte gerne wieder kürzere Haare. Und ich mach das nicht mehr mit jeden Tag schminken, dann soll eben jeder sehen, dass ich Akne habe.“
Er starrte seine Tochter verdattert an, war irgendwas in den Muffins gewesen? Er überschlug kurz die Prognosen ihres Angebots. Wenn sie ernst machte und wirklichen Verzicht übte, dann würden sie wieder fast schwarze Zahlen schreiben.
„Wasserwandern oder mit Anhänger?“
„Weiß nicht, ich find ja wandern interessant, aber ich weiß nicht, ob ich das so gut kann.“
„Du bist unangefochtener Schulchampion im Schwimmen, an der Ausdauer kann es schonmal nicht liegen. Und du bist eine richtige Kämpferin.“
Lucy wurde rot.
„Danke Papa. Darf ich was richtig dummes ausprobieren?“
Jetzt kommts.
„Was da wäre?“
„Kannst du mir eine Glatze machen?“
Er starrte sie völlig überrascht an.
„Warum denn? Du hast doch tolle dicke Haare und das auch noch mehr als schulterlang.“
„Stimmt, aber ich sehe mit diesem Ombre Zeug im Haar und dem Pfund Makeup im Gesicht aus wie, naja, wie eine Schlampe. Wie so eine dumme oberflächliche Tussi, von denen es ohnehin schon viel zu viele gibt. Das will ich einfach nicht mehr und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil das so viel kostet und wir ja irgendwie kein Geld haben. Ich möchte einfach wissen wie das ist, wenn man nicht nur kein Makeup trägt, sondern auch nichts auf dem Kopf hat. Ich will den anderen doofen Zicken an der Schule zeigen, dass es auch schön sein kann, wenn man anders ist. Und meine Haare möchte ich zu einer Perücke knüpfen lassen und verschenken, ich weiß aber nicht ob das teuer ist. Ich kenne über Instagram ein Mädchen in Hamburg, dass Krebs hat und sie hat keine Haare wegen der Krankheit und ich möchte ihr helfen, sie ist so nett.“
Das klang für eine Sechzehnjährige erstaunlich reif und rational.
„Das klingt logisch. Hast du aber nicht ein bisschen Bammel, dann ausgegrenzt zu werden? Viele werden denken, du hattest einen Breakdown oder eine psychische Macke. Ich will dir deine Idee nicht madig machen, aber ich möchte, dass du ganz in Ruhe nachdenkst und dir überlegst, ob du das packst. Deine letzte Depression war schon länger als üblich und ich möchte einfach nicht, dass andere dich hänseln oder auf dir rumhacken, weil du in deinen Augen etwas total Mutiges machst.“
Sie sah ihn traurig an, dann nickte sie.
„Ok mache ich, ich will ja auch nicht gemobbt werden, weil ich eine Glatze hätte. Ich sortiere gerade meinen Kleiderschrank und da ist nur dieses furchtbare Zeug drin, was ich dumme Kuh mir selbst eingebrockt habe. Ich hätte für den Sommer gerne eine Latzhose und ganz normale Sandalen, wäre das ok für dich? Ich will ja auch nicht, dass Mama denkt, ich wäre eine Schlampe.“
„Sicher kannst du das, vielleicht kannst du ja mit deiner Mama zusammen schoppen gehen. Du kommst ja von der Figur sehr nach ihr, vielleicht eine Handbreit größer, aber sonst sehr ähnlich. Wir können morgen gucken, wie gut dir die Sachen deiner Mutter passen, ich hab nämlich nichts weggeworfen und es sind drei Umzugskartons und eine Kiste mit Wintersachen. Sie hat recht schicke Sachen und einen bodenständigen Geschmack. Und ich unterstütze dich voll bei deinem Vorhaben, wenn du das weiterhin so planst. Wie viel Perückenknüpfen kostet, weiß ich allerdings auch nicht, dass müsste ich recherchieren. Wäre es ok, wenn ich dir einen kurzen Pixie schneide und nicht sofort eine Glatze.“
„Das geht natürlich auch. Wie sieht das denn aus?“
Er tippte auf seinem Oneplus herum und hielt es ihr hin. Sie scrollte und furchte immer mehr die Stirn. Sie kaute auf ihrer Unterlippe, als sie ihm das Handy zurückgab.
„Vielleicht ist das doch eine doofe Idee mit der Glatze, das gefällt mir nämlich nicht so wirklich.“
„Mach doch Partnerlook mit deiner Mama.“
„aber sie hat doch ganz lange Haare! Viel, viel länger als ich.“
„Stimmt, aber eben noch hat sie mich gefragt, ob ich ihr die Haare schneide.“
„Wie will sie es denn haben?“
„Sie möchte einen Lob, also einen langen Bob in Dunkelrot mit einem Undercut.“
Lucy fuhr sich durch die langen schwarzen Haare.
„Das klingt interessant finde ich. Aber das ist ja fast so lang wie sie bei mir sind. Dann geht das nicht mit der Perücke für meine Freundin!“
„Bei dir nicht, aber bei deiner Mutter würde so viel abfallen, dass es bestimmt für eine Perücke reicht.“
„Echt?“
„Ja.“
„Dann machen wir das so. Auch in Dunkelrot. Darauf würde ich mich freuen.“
Sie umarmte ihn fest.
„Kann ich dir jetzt noch irgendwie helfen?“
„Klaro, du kannst die Sachen von dir in die Spülmaschine räumen. Und soll ich dir Kartons geben für deine Kleidung? Wenn wir sie später bei eBay verkaufen, können wir Geld sammeln für deine Latzhose und Sandalen. Oder du behältst die nicht so schlimmen Sachen fürs Verkleiden, so als Kleiderfundus.“
„In Ordnung, meine Idee war Kleiderspende, aber ich glaube das will keiner freiwillig tragen.“
Er konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
„Ok, ich seh mal im Keller, ob ich dir ein paar Kartons auftreibe. Brauchst du einen Falt-O-Mat?“
„Was ist das?“
„Das ist eine Apparatur mit der man schnell Kleidung falten kann.“
„Sowas gibt es?“
„Sicher, ich habe ein paar gebaut. Ganz einfach aus alten Pappkartons.“
„Gut.“
„Lucy?“
„Was denn?“
„Du könntest ein bisschen Zimmer aufräumen, bei dir ist es schrecklich unordentlich.“
Lucy wirkte zerknirscht.
„Ok, aber nur ein bisschen.“
„Nur ein bisschen reicht für den Anfang. Aber wir machen es jetzt so, dass du jetzt nur Taschengeld bekommst, wenn dein Zimmer tipp-topp aufgeräumt ist.“
Lucy ließ den Kopf hängen.
„Wie viel Taschengeld bekomme ich denn jetzt?“
„Fünfundzwanzig Euro.“
Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Aber das reicht ja grad so für Kino.“
„Tja Lucy, wir müssen gerade alle etwas kürzertreten. Ich auch, aber keine Sorge, das geht vorbei. Irgendwann geht’s uns wieder besser und dann bekommst du auch wieder mehr Taschengeld. Außerdem haben wir einige tausend Filme auf unserem Media-Server und ungezählte Massen an Filmen als Blurays und DVDs, du kennst nicht mal 1% davon. Dann machen wir eben öfter mal einen Filmabend mit Popcorn.“
Lucy blies die Backen auf, dann nickte sie.
„Gut, ich probier‘s. Kann ich mich bei Mama entschuldigen?“
„Nicht jetzt, sie schläft bestimmt, sie hat eine sehr lange Reise hinter sich. Außerdem hat sie die Angewohnheit nackt zu schlafen.“
Lucys Augen wurden bei seinen letzten Augen groß und sie biss sich auf die Lippen.
„Habt ihr dann eigentlich auch … ich meine …“
Sie brach ab.
„Ja durchaus, stell dir vor. Aber die Wände sind dick genug.“
Er zwinkerte ihr zu und seine Tochter errötete.
„Ich, ähm, ich räum dann mal mein Zimmer auf, Kisten brauch ich erstmal nicht, glaube ich.“
„Du musst heute auch nicht unbedingt aufräumen, schließlich ist dein Geburtstag heute, nimm dir lieber noch ein Stück Torte oder noch ein paar Muffins, extra für dich gebacken.“
„Nein danke, ich muss als Schwimmerin ein bisschen auf meine Figur achten. Aber gut, wenn du das sagst lese ich noch ein bisschen was. Wann ist Bescherung?“
Er sah auf die Wanduhr.
„In anderthalb Stunden. Du kannst auch noch ein bisschen Mittagsschlaf machen, ich weck dich dann.“
„Ok, dann leg ich mich nochmal hin.“
Sie drückte ihn nochmal dann räumte sie den Teller und den Becher brav in die Spülmaschine und tappte in Richtung Kinderzimmer. Joschi wartete eine Minute bis die Tür ging und warf einen Blick ins Wohnzimmer, wo Gianna in einem Buch las und ihn nicht bemerkte. Er stattete seiner Frau einen Besuch ab. Sie schlief fest eingekuschelt tief und fest, bis auf die Narbe war sie immer noch sehr hübsch.
Er stellte sich auf Zehenspitzen und griff eine unscheinbare große Pappkiste vom Regal und trug sie ins Wohnzimmer. Gianna sah überrascht auf, als er die Kiste neben den Baum stellte.
„Was ist denn das, Herr Bruder?“
„Ein Geschenk für die Gattin.“
„Ganz schön groß, aber ist das nicht gemein, wenn du sie so nennst?“
„Gattin? Ach wir ziehen uns nur regelmäßig etwas auf, das ist ganz normal. Sag mal, möchtest du zur Bescherung ein Glas Sekt oder lieber etwas stärkeres?“
„Ich nehme gerne ein Glas Sekt. Etwas später vielleicht als Schlummertrunk nach dem Essen. Was gibt es denn feines?“
„Raclette, das ist immer sehr unkompliziert. Das gibt’s Silvester auch nochmal, dann aber mit zwei Geräten und weil wir nicht so weit voneinander entfernt wohnen, bringt Johnny auch eine Wagenladung Gemüse und Beilagen mit. Du wirst es nicht glauben, aber seine Frau Anna hat ihn nach jahrelangem hartem Training dazu gebracht, mehr Gemüse wie Kohl, Spargel und Pilze zu essen. Und das bleibt unter uns, aber ab uns zu treffen wir uns auf ein schönes Stück Steak und machen danach ein kleines Whiskey-Tasting. Zuhause lässt er dann wie immer den spießigen Vegetarier raushängen. Trotzdem hat er es geschafft, dass Nicola, seine jüngste, etwas sehr moppelig geraten ist, sehr zum Verdruss ihrer topfitten schlanken Mutter.“
„Wie alt ist denn die große Tochter?“
„Laura ist im Herbst fünfzehn geworden und ihre kleine Schwester Nicola wird im April vierzehn. Anna ist, glaube ich, eher ein bisschen aus Versehen schwanger geworden und sie haben das Kind behalten, da war aber auch schon klar, dass sie den Bachelor schafft, bevor Kiddo auf der Welt ist. Und Nicola war Absicht, ist aber auch kurz vor dem Master Abschluss zur Welt gekommen.“
„Dann liegen alle unsere Kinder relativ eng beieinander, außer Chester, der schon mit der Schule fertig ist. Das ist cool, bei uns dreien war es ja immer so, dass unsere Cousins immer viel jünger als wir waren, ok Johnny hatte am ehesten noch Kontakt, aber für uns große war es immer total doof. Ich freu mich schon, wenn meine Jungs nach Deutschland kommen und ihre Verwandtschaft kennenlernen. Als Mädchen hätte ich mir nie erhofft irgendwann wieder in Potsdam zu leben, weil die Stadt einfach so teuer ist, aber dann kam eins zum anderen und hier bin ich, Gründerin eines IT Bigplayers, der international hoch angesehen ist. Ich bin schon stolz. Und ich habe einen liebevollen Ehemann und zwei tolle Söhne. Ich hab vorhin angerufen und meinen Jungs zu Weihnachten gratuliert, die sind gerade aus dem Bett gekrabbelt, sie vermissen mich natürlich schon ganz dolle.“
Sie klappte das Buch zu und legte es zur Seite. Da bemerkte er einen kleinen Stapel eingepackter Geschenke. 
„Willst du nicht unter den Baum legen?“
„Hm?“
„Die Geschenke.“
„Ach so, nein das passt schon. Darf ich noch ein paar Muffins stibitzen? Die sind einfach köstlich!“
„Sicher darfst du das. Sollen wir noch was machen, meine Frau schläft und Lucy hat sich auch ins Bett verkrümelt. Wir könnten was spielen.“
„Klingt gut, ist das eine alte Switch neben dem Fernseher?“
„Klar eine Switch Pro, aber wir können die neuen Games auch streamen, meine Arbeitsrechner hat genug Power zum emulieren.“
„Was haste denn verbaut?“
„Einen 64 Kern Threadripper. Ich mache in meiner Freizeit 16K Video-Editing.“
„Ok, das ist schon ordentlich Power. Gut, dann spielen wir Mario Kart, ich spiele natürlich als die Prinzessin Peach.“
Er machte den Fernseher an und reichte ihr einen Controller.
„Bist du gut?“
„Geht so, ich bin zwar wie du mit Games aufgewachsen und mein Mann Chris ist leidenschaftlicher Zocker, ebenso meine beiden Söhne, aber dadurch, dass ich die letzten Jahre CEO einer großen Firma war, hatte ich dann nicht mehr so viel Zeit für Hobbies. Aber an den Wochenenden haben wir oft Mario Kart Turniere gespielt, von daher bin ich nicht ganz furchtbar. Ich will aber erstmal ein einfaches Turnier spielen um wieder reinzukommen.“
„Wir können auch zusammen im Team auf Punkte spielen.“
„Oh stimmt, gut das machen wir.“
Er machte die nötigen Einstellungen setzte sich neben seine Schwester aufs Sofa und wählte noch Yoshi als Spielfigur, dann ging‘s los und sie spielten was das Zeug hielt. Die Zeit verging wie im Fluge.

Der Katastrophenzyklus – 2-2 – Aufgetaucht (9 Seiten)

„Papa, ich brauch Geld fürs Schwimmbad“
Vernahm er dumpf und grummelte im Schlaf. Seine Tochter drückte die Türklinke herunter, wie immer ohne anzuklopfen und platzte in sein Schlafzimmer.
„Papa, wo ist dein Geldbeutel, ich brauche wenigstens vierzig Euro, wir wollten im Schwimmbadbistro noch Burger essen gehen und ich hab nichts mehr, weil ich alles für Geschenke, Games, Makeup und Süßigkeiten verbraten habe.“
Er brummte etwas Unverständliches, während sie ihn mit Informationen bombardierte, mit denen er im Halbschlaf nichts anzufangen wusste. Letztendlich knuddelte er noch fester mit einem dicken Plüschhai und driftete zurück ins Dämmernde.
„PAPA! Ich brauch Geld, mach was!“
„Geh weg.“
Stieß genuschelt er hervor, noch gedanklich im Traum noch mit wilden Bestien kämpfend, bekam er gar nichts mit, was seine Tochter von ihm wollte, irgendwas mit Schwimmbad.
„Man, du bist so ein Arsch, dabei ist heute mein Geburtstag!“
Mir doch egal, schoss es ihm flüchtig durch den Kopf.
„Moment mal, wer ist das denn?“
Lucys Schritte entfernten sich ein Stück.
„nein … NEIN! Du dummer, dummer Vollidiot!“
Ihre Stimme brach und sie fing an zu heulen.
„Du, du, du Arschloch! Weißt du wie viel Mühe ich mir mit Frau Hofgärtner gemacht habe? Und jetzt fickst du mit deinem Spatzen-Hirn eine andere. Du Scheusal, du blödes, blödes Arschloch! Fick dich doch Papa! Ahhh!“
Sie trommelte mit ihren Händen auf ihn ein, während sie kreischte und schluchzte.
In aufkeimender Wut schoss er aus dem Schlaf hoch und packte ihre zarten Handgelenke.
„Hör auf mich zu hauen und mich zu beschimpfen oder wir blasen deinen Geburtstag ab.“
Sie starrte ihn mit großen rehbraunen Augen an und er hatte ihre volle Aufmerksamkeit.
„Das ist deine Tante, du kleines Scheusal!“
Ihre Augen wurden noch größer.
„Ich hab eine Tante?“
„Ja, Gianna, drei Jahre jünger als ich. Mein Geldbeutel ist im Büro in einer der Schubladen neben dem Schreibtisch, nimm dir da einen Fuffi raus und ich spendiere euch noch ein Eis. Und jetzt marsch.“
Seine Tochter nickte eifrig und zischte aus dem Schlafzimmer. Seufzend ließ er sich zurück in die Kissen sinken.
„Na das ist ja mal ein Herzchen.“
Kam es von seiner Schwester, die sich hingesetzt hatte und im Koffer nach einem frischen T-Shirt fischte.
„Von wegen, das war noch harmlos. Du musst sie erstmal erleben wenn ihr was nicht passt. Bockigkeit und Sturheit pur. Hat sie von ihrer Mutter und bestimmt auch von ihrer Tante.“
„Ich seh schon, ich war aber nie so.“
„Oh doch, du hast es nur verdrängt, das ist alles. Du warst die Pest.“
„Nein, ich bin völlig rational und rein logisch.“ 
Seine Schwester schmollte ein bisschen. Sie hatte den Koffer geöffnet, der penibel aufgeräumt war und angelte nach einer akkurat gefalteten Jogginghose. Die langen Haare band sie sich zu einem Pferdeschwanz hoch.
„Was?“
Sie hatte seinen Blick bemerkt und sah ihn misstrauisch an.
„Och nichts.“
„Noch nie eine nicht völlig bekleidete erwachsene Frau gesehen?“
„In Natura nicht seit Lucys Mutter, nein.“
„Oh.“
Sie schien einen Moment nachzudenken.
„Und dein Date, diese Frau Hofgärtner?“
„Ich bin aus dem Alter raus, das man es beim ersten Date sofort treiben muss. Nein wir haben Mario Kart gespielt und einen Film geguckt.“
„Ich seh schon, warum du keine Partnerin hast, du bist eindeutig zu soft. Weder Player noch Bad Boy.“
„Ich bin Papa, da muss ich auch an meine Tochter denken und die braucht im Zweifelsfall eine verantwortungsvolle Mutter und kein Bett-wütiges Party-Häschen.“
Er unterdrückte ein Grinsen, denn Lucys Mutter war in der Tat ein Bett-wütiges Party-Häschen gewesen, aber das sagte er keinem. Meggie hatte ihn auch immer gegen seinen Willen in die Clubs oder auf Konzerte mitgeschleift.
„Solange sie einen verantwortungsvollen Papa hat, geht das doch.“
„Ich geb mir Mühe.“
„Indem du ihr sagst, wo du deinen Geldbeutel hast und ihr zu verstehen gibst, das sie sich rausnehmen darf so viel sie will. Das ist nicht verantwortungsvoll. Und dann noch sagen, sie kann sich ruhig einen Fuffi rausnehmen, so lernt sie doch nie verantwortungsvoll mit Geld umzugehen. Mein großer, Chester, hat am Ende der High School ungefähr 30 Dollar Taschengeld im Monat und einen Zuschuss für Benzin bekommen. Du weißt schon, ohne Auto bist du in den USA gestrandet und die Städte etwas außerhalb der Innenstadt sind Fahrradfahr-feindlich. Strodes und son Mist, kennst du ja. Ich freu mich schon darauf wieder im Frühling durch Potsdam zu radeln. Anyway, du kannst nicht einfach deiner Tochter das Geld in der Arsch blasen!“
Sie hatte natürlich recht, er war mies darin ein Kind zu erziehen und kam ständig auf komische Ideen.
„Ich weiß ja zumindest, was ich an Bargeld hab. Alles was sie sich zu viel rausgenommen hat, bekommt sie weniger als Geburtstagsgeld. Das hat sie auf die harte Tour gelernt. Ich denke sie hat ein schlechtes Gewissen, dass sie mich angeschrien hat und nimmt sich maximal 35 raus.“
Die Tür ging deutlich auf und zu und er rappelte sich auf.
„So, Töchterchen ist in drei Stunden spätestens wieder da. Sieh zu. Du duscht zuerst, bei fünf Zimmern wirst du dich schon nicht verlaufen. Also ab ins Bad.“
„Du bestimmst nicht, was ich mache.“
„Dich zu etwas zu zwingen auf das du keine Lust hast, ist buchstäblich unmöglich. Aber heute ist der sechzehnte Geburtstag deiner Nichte, die du gar nicht richtig kennst. Also wäre es schön ihr den Geburtstag nicht zu ruinieren und du wenigstens versuchst eine gute Tante zu sein.“
„Das bin ich bestimmt. Und wenn ich schon mal hier bin, nehme ich mir erst eine traumhafte Badewanne und dusche danach in aller Ruhe.“
„Faule Kuh.“
Sie streckte ihm nur die Zunge raus und stand auf und ging an ihm vorbei in den Flur, machte mal eine, mal die andere Tür auf und stolperte dann ins große Bad. Er war fast schon am überlegen, sie einfach so im Bad einzuschließen. Er verwarf den Gedanken und warf einen Blick auf sein Handy und scrollte durch die ersten Weihnachtsglückwünsche, bei einer SMS grinste er besonders und checkte seine Uhr, Pünktlichkeit war heute wichtig. Dann spurtete er schnell ins kleine Bad und duschte sich. Nach fünf Minuten stellte er das Wasser ab und putzte sich wie gewöhnlich vor dem Frühstück die Zähne. Aus dem Bad vernahm er Giannas Gesumme und sprudelndes Wasser. Er hatte eine maßgefertigte Badewanne in Überlänge, die das Zweieinhalbfache Füllvermögen einer Standardbadewanne hatte, also würde es bei voll aufgedrehten Wasserhähnen gute 30 Minuten dauern, bis die Wanne voll war. Das gab ihm genug Zeit für die gröbsten Vorbereitungen.
In der Küche futterte er schnell drei Bananen und trank eine halbe Dose Red Bull. Nicht ganz gesund, gab ihm aber einen Energiekick, den er brauchte. Mit dem Kellerschlüssel in der Hand sauste er los und holte die riesige Klappkiste mit den Geschenken, das dauerte nur fünf Minuten. Das sorgfältige drapieren unter dem Baum dauerte schon etwas länger, dazu kamen zwei große eingepackte Geschenke, in denen es verdächtig raschelte, sie waren im Schuppen hinter den Putzsachen versteckt, also der Ort wo seine gegen das Putzen regelrecht allergische Tochter niemals im Leben freiwillig suchen würde. Er stellte sie strategisch auf und musterte den Baum zufrieden.
Könnte er etwas seiner Schwester schenken? Er dachte nach, dann hatte er eine Idee, die recht schnell gehen würde, also wieder in den Keller. Er hatte eine große Arbeitsfläche in seinem zweigeteilten Keller. Einen mit einer Trennwand abgetrennten Teil für Basteln und der andere für pure Aufbewahrung, größtenteils für Getränke und seinen Prepperkram, den die meisten seiner Freunde und Verwandte albern hielten. Aber nach Corona und dem Krieg in Osteuropa hatte er gerne genug von allem im Keller um wochenlang bei jedem Wetter durchzuhalten und Neidern und Drecksäcken auf die Glocke zu hauen. Er hatte zwar noch nie jemandem außerhalb von Kampfsporttraining auf die Glocke gehauen, aber er war immer gerne vorbereitet. Und mit dem Bogen war er mittlerweile auch auf mehr als 50 Meter treffsicher und besaß fünf Bögen und hunderte von Pfeilen plus eine Harpune, zwei Armbrüste und mehrere Luftgewehre. Man wusste nie, nein man wusste nie was noch passieren kann. 
Aus einer Ecke nahm er nach kurzem Suchen eins der Pakete mit gestanzten Teilen aus Pappe, die er fast schon routiniert aus den Rahmen herausdrückte und zusammenfaltete und an einigen Stellen mit Klebstoff fixierte. In die verschiedenen Teile legte er Dinge, aus seinem Vorrat. Stifte, einen Block, Gutscheine, Karten, ein Buch, ausgewählte Getränke und Snacks. Danach fügte er alles zusammen und schloss die äußerlich simple und schlichte Box, die er anschließend in Geschenkpapier einwickelte. Dafür hatte er ungefähr zwanzig Minuten gebraucht. Zwar vertrieb er die Boxen nicht gewerblich, hatte er doch das Konzept gewissermaßen Lizensiert, aber unter seinen Freunden und Bekannten waren seine Boxen ein sehr gern gesehenes und beliebtes Geschenk. Die Schablonen für die Formteile entwarf er mit CAD und ließ sie bei einem Spezialisten hier im Haus anfertigen, mal als Kleinserie, mal individuell. Er hatte einen Hersteller gefunden, bei denen er die Formteile praktisch für umsonst bekam.
In einer Ecke betrachtete er den riesigen Stapel an großen Kisten diverser Klemmbaustein Hersteller, er selbst sammelte eigentlich nur noch CaDA, wenn es um geniale Technik Sachen ging, da war LEGO eigentlich gestorben, aber seiner Tochter zuliebe, die eher Fantasy- und Mädchen-Sachen mochte, kaufte er ihr auch das Plastikspielzeug der Dänen. Die Kisten standen hier unten, damit seine Tochter nicht eifersüchtig wurde, denn für seinen Kanal gab er jeden Monat eine hohe dreistellige Summe für neue Sets aus. Wenn seine Tochter wieder in der Schule war und er die erste Januarwoche noch frei hatte, würde er tagelang auf Vorrat Aufbau-Videos und Reviews drehen, so viel stand sicher. Nicht das sein Kanal doch noch einging, allerdings war er schon mächtig stolz auf die silberne Plakette für hunderttausend Abonnenten seines kleinen Kanals.
Mit der mittelgroßen Box unterm Arm, die ein gewisses Gewicht hatte, verließ er den Keller und schloss ab, summend fuhr er im Fahrstuhl in den dritten Stock, betrat seine überteuerte gigantisch große Wohnung, die ursprünglich eigentlich als reine Bürofläche gedacht war und nur durch Beziehungen und viel Überzeugungsleistungen und einen Batzen Schmiergelder in eine protzige Wohnung umgebaut werden durfte, und legte das dicke Päckchen unter den Baum.
Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass es noch gute anderthalb Stunden bis zu Lucy vermuten Ankunft waren.
Aus Neugierde ging er in sein Büro, sein Geldbeutel lag neben seiner Tastatur, wo seine Tochter ihn wie immer achtlos hingeworfen haben musste. Sie hatte es nicht so genau mit dem sorgfältigen und vorsichtigen Umgang mit fremden Sachen. Er hatte sie mehr als einmal beim Stehlen oder beim zerdeppern von etwas, was ihm heilig war, erwischt. Sicherheitshalber zählte er nach und stellte fest, dass sie sich tatsächlich doch nur um die vierzig Euro herausgenommen hatte, braves Mädchen.
Einer Schublade entnahm er einen Briefumschlag aus schwerem edlem Papier und schrieb in schwungvollen Buchstaben den vollen Namen seiner Tochter, also Amber Lucy Schwarz, mit Füller auf die Vorderseite und ging in sein Schlafzimmer. Er öffnete eine unscheinbare breite turmhohe Schranktür mit einem ungewöhnlichen Schlüssel und musterte den großen, halb in die Wand eingelassenen Tresor dahinter. Das war sein Staufach für Sachen, die seine Tochter nichts angingen, im Keller war noch ein zweiter fetter Tresor, sogar noch größer als der hier. Er tippte die achtstellige Kombination ein, auf die keiner kommen würde, es sein denn er wusste, welchen obskuren Panzer in dem mittlerweile eingestellten Onlinevideospiel World of Tanks er am coolsten fand.
Die schwere Tür schwang auf und er öffnete eine der Schubladen und nahm ein fünfzig Euro Noten-Bündel heraus und zählte sechs Scheine ab. Aus einem anderen Fach entnahm er eine Kleinigkeit, die indirekt auch ein Geschenk für Lucy war und steckte sie sich in die linke Hosentasche.
Er schloss den Tresor sorgfältig und legte dreihundert Euro in den Briefumschlag und verschloss ihn. Für eine Haarkurpackung sollte das Geld wohl reichen, wobei ihn seine Tochter bestimmt extra anhauen würde und um Geld bettelte, „immerhin brauchen lange seidig schwarze Haare eben extra viel sorgfältige und regelmäßige Pflege“ betonte sie immer zu sagen um ihm das Geld aus den Rippen zu leiern. 
Er fand immer, ein nerdiges Hoppelhäschen musste sich nicht wie eine eitle Diva aufführen, aber dann schaltete sie wieder sofort auf trotzig um und heulte ihm die Ohren voll.
Ihm wurde schon bei dem Gedanken schlecht, wie viel sie seit einem guten Jahr jeden Monat für Makeup ausgab, um dann jeden Tag aufs Neue wie ein handelsübliches glattgebügeltes Instagram Model auszusehen, die es wie Sand am mehr gab und seiner Meinung aber auch nichts mit echtem Modeln zu tun hatte. Sie spielte zwar Videospiele als gäbe es kein Morgen, zog sich aber wie eine Schlampe an und postete zu viele Selfies mit perfekten Makeup auf Instagram. Mit vierzehn hatte sie Zeternd und Tobend „ausgehandelt“ dass ihr doofer Vater gefälligst keine Stimme in der Entscheidung haben darf, was sie an Kleidung trägt. Aber der dumme Trottel namens Papa soll trotzdem immer schön zahlen, wenn sie etwas haben will und zwar sofort. Vielleicht war er doch ein rückratloses Weichei, zumindest hatte er ihrem Willen immer schön gehorcht und ließ sie tragen was sie wollte, aber bei dem Zicken-Terror den sie hin und wieder an den Tag legte, wollte er in erster Linie seine verdammte Ruhe, wenn er schon neun bis zehn Stunden arbeitete um ihr verschwenderisches Teenie-Leben zu finanzieren, für das sie sich nie bedankte. Sie beschwerte sich trotzdem in einer Tour, dass er sowieso eh immer alles falsch mache, irgendwann schaltete er dann auch auf Durchzug und widmete sich seinen Escapism-Hobbies wie Zocken, Schreiben und Klemmbausteinen. Eigentlich hatte er letzten Freitag gehofft, sie wäre wieder etwas umgänglicher, aber sie hatte es auch nur getan, weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte eine Freundin für ihn zu besorgen, weil sie eine Mama haben wollte.
Tja, wenn sie sich so anziehen wollte und Schwachsinn tragen wollte, dann bitte sehr, er hatte damit nichts zu tun. In erster Linie war es zu viel Makeup, viel zu viel. Ihre Mutter hatte nie Makeup getragen, und sie hatte es regelrecht als abstoßend gefunden, wenn eine Frau Makeup trug um Männer zu täuschen, wie sie es zu nennen gepflegt hatte. Er hatte seine Tochter eben ausgesprochen schlecht erzogen, fand er. Arbeite jeden Tag bis in die Abendstunden und füllte sie mit Geld ab, damit sie ihn während seiner bescheidenen Freizeit nicht auf den Keks ging. Und dann die Beschwerde Freitag, dass sich ihre besten Freundinnen zu Schicki-Micki Gören entwickelten … er schleppte diese ganzen furchtbaren Mode- und Lifestyle Magazine nicht an und kaufte sich Unmengen Kosmetika und Outfits mit knappen Ausschnitt … schlimm genug dass er Vollidiot sich breitschlagen ließ, ihr auch noch bereitwillig Geld für Makeup und viel zu häufige Besuche beim Hairstylist in die Hand zu drücken. Selber Schuld du rückratloser leichtsinniger Vollidiot!
Manchmal zählte er die Tage bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag, wobei er genau wusste, dass er selbst auch erst mit 24 von zuhause ausgezogen war. Und so ernst, wie sie ihre Schulbildung nahm, würde er sie wahrscheinlich noch lange an der Backe haben.
Er arrangierte die Pakete um und war noch ein Stück zufriedener. Danach pilgerte er in die Küche und deckte den Tisch für vier Personen. Lucifer war aufgetaucht und schmiegte sich an sein Bein, nach einer intensiven Streicheleinheit machte es sich der Kater auf einem Stuhl bequem und schnurrte zufrieden.
Im Kühlschrank stand schon die mächtig große Schokotorte mit Schokocreme-Füllung und Marzipandeckel bereit, die er gestern gebacken und verziert hatte. Eigentlich war es vom Rezept her die Torte, die ihm seine Mutter jahrelang zu seinem Geburtstag gebacken hatte, nur größer – passend eben für zwei Vielfraße. Er war dazu übergegangen, die Schokotorte für sich selbst zu backen, als er in diese Wohnung eingezogen war und seine Tochter fand die Torte so gut, dass sie sich diese auch zu ihrem eigenen Geburtstag gewünscht hatte, als sie fünf gewesen war. So gab es seitdem mindestens zweimal im Jahr Schokocreme-Torte – einmal zu Weihnachten und einmal kurz vor Ostern. Bei Kindergeburtstagen hatte er ruhig mal einen ganzen Tag lang Torten, Kuchen, Muffins und Gebäck gebacken um die Brut zu bespaßen. Und dann gab es immer eine, von seiner Mutter aus der Ferne ausgetüftelte, Schatzsuche. Zumindest war das gut gegangen, bis sie zwölf gewesen war, danach war ein Geburtstag schrecklich schief gegangen und er organisierte stattdessen lieber Karten für einen Event für sie und ihre Freundinnen.
Sorgfältig schnitt er die Torte in acht große Stücke, wovon seine Tochter vermutlich die Hälfte verputzen würde.
Es würde frisch gepressten Orangensaft und Kakao für Lucy geben, die Kaffee eigentlich nicht so richtig mochte. Zum Glück hatte er eine elektrische Saftpresse und machte sich ans Werk. Lucy bekam das größte Glas Saft und er tat ihr das größte Stück Torte auf. Mit dem Kakao würde er warten, bis sie da war, zudem würde sie für gewöhnlich nochmal in Ruhe duschen, seine Tochter hasste den Chlorgeruch nach dem Schwimmen. Und dann würde sie sich eine halbe Stunde schminken … ach ja.
Jetzt stand er unschlüssig in der Wohnung herum. Der Küchentisch war sorgsam vorbereitet, der Baum geschmückt, jetzt fehlte nur noch seine Tochter. Er tigerte zur Badezimmertür und linste durch das Türschloss, Gianna planschte in der Badewanne und machte Motorengeräusche eines Flugzeugs, während sie mit den Fingern eines nachahmte, das über sie hinwegzischte. Von wegen er war der einzige in der Familie Schwarz, der kindisch war.
Vom Nachttisch nahm er sein Handy und ein Taschenbuch und ging ins Wohnzimmer, um das sechste Werk eines befreundeten Autors zu lesen, solange seine Tochter noch in der Schwimmhalle war. Er las etwa eine gute Stunde, als sich die Haustür öffnete und er legte das Buch weg und ging in den Flur. Lucy zog sich gerade die Schuhe aus und stellte den Rucksack ab.
„Das nasse Zeug bitte im Bad aufhängen Lucy.“
Sie schreckte zusammen und drehte sich zu ihm.
„Muss ich das machen? Heute ist doch mein Geburtstag!“
Er seufzte, sie hätte es auch so nicht gemacht. 
„Ich geh nochmal schnell duschen.“
„Lucy?“
Sie sah ihn bemüht unschuldig an.
„Kein Makeup, wir wissen alle, dass du totale Akne hast, die musst du nicht noch mit Foundation zuspachteln, das ist in deinem Alter völlig normal. Außerdem, wem willst du mit Makeup etwas vormachen, das ist doch falsch gegenüber deiner Familie.“
Sie sah etwas betreten zu Boden, nickte kurz wenig überzeugt und tappte ins kleine Bad – ins große ging sie nie, wahrscheinlich hatte sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Waschmaschine sah. Wo war seine Schwester überhaupt?
In seinem Schlafzimmer hängte er die trockene Bettwäsche von Vorgestern ab und hängte Lucys nasse Schwimmsachen auf, die sie nicht einmal richtig ausgewrungen hatte und dementsprechend klatschnass waren. Kleines Biest.
Dann ging er in die Küche, Gianna saß auf der Bank und blätterte in einem Teeniemagazin, die Lucy ständig anschleppte.
„Interessant?“
Sie sah nicht auf.
„Durchaus, was mir in meiner Jugend nur alles entgangen sein muss. Schrecklich über welchen Klatsch sich Teenie-Gören von heute aufregen.“
„Vorsicht, deine Nichte ist auch eine Teenie-Göre!“
„Stimmt, aber gerade ist sie nicht da, ich glaube du kannst schon mal Kaffee aufsetzen. Außerdem hast du ihr noch gar nicht zum Geburtstag gratuliert, nur gemaßregelt. Das macht ein guter Papa aber nicht!“
Er biss sich auf die Lippen, das stimmte. Resigniert füllte er die French Press Kanne mit heißem Wasser.
„Wir können uns Zeit mit dem Kaffee lassen, sie wird erst eine gute Viertelstunde heiß Duschen und dann eine Viertelstunde Föhnen. Manchmal wünschte ich, sie hätte kürzere Haare. Zu mindestens bleibt uns eine halbe Stunde Schminkerei erspart. Sie hat schlimme Akne und überspachtelt sich trotzdem jeden Tag aufs Neue die armen Poren.“
„Mhm, kurze Haare müssen einem aber stehen und das tut‘s vielen eben nicht. Und lass deine Tochter doch mal in Ruhe, seit ich hier bin und sie gerade Mal nicht zur Stelle ist hackst du ohne Unterlass auf deiner Tochter rum und das auch noch an ihrem Geburtstag. Ich rede nie schlecht über meine Söhne, auch nicht hinter ihrem Rücken. Aber gut, die sind nicht so widerspenstig und zickig wie deine Tochter.“
Er setzte sich auf einen der Stühle, die lange Eckbank war L-förmig plus drei Stühle um den Tisch verteilt. So konnten insgesamt sechs Menschen Platz nehmen, im Wohnzimmer konnten mit ausgeklappten Tisch bis zu zehn Menschen am großen Tisch sitzen. Er wusste nicht warum er sich so einen großen Tisch gekauft hatte, schließlich verwendeten sie ihn effektiv nur dann, wenn die ganze Familie zusammen kam und das passierte eigentlich nur einmal im Jahr rund um Silvester. Aber er war gut für Brettspielorgien mit seinen Freunden, gerade seine Pen&Paper Eigenkreationen waren sehr beliebt, deren Level aus LEGO Steinen gebaut waren.
„Sag mal, warum hast du Trottel eigentlich für vier gedeckt? Wir sind doch nur zu dritt oder ist das eine Art running Joke, dass diese blöde Katze da mit am Tisch sitzt?“
Lucifer tat ganz unschuldig, während er auf seinem Stuhl saß und schnupperte, immerhin hatte Joschi Räucherlachs und Roastbeef gedeckt, die Leibspeisen des Katers. Gianna sah ihren großen Bruder misstrauisch an, als Antwort lächelte er sie geheimnisvoll an.
„Wir warten noch einen Gast. Sozusagen Lucys größtes Geburtstagsgeschenk. Sie müsste jeden Moment eintreffen, sofern ICE und Anschluss nicht Verspätung hatten.“
„Soso, eine geschenkte Person, wusste gar nicht das Sklaverei in Deutschland erlaubt ist.“
Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und schüttelte mit dem Kopf. Wenn man vom Teufel sprach klingelte es an der Tür. Joschi schoss zur Tür und drückte auf den Summer und wartete an der Haustür, Gianna war neugierig in den Flur getreten. Joschi machte die Tür weit auf und war gespannt.
Nach zwei Minuten öffnete sich die Tür des Fahrstuhls und eine Frau mit asiatischen Gesichtszügen trat heraus, der Blick ihrer dunklen Augen fixierte ihn und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Ein sehr schiefes Grinsen, was sie der hässlichen großen Narbe auf der linken Wange zu verdanken hatte, die sich von knapp über dem gesunden linken Auge bis runter zum Kinn erstreckte. Im Nu stand sie vor ihm – sie war etwa einen Kopf kleiner als er.
Sie war schwer behangen wie ein Weihnachtsbaum, eine riesige Kamera hing ihr vor der Brust, der Rucksack in Tarnfarben auf ihrem Rücken war gewaltig und mit einer Hand schleppte sie noch eine zusätzliche Reisetasche. Sie strahlte über beide Ohren und er ebenfalls.
„Komm rein. Ist schon alles vorbereitet.“
Auf der Türschwelle stolperte sie in eine feste Umarmung mit ihm. Sie roch als hätte sie seit Wochen nicht geduscht, aber das störte ihn nicht. Wichtig war doch nur, dass sie wieder vereint waren.
„Kann ich mein Zeug irgendwo abstellen?“
Ihr Deutsch war richtig gut geworden, stellte er fest, und ihr früher sehr markanter russischer Akzent war nur noch mit viel Fantasie zu erahnen.
„Klar komm mit. Ich nehme die Tasche.“
Sie hielt kurz inne um sich die schweren schlammverkrusteten Stiefel auszuziehen. Dann drückte sie ihm die schwere Reisetasche in die Hand und folgte ihm in löchrigen Wandersocken. Sie schien ganz schön schlapp zu sein, aber sie sah sich aufmerksam und neugierig um. Sie winkte Gianna im Vorbeilaufen kurz zu. Er führte sie ins Schlafzimmer wo sie ihren schweren Rucksack absetzte und die große teure Kamera sorgsam auf sein Bett legte. Dann sah sie ihn liebevoll mit Tränen in den Augen an.
„Ich hab dich so vermisst!“
„Und ich erst, nah komm mal her.“
Er beugte sich zu ihr runter und küsste sie auf den Mund. So standen sie einen Moment, sie wussten beide, dass es Monate dauern würde, sich alles zu erzählen. Widerwillig löste er sich von ihr.
„Kann ich mich hier irgendwo frisch machen? Ich stinke drei Meilen gegen den Wind und mir ist ein Fell gewachsen, das ist ganz schlimm.“
Er schmunzelte, sie hasste unerwünschte Körperbehaarung, schon immer. Was ein Problem war, weil sie um die Welt bis in die entlegensten Winkel reiste und die meisten Orte, in denen sie landete, eher keine Waxing-Studios hatten.
„Klar, das große Bad müsste frei sein, meine Tochter duscht immer nur im kleinen Bad.“
„Gut“
Sie zögerte.
„Wie ist sie?“
„etwas furchtbar und zickig ohne Ende, fürchte ich. Aber hin und wieder ist sie ein liebes Mädchen.“
Sie sah ihn mit einem schwer zu deutenden Blick an.
„Ich hab keine frischen Sachen dabei, ich hatte leider keine Zeit zum Shoppen.“
„Macht nichts, ich habe noch ein paar Kisten mit deinen Sachen von früher. Gewaschen und gebügelt. Nach Größe und Farbe sortiert. Wenn du nicht überraschend fett geworden bist, sollten sie noch passen.“
„Super, vielen Dank. Das ist so typisch du, dass du alles sortierst. Aber ich bin nicht fett!“
Sie knuffte ihn in die Seite, dann zwinkerte sie ihm zu und stieg aus ihren Tarnklamotten, echte Real Tree Tarnsachen, nicht Armee-Gerümpel. Er stieg auf sein Bett und griff nach einer von mehreren umzugskartongroßen Pappkisten mit ihren alten Sachen und stellte sie ab. Er guckte hinein und reichte ihr nach einer halben Minute Wühlerei ein paar Sachen.
„Ich hab noch Shampoo und so Zeugs für Damen wie dich.“
„Oh wie schmeichelhaft. Wo ist das Bad?“
„Gleich nebenan, stell dir vor, da hätte unser altes Wohnzimmer zweimal reingepasst.“
„Du übertreibst, oder?“
„Du siehst es ja gleich.“
Er drückte die Tür zum Bad auf und ihr klappte die Kinnlade herunter.
„Oh cool, sinnlos riesig und sogar barrierefrei. Immerhin mit Trockner und, ach du spinnst doch, einer Saunakabine. Fehlt nur noch der Whirlpool.“
„Der ist in der Saunalounge hinter der Milchglaswand, den benutze ich öfters, Die Saunalounge hat auch Kaffeemaschine, Snackbar und Kühlschrank. Warte Ich bring dir noch ein Duschtuch. Den Stapel mit den frischen Sachen lege ich auf die Waschmaschine. Dahinten im unteren Schrank links ist Shampoo alphabetisch nach Sorten sortiert.“
„Alles klar. Danke dir. Dann müssen wir unbedingt mal schwitzen gehen.“
Sie zog ihre Unterwäsche aus und verschwand mit einer Flasche Shampoo in der geräumigen Dusche. Sie war schlank, fast schon ein bisschen zu dünn, aber so wie er kochte, würde sie demnächst heftige Workouts machen um weiterhin so schlank zu bleiben. Ansonsten war alles beim Alten: schön knackiger Po und fast so flach wie ein Brett. Ein schön geformter Po war ihm wichtiger als pralle Oberweite.
Aus dem Wäscheschrank im Schuppen entnahm er ein mintfarbenes Duschtuch, das nach Weichspüler duftete, holte noch eine große Halbliter Dose Red Bull aus dem Kühlschrank und legte es ihr zusammen mit den Kleidern auf die Waschmaschine, sie sah aus, also könnte sie etwas Energie vertragen. Wieder in der Küche schenkte er sich und Gianna Kaffee ein, seine Schwester schien vor Neugierde zu platzen.
„Wer ist das denn jetzt bitte?“
„Och, nur eine alte „Freundin“ von früher.“
„Ihr scheint euch ja echt nahe zu stehen.“
„Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr.“
Lucy kam als erste mit feuchten Haaren und mehr oder weniger im Schlafanzug in die Küche getappt. Immerhin hatte sie auf Makeup verzichtet. Er stand auf und umarmte sie fest, um nicht zu sagen er erdrückte sie.
„Ey Papa, ich krieg keine Luft mehr!“
Presste sie hervor und er lockerte die Umarmung ein bisschen.
„Herzlichen Glückwunsch zum sechzehnten Geburtstag, Lucy.“
Dann löste er die Umarmung und klopfte ihr auf die Schulter.
„Wo sitz ich?“
„Wo das größte Stück Torte auf dich wartet. Möchtest du einen Zotter Kakao?“
„Nein ich möchte mal Kaffee ausprobieren, kannst du mir einen machen?“
„Klaro.“
Er machte ihr den Becher halbe-halbe mit geschäumter Milch und Kaffee voll und versenkte zwei Würfel Zucker darin.
„Bitte sehr Geburtstagskind.“
„Danke sehr.“
Sie musterte den Tisch, dann hellte sich ihre Miene auf als sie den vierten Teller bemerkte.
„Hast du Frau Hofgärtner eingeladen?“
Er schnaubte amüsiert.
„Nein diesmal nicht, aber diese Person möchte dir unbedingt zum Geburtstag gratulieren.“
Sie runzelte die Stirn.
„Wer ist das denn?“
Verunsicherung lag in ihrer Stimme.
„Na weißt du, ich dachte ich könnte auch mal nach einer Frau Ausschau halten, die eine gute Mutter für dich sein könnte.“
Ihre Augen füllten sich zu seiner Bestürzung mit Tränen.
„A … Aber das h … hab ich doch schon längst gemacht!“
„Aber weißt du Lucy, ich glaube so funktioniert die Welt nicht.“
„Aber Frau Hofgärtner ist doch so eine gute Wahl, ich will sie als Mama, nicht irgendwen!“
„Lucy, das Leben ist kein Wunschkonzert.“
„Ich will aber! Ich such mir meine Mama aus, da hast du nichts zu sagen.“
Sie verschränkte trotzig die Arme und schniefte.
„Lucy nein, ich hab das letzte Wort in dieser Angelegenheit!“
„Du bestimmst aber nicht mein Leben.“
„Da ich hier die Rechnungen zahle, bin ich auch der Bestimmer.“
„Du bist ein furchtbarer Papa.“
„Aber ein guter Ehemann.“

Ende Abschnitt 2

Der Katastrophenzyklus – 2-1 – Überraschungsbesuch (8 Seiten)

Der Abend vor Weihnachten. Es dürfte etwa zehn sein, Lucy war schon früh zu Bett gegangen, morgen wollte sie vormittags nochmal mit ihrer Freundin Anna (oder Lena?) ins Schwimmbad, Anna war zwar ziemlich moppelig, aber sie schwamm echt fix und gerne, genauso gerne wie seine Tochter.
   Joschi schmökerte in einem Architekturbildband, den Tipp hatte ihm seine Schwägerin Anna gegeben, die als Innenarchitektin sehr erfolgreich arbeitete, um nicht zu sagen, dass sie eine der gefragtesten Innenarchitektinnen Deutschlands war, auch wenn sie ihm nach all den Jahren nicht verziehen hatte, dass Anna in seinen Büchern eine schöne russische Scharfschützin war. Dazu trank er Cola und aß Gummibärchen. Die Küchentür war nur angelehnt, damit Lucifer, der auf seinem Schoß saß und sich die Bilder ansah (zumindest sah es so aus), zur Not raus konnte, wenn ihm langweilig wurde oder er auf Klo musste.
   Ein Klingeln ließ ihn heftig zusammenschrecken. Wer war das? Und vor allem so spät? Er sprang auf und schoss in den Flur und spähte durch den Spion, der Kater sauste hinter ihm her und kratzte an der Wohnungstür. Eine großgewachsene Frau in einer dicken Winterjacke mit plüschigem Fellkragen, einen Rucksack auf dem Rücken und umfasste den Griff eines ziemlich großen Rollkoffers, fast schon in Richtung Schrankkoffer.
   Ihr Gesicht kam ihr wage bekannt vor und er dachte nach wer das sein könnte, dann traf ihn der gedankliche Blitz und er erkannte sie wieder, wenn auch nicht sofort. Er fluchte innerlich, Gianna, seine kleine, seit 26 Jahren verschollen geglaubte Schwester. Er öffnete missmutig die Tür und erwartete sie mit einer frostigen Miene.
„Was, kein strahlendes Lächeln deine liebe Schwester zu sehen?“
Fragte sie enttäuscht, es klang nicht gespielt.
„Was willst du?“
Fragte er ziemlich schroff und abweisend, er mochte sie nicht sonderlich. Sie war als Schwester die Pest gewesen und hatte sich mit neunzehn auf Nimmer Wiedersehen verdünnisiert – hatte er zumindest angenommen, jetzt schien, als würde er falsch liegen. Er malte mit dem Kiefer, als sich ihre Augen auf einmal mit Tränen füllten, typische Krokodils-Tränen.
„Ich brauche jetzt einen Ort, wo ich unterkommen kann!“
„Such dir ein Hotel, davon gibt’s genug.“
„Ich kann nicht, ich bin nach langer Reise einfach so einsam und morgen ist schließlich Weihnachten.“
„Ist doch nicht mein Problem, du hast die letzten 26 Jahre sehr deutlich gezeigt, dass für dich nur deine Karriere zählt und dir deine Familie scheißegal ist.“
Jetzt heulte sie und bebte unter Schluchzern. Er fluchte.
„Ich … ich brauche familiäre Wärme.“
„Dann geh deinem anderen Bruder auf den Sack, der wohnt doch eh in Berlin in seiner Protzwohnung, wo allein jedes Kinderzimmer so groß ist wie mein Wohnzimmer.“
Sie sank zu Boden und bebte jetzt vor heftigen Schluchzern. Er seufzte, immer die große Show abziehen müssen – typisch Schwesterherz.
„Komm häng deine Jacke an die Garderobe, du Heulsuse. Ich mach dir einen Kaffee.“
Er streckte ihr die Hand hin und sie zog sich dankbar daran hoch. Dann marschierte er in die Küche und räumte den Bildband weg. Lucifer, der Kuschel-Tiger, sah ihn misstrauisch an (im Gegensatz zum alten Kater seiner Eltern war Lucifer richtig verschmust und kam immer kuscheln, wenn er nicht gerade schlief, das viele kuscheln half bestimmt bei den Depressionen des Katers). Er wühlte in dem Berg Stofftiere und förderte ein hübsches dickes Plüschkrokodil hervor, Luise (nicht zu verwechseln mit Luise Hofgärtner), und legte es auf Giannas Seite auf den Tisch. Wenn man vom Teufel sprach stolperte sie in die Küche, trug nur noch ungewöhnlich abgenutzte Jeans und einen schicken, aber alten und ziemlich löchrigen dunklen Rollkragenpullover, und setzte sich an den Tisch. Sie starrte unschlüssig auf Luise.
„Was soll ich damit?“
„Knuddeln, was sonst.“
„Ich bin zu alt für Stofftiere.“
Brummelte sie missmutig.
„Das ist meine Wohnung, also heul dich gefälligst bei dem Plüschkrokodil aus. So, wie willst du deinen Kaffee?“
Sie knuddelte tatsächlich einen Moment mit Luise und schloss die Augen.
„Cappuccino mit zwei Zucker.“
„Kommt sofort.“
Er dachte an seine Whisky Sammlung, sagte aber nichts. Er gab still zu, dass er eigentlich zu viel trank. Lucy gab ihm auch hin und wieder gute Gründe.
Zwei Minuten später stellte er ihr einen dampfenden Becher hin und setzte sich hin. Er hatte sich eine Dose Red Bull aus dem Schuppen geholt, ein bisschen Nervennahrung tat bestimmt gut. Es zischte, als er die Dose öffnete und er einen Schluck nahm. Gianna trank schweigend Kaffee. Er kannte sie nur als Mädchen und Teenager, danach war der Kontakt mit ihr komplett abgebrochen und er hatte über fünfundzwanzig Jahre nichts mehr von ihr gehört, bis jetzt. Man merkte ihr das Alter an, die Fältchen und Grübchen um Mundwinkel und Augen. Ihre langen dunklen Haare waren mit ersten grauen Strähnen durchzogen. Er erkannte sie kaum wieder. Sie sah älter aus als 45, eher wie Mitte 50. Er sah einen schlichten Ehering am Ringfinger, also hatte sie Familie oder war geschieden, hing aber noch an der Beziehung und trug den Ring weiter.
„Warum tauchst du gerade jetzt zu Weihnachten wieder auf?“
Sie hob den Blick und sah ihn etwas nachdenklich an.
„Mein Mann möchte mit mir und unseren Söhnen zusammen gewissermaßen einen Neuanfang in meiner Heimat wagen, ich hab ja einen deutschen Pass, er muss hingegen noch eine Menge Papierkram einreichen, bevor er ohne weiteres hier leben darf. Und meine Söhne wollen hier studieren, bzw mein jüngster hier noch sein Abi machen.“
„Hm, wo hast du denn gewohnt?“
„Austin, Texas. In einem Einfamilienhaus etwas außerhalb. Ich hab die Reise schon eine Weile geplant gehabt und bin von Austin nach London und von London nach Berlin, alles in der unbequemen Economy Klasse. Und dann mit der S-Bahn erst zum Berliner Hauptbahnhof und dann mit dem S-7 nach Potsdam und mit der Tram zu dir, das war ganz schön weit. Jetzt bin ich total geschafft und müde.“
Die Staaten also, hätte er irgendwie auch vermutet.
„Bist du eigentlich wohlhabend? Du scheinst dir zwar einen langen sicherlich nicht billigen Flug leisten können, aber nicht ein paar neue Klamotten.“
„Schon, nur habe ich als Studentin mit sehr wenig gelebt und zeige es eben nicht, dass ich gut verdiene und wohlhabend bin.“
„Was machst du denn beruflich?“
„Ich war bis vor ein paar Wochen der CEO eines großen IT-Konzerns, aber ich habe den Posten abgegeben um mich auf den Umzug meiner Familie vorzubereiten und dann auch mehr Zeit für sie zu haben.“
Sie guckte traurig.
„Wenn du so einen Job hast, verdienst du zwar einen Batzen Geld, aber Zeit für deine Kinder hast du dann nicht mehr.“
Sie schwieg einen Moment, drückte das dicke Plüschkrokodil an sich und trank einen Schluck Kaffee.
„Toll. Meine Schwester leitet einen Konzern, mein Bruder ist einer der gefragtesten Fotografen Deutschlands und ich … ich bin nur der Trottel.“
Tiefe Resignation und Traurigkeit erfüllten ihn, er war doch nur ein kleines armseliges Licht, er hatte im Leben nichts, aber auch gar nichts erreicht.
„Ich weiß, aber das stimmt doch gar nicht. Von uns drei Geschwistern hattest du nur eben nicht so viel Glück im Leben und von dem was ich mitbekommen habe, hast du viel probiert und hattest auch viel Pech mit deiner Krankheit. Ich war sehr gesegnet bzw. wusste von Anfang an besser damit umzugehen. Jedenfalls wusste ich schon mit zwölf, dass ich Ingenieurin werden und an einer berühmten Uni studieren will. Ich habe einen Mann und zwei tolle Söhne, aber gut fühle ich mich nicht.“
„Wieso, bist du krank?“
„Nein, ich bin einigermaßen fit, aber viel Alkohol, Zigaretten und gelegentlich Drogen haben Spuren hinterlassen. Und ich bin nicht stolz darauf, dass ich lange nicht gesund gelebt habe. Jetzt hoffe ich auf einen Neuanfang in meiner Heimat. Ich hatte gehofft, ich könnte fürs erste bei dir abstürzen bis ich eine feste Bleibe gefunden habe. Heißt ein Grundstück gekauft und ein Haus für meine Familie gebaut habe oder eine große Eigentumswohnung gefunden habe.“
„Und jetzt?“
„Jetzt ziehe ich bei dir ein, wenn du erlaubst. Ich hoffe doch einfach, du hast noch ein Gästezimmer übrig, dass man für einen längeren Aufenthalt entsprechend umrüsten kann?“
Er war sprachlos, damit hatte er nicht gerechnet.
„Habe ich eine Wahl?“
„Wenn du in einem beschissen kalten Winter deine liebe Schwester nicht in der Kälte stehen lassen willst, nein. Außerdem mache ich mich im Haushalt nützlich und wenn du ganz lieb bist, unterstütze ich meinen Lieblingsbruder auch ein bisschen finanziell. Mein Nicht-Lieblingsbruder hat eh schon viel zu viel und protzt auf Instagram mit seinem Tesla Fuhrpark, dieser Blödmann.“
Er seufzte schwer, sie machte es ihm mit Lockungen schwer, sie vor die Tür zu setzen, das war schon immer ihre Taktik gewesen, wenn sie etwas haben wollte. Blöde Kuh.
„Ok, du kannst hier wohnen“
„Oh vielen, vielen Dank, Joschi. Du bist ein toller großer Bruder.“
Sie klang aufrichtig, was ihn etwas erleichterte.
„Wie viel Gepäck hast du denn?“
Sie wischte sich die Augen und suchte seinen Blick.
„Ein paar Sachen zum Anziehen für alle Jahreszeiten, Erinnerungsstücke an meine Familie, Geschenke für morgen und meinen Laptop.“
„Mh, ich hab kein Gästezimmer.“
Sie sah ihn verdutzt an.
„Auf du schreibst doch immer auf deinem Blog, dass du eine ziemlich große fünf Zimmer Wohnung hast. Da wird doch ein Raum als Gästezimmer übrig bleiben.“
„Stimmt, und ich arbeite selbstständig von Zuhause aus. Also Arbeitszimmer, Wohnzimmer, Lucy und mein Schlafzimmer. Und das Fünfte Zimmer ist mein Klemmbaustein-Studio mit über einer Millionen Lego Teilen und meiner Filmausrüstung, nach zwanzig Jahren ist mein Auftritt auf ein paar Video-Plattformen so groß, dass ich mein Hobby überwiegend refinanzieren kann. Aber wenn es dich tröstet, in meinem Schlafzimmer steht ein zweites großes Bett, falls Besuch kommt.“
„Wozu denn das?“
„Für Silvester, da kommen sowohl unsere Eltern als auch mein kleiner Bruder mitsamt seiner Familie auf ein paar Tage vorbei. Immer zu mir, weil ich Fahrstuhl habe.“
„Und wo schlafen dann alle?“
„Mama und Papa auf dem großen Schlafsofa im Wohnzimmer, Johnny und seine Frau auf dem Extrabett in meinem Zimmer, weil wir Neujahr morgens meistens zu dicht sind als dass er nach Hause fahren dürfte, auch wenn seine Teslas Autopilot haben. Und meine … ähm unsere Nichten schlafen bei Lucy im Zimmer, dazu habe ich ein paar Matratzen lagernd.“
„Und ich?“
„Du hast in den letzten sechsundzwanzig Jahren keine Rolle gespielt, ich leg dir eine Matratze in mein Büro.“
„Die kannst du doch nehmen. Ich …“
Sie brach ab, als sie seinen bösen Blick bemerkte.
„Wo soll ich denn dann schlafen?“
„Im Keller ist auch ein Feldbett.“
„Aber wir haben zweistellige Minusgrade!“
Sie klang beinahe erschüttert.
„Stimmt, aber ich habe einen dicken Polarschlafsack, den kannst du nehmen, außerdem ist mein Keller nicht so kalt, ich habe ihn rudimentär gedämmt, als ich eingezogen bin und einen Heizstrahler in die Ecke gestellt. Aber Prinzeschen kann sich doch ruhig von all ihrem Geld für die Nacht ein Hotelzimmer holen, wenn es ihr an den Füßchen zu kalt wird.“
„Du bist doof.“
„Damit endet jeder zweite Satz meiner Tochter, wenn sie mit mir spricht.“
Bemerkte er beiläufig.
„Das ist aber nicht sehr nett. Wie ist sie denn so?“
„Sie hat überraschenderweise reichlich Elemente von dir und klein Johnny, hat das meiste von ihrer  Mutter und ein bisschen von mir. Sie ist regelmäßig bockig, ein bisschen zickig, eine Heulsuse, wenn sie ihren Willen nicht durchgesetzt bekommt, sehr kreativ, beschissen schlecht in der Schule, flüchtet sich in virtuelle Welten, um der unbequemen Realität auszuweichen, absolut grottig im Umgang mit netten Jungen und schminkt sich seit einem Jahr wie eine Schlampe. Kurz um, sie ist gelegentlich liebenswürdig, aber es gibt viele Momente, da würde ich ihr gerne eine scheuern. Gerade wenn ich in Ruhe arbeiten oder entspannen will und sie mir wegen Drama und Jungs auf den Sack geht oder der Dauerrenner, sie will etwas sofort und dringend haben, aber ihr Taschengeld reicht nicht. Natürlich kommt sie ganz nach ihrem Onkel Johnny und räumt nie auf, also bleibt der ganze Mist an mir hängen. Also arbeite ich täglich acht bis zehn Stunden, damit meine liebe Tochter drei Mahlzeiten am Tag und eine gute Bildung bekommt und in einem warmen Bett in einer scheißteuren Wohnung schlafen kann. Dazu muss ich natürlich kochen und ihr morgens eine Brotbüchse machen, ich bin der Geldautomat, wenn sie Süßigkeiten, Makeup, Essen gehen, zum Frisör – was sie viel zu oft macht – oder ins Kino will, ich muss mich allein um den Haushalt und nebenbei um meine bockige Tochter kümmern.“
Sie musterte ihn mit einem mitleidigen Blick in den Augen.
„Sie kann ja nicht von alleine auf deiner Türschwelle aufgetaucht sein, was macht denn ihre Mutter? Ich hab auf den ersten Blick keine Damenschuhe oder –Mäntel gesehen.“
Er sah sie einen Moment traurig an.
„Lucys Mutter ist zwei Tage nach ihrer Geburt an Entkräftigung gestorben.“
Gianna riss die Augen auf und wirkte erschüttert.
„Oh verdammt, das tut mir Leid. Trauerst du sehr?“
„Es ist ein bisschen kompliziert, weil wir nie in einer Beziehung waren.“
Er holte Luft und erzählte ihr die Geschichte, die er erst vor wenigen Tagen Luise Hofgärtner erzählt hatte. Als er endete, musterte sie ihn nachdenklich.
„Also wart ihr nicht in einer Beziehung und da hast dich wie der größte Riesenarsch in der Geschichte benommen und gleichzeitig gezeigt wie sehr du du selbst bist, wenn du mit schwierigen Situationen konfrontiert wirst, also der feige Idiot, der den Kopf in den Sand steckt und hofft, es wird schon nichts passieren. Papas Reaktion hingegen fand ich stark, so handelt ein verantwortungsvoller Erwachsener, nicht wie du. Ich hoffe Meggies Grab ist tipp-top gepflegt, sonst trete ich dir gehörig in den Arsch. Und dann habt ihr beide auch noch diese dumme Krankheit. Was ist nur mit deiner Tochter, diese Scheiße ist vererbbar!““
„Nette Worte. Sie ist bisher nur ein bisschen Depressiv, zum Glück bisher keine Suizidgedanken, aber dann ist sie wochenlang still, geknickt und kraftlos. Aber das reicht mir schon.“
„Und dann versuchst du dummer Volltrottel einen Vollzeitjob und die Erziehung gleichzeitig ohne Hilfe zu stemmen. Ein Mädchen, bzw. Kinder allgemein brauchen am besten zwei Elternteile. Und du bist nicht so hässlich, als würdest du keine finden, zumal du fit und definitiv nicht arm bist, so wie das klingt.“
„Ach echt? Wäre ich nie drauf gekommen. Aber vor Lucy lief da schon nichts und als Lucy geboren war … naja, Single Papas sind als Partner nicht so gefragt, habe ich auf die harte Tour festgestellt. Und komm schon, im Alter wird man nicht hübscher, ich bin zwar fitter geworden, aber das war‘s schon. Außerdem hatte ich alle Hände voll zu tun mit meiner Selbstständigkeit und meiner Tochter, da war einfach kein Platz mehr für Dates. Ich hab eh praktisch keine Freizeit mehr, gerade als Lucy jünger war und sich noch nicht so gut selbst beschäftigen konnte. Mein Studio ist mein Rückzugsraum geworden, wo ich abends nochmal ein paar Stunden hingehe um ein bisschen zu basteln oder ich mach’s mir in der Küche mit einem Buch bequem. Aber die Zeiten wo ich mal stundenlang machen konnte was ich wollte sind seit sechzehn Jahren vorbei, und kommen erst wieder, wenn Lucy endlich auszieht, aber bis sie lebensfähig ist, wird noch viel Zeit vergehen.“
„Warum das?“
„Sie gibt sich alle Mühe, Schule so richtig an die Wand zu fahren. Sie steht immer irgendwo fünf und reagiert allergisch auf Nachhilfeunterricht. Sie macht ihre Hausaufgaben nicht, sieht einfach nicht ein warum und fängt sich eine sechs nach der anderen ein. Sie zockt lieber und postet auf Instagram, als dass sie sich auf Tests und Klassenarbeiten vorbereitet. Sie ist in genau drei Fächern nicht völlig scheiße: Sport, Kunst und Schauspielunterricht. Also alles drei Fächer mit denen man sich eine „sichere Zukunft“ aufbauen kann.“
Kommentierte er sarkastisch, auch wenn er sich eigentlich furchtbar fühlte, so über seine Tochter herzuziehen. Klar lernte sie nicht so gern, aber war er als Jugendlicher so viel anders gewesen?
„Zudem ist sie dort auch nicht überragend gut. Jede Woche habe ich bei irgendeinem Lehrer ein Elterngespräch, über ihre schlechten Noten. Und natürlich bin ich schuld daran, dass meine Tochter so schlecht ist, ich der schlechte Vater, das schlechte Vorbild.“
„Wer sagt sowas?“
Er seufzte schwer.
„Andere Eltern und andere Lehrer. Weißt du meine bockige Tochter hat mir ein Date mit ihrer Lieblingslehrerin angeleiert. Luise Hofgärtner.“
„Was echt?“
Seine Schwester verkniff sich ein Lachen und schmunzelte.
„Ja, letzten Sonntag. Es ging gut, auch wenn der Anfang sehr holprig war. Jedenfalls haben wir Nummern getauscht und chatten seitdem regelmäßig, wenn die Brut anderweitig beschäftigt ist. Und da hat sie mir traurig erzählt, dass ich unter den Lehrern an der Schule keinen guten Ruf habe. Und das stimmt mich so traurig. Ich will meiner Tochter doch nur ein gutes Leben ermöglichen, aber sie stellt sich einfach so bockig und setzt ihren eigenen Willen durch, was selten in Lernen ausartet. Eher in Zocken und Serien bingen. Anschreien nützt nichts und ich mag keine Gewalt. Gut zureden nützt aber auch nichts. Es ist wie einen löchrigen Eimer mit Wasser zu füllen.“
Sie musterte ihn nachdenklich.
„Und wenn ich mein Glück bei ihr versuche?“
Er runzelte die Stirn.
„Wie meinst du das?“
„Ich hab zwei Söhne und mein Jüngster ist in ihrem Alter. Vielleicht kann ich mit ihr reden und sie dazu zu bringen das Schulleben ein bisschen ernster zu nehmen.“
„Das würdest du tun?“
Unglaube schwang in seiner Stimme mit. Seine Schwester machte was für ihren großen Bruder, das musste er sich im Kalender eintragen.
„Ja, irgendwas muss ich schließlich tun, ich kann doch nicht einfach die nächsten zwei bis drei Jahre hier herumsitzen und nichts tun, während das Haus gebaut wird. Ich wiederhole mich, aber irgendwas muss ich schließlich tun.“
„Stimmt, du konntest nie still sitzen, du musstest immer irgendwas machen. Für dich war Schule prio Nummer eins, danach kam das Lesen von ganz wichtigen Sachbüchern oder Biografien und deinen ersten Businessplan hattest du schon mit fünfzehn.“
Sie schmunzelte.
„Das stimmt auch, aber viel Zeit für ein Sozialleben blieb dann in der Regel nicht.“
„Wie heißt dein Mann?“
Sie lächelte bei der Frage.
„Chris, er ist schwarz und sechs Jahre älter als ich.“
„Was hat deine Firma gemacht?“
„Sorry, das würdest du nicht verstehen.“
Er war gekränkt.
„Warum behandeln mich alle wie den letzten Dorftrottel?“
„Weil du manchmal wie einer rüberkommst?“
Er lehnte sich traurig zurück.
„Ok, hier die Kurzfassung, wir haben komplexe Computerchips und Quantencomputer gebaut.“
Er sah sie erstaunt an.
„So viel Knowhow hast du?“
„Sicher, ich hab Physik und Informatik am MIT studiert.“
Joschi starrte seine Schwester vor lauter Unglauben an.
„Das MIT?“
„Genau, Abschluss mit Magna cum Laude.“
„Und wie konntest du dir das leisten?“
„Gar nicht, ich hab kein Stipendium bekommen und geschuftet wie Teufel, um mein Leben zu finanzieren. Aus dieser Zeit habe ich meine Verweigerungshaltung gegen die Wegwerfkultur und kaufe eigentlich alles nur second Hand und repariere kaputte Elektronik, anstatt sie wegzuwerfen. Ich hab gekellnert und Nachhilfe-Unterricht in Mathe, Informatik und Physik gegeben.“
Er stand auf und öffnete einen Schrank etwas weiter oben und griff sich eine Flasche Single Malt Whiskey und ein Glas, großzügig schenkte er ein und nahm einen tiefen Schluck.
„Du bist eine liebenswerte Zicke.“
„Danke, denke ich. Krieg ich auch einen?“
Sie deutete auf den Whiskey und er holte ihr murrend ein Glas. Sie trank mit Bedacht.
„Der ist gut.“
„Hat mir Johnny geschenkt, für Krisenzeiten.“
Gianna schmunzelte.
„Hätte dich nicht für einen Säufer gehalten.“
„Tja, so täuscht man sich. Mein kleines Leben läuft eben nicht gut.“
„Wie meinst du das?“
Fragte sie mit einem besorgten Unterton in der Stimme.
„Ende des Sommers sind mir vier ziemlich große Kunden abgesprungen und ich kämpfe seitdem damit über die Runden zu kommen. Meine Tochter soll ein angenehmes Leben führen können, aber das kostet und wenn es so weitergeht, muss ich die Reserve anbrechen, die eigentlich für ein neues Auto und eventuell eine Eigentumswohnung gedacht sind, die Wohnung hier ist zwar groß und schön, aber im Alter kann ich mir das einfach nicht leisten, dafür ist sie einfach zu verschwenderisch groß und teuer. Ernie wird den TÜV im Frühjahr nicht packen und dann hab ich kein Geld für ein neues Auto. Aber dann werde ich nächstes Frühjahr neunundvierzig und ich muss mir langsam Gedanken um meinen Ruhestand machen und wie ich mit meinen Sachen verfahre. Mit dem frühen Tod von Lucys Mutter habe ich mit Mitte dreißig schon mein Testament gemacht, damit es an meiner Tochter ans nichts fehlt, wenn mir etwas zustößt. Aber viel ist es nicht. Momentan schreibe ich überall rote Zahlen und es sieht nicht so aus, als würde ich im neuen Jahr plus machen, ich war schon immer schlecht daran, neue Kunden zu akquirieren.“
Sie musterte ihn aufmerksam und er nahm noch einen Schluck, es brannte angenehm in der Kehle.
„Und wenn du etwas anderes machen würdest?“
Er sah sie zweifelnd an.
„Das hab ich schon öfter überlegt, aber zum einen bin ich schon Ende Vierzig und wer will denn noch jemanden in dem Alter ausbilden. Und dann weiß ich nicht, was mit mir anzufangen ist und das größte Problem, ich könnte es einfach nicht finanzieren. Ich zahl knapp fünftausend für die Miete, Unsummen für Versicherung und Steuern und eine völlig gefräßige Tochter bei Laune zu halten, die verschwenderisch mit ihrem Taschengeld umgeht und immer nach mehr bettelt, ist auch kein kleines Unterfangen. Der Job ist ok, aber Spaß macht er mir nicht wirklich.“
„Mh, ich hab gehört du bist Autor, Youtuber und Blogger.“
„Stimmt, die Bücher und der Kanal, das bringt ein paar Taler, aber es deckt noch lange nicht die Miete, es reicht aber immerhin dafür um das Equipment zu finanzieren und ein paar der Versicherung zu deckeln. Und der Blog läuft ganz gut, nach fast zwanzig Jahren Bloggen, habe ich rund fünftausend Follower, aber momentan schreibe ich aber nur etwa einmal die Woche was und so verliert man eben Abonnenten am laufenden Band.“
„Das ist bedauerlich, mir ist zu Ohren gekommen, du seist recht gut. Jedenfalls nicht den Kopf in den Sand stecken und aufgeben, wie du es eigentlich immer schon gemacht hast, seit dem es dich gibt. Sobald Schwierigkeiten in Sicht kommen, buddelst du dich ein und tust so, als könntest du dich da durchmogeln indem du nichts tust und nicht einfach untergehst. Ich hab gelernt, es ist nicht schlimm wenn du auf die Nase fliegst, solange du danach wieder aufstehst und weitermachst.“
Er schluckte und spülte mit Whisky nach.
„Stimmt schon, ich war immer schon so. Aber mit Lucy ist es dann besser geworden, meine Tochter könnte ich nie im Stich lassen. Und für sie springe ich schon mal in einen Brombeerbusch, wenn es ein großes Problem gibt.“
„Gute Einstellung, deine Tochter braucht einen starken Vater, kein rückgratloses Weichei.“
Schweigend saßen sie da und tranken Whisky. Dann gähnte sie demonstrativ.
„Hast du irgendwo vielleicht ein weiches Bett, ich würde mich gerne hinlegen, ich bin seit vierzig Stunden auf den Beinen, weil ich noch so viel erledigen musste!“
„Alles klar, komm mit und vergiss Luise nicht.“
Er stand auf und ging in den Flur, wo er ihren Rollkoffer nahm. Damit ging er auf eine Tür links am Ende des sehr langen geräumigen Flures zu, in dem man fast schon Bälle abhalten konnte. Er öffnete die Tür und machte Licht an. Es war wirklich keine Besenkammer, wie er sein Schlafzimmer immer scherzhaft nannte, denn immerhin hätte sein altes WG-Zimmer hier spielend zweimal reingepasst. Aber es war jetzt auch nicht gewaltig riesig, es maß etwa dreißig Quadratmeter, also ein Zehntel der Wohnungsfläche und war rechteckig langgestreckt. Abgesehen von den beiden großen Betten war alles bis unter die nicht gerade niedrige Decke mit Regalen und Schränken vollgestopft und in der freien Fläche in der Mitte des Raumes standen zwei vollbestückte Wäscheständer, einer mit Unterwäsche und Socken, der andere mit Bettwäsche. Er stellte den Rollkoffer neben ein großes Bett, das er in ein Regal eingebaut hatte, sodass einer der Schlafenden des Doppelbetts in einer Art Höhle nächtigte.  
„Da schläft unser Bruder und seine Frau Anna, wenn sie zu Besuch sind und übernachten, ab und zu auch unsere Eltern, wenn sie länger zu Besuch sind, was aber nicht mehr so oft vorkommt, da sie auch schon recht alt sind. In den Nachthimmel ist ein Bildschirm eingelassen, sodass man im Liegen noch etwas bequem gucken kann. Mein Bett ist das große mit den ganzen Plüschtieren, schwer zu verfehlen.“
Gianna stellte den Rucksack neben den Koffer und entfaltete einer der dicken Daunendecken, die er schon in Vorbereitung auf den Besuch ihrer Eltern zwischen den Jahren vorbereitet hatte. Sie legte das Plüschkrokodil neben das Kopfkissen und schlüpfte ungeniert aus Jeans und Rollkragenpullover, Schmuck trug sie keinen und den Ehering ließ sie am Finger. Dann ließ sie sich in Unterwäsche und T-Shirt schwer aufs Bett plumpsen und kuschelte sich sofort ein und machte die Augen zu, sie schien echt fertig zu sein. Leise machte er sich fertig und gesellte sich zu den wenigstens vier Dutzend Plüschtieren, davon eine große Rotte Plüschwarane, in sein großes Bett mit der wahnsinnig tollen Matratze und fiel schnell in einen tiefen Schlaf.

*

Joschis Abenteuer – 1-5 – Erfolg

„Iiih!“
Dumpf hörte er eine Mädchenstimme. Er öffnete die Augen und sah nichts bzw. alles völlig verschwommen, wie auch ohne Brille. Er tastete nach der Brille auf dem Sofatischchen und schob sie sich auf die Nase. Zwei Mädchen standen neben dem Sofa, Lucy und Lena. Lucy strahlte ihn an.
„Hattet ihr Sex, Papa?“
Er wurde rot.
„Das fragt man seinen Papa nicht!“
Luise wurde neben ihm wach und wirkte sehr verlegen.
„Was macht ihr denn hier?“
Lucy grinste breit.
„Wir wollten sehen wie es gelaufen ist.“
„Fabelhaft.“
„Ganz toll, echt.“
Kam es von Luise.
„Es ist übrigens zwölf, Zeit fürs Frühstück.“
Joschi und Luise wechselten Blicke.
„Dürfte ich vielleicht deine Dusche benutzen?“
„Klar doch, ich leg dir ein Handtuch raus.“
„Danke sehr.“
Er rappelte sich auf, flitzte in den Schuppen und kramte aus dem Wäscheschrank ein pinkes Duschtuch hervor und legte es auf die Waschmaschine. Er fand dreimal duschen am Vortag erforderte nicht, auch nochmal zu duschen. Stattdessen räumte er den Tisch von gestern ab, wischte ab und deckte für vier. Amber half ihm, Lena sagte nicht viel, sie war wie er recht still – das machte sie ihm sympathisch – aber sie half auch kräftig mit, sie wusste ja wo alles war, so oft wie die beiden Freundinnen hier in der Küche abhangen oder ungesund kochten.
   Schnell war der Tisch fast so opulent wie am Samstag gedeckt, als Lucy ihn überrascht hatte. Luise gesellte sich zu ihnen, sie hatte die Ohrringe und die Halskette abgenommen und sah ohne Makeup erfreulich normal aus, hübsch, aber normal. So gefiel sie ihm insgeheim noch besser. Auch Lucifer hatte sich zu ihnen in die Küche getraut und sprang auf die Bank neben Lucy und schmiegte seinen Kopf an ihren Unterarm. Joschi grinste und legte noch ein paar Scheiben Roastbeef auf den Wurstteller, Lucy verstand das Zeichen und fütterte den Kater, der jetzt etwas munterer wirkte.
„Wo setz ich mich hin?“
Fragte Luise. Die Mädchen saßen schon auf der Eckbank und grinsten.
„Wo du magst.“
Sie setzte sich. Joschi schüttete zwei gehäufte Löffel Zucker in den Milchkaffee und rührte um. Alle sahen ihn an, er fühlte sich unwohl.
„Ähm … ich …“
Er seufzte. Unter dem Tisch griff Luise nach seiner Hand.
„Haut rein.“
Lucy grinste und griff sich ein Croissant. Die Mädchen plapperten ausgelassen und Luise und er fragten abwechselnd, was die Kinder so getrieben hatten. Bis auf das Kuscheln und Bier trinken anscheinend ungefähr dasselbe wie sie. Joschi schmierte sich ein Brötchen und lächelte breit. Solche Frühstücksrunden mit Erwachsenen plus Kinder hatte er gefühlt zuletzt mit seinen Eltern vor zwanzig Jahren gehabt. Es fühlte sich fast wie eine Familie an. Nach dem Frühstück verabschiedete sich Luise von ihm und zerrte ihre leicht bockige Tochter mit, nahm sich aber noch Zeit mit ihm Nummern zu tauschen.
„Ich mag Telegram am liebsten, leider viele Spinner, aber die Sticker sind spitze.“
„Danke sehr, kommt gut nach Hause.“
„Werden wir.“
Sie schien kurz zu zögern, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.
„Danke sehr, das war ein toller Abend und ein schönes Frühstück! Das müssen wir unbedingt wiederholen.“
Sie strahlte ihn an, dann verließ sie mit ihrer Tochter die Wohnung. Er atmete aus.
„Und?“
Fragte Lucy scheinheilig.
„Was und?“
„Lief es gut?“
„Es hatte Anfangsprobleme, aber nachdem das Eis gebrochen war, ging es ziemlich gut.“
Sie grinste breit.
„Gutes Weihnachtsgeschenk?“
Er schmunzelte.
„Japp.“
Sie standen eine Minute im Flur herum. Lucy knuffte ihm in die Seite.
„Hab ich jetzt eine Mama?“
Er ließ die Frage unbeantwortet und lächelte nur.

ENDE

Joschis Abenteuer – 1-4 – Das Mahl

Jetzt war alles raus und er saß mit hängenden Schultern da. Er runzelte die Stirn. Täuschte er sich oder war da ein Schmunzeln in ihren Mundwinkeln. Sie richtete sich auf ihrem Stuhl auf.
„Das ist eine schöne Geschichte, zwar mit einem sehr traurigen Mittelteil, aber dann wieder einem schönen Ende. Weiß Lucy Bescheid?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, nur ich und meine Eltern kennen die Geschichte, Lucy hab ich gesagt, dass ihre Mutter uns verlassen hat. Ich glaube das war ein Fehler, aber ich könnte nicht damit umgehen, wenn mich meine eigene Tochter hasst für das, was ich getan habe, auch wenn sie wahrscheinlich allen Grund dazu hätte.“
Sie runzelte die Stirn.
„Ich glaube, das wird sie nicht.“
Er lehnte sich zurück, dann drehte er die leere Bierflasche in den Händen.
„Noch ein Bier?“
Fragte er.
„Gerne.“
Eine Minute später standen zwei frische gekühlte Budweiser auf dem Tisch.
„Jetzt reden wir hier schon so lang. Darf ich fragen wie du mit Vornamen heißt?“
„Joschi.“
Sie hob die Brauen.
„Ok, Aljoscha.“
„Schöner Name, russisch nicht? Hast du russische Vorfahren?“
Er zog eine Grimasse.
„Nope, daher bevorzuge ich Joschi.“
„Identifizierst du dich denn auch mit diesem knuffigen Dino mit der dicken Nase.“
„Natürlich, ich habe ihn als Stofftier, als LEGO Figur, als Tasse und er ist mein Lieblingscharakter, wenn ich Mario Kart spiele.“
„Süß. Ich heiße Luise.“
„Das ist aber auch ein schöner Name.“
„Danke sehr.“
Sie errötete leicht und trank einen Schluck Bier und schob sich ein paar Chips in den Mund. Dann machte sie ein ernstes Gesicht.
„Ich hatte erst dieses Jahr auch so ein Erlebnis, wo ich dachte es ist aussichtslos.“
Er wurde neugierig.
„Schieß los.“
„Ich hatte Krebs.“
Jetzt war er an der Reihe, die Augen erschrocken aufzureißen.
„Oh verdammt, hast du es überstanden?“
„Ja, aber verdammt knapp. Chemo plus OP, ich hatte Brustkrebs. Die,“
Sie schob mit ihren Armen ihre Brüste nach oben.
„sind nicht echt. Ich hab sie mir sogar etwas größer machen lassen. Egal, es war furchtbar, ich dachte jeden Tag nur daran, dass ich vielleicht sterben und meine Tochter im Stich lassen könnte. Und ich hatte vorher immer schöne, volle, lange Haare. Dann kam Chemo und ich hatte eine nackte Glatze. Dank Cosplay konnte ich mich zum Glück temporär einem ganzen Stapel Perücken bedienen, aber das ist nur ein schwacher Trost. Und jetzt sind sie dünn und leblos. Puh, ich rege mich viel zu sehr über mein Äußeres auf, aber vielleicht bin ich einfach zu eitel. Als die Ärzte mir dann sagten, dass ich es überstanden habe, war ich so unendlich erleichtert. Erst Wochen davor hatte ich Bang und voller Sorge mein Testament aufgesetzt. Und Lena war erst erleichtert, sie mag ihre Großeltern nämlich nicht so sehr und hätte sich nie vorstellen können bei denen zu wohnen falls ich … falls ich es nicht gepackt hätte. Aber ich dachte auch mir, dass Lena schon Recht hat, sie braucht einen Papa. Jemanden der für sie da ist, wenn mir etwas zustößt.“
„Zum Glück hast du es überstanden. Und die Haare sehen schick aus.“
„Danke.“
Sie errötete leicht.
„Lena hat mir von Lucy erzählt, dass du blond als Haarfarbe richtig schlimm findest.“
Er errötete.
„Ja, naja. Kommt ganz drauf an, kurz sind sie annehmbar.“
„Puh, hab ich ein Glück. Was wäre dir denn lieber?“
„Weiß nicht, braun denke ich. Wenn du es flippig haben willst auch ein gedecktes Rosa.“
Luise lehnte sich zurück und sah aus der Balkontür nach draußen, er folgte ihrem Blick, es schneite nicht mehr.
„Denkst du darüber nach ob du danach fragen könntest, ob du eine rauchen darfst?“
„Ertappt.“
„Ist die das in dem Pulli nicht zu kalt?“
„Geht schon, ich brauche ja nicht lang. Hast du einen Aschenbecher?“
„Mhm, steht auf dem Tisch draußen, meine Beste besucht mich gelegentlich und sie raucht auch.“
„Gut zu wissen. Kommst du mit raus?“
„Japp, ich hol mir nur kurz Schlappen.“
Es war frostig kalt draußen, im Flur hatte er sich noch schnell einen Schal umgebunden. Sie zückte ein flaches Etui und entnahm eine gekonnt selbstgedrehte Zigarette heraus. Sie steckte sie sich mit einem Zippo an und nahm einen tiefen Zug.
„Das tut gut.“
„Rauchst du viel?“
„Wahrscheinlich, ich weiß nicht. Ich rauche am Tag maximal das, was in dieses kleine Etui reinpasst und das sind zehn Stück. Oft mache ich es mir gar nicht voll. Und ab und zu ist auch eine Fluppe mit Gras dabei, wenn ich mal eine Auszeit brauche.“
„Guter Vorsatz, aber Rauchen ist trotzdem doof.“
„Stimmt, aber es beruhigt mich ein bisschen und Lena ist furchtbar anstrengend und Nerv tötend.“
„Lucy ist vermutlich nicht besser, da trinke ich dann einfach ein Glas Single Malt Whisky und alles ist vergessen. Oder ich exe ein Glas Vodka.“
Sie lachte.
„Das kann ich mir vorstellen.“
Schweigend guckten sie über die Dächer, dann drückte sie ihre Zigarette aus und sie flüchteten sich verfroren wieder ins wohlige Warm der Küche. Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr, es war schon acht Uhr durch, eigentlich Zeit für was zu futtern. Sie schien den gleichen Gedanken zu haben.
„Ich hab ein bisschen Hunger, aber nur eine Kleinigkeit. Hast du was da?“
„Was würde dir denn zusagen?“
„Ich hatte jetzt eine Woche Vegi hinter mir, in der Schule und zuhause, ich könnte saftiges Fleisch vertragen.“
„Mhm.“
Er überlegte.
„Steaks?“
Ihre Augen fingen an zu leuchten.
„Klingt gut. Was für Beilagen?“
„Mh, Bratkartoffeln und einen kleinen Tomatensalat?“
„Mjam.“
„Geht klar.“
„Moment, kann ich dir helfen? Mach ich sofort, du musst mir nur zeigen, wo was ist.“
„Ach so, magst du den Salat machen?“
„Klar. Die Kartoffeln, hast du schon welche gekocht?“
„Im Kühlschrank sind welche in einem Topf, ich hab mir gestern Kartoffeln und Quark gemacht, als Lucy schon im Bett war. Warte ich zeig dir alles.“
Er gab ihr die drei Minuten Tour durch die Küche, reichte ihr eine Schürze und sie legten los.
„Kann ich drei Fragezeichen anmachen?“
Sie sah ihn erstaunt an.
„Deine Küche, deine Regeln … aber eine von den älteren, die neuen finde ich doof.“
Er tippte auf dem Tablet in der Ecke herum und wählte im Bann des Voodoo, eine seiner Lieblingsfolgen. Sofort dudelte die Altbekannte Melodie aus den Boxen.
„Eine Küche mit einem Soundsystem, wie cool.“
Sie machten sich ans Werk und gegen Neun deckten sie den Tisch, diesmal tranken sie Cola. Das Steak medium-rare war zart und saftig und die Bratkartoffeln schön kross.
„Sehr lecker, du bist ein klasse Koch.“
„Danke sehr, dein Tomatensalat ist aber auch nicht von schlechten Eltern.“
„Ich bin eben die Salat-Mutti. Lena bekommt jeden Tag ein Töpfchen selbstgemachten Salat mit in die Schule.“
„Hilft‘s?“
Sie zog eine Grimasse.
„Die Töpfchen sind leer, wenn sie nach Hause kommt, aber ich glaube das blöde dicke Biest schmeißt den Salat einfach weg und holt sich stattdessen in der Cafeteria ein paar Donuts, die sie da blöderweise verkaufen. Ich koche gesund und verstecke die Süßigkeiten, aber sie bleibt dick, das ist doof. Ich zweifle an meinen Fähigkeiten als Mutter. Wie sind denn Lucys Essgewohnheiten?“
„Mh, wenn mein Töchterchen Hunger hat, verputzt sie alles wie ein Staubsauger. Aber wenn sie keine Lust hat, kann ich ihr das geilste Steak der Welt auftischen und sie verschmäht es trotzig. Sie ist eine echte Naschkatze, aber hat einen guten Stoffwechsel und nimmt eher schwer zu. Außer sie hat eine Eiscreme-Fressattacke, dann höre ich die Tage danach das Geheule aus dem Bad, wenn sie auf der Waage steht. Die Brotbüchse ist einfach gehalten, zwei geviertelte Äpfel, zwei Sandwiches und einen Schokoriegel. In Variation mit Nüssen, Trockenfrüchten und Bananen. Zum Glück sind ihr Lieblingssnack gefriergetrocknete Trockenfrüchte, die sind zwar schweineteuer, aber gesund – von denen haben wir immer ziemlich viel vorrätig.“
„So eine Tochter hätte ich auch gern. Die Brotbüchse finde ich gut, klingt gesund.“
„Geht so, die Sandwiches sind dick mit selbstgemachter Mayo beschmiert.“
Sie lachte.
„Na dann, ist aber auch gut. Soviel Arbeit machst du dir?“
„Natürlich, ich mag kochen … und backen. Da fällt mir ein, dass ich dir auch noch tonnenweise Lebkuchen, Baumkuchen, Herrenschnitten und Plätzchen hätte anbieten können, ist das schlimm?“
„Nein gar nicht, gute Chips sind mir lieber als Plätzchen. Aber meine Lena ist auch ganz eifrig in der Küche, allerdings kocht sie nie was Gesundes, obwohl ich ihr immer wieder zeige wie es geht. Hm, und wie frühstückst du?“
„Variiert stark. Zu aller erst mache ich seit zwanzig Jahren Intervall Fasten, heißt ich Frühstücke gegen eins und mache zu halb neun Abendessen. Frühstück können Spiegeleier mit Brot, Cornflakes, Müsli mit Obstsalat, Sandwiches, Porridge oder einfach eine Handvoll Nüsse und vier Bananen sein.“
„Klingt spannend. Ich bin besessen von Salat, also mache ich morgens immer eine Grundmischung und verfeinere ihn fürs Mittagsessen mit Meeresfrüchten oder gebratenen Geflügelstreifen. Salat geht einfach schnell und den kann ich abends noch als Beilage verwenden. Dann gibt es meist etwas, was nicht so kompliziert ist und schnell geht, zum Beispiel Steaks so wie du eben oder Wraps. Manchmal bin ich auch einfach faul und bestell einfach was oder schiebe eine TK-Pizza in den Ofen.“
„Geht mir ähnlich, als Selbstständiger kommt es öfter mal vor, dass ich mehr als acht Stunden arbeite. Amber macht sich meistens selber was – räumt danach natürlich nie die Küche auf. Und dann bestelle ich eben nochmal was oder geh schnell und hol mir was, um die Ecke ist ein super Bistro, die machen neben Döner auch verblüffend gute Burger und eine Straße weiter ist ein richtig guter Asiate. Leider ist der nächste gute Inder ein gutes Stück weit weg und das ist mir meist zu weit wenn ich was für den schnellen Hunger brauche.“
„ich würde gerne mal wieder Indisch essen. Das war ich dieses Jahr nur zu Lenas Geburtstag, obwohl ich Indisch abgöttisch liebe, aber dann kam Krebs und ich hatte keinen Bock mehr aufs Leben.“
Er dachte nach.
„Ich habe ein zwei indische Rezeptbücher, wir könnten beim nächsten Mal zusammen was indisches kochen.“
„Das würdest du machen? Das finde ich toll. Moment, dann möchtest du, dass wir uns erneut treffen?“
„Klar, ich finde dich toll und nachdem das Eis gebrochen war, waren wir ja auch pausenlos am Reden und Snacken. Du bist mir sehr sympathisch!“
Sie strahlte.
„Das ist cool, danke dir, das ehrt mich. Ich mag dich auch irgendwie. Abgemacht, beim nächsten kochen wir indisch. Aber nur mit Mango Lassi.“
„Natürlich, ohne geht’s nicht.“
Er musterte sie einen Moment und genoss ihr Lächeln. Siehste mal, alle Nervosität ganz umsonst, sie ist doch nett.
„Und jetzt? Ist erst halb Zehn.“
„Puh, so ein angebrochener Abend, Lena erwartet mich heute glaube ich nicht mehr. Vermutlich wäre sie mir sogar böse, wenn ich jetzt komme. Will ich aber auch nicht. Ich hab gehört, du sollst ziemlich gut in Mario Kart sein, können wir das spielen?“
Ein Date mit einer schönen Frau, die mit ihm Videospiele spielen will, das war ihm völlig fremd.
„Klar, wen spielst du?“
„Ich nehme immer Bowser, den mag ich einfach.“
„Dann komm mit, die Spülmaschine bestücke ich nachher, lass ruhig stehen.“
„Na dann, wo muss ich hin?“
Er führte sie ins Wohnzimmer wo sie staunend den großen Tannenbaum bewunderte.
„Der ist ja riesig, ich hab nur so ein doofes Plastikteil, weil mir so ein echter nicht ganz geheuer ist.“
„Ein echter Baum ist lange Familientradition, das und echte Bienenwachskerzen am Baum.“
Sie sah sich um.
„Schön groß alles, mh, warum ist denn die Schlafcouch ausgeklappt?“
„Ich finde es so gemütlicher und ich schlafe öfters auf der Couch.“
„Hast du kein Bett?“
„Doch, doch, aber mein Schlafzimmer ist abgesehen von der Rumpelkammer der kleinste Raum und sehr ungemütlich, praktisch ein Schrank mit Schlafgelegenheit. Außerdem penne ich eh irgendwann ein, wenn ich was gucke. Das mag Lucy gar nicht, wenn wir was gucken. Das habe ich von meiner Mutter, und die von ihrer Mutter.“
„Naja, jeder hat so sein Päckchen zu tragen, ich schnarche zum Beispiel und mein Darm ist so doof, dass ich gerne mal stundenlang auf dem Klo hocke. Deshalb habe ich einen Fernseher im Bad, zum … naja, und wenn ich bade. Das mache ich auch stundenlang, meist bis in Nacht hinein, während ich immer wieder heißes Wasser nachfülle. Und ich bin ein richtiges Kakao-Monster. Ich hab schon deine ganzen Vorräte bewundert. Wie trinkst du ihn am liebsten.“
„Also wenn es schnell gehen soll, dann einfach 4 Teile Milch und 6 Teile heißes Wasser auf Kaba-Pulver und wenn ich es genießen kann, dann den guten Zotter Kakao im Milchtopf.“
„Finde ich gut, badest du gern?“
„Japp, ich habe mir extra eine überlange Badewanne für die Wohnung gekauft, die ist auch tiefer als eine Normbadewanne. Ich habe übrigens auch einen kleinen Fernseher im Bad, bzw. ein Bildschirm, der an einen dicken Mediaserver angeschlossen ist. Darüber kann ich dann hunderte von Filme und Serien genießen. Ich bin auf den Geschmack von Sauna gekommen, aber das ist mir im Schwimmbad immer zu teuer, meine Oma hatte eine eigene Sauna im Keller, das will ich auch irgendwann auf meine alten Tage haben. Nach der Geburt meiner Tochter, habe ich zwei Sparbücher angelegt, eins für Lucy und eins für ein Haus, da ist über die Jahre schon was zusammengekommen, aber reichen tuts noch nicht – leider.“
„Haus will ich auch, mit einem tollen großen Garten, wo ich Gemüse und Kräuter für meine Salate anbauen kann und mit einem großen Rasen und einem Grill und am besten einem kleinen Pool.“
„Ach komm, in Potsdam haben wir so viele Seen, da braucht man keinen Pool. Aber wenn schon, dann einen überdachten und beheizten, dass man auch im Winter schwimmen kann.“
„Au ja, da klingt cool. Als Lehrerin verdiene ich zwar ganz gut, aber nicht so, dass ich mir ein ganzes Haus leisten kann, das ist doof. Und so ein großes Haus zu zweit wäre mir auch nicht ganz geheuer.“
Er unterdrückte ein Grinsen, aber sie bemerkte es und lächelte verlegen.
„ich hoffe, du hast keine schrecklichen Geheimnisse, denn du bist offen gesagt, der erste Mann seit Jahren, den ich doch irgendwie ziemlich gut finde.“
„Das freut mich zu hören. Sollen wir jetzt spielen?“
„Klar … Moment mal, ist das Fell?“
Sie deutete auf die sorgsam zusammengefaltete Plüschdecke.
„Nein, leider nur Kunstpelz.“
„Achso … magst du denn Pelz?“
Er errötete.
„Schon, ich mag es flauschig und kuschlig, aber es ist ganz schön teuer.“
„Das stimmt. Ich würde es vielleicht nicht tragen, denn dafür laufen in Potsdam viel zu viele militante Ökos rum, aber ich finde es ausgesprochen stilvoll. Aber ich könnte es mir beim besten Willen nicht leisten, ich meine ein guter Mantel kostet ja so viel wie ein halbes Auto, das ist Wahnsinn und nur was für reiche Leute, zu denen ich nicht gehöre.“
„Ich schätze es würde dir gut stehen, ich finde du hast einen tollen Modegeschmack.“
Sie wand sich verlegen.
„Danke sehr. Aber du hast ja nur ein Outfit gesehen. Ich habe zwei riesen Kleiderschränke, für die brauche ich eine Leiter. Die sind randvoll mit Klamotten und Kostümen.“
„Hab ich auch, nur brauche ich keine Leiter.“
„Stimmt, brauchst du nicht, aber du siehst ehrlich gesagt nicht so aus, als bräuchtest du zwei Kleiderschränke.“
„Genau, in dem einen sind meine Klamotten, in dem anderen waren mal LEGO Teile.“
„Hat mir Lena schon erzählt, das finde ich stark.“
Sie strich mit der Hand andächtig über den Kunstpelz.
„Darf ich die nehmen.“
„Klar. Aber erst Schuhe ausziehen.“
Während sie sich aus den Stiefeln kämpfte, machte er Fernseher und Switch an und griff sich zwei Controller. Als er sich umdrehte saß sie schon in die Decke eingekuschelt auf dem Sofa und sah ihn erwartungsvoll an. Nachdem er das Licht gedämmt hatte, setzte er sich neben sie und reichte ihr einen Controller.
„Hast du Erfahrung mit Mario Kart?“
„Japp, mein Vater ist auch Zocker aus Leidenschaft und der hatte alle Nintendo-Systeme und wir haben immer zusammen gespielt. Meine Eltern haben mir damals den Gamecube und danach die Wii, die WiiU und dann die Switch geschenkt. Meinen ersten eigenen PC hatte ich erst als Studentin.“
„Cool, ich komm aus der PC Ecke und hatte meine erste Konsole erst mit Ende zwanzig. Davor hab ich nur Maria Kart Abklatschen wie Moorhuhn Kart gespielt, aber das war einfach nicht dasselbe. Und ich hab mich mit ein paar Emulatoren rumgeärgert, nur um dann genervt die Switch zu kaufen. Mh, sollen wir gleich eine Meisterschaft spielen? 150ccm?“
„Genau und wir fahren drei Meisterschaften und der Gewinner darf sich einen Film aussuchen.“
„Abgemacht.“
Er drückte auf Start und sie legten los. Sie war gut und sie kämpften auf jeder Strecke verbissen um die Krone. Er gewann nach drei Meisterschaften mit satten 2 Punkten Vorsprung.
„Du bist gut!“
Lobte er sie.
„Du aber auch, ich hatte noch nie so eine knappe Niederlage gegen einen anderen Spieler außer meinem Dad. So macht das Spaß, Lena spielt zwar total gerne Spiele, aber sie ist in allem einfach so unfassbar grottig schlecht und dann auch noch so super schnell eingeschnappt wenn sie verliert. Ich lasse sie daher lieber gewinnen, auch wenn ich rückwärtsfahren muss. Ihr Opa macht das nicht, deshalb mag sie ihn auch nicht so wirklich, er lässt sie nie gewinnen – Papa war ja auch jahrelang aktiv im eSport für Counter Strike und World of Tanks unterwegs und damit ziemlich erfolgreich, er streamt und Let’s-played sogar seit Jahrzehnten, womit er sich mittlerweile die bescheidene Rente aufpeppt. Ach ich weiß nicht, jedenfalls gibt sie auch generell viel zu schnell auf.“
„Letzteres klingt eher nach mir.“
Sie lachte auf.
„Finde ich nicht, immerhin hast du eine Tochter großgezogen und dir ein ordentliches Leben aufgebaut.“
„Das stimmt, aber ich war auch mal anders.“
„Warst.“
„Richtig.“
„Und was anderes ist doch gar nicht wichtig.“
„Danke.“
„Bitte.“
Sie musterte ihn einen Moment.
„Welchen Film gucken wir?“
Sie mochte Games und Anime …
„Sonic?“
Ihre Augen leuchteten.
„Super, mit Snacks?“
„Sicher, Popcorn?“
„Das wäre riesig. Geht das überhaupt auf der Plüschdecke mit all der fettigen Butter?“
„Die kann ich zur Not waschen.“
„Dann ist ja gut. Ich bin aber vorsichtig!“
Eine halbe Stunde später lief der Vorspann und eine Riesenschüssel zuckriges Popcorn thronte zwischen ihnen, Sie hatten einen Plüsch Bowser auf ihrer Seite und er seinen Yoshi. Er griff nach dem Popcorn und sie auch und ihre Hände trafen sich unbewusst. Schnell zog er sie zurück und warf ihr einen Blick zu. Sie lächelte und schob sich eine Handvoll Popcorn in den Mund. Dann griff sie nach seiner Hand und drückte sie. Sie drehte sich zu ihm hin. Jetzt oder nie, er beugte sich vor und küsste sie auf den Mund. Sie sah ihn etwas überrascht an, dann erwiderte sie den Kuss. Er ließ sich in die weichen Polster sinken und sie rutschte näher zu ihm. Mit ihrem Kopf an seine Schulter gelehnt guckten sie einen tollen Film über Freundschaft und Familie. Danach saßen sie einfach nebeneinander und schwiegen. Er schaltete den Fernseher aus, legte die Fernbedienung weg und sah sie an. Sie lächelte glücklich und schmiegte sich an ihn. Arm in Arm schliefen sie ein.

Joschis Abenteuer – 1-3 – Beichte

Sonntag, der große Tag. Er hatte ein Date, dass er sich nicht ausgesucht hatte. Er mochte Dates nicht, die waren immer komisch, zumal er ja gar nicht nach einer Partnerin suchte. Ok, schon ein bisschen, aber die meisten Frauen in seiner Altersklasse wollten keinen kindischen Nerd als Freund und Partner haben Single-Papas schon gar nicht. Tja und er weigerte sich seit dreißig Jahren standhaft endlich erwachsen zu werden. Aber mit Lucy hatte es dennoch irgendwie geklappt, er hatte bis heute nicht so richtig verstanden wie ihm das gelungen war. Und jetzt hatte er eine dickköpfige Tochter, die ihrem alten Papa Dates auftrieb. Er seufzte.
„Ich bin dann mal weg, bitte sei brav!“
Er fühlte sich als wäre er zwölf, so von seiner fünfzehnjährigen Tochter angesprochen zu werden. Sie stand im Flur mit ihrem pinken (seine Mutter ihm und er seiner Tochter durchgeerbten) Wanderrucksack auf dem Rücken und winkte ihm zu. Dann nahm sie ihren Schlüssel vom Haken und verließ die Wohnung.
   Und jetzt? Er hatte den jetzigen und gestrigen Tag genutzt um die Wohnung penibel aufzuräumen, Bäder zu putzen, zu staubsaugen, Staub zu jagen und alle Böden nass zu wischen. Die Stofftiere hatte er vorsichtshalber alle in Lucys Zimmer verfrachtet, was seine Tochter gar nicht gut befunden hatte. Sie meinte nur, mit Anfang Ende Vierzig, sollte er zu seinen Hobbies stehen. Also hatte er alles wieder zurückgeräumt, womöglich war Frau Hofgärtner furchtbar und tonnenweise Stofftiere überall wären der effektivste Schritt jemanden loszuwerden, hoffte er. Dann war er im Keller und hatte vorsichthalber eine Packung Kondome aus der für Lucy bestimmte „Ich will nicht mit 50 Opa werden“-Schublade geglaubt und unauffällig in der Wohnung versteckt. Er hatte zwar gerade absolut keinen Bock auf Sex, aber man wusste nie was passieren konnte. Bei der Gelegenheit hatte er ein paar Flaschen Wein, die ihm seine Eltern empfohlen hatten, mit hochgeholt und im Kühlschrank Platz geschaffen um den weißen Wein kaltzustellen.
   Er war geduscht, zur Sicherheit gleich dreimal ausgiebig. Zweimal Zähne geputzt, zur Sicherheit mit Zahnseide und Elmex Gelee (technisch betrachtet war Sonntag, nur eben nicht Abend). Finger- und Zehennägel geschnitten, Brille gründlich geputzt, Deo aufgelegt, in irgendwelchen Ecken des Badezimmerschranks noch nach passenden Herrendüften gesucht, diesen aufgetragen und leger angezogen. Ein frisches schwarzes T-Shirt mit dem Logo seines Blogs auf der Brust, eine fast frische Jeans (eine Maschine mit drei von seinen Jeans lief gerade noch, das hatte er gestern vergessen) und schwarze lochfreie Socken. Jetzt war er fertig und es war gerade erst drei, also noch drei lange Stunden zum Date. Er war natürlich wie immer zu früh fertig. Das war wie eine dieser blöden Situationen wenn mittags sein ICE fuhr und er schon um halb zehn nichts mehr mit sich anzufangen wusste.
   Er war schrecklich nervös, mit solchen Situationen konnte er nicht umgehen, mit Lucys Mutter war das immer so unkompliziert gewesen. Er war gespannt wie die Dame so drauf war, besser er bangte. Das war wie Zahnarzt, man wusste bei einer Kontrolle nie, ob was Schlimmes war und wenn ja saß man tief in der Scheiße – oh er hasste Zahnarzt und drückte sich regelmäßig vor den halbjährlichen Kontrollterminen, während er sein Tochter jeden Abend zum Zähneputzen verdonnerte und danach auch noch kontrollierte. Sehr zum Verdruss seiner Tochter, aber er wusste es aus eigener Erfahrung besser. Gott sei Dank hatte sie keine Zahnfehlstellung(en) gehabt, anders als bei ihm, und Karies war nie ein großes Thema gewesen – überlegte er leise fluchend.
   Was nun? Ratlos überprüfte er den Sauberkeitsgrad der Wohnung, kontrollierte ob er die Kaffeemaschine gereinigt und mit frischen Kaffeebohnen bestückt hatte, checkte die Temperatur des Weißweins, guckte was er mit den Zutaten in der Küche spontan kochen konnte, schob den Katalogstapel auf dem Klo um ein paar Zentimeter gerade, räumte die Spülmaschine aus und hing die Wäsche in Lucys Zimmer auf (eigentlich machte er das im Wohnzimmer, aber seine Tochter war gerade nicht da und ihr Zimmer war größer als die Besenkammer, die man sein Schlafzimmer zu nennen pflegte). Dann sortierte er sinnlos irgendwelche Sachen, dekorierte die große Obstschale um und aß nervös zwei Bananen, spielte mit Stofftieren, untersuchte den LEGO Mindstorms Fütterungsautomaten in der Küche, wechselte das Wasser für Lucifer, drapierte Sofakissen, bezog ein paar der Kissen mit weniger nerdigen Bezügen und dachte über tausend Dinge nach, die er lieber machen würde, als den Abend mit einer womöglich sehr attraktiven Frau zu verbringen, die – schlimmer noch – womöglich auch noch etwas von ihm wollte.
   Er dachte nach. Samstag hatte er in seiner Werkstatt im Keller eine kleine Geschenkschatulle zusammengebastelt und ein paar geschmacklich nicht zu verstörende Edel Leckereien aus seinem Süßkramschrank geholt.
   Und jetzt? Er sah sich in der Wohnung um, dann tappte er ins Klo, kramte den Manufactum Katalog ganz unten hervor und zerstörte den eben penibel gerade gerückten Stapel und setzte sich damit in die Küche. Es war halb sechs. Schnell noch einen Kaffee. Er machte sich einen doppelten Espresso und leerte ihn auf ex. Etwas motivierter tappte er in die Rumpelkammer, rückte eine große Leinwand zur Seite (das vorletzte Weihnachtsgeschenk seines Bruders und er hatte einfach keine freien Wände mehr übrig, immerhin war das brüderliche Verhältnis nicht mehr so frostig wie früher. Er schenkte seinem Bruder meistens Whisky und Trockenfrüchte – bei der Brut schien er dankbar darüber zu sein) und öffnete den mittelgroßen, zwar nicht geheimen, aber semi-versteckten Kühlschrank und untersuchte das Arsenal an Energydrinks und Bier. Nach reichlicher Überlegung, merkte er sich die große Dose Red Bull Heidelbeere für später und schloss die Tür wieder. In der Küche blätterte er lustlos in dem Katalog, praktisch im Sekundentakt schoss sein Blick zur Küchenuhr. Um zehn vor sechs sprang er auf und lief rastlos in der Wohnung umher. Drei Minuten vor sechs … zwei … eine. Er stand vor der Wohnungstür und spähte mit einem Auge durch den Spion und mit dem anderen schielte er auf den Sekundenzeiger seiner teuren Sinn Taucheruhr.
   Sechs. Sie war nicht da. Zufall? Er verharrte reglos an der Tür und zählte die Sekunden. Bei fünf Minuten nach sechs ging er in die Küche, öffnete erst den einen Kühlschrank, dann den anderen. Er warf einen Blick auf den aufgeschlagenen Katalog und tappte ins Wohnzimmer. Draußen schneite es wie verrückt, die Straße und Gehwege waren halbherzig geräumt. Vielleicht war sie im Schnee stecken geblieben? Ob sie einen Autounfall hatte? Es war sieben nach sechs – möglich wärs. Er ging sein Smartphone suchen und checkte einen Livefeed für den Potsdamer Verkehr, nichts Ungewöhnliches. Nachdenklich legte er das Telefon weg und ging in der großen Wohnung umher. Er rückte ein paar Bilder gerade, musterte ein paar davon, tat so als hätte er sie noch nie zuvor gesehen und fing an schief zu summen. Sollte er Musik anmachen? Aber dann überhörte er womöglich die Türglocke und das wollte wohl keiner (doch!). Film gucken, vielleicht hatte sie sich ja verfahren. Ob sie überhaupt Auto fuhr? Wo wohnte sie überhaupt? Er sortierte die Stofftiere erst nach Farbe – was bei einem Haufen Krokodilen, Drachen und Waranen unerwartet schnell ging – dann nach Größe.
   Ein lautes Ringen schreckte ihn aus seinen Gedanken und er erstarrte vor Schreck, als hätte ihn jemand mit runtergelassenen Hosen auf dem Klo erwischt. Das war die Tür – oder war das die Tür? Auf Zehenspitzen eilte er zur Tür, hielt die Luft an und spähte durch den Spion. Eine Frau in einem modischen Wollmantel stand vor der Tür, sie war voller Schnee, den sie sich zaghaft abklopfte. Er atmete tief ein und aus – er hätte meditieren sollen – was nun? Er konnte sie schlecht im Regen … ähm … Schnee stehenlassen. Er wartete eine knappe halbe Minute um den Mut aufzubauen diese Tür zu öffnen. Dann griff er schrecklich nervös nach der Klinke und öffnete die Tür.
„Ähm … hallo, Äh … kommen Sie doch herein.“
Nuschelte er, warum versaute er das Opening immer? Zu seiner Erleichterung wirkte sie auch recht nervös und verlegen. Sie klopfte sich die eleganten Winterstiefel auf der „You shall not pass“ Fußmatte ab und trat ein. Sollte er ihr aus dem Mantel helfen – wie machte man sowas? Während er nachdachte was zu tun sei, trat sie an die Garderobe und streifte die schicke Wollmütze und den tollen Mantel ab, befreite sich von einem hinreißend roten Schal und hängte die Sachen auf. Sie trug einen Pullover aus ganz feiner roter Wolle und dazu dunkle Jeans und eine Halskette. Ihre blonden Haare waren kurz und ganz fein, ihre Augen waren intensiv grün. Von ihren Ohren baumelten opulente Ohrringe und sie war gekonnt geschminkt. In der Hand hielt sie einen Karton, der einer Weinkiste ähnelte. Sie sah ihn aufmerksam, wenngleich etwas unsicher an.
„Wohin?“
Ihre Stimme war angenehm voll, wenngleich ein bisschen kratzig – vielleicht war sie Raucherin.
„Küche oder Wohnzimmer?“
„Was ist besser?“
„Küche ist näher an den Snacks.“
Sie schmunzelte.
„Küche klingt gut. Das ist übrigens für dich.“
Sie reichte ihm die Weinkiste und er stellte sie in der Küche neben die Spüle auf die Arbeitsfläche. Ein frühes Weihnachtsgeschenk? Dachte er nachdenklich.
   Sie setzte sich auf die Eckbank, Lucys und Lucifers Lieblingsplatz. Unschlüssig stand er in der Gegend hin.
„Möchten S …“
Er brach ab, da Ihm auffiel, dass sie ihn eben geduzt hatte. Sie sah ihn fragend an.
„Möchtest du etwas trinken?“
Sie nickte.
„Darf ich einen Cappuccino haben, ich sehe da deine Wahnsinnsmaschine … bitte natürlich.“
Er nickte. Jetzt wo er in der Küche stand, fiel im siedend heiß ein, dass er keine Snacks vorbereitet hatte – Depp! Er machte ihr einen Cappuccino und für sich einen normalen Milchkaffee. Sie nahm ihn dankend entgegen und nahm einen Schluck, derweil nahm er auf dem Platz ihr gegenüber Platz. Sie sah ziemlich gut aus, aber er wusste nur zu genau, dass Makeup sehr viel ausmachte. Eigentlich sah sie so zu gut für ihn aus, fand er.
   Jetzt saßen sie sich gegenüber und tranken schweigend Kaffee, während die Stimmung Minute für Minute immer unangenehmer wurde. Nach zehn schweigsamen Minuten brach er das Eis mit einer blöden Frage.
„Was machst du so beruflich?“
Sie sah ihn aufmerksam an, schien aber erleichtert darüber, dass er was gesagt hatte.
„Ich bin Lehrerin für Schauspielerei und Physik an dem Gymnasium, auf das auch deine Tochter geht.“
Das wusste er sowieso, also warum fragte er so einen Quark?  
„Und du?“
Er trank einen Schluck Kaffee.
„Ich bin Hauptberuflich eigenständiger Buchhalter und nebenberuflich Autor und Blogger.“
Sie sah so aus, als ob sie das auch schon längst wusste … sie schwiegen sich wieder an. Der Kaffee war alle, die unangenehme Stille kam zurück.
„Hast du Hobbies?“
Fragte er, einen zaghaften Versuch wagend, Konversation zu betreiben. Es schien zu helfen.
„Mh, viele. Und viele die ich an der Schule nicht groß herausposaune. Mh, ich mache seit Teenager-Jahren Cosplay, Ich spiele Videospiele und gucke Filme und Anime, ich lese am liebsten Manga und Thriller. Kurzum ich bin sehr nerdig, spiele aber die stilvolle ernste Lehrerin im Berufsalltag.“
„Ich wollte immer schon mal Cosplay machen, aber es hat entweder am Geld oder am passenden Körper gemangelt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Du siehst doch ganz gut aus, wie kommt‘s?“
„Ich wollte immer schon den Captain Amerika machen, weil das meine Lieblings Marvel Figur ist, aber mit der Figur eines Kartoffelsacks hab ich mich das nie getraut.“
Sie schmunzelte.
„Ach so ist das, aber du siehst doch recht schlank und muskulös aus, mach‘s doch jetzt.“
„ich weiß nicht, ich bin fast fünfzig …“
Druckste er herum.
„Zählt nicht, in den Filmen ist Cap theoretisch neunzig … ich könnte dazu ein Black Widow Cosplay machen, würdest du dich dann trauen?“
Er sah sie überrascht an.
„Ernstgemeintes Angebot.“
Betonte sie.
„Echt?“
„Echt!“
„Hm, das überlege ich mir mal.“
Mit einer Mittvierzigerin Cosplay machen, Lucy würde ihm den Kopf abreißen.
„Meine Tochter wird aber nicht begeistert sein, wenn man sie noch mehr mit ihrem komischen Vater in Verbindung gebracht wird, wenn ich jetzt auch noch Cosplay mache …“
„Ich denke Lucy ist tough.“
Er hatte seine Tochter eher als Heulsuse und emotionalen Waschlappen in Erinnerung, gerade wenn sie ihren Willen nicht durchgesetzt bekam, fing sie schnell an zu flennen.
„Einspruch.“
„Fair, du bist der Papa. Übrigens finde ich Nerds sexy.“
Sie zwinkerte ihm aufmunternd zu.
„Das hat mir noch keine Frau gesagt.“
„Ich habs auch zu spät gemerkt.“
Ihre Miene verfinsterte sich und er wurde neugierig.
„Wie das?“
„Ach, naja. Zuerst einmal ich lese deinen Blog seit ein paar Jahren und habe alle deine Beiträge zur Manosphere und den Problemen mit der Damenwelt gelesen, zahlreiche Videos zu dem Thema gesehen und auch ein paar empfohlene Bücher gelesen. Und ich bin eben genau in meinen Zwanzigern so ein dummes oberflächliches Huhn gewesen, vor dem dort immer wieder gewarnt wird. Immer auf der Jagd nach einem echten Bad Boy und blind für die sympathischen Nerds dieser Welt. Wie soll man sagen, aus Fehlern wird man klug. Ich landete einen Treffer bei einem bösen Jungen und wurde bei einem One Night Stand unerwartet schwanger und prompt sitzengelassen. Da hatte ich dann die Schnauze voll von Männern, hab sie die ersten Jahre alle verteufelt und zu Unrecht in einen Topf geworfen und hatte alle Hände voll zu tun Job und Kind in den Griff zu bekommen. Das ist mir eher schlecht als recht gelungen und ich war froh über tolle Unterstützung meiner Eltern, die Gott sei Dank nah dran in Berlin wohnen. Und so bin ich Single geblieben, obwohl ich ganz genau weiß dass Kinder idealerweise beide Elternteile brauchen um sich optimal zu entfalten. Ich kenne auch zum Beispiel die Statistiken nach denen Kriminelle überproportional aus Haushalten ohne starke Vaterfigur kommen. Und meine Tochter Lena hängt mir schon seit Jahren in den Ohren, dass ich mir einen gescheiten Kerl suchen sollte, der Papa spielen kann. Und jetzt sitz ich hier.“
Er schmunzelte.
„Das kommt mir bekannt vor, gestern hat mir meine Tochter gebeichtet, dass ich ihr doch ganz dringend eine Mama finden soll und jetzt sitz ich hier.“
„Ich weiß, Lenas beste Freundin ist Lucy.“
„Echt?“
Er war sichtlich erstaunt.
„Lucy hat noch nie etwas von einer Lena erzählt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Komisch, mir hat Lena alles über ihre beste Freundin und deren coolen Papa erzählt, sie ist eigentlich auch öfters bei Lucy – also dir.“
Er ging gedanklich die Namen von Lucys Freundinnen durch und wer in letzter Zeit öfter bei ihr war, wobei er tagsüber oft bis weit in den Abend hinein bei geschlossener Tür in seinem Büro hockte, so viel bekam er da eh nicht mit.
„Mh … Anna ist öfters mal hier und sie ist blond, also könnte es theoretisch passen.“
„Ja genau, meine Tochter heißt Anna-Lena, aber ich nenn sie nur Lena.“
„Das klingt schrecklich normal.“
„Ich weiß, ist mir auch peinlich, dass ich mir keinen coolen Namen ausgesucht habe, so wie Amber Lucy.“
Er schnaubte, die Namen seiner Tochter waren beide doof, aber dann grinste er.
„Ich wollte sie eigentlich Akira nennen.“
Sie schmunzelte.
„Akira?“
„Japp, ich finde den Namen cool.“
„Weil es der Name von Kaz Nichte ist – deinem Alter Ego aus deinen Büchern? Ich glaub für das arme Ding ist schon schlimm genug Amber zu heißen.“
„Das war der Wunsch ihrer Mutter, sie mochte schon immer meine obskuren Bücher. Ich hab mir Lucy für sie ausgesucht.“
„Ein schweres Erbe finde ich.“
Sie sah sich um, er sah ihren Blick.
„Snacks?“
„Mh, ja. Hast du vielleicht ein Bier – gerne dunkel?“
„Zufällig ja.“
Aus der Rumpelkammer holte er ein rundes Kilo Snacks und zwei kalte Flaschen Budweiser dunkel. In der Küche holte er ein paar Schälchen hervor.
„Soll ich dir helfen?“
Fragte sie etwas unsicher.
„Nene, ist gleich fertig.“
Ein paar Minuten später stellte er das Snack-Arsenal auf den Tisch und reichte ihr ein kaltes Budweiser.
„Danke sehr. Das sieht aber gut aus. Extra für mich gekauft?“
Er wollte fast schon ja sagen, dann biss er sich auf die Lippen und rückte mit der Wahrheit heraus.
„Ne, an Wochenenden und in den Ferien mache ich mit meiner Tochter Film- und Serienmarathons oder spiele nächtelang CoOp Games mit ihr, da snacken wir immer ziemlich viel. Und da jetzt zwei Wochen Ferien sind, habe ich extra großzügig eingekauft.“
„Wird man von solchen Mengen nicht fett?“
„Naja, die Sachen sind da, aber wenn man sie dort lagert, wo man sie nicht sieht und nicht so leicht rankommt, geht es eigentlich. Muss ja auch eine Weile halten. Da hilft nur eiserne Selbstdisziplin und ganz viel Bewegung. Ich gehe zweimal die Woche ins Fitnessstudio und ein- bis zweimal die Woche zwei Kilometer schwimmen, dazu noch alle zwei Wochen im Wald mit einem guten Freund Bogenschießen, das geht dann schon irgendwie mit dem Dauergenasche. Aber es hat gefühlt Jahrzehnte gedauert bis ich mich dazu überreden konnte, regelmäßig Sport zu machen.“
Sie nickte.
„Das klingt beeindruckend. Ich komme durch Arbeit und Tochter viel zu selten zum Sport und wenn dann eher Calisthenics oder Joggen. Glücklicherweise bin ich mit einem tollen Körper gesegnet, mit dem ich einfach nicht fett werde. Allerdings ist meine Schwäche Eis, das mache ich mittlerweile auch selbst und so eine Packung überlebt den Abend dann oft nicht. Meine Tochter kommt zwar optisch nach mir, aber sie hat es geschafft ein kleines Pummelchen zu werden, obwohl ich eigentlich aufpasse nicht zu deftig zu kochen und auch nicht so viel Süßkram kaufe. Das nagt sehr an mir und sie will auch um verrecken nicht einsehen, dass sie sich mehr bewegen muss.“
„Das ist natürlich sehr ärgerlich. Lucy war auch mal etwas dicker, aber dann hab ich alle Süßigkeiten weggeschlossen und wochenlang nur noch gesund und vegetarisch gekocht, zack war sie wieder normalgewichtig. Seitdem ist sie etwas achtsamer geworden und nach viel Überredung konnte ich sie beim Schwimmen anmelden. Mittlerweile ist sie sogar in der Schulmannschaft der Schwimmer und nimmt an Wettbewerben teil, auch wenn es ihr peinlich ist, wenn ich sie anfeuere. Das macht mich sehr stolz, weil ich sowas als Kind nicht gemacht habe. Gut ich hab einmal bei einem LEGO Wettbewerb teilgenommen, aber da war ich vielleicht elf oder so. Danach nie wieder. Erst mit Ende zwanzig habe ich mich getraut, bei Schreibwettbewerben mitzumachen, mit wechselnden Erfolg, aber darüber habe ich später einen Buchvertrag ans Land gezogen, der mir meine frühen Dreißiger nicht ganz so miserabel gemacht haben.“
Sie sah ihn aufmerksam an und legte den Kopf etwas schief.
„Was ist eigentlich mit Lucys Mutter?“
Er schluckte und betrachte resigniert die Bierflasche in seinen Händen, dann sah er ihr fest in die Augen und räusperte sich.
„Sie ist tot.“
Ihre Augen wurden riesig groß und sie schlug sich eine Hand vor den Mund.
„Oh, Gott, das ist ja furchtbar!“
Er nickte unmerklich und nahm einen tiefen Schluck.
„Wie lange ist das her?“
Fragte sie zaghaft.
„Sie ist zwei Tage nach Lucys Geburt gestorben, in meinen Armen. Das ist jetzt bald sechzehn Jahre her.“
„Oh nein, wie furchtbar, wart ihr lange in einer Beziehung?“
Er zögerte, die Geschichte die ihm auf der Zunge lag, hatte er nicht einmal seiner Tochter erzählt. Sie würde ihn bestimmt hassen, wenn er das erzählte – seine Tochter auch. Er atmete tief ein und schluckte.
„Wir waren nicht in einer Beziehung, wir waren einfach nur Freunde. Sie hieß Meggie und ich kannte sie etwa ein Jahr. Wir haben uns bei einem Selbsthilfegruppe-Treffen kennengelernt, zu denen ich damals sehr sporadisch gegangen bin. Ich fand sie sympathisch und weil ich nicht wusste, ob sie öfter dabei sein würde, hab ich eine Stunde lang Mut angesammelt und sie dann sehr schüchtern und stammelnd gefragt, ob ich sie auf einen Kaffee einladen könnte. Sie hat mich nur verdutzt angeguckt und ich dachte „Toll, hast dich mal wieder bei einem hübschen Mädel zum Affen gemacht.“ Aber dann hat sie warmherzig gelächelt und eingewilligt und sie ist den ganzen langen weiten Weg zu mir in die WG gekommen und wir haben Kaffee getrunken, Chips gemampft und uns die halbe Nacht über Filme und Spiele unterhalten. Wir haben Nummern getauscht und uns dann regelmäßig getroffen und was zusammen gemacht. Wir … ähm … sie war meine erste im Bett, aber wir haben daraus nichts Ernstes gemacht, wollten wir beide nicht. Naja ich schon, aber ich hab mir das einfach nicht zugetraut und nie den Vorstoß gewagt. Dann hat sie mich ein gutes Jahr später zum Geburtstag überrascht und wir haben nach Torte, Steaks, Eis und zu viel Alkohol miteinander geschlafen.“
Er brach ab und seufzte schwer, die Erinnerung lastete schwer auf ihm.
„Zwei Wochen später hat sie mir gebeichtet, dass sie schwanger ist und dann trotzig gesagt, dass sie das Kind behalten wird und mit mir großziehen möchte.“
Er schniefte und wischte sich eine einzelne Träne weg.
„Ich war überrumpelt und panisch und stand unter Schock. Damals war mein Leben nicht so einfach, hab mit mir selbst und die ganze Zeit meinem Schweinehund gekämpft und ich hatte dauernd kein Geld und dann will sie einfach ohne Vorwarnung eine Familie gründen. Ich war ein richtig übler Arsch und hab sie zurückgewiesen, ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen und versucht sie aus meinem Leben zu verbannen. Ich bin vor der Verantwortung, mein Leben in den Griff zu bekommen davongelaufen und dachte ich könnte das überstehen, indem ich den Kopf in den Sand stecke und so tue, als bekomme ich nichts mit. Meggie hat immer wieder versucht mich zu kontaktieren, zweimal hat sie sogar einen Brief geschrieben. Ihre Freunde haben auf mich eingeredet, aber ich blieb stur, leichtsinnig und uneinsichtig. Wie so oft hab ich meinen Eltern verschwiegen, dass ich Mist gebaut habe, aber ich hab mich nicht getraut, das war dumm von mir, nach 47 Jahren weiß ich, dass sie hundertprozentig hinter mir stehen, egal in was für Schwierigkeiten ich stecke. Nein ich hab es unter den Teppich gekehrt und so getan als wäre nichts passiert. Ich wollte nie Kinder, sie haben mich lange Zeit regelrecht angewidert, muss ich einräumen. Die Monate verstrichen und ich hab versucht mein beschissenes Leben zu führen und mich auf meinen Abschluss konzentriert und danach darauf gut die Probezeit im neuen Job zu überstehen. Daneben hab ich irgendwie weiter gelebt, aber die Schuldgefühle haben mich von innen heraus aufgefressen. Ich hatte Alpträume und Angst-Attacken. Konnte nicht mehr richtig schlafen und hab nur daran gedacht, dass ich den beschissen größten Fehler meines Lebens begehe. Dann kurz vor Weihnachten, ich hatte gerade meinen Rucksack gepackt um wie jedes Jahr meine Eltern zu besuchen, kam der Anruf. Unbekannte Nummer, aber ich hab zum Glück abgehoben. Es war ihre Stimme, aber sie klang so entsetzlich schwach, sie hat geweint und mich angefleht jetzt bei ihr zu sein. Bei dem Tonfall in ihrer Stimme sind meine Schutzmauern, die ich mir in den letzten neun Monaten gegen sie aufgebaut habe, einfach weggebrochen und ich bin sofort ins Krankenhaus und hab mich angespannt zu ihr durchgefragt. Es war ein Schock sie zu sehen. Ich kannte sie nur energetisch und voller Leben. Sie war kugelrund, schwanger mit einem Mädchen. Kurz darauf setzten die Wehen ein. Die Geburt war furchtbar und hat sich ewig hingezogen. Dann war alles vorbei, Weihnachtsabend um sechzehn Uhr, also pünktlich zur Bescherung kam Amber Lucy zur Welt. Meggie war zu schwach um den Säugling zu halten, sie war völlig ausgelaugt. Zwei Tage später ist sie an Entkräftigung gestorben. Sie hatte immer schon so eine Erbkrankheit und das plus die anstrengende Geburt hat sie nicht gepackt. Und ich war plötzlich Papa und in dem Moment ganz allein. Es war für mich als wären ich und Lucy die einzigen Menschen auf dieser Welt.“
Er beendete seine Geschichte und leerte die Bierflasche in einem Zug. Er sah ihr nicht in die Augen sondern studierte krampfhaft das Etikett der Flasche, aber die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen als ihm Tränen über die Wangen strömten. Nach einer guten Minute Schweigen sah er auf. Sie weinte ebenfalls. Unbeholfen stand er auf und ging zur Spüle, griff nach der Rolle mit Küchenpapier und reichte sie ihr. Dankbar nahm tupfte sie sich die Augen. Er schnäuzte Rotz und Tränen in ein Papier und knüllte es zusammen. Sie saßen ein paar stumme Minuten einfach so da.
„Ähm“
Sie zögerte.
„Wie ist es danach weitergegangen?“
Er war ein bisschen erleichtert, dass sie nicht aufgesprungen und einfach gegangen war.
„Ich war so allein, einsam und allein im Krankenhaus. Ich war auf die Situation nicht vorbereitet, ich hab mich gefühlt wie ein Fahranfänger, den man in eine Formel-1 Kiste gesetzt hat und erwartete er solle jetzt das Rennen gewinnen. Lucy war ziemlich schwach und die Ärzte waren davon überzeugt, dass sie es nicht schaffen würde. Da lag sie rosa und so entsetzlich zerbrechlich in einem Bettchen. Ich hatte so Angst um sie, denn sie war das einzige, das mir von Meggie blieb. Ich wusste, dass ich meinen Eltern irgendwann Bescheid geben musste, die waren ohnehin schon ganz außer Sorge, weil ich nicht wie abgemacht gekommen bin. Mein Vater hat mich jeden Tag angerufen was denn los sei und ich hab ihn jedes Mal mit einer noch krampfhafteren Ausrede abgewimmelt und so getan als wäre alles ganz wunderbar. Dabei hätte ich am liebsten geheult und alles sofort gebeichtet, aber ich … ich weiß nicht … es war dumm ihnen nicht zu vertrauen. Das hätte ich nicht tun dürfen. Lucy hat zum Glück den Willen von ihrer Mutter, von mir hat sie den nicht, und hat sich durchgekämpft. Dann hab ich den ganzen Tag Mut aufgebaut und meinen Vater angerufen. Ich hab gesagt, dass etwas passiert ist und ich dringend seine Hilfe und die meiner Mutter brauche. Ich wusste, dass in seinem Kopf die Alarmsirenen geheult haben musste und er fragte mich erstaunlich ruhig, was denn passiert sei. Ich konnte nichts sagen, ich hab einfach nur dagestanden und angefangen zu flennen. Nach einer Minute hab ich dann gestammelt, dass ich jetzt Papa bin und nicht weiß was ich machen soll. Mein Vater war unerwartet gelassen und hat gesagt, dass alles gut sei und er sich gleich ins Auto setzen würde und zu mir kommt. Ich war perplex, ich hatte erwartet, dass er mich anbrüllt, aber er blieb ganz ruhig, wie ein normaler rationaler Mensch, der mit einem unerwarteten, aber lösbaren Problem konfrontiert hat. Am Abend desselben Tages war mein Vater mit einem Babytragekorb, weiß nicht wie man die nennt, unter dem Arm, einer Reisetasche über dem Rücken und dem verblüffend strahlenden Lächeln, von jemanden der gerade Opa geworden ist. Wir haben gepackt, uns bei einem Imbiss gestärkt und haben die kalte Klinik verlassen. In der WG hat mir Papa die Basics im Umgang mit Babys gezeigt und hat sich ein Hotel in der Nähe gesucht. Meggie wurde eine Woche später auf dem städtischen Friedhof begraben und nach der Trauerfeier bin ich mit Papa und Lucy zu ihnen nach Hause gefahren, sie wohnen ein paar hundert Kilometer von Potsdam entfernt. Fakt war, dass ich ein Kind nicht in einem winzigen WG Zimmer einer Zweck-WG aufziehen konnte. Also bin ich temporär bei meinen Eltern gezogen, die ein … ein großes Haus ganz für sich allein hatten, nachdem die Brut ausgezogen war – ich, meine Sis und mein kleiner Bruder. Meine Mutter war vorwurfsvoll und meine Eltern haben übel geschimpft, weil ich mal wieder eine große Sache verschwiegen hatte, aber als ich am Ende heulend vor ihnen saß, haben sie geschwiegen und mich tröstend in den Arm genommen. Papa fand den Namen Lucy ganz lustig, aber meine Eltern waren einstimmig der Meinung, dass der Name Amber eine blöde Entscheidung gewesen war. Ich hab bei meinem alten Job gekündigt und mir bei meinen Eltern in der Nähe einen neuen Job gesucht. Derweil ging in der Verwandtschaft die frohe Botschaft um und alle wollten die Kleine sehen und mithelfen. Zu Lucys zweiten Geburtstag habe ich verkündet, dass ich mich selbstständig machen und mir eine größere Wohnung in Potsdam suchen würde, die ich schon seit Monaten ausgekundschaftet und eigentlich auch schon hatte. Alle meine Freunde haben beim Umzug geholfen und auch wenn ich in den ersten beiden Jahre kaum schwarze Zahlen geschrieben habe, war die Entscheidung zur Selbstständigkeit die richtige Entscheidung. Als Lucy vier wurde lief es schon viel besser und ich habe mir eine Sinn Taucheruhr gegönnt und einen alten Opel Mokka angeschafft. Zurück zum Papa sein. Es ist die Pest. So schlimm wie ich befürchtet hatte und schlimmer als ich es mir je erträumen konnte. Mein Vater war in den ersten Jahren immer genervt, weil er als einziger Lucys nächtliches Geschrei gehört und um seinen kostbaren Schlaf gebracht wurde. Und Mama fand es nicht so toll, dass ich mich vorm Windeln wechseln gedrückt habe. Ich hab festgestellt, dass Kinder haben heißt, dass Freizeit eigentlich nicht mehr existiert. Ich wurde in die mir völlig fremdartige Welt von Babynahrung, Windeln und Dauergeschrei geworfen. Und Lucy war und ist die Pest. Ich liebe meine Tochter über alles, versteh mich bloß nicht falsch, aber es gibt Situationen wo sie echt das allerletzte ist. Gerade jetzt als Teenager – nur bockige Sturheit, Tränen und Drama. Netterweise hat mein lieber Bruder ähnliche Erfahrungen mit seinen Töchtern gemacht, so haben wir uns wieder irgendwie zusammengerauft.“

Ende Teil 3