Das Oisiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 13

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13. Jack – 1.W. April 2045 – Mittwoch.

Jack starrte auf die Decke über sich. Seine Mutter hatte ihn heulend am Dienstagabend angerufen. Ryan war tot, er war aus dem Koma nicht mehr aufgewacht. Die Welt um ihn herum war komplett zusammengebrochen. Er dachte er müsste heulen, zumindest fühlte er sich so, aber nicht eine einzige Träne war gekommen. Er war nur noch voller Hass auf den Bastard, der seinen Bruder erschossen hatte. Kaltblütig und mit voller Absicht. Er hob eine Hand vor die Augen. Sie war völlig ruhig, das war unheimlich. Die Leere krallte sich um ihn und der Hass loderte, aber sein Puls war völlig ruhig. Er malte sich aus, wie er sich an Adrian Drosser rächen würde.
   Und da endeten die grausamen Nachrichten noch gar nicht. Die Clowns hatten Helena und Mara angriffen, als sie die Einkäufe einluden. Mara hatte gut Zähne gezeigt, aber die Clowns waren in der Überzahl. Auf dem Parkplatz wurden sie übel zerstückelt und die Hilfe von Horizon kam sofort – ein Rettungshelikopter und ein Gunship, die ordentlich unter den Clowns aufgeräumt hatten. Aber es war zu spät. Helena war auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben und Mara wenige Stunden später in der Notfallmedizin bei Horizon.
   Das war so eine grausame Scheißwelt. Und die Dreckspresse hatte sich über den Einsatz eines schwerbewaffneten privaten Einsatzkommandos des Konzerns aufgeregt und wieder alles tuschiert, sodass es ihre Agenda passte, die da wäre, dass die Führungsriege von Horizon Deutschland sich als rechtsextrem entpuppen würde und alle wurden im Konzern unter Generalverdacht gestellt.
Auch wenn es wehtat, aber die Sache mit Ryan war irgendwie vorhersehbar gewesen, die andere Sache kam einfach aus dem Nichts. Er hatte Akira niemals weinen gesehen, aber gestern Abend hatte sie ohne Ende geheult. Trotz seines manchmal etwas angespannten Verhältnisses mit ihr hatte er ihr die Schulter geboten, um sich an ihr auszuheulen und sie hatte Dankbar angenommen. So hatten sie da gestanden, sein T-Shirt nass von ihren Tränen und er strich ihr über den Rücken. Amber hatte sie auch umarmt. Sie wirkte etwas gefasst, aber beinahe locker. Gut, sie kannte Ryan nicht und sie hatte Helena erst einmal gesehen.
   Was ihn fertig machte war, dass er trotz allem recht gut geschlafen hatte. Zwar verdammt kurz, aber er hatte sich erholt. Jetzt war es kurz vor fünf und der Alarm würde gleich gehen.
Ach scheiß drauf. Er stieg aus dem Bett, kletterte die Leiter runter und zog sich seine Sportsachen an. Heute hatten sie den ganzen Tag Sport, also fiel der Morgenworkout aus. Frühstück um sechs, also setzte er sich an seinen neuen Laptop und browste das Web.
   Die Stadt Berlin würde Horizon für den Einsatz einer SpecOps Einheit im Inland gerichtlich belangen und Untersuchungen sollten angesetzt werden, was die Militärische Schlagkraft des Konzerns belangte.
   Derweil kam großes Lob vom Militär und von der GSG9, was die Vorgehensweise bei dem Einsatz der Horizon Jungs anging. Und natürlich hatte man die festgenommenen Clowns wieder freigelassen, was war auch anderes zu erwarten. Mit großer Beunruhigung las er bei unabhängigen Zeitungen, dass es in der Nacht Deutschlandweit achtzehn weitere Angriffe der Clowns gegeben hatte. In den meisten Fällen waren die Angehörigen von Bundeswehr Soldaten das Ziel.
   Und er stöberte in ein paar Militärtechnik Foren und auf reddit herum. Angeblich war das erste neue Flaggschiff Modell des Omega Konzerns auf den Straßen gesehen worden. Das interessierte ihn brennend. Er hatte alles dazu aufgesogen. Das wäre doch der perfekte Familienwagen, wenn die Gerüchte stimmten. Er stellte sich das vor, die Innenausstattung einer Limo mit der Panzerung und Feuerkraft eines Kampfpanzers. Er fieberte schon seit Jahren auf die Vorstellung hin.
Und er las mit Google Übersetzer in einem russischen Forum, dass angeblich zwei moderne Kampfpanzer in Entwicklung waren und bald vorgestellt werden sollten. Unter den Projektnamen Scorpio und Goliath. Einer soll angeblich der erste Superschwere MBT der Welt sein. Die Entwicklung lief unter dem Decknamen „Leopard Killer“. Tja die Russen hatten es den Deutschen sehr übel genommen, dass deren neuer Leopard 3 MBT den T-14 Armata praktisch über Nacht obsolet gemacht hatte. Jack war stolz darauf, dass Deutschland den momentan besten Kampfpanzer der Welt hatte, und selbst die Amis hatten ihre völlig veralteten M1 Abrams gegen die neuen Leopards ausgetauscht.
   Ob sein Onkel wusste was Lambda da in den USA produzierte? Er würde ihn mal fragen, wenn er ihn das nächst Mal sah. Jedenfalls dachten die Amis darüber nach einen Nachfolger der A-10 Thunderbolt II in Auftrag zu geben, bei Lambda natürlich.
   Er sah auf die Uhr, Kurz vor sechs. Er packte zusammen und ging raus. Sergej war schon längst unten beim Morgenworkout, er hatte ihn gar nicht gehen gehört. Hier an der Schule gab es wenig Sportunterricht, dafür jeden Tag einen halbstündigen Workout vor dem Frühstück. Er klopfte bei den Mädchen und die öffneten sofort. Akira hatte ganz verquollene Augen und Amber wirkt besorgt. Er fand sie hatten etwas von Schwestern an sich. Betreten gingen sie runter in die Mensa und holten sich ihr Essen.
   Ihre Stimmung war zwar sehr gedrückt, aber das Essen war fantastisch. Rührei, Speck, heute sogar Bratkartoffeln, dazu einen Fruchtjoghurt, eine gelbe Banane und ein paar Snacks.
Tragik hin oder her, er hatte einen Bärenhunger. Er sah zu Akira die mit gesundem Appetit aß. Also rein damit. Es war erstklassig, einfach nur richtig gut. Der Joghurt war Kirsche, seine Lieblingssorte. Die Banane war genau richtig von der Konsistenz und einfach nur Lecker und die Snacks packte er sich für Sport ein. Nach etwa zwanzig Minuten waren sie drei fertig und packten zusammen. Amber hatte ihre Snacks schon verputzt und grinste zufrieden. Langsam gingen sie zum Sportgelände und verdauten ihre üppige Mahlzeit. Hoffentlich ging es jetzt nicht knallhart in den Sport solange sie alles noch unverdaut im Magen hatten. Auf dem Sportplatz waren vereinzelt ein paar Schüler in Sportsachen unterwegs.
„Und jetzt? Wir haben noch eine halbe Stunde.“
„Ihr könntet ja ‘ne Runde heulen.“ Amber war einfach nur fies und Akira bedachte sie böse.
„Guckt nichts so, ich hab wesentlich mehr verloren als ihr und hab nicht so rumgeheult als du. Werdet mal ein bisschen tougher, die Welt ist brutal und wer schwach ist wird nur getreten.“
Jack hatte Amber nie so deutliche Worte zu irgendjemand sagen hören. Er sah sie überrascht an.
„Was hab ich da gehört, ihr streitet euch doch nicht etwa?“
Yusuf war grinsend zu ihnen getreten. Dann wurde er schlagartig ernst.
„Ich hab die Nachrichten gehört und die Schulleitung hat mich verständigt. Wenn ihr glaubt dass ihr das emotional nicht packt, können wir das Training jederzeit beenden und verschieben, das wurde so genehmigt. Ihr habt Menschen verloren, die euch verdammt wichtig sind, ihr alle drei. Und das nimmt euch mit und macht euch fertig. Ich kenne das Gefühl gut, ISIS Kämpfer haben meine Familie abgeschlachtet als ich neun war, seitdem bin ich allein. Der irrsinnige Schmerz am Anfang kann einen echt zerfressen und in diesem Fall stimmt das Sprichwort nicht, Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Aber wenn ihr es richtig anstellt könnt ihr eure Wut über den Verlust kanalisieren und sie euch noch stärker machen lassen. Training ist erst in einer halben Stunde, also könnten wir kurz zu meinem Truck, ich mach euch nen kleinen Tee und ich kann euch was zeigen, während ihr das geile Frühstück verdaut. Ich weiß noch nicht so richtig was wir heute alles machen. Ich denke wenn ihr verdaut habt machen wir uns warm, dann Basics und dann machen wir Parcour und Klettern. Und dann seid ihr für heute entlassen. Ach und nach dem Mittagessen machen wir ne Theoriestunde zum Thema menschlicher Körper und Ernährung, das übernimmt aber wer anders. Und vor dem Abendessen trainiert Igor mit euch Kampfsport. Also los geht’s, in einem lockeren Trab.“
Die Worte des Arabers weckten etwas in Jack. Ging sowas, den Hass in Kraft umwandeln. Ja, er würde sich nicht klein beigeben, er würde kämpfen und der Beste werden, für Ryan. Er warf einen Blick zu Akira, die sich die Tränen wegwischte und ihn gefasst ansah. Sie nickte unmerklich.
Dann liefen sie Yusuf hinterher zu seinem Truck mit dem irren Regen und Sonnenverdeck. Der Araber kletterte behände und sie folgten ihm etwas unbeholfen. Oben angekommen hatte man eine recht gute Sicht. Am Heck setzten sie sich auf Sitzkissen und Yusuf stellte ihnen einen Laptop vor die Nase.
„Ich hab über die Jahre ein paar Lektionen und Showreels gedreht und aufgenommen. Ich bin zwar jetzt nicht Weltklasse im Videoschnitt aber ich hoffe man sieht was. Hier ich starte die Playlist. Derweil setze ich mal nen Tee auf.“
Die Videos waren der blanke Wahnsinn. Einfach nur Weltklasse. Und dazu Tutorials zum Klettern und zu Parcour. Der Typ war total genial. Yusuf brachte einen leckeren etwas süßlichen würzigen Tee, den er nicht kannte. Ach ja auf dem Liegestuhl hinter ihnen lag ein großer Plüschgecko auf den Kissen. Das fand er ziemlich lustig. Er wettete das Yusuf echte Geckos hielt.
„So, ich lese euren Mienen ab, dass es euch gefallen hat. Und jetzt ein bisschen Sport?“
Die drei nickten einstimmig. Und es ging wieder zurück zum Sportpark. Sie liefen zwei Kilometer. Sie machten Basics, also Kniebeugen, Rumpfbeugen, Liegestütze, Klimmzüge. Und zwar so viele wie sie konnten. Er schaffte vierzig Liegestütze und fünfundzwanzig Klimmzüge. Akira wesentlich weniger. Ambers Leistung war recht beindruckend.
   Yusuf zeigte ihnen die Basics für Parkour, Tipps und Tricks und so. Als die Glocke zum Mittagessen läutete, konnten sie sich relativ sauber über die Schulter abrollen, eine Wand hochklettern und über Hindernisse Balancieren, aber eben alles noch wie zu erwarten sehr unbeholfen.
Zum Mittag gab es einen Hackbraten mit Bratensoße, Kartoffeln und gemischten Gemüse. Und wieder ein paar kleine Snacks. Das Essen war zwar nicht so gut wie im Haus der Welt, aber um Meilen besser als der Fraß in der Schulkantine, wo er die letzten Jahre immer hingegangen war.
Danach hatten sie Theorie bei einer ziemlich heißen Sportlehrerin, wo sie ein paar Sachen zu Anatomie, Muskelgruppen, Vorbeugen von Verletzungen bei Übungen und einem Groben Leitfaden zu verschiedenen Ernährungsarten. Etwas öde, aber nicht so zum Kotzen langweilig wie der Unterricht an seiner alten Schule.
   Danach kletterten sie. Zuerst ohne Seile an einer kleinen Wand, dann mit Seilen an einer Indoor Kletterwand und zum Abschluss an einer Außenwand, die einer echten Felswand nachgebildet war – die kamen sie etwa zwanzig Meter weit hoch bevor der Araber ihnen den Befehl zum Abseilen gab.
Dann verabschiedeten sich von Yusuf und es ging zu Igor.
   Einem Russen mit einem Körper wie ein Schrank, der aussah als würde er null Spaß verstehen. Er zeigte ihnen ein paar Basics und sie wiederholten seine Übungen. Immer eine arme Socke durfte mit dem riesenhaften Russen trainieren. Sie übten auch Kicks und Schläge mit Schützern. Als er mit Amber zusammen trainierte drosch sie wie besessen auf das Polster auf, dass er in den Händen hielt. Das war zwar nicht wie in den Actionfilmen wo eine zierliche Heldin riesige böse Jungs plättete, aber sie hatte was drauf und es regte ihn auf, dass sie ihre Wut an ihm ausließ. Das geb‘ ich dir zurück. Als sie die Rollen tauschten, gab er auch ordentlich Dampf, und mit dem letzten richtig harten Kick wurde sie regelrecht nach hinten auf die Matten geschleudert.
   Oh, das hatte er jetzt aber auch nicht gewollt. Er beugte sich über sie und hielt ihr den Arm hin. Sie sah ihn etwas erschrocken an und schlug dann ein. Sie wog ja praktisch nichts, also war sie ihm Nu wieder oben.
   Danach gab es Abendessen, kalt aber schweinelecker. Man war der Tag anstrengend gewesen.
In seinem Zimmer duschte er sich in Ruhe und trocknete sich ab. Er war völlig geschafft und er hoffte, dass die Schule sie übernahm, Klettern und Parcour machten echt Spaß.
   Wenn doch nur Ryan hier wäre dachte er sehr traurig und sah aus dem Fenster in die dunkle Nacht.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 12

12. Kaz – 1.W. April 2045 – Dienstag – Der Rächer

Müde saß Kaz auf der Bettkannte und starrte auf den stummgeschalteten Fernseher, wo hektisch von der möglichen rechtsradikalen Ausrichtung des Horizon Konzerns die Rede war. Ach man, haltet doch einfach nur die Klappe. Liz hatte halt in ihren jungen Jahren einfach ein bisschen zu intensiv Cosplay gemacht und probierte halt abgedrehte Sachen aus. Und die PR Abteilung hat das Go für ein noch aggressiveres Outfit gegeben. Jetzt dreht doch nicht einem der größten Konzerne der Welt einen Strick draus. Was wollt ihr Sensationsjournalisten ohnehin ausrichten. Ihr lächerlichen Vollidioten.
   Aber vier Uhr früh war wirklich nicht seine Zeit gewesen. Liz war in Sportsachen und einer Mütze aus der Wohnung gezischt um Sport zu machen und er war ihr schläfrig hinterhergetrottet und war so langsam, dass er den nächsten Aufzug nehmen musste. Wenigstens war er nach dem Training wach gewesen. Sie waren verschwitzt hoch und hatten wieder gemeinsam geduscht und dann schnell Frühstück vorbereitet. Er hatte ihr beim Schminken geholfen wie damals zu ihren Cosplay Tagen wo er auch immer mit von der Partie gewesen war. Sie hatten so das ein oder andere Partner Cosplay gemacht. Daran erinnerte er sich schmerzlich. Das halbe Jahr mit ihr nonstop war echt traumhaft gewesen. Sie hatten so unglaublich viel zusammen gemacht. Jetzt in ihrer Rolle hatte Liz praktisch gar keine Zeit mehr und das stimmte ihn sehr traurig. Aber sie schien ihren Job echt zu lieben und war laut Johnny auch echt verdammt gut darin. Mal gucken ob sich etwas verändern würde, jetzt mit Liz radikal neuem Stil. Aber sie sah echt furchteinflößend aus. Er hatte sich vorhin Johnny Entwürfe angesehen und war total baff. Sein kleiner Bruder hatte einfach nur unglaubliches Talent. Akira hatte ihm einmal gesteckt, dass Johnny mit dem Gedanken gespielt hatte Modedesigner zu werden, aber es war ihm nicht männlich genug gewesen. Woher Akira das auch wusste oder ob sie ihn einfach nur gemogelt hatte wusste er nicht.
   Jedenfalls waren Johnnys Entwürfe für die neuen Outfits für die neue Liz einfach nur der helle Wahnsinn gewesen. Er freute sich schon für Liz. Gerade die Outfits mit einem hohen Stehkragen, der ihren tollen geformten nackten Kopf und ihren langen Hals betonten.
   Heute war der Tag, wo er nach Polen aufbrechen würde um Xen zu besuchen und seinen Omega abzuholen. Vielleicht könnte er dabei auch unauffällig den Defender loswerden. War zwar kein schlechter Wagen aber gegen einen Omega kam der einfach nicht an. Er würde sich jetzt einfach ein paar Sachen von Liz Campingausrüstung ausleihen, sich mit ein paar MREs oder ähnlichem eindecken. Und er würde sich beim Frisör unten die Haare schneiden lassen, die langen Haare war er allmählich etwas leid. Liz würde geschockt sein, weil sie ihn nur mit langen Haaren kannte, aber da musste sie durch, ein bisschen Schockmoment für sie musste auch drin sein. Außerdem ging es ihm auf den Keks dass ihn alle immer mit John Wick anredeten. Verdammt nochmal, der Film war auch über dreißig Jahre alt, oh weh was ein alter Sack er doch war.
   Jetzt aber los. Er schnappte sich Zelt, Isomatte, Schlafsack, Wasserfilter, Kocher und Geschirr, eine Lampe, eine Polen Straßenkarte und Feuerstarter. Dazu einen Sack mit Fertignahrung und los ging es. Als der Krempel im Defender verstaut war ging er nochmal hoch ins Center und zum Frisör. Er kam erstaunlich schnell ran und ließ sich die Haare ganz kurz schneiden. Er bezahlte sehr zufrieden und ging in den Keller. Er dachte daran, dass Liz gesagt hatte das im Keller eine riesen Menge Cola war. Den kannte er ja auch noch gar nicht. Nach fünf Minuten stand er vor der richtigen Tür und starrte ungläubig auf die massiven Angeln. Was habt ihr denn da für ne Tür eingebaut?
Sein Chip öffnete das Schloss und er zog die Tür auf, die war satte zwanzig Zentimeter dick. Tja, so sparte man sich das Bankfach in der Schweiz. Hier war Liz Heiligtum. Er stöberte durch alles. Zu seinem Entsetzten fand er einen riesigen Turm mit eingeschweißten Pelzdecken in allen möglichen Farben und Mustern und weitere fünfzehn Pelzmäntel. Dann hatte sich Liz grob überschlagen alle drei Monate seit Jobbeginn einen neuen Mantel gekauft, das war doch einfach nur noch bizarr. Er fand auch einige Recurve und Compound Bögen, dass hätte er so nicht erwartet, aber er hatte ihr damals schließlich das Bogenschießen beigebracht. Dazu ein paar große Safes, darunter zu seinem Erstaunen drei fette Waffensafes, leider mit Zahlenschloss. Und Unmengen, geradezu europalettenweise Vorräte. Große verschließbare Plastiktonnen mit Getreide und Reis. Eine Palette mit Glaswasserflaschen, man will in der Krise schließlich nur das Beste, dachte er sich grinsend. Meine Güte, willst du mir das Wasser abgraben, was den größten Prepper Wahnsinn angeht? Dazu ein kleiner Stromgenerator, einige hundert Liter Treibstoff. Gasmasken mit verschiedenen Filtern und einen Hazmat-Anzug. Noch mehr Taucheranzüge und tonnenweise Chemikalien. Wasserfilter, Verbandszeugs und Arzneimittel. Liz hatte doch den totalen Knall. Gab die strenge knallharte Businessfrau und legte heimlich Vorräte für den dritten Weltkrieg an. Er schnappte sich eine Palette Cola Dosen und einen Kasten Wasser. Hinter ihm schloss sich die Tür beinahe sanft wieder und verriegelte.
   Glücklicherweise passte alles ganz wunderbar in den riesigen Kofferraum des Defenders.
Er checkte nochmal alles durch und stieg dann ein.
   Zügig fuhr er auf das Autobahnkreuz und dann auf die Autobahn durch Berlin und in Richtung Osten, nach Polen. Der Defender hatte eine vernünftige Fahrgeschwindigkeit und er würde heute Abend oder später Nachmittag bei seinem besten Freund Xen eintreffen.
   Die Straßen waren ruhig und auf der ganzen Strecke begegnete ihm kein einziges Auto der Clowns. Polen hatte sich sehr gewandelt. Zwar schotteten sie sich ganz gut ab und hatten eine rechte Regierung, aber sie waren ein sehr stolzes Völkchen mit einer mittlerweile richtig starken Wirtschaft. Und sie waren das schlechte Image der Diebe losgeworden. Mittlerweile stand „Made in Poland“ für Qualitätsware, sofern man nicht billigen Ramsch kaufte. 
   Er fuhr gerne durch die polnischen Landschaften und deren Straßen waren mittlerweile fast besser als die in Deutschland, was eine ziemliche Blamage war.
   Er hatte sich nicht verschätzt. Am späten Nachmittag fuhr er durch ein beschauliches kleines Städtchen und dann an der Stadtgrenze sah er es endlich. Zuerst fuhr er an einem kleinen Park mit großem Teich vorbei, in dessen Mitte ein unverkennbar von Emma designtes großes Wohnhaus stand und dann erreichte er die Omega Werke. Eine streng bewachte Hofeinfahrt gesäumt von hohen Betonmauern, deren Spitzen von Stacheldraht gesäumt war. Gefolgt von einer großen dunklen Werkhalle, dann ein langer viergeschossiger Bau in Weiß gefolgt von einem schwarzen Würfel in Schwarz. Das Omega Zeichen prangte deutlich an den beiden Gebäuden. Er sah überall Kameras. Quietschend bog er auf den Besucherparkplatz ein und parkte. Er stellte den Motor ab, zog die Handbremse an und stieg aus. Neben dem Haupteingang mit einer schweren Glastür im Erdgeschoss des Würfels wehten an einem Fahnenmast zwei Fahnen, die Polnische und eine mit dem großen griechischen Buchstaben Omega bedruckte. Grinsend betrat er den Bau und schritt durch einen großen luftigen Saal zum Empfang wo eine junge Frau mit einer strengen Frisur saß und ihn interessiert musterte.
„Entschuldigen, könnten sie dem Chef Bescheid sagen dass Sebastian Katsuro Solomon da ist?“
Sie griff nach einem Hörer und sagte etwas auf Polnisch. Keine fünf Minuten stapfte Xen im Blaumann durch eine Tür und sah ihn Freudestrahlend an. Er war so groß und alt wie Kaz, aber deutlich übergewichtig, wenn auch nicht mehr so fett wie früher. Er dachte grinsend daran, dass sein dicker Freund eine Zeit lang immer quer durch eine Tür laufen musste.
„Kaz alter Junge, schön dass du endlich den Weg hierher gefunden hast. Mensch wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen. Na komm einfach mit ich zeig dir den Burschen.“
Kaz folgte ihn durch einen Gang, dann durch die Halle, wo überall geradezu Mannschaften von Mechanikern an Autos in allen Größen und Farben herumschraubten. Xen führte Kaz in einen fünfzehn Mal fünfzehn Meter großen Raum, der wohl für Vorführungen diente. An einer Seite war über die gesamte Breite ein hohes Rolltor angebracht. In der Mitte auf einer kleinen Drehscheibe stand ein Monster von einem Geländewagen, sehr viel größer als sein Defender. Und der sah im Gegensatz zum Defender 2020 auch so richtig nach Gelände aus. Und das Gesicht des Wagens war richtig schön grimmig und regelrecht aggressiv.
„Ah auf diesen Moment freue ich mich schon seit Jahren. Moment bevor wir loslegen, brauche ich mal einen Scan von deinem Gesicht, deiner Netzhaut und deiner Handabdrücke. Also wasch die mal kurz die Hände, da in der Nische ist ein Waschbecken, und leg deine Patschehändchen auf den Tisch da.“
Kaz tat wie geheißen und war schon sehr gespannt, den Grund dafür zu erfahren.
„Fabelhaft, jetzt Kalibrieren wir den Omega auf dich. Und auf den Moment habe ich schon ewig hin gefiebert. Erinnerst du dich an den Prolog in Band eins, wo die Figur Xen den armen Dieb Ted vollgeschwafelt hat? Genau das habe ich jetzt auch vor, also halt dich fest. Vor dir steht ein Produkt von über zehn Jahren Entwicklung, eine Kooperation so einiger weltweiter Unternehmen. Meine bezaubernde Frau hat mitgeholfen, dazu Lara, Hal, Hugo, Sir Henry und natürlich die schöne Mulan. Der Projektname ist Avenger und ich zeig dir den kleinen X5 in der Zivilvariante. Vor dir steht der erste Wagen und ist erst vor vier Wochen nach intensiven Tests vom Band gelaufen und ist Momentan ein Einzelstück. Zivil haben wir den X5 und den größeren X8 mit fünf respektive acht Sitzplätzen und die Militärversionen sind zweckmäßiger und bieten sechs und neun Plätze in der Einstufung als IMV, also Infantry Mobility Vehicel. Du bist unser Versuchskaninchen für den Straßentest des X5. Die Prototypen für dieses Monster haben wir wortwörtlich durch die Hölle gejagt. Wir haben sie durch die sengende Wüste, durch Sümpfe, Flüsse, Schneewüsten und Gebirge geschickt. Wir haben sie versenkt, angezündet, mit EMP gegrillt, mit Säure überschüttet, in die Luft gejagt, mit Kugeln durchlöchert, aus Flugzeugen geworfen und so weiter. Nein das mit dem Flugzeug war ein Scherz, aber der Rest stimmt. Fangen wir mit der Mobilität an. Es ist ein 4x4x4. Beide Achsen sind gelenkt und angetrieben. Die Federn sind gut justiert und lassen sich in der Härte einstellen. Man kann die Höhe der Federung einstellen. Unter der Haube schlummert ein mächtiger Elektromotor mit umgerechnet über 1000PS. Angeschlossen an ein mörderisches Getriebe. Die Kiste hat ordentlich Dampf und hat eine satte Beschleunigung. Es gibt einen Hilfsmotor, falls der Hauptmotor aus irgendeinem Grund versagen sollte. Das Biest wiegt knappe zehn Tonnen, trotzdem beschleunigt er leer auf gerader Strecke auf bis zu 160 Km/h und schafft im Boost-Modus sogar knapp 190 km/h, aber das leert die Batterie ziemlich schnell. Ach ja ohne Zuladung kommst du mit einer vollen Akkuladung knapp tausend Kilometer weit, alles weitere hängt schwer von deiner Zuladung ab. Das Dach trägt eine Tonne und Zuladung bis 500 kg. Und er zieht knapp zwölf Tonnen. Die Winde vorne hat eine maximale Zugkraft von acht Tonnen. Die Reifen sind super genial und ordentlich fett. Ein selbstheilendes, selbstabdichtendes Verbundmaterial mit eingewebten Kevlar Fäden. Das Material ist sehr dick und damit Praktisch immun gegen Stiche und Kugelsicher gegen bis zu .50 BMG. Die kriegt praktisch nichts kaputt, aber zur Sicherheit haben wir dir ein Ersatzrad auf die Motorhaube geschnallt aber Vorsicht, das Ding wiegt ordentlich. Im Zubehörpaket ist ein kleiner faltbarer mechanischer Kran enthalten. Die Reifen regulieren selbst ihren Luftstand und pumpen sich selbst auf. Und hier der Clou, in den Reifen sind Spikes versteckt, die automatisch ausfahren, sobald du über Eis fährst, das gibt der Kiste verdammt viel Gripp. Und das sind selbstverständlich Allwetter Reifen für jedes Gelände mit ordentlichem Profil. Jetzt zum Innenraum.“
Kaz hielt kurz inne und öffnete die schweren Seitentüren, die verdammt dick waren.
„Fünf Sitze, alles vom feinsten. Alle Sitze sind individuell beheizbar. Die Vordersitze sind ergonomisch voll einstellbar mit einem AGR Siegel und mit Massagefunktion. Alles ist feinstes Leder in Abwechslung mit Kohlenstofffasern und ultrahartes gefärbtes Glas. Eine Mischung aus analogen und digitalen Armaturen. Rings um den Wagen sind Kameras in der Außenhülle eingesetzt, das Bild wird auf Displays im Cockpit übertragen. Klimaanlage natürlich. Die ganze Kabine ist übrigens ein abgeschlossenes System mit einem Luftkreislauf der bei Bedarf von der Außenwelt abgeschlossen werden kann. Die Innenluft wird dann über Sauerstofftanks angereichert. Bei Fünf Personen reichen die Vorräte etwa zehn Stunden. Übrigens ist der Gute voll Tiefenwatfähig mit bis zu sechs Metern Wassertiefe. Es gibt ein Infotainment System für Beifahrer und die drei Sitze hinten, stolz von Spectre gesponsert. Übrigens lauert da ein Spectre Platinum X4 im Handschuhfach. Und ein Spectre Feather wenn‘s leicht sein sollte, beides das brandneue Modell und schon an dich angepasst. In der Mittelkonsole ist hinten ein Kühlfach für Getränke und ein Snackfach eingelassen. Vorne unter der Lenksäule findest du ein Geheimfach mit einer geladenen Beretta mit Schalldämpfer und einem Kampfmesser, falls es mal haarig werden sollte und du ins Gefecht musst oder ein paar Clowns abknallen willst. Und der hintere mittlere Sitz lässt sich zu einer noch größeren Snackbar nach vorne hin umklappen. Alles ist übrigens mit deinen Lieblingssnacks vollgestopft. Die Vordersitze lassen sich voll waagerecht zurückklappen, falls du mal im Auto pennen willst, wenn es dir draußen zu unsicher ist. Der Wagen ist zwar voll elektrisch, aber der Innenraum ist nochmal weiter gedämmt, sodass du innen praktisch keinerlei Geräusche hörst. Aber das ist adaptiv und lässt sich einstellen, wenn du mehr Kontrolle haben willst. Und jetzt kommt der Spaß, die Panzerung. Wir haben die auf Herz und Nieren getestet. Die Seiten, Dach und Heck sind gegen panzerbrechende 20mm Geschosse immun. Die Front konnte auch ‘ne A-10 Thunderbolt II mit Panzerbrechender 30mm Munition nicht knacken. Die Amis hat das völlig aus den Socken gehauen. Wir haben die modernsten und härtesten Verbundmaterialen verwendet. Wenn dir also ‘ne feindliche A-10 begegnet, fahr drauf zu und nicht weg. Ach ja, gegen die 120mm Bordkanone von einem Leopard 2 haste natürlich keine Chance, also verscherz es dir nicht mit deinen Landsleuten … oder Leuten mit Panzern. Das ist der erste Wagen der unser neues Gaja Projekt verwendet. Die Außenhülle und große Teile der Antriebseinheit und das Fahrwerk sind im Material mit Naniten durchsetzt, die dem ganzen praktisch Regenerationskräfte geben. Tja, und du kannst gut andere Leute rammen, zehn Tonnen sind da schon mehr als genug um das Ding in einen Rammbock auf Raketenschuhen zu verwandeln. Ach ja hab ich vergessen, die Innenkabine ist gegen Stöße gut gedämpft von einem nicht knackbaren Käfig umgeben und überall sind Airbags. Das Fahrwerk und der Unterboden sind gegen Minen und IEDs beachtlicher Sprengkraft geschützt. Es lässt sich noch zusätzlich Panzerung gegen HEAT Geschosse anbringen. Die Fenster lassen sich natürlich nicht herunterfahren, deshalb ist die Lüftung unablässig, aber die ist 100% Zuverlässig und sie ist zudem redundant. So wie alle Systeme im Wagen. Jetzt kommen wir zum größten Spaß, unser Verteidigungs- und Angriffssystem der Extraklasse. Es sollte klar sein, dass der Wagen gegen händische Gewalt und Schläge vollständig immun es. Den musst du schon mit einem Panzer rammen um irgendwas zu beschädigen, wir haben es getestet. Und er ist feuerfest und stark resistent gegen Säure. Es gibt überall aktive und passive Sensoren und Sicherheitssysteme die dir jederzeit zu jeder Situation deine Umgebung zeigen. Radarsysteme scannen deine Umgebung auf 4km Entfernung zu Boden und in der Luft. Es gibt aktive und passive Verteidigungssysteme gegen zielsuchende Raketen. Du hast Werfer für Rauch-, Tränengas- und Schlafgranaten und für Täuschkörper. Die Kabine ist hermetisch abriegelbar und das Luftsystem filtert die Luft automatisch und hat Rauch und Gassensoren, die sofort abriegeln, wenn sie etwas entdecken.
Rings um das Dach sind starke LED Scheinwerfer angebracht die sich stufenlos dimmen lassen. Und jetzt der Knüller. Du hast ein komplettes Drohnenpaket für Angriff, Erkundung und Stealth dabei. Eine große Deathwish Drone mit Raketen, EMP und 7,62mm Bordkanone, zwei Silent Blades für Stealth und Infiltration, vier Allzweck Hawks mit nicht tödlicher Bewaffnung und etwa sechzig Minidronen deren Name mir doch tatsächlich entfallen ist … ach ja Mosquitos, weil sie so klingen. Soviel dazu. Auf der rechten Seite befindet sich eine EMP Kanone für Entfernungen bis 500 Meter und daneben ein faltbarer Geschützturm mit einer kompakten Hochleistungsrailgun der Russen die extrem Präzise auf große Entfernungen feuern kann. Die Wuchtgeschosse durchschlagen 70 mm Panzerstahl auf 30° auf 1.000 Meter, also ganz gut beachtlich. Die Kanone hat einen Autoreloader und du hast die Wahl zwischen konventionellen und eher ungewöhnlichen Geschossen. AP, APHE, HE, HEAT, HESH, EMP. Denk dran, dass die Railgun ganz gut Strom zieht, also sei achtsam beim Gebrauch. Und nicht zu vergessen der Werfer für zielsuchende Mehrzweck Raketen mit Autoloader für sechs Schuss Munition. Das sind Fire-and-Forget Raketen, du gibst einfach die Ziele ein und die Rakete sucht sich ihren Weg. Die haben eine Reichweite von etwa 10 Kilometern und sind klein genug, dass man sie fast nicht kommen sieht. Die sind Panzerbrechend. Der Sprengkopf ist zwar nicht sehr groß, reicht aber definitiv aus um einen Van oder Helikopter mit ein paar Terroristen zu toasten. Die Scheiben können auf Knopfdruck komplett Blickdicht gemacht werden, so sind sie ja nur verdunkelt. Die Frontscheibe hat ein HUD, das dir Navigationswege direkt ins Blickfeld einblendet, sowie wichtige Informationen wie Batteriestand, Wetter, Munition und so weiter.
Dazu ist dein Cockpit vorne auch gleichzeitig den Waffenstand, von dem du die Raketen und die Rail- und EMP-Gun steuerst. Aber wenn du dein Prism 12 in das Fach unter der Klimaanlagenregulierung schiebst, bekommt dein Smartphone ein Update, mit dem du die Werte deines Wagens jederzeit checken und ihn auch fernsteuern kannst. Haha genau, der Wagen ist voll autonom und entweder du gibst Befehle, oder Der Wagen handelt allein oder du steuerst ihn fern. Hal hat das Steuersystem entwickelt und alles verwendet HALOS. Der Wagen ist intelligent und hat dutzende wenn nicht sogar hunderte von Systemen, Das Flugabwehr System hat einen Art sechsten Sinn wenn es darum geht, die Flugbahn von Flugzeugen und Flugobjekten vorauszusehen. Ich glaube ich habe dazu noch was vergessen. Egal, kommen wir zum Stauraum, komm mal mit ans Heck.“
Endlich eine kurze Pause von dem Redeschwall. Xen öffnete die Massive Hecktür. Der Innenraum war überraschend kompakt.
„Ich sehe schon du wunderst dich bei dem Monster über die Größe des Kofferraums. Keine Sorge, mit der Tiefe immer noch größer als der von deinem Defender da draußen auf dem Vorplatz. Und hier kommt der Knaller, rings um den Kern sind an Schienen ausziehbare Staufächer angebracht, also hast du weniger Probleme mit Tetris spielen beim Packen. Ist alles da was du brauchst. Werkzeug, Kartenmaterial, Survialkits, MREs von NOX, Lebensmittel – ich hab dir aus Rache acht große Dosen Tortellini in Tomatensoße eingepackt. Und ein paar Waffen und Munition und Reservepatronen für Gaja. Ein paar bequeme Kleider für dich und Amber der Luxusmarke Nox sind ebenfalls frisch eingepackt. Und ein paar Extras die ich dir nicht verrate. Und das war nur der Innenraum. Am Heck außen findest rechts eine große Transportbox, die dir ebenfalls als großes Waffensafe dient, voll ausgerüstet mit deinen Lieblingswaffen, Mit Schalldämpfern, Visieren und Reservemagazinen.
Die Box auf der anderen Seite enthält eine Überraschung aus der Abteilung Q von NOX, Haha, das erzähl ich dir gleich. Am Dach sind auf der einen Seite eine kompakte Faltleiter angebracht und auf der anderen Seite ein Gestänge für den Aufbau eines Zelts auf dem Dach. Und aufs Dach passen selbstverständlich auf Fahrräder. Und das hier hab ich mir von ein paar alten Opel Modellen abgekupfert.“
Xen zog am Nummernschild unter der Heckklappe und es glitt wie eine Schublade heraus.
„Tada, Platz für weitere drei Fahrräder, als gut für den Urlaub mit der großen Familie. Ach ja hab ich ganz vergessen. Der Wagen besitzt ein adaptives Tarnsystem vom Typ Chamäleon, Die Außenhaut kann ihre Farbe und Struktur und teilweise auch die Form verändern und die Nummernschilder sind wechselbar. Die Kiste ist zwar de facto ein Radpanzer der Extraklasse, aber er hat eine Straßenzulassung und TÜV und ein deutsches Kennzeichen, das hat Hal auch wieder gedeichselt. Das war‘s für den großen, jetzt der „kleine“, der Anhänger. Geprüft und Gepanzert wie der große, mit vier unserer Monsterreifen. Ist angetrieben mit und mit ausklappbaren Stützrädern, praktisch zum Manövrieren und selber fahren. Er besitzt einen Akku, der dir im Idealfall weitere 1500 km Reichweite gibt, du musst aber bedenken, dass die Systeme des Anhängers auch davon zehren. Dazu ein supereffizienter Stromgenerator mit 400 Liter Dieseltank, Selbstabdichtend versteht sich. Dazu ein Eigenständiges Verteidigungssystem mit einem Lite Drohnenpaket mit einer weiteren Deathwish, einer Silentblade und zwei Hawks und einem Haufen Mosquitos. Ein Ausfahrbarer Geschützturm mit einem Raketenwerfer und einem schweren MG mit Panzerbrechenden Munition. Im Gegensatz zur Railgun ist das Ding schweinelaut, als pass auf, wo du das abfeuerst. Und der Kleine ist dein Munitionstransporter mit Geschossen für die Railgun, für den kleinen Turm, für die Granaten, Raketen und für deine Handfeuerwaffen. Zwei Wassertanks, einer für Waschen und so, der andere für Trinken und kochen. Letzterer ist aufgetankt mit feinstem polnischem Quellwasser. Auf dem Anhänger sind die weiteres Zubehörpacks. Omega Tragetaschen und Rucksäcke. Haustierset mit Gitter und Rampe für den Kofferraum. Wasserfilter und Schläuche. Adaptive Chamäleon Zelte für das Dach, aber auch ein ganz großes für den Wagen und den Anhänger. Der Anhänger hat über ein verschlüsseltes Kommunikationssystem und ist auf bis zu vierzig Kilometer fernsteuerbar. Natürlich hast du auch hier wieder satt Stauraum. Da kommt dein Bonus. Ein Willkommen Zurück Paket von Accuracy International und Heckler und Koch, deinen Sponsoren. Dann eine hochwertige Campingausrüstung von NOX für fünf Personen. Ein Vision Paket von Hal, mit AR und VR Headset und Joysticks. Ist auch voll kompatibel mit dem Omega. Mulan hat dir ein Stealth Paket mit unaufspürbaren Waffen und Gadgets beigelegt. Und der Knaller von Sir Henry von NOX. Der Kerl ist einfach zu sehr John Wick besessen. Ein adaptiver intelligenter Maßanzug in schwarz, mit Unterwäsche, Hose, Hemden, Weste, Krawatten und natürlich Jackett. Kugelsicher gegen kleinkalibrige Waffen und dank Nanomaterialien unfassbar stabil und selbstheilend. Und geruchsneutral natürlich auch. Also nie wieder Stinkesocken, die nach einem Monat im Arsch sind. Und legere Klamotten sind auch dabei. Tja, ein Jammer, dass du jetzt kurze Haare hast, ansonsten würde es super gut passen, wie die Faust aufs Auge, Haha. So er ist voll aufgeladen, aufgetankt, aufgefüllt. Vollgestopft mit hochwertigen Snacks und Fressalien. Irgendwo da drin ist auch ‘ne gute Kaffeekanne fällt mir gerade ein und ich hab dir ‘ne Palette H-Milch eingepackt. Und immer noch satt Stauraum. Jetzt bist du gerüstet für den Krieg. Oh Gott ich hab ja ganz das Service Paket vergessen. Wir geben dir vierzig Jahre Garantie. In der Zeit bekommst du jederzeit Software, Sicherheits- und Kartenupgrades. Rund um die Uhr Servicehotline mit dem Chef, also mir. Reparatur-, Berge- und Abschleppservice weltweit. Du darfst bei allen Omega Stationen kostenlos tanken, aufladen und einkaufen, auch wenn du in dem Moment in keinem Omega sitzt und das ist übertragbar an deine Frau, falls du heiraten solltest. Und für deine Kinder Selbstverständlich auch. Und ein kleines Geschenk liegt im Handschuhfach, Hochglanzbroschüren für unsere Omegas, diesen mit eingeschlossen und für den Lambda Swordfish und Lambda Orca. Dazu eine super robuste Taucheruhr von Omega für dich und eine elegante Damenuhr für Liz in ihren Lieblingsfarben. So das wärs von mir.“
Xen grinste ihn breit an.
„Wow, also der Dialog im Buch war echt kürzer.“
Xen brach in schallendes Gelächter aus.
„Hallo Jungs.“
Tamara näherte sich ihnen und balancierte ein Tablet. Sie hatte ihre tollen schwarzen Haare lose hochgesteckt und ihr Bauch hatte eine deutliche Rundung. Kaz hob die Brauen, hatten die beiden nicht schon drei Kinder? Der Jüngste war nach Kaz benannt, also Sebastian, was ihn sehr freute.
„Schon wieder Schwanger? Ich dachte ihr seit mit drei Kindern glücklich?“
Xen lächelte gequält.
„Das war mein Plan, aber meine Frau liebt kleine Kinder und wollte unbedingt noch eins, außerdem findet sie es unfair, dass die Mädchen in der Familie total in der Unterzahl sind. Und wir wechseln uns mit den Namen ab, also ist sie jetzt wieder dran. Wieder irgendwas Osteuropäisches. Und jetzt geht’s erstmal ans Bezahlen Großer. Da du uns allen Beteiligten immer wieder so großartig geholfen hast, weil du mir wortwörtlich das Leben gerettet hast und Early Adopter bist gewähren wir dir einen Rabatt von 80%, das wären dann also noch zwei Millionen Euro.“
Kaz schluckte schwer, was ein Glück dass er auf seinem Konto elf Millionen gefunden, wo er nicht wusste wo die bitteschön hergekommen waren. Aber dann kostet das Ding zum Vollpreis ja zehn Millionen Euro. Das war mehr als der Leopard 2 Kampfpanzer kostete. Er zuckte mit den Schultern, der Leo war wesentlich unpraktischer und schluckte wie ein Loch und war nicht autonom.
Xen schon ihm ein Pad mit einem Unterschriftenfeld hin und er unterschrieb ohne zu zögern.
„Und was machst jetzt mit dem ganzen Geld?“
„Tja, meine Angestellten bezahlen natürlich, die Arbeiten nicht für umsonst. Und zu meinem Leidwesen weiß ich schon was Tamara von ihrem Anteil kaufen wird. Sie ist Russin, liebt den Winter, ist in einem Kaff in Sibirien aufgewachsen und hier wird’s im Winter auch schweinekalt. Pelze. Und Liz hat sie angeregt Perücken auszuprobieren. Und ich gucke ob ich ein paar alte Kisten auftreiben kann um sie zu restaurieren.“
„Wisst ihr Leute. So schlimm ist das auch nicht. Guck mal, Liz hat 42 Pelzmäntel, bestimmt 20 Pelzdecken und über 250 Perücken.“
Tamara starrte ihn ungläubig mit offenem Mund an und Xen brach in schallendes Gelächter aus.
„Ahahaha, bei euch in Berlin fällt doch nie Schnee. Oh man, und dabei hatte ich sie als so ein bescheidenes Mädchen in Erinnerung. Erstaunlich was Geld so bringen kann. Ich für meinen Teil verabscheue Pelze.“ Tamara sah ihn Böse an.
„Und hier sind die Getränke zum Anstoßen, ganz untraditionell. Für dich eine Coke mit Eis und für uns Wasser, ich bin einfach zu fett, aber Tamara kocht zu gut.“
„Und du frisst die ganze Zeit Chips und trinkst pappiges Zeug.“
„Macht der doch auch, nur leider wird der nicht die Bohne fett.“
Kaz nahm sich das große Glas mit Cola und trank ein paar Schlucke, schön kühl.
„Sag mal, geht Alfred aufs BIT?“
Xen blickte auf.
„Alle unsere Kinder gehen aufs BIT. Das ist eine der besten Schulen Europas und Omega ist Sponsor.“
„Ich glaube bei einer Führung hab ich Alfred gesehen wie er an einem Motor herumschraubte.“
Tamara lächelte zufrieden und Xen grinste breit.
„Haha, ganz der Papa. Ja, ich hoffe dass mindestens eins meiner Kinder dann irgendwann Omega übernimmt und weiterführt. Und momentan sind alle sehr Technikbegeistert, selbst Tanja. Achja Hugo meinte ich soll dir das geben. Das ist ein Prism Rogue. Gib das mal der Kripo Beamtin in dem gelben Reno da draußen, die den Eingang beobachtest seit dem du hier bist. Sie ist dir wohl gefolgt. Ein bisschen eingerostet wie?“
Er lachte und gab Kaz ein recht unauffälliges Telefon.
Huh, warum würde ihm die Kripo folgen?
„Wie bist du überhaupt darauf gekommen den Wagen zu bauen?“
„Erinnerst du dich an die Zeit nach meinem versuchten Suizid wo ich ne Weile bei dir gewohnt habe? Wir haben doch diesen Marvel Filmmarathon gemacht, alle Filme von Iron Man bis Endgame – die guten Marvel Filme, bis auf Captain Marvel, der war Grütze. Und beim zweiten Ironman Film gibt’s doch die Scene wo dieser Typ von Hammer den beiden Airforce Typen seine Waffen vorstellt und die mega unbeeindruckt sind und am Ende von ihm verlangen das er ALLES in den Suit einbaut. Und dann die geile Verfolgungsjagd in Captain America Winter Soldier mit Nick Furys wagen, der Kugelsicher ist und irgendwie einfach alles kann. Und die ganzen James Bond Filme mit den Autos die coole Sachen können. Das hat mich total angefixt und über die Jahre verfolgt bis Omega dann glücklicherweise groß genug war, dass alles in die Tat umzusetzen. Man, der war fast zehn Jahre in Entwicklung. Und du bist unser Testfahrer also teste auch gefälligst. Wir haben die Prototypen in den USA, in Brasilien, in Deutschland, in Russland und China getestet und deren Militärs waren mit dabei und flehen uns regelrecht an, dass wir ihnen den in Serie bauen oder lizensieren. Also wenn sich deiner Bewährt, haben wir mit etwas Glück bald einen Milliarden Auftrag in der Tasche und können eine neue Fabrik in Polen bauen. Und in Deutschland.“
„Klingt Vielversprechend. Habt ihr eigentlich auch so Probleme mit den Clowns?“
„Nope, die gibt’s hier praktisch nicht. Aber wir in Polen sind ja eh alles nur Nazis. Haha. Ne, wenn welche Auftauchen, werden die instant von patriotischen Polen verdroschen. Ich glaube nur linksversifte Nationen haben so große Probleme mit denen und die Kommies. Also Russland hat hart zu kämpfen, China auch, USA ist auch ziemlich stark und bei Deutschland wundert mich das nicht die Bohne, ein Glück dass ich von da weg bin. Ungarn hat sage und schreibe Null Clown Angriffe. Da ist übrigens auch die Omega Firmenzentrale. Das Werk hier ist ja quasi meine eigene Werkstatt, wo alles angefangen hat. Und wir wohnen in dem schwarzen Klotz in den oberen Etagen. Da ist es sehr angenehm. Anderes Thema, wie geht es eigentlich Liz? Sie hat ja ‘ne echt krasse Wandlung in den letzten Tagen durchgemacht. Haha, jetzt sind die Jungs und Mädels bei Horizon auch alles Nazis.“
„Tja sie hat‘s mit ihrem bescheuerten Körper echt nicht leicht, also hat es ihr gereicht. Aber ich glaube sie geht ein bisschen zu weit. Sie nimmt jetzt seit ein paar Jahren Mittel, die ihr die Haare am ganzen Körper ausfallen lassen und ihre Haut ganz weiß macht. Ich glaube sie hat sich ein bisschen zu sehr in die Gesichtslosen in dem Buch verliebt, aber Nova war immer schon ihre Lieblingsfigur gewesen.“
„Nicht das sie noch in echt zu einer wird, das wäre echt gruselig. Man ich hasse Spinnen.“
„Sie hat jetzt auch ‘ne riesige Tarantel als Haustier“
„Oh, lecker. Wie haste reagiert, als du sie das erste Mal gesehen hast?“
„Wie man erwarten würde, schwer panisch. Liz hat sich nur kaputt gelacht.“
„Und wie geht es deiner Tochter? Man, ich finde es einfach nur stark, das du die Kleine bei dir aufgenommen hast, nachdem sie ihre Familie verloren hat.“
„Tja, ich kann doch bei sowas nicht einfach zu sehen. Und wir haben uns sofort verstanden und eine gute Chemie zueinander. Und sie ist zwar etwas schüchtern, aber super willensstark und ehrgeizig. Und sieht knallhart aus wie Lara Croft. Und sie soll jetzt auch aufs BIT, sie macht gerade den Evaluierungskurs.“
„Cool, dann drücke ich ihr die Daumen, dass das was wird. Die sind verdammt gut und der Campus ist eine Festung. Da kommen die Clowns nicht so einfach rein. Ich hab gehört dass die jetzt einen Weltklasse Kletterer an Board haben. Die sind immer etwas komisch drauf, was neue Dozenten und Profs angeht, aber das Konzept zahlt sich aus.“
„Warte mal, bei dem Kletterer fällt mir was ein, kennst du dessen Truck?“
„Japp, die Sleeping Beauty kenne ich. Das ist übrigens ein Theta von unseren Kollegen aus Asien. Die machen sich einen Spaß daraus, alte Sowjetische Trucks aufzumöbeln. Das einzige was ich über die Kiste richtig weiß ist, dass Theta darin das 1.500 PS Dieseltriebwerk vom Leopard 2 Kampfpanzer verbaut hat. Macht die Kiste nicht unbedingt schneller, von daher frag ich mich was das soll. Und du brauchst reell nen Tanklaster hinter dir bei dem Verbrauch. Mehr kann ich dir leider nicht sagen. Unsere Technologieallianz tauscht zwar Technologien aber die Projekte der einzelnen Hersteller sind topsecret.“
Merkwürdig. Was hatte es dann wohl mit Yusuf auf sich?
„Ok großer, es wird schon dunkel draußen. Also mach dich mal auf die Socken. Falls noch irgendwas sein sollte melde dich ASAP bei mir. Und bring mal beim nächsten Mal zumindest die Kleine mit. Wir hängen dir jetzt den Anhänger an. Oh damn it, das hab ich ganz vergessen. Praktisch kannst nur du den Fahren, oder er fährt nur wenn du drin bist, außer er ist autonom unterwegs, da ist es Latte. Du entriegelst die Handbremse beim Blick in Rückspiegel und Griff ans Lenkrad. Die Türgriffe sind mit Handabdrucksensoren ausgestattet und merken wenn jemand rein will, der nicht rein soll. Du kannst die Türen verriegeln und entsperren und man kann alle Türen motorisiert öffnen, wenn du zum Beispiel an nem Hang stehst. Ok, dass müsste es jetzt aber gewesen sein. Und meine Jungs und Mädels aus der Marketingabteilung haben dir ein toll animiertes Video mit den Funktionen des Wagens gemacht und es befindet sich auf den Laptops im Handschuhfach. Und jetzt geht’s rund großer. Mach‘s gut.“
Damit umarmte Xen ihn herzlich und Kaz umarmte Tamara vorsichtig. Sie entschwand dann wieder aus der Halle und Xen hängte den Anhänger an und öffnete das Rolltor. Kaz stand einen Moment staunend vor seinem neuen Radpanzer mit Straßenzulassung und dachte nach.
„Sag mal Xen, was würdest du mir für meinen Defender geben?“
Xen dachte einen Moment etwas ratlos nach.
„Der 2040er als Topmodell? Bei dir wahrscheinlich in der vollen Geländevariante?“
Kaz nickte.
„Schwierig. Den brauche ich eigentlich gar nicht“ Er dache einen Moment nach „Wie wäre es damit, der Wagen bekommt ein Omega Upgrade und du bekommst wieder maximalen Rabatt. Dann hast du einen sicheren Zweitwagen, wenn du mal keinen zehn Tonnen Panzer brauchst.“
„Abgemacht. Hier die Schlüssel. Vergiss den Transponder nicht, der hat bestimmt auch GPS.“
„Jo weiß ich, das System kommt von Mulan, die hat auch diesen ekelhaft hässlichen Kasten in Berlin Solomon am Platz der Welt gebaut, in dem Liz wohnt. Dein Armband ist übrigens ein Slave Armband mit Transponder aber ohne GPS Einheit. Die schwarzen Masterbänder haben sowas und die bekommst du auch nicht mehr ab wenn du die einmal anziehst. Jetzt aber wirklich. Vergiss die Polizistin nicht und ich wünsche dir eine gute Fahrt. Und scheu dich nicht den Wagen so richtig zu testen.“
Xen entfernte sich und Kaz öffnete grinsend die schwere gepanzerte Wagentür. Moment, bevor er das tat würde er sich die AR Brille von Hal aufsetzen. Zehn Minuten später saß er auf dem äußerst bequemen Fahrersitz und sah sich staunend um. Alles war Blitzblank und es roch noch neu. Das Leder fühlte sich weich und geschmeidig aus. Die Innenausstattung war zum Verlieben. Er schob sein Prism 12 in den Schlitz am Armaturenbrett und es tat sich genau nichts, ach ja richtig, erst entsperren. Er legte die Hände aufs griffige Lenkrad und sah in den Rückspiegel. Sofort sprangen die Lichter an und auf dem Display in der Mitte erschien das Omega Logo. Er tippte ein bisschen neugierig auf dem Display herum. Dann drückte er vorsichtig aufs Gas und er Omega bewegte sich völlig Lautlos. Er fuhr auf den Besucherparkplatz und sah grinsend auf den sehr klein wirkenden Defender. Sorry Junge, wir sehen uns im nächsten Leben. Vor der Einfahrt hielt er inne.
„Hal?“
Fragte er den Raum und wartete einen Moment.
„Sie wünschen Sir?“
Ganz der Alte.
„Was kannst du mir zu meinem Schatten sagen?“
„Andrea Wolf, 34 Jahre alt, Kriminalbeamtin und Mitglied eines vierköpfigen Teams. Ihr Stiefvater ist der Polizeipräsident von Berlin, ihr wahrer Vater war Soldat bei der Bundeswehr, damit ist sie ein Risikoziel für die Clowns. Sie und ihr Team scheinen nicht korrupt zu sein und sie ermitteln im Fall des versuchten Mordes an Jack und Ryan Solomon und Margarethe und Yolanda Bluhm. Zumindest haben sie ermittelt. Sie wurden vom Präsident vorläufig suspendiert, weil sie trotz Verbot weiterermittelt haben.“
„Besten Dank mein Guter, du hast mir sehr geholfen.“
Sicherheitshalber schob er sich das Kampfmesser in die Tasche, falls die Kleine Ärger machen sollte.
Dann stieg er aus und näherte sich dem Wagen, den Xen ihn genannt hatte.
Oha, da saß die Frau mit den kurzen Haaren drin, die ihn gestern im Café beobachtet hatte. Sie wirkte sehr erschrocken als er zielstrebig auf ihren Wagen zuschritt. Unsicher stieg sie aus, vermutlich hatte sie ihre Dienstwaffe in den Hosenbund geschoben. War ihm egal, Auf die Entfernung war ein Messer schneller und tödlicher.
Sie trug lockere Jeans und ein grünes Top mit einem offenen schwarzen Hoody.
„Ich gebe es zu, dass ich nicht bemerkt habe wie sie mich hierher verfolgt haben, aber das war doch ein bisschen zu auffällig, meinen sie nicht?“
Sie wirkte etwas zerknirscht.
„Was machen sie hier?“
„Inoffizieller Zeugenschutz. Sie sind Teil der Solomonfamilie und ein wichtiger dazu. Ich weiß ja das die Polizei größtenteils korrupt ist und duldet was die Clowns da machen, aber so will ich nicht sein.“
„Sorry ich brauche keinen Schutz. Um ehrlich zu sein wären sie tot, bevor sie überhaupt die Chance haben ihre Waffe in der rechten Gesäßtasche zu ziehen – glücklicherweise machen sie mir einen vernünftigen Eindruck. Außerdem fahre ich jetzt einen sehr mächtigen Omega, da brauche ich ihren Schutz weiß Gott nicht.“
Sie wich erschrocken vor ihm zurück und ihre Augen weiteten sich, er hob entschuldigend die Arme.
„Wenn sie wirklich etwas Gutes tun wollen dann kämpfen sie gegen die Korruption in ihrem Präsidium. Ich gebe ihnen einen Prism Rogue. Gehen sie damit in ihr Büro im Präsidium, loggen sie sich in WLAN oder verbinden sie es per USB mit ihrem Rechner. Das Rogue macht den Rest und knackt sich in das System. Dann können sie in Ruhe Material sammeln um ihre korrupten „Freunde“ und ihren Papa schwer zu belasten. Auf dem Rogue können sie mich unter dem Namen meines Haustiers Kasimir erreichen. Fahren sie vorsichtig oder checken sie für die Nacht in ein Hotel und fahren sie morgen.“
Sie wirkte ein bisschen gefasst, nickte dann aber schnell und stieg in ihren Wagen. Er sah ihr hinterher während sie davonfuhr, dann stieg er seinen Omega.
Wohin jetzt? Es war jetzt fortgeschrittener Abend. Er dachte an den vollgepackten Wagen samt Anhänger. Ihm kam da gerade eine Idee, Ja die war gut. Er grinste und das schwere zehn Tonnen Monster schoss regelrecht aus der Einfahrt.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 11

11. Jack – 1.W. April 2045 – Montagabend.

Ihm ging das alles irgendwie eine Spur zu schnell. Kaum erholte er sich von dem tollen Essen im Haus der Welt da riss ihn seine Mutter auch schon aus dem Schlaf und ging mit ihm einen wahnsinnig langen Fragebogen durch. Für die neue Schule natürlich, mit Fragen zu seinen Interessen und Hobbys und was er gerne aß und was nicht und so weiter. Den hatte Emma dann auch sofort abgeschickt und ihn ermahnt ein paar Klamotten zusammen zu packen und auf gar keinen Fall das Haus zu verlassen.
Tja er hatte den restlichen Tag gelesen und gezockt und ein paar von Kaz alten Videos angesehen.
Es war einfach immer so unfassbar befriedigend wie Haushaltsgegenstände in super Slowmotion in Fetzen gerissen wurden. Er wünschte sich Adrian wäre eins dieser Objekte gewesen. Ryans Zustand hatte sich dramatisch verschlechtert und die Ärzte wussten überhaupt nicht mehr ob er durchkommen würde.
   Ihm war zum Heulen, sein Bruder und sein bester Freund lag im Sterben und die Welt verdammte ihn als gefährlichen Mörder, während der wahre Mörder frei herumspazierte. Wie gerne würde er auf diese hässliche Visage einschlagen, bis nur noch Brei übrig war.
Um acht nach dem Abendbrot hatte ihn seine Mutter zusammen mit Akira zum BIT gebracht. Ihm war‘s egal, wichtig war nur dass er irgendwas zu tun bekam um auf andere Gedanken zu kommen.
Das BIT war von außen so ein riesiger Kasten und ihm war etwas mulmig gewesen als er die schwerbewaffneten Wachleute sah, aber was sollte das? Er wollte zum KSK und böse Jungs abknallen. Klar gehörte da viel mehr dazu, aber das wollte er nur mal so gesagt haben.
Man hatte sie empfangen und in einen großen Raum mit mehreren Tischen und Umkleidekabinen geführt wo sie ihre neuen Sachen anziehen sollten. Bei Ihm ein Anzug in Weiß und Schwarz und einen affigen Schlips in Unifarben. Die Mädels trugen ebenfalls Sachen in den gleichen Farben nur eben Röcke, Blusen, lange bunte Strümpfe und trotzdem auch Krawatten. Schöne Bescherung. Und sie durften auf dem Gelände auch keine anderen Sachen tragen, außer den Sachen, die man ihnen zur Verfügung stellte. Wozu hatte er dann sinnloserweise gepackt?
   Egal. Dann wurden sie ins Internat geführt was ein nicht minder riesiger Kasten war. Er würde sich ein Zimmer mit jemandem teilen müssen, den er noch nicht kannte. Derweil kamen Amber und Akira in ein Zimmer. Er schnallte die Kombi mit Amber und Akira nicht, sie waren nicht gleich alt und ihre Interessen? Ach keine Ahnung. Aber er bezweifelte dass sich Amber für Videoschnitt und Techreviews interessieren würde.
   Sein neuer Zimmergenosse war Sergej. Er war Russe und schon achtzehn, wenn auch erst seit Januar und er war Sohn des russischen Verteidigungsministers, zumindest der jüngste Sohn. Er nickte grimmig, er hatte im November Geburtstag und kannte das Problem mit dem eng beieinander liegenden Geburtstag und Weihnachten, sowas dämliches. Er beneidete Akira und Amber die beide im Sommer Geburtstag hatten.
   In einer Sache verstanden sie sich schon mal auf Anhieb: Sergej wurde von der Schule geschmissen, nachdem er ein paar Clowns heftig vermöbelt hatte, die seine Freundin angrabbeln wollten. Sergej war ebenso wie Jack sehr sportlich, aber fast so groß wie Kaz und wie ein Kleiderschrank gebaut, Jack war viel schlanker. Sergej war bestimmt ein guter Boxer. Und sie waren beide Zocker, waren Militärfans und lasen gerne. Der Russe war hier schon seit über einem Jahr.
   Also gab es hier anscheinend so eine Art Matchmaking System. Das Zimmer war gemütlich mit der einen Wand mit vielen Schränken und Schubladen und einem Etagenbett. Er würde oben schlafen, Sergej hatte Höhenangst. Unter dem großen Fenster ein großer Tisch mit super bequemen Drehstühlen, gut für einen Laptop oder fürs Lesen oder Hausaufgaben, sofern sie hier welche bekommen würden. Auf der anderen Seite gab es einen bequemen Sitzbereich mit einem flachen Tisch und noch mehr Regale. Das Bad war nicht riesig aber ziemlich gut ausgestattet, mit einer barrierefreien Dusche und ganz gut Stauraum.
   Auf dem Tisch hatten ihn ein paar echt coole Sachen erwartet. Ein nagelneues Prism 12 mit Schutzhülle in den Schulfarben. Ein Spectre Gaming 12, ein schickes nicht zu fettes Gaminglaptop.
Das musste er sofort ausprobieren und er startete einen Speedtest. Ihm klappte die Kinnlade runter, 10 Gigabyte Up- und Download und das im WLAN. Das war ja der Hammer. Zum Testen installierte er Steam, was problemlos ging und ihn sehr verwunderte, kein Admingedöns und alles. Der uralte Tombraider Teil war ja wirklich binnen Sekunden runtergeladen. Krass. Er dachte an die miese Leitung Zuhause, immer noch 8 Mb down und 1 MB up und das im Jahre 2045. Bei den Datenmengen heutiger Spiele war das echt zum heulen, die luden regelmäßig echt tagelang. Und der Laptop hatte eine 40 TB SSD, 256 GB Arbeitsspeicher und einen superschnellen 40 Kern Prozessor, sowie ein helles 17 Zoll Touchscreendisplay mitsamt Stift. Er war echt platt. Und dann natürlich nicht die Gamingmaus und das Wireless Gaming Headset und die Bluetooth Sport Kopfhörer zu vergessen, alles von Logitech aus dem HighEnd Bereich. Die Uni machte es ihm echt nicht leicht wieder nach Hause zu wollen.
   Und er fand auch einen Stapel mit einem Sportoutfit samt zwei Paar Schuhen und einem Freizeitdress für Freizeit eben. Wow. Das Zeug, besonders die Elektronik waren viele Tausend Euro wert, mindestens. Sergej erklärte ihm, dass er das Prism 12 auch als Schlüsselkarte für Türen, Spinde oder die Kantine verwenden könnte. Er dachte an sein schrottiges Uralt Handy, tja, dann würde er die Kontakte und die Daten übertragen und das alte Kackteil dann genüsslich entsorgen.
Er wusste die Specs von dem Prism 12 aus dem Kopf. HighEnd aller erster Güte. 64 Kern Arm Prozessor, 128 GB Ram, 24 TB Speicher, eines der besten Kamerasysteme die man für Geld kaufen konnte, Akku der praktisch unendlich lange hielt, stoßfest, fallsicher, Wasserdicht bis sechs Meter und lud natürlich kabellos. Kompatibel mit VR und AR Brillen der neusten Generation. Und an den Anschluss konnte man diverse Erweiterungshubs anschließen. Das war ein Supercomputer von der Größe einer Schokoladentafel. Einfach nur krank. Und das hatte er jetzt, einfach so und es gehörte ihm – zumindest wenn er genommen würde.
   Etwas säuerlich dachte er daran, dass sich Manfred Bluhm noch Bedenkzeit nehmen wollte, also waren Margarethe und gerade seine Freundin Yolanda nicht mit von der Partie. Er sah zu Sergej der auf dem Sofa ein Manga las. Er schnappte sich sein Prism 12 und prüfte ob seine Schlüsselkarte an ihrem Platz war. Sicher war sicher.
   Der Gang war hell erleuchtet und überall standen Blumen und Pflanzen herum. Im Zimmer rechts von ihm waren Akira und Amber.
   Er klopfte an die Zimmertür und nach einer Weile wurde ihm von Akira geöffnet.
„Was machst du denn hier? Geh doch woanders spielen. Ach man, du gibst ja eh keine Ruhe. Ok, komm rein.“
Er trat in ihr Zimmer ein und sah sich um, es war genauso geschnitten wie ihrs, nur Spiegelverkehrt.
Belustigt sah er dabei zu wie Amber eine dicke Pelzdecke auf das obere Bett auslegte. Au man, hatte die auch so einen Knall mit dem Zeug wie Liz? Und es war immer noch der totale Schock, sie mit so kurzen blond gefärbten Haaren zu sehen. Ihre lange Zottelmähne war viel toller gewesen fand er. Aber sie war auch so sehr süß. Jetzt sah sie ihn an, oh man hatte er sie echt die ganze Zeit lang angestarrt? Wie mega peinlich war das denn bitte. Wie war das eigentlich, sie war doch technisch nicht mit ihm verwandt und nur so auf dem Papier. Würde Kaz ihn lynchen wenn er etwas mit seiner bezaubernden kleinen Tochter anfangen würde? Naja, er vielleicht nicht aber Yolanda bestimmt, sie war einfach nur schrecklich eifersüchtig, was ihn des Öfteren auf den Keks ging.
Amber ging auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. Sie war viel kleiner als er, fast einen ganzen Kopf. Aber sie wirkte überhaupt nicht zerbrechlich auf ihn. Und in ihren Augen loderte es.
Mensch, du hast es hart. Mein Bruder kämpft ja nur mit dem Tod aber bei dir hat man gleich die ganze Familie abgeschlachtet. Ich frage mich echt wie du dich fühlst.
„Wie fühlst du dich Amber?“
Sie dachte einen Moment nach.
„Ich finde es doof, dass ich nicht bei Papa sein kann, aber ich finde es gut hier und Liz hat mir eine Decke geschenkt. Guck mal da oben, ist die nicht schön?“
Er starrte sie an. Wie konnte sie nur so ausgelassen sein, nachdem was mit ihrer Familie passiert war? Er dachte an Ryan. Wie er sich wohl fühlen würde, wenn er sterben würde? Fuck, denk doch nicht daran. Aber es würde sich bestimmt so anfühlen, als hätte man ein großes Stück aus ihm herausgerissen.
„Habt ihr schon den Stundenplan für die nächsten Tage gesehen?“
Amber und er schüttelten den Kopf. Zeig mal her Zicke. Warum war er eigentlich so gemein zu Akira, eigentlich mochte er sie doch ganz gern. Jedenfalls war er immer noch schadenfroh darüber, dass ihre Regenbogenmähne weg war. Aber ganz so kurz hätte sie ja trotzdem nicht gehen müssen.
Akira zeigte ihnen den Stundenplan, der galt bestimmt in der Form für sie drei. Er stutze. Aufstehen um fünf. Danach eine halbe Stunde Workout und um sechs Frühstück. Dann kam leider eine ganze Menge Theorie am Dienstag. Am Mittwoch stand Sport auf dem Plan und Donnerstag psychologische Gespräche. Freitag gab es noch eine Auswahl ihrer Wahlkurse und dann würden sie dann erstmal packen. Ob sie zumindest die Smartphones mitnehmen durften? Hoffentlich. Und hoffentlich wurden sie von der Schule aufgenommen. Aber er konnte sich nicht vorstellen dass es nicht so war. Die Familie Solomon war durch den Megakonzern Horizon bestimmt sehr wichtig gewesen. Unten am Tor hatte er das Schild mit den Sponsoren gelesen. Prism, Spectre, Horizon, Omega, eine Reihe von griechischen Buchstaben die ihm nichts sagten, die Flaggen einige Bundesländer und so weiter. Außerdem waren sie ja in einer Notlage.
   Mal gucken ob das Essen hier was taugte und mal gucken wen sie für Sport bekamen. Er hatte gehört, dass hier einige Ex Specialforces aller Nationen arbeiteten. Kaz hatte am Sonntag von einem Russen erzählt, der bei den Spetsnaz gewesen war und hier Sport unterrichtete – coole Sache. Wie viele SEALSs und KSK Operatoren hier lehrten? Im fiel etwas es.
„Sollen wir uns das Gelände nochmal angucken, bevor wir ins Bett müssen?“
Die beiden Mädchen sahen sich ein und nickten dann gleichzeitig, die Chemie der beiden war ziemlich gut schien es ihm. Sie gingen aus dem Zimmer der Mädchen und fuhren mit dem Fahrstuhl nach unten ins Erdgeschoss. Hier gab es für die Internatsschüler eine eigene Mensa, wie man ihnen vorhin erklärt hatte. Sie spazieren über den Campus, jetzt war es schon nach neun, allzu lange konnten sie also nicht hier draußen bleiben, wenn sie morgen fit sein wollten.
   Er wollte unbedingt den Sportpark sehen, die anderen seltsamerweise auch, die Mädchen hätte er gar nicht so eingeschätzt. Nicht das Akira unsportlich war, aber dass sie jetzt so sportversessen war fand er komisch und Amber konnte er einfach gar nicht einschätzen. Er fand sie sehr faszinierend. Sie hatte etwas sehr fremdartiges an sich, was nicht daran lag, dass sie aus Montana in den USA stammte. Nein irgendwie spürte er dass da mehr war, aber er wusste nicht so genau was.
Der Sportpark war riesig, wenn auch nicht sehr Parkartig grün. Aber er starrte auf den hohen Turm mit mindestens dreißig mal fünfzig Meter Grundfläche bestimmt über hundert Meter in die Höhe ragte. Zwei Seiten waren verglast und an den beiden anderen waren Kletterparkoure angebracht.
Plötzlich hörten sie schnelle Schritte, wie wenn jemand rannte. Sie sahen sich um und wie aus dem Nichts schlitterte ein Araber in viel zu dünnen Klamotten über den flachen Steinboden vor ihnen durch die Nacht und rappelte sich auf. Neugierig sah er sie an und kam auf sie zu. Wer zum Henker war das denn bitte? Moment Mal, das war doch der verrückte Araber den sie am Sonntag beinahe überfahren hatten. Was machte der denn hier?
„Seit ihr die Kinder der Familie Solomon?“
Sein Englisch war ausgezeichnet. Jack nickte verwundert.
„Klasse, ich bin euch als einer von zwei Klassenlehren zugeteilt. So wie ich das Verstanden habe sind die Klassen gemischt und bleiben bei einigen Unterrichtsfächern zusammen und bei anderen nicht. So was treibt ihr um diese Uhrzeit? Wollt euch wohl das Gelände ansehen. Ok, ich begleite euch, aber nur wenn ihr drei in meinen Parcour Kurs kommt. Kommt mit ihr müsst in nicht allzu ferner Zeit ins Bett“
Der Araber lachte etwas gackernd und strahlte sie an. Oh man. War das nicht dieser Weltklasse Kletterer und Parcour Sportler. Und DER war ihr Klassenlehrer? Wie geil war das denn?“
Was für eine Frage, natürlich folgten sie ihm. Und so spurteten sie über das nächtliche Gelände.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 10

10. Kaz – 1. W April 2045– Montagmorgen

Kaz Wecker ging um sechs und er gähnte und streckte sich genüsslich. So langsam wurde er mit dem Gedanken warm, unter einer dicken Pelzdecke zu schlafen. Und im Sommer? Er dachte daran, dass die gesamte Wohnung an eine Klimaanlage angeschlossen war. Also konnte man den Raum selbst im knallenden Hochsommer schön runterkühlen.
   Er schlug die Decke zurück und stand auf. Gestern Abend (oder heute Morgen?) hatte er noch die Entwürfe mit einer sehr kryptischen Nachricht an seinen Bruder geschickt. Der war künstlerisch noch talentierter als er und er war maßgeblich daran beteiligt gewesen, sein Buchuniversum mit Leben zu füllen. Nach dem vierten Band hatten sie ein paar Bildbände und Sachbücher mit den Wundern seiner ausgedachten Welt veröffentlich, darunter auch ein dickes Buch mit Risszeichnungen der ganzen Flieger, Fahrzeuge, Panzer und der „Hornets“. Er wollte gar nicht daran denken, wie viele Nächte sein kleiner Bruder am Grafiktablet verbracht hatte, anstatt bei Frau und Kind zu sein. Bestimmt so einige, sein Bruder war der totale Workaholic und brauchte glücklicherweise nur wenig Schlaf. Mal gucken welchen Spin er der ganzen Sache noch geben würde. 
   Liz hatte doch bestimmt die Bücher, darin würde er bei Gelegenheit mal wieder stöbern. Er verband so viele tolle Erinnerungen und Geschichten mit den Büchern.
   Er griff nach seinem Prism 12 und entsperrte es. Oho, Nachricht von Liz. Sie hatte ihm ein paar Selfies heute Morgen geschickt. Tja, in dem Outfit brauchte sie definitiv keine Bodyguards mehr, die sah ja richtig furchteinflößend aus. Wie dann nur die Sachen aussahen, die sein Bruder aus dem Ärmel schütteln würde. Er grinste Breit und zog sich etwas über.
   Frühstück? Ach ja da war ja was, die Reservierung im Cafe mit dem tollen Frühstücksbuffet, von dem ihm Liz vorgeschwärmt hatte. Im großen Wohnzimmer erwartete ihn Amber und sie machten eine halbe Stunde Sport, hier im Wohnzimmer war jede Menge Platz und mit dem Geländer oben waren auch Klimmzüge möglich. Akira stieß später dazu und sah ihnen von oben aus zu.
Dann gingen sie der Reihe nach ins Bad und zogen sich etwas an. Als sie um kurz vor sieben vor der Wohnungstür standen, fragte er in die Runde.
„Und wisst ihr schon welche Frisur ihr beide haben wollt?“
Die beiden sahen sich einen Moment verschwörerisch an und nickten dann grinsend. Oje, das konnte bestimmt nichts Gutes heißen. Er nahm seinen Laptop mit, wer wusste schon wie lang die beiden brauchen würden. Aber immerhin bedeutete das, dass sich die beiden ganz gut verstanden.
Dieses Mal fand er mit Bestimmtheit den Aufzug und sie fuhren ins Erdgeschoss hinab.
   Sie schlenderten durch die das Einkaufszentrum und zum Café im zweiten Geschoss. Sie hatten einen schönen Tisch mit einem Fenster nach draußen zum Lichthof. Kaz entdeckte sofort das riesige Buffet, das köstlich duftete. Er dachte an das geile Steak gestern und seit Magen brummte. Sie waren definitiv nicht die einzigen und sie stellten sich schnell an, um nicht in das Gedränge zu geraten.
Kaz stellte fest, dass seine Nichte auch ein kleiner Nimmersatt war, so wie er und Amber auch. Das Essen war echt lecker und er konnte nicht genug bekommen. Beim vierten Gang zum Buffet dachte er grinsend daran, dass sie für das Buffet eine Pauschale zahlten und nicht für die Menge an verputzten Köstlichkeiten.
   Kurz vor acht brachen die Mädchen auf, Akira strich sich noch einmal etwas traurig durch ihre toll gefärbten Haare. Kaz brachte die Teller weg und ließ sich bei der Kuchenauswahl beraten. Der Zitronen- Baissekuchen klang lecker und er bestellte es zusammen mit einem Milchkaffee.
Er bemitleidete Akira sehr, ihre Haare waren einfach umwerfend, aber Bildung war dann doch vielleicht noch ein Zacken wichtiger als das. Und bei Amber hatte er ein schlechtes Gefühl, ihre lange Zottelmähne sah einfach so toll aus – die würde er echt vermissen. Er lehnte sich in die Bequemen Polster zurück und sah sich um. Einen Tisch weiter unterhielten sich eine Gruppe Mädchen, von denen die jüngste vielleicht in Ambers Alter war, lautstark auf Russisch. Die rechte, die mit dem Rücken zu ihm saß, hatte ein Schulterfreies Oberteil an und er sah den schwarzen verzerrten Totenkopf auf ihrer linken Schulter eintätowiert. Das Symbol der schwarzen Geister aus seinem Buch, das auch die Einbände zierte. Er schmunzelte und öffnete seinen Laptop mit einem groben Skript für seinen neuen Roman, der wieder im in seinem Science-Fantasy Universum spielte, dass mit Band vier eigentlich zu Ende war. Aber er konnte seine Figuren natürlich nicht in Ruhe ihren Lebensabend genießen lassen. Was wohl Nate, Ted, Liz, Noah und die restliche Rasselbande trieben?
Er fragte sich ob es ihm Liz übel genommen hatte, dass ihre Figur im Buch eine bildhübsche aber kannibalische Mörderin war. Sie hatte sich zumindest nicht bei ihm beschwert, oder sie nahm es einfach sehr gelassen. Mal gucken was er dieses Mal mit ihnen vorhatte. Vielleicht war es doof und unklug, die Serie wieder aufzugreifen, aber im vierten Band hatte er bewusst nicht alle Fragen ganz beantwortet. Dabei grinste er breit. Er sah auf als der Kuchen und sein Kaffee serviert wurden und er bedankte sich, er aß ein Stück vom Kuchen und stöhnte genießerisch auf, der war ja fantastisch. Tja, das würde heute wohl nicht der einzige Kuchen sein, der in seinem Magen verschwand.
Er nippte an seinem heißen Kaffee, der auch sehr gut war und schlug ordentlich in die Tasten, jetzt gerade war sein Kopf voller Ideen.
   Er war so vertieft, dass er nicht bemerkte, wie zwei Mädchen neben seinem Tisch standen und ihn breit angrinsten. Er warf einen verwirrten Blick auf die Uhr, ui schon fast zehn. Moment Mal, er besah sich die Mädchen genauer und ihn traf der Schlag. Das waren definitiv Amber und Akira. Und von ihren langen Haaren war rein gar nichts mehr übrig, beide hatten eine annährend ähnliche Frisur mit super kurz geschnittenen Seiten und Nacken und etwas längerem Deckhaar. Das war bei Amber gerade lang genug um sich die Strähnen hinters Ohr zu schieben und alles in Platinblond. Und bei Akira war das Deckhaar super kurz, vielleicht vier oder fünf Zentimeter und stachlig mit Gel frisiert, ihr Haar war ebenfalls Platinblond. Die beiden setzten sich zu ihm an den Tisch und er musterte sie neugierig. Er klappte den Laptop ein und räumte ihn weg.
„Mensch ihr seht so ungewohnt aus, steht euch gut, aber du Akira hättest es wohl kaum noch Kürzer schneiden lassen. Ich werde wohl eine Weile brauchen, bis ich mich daran gewöhnen werde.“
„Naja, ich kann mir immer noch eine Glatze machen, so wie Tante Liz.“ Sie zwinkerte ihm zu.
„Ok ihr beiden, wollt ihr noch ein Stück Kuchen und einen Kaffee oder ne heiße Schokolade?“
Die beiden sahen sich an und nickten, Kaz rief nach dem Kellner und die beiden bestellten Kuchen und jeweils eine heiße Schokolade mit Sahne.
„Na was habt ihr Mädels jetzt vor? Der Tag ist jung.“
„Ich hab mit Amber schon darüber gesprochen, können wir uns ein bisschen die Stadt ansehen? Jack, Yolanda und Sahid und natürlich Nate von der Security sind mit von der Partie? Sie holen uns um elf hier ab.“
„Klar könnt ihr das, wenn Nate dabei ist mache ich mir keine Sorgen, der kommt mit ein paar Kindern und einem verrückten Araber gut klar. Macht euch einen schönen Tag.“
Die beiden strahlten. Es freute ihn, dass Amber so schnell schon eine scheinbar so gute Chemie mit Akira hatte. Er hatte schon befürchtet Amber würde sehr lange brauchen um hier in Deutschland Anschluss zu finden.
   Die Leckereien wurden gebracht und die beiden machten sich mit sichtbarem Genuss über die Sachen her, gefolgt von etwas zufriedenen Schmatzen und lautstarkes Schlürfen der scheinbar köstlichen heißen Schokolade. Kaz wurde warm ums Herz.
Um Elf kamen die anderen und die waren total baff als sie die frisch frisierten Mädchen sahen. Sahid schien ein bisschen unter Schock zu stehen, taute aber auf, als seine Freundin ihn mit Küssen eindeckte. Amber wirkte etwas unsicher aber Kaz drückte sie fest und versicherte ihr, dass alles gut werden würde. Sie umarmte ihn fest und er strich ihr eine blonde Strähne aus der Stirn.
Kaz umarmte auch Jack. Eine Schande, dass sie gestern gar nicht so richtig Gelegenheit gehabt hatten sich zu unterhalten und näher kennenzulernen, das musste er dringend nachholen. Er mochte den Jungen sehr, er hatte viel Potential und die Sache mit seinem Bruder war so eine Schande.
Er schüttelte Nates Hand und der ex Soldat salutierte grinsend vor ihm, dann ging er mit den Kindern und Sahid raus und in die Stadt. Kaz bestellte sich noch eine eisgekühlte Cola und trank diese beinahe in einem Zug aus, dann bezahlte er die absurde Rechnung und gab der lächelnden jungen Kellnerin ein sattes Trinkgeld. Er schnappte sich seinen Laptop und ging raus. Dabei fiel ihm eine junge Frau mit einer schicken schwarzen Kurzhaarfrisur auf, die in einer Ecke saß und ihm nachsah. Wer das wohl war? Vermutlich irgendein Fan. Er ging erstmal nach oben zur Wohnung um sich etwas Anderes anzuziehen. Beim Briefkasten hielt er inne, hatte er die Befugnis den Briefkasten zu leeren? Bestimmt schon, immerhin wohnte er jetzt quasi hier. Er hielt das Armband an den Briefkasten und der klappte mit einem lauten Klacken auf. Gleich vier Sachen, zwei Postkarten und ein etwas dickerer Briefumschlag und ein schmales Päckchen, alles an ihn adressiert, erstaunlich. Gespannt ging er ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa ohne Pelzdecke. Die eine Postkarte zeigte das BIT und Yusuf lud ihn auf einen Tee ein und hinterließ ihm seine Kontaktdaten. Die andere zeigte mit polnischem Nationalstolz eine Luftaufnahme der Omega Hauptwerke in Polen und war von Xen, der ihn in Deutschland begrüßte und ebenfalls einlud ihn zuhause in Polen zu besuchen und nicht zu vergessen, seinen Omega endlich abzuholen, der schon seit ein paar Monaten auf ihn wartete. Kaz tippte die Adresse in sein Handy. Huh, das war ziemlich weit im Osten in irgendeinem kleinen Kaff. Na gut, dann würde er da mal bei Gelegenheit vorbeizockeln, aber dafür würde er einen fahrbaren Untersatz brauchen.
   Der Brief war aus Moskau und von Anna. Er seufzte und riss gespannt den Umschlag auf und schüttete den Umschlag auf den Tisch. Ein paar Fotos und ein handgeschriebener Brief. Er betrachtete grinsend die Bilder, die würde er Liz besser nicht zeigen, die würde knallhart eifersüchtig werden … und Amber auch nicht, dafür hatte Anna auf den Bildern zu wenig an. Aber es waren auch ein paar ganz unschuldige Bilder dabei, wo eine Russin in seinem Alter mit langen blonden Haaren und warmen beinahe türkisen Augen in die Kamera strahlte, kein Makeup. Anna war eine sehr natürliche Schönheit und sie war ein Topmodel, jedenfalls war sie es bis vor drei Jahren gewesen, dann hatte sie sich zurückgezogen und mit dem Fotografieren angefangen. Und ein bisschen Instagram natürlich auch, aber sie hatte eine eher bescheidene Anzahl an Followern.
Er kannte Anna schon sein halbes Leben und die erste Begegnung war knapp an der totalen Vollkatastrophe vorbeigeschrappt. Aber sie hatten sich schnell gefangen und sich ineinander verliebt. Tja, Liz war zwar definitiv seine beste Freundin, aber Anna war die Liebe seines Lebens.
Sie war lieb und nett zu Tieren, offen, treu, warmherzig, hatte ein tolles Lachen und eine noch tollere Stimme. Er liebte sie über alles, er musste sie dringend mal wieder besuchen, oder sie ihn.
Sie war Russin und mittlerweile recht wohlhabend, ob sie wohl auch so sehr in Pelze vernarrt war wie Liz? Kann gut sein, aber andererseits wohnte sie in einer sehr bescheidenen kleinen Wohnung und fuhr einen uralten schrottigen Lada. Als er ihr tolles Foto betrachtete vermisste er sie sehr.
Er würde die Fotos verstecken. Ihr Brief war in ihrer feinen Mädchenhandschrift auf Deutsch geschrieben. Er lächelte warmherzig als er die Zeilen überflog. Sie vermisste ihn ganz schrecklich und würde ihn so gerne wieder in die Arme schließen. Ihn und seine Tochter Amber.
Sie hatte am Ende des Briefes einen dicken Schmatzer mit rotem Lippenstift hinterlassen. Er hielt das Papier an seine Nase, es roch nach ihrem tollen Parfüm … und ihrer muffigen Wohnung. Er grinste breit und faltete den Brief und versteckte ihn mitsamt den Fotos in seinem Koffer.
Dann öffnete er das kleine Päckchen und fiel fast hinten über. Ein Autoschlüssel für einen Defender 2040 und ein Bild von seinen Geschwistern und Liz. Er drehte das Bild um.
„für unseren liebsten großen Bruder/Freund. Geschenk wartet in der Tiefgarage auf dich.“
Oh man, was für Pappnasen. Den musste er gleich mal auskundschaften. Und er wollte sich das Fitnesscenter und das Schwimmbad ansehen. Emma hatte ihm gestern eine tolle Neuigkeit erzählt, dieses Haus war gar nicht von ihr. Ein internationales Büro mit Sitz in Taiwan hatte den Zuschlag bekommen, aber sie hatten sich stark an Emmas Entwurf aus ihrer Master Arbeit orientiert. Er grübelte über die Bedeutung nach. Zumindest war das hier ein richtiger Bunker, Die Fensterscheiben waren irrsinnig dick, von den Wänden und Decken ganz zu schweigen. Und das Sicherheitssystem war erstklassig, wahrscheinlich das Beste der Welt. Da hatten bestimmt Lara oder Mulan ihre Finger im Spiel gehabt, er würde Hal bei Gelegenheit mal fragen.
   Er speicherte sich Yusufs Daten schnell ein und ging dann mit seinem Rucksack unterm Arm los. Ansehen, nicht trainieren oder schwimmen. Im Fahrstuhl drückte er auf Untergeschoss und sie schossen nach unten. Er landete in einem großen Lichthof. Anscheinend war der Boden um den Springbrunnen aus Glas. Unter dem Brunnen war ein hoher breiter Zylinder aus Beton mit einer eingelassenen Wartungstür. Hier war auch viel Licht und Grün und es gab Gelegenheiten zum Sitzen.
Schilder führten ihn zu den Kellern, zur Tiefgarage und zum Schwimmbad und zum Studio. Er ging erstmal zum Schwimmbad. Er drückte die schwere Tür auf und erstarrte. Er stand in einem breiten Gang mit einem riesigen Aquarium mit einer Korallenriff Landschaft. Er trat näher heran und beobachte einen sichtbar gelangweilten Hai der durch das Becken schwamm, zusammen mit einer Myriade anderer farbenfroher Fische. Zu seiner linken war eine hohe Glaswand und er sah hindurch.
Liz, ein paar Bahnen? Kleines Schwimmbad? Was zum Henker ist für dich denn bitte klein?
Er starrte auf eine riesige unterirdische Halle, deren Decke rund 15 Meter hoch sein musste. Er sah sechs 50 Meter Bahnen, Einen großen Freizeit-Bereich mit Kletterburgen, Wasserbahnen und Rutschen. Whirlpools und eine Entspannungsoase. Nicht zu vergessen eine Lounge mit Bar und Imbiss. Ein richtiges großes Schwimmbad – unter der Stadt. Durch große Oberlichter in der Decke fiel helles Tageslicht. Einfach nur wow. Es war um die Uhrzeit sogar schon einiges los. Schwimmer zogen ihre Bahnen, Kinder plantschten und Jugendliche gaben sich Wasserschlachten.
Er las die große Informationstafel neben dem Eingang. Oho, das Bad war rund um die Uhr geöffnet und die Eintrittspreise waren gar nicht mal so teuer und für Hausbewohner kostenlos, inklusive Benutzung der Snackbar. Das klang doch ausgezeichnet.
   Er ging wieder raus durch die elektronische Tür und in die andere Richtung zum Studio. Hier war es ähnlich, wieder ein breiter Gang mit Fenster und wieder ein Terrarium, diesmal mit Kriechtieren und anderem Viehzeug. Er betrachtete den Waran, der schlapp auf einem Ast pennte, gut so, würde ich an deiner Stelle auch machen. Schmerzlich dachte an seine große Terrorechse (wie Liz ihn nannte) Kasimir, den er auf seiner Ranch zurücklassen musste.  Was das Vieh wohl trieb?
Egal, er sah durch die Scheibe und staunte nicht schlecht. Wieder so eine Riesenhalle. Ein mehrstöckiges offenes Studio mit unzähligen Geräten. Dazu verschiedene Parcours auf der freien Fläche und eingerahmt von einer hohen Kletterwand. Es gab auch hier eine Theke oder Bar, wo man sich Shakes holen konnte. Es war einiges los. Er beobachtete einen Freeclimber an der hohen Mauer und dachte an Yusuf. Auch hier gab es große Oberlichter.
   Das Studio war auch ganztäglich geöffnet. Na dann könnte er hier jeden Tag vor dem Frühstück zum Trainieren herkommen. Er würde seinen Rhythmus etwas umstellen und sich von 4:30 auf 6:00 gewöhnen, dann würde er einerseits Liz mehr sehen und könnte andererseits jeden Tag bei dem tollen Café von vorhin frühstücken. Er wusste jetzt schon, dass seine Faulheit siegen würde und er ins Café zum Essen ging anstatt sich selbst etwas zu machen, aber dafür war das Buffet auch einfach so verdammt lecker gewesen.
   Er riss sich los und ging in die Garage. Die ging über mehrere Etagen. Überall nur schwere Geländewagen und Supercars, so viel zu grünem Viertel und so. Bei „3-VII“ blieb er irritiert stehen. Drei Stellplätze … was war denn das für ein Exzess? Reichte ein teurer Wagen nicht?
Jedenfalls erblickte er sofort den schweren Land Rover Defender 110 der Edition 2040 in Olivgrün. Mit Seilwinde und schwerem Dachträger und allem. Grinsend stieg er ein und startete den volltönenden Motor, es war voll aufgetankt worden. Er tippte die Adresse vom BIT ins Navi ein und navigierte zum Ausgang wo das schwere massive Rolltor zur Seite glitt und er die erstaunlich flache Ausfahrt nach oben fuhr. Der Defender zog gut an, bei seinem alten hatte er immer gefürchtet die Kiste würde an „Herzversagen“ verrecken, mit diesem schwachen Diesel der kombiniert 15 Liter oder sowas gezogen hatte. Er dachte grinsend an Yusufs Schlepper, der zog bestimmt mehr Diesel als ein uralter Leopard 2 Kampfpanzer.
   Er fädelte sich in den dünnen Verkehr zum BIT ein. In einem Bruchteil der Zeit im Vergleich mit der Fahrt gestern war er da, über die Freisprechanlage hatte er Yusuf kontaktiert, der auf ihn am Eingang warten würde. Kaz suchte sich einen freien Stellplatz auf dem Besucherparkplatz und stieg aus dem Wagen. Er sah sich um. Erstaunt bemerkte er einen gar nicht so kleinen S-Bahnhof in unmittelbarer Nähe, und er sah das Schild für die U-Bahn „Campus BIT“. Dann war Berlin Solomon also auch auf diese Weise an das Verkehrsnetz angebunden, das machte definitiv Sinn. Er schritt auf den Bunkerartigen Haupteingang zu und meldete sich am Empfang.
Auf der anderen Seite begrüßte ihn Yusuf mit einem kräftigen Handschlag. Der Araber sah etwas zurechtgestutzter aus, mit einem jetzt gepflegten Bart und kürzeren Haaren. Er bemerkte seinen Blick.
„Hygiene Vorschriften und Uni Regelungen.“ sagte er trocken „Mensch wie geht’s dir? Was hast du gestern noch gemacht?“
„Ich hab mir mit meiner Tochter noch in Ruhe das BIT angesehen und wir haben beschlossen, dass sie hier zur Schule gehen soll. Morgen startet der Evaluierungskurs. Und die Kinder meiner Geschwister werden auch hier herkommen. Sie wurden der Schule verwiesen, nach der Geschichte mit diesem Arschloch Adrian Drosser vor zwei Wochen.“
„Oh man, davon hab ich vage was mitbekommen. Mensch cool, ich bin morgen für diesen Kurs eingeteilt worden. Dann kann ich mir die Kids gleich mal genauer ansehen. Ich bin echt gespannt was deine kleine so drauf hat.“
„Sie ist topfit, hoch diszipliniert und sehr ehrgeizig. Ich könnte mir vorstellen, dass sie den Parcour Kurs besuchen möchte. Aber sie ist sehr schüchtern.“
Yusuf lachte gackernd.
„Komm mit man, ich muss dir die schlafende Schönheit vorstellen.“
Und er schoss davon und Kaz hatte ein bisschen Mühe ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Der Campus war riesig und dicht mit hohen modernen Gebäuden und einigen Wolkenkratzern bebaut.
Er folgte Yusuf zu einem großen Platz wo die schrottige Zugmaschine etwas Abseits stand. Ein dickes Stromkabel führte zur Zugmaschine. Seine Aufmerksamkeit erregte eine Trapezförmige Stangenkonstruktion die hoch über der Zugmaschine in die Höhe ragte und mit einem dunklen Textil bespannt war. Clever, ein Sonnenschirm in groß. Das Tuch hing im Zentrum durch und dort war ein Schlauch befestigt. Coole Sache, so fing Yusuf sein eigenes Wasser. Er nahm an, dass der Araber einen Wasserfilter hatte. Um die Kiste waren große Teppiche ausgerollt und auf einem stand ein Klapptisch samt Stuhl und auf dem Buch lag ein zerflederter Roman, Band drei der Geister Quadrologie, Kaz schmunzelte. Gegen einen der Reifen war ein klappriges Fahrrad gelehnt. Ohne Licht und mit anscheinend nur mit Rücktrittbremse.
„Nur zu, tritt ein. Ich hab ein bisschen aufgeräumt.“
Kaz stieg durch die niedrige Tür ins Innere und hier konnte er gut stehen. Auf der rechten Seite war das Klo, durch eine klapprige Schiebetür verschlossen. Links ging es in einen Wohncontainer.
rechte Hand ein altes Stoffsofa und darüber war eine Hängematte angebracht. Eine kleine Kochnische mit einem Gaskocher und einem improvisierten Spülbecken. Ein kleiner Klapptisch. In der Erker-Nische mit den quadratischen Fenstern stand ein bequem aussehender Bürostuhl, dick mit Kissen und einer groben Wolldecke bedeckt, neben einer nackten Glühbirne, die von der Decke hing. Rechts daneben sah er eine kompakte Dusche, die durch einen alten Vorhang vom Rest abgetrennt war. Und links war ein Regal, mit ein paar Büchern und Kleidungsstücken und Nahrungsmitteln. Alles war total improvisiert und war eher zweckmäßig, aber es wirkte wohnlich und richtig gehend gemütlich. Die Wände waren wild mit Postern und Stickern beklebt. Der Araber war mit seinem Truck schon wirklich überall.
   Yusuf bedeutete ihn nach ob auf das Dach zu klettern. Wow das war toll. Hier hatte Der Araber auf der einen Seite ein kleines Planschbecken aufgebaut und auf der anderen Seite war ein flacher Tisch, mit dampfender Teekanne, Teegläsern und eine Schale mit arabischen Süßigkeiten. Dazu Sitzkissen. Dahinter war ein Liegestuhl aufgebaut.
   Yusuf bedeutete ihm sich zu setzen und er folgte der Bitte. Yusuf setzte sich gegenüber und goss ihnen Tee ein.
„Das ist weißer Tee aus China. Ich hab ihn auf meinen Reisen mitgebracht. Und bedien dich nur bei den Süßigkeiten, ich hab sie bei einem Araber in Berlin Solomon gefunden und sie sind ganz frisch.“
Kaz bedankte sich und nahm sich ein paar Stücke Baklava. Es war schön süß mit viel Honig und richtig lecker, er liebte Baklava und es war gut zu wissen, dass es hier einen Laden für sowas gab. Der Tee war auch ganz ausgezeichnet.
„Hast du dich schon eingelebt?“
Fragte er den Araber. Yusuf zuckte mit den Schultern.
„Ich vermisse ein bisschen die Berge, aber hier gibt es eine Menge Möglichkeiten zum Klettern und für Parcour. Aber alles hier ist so riesig. Es wird Wochen dauern, bis ich mich auf dem Campus und in der Stadt zurechtgefunden habe. Dennoch denke ich, dass ich mich hieran gewöhnen kann. Und die Bezahlung ist aller erste Sahne. Und ich hab schon ein paar Süße Mädels gesehen“
Bei der letzten Bemerkung grinste er breit. Sie aßen Süßigkeiten und tranken in Ruhe Tee und sie erzählten sich gegenseitig von ihrem Leben.
   Yusufs Eltern und sein großer Bruder wurden von ISIS Kämpfern im mittleren Osten getötet als er neun war, von dem an hatte er sich selbst durchgeschlagen, wobei ihn seine unnatürliche Akrobatik und Schnelligkeit mehr als einmal den Hals gerettet hatten. Über die Jahre hatte er sich durch verschiedene Jobs etwas dazu verdient und schließlich so viel für einen Führerschein. Den Truck hatte er in Afghanistan gefunden und sich sofort darin verliebt. Und er wollte lieber gar nicht erst wissen welche absurden Geldmengen für Sprit er schon verbraten hatte. Er hatte so ziemlich jeden Berg in Europa, Asien und Afrika bestiegen. Nur in die USA ließ man ihn mit seinem Truck nicht.
Kaz hörte aufmerksam zu und erzählte ein bisschen von sich.
   Er war der älteste Sohn eines sehr erfolgreichen Architekten mit seiner japanischen Frau. Seine Schullaufbahn war sehr unterdurchschnittlich gewesen und er hatte zwei Ehrenrunden gedreht bevor er mit 20 sein Abitur hatte. Dann hatte er fünf Jahre lang Informatik an der TU Berlin studiert. Bei einem Sportunfall hatte er sich die Schulter stark verletzt und wurde in Potsdam von einer jungen Physiotherapeutin behandelt, mit der er sich schnell anfreundete – Liz. Sie half ihm und ihm Gegenzug half er ihr in einer schweren Krise ein paar Jahre später. Sie wurde schnell seine beste Freundin. Er erzählte von seinem scheiß Job als Programmierer, seine Ausbildung zum Koch und von dem Riesenkrach mit seinen Eltern. Von den USA, von seiner Ranch in Texas und von Kasimir. Und von Amber, seiner Tochter.
„Mensch, da hast du ja ein aufregendes Leben hinter sich.“ Yusuf zwinkerte.
„Ach halb so wild, ich glaube deins klingt spannender.“
Beide lachten laut auf und Yusuf schenkte Tee nach. Sie saßen beide eine Weile dort.
„Entschuldigen sie bitte?“
Kaz und Yusuf sahen auf die Fläche vor dem Truck. Dort stand Indira von gestern.
„Hätten sie beide einen Moment Zeit? Der Leiter des Instituts würde sie gerne ins Observatorium einladen.“
Sie sahen sich an und nickten dann. Yusuf sprang einfach und rollte sich ab während Kaz außen an den Gerüsten herunterkletterte. Die junge Inderin, die hier bestimmt Studentin oder eine wissenschaftliche Assistentin war, verbeugte sich dankbar vor ihnen und führte sie über den Campus zum größten Gebäude, das riesig hoch in die Höhe ragte und das an der Spitze eine große verglaste Pyramide besaß.
   Kaz sah sich staunend um. Das sah von Innen aus, wie die Lobby eines super edlen Hotels. Indira stieg mit ihnen in den Aufzug und der zischte in Affenzahn nach oben. Kam es ihm nur so vor, oder war der hier noch schneller als der in Liz Haus? Was war denn bitte das Observatorium und warum wollte der Leiter der Uni ihn sehen, er war doch nur ein Niemand.
   Der Fahrstuhl hielt an und sie stiegen aus. Hier oben war ja ein Restaurant samt Cafe! Er sah sich neugierig um. Indira führte sie zu einem Tisch für vier Personen etwa abseits. Dort stand ein hochgewachsener Araber mit graumeliertem Haar und kurzem Bart und einer randlosen Brille auf der Nase, er trug einen weißen Anzug mit einer unpassend bunten Krawatte. Neben ihn stand ein alter Mann mit einem Schlohweißen Haarschopf und ebenfalls langem weißen Bart in einem Safrangelben Gewand. Er sah aus wie die arabische Version von Gandalf aus dem Herrn der Ringe und Kaz schmunzelte bei dem Gedanken. Die beiden Männer verbeugten sich, als sie Kaz und Yusuf sahen. Der mit der Brille war etwa Ende fünfzig und Kaz schätzte den anderen auf über achtzig, dafür war der Blick des Alten messerscharf.
„Ich freue mich sehr, dass sie der Einladung gefolgt sind. Mein Name ist Adam und ich bin der Leiter des BIT und neben mir steht mein Vater Abubakr, er ist der Präsident des BIT. Bitte setzen sie sich doch oder wollen sie erst die Ausblick genießen?“
Kaz nickte nur und trat dann neugierig ans Fenster, beim Ausblick fiel ihm die Kinnlade herunter. Von hier oben sah man halb Berlin und auf der anderen Seite bestimmt halb Potsdam. Moment war da auf der anderen Seite nicht mal ein großer Wald gewesen? Er betrachtete das Tischchen mit einem Fernglas ein paar Meter von ihm entfernt. Adam nickte nur. Kaz nahm das Fernglas in die Hand, schraubte die Schutzklappen ab und sah nach draußen, die Verstärkung war echt gut, aber er brauchte ein bisschen sich zu orientieren.
   Von hier aus sah man ganz Berlin Solomon. Sie waren so weit oben, leider hatte er keinen Stadtplan. Er folgte den Gleisen vom S-Bahnhof Campus BIT zu einem riesigen Klotz aus Stahl, Glas und Beton der ja mal einfach spielend größer war als der Berliner Hauptbahnhof. Und so gnadenlos hässlich, dass nur sein Vater das verbrochen haben konnte. Interessiert beobachtete er etwa, was wie eine große Badewanne aus Beton und Glas aussah. Umso faszinierter beobachtete er den Landeanflug eines Lambda Belugas in die Badewanne. Dann war das also auch ein Flughafen. Kleinere Swordfish und Orcas landeten und starteten von ungleich kleineren Plattformen und ein ICE schoss die Schienen entlang. Also nicht so wie in Potsdam, wo nichts Größeres als ein Regio hielt. Sein Blick glitt nach links, wo eine Reihe von Stadien seine Aufmerksamkeit erforderte. Er sah Berlin so selten von Oben, von daher fehlte ihm der Vergleich, aber dieses Stadium da, das war doch bestimmt größer als das Olympiastadion oder irrte er sich. Dahinter erhob sich eine hohe Skyline an hässlichen Wolkenkratzer, die seinen Blick weiter nach Nordosten in Richtung Spandau verschleierte. Zumindest war hier überall viel Grün. Sein Blick wanderte nach rechts über den breiten Havelsee der von … Moment … mindestens drei Brücken überspannt war. Der Bahnhof, ähm … Flughafen war so enorm groß das er nur erahnen konnte was dahinter lag. Aber da zwei Brücken auf dem Gelände des BIT waren, auf das nicht jeder einfach so draufkam, musste wenigstens mehr als eine Brücke noch den See überspannen. Die rechte Seite Berlin Solomons war etwas flacher bebaut, wenn man einmal von dem pyramidenförmig umbauten Platz der Nationen absah. Er sah viel Grün, heißt viele Parks und viele normale Wohnhäuser, wenn auch nicht die kleinsten Wohnhäuser. Er fand es nett dass die Ufer der Havel zu einem langen schmalen Park ausgebaut waren. Wie viele Gärtner die Stadt wohl angestellt haben? Bestimmt hunderte. Und er wusste mit Sicherheit, dass dort hinter dem Platz der Nationen die Solomon Akademie war, wo noch mehr Idioten ausgebildet wurden um unästhetisch hässliche Architektur in die einst schöne Landschaft zu kacheln.
   Er hatte mehr als einmal daran gedacht seinen Namen zu ändern, sein Vater hatte ihn eh schon enterbt. Aber mit dem Namen seiner Familie wollte er eigentlich nichts mehr zu tun haben. Hätte er die Bücher doch damals nur unter einem Alias verkauft. Aber er Doofsack wollte es seinen Eltern eben doch zeigen, dass er kein Versager war.
   Er sah jetzt ganz nach links wo soweit er sich erinnern konnte immer nur ein Wald gewesen war.
Jetzt fiel ihm die Kinnlade herab. Eine riesige Stadt so schien es, mit mehreren großen Komplexen und einer immer höher werdenden Mitte die mit einem schwarzen Gebäudeturm bestimmt einen Kilometer in dir Höhe ragte. Horizon prangte in riesigen Buchstaben außen an der Fassade. Ein Güterbahnhof mit unzähligen Schienen, von denen voll beladene Güterzüge ein und Ausfuhren und ein verdammter Flughafen. Johnny hatte ihm davon ganz am Rande erzählt, aber doch nicht so. Dieses Monster war doch wohl größer als Tegel. Frachtbelugas wurden beladen und beladen. Und schwarze Superbelugas standen mit ihrer Geleitstaffel Huckepack auf dem Rücken etwas abseits.
Er sah gigantische Hallen sich bis zum Horizont erstrecken.
„Das dort drüben ist Horizon, die Industrieperle dieser Nation. Dort wird an bahnbrechenden neuen Entwicklungen geforscht. Viele unserer Studenten gehen nach dem Abschluss zu Horizon. Die Firma ihres Bruders ist übrigens auch ein großer Sponsor und Befürworter des BIT. Sie sehen den großen Horizon-Tower, das Medizinische Zentrum und die Fabriken. Sie müssen wissen, dass Horizon mittlerweile der größte Fertiger für Halbleiter Chips in Europa ist. Prism aus Frankreich und Spectre aus Russland lassen hier ihre Chips produzieren.“
Wow, da hatte sich sein Bruder ja ein richtiges Imperium aufgebaut. Er erschauderte bei dem Gedanken, dass Horizon überall auf der Welt Niederlassungen hatte. Die größten in Großbritannien, USA, Indien, China, Russland und Japan. Das war doch längst kein Milliardenkonzern mehr.
„Möchten sie sich jetzt setzen? Die Mittagskarte für heute sieht gut aus. Sie sind herzlich eingeladen.“
Kaz ging wieder zum Tisch zurück und setze sich. Sie saßen überkreuzt.
„Wie hab ich Ihnen die Ehre einer Einladung, ich bin ja eigentlich niemand.“
„Ach ich bitte sie, dass würde ich nicht sagen. Zum einen sind sie der Onkel dieser bezaubernden jungen Frau Akira, die ja wünscht hier zur Schule zu gehen und morgen den Einstiegskurs macht. Ich hatte die Ehre sie schon vor zwei Jahren kennenzulernen und wir haben mit ihr zusammen hier mehrmals gespeist. Damals hat meine Mutter noch gelebt, Allah sei mit ihr.
Jedenfalls hat mir Sahid und auch Akira sehr viel von Ihnen erzählt, es scheint mir, als würden sie so viele gute Dinge in den Gang treten. Die Firma ihres Bruders, die Werkstatt ihres besten Freundes, die Karriere ihrer besten Freundin und jetzt die Karriere ihrer Nichte.
Und wenn wir schon dabei sind: sie haben mit ihren Büchern eine ganze Generation Jugendlicher und junger Erwachsener geprägt. Nur die Fakten. Millionenfach verkaufte Bücher, in über 30 Sprachen übersetzt, Hörbücher in unzähligen Sprachen und man hört davon, dass man ihre Geschichte in ein Film- oder Serien-Epos umsetzen will. Sie haben Millionen von Menschen in eine faszinierende Welt entführt und spannende Geschichten erzählt. Viele unserer besten Schüler und Studenten sind Fans ihrer Werke und versuchen ihre Kreationen in der Realwelt zu erwecken. Mit Erfolg würde ich sagen, wenn man sich beispielsweise den Orca von Lambda ansieht. Sie sind keinesfalls unwichtig in der Geschichte ihrer Familie!“
Kaz war total geplättet. Er dachte immer, er würde Bücher so aus Spaß schreiben und die Auflagen wären immer so gering. Vielleicht sollte er mal ein Wörtchen mit seinem Verleger sprechen. Er hatte ihm zwar eingebläut, dass er keinen Quark hören wollte, aber Millionenauflagen waren vielleicht wichtig oder?
„Und sie Yusuf. Sie sind ein wahres Naturtalent des Kletterns und er Akrobatik. Sie klettern wie ein Gecko an den Steilwänden und ihre Parcour Künste sind einfach nur Weltklasse. Es ist uns allen eine große Ehre sie hier willkommen zu heißen. Unsere Schüler sind jetzt schon hellauf begeistert und werden sich scharenweise für ihre Kurse einschreiben.“
Yusuf wand sich etwas verlegen auf seinem Stuhl und nickte.
„Hier sind übrigens die Speisekarten für heute, es gibt dieses Mal traditionell deutsche Kost“
Kaz entschied sich für den Sauerbraten mit Klößen und Rotkohl.
Sie unterhielten sich den halben Nachmittag über alles Mögliche. Adam war zwar fast so alt wie Kaz Vater, aber sie verstanden sich ziemlich gut. Sahids Großvater Abubakr hingegen war sehr schweigsam und sagte kaum etwas und wenn er sprach war seine Stimme überraschend sanft.
Der Sauerbraten war einfach nur köstlich gewesen. Er dachte daran, dass er in letzter Zeit einfach so mit fantastischem Essen verwöhnt wurde. Es würden bestimmt auch wieder Zeiten geben wo er sich von Dosensuppen und MREs ernähren würde. Gegen sechs verabschiedeten sich Abubakr und Yusuf, aber Kaz und Adam blieben einfach sitzen. Es stellte sich heraus, dass sie ein großes Gemeinsames Gesprächsthema besaßen, Informatik und speziell KI. Dafür war Adam hier Professor an der Universität. Sie diskutierten und fachsimpelten über verschiedene Konzepte, Ideen und Entwicklungen bis kurz vor elf. Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Adam versprach ihm einmal den Campus mehr zu zeigen und besonders einige der interessantesten Abschlussprojekte seiner Schützlinge.
   Kaz fror richtig gehend als er in der Kälte der Nacht zu seinem Defender zurückging. Die Wachen um den Eingang nahm er nur unbewusst wahr. Das war ein interessanter Tag gewesen. Es dürfte bestimmt von Vorteil sein mit dem Chef des BIT befreundet zu sein. Interessanterweise wohnte der in einer großen Wohnung über dem Restaurant und Café und sein Vater bewohnte die gläserne Pyramide und besaß anscheinend eine große Sammlung historischer Fundstücke.
Und er war Astronom mit Leib und Seele, von dort hatte man bestimmt eine tolle Sicht auf die Sterne, trotz Lichtsmog.
   Kaz stieg in seinen Wagen, der immer schrecklich noch neu roch und düste nach Hause. Hoffentlich war Liz noch nicht im Bett, er war sehr gespannt darauf wie ihr Tag mit ihrem neuen Outfit so gelaufen war.
   In der Tiefgarage checkte er seine Nachrichten. Eine Mail war von seinem Bruder und er schmunzelte beim Text: „Fick dich großer Bruder, jetzt hast du mir schon wieder eine kreative Nachtschicht eingebrockt! Hier ein paar meiner Entwürfe.“
Oje, arme Helena. Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken, dass er Amber verpasst hatte. Heute Abend hatte man sie für das Training Morgen schon zum BIT ins Internat gebracht. Damn it!
Er checkte seinen Bankaccount. Moment Mal, das waren doch zwei Nullen zu viel? Oh Man, wann hatte er das letzte Mal so richtig seinen Bankaccount gecheckt? Vor zehn Jahren?
Er ging zum Fahrstuhl und schoss in den dritten Stock. Etwas müde öffnete er die Tür zu 3-VII.
„Oh hey Großer, komm erzähl von deinem Tag.“
Liz kam gerade nackt aus dem Bad mit einem feuchten Handtuch um die Schultern gelegt. Sie hatte sich von ihrem Makeup befreit, das durfte wohl eine gewisse Zeit gedauert haben.
„Nein erst du Lizzy. Du hast heute doch bestimmt die halbe Welt geschockt.“
„Ok, aber ich zieh mir kurz was an, kannst du mir derweil einen Gin Tonic machen, mit dem guten Elephant Gin?“
Er nickte und machte ihr grinsend ihren Lieblingsdrink. Mit Ingwer- und Apfelscheiben im Glas. Er schnappte sich aber wieder nur ‘ne Cola. Liz erwartete ihn schon in einem engen Top zu einer unpassend schlabbrigen Jogginghose. Er reichte den Cocktail und setzte sich neben sie. Sie nippt und schloss genießerisch die Augen. Sie zeigte auf die Cola Dose.
„Ich trink das Zeug ja nie, aber für dich hab ich eine Tonne gekauft, wörtlich. Da steht gefühlt ‘ne halbe Euro-Palette unten im Keller.“ Sie grinste breit und nahm dann noch einen Schluck.
„Köstlich. Was soll ich sagen, alle sind beinahe in Ohnmacht gefallen oder waren regelrecht in einer Schockstarre. Vielleicht hab ich zu dick aufgetragen, aber ich fand‘s total super. Mara hat‘s schwer erwischt, ich hab sie für morgen Helena für die Einkäufe zugeteilt und nehme einen Swordfish Escort zum Büro, für irgendwas habe ich Suzy schließlich angestellt.“
„Dann hast du keinen eigenen Helikopter?“ Grätschte Kaz dazwischen.
„Das ist richtig. Ich habe keinen Heli, aber sehr wohl einen Lambda Swordfish Escort und einen Orca Travel. Die brauche ich praktisch ständig und Autofahren ist oft unpraktisch. Egal ich war sehr ängstlich und Nervös als ich heute Morgen ins Büro bin. Aber ich hab ja früher Cosplay gemacht, da bin ich das mit dem Kostümen ja gewohnt und mit dem großen Rummel der damit einhergeht. Und ich hab noch ein paar rote Kontaktlinsen gefunden, die fand ich total super und haben zum Kostüm gepasst. Alle haben mich angestarrt als hätten sie einen Geist gesehen. Johnny hat nur gelacht, aber er fand es echt super und ich glaube er ist heute gar nicht richtig zum Arbeiten gekommen sondern hat nur rumgemalt. Er meinte vorhin, dass ich die fertigen Entwürfe morgen früh auf dem Schreibtisch habe und die, die mir gefallen gleich weiter in die Schneiderei gehen. Er findet es gut, vor allem weil es Horizon ein gewisses Neues gibt. Und mir sind die Nazi-Analogien der Presse sowas von scheißegal, das sind eben unsere Firmenfarben.  Ach ich freu mich schon. Vielleicht lasse ich mir noch so kleinere Augen tätowieren oder Reißzähne aus Metall machen, dann sehe ich aus wie die …“
„… Königin der Gesichtslosen, ich weiß, ich hab mir den Käse ausgedacht. Stell mal das Glas weg ich muss dich kurz knuddeln.“
Er schmiegte sich eng an sie und nahm sie in den Arm und drückte sie sehr fest, dann drückte er ihr einen Kuss auf die Wange.
„Ich hab gesehen, dass du Post bekommen hast. Was hast du denn mit Omega zu schaffen?“
„Erinnerst du dich noch an meinen total depressiven Kumpel Xen, der versucht hat sich das Leben zu nehmen?“
„Ja klar, aber erzähl du mir nicht, dass der Typ etwas mit Omega zu tun hat.“
Kaz grinste breit.
„Der Typ IST Omega. Er hat das erste Werk in Polen vor dreizehn Jahren gegründet und ist mit seiner Strategie sehr erfolgreich. Er hat sich ein kleines Imperium in Europa aufgebaut und ich hab ihm ne kleine Starthilfe gegegen.“
„Ach ich versteh schon, so wie die 20 Millionen für Horizon. Es ist so krass, dass es ohne dich einen der wahrscheinlich größten Konzerne der Welt nie gegeben hätte. Du bist ein echter Held. Aber du hast dir doch nicht ernsthaft einen Omega gekauft. Die Bitcoin-Millionen in allen Ehren, aber die sind doch einfach nur viel zu teuer für dich.“
„Doch hab ich und er wartet auf mich abholbereit in Xens Werkstatt in Ostpolen. Ich dachte ich fahr morgen hin und hol ihn ab. Amber ist ja sowieso im Internat und du kannst dir morgen einen schönen Abend machen.“
Liz nickte etwas unglücklich.
„Soll ich dir morgen früh beim Makeup helfen? Dann hast du nicht so viel Stress.“
„Das wäre lieb, ich stehe aber um vier auf.“
„Na dann ab ins Bett. Austrinken und Zähneputzen. Ich geh schon mal vor.“
Damit erhob er sich, trank die Cola aus und ging ins Bad.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 9

9. Liz – 4. W. März 2045– Sonntagabend

Liz öffnete etwas müde die Tür und ließ sie alle rein. Amber schlüpfte sofort aus den High Heels und massierte ihre Füße, die kleine war bestimmt nicht daran gewöhnt jeden Tag viele Stunden lang Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen, so wie sie. Akira setzte sich auf das Sofa auf die Pelzdecke und wirkte ganz Elendig. Kaz verschwand im Bad. Liz setzte sich neben Akira und legte ihr sanft einen Arm um ihre Schultern. Einen Moment saßen sie so da und dann brach Akira in Tränen aus und schluchzte heftig. Amber starrte sie mit großen Augen an, sagte aber nichts und legte sich nur mit dem Rücken auf das andere Sofa und betrachtete die bemalte Decke. Liz drückte Akira fest. Sie war für sie mittlerweile fast schon so etwas wie eine Tochter und sie kannten sich sehr gut und ihr vertraute Akira sehr.
   Kaz kam aus dem Bad betrachtete sie mit großen Augen und ging dann in die Küche. Der konnte doch unmöglich noch Hunger haben, nach den Mengen die er heute gefressen hatte. Sie wandte sich wieder Akira zu, die sich jetzt wieder etwas gefangen hatte und sie gefasst ansah. Ihre Schminke war total verlaufen. Liz klopfte ihr auf den Rücken und verschwand kurz ins Schlafzimmer um das Kleid loszuwerden und sich etwas Bequemeres anzuziehen. Als sie zurückkam saß Amber neben ihr, sie schlich sich leise an. Amber zeigte Akira Bilder von Kurzhaarfrisuren.
„Magst du kurz mitkommen Akira?“
Akira drehte sich zu ihr um und nickte. In der Küche stolperten sie auf Kaz, der sich Kekse auf einen Teller häufte und zusammen mit zwei Cola Dosen in den Lift schob. Er warf ihr einen unschuldigen Blick zu und grinste dann breit, während er an ihnen vorbei aus der Küche tigerte.
„Möchtest du noch einen Snack oder etwas zu trinken? Komm, lass mich dir einen Kakao oder eine heiße Milch mit Honig machen, das wird dir gut tun.“
„Heiße Milch bitte und eventuell einen Schokoriegel, wenn du sowas hast.“
Liz zwinkerte ihr zu und zog aus einer versteckten Schublade einen großen Marsriegel zu. Akiras Augen leuchteten auf und Liz setzte Milch in einem kleinen Topf auf.
„Ich verstehe deine Reaktion schon ganz gut meine Liebe. Deine wild gefärbten Haare machen dich zu dem was du bist und sind zu einem Markenzeichen für dich geworden. Und du liebst sie bestimmt total?“
Akira nickte eifrig.
„Ja und Papa bestimmt einfach so, was ich zu machen habe ohne nur eine Sekunde daran zu verschwenden, wie ich mich dabei fühlen könnte. Verdammt, er ist nie da und diktiert mein Leben. Ich bin jetzt volljährig, eigentlich bin ich jetzt dran.“
„Ich verstehe dich schon Schatz, auch wenn ich glaube, dass dein Vater das nicht so gemeint hat. Er war fuchsteufelswild als er gehört hat, dass man euch alle von der Schule geworfen hat. Er ist so besorgt und möchte dir einfach einen guten Abschluss ermöglichen. Das ist ihm wichtiger als deine Haare, so Leid es mir auch tut. Aber es gibt andere Möglichkeiten.“
Akira sah sie mit großen Augen an, während Liz die Haarnadeln löste und sich die Perücke mit sanfter Gewalt – der Kleber hatte gut gehalten – vom Kopf zog. Das Mädchen starrte sie mit riesigen Augen an.
„Du hast eine Glatze?! Hast du Krebs?“
„Nein und wegen genau solcher Fragen trage ich Perücken. Und sieht das furchtbar aus?“
Akira schüttelte den Kopf.
„Fällt mir gerade nicht ein, auch wenn ich mich noch von dem Schock erholen muss. Meinst du ich soll sowas auch machen?“
„Ach Quatsch, ich wollte es dir einfach mal gezeigt haben, aber guck mal.“
Sie hob die Perücke hoch und zeigte sie ihr von allen Seiten.
„Das ist eine Echthaarperücke. Die können wir doch einfach in Regenbogenfarben einfärben lassen und du brauchst dir keine Sorgen zu deinen Videos mehr machen. Die gebe ich dir nicht, die hab ich schon zu oft getragen, aber ich denke die ist von der Länge her gut. Ich kaufe dir einfach eine neue und lasse sie fachmännisch einfärben. In Ordnung? Die bekommst du dann als Geburtstagsgeschenk ok?“
Akira nickte mit riesigen Augen und drückte sie fest während sie schniefte.
„Na dann befrei dich mal von deinem total verlaufenen Makeup, gönn dir eine lange Dusche oder Badewanne und zieh dir etwas Frisches an, ich glaube meine Sachen müssen dir passen. Probier dich einfach aus. Ich mach dir derweil dein Getränk und bringe es dir dann. Ok, meine Liebe?“
Liz strich dem Mädchen sanft über den Rücken und verfluchte Johnny mit seiner Art sein Umfeld in den Wahnsinn zu treiben. Akira stand mit dem Riegel in der Hand auf und verschwand ins Bad. Liz machte dem armen Mädchen ganz in Ruhe ihre Heiße Milch mit Honig und brachte sie ihr ins Bad, wo sie sich gerade konzentriert das Makeup entfernte. Amber saß auf dem Sofa und beobachtete sie. Auf eine Nachfrage ob alles gut sei nickte sie nur. Sie dachte an Scarlett und ging die Treppe hoch. Aus einem Behälter nahm sie mit einer Pinzette ein großes lebendes Insekt und stäubte es mit Vitaminpulver ein, dann öffnete sie das Terrarium um warf das Insekt hinein. Interessiert beobachtete sie wie Scarlett aus ihrem Bau geschossen kam und das Insekt umfasste und ihr Gift injizierte. Liz machte ein zufriedenes Gesicht, so ein liebes süßes Mädchen. Dann ging sie zu Kaz, der seinen Laptop auf dem Tisch aufgebaut hatte und Kekse mampfte. Als sie sich ihm näherte sah er aus und musterte sie eindringlich.
„Sag mal Liz, warum machst du die Glatze nicht zu deinem neuen Image und trägst das so. Zusammen mit einem dunklen Makeup und neuem Outfit, sowas mit einem hohen Kragen und so. Warte mal ich hab schon ein bisschen was gebastelt.“
Er tippte auf dem Laptop herum und sie trat neugierig hinter ihn. Sie musste zugegeben dass die Solomons auch im künstlerischen Bereich unfassbar viel Talent hatten. Wann hatte er denn bitte die ganzen Entwürfe hergezaubert?
„Wo hast du die her?“
„Ach die sind schon alt, aus einer Zeit bevor du dir eine Glatze gemacht hast. Hier bitte sehr, klick dich ruhig durch.“
Sie klickte mit den Pfeiltasten durch Bilder. Die gefielen ihr total gut. Und die Outfits in den Firmenfarben. Ja, Schwarz, Rot und Weiß erinnerten immer ein bisschen an Nazis, aber war halt so und Kaz Entwürfe umgangen das geschickt. Nur die Bilder mit dem kahlen Kopf, auf den Entwürfen fehlten ihr auch die Augenbrauen, die sie sich tätowiert hatte.
„Sollen wir das ausprobieren, wenn die Kinder im Bett sind und wir ein bisschen Ruhe haben? Du triffst meinen Geschmack immer wieder. Auch wenn unsere PR Abteilung hinten über kippen wird wenn sie mich so sieht.“
Er nickte und drückte sie fest.
„Noch eine andere Sache: warum holst du dir keine Haushälterin, Helena ist doch mit ihrer Familie sowieso schon halb überfordert.“
Seine Stimme war vorwurfsvoll.
„Hab ich doch du Flasche, nur Lien hat an Wochenenden meistens frei. Und ich habe eine Pilotin und eine Sekretärin und Mara ist meine persönliche Assistentin. Recherchier das nächste Mal besser.“
Er grinste sie etwas verlegen breit lächelnd an.
„Wird gemacht Chefin.“
Dann ließ sie ihn machen und verschwand wieder nach unten.
„Amber, Liebes. Möchtest du dich nicht schon bettfertig machen? Du musst ja nicht schlafen, aber du kannst in deinem Zimmer noch was spielen oder lesen oder nach draußen gucken. Würde es dich stören wenn Akira heute bei dir im Zimmer schläft?“
Eigentlich wollte sie nur freie Bahn. Wenn das heute gut klappte, würde sie mit Kaz wieder richtig guten Sex haben und darauf freute sie sich total. Und Amber nickte eifrig und schoss ins Bad.
Oje Akira ich hoffe du liegst gerade nicht nackt in der Badewanne. Sie schmunzelte. Dann suchte sie im Schlafzimmer schon mal Kleidungsstücke in Rot Schwarz und Weiß zurecht und holte ein paar Pelze in weiß und schwarz aus der Garderobe, bunt gefärbte Pelzmäntel besaß sie nicht.
Und sie legte für Akira ein zusammen geklapptes Bettgestell samt Matratze, einen dicken Schlafsack und ein bequemes Kopfkissen vor Ambers Zimmertür. Sie sah wie Amber und Akira zusammen aus dem Bad kamen und noch oben gingen. Liz und Kaz halfen beim Bett und ließen die beiden Mädchen in Ruhe und sich erstmal kennenlernen. Kaz kicherte schon aufgeregt als sie nach unten ins Bad verschwanden. Kaz stöberte in den Schränken, während sie sich auch vom Makeup befreite, zum Glück hatte sie nicht in die Vollen gegriffen. Dann ging es ab in die Dusche, Kaz folgte ihr und sie hatten Sex. Unter dem lauten Wassergeprassel hörte sie auch niemand lustvoll Stöhnen.
Im Spiegel betrachtete sie ihr Antlitz von allen Seiten. Wie gut dass ihre operierten Wimpern so schön groß und voll waren.
„Das sieht sehr Alien-artig aus. Kannst du die Entwürfe, die ich gut fand, auch an Johnny senden? Dann kann unsere Hausinterne Schneiderei ein paar Entwürfe zaubern.“
„Wird gemacht Chefin.“
Er küsste sie sanft von hinten.
„Legst du jetzt los?“
Sie nickte und schlüpfte in ihre Unterwäsche, dann ging es ab ins Schlafzimmer. Zuerst prüften sie ein gutes Dutzend Outfits, bis sie eins gefunden hatten, dass gut passte. Das würde sie morgen tragen. Und beim Make-Up hatte sie auch schon eine konkrete Idee. Jetzt räumten sie alles weg und zur Abwechslung lag Kaz unten und sie war oben.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 8

8. Jack – 4.W. März 2045 – Sonntagnachmittag

Jack starrte missmutig in den hohen Spiegel, während seine Mutter an seinem Anzug herumzupfte und zog und zurechtschob. Er hasste Anzüge und er fühlte sich miserabel. Heute war das große Familientreffen und alle taten so als wäre nichts, während sein Bruder immer noch im Krankenhaus im Koma lag und es unklar war, ob er durchkommen würde.
   Er fühlte sich so elend, so als ob ein Teil von ihm einfach fehlen würde. In den letzten 17 Jahren hatte es praktisch keinen Tag gegeben, den sie nicht zusammen verbracht hatten. Hoffentlich erholte sich Ryan wieder. Andernfalls, nein, daran wollte, durfte er gar nicht erst denken.
Endlich ließ seine Mutter von ihm ab, beäugte ihn aber immer noch kritisch.
„Ist schon ok Mum, alles sitzt perfekt. Vergiss nicht dir auch was anzuziehen.“
Emma sah ihn einen Moment an, dann lief ihr eine Träne über die Wange und sie umarmte ihn fest.
„Ich hab dich so sehr lieb Großer.“
Dann verschwand sie in ihrem Zimmer und ließ ihn allein im Flur stehen. Er warf einen grimmigen Blick in den Spiegel. Ein Junger muskulöser Mann mit einem akkuraten dunklen Kurzhaarschnitt und einer frischen Narbe auf der linken Wange. Der Anzug saß einigermaßen gut, aber er konnte sich daran einfach nicht gewöhnen.
   Außerdem war es doch ein Familientreffen, konnten sie da nicht einfach anziehen was sie wollen?
Er dachte resigniert daran, dass das die Regel war und immer so sein würde. Mama führte ein riesiges international tätiges Architekturbüro und Onkel Johnny war CEO eines weltumspannenden Megakonzerns. Akira beschwerte sich andauernd, dass sie ihren Vater eigentlich nie sah, nicht mal an Wochenenden oder Feiern. Also war es etwas echt Besonderes, dass sich Johnny und seine Vizechefin Liz und Mama für heute freinahmen. Und das nur um ihren Bruder Kaz in Empfang zu nehmen. Jack grinste bei dem Gedanken, seinen abgedrehten Onkel Kaz nach zehn Jahren endlich wieder zu sehen. Das mit dem Ex Navy SEAL als Vorbild war eigentlich immer so ein bisschen eine Ausrede, in Wahrheit was ihr – seins und Ryans – großes Vorbild immer schon ihr Onkel gewesen. Sie hatten seine Videos immer und immer wieder studiert und analysiert und sie spürten, dass da etwas Verborgenes sein musste, dass ihr Onkel verbarg. Niemand, der nie beim Militär war, sollte in der Lage sein, so unfassbar selbstsicher mit Waffen und Sprengstoff umzugehen. Er hatte Emma schon so oft danach gebohrt, aber die hatte immer irgendetwas Abwehrendes gesagt. Kaz war immer schon ein versierter Bastler gewesen, oder ein Waffennarr, der immer schon wie auch er und Ryan mit Airsoft und Bögen geübt hatte. Aber irgendwas stimmte da nicht, das spürte Jack.
Mit gewissem Stolz, dachte er an das letzte Video von Kaz, wo er sie für ihre Leistung gelobt hatte.
Wenn nur Ryan heute da wäre, sein Zustand hatte sich verschlechtert, und jetzt durfte nur noch Emma ihn besuchen. Was für eine beschissene Welt? Und dieses Arschloch Adrian Drosser spazierte draußen ungestraft herum und erzählte allen seine miesen Lügen.
   Wenn er rausging, guckten ihn alle so komisch an. Und die Polizei hielt ihren Defender immer noch unter Verschluss. Aber Mama ließ ihn nicht rausgehen, er stand unter Hausarrest, obwohl er gar nichts getan hatte. Nur zu seiner Sicherheit behauptete sie immer wieder. Pah, um seine würde er sich gar nicht so sehr sorgen, eher um die von Adrian oder seinen Schlägern. Was er nur alles tun würde. Er hatte bereits mehrere Nächte lang wach dagelegen und sich überlegt, wie er Adrian wehtun könnte. Oft war er richtig erschrocken über sich und erkannte sich nicht wieder.
Onkel Kaz hatte einmal in ein paar Videos darüber gesprochen und nannte es den Schatten, einem Teil der Psyche, der zu richtig abscheulichen Sachen fähig war und das steckte in jedem Menschen. Kaz schrieb darüber in seinen Büchern. Die hatten er und Ryan natürlich verschlungen, auch wenn ihre Mutter verboten hatte sie zu lesen, aus Angst es könnte einen schlechten Einfluss haben. Die Überlegung, dass Kaz wie seine Figuren sein könnte, gruselte ihn total. Fast alles nur Monster und Psychopaten. Aber gerade das war das abgefahrene, keine flachen eindimensionalen Charaktere wie in so vielen Storys und Popkornkinofilmen. Die Vorstellung, dass sich abstoßend bösartige Charaktere aufbringen konnten in ihren Augen etwas Gutes zu tun war in Kaz Schreibstil einfach nur so unfassbar fesselnd.
   Leider war die Science-Fantasy Reihe schon nach vier Bänden zu Ende und der letzte Band kam auch schon vor einigen Jahren. Er strich mit den Fingern über die Rücken der Bücher auf dem Bücherregal neben ihrem Doppelstockbett. Kaz hatte ihnen zu jedem Band eine signierte Erstausgabe geschenkt.
   Er ließ sich für einen Moment auf dem unteren – seinem – Bett nieder und sah sich etwas missmutig im Zimmer um. Und die Anzughose zog im Schritt wenn er saß, so ein Mist.
Dann hörte er von Draußen Hupen und er sprang auf und ging zum Fenster. Sein Herz machte einen Sprung. Das war Manfred Bluhms alter Geländewagen in Bundeswehr Tarnfleck. Der Offizier stellte den Motor ab stieg aus und öffnete die Beifahrerseite. Jack sog die Luft ein, er sah schon von hier oben aus, das Yolanda einfach nur hinreißend gut aussah. Ihr Vater drückte sie fest und führte sie zum Eingang. Jack sprintete zur Wohnungstür, schnappte sich seinen Schlüssel und rannte die Treppen runter zum Eingang im Erdgeschoss. Er hatte es gut getimed, denn gerade als Die Glocke läutete lag sein Griff schon auf der Türklinke. Er zog sie sogleich auf und sah in die überraschten Gesichter von seiner Freundin und ihrem Vater. Yolanda fasste sich schnell und strahlte ihn an, Ihr Vater Manfred nickte ihm zu.
„Hallo Junger Mann, mit der Pünktlichkeit bist du im Militär genau richtig. Ich hoffe wir kommen nicht zu spät. Ich dachte ich bringe meine traumhaft schöne Tochter persönlich bei euch vorbei. Ich wünsche euch einen tollen Abend und grüß deinen Onkel aus Amerika von mir. Das Video hat bei uns auf dem Stützpunkt echt die Runde gemacht. Ich soll dir ausrichten, dass man dich beim KSK wärmstens begrüßen würde.“
Manfred zwinkerte ihm zu, dann salutierte er zackig und ging zügig zum Wagen zurück.
„Wow, ist der immer so?“
Yolanda nickte und verdrehte die Augen.
„Andauernd, ist manchmal total peinlich.“
Jack musterte seine Freundin von Kopf bis Fuß. Sie sah einfach nur sagenhaft aus in ihrem tollen blauen Kleid mit einem tiefen Ausschnitt und hohen High Heels. Ihre Haare waren kunstvoll aufgetürmt und ihr Makeup war einfach nur toll, auch mit langen falschen Wimpern und fantastisch betonten blauen Augen.
„Verschmiere ich das Makeup, wenn ich dich jetzt leidenschaftlich küsse?“
Sie schüttelte grinsend den Kopf und er küsste sie intensiv und lange.
Er hörte einen Buh-Ruf hinter sich und sie lösten sich voneinander. Hinter ihnen stand schon Akira in einem farbenfrohen Kleid, das gut zu ihren bunten Haaren passte.
„Jack, ist deine Mutter schon fertig?“
Jack zuckte nur mit den Schultern. Johnny kam mit seiner Frau im Arm nach draußen und musterte ihn aufmerksam.
„Mh, wie immer zu spät die Gute.“
„Bin ich gar nicht!“
Kam es aufgebracht von oben und Emma näherte sich in einem dunklen eleganten Kostüm und steckte sich gerade den rechten Ohrring ins Ohr.
„Puh, sind alle da? Oh meine Güte, Yolanda du siehst so fantastisch aus! Wie eine Prinzessin.“
„Wir steigen jetzt in die Wagen unsere Eskorte wartet schon.“
„Moment mal Bruderherz, wo sind Mama und Papa?“
„Die sind schon seit einer Weile unterwegs, zu Fuß und keine Sorge, sie werden begleitet.“
Emma nickte unmerklich.
„Hey worauf wartet ihr, es geht los!“
Und kurz darauf stiegen sie in die beiden schweren Defender und düsten los.
„Mama, wohin fahren wir eigentlich?“
„Ins Haus der Welt“
„Wow, ist das nicht dieses super teure Edelrestaurant bei Liz um die Ecke?“
„Ganz genau, und die gute übernimmt heute die Rechnung für uns alle, Sie bekommt dort Rabatt.“
Wissend nickte Jack und lehnte sich zurück. Er sah Yolanda von der Seite an und ihre Blicke trafen sich. Er konnte sich nicht helfen, aber er war einfach nur so hoffnungslos verliebt in dieses Mädchen.
Er beugte sich vor und küsste sie erneut auf den Mund. Ihr Parfüm war der Wahnsinn.
Sie fuhren durch Berlin und näherten sich langsam Berlin Solomon. Die Stadt, die seine Mutter und sein Opa entworfen und gebaut hatten, es war auch nach all den Jahren nicht zu glauben.
Selbst jetzt war hier ganz gut was los. Einer der Wagen vor ihnen Hupte und Jack sah einen Araber in Tanktop und Jogginghosen freihändig auf einem schrottigen Fahrrad vorbeifahren, während der sich eine Zigarette drehte. Was ein Verrückter.
   Sie erreichten den riesigen Klotz wo Liz wohnte und parkten auf dem öffentlichen Parkplatz vor dem Parkgelände. Alle stiegen aus und kühle Luft umfing sie. Hier war er praktisch nie. Akira hatte einen guten Draht zu Liz, aber für seinen Geschmack ging ihm diese Sache mit den Pelzen und Perücken zu sehr auf die Nerven als dass er Lust hätte, sie zuhause zu besuchen.
Und das war so eine reiche Ecke, wo er sich in den Geschäften mit seinem mageren Taschengeld eh nicht viel kaufen konnte.
   In der riesigen Halle umfing sie angenehm warme Luft. Sie gingen zum großen verspielten Brunnen in dem großen Lichthof und bogen scharf rechts ab. Da ging es in einen erleuchteten Gang, mit einer Treppe die sanft nach oben ging. Es roch schon richtig gut und er verspürte großen Hunger, seit dem Frühstück um 5:00 hatte er praktisch nichts gegessen und das machte sich jetzt bemerkbar.
Sein Magen grummelte Lautstark und alle sahen ihn belustigt an. Man kümmert euch doch um euren Kram! Sie erreichten einen großen luftigen Raum mit einer riesigen Bar. Johnny sprach mit einem der Kellner und der führte sie zu einem riesigen Fahrstuhl, wo erstaunlicherweise alle reinpassten und sie düsten ein bisschen nach oben. Die Türen öffneten wieder und sie traten aus dem Lift. Jack sah sich mit offenem Mund um, von hier aus sah man die halbe Stadt. Er sah sich um. Dort war eine kleinere Bar als unten aufgebaut und er machte ein paar große Speiseaufzüge hinter der Theke aus. Ein internationales Team von zwei Kellnern plus einen Barkeeper verbeugte sich vor ihnen und hieß sie Willkommen.
   Jack sah sich neugierig um, seine Großeltern waren schon da und diskutierten recht intensiv mit einem Mann der original wie John Wick aus dem gleichnamigen Actionstreifen aussah. Das musste einfach nur Kaz sein. Neben ihm stand ein schüchtern aussehendes Mädchen in einem tollen Kleid, sie sah aus wie eine fünfzehnjährige Lara Croft. Nicht zu vergessen Liz, die von Akira einfach nur Tante genannt wurde. Sie trug ein tolles glitzerndes Kleid und trug ihre Haare elegant hochgesteckt. Etwas abseits stand Sahid in einem etwas lachhaften weißen Anzug mit einer Rose im Knopfloch, immer für den großen Auftritt zu haben.
   Kaz löste sich von seinen Eltern und ging freudestrahlend auf die Neuankömmlinge zu.
„Oh, man das ist ja der helle Wahnsinn, euch alle nach zehn Jahren wiederzusehen. Und ihr müsst euch doch wegen mir nicht so toll anziehen.“
Er zwinkerte in die Runde. Johnny und Emma traten vor und umarmten Kaz gleichzeitig. Kaz war der größte von allen im Raum, bestimmt so knapp zwei Meter. Die drei lösten sich voneinander und Kaz umarmte Akira und ihn sehr überschwänglich. Dann setzten sie sich hin, Emma hatte die Plätze organisiert.
Jack sah sich um, hier gab es nur einen Tisch, also gehörte die Etage wohl Ihnen für den Abend, er zog die Brauen hoch, krass.
   Er saß glücklicherweise recht nah in der Nähe von seinem Lieblingsonkel und großem Vorbild. Yolanda saß neben ihm. Für die Begrüßung gab es Sekt für die Großen und Säfte für die Kleinen.
Akira prostete ihm boshaft grinsend mit ihrem Sektglas zu während er sein Glas mit Orangensaft musterte, ach geh weg du Biest. Zumindest schmeckte der Saft frischgepresst und nicht wie aus dem Tetrapack, das konnte er bei dem Laden hier wohl auch erwarten. Kaz grinste ihm zu und lächelte ihn aufmunternd an. Jack warf einen Blick auf das echt heiß aussehende Mädchen neben Kaz, Yolanda bemerkte das auch und stieß im unsanft in die Rippen. Ach komm schon, die ist doch erst fünfzehn. Mh, und er war siebzehn, also so groß war der Unterschied dann auch nicht. Johnny erhob sich und hob sein Glas auf Kaz.
„Es ist so unglaublich, dass unsere ganze Familie nach so langer Zeit endlich wieder zusammen ist. Und sie hat Zuwachs bekommen, ich begrüße Amber Solomon ganz herzlich in unseren Reihen.“
Er applaudierte und alle stimmten ein, auch Jack. Er beobachtete wie das Mädchen vor Scham bestimmt am liebsten im Boden versunken wäre, sie war echt süß. Oh man, Yolanda würde bestimmt mega eifersüchtig werden, nicht dass das noch zum Problem werden würde.
Kaz erhob sich jetzt auch.
„Die Freude ist ganz meinerseits, vor annährend zehn Jahren bin ich nach einem schweren Streit in die USA ausgewandert, wo ich zu euer aller Kenntnis ziemlich die Sau rausgelassen habe. In der Zeit habe ich euch zwar nicht ganz vergessen, aber ihr wart keine greifbare Instanz mehr in meinen Leben. Ich muss euch eine tragische Geschichte erzählen, die mir vor Augen geführt hat, wie wichtig Familie ist. Es war Oktober letzten Jahres und ich war mit einigen Freunden in Montana auf einem Jagdausflug. Eines Tages hörten wir in einiger Entfernung Reifenquietschen, einen Crash und Schüsse. Wir haben alles stehen und liegen gelassen und sind sofort zur Unglücksstelle gerannt. Wir fanden etwas Grausames vor. Der Wagen einer Familie im Graben gegen einen Stein geknallt, zwei Eltern und zwei Kinder. Die Eltern und der kleine Junge waren tot, aber das Mädchen lebte noch und war schwer verletzt. Ich habe mich damals sofort in dieses tapfere junge Ding verliebt. Wir haben sofort den Rettungswagen verständigt und ich hab das Mädchen ins Krankenhaus begleitet. Dort wurden wir darüber informiert, dass die Kleine an diesem Tag alles verloren hatte. Ihre Eltern, ihren kleinen Bruder und ihre Großeltern. Das Machwerk der Clowns. Innerhalb eines Tages wurde sie aus ihrer glücklichen Familie herausgerissen und zur Vollwaise. Ich hab alles in meiner Macht stehende getan um ihr beiseite zu stehen und ihr zu helfen. Und meine Freunde sahen das auch und schlugen mir vor sie zu adoptieren. Also habe ich es getan. Es war zwar eine Menge Papierkram, aber ich bekam sehr viel Zuspruch und Unterstützung aus der Bevölkerung und von meinen Freunden.
Ich habe euch die wahre Geschichte verschwiegen um euch nicht zu sehr zu verunsichern. Und hier neben mir sitzt das tapfere Mädchen, Amber. Vielleicht hätte sie sich lieber einen weniger Verrückten Vater ausgesucht, aber wie sagt man so schön, Familie kann man sich nicht aussuchen.“
Damit hob er sein Glas und alle applaudierten. Jack sah Tränen in einigen Gesichtern und Entsetzen in anderen, Kaz hatte ein bisschen gelogen, was den Autounfall anging.
Grimmig musterte er das Mädchen, dann war sie auch ein Opfer der Clowns. Scheiß Welt. Ihre ganze Familie wurde ausgelöscht und sie sah so ruhig aus. Er war ja schon völlig am durchdrehen und Ryan war „nur“ schwer verletzt, aber nicht tot.
Emma erhob sich. Ach verdammt, können wir nicht endlich essen?
„Ich sage nicht viel. Ich bedanke mich bei einer wunderbaren Freundin, die das alles hier organisiert hat und möglich gemacht hat, dass Kaz und seine Tochter hier in Deutschland so gut ankommen konnten. Und die heute auch die Rechnung bezahlen wird. Also ein Hoch und großes Lob an Liz, die von Akira immer nur noch Tante Liz genannt wird. Möchtest du auch noch was sagen?“
Liz schüttelte den Kopf.
„Na dann haut mal rein Leute. Nur keine Hemmungen.“
Jetzt jubelten alle, am lautesten Jack, und die Kellner legten die Karten vor sie hin. Er musterte die Gerichte mit großem Appetit und bekam ein ganz schlechtes Gewissen, als er die Preise sah. Man ey, sein mageres monatliches Taschengeld reichte ja kaum für die Vorspeise. Die Speisen war sehr international, aber fürs erste war ihm nach einem guten Steak. Er rief den Kellner und gab seine Bestellung auf. Zum großen Pfeffersteak gab es eine große Cola.
   Ob er jetzt auf die anderen warten musste? Das könnte dauern, gerade Akira war sehr wählerisch.
Er beobachtete wie sie angeregt mit ihrem Freund Sahid diskutierte und dann knutschten die beiden vor allen anderen ungeniert rum, ekelhaft. Dann dachte er an sich und Yolanda und er errötete etwas. Nach erstaunlich kurzer Zeit wurde ihm sein Steak serviert und die anderen starrten ihn an und blätterten dann hektisch in den Karten. Mit gewisser Genüsslichkeit ignorierte er die anderen und schob sich ein Stück Steak in den Mund, es war geschmacklich der helle Wahnsinn. Das Fleisch war geil, die Soße war fantastisch und die Beilagen der Knaller. Satt und zufrieden lehnte er sich zurück und sah den anderen beim Essen zu. Kaz hatte dasselbe wie er bestellt, inklusive Cola. Der bemerkte seinen Blick und zwinkerte ihm zu. Das sättigende Essen wurde irgendwann abgeräumt und die die wollten, holten sich noch ein Dessert. Belustigt sah er wie Kaz sich für ihn und Amber einen Riesenfamilieneisbecher holten. Jack holte sich einen Apfelstrudel mit Eis.
Verdammt, der war ja sogar fast noch besser als das Steak. Jetzt war er aber echt satt.
Kaz und seine Tochter mampften den wirklich riesigen Eisbecher ohne Zeichen der Sättigung zu zeigen, das war echt krass.
   Nach dem Nachtisch gab es eine Runde mit warmen oder kalten Getränken. Während des gesamten Essens redeten alle wild durcheinander, aber jetzt hörte er aufmerksam hin.
„Sag mal Kaz, hast du mitbekommen, wer das ganze Chaos beim Spielplatz da vorne veranstaltet hat, du warst doch heute hier im Haus?“
Kaz grinste breit und lehnte sich zurück.
„Könnte man so sagen, ich bin heute einem sehr netten Araber begegnet, der ein Vehikel wie frisch aus einem Mad Max Streifen durch die Gegend fuhr und auf dem Rasen vor dem Spielplatz zwischengeparkt hatte.“
„Was bitte soll das denn gewesen sein, die Spuren der Verwüstung sind enorm.“
„Hier, ich hab‘s gefilmt.“ Er reichte sein Handy herum. „Eine stark modifizierte Zugmaschine aus der Sowjetunion.“ Erstaunte Laute machten sich bemerkbar, als das Handy um den Tisch wanderte. Jack war schon sehr gespannt, als es an der Reihe war. Wow, was war das denn? Das wohl abgefahrenste Gefährt auf der ganzen Welt. Er konnte sich nicht zurückhalten.
„Wohin ist der Typ damit gefahren?“
„Erstmal zum Spielplatz um sich zu strecken und ein bisschen Sport und Parcour zu machen, dann hab ich ihn auf einen Tee eingeladen und zum Dank hat er uns zum BIT gebracht.“
BIT? Moment mal, war das nicht diese Eliteuniversität auf halbem Weg zwischen Berlin und Potsdam?
   Sahid meldete sich zu Wort.
„Der Araber war Yusuf, er ist einer der besten Bergsteiger der Welt. Er hält einige Weltrekorde für ziemlich abgefahrene Sachen. Und er ist Weltklasse im Parcour, er wird unter vielen als der neue David Belle gehandelt. Mein Vater hat es geschafft ihn am BIT als Dozent für Sport unter Vertrag zu bekommen. Dafür wurden auch eine ganze Reihe Kletterparcours geschaffen.“
Das klang cool, aber hieß das dann, dass der Vater dieses Lackaffen die Uni leitete?
„Jupp, und ich habe mir mit Amber das BIT angesehen und wir haben einstimmig beschlossen, dass sie auf das BIT gehen wird. Gleich am Dienstag startet der Evaluierungskurs.“
Jetzt waren alle völlig Baff. Aber das machte doch gar keinen Sinn, Amber war fünfzehn und das BIT war ne Uni. Er stieß seine Mutter an, aber die sah ihn auch nur ratlos an.
„Das BIT ist die einzige Uni der Welt die mit der ersten Schulklasse startet. Von daher kann Amber problemlos dorthin gehen. Ich studiere dort übrigens auch“ Kam es von Sahid.
„Ich hab mir Broschüren mitgeben lassen und hab sie auch hier, einen Moment mal.“
Kaz stand auf und kam mit einem dicken Stoffbeutel zurück. Naja die Farben passten schon mal gut zu Akiras Kleid. Die Broschüren machten bei Liz, Johnny, Helena und Emma die Runde und deren Augen wurden groß. Er griff sich auch mal so ein Blatt ab. Huh, Sport, na dann mal sehen was die so haben.
Ein paar Minuten später fragte er sich eher, was die alles nicht hatten. Das Angebot war ja der totale Hammer.
„ … Multimediapaket aus einem Smartphone von Prism und einem eigenen Laptop von Spectre …“
„… personifizierte Stunden- und Trainingspläne …“
„… frisch zubereitete Gerichte von den besten Köchen der Welt …“
„… Internat auf Niveau von internationalen fünf Sterne Wellnesshotels. …“
Ok Leute, hört doch einfach nur auf, ihr macht die Sache echt nicht besser. Er grübelte nach wie er seine Mutter dazu überreden konnte, ihn und seinen Bruder dahin zu schicken.
„Ok, und wo ist der Haken? Wenn man das so liest muss das doch ein Vermögen kosten.“
„Das Schulgeld ist etwas komplizierter, aber es ist überwiegend Umlagenfinanziert und richtet sich nach dem Gehalt der Eltern. Wir haben einige Studenten und Schüler aus den ärmeren Schichten. Sollte es trotzdem nicht ausreichen bekommen begabte Schüler auch problemlos ein Stipendium“
Sahid wusste natürlich alles. Johnny wechselte Blicke mit Helena.
„Was für Einschränkungen der äußerlichen Erscheinung gibt es?“
„Keine bunt gefärbten Haare und Piercings“
Johnny grinste triumphierend.
„Dann ist ja alles klar, Akira Haare ab und umfärben. Es ist beschlossen, du gehst da hin.“
Akira war erbost, aber wenn Johnny etwas sagte, dann war das praktisch wie in Stein gemeißelt. Jack grinste Akira schadenfroh an, die sich traurig durch die Regenbogenhaare fuhr.
„Akira, soll ich noch versuchen, ob ich für Morgen einen Friseurtermin hier im Haus finden kann? Die Rechnung geht auf mich.“
Akira nickte unglücklich und Liz erhob sich um ein Telefonat zu machen.
Jack stupste Emma an, die sah ihn mit einem wissenden Blick an.
„Dann werden meine Jungs auch dorthin gehen und wir sollten mal mit Manfred und Matilda Bluhm sprechen, deren Mädels sollten auch eine faire Schulbildung bekommen.“
Jack dachte nach und flohlockte, wenn die Klassen nach dem Alter gingen, würde er Yolanda bestimmt die ganze Zeit sehen. Akira meldete sich zu Wort.
„Aber ihr könnt das nicht einfach so bestimmen, ich bin Volljährig.“ Sie war trotzig wie immer.
Sahid hielt sie am Arm und flüsterte ihr etwas ins Ohr und sie nickte resigniert.
„Nichts da du gehst hin. Und wenn du nicht brav bist, dann kommst du aufs Internat, dann sind wir dich endlich los.“
Er lachte lautstark, während Akira ihn böse anguckte und schniefte.
Liz kam wieder zu ihnen.
„Du hast Glück, sie hatten noch einen Termin um 8 Uhr morgens, genau wie Amber auch. Dann könntest du eigentlich über Nacht bei uns in meiner Wohnung bleiben und morgen früh gehst du mit Kaz und Amber zum Frühstück und dann zum Frisör. Ok, Akira? Oder hast du Einwände Johnny?“
Akira nickte niedergeschlagen und Johnny verneinte. Kaz erhob sich.
„Ok Leute, der Abend war richtig toll und es war mir eine Freude euch alle wiederzusehen und die neuen Gesichter zu begrüßen. Und jetzt ist es spät und einige haben einen längeren Weg vor sich und Johnny, Liz und Emma haben morgen bestimmt einen sehr stressigen Arbeitsalltag. Also haut rein und ich wünsche euch nach eine angenehme Nacht.“
Damit verbeugte er sich kurz und grinste in die Runde.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 7

7. Kaz – 4. W. März 2045 – Sonntagmorgen

Kaz erwachte langsam. Unter dieser dicken Pelzdecke war es für seinen Geschmack viel zu warm. Nackt zu sein half dabei zumindest, wahrscheinlich war es anders auch nicht auszuhalten. Er drehte sich auf die Seite und streckte die Hände nach seiner Freundin aus, aber sie war nicht da. Er schaltete die Nachttischlampe auf seiner Seite des Bettes an und sah sich um. Es war unmöglich zu sagen welche Tageszeit es war. Das würde ihn völlig kirre machen, wo er doch die letzten zehn Jahre immer von der aufgehenden Sonne geweckt worden war. Er schlug die schwere Decke zur Seite und setzte sich an der Bettkante aufrecht hin. Sein Kopf brummte, der Jetlag knallte ordentlich. Mh, verdammt er war nach dem fantastischen Sex eng mit Liz verschlungen eingeschlafen. Und sein Koffer mit seinen Wechselsachen stand immer noch draußen neben der Tür. Er fluchte leise. Da er nicht so richtig Lust darauf hatte nackt durch die Wohnung zu rennen zog er sich die dreckigen Sachen vom Vortag wieder an, die er seit dem Aufbruch von der Ranch nicht gewechselt hatte und die auch entsprechend rochen. Ihm war nach einer Dusche. Hätte er doch nur mal im Flieger geduscht. Er warf kopfschüttelnd einen Blick auf die absurden Mengen an Perücken und schob leise die Tür auf. Es war draußen schon hell, aber bestimmt noch recht früh am Morgen.
   Ein angenehmer Geruch strömte aus der Küche, Liz war wohl schon dabei, das Frühstück zuzubereiten. Er öffnete die Tür zur riesigen Küche und warf einen Blick hinein. Ungläubig starrte er auf die riesige Pfanne, in der eine Absurde Menge Bratkartoffeln vor sich hin brutzelte. Liz stand in einer Schürze am Arbeitstisch und schnitt Obst klein. Sie sah auf und warf ihm ein warmherziges Lächeln zu.
„Hey Großer, ich hätte nicht gedacht, dass du schon so früh auf bist. Da auf dem Tisch steht ein Glas Wasser und eine Kopfschmerztablette, die tut dir jetzt vielleicht ganz gut.“
Er spülte die Kopfschmerztablette herunter und sah ihr einen Moment zu.
„Warum springst du nicht schnell unter die Dusche und ziehst dir ein paar frische Sachen an. Und dann hilf mir gefälligst, aber weck die Kleine nicht auf, ich möchte sie überraschen. Lien hat an Wochenenden oft frei und ich muss heute leider arbeiten, von daher hab ich nicht viel Zeit.“
Ihre Stimme hatte einen für ihn ungewohnten Befehlston. Machte man sowas eigentlich  automatisch unterbewusst, wenn einen so riesigen Konzern leitete?
„Ich hab dir Handtücher, Shampoo und ein paar bequeme Kleidungsstücke im Bad bereitgelegt. Der Fön ist schon eingestöpselt und wartet auf dich. Nun mach schon.“
Etwas gefasst verließ er die Küche und betrat das Bad, an ihre super strukturierte Planung würde er sich nicht so schnell gewöhnen, sie hatte ja schon praktisch alles geplant und vorbereitet, bevor er nur daran denken konnte. Das Bad kannte er noch nicht, als er damals ausgewandert war, war der Rohbau zwar fertig gewesen, aber mehr auch nicht. Er hielt einen Moment mit offenem Mund inne und sah sich um, das war ja einfach nur der pure Luxus und die Waschbecken waren aus Marmor, nur die Armaturen waren nicht vergoldet. Und genau dort auf einem Regal wartete auf ihn der Stapel mit den Handtüchern und frischen Kleidungsstücken. Direkt daneben lag ein identischer Stapel für Amber. Waren die Sachen eigentlich aus ihrem Koffer? Bei Ambers Stapel war er sich nicht sicher ob er die Sachen vor ein paar Tagen eingepackt hatte. Er zuckte mit den Schultern und betrat die Dusche. Es tut einfach so gut, wie das heiße Wasser mit einem satten Wasserdruck auf seinen Kopf und Rücken prasselte. Wenn er nur an die schrottige Dusche auf seiner Ranch dachte, die andauernd kaputt war und eher schlecht als recht funktionierte, grinste er. Die Shampoo-Marke kannte er nicht, aber sie roch und schäumte gut. Das Föhnen der Haare dauerte ewig und er band sie sich zu einem Pferdeschwanz zurück. Liz war in der Küche bestimmt schon längst fertig. Etwas kritisch betrachtete er sein Spiegelbild, sein Vollbart müsste mal wieder ordentlich gestutzt werden und bei der Gelegenheit könnten die Haare auch gleich mit ab. Er sah zwar ganz gut mit langen Haaren aus, aber der Pflegeaufwand war enorm. Ob Liz einen Barttrimmer besaß? Vermutlich schon, mit irgendwas musste sie sich schließlich den Kopf rasiert haben. Er zuckte bei dem Gedanken zusammen. Das musste er erstmal verdauen. Sie sah auf einmal so fremdartig aus, aber auf die gute Art. Es stand ihr total gut, auch wenn es eine Weile dauern würde bis er sich an ihren neuen Anblick gewöhnen würde.
   Die bereitgelegte Kleidung saß wie angegossen, auch wenn er die definitiv nicht mitgenommen hatte. lange bequeme Stoffhose und ein schwarzes Hemd. Kurz darauf schlüpfte er wieder in die Küche, wo ihm Liz einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. 
„Du brauchst viel zu lange im Bad. Geh schon mal hoch und deck den Tisch, ich schick dir dann die Sachen mit dem Speiseaufzug hoch. Und weck Amber an und sag ihr Bescheid dass es bald Frühstück gibt, sie soll auch nochmal schnell unter die Dusche springen bevor wir anfangen.“
„Woah, bist du immer so effizient und durchgeplant?“
Liz runzelte die Stirn und sah ihn einen Moment unschlüssig an, dann wandte sie sich zum Herd und drehte ihm den Rücken zu. Uh, vielleicht war der Spruch nicht so gut gewesen. Ihm Wohnbereich hielt er unschlüssig inne, wo zum Geier war Amber eigentlich?
„Sie schläft oben neben dem Essbereich und jetzt beweg deinen Arsch endlich.“
Kaz nickte und ging die breiten Betonstufen nach oben. Er hatte im Gegensatz zu seiner Tochter gestern gar nicht mehr wirklich die Gelegenheit gehabt die Wohnung zu erkunden. Als er den Schreibtisch passierte blieb sein Blick an einem kleinen Terrarium hängen, was an einer Ecke des Tisches stand.
   Was war denn das und warum war es leer? Und vor allem so karg. Der Boden war mit feinem Kies bedeckt und außer einem halben Blumentopf und einer flachen Wasserschale gänzlich leer. Neugierig ging er mit dem Kopf ganz nah an das Terrarium und späte unter den Blumentopf.
Ein lauter panischer Schrei entfloh seiner Kehle und er wich ruckartig zurück, stolperte hinterrücks über den Bürostuhl und landete unsanft auf seinem Allerwertesten. Sein Herz pochte rasend schnell und er zitterte am ganzen Körper. Er saß eine Weile einfach nur da um rang um Fassung. Amber schoss in einen Morgenmantel gehüllt von der anderen Seite des Raumes auf ihn zu und kniete sich besorgt neben ihn hin. Aus der Küche hingegen drang lautes schallendes Gelächter.
Er fluchte und setzte sich auf. Warum zum Henker besaß Liz eine gigantische ekelhaft haarige schwarze Tarantel? Den Anblick ihrer acht Augen, die ihn aus dem Dunkeln der Höhle angestarrt hatten, würde er so schnell nicht vergessen.
   Er stand mit etwas wackligen Beinen auf und machte einen großen Bogen um den Schreibtisch, wo dieses unheimliche Vieh gerade langsam aus ihrem Unterschlupf krabbelte kam. Kaz starrte ungläubig in das Terrarium, das war vermutlich die größte Spinne, die er in seinem bisherigen Leben gesehen hatte. Hoffentlich saß der Deckel auch gut, damit dieses schwarze Monster nicht entkommen konnte. Er schluckte und ging schnurstracks in Richtung Essbereich und stolperte über etwas großes was er auf dem schwarzen Boden gar nicht richtig sah. Er hörte unter sich ein Fauchen und ein mächtiger Waran trottete von ihm weg. Ein Kaiserwaran, die größte Waran Art der Welt. Noch größer als die Komodowarane und hochintelligent. Man hatte sie erst spät gefunden. Hatte Liz nicht immer gemeint sie mochte keine großen Echsen? Was machte dann dieses Riesenviech bei ihr in der Wohnung? Er rappelte sich auf und ging weiter.
   Amber sah ihm einen Moment hinterher, zuckte mit den Schultern und tappte ins Bad. Liz lachte sich immer noch gut hörbar über seine Reaktion mit der Spinne kaputt. Kaz Kiefer malten. Er schluckte seinen Ärger herunter und deckte den großen Tisch auf der anderen Seite des Raumes auf dem Podest über Bad und Küche für drei Personen. Aus dem Aufzug holte er nicht enden wollende Berge an Bratkartoffeln, Rührei, gebratenem Speck, Schüsseln mit Obstsalat, Früchtejoghurt, Marmeladen, Aufstriche, Wurst und Käse und warme Baguette Scheiben. Nicht zu vergessen eine große Kanne Kaffee, eine riesige Karaffe mit Orangensaft und einen großen dampfenden Becher mit intensiv duftendem Kakao. Als der Tisch fertig gedeckt war, beobachtete er von hier oben wie Liz aus der Küche ins Schlafzimmer ging und Amber fünf Minuten später in frischen Sachen und mit feuchten zu einem Pferdeschwanz hochgebundenen Haaren die Treppe hochstieg und einen Moment später am Tischende Platz nahm. Sie starrte mit riesig großen Augen auf all die Köstlichkeiten vor ihr auf dem Tisch. Sie roch neugierig an dem Kakao Becher. Kurze Zeit spät nahm Liz ihm gegenüber auf einem der recht bequemen Stühle Platz und strahlte ihn und Amber an. Sie trug jetzt eine weiße Bluse und einen dunklen Rock, hatte ein bisschen Makeup aufgelegt und trug eine strenge schwarze Bob-Perücke. Amber sah sie lange an und auch Kaz konnte die Augen kaum von seiner auf eine fremdartige Weise wunderschönen besten Freundin lösen.
„Kommt schon, auf was wartet ihr? Die Bratkartoffeln, der Speck und die Rühreier werden kalt. Liebes, soll ich dir einmal kräftig von allem auftun?“
Amber nickte schnell und kurz darauf stand ein Teller mit einem Berg von Bratkartoffeln, Speck und Rührei vor ihr. Kaz goss ihr Glas mit Orangensaft voll und tat sich dann selber ordentlich auf. Erst jetzt bemerkte er den mörderischen Hunger, den er verspürte. Er hatte seit dem Abendessen gestern im Flieger nur das Sandwich in dem anderen Flieger gegessen und er für gewöhnlich verschlang er Berge von Essen. Wörtliche Berge von Essen.
   Die nächsten Minuten sagte keiner etwas und sie aßen mit großem hörbaren Genuss. Als Er, Amber und auch Liz tellerweise Köstlichkeiten verschlungen hatte, lehnte sich Kaz zufrieden zurück und strich zufrieden über seinen vollen Bauch. Amber löffelte eine Schale mit selbstgemachtem Mango-Joghurt und wirkte sehr zufrieden. Liz beugte sich zu ihr und strich ihr sanft über den Rücken, Amber hielt einen Moment inne und sah sie an.
„Wird jedes Frühstück so sein?“
„Die großen Frühstücke am Wochenende werden bestimmt so sein. Aber ich arbeite sehr hart und lang, sodass ich euch eigentlich nur am Wochenende richtig sehe. Meine Köchin Lien wird euch jeden Tag versorgen, Ich esse meist in der Konzernzentrale. Die Kantinen dort sind erstklassig. Und ich komme leider meistens erst so spät abends nach Hause, dass du bestimmt schon schläfst. Hartes Leben, aber ich liebe den Job über alles. Und die Bezahlung ist nicht ohne. Aber du hast praktisch keine Freizeit mehr. Und die wenigen freien Tage die ich habe, sind hart erkämpft. Aber ich hab mir genug freie Zeit geholt, um ein paar Tage und Nachmittage mit dir und deinem Vater zu verbringen.“
Amber machte ein enttäuschtes Gesicht und Kaz fühlte mit ihr. Die kleine hatte sich schon so auf Liz gefreut, nachdem er ihr all die tollen Geschichten über sie erzählt hatte. Liz lächelte unglücklich.
„Keine Sorge, du wirst hier in Deutschland viel erleben. Du siehst den Rest von Kaz Familie mitsamt deiner Großeltern heute Abend. Sie sind schon alle sehr gespannt dich zu sehen.“
Kaz beobachtete das Mädchen aufmerksam, sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum.
„Ich muss jetzt leider für den Tag ins Büro, aber ich bin pünktlich zum Essen da. In der Zwischenzeit könntest du dir mit deinem Vater ein bisschen die Stadt ansehen. Aber bitte erstmal nur Berlin Solomon, hier ist es recht sicher und die Polizisten hier sind nicht korrupt und machen ihren Job gut. Und es gibt viel zu entdecken. Das Wetter heute wird sonnig und warm sein.“
Amber wirkte etwas unglücklich und starrte auf ihren Joghurt.
„Noch eine Sache. Ich hab einen Termin für den Frisör unten im Center gemacht. Morgen um acht, also direkt nach dem Frühstück. Ich zahle natürlich. Du wirst bestens beraten werden, wenn du morgen immer noch unsicher bist.“
Auf einmal strahlte das Mädchen wieder, Kaz schmunzelte. Liz wandte sich zu ihm.
„Ich würde vorschlagen, dass du sie morgen alleine in den Salon gehen lässt. Gegenüber ist ein tolles Café mit einem angenehmen Ambiente, die haben ganz ausgezeichnete Kuchen und Torten und tollen Kaffee, ach ja und die machen ein richtig gutes Frühstück. Eigentlich könntet ihr da gleich auch Frühstücken, ich rufe auf dem Weg ins Büro mal an und gucke ob ich noch einen Tisch reserviert bekomme, die sind immer gut ausgebucht. Da kannst du dir ein nettes Plätzchen suchen und auf Amber warten, ich könnte mir vorstellen, dass es etwas länger dauern wird.“
Sie zwinkerte ihm zu.
„Ach ja, und unten liegen für euch beide Transponder Armbänder aus Silikon, bitte tragt die Tag und Nacht. Damit kommt ihr ins Gebäude, in die Wohnung und in Tiefgarage. Zudem könnt ihr damit bei allen Geschäften und Lokalen hier im Gebäude bezahlen und das Studio und das kleine Schwimmbad im Untergeschoss verwenden. Ich hab die dazu gehörigen Konten großzügig aufgeladen. Und ich hab dir einen Zettel mit den Telefonnummern des Sicherheitsdienstes und die geschäftlichen Adressen von mir und deinem Bruder bereitgelegt, speichere die dir bitte ein! Ich muss jetzt leider echt los und ich wünsche euch einen tollen Tag. Wir treffen uns heute Abend um sechs, in dem Stammlokal der Familie dem Haus der Welt hier gleich nebenan, Johnny hat schon alles reserviert. Nate bringt euch dann hin. Ich zieh mich schnell nochmal um und bin dann weg.“
Liz stand auf, drückte Amber fest und küsste ihn auf die Wange. Dann verschwand sie nach unten.
Amber und er sahen sich an, dann schenkte er sich noch einen heißen Kaffee ein und Amber gönnte sich noch einen großen Nachschlag vom Joghurt.
   Das war ein komisches Gefühl mit seiner Tochter an einem riesigen Tisch zu sitzen in einer Luxus Wohnung mit der höchsten Decke, die er jemals in einer Wohnung gesehen hatte. Allein das Vertrauen, das sie ihn setzte, indem sie ihm einen Schlüssel für ihre Wohnung anvertraute und ihn allein ließ, mit einer Riesenechse die dort unten aus dem Fenster guckte. Der pure Luxus überall um ihn herum machte ihn völlig fertig. Er dachte an seine sehr schrottige Ranch mit dem löchrigen Dach, windschiefen Wänden, den Türen die nicht richtig zugingen und Ratten im Keller, die Kasimir gelegentlich jagte, wenn Kaz vergaß ihn zu füttern. Er war zwar weiß Gott nicht arm, nicht nach der ganzen Bitcoin Geschichte, aber er war sein ganzes Leben immer recht bescheiden geblieben. Naja, davon abgesehen, dass er unter der Ranch einen richtigen Bunker mit Wänden und Decken aus Beton gebaut hatte. In den USA war er zu einem richtigen Doomsday Prepper geworden. Mit Vorräten für die Ewigkeit, Treibstoff, Stromgeneratoren und einem eigenen Brunnen. Und seiner Waffenkammer, die extrem gut und nach allen Regeln der Kunst gesichert war.
Ok und die M18 Hellcat war auch nicht so ganz billig gewesen. Das Studio und das ganze Kameraequipment auch nicht, allein die super Highspeed Kameras für seine SlowMo Videos hatten absurde Mengen Geld gekostet. So gesehen verfügte er einen gewissen Luxus, auch wenn man es oberflächlich nicht so sah und er es im Gegensatz zu Liz nicht so überstrapazierte.
Er würde vor allem das Erstellen der Videos vermissen. Nach dem letzten Video war sein Chanel um ein gutes Stück gewachsen und er fühlte sich bei dem Gedanken unwohl, dass er momentan keine Videos mehr machen konnte. Vielleicht würde er sich in der Stadt ein paar Räume anmieten und sich ein neues Studio einrichten. Und da er sowohl einen Waffen- als auch einen Jagdschein besaß, würde er sich auch nach ein paar neuen Spielzeugen umsehen. Allerdings würde er erstmal gucken müsste was nach dem deutschen Waffengesetz überhaupt erlaubt war und was nicht. Und er würde Liz erstmal noch nichts von seinen Plänen mit den Waffen verraten. Vielleicht erlaubte Akira ihm ja, ihr kleines Studio in ihrem Zimmer zuhause bei ihren Eltern zu benutzen, wenn er das richtig in Erinnerung hatte, hatte sie sein altes Zimmer geerbt, was für eine köstliche Ironie. Bezogen darauf, dass sie haargenau nach ihm kam. Er freute sich schon so sehr seine Nichte wieder zu sehen.
Er beobachte Amber beim Essen und dachte nach. So tolle lange Haare und sie wollte sie scheinbar loswerden, das bedrückte ihn etwas. Und dann auch gleich so schnell. Immerhin eiferte sie nicht Liz nach und machte sich auch eine Glatze, zumindest noch nicht. Seine Tochter vergötterte Liz beinahe schon. Im August würde sie sechzehn werden. Was er ihr nur schenken sollte? Sie war erst seit wenigen Monaten bei ihm und er wusste erst so wenig von ihr. Sie wirkte nach außen hin immer so unsicher und beinahe verletzlich. Und sie war sehr schüchtern, auch wenn sie sich in Liz Gegenwart sehr wohl zu fühlen schien, was ihr zutiefst erleichterte. Vielleicht könnte sie mit Jack und Ryan ein bisschen trainieren, wenn die beiden wieder auf dem Damm waren. Kampfsport würde ihrem Selbstbewusstsein bestimmt gut tun. Und er musste dringend auch mal wieder Sport treiben, er war zwar ganz gut durchtrainiert, aber er setzte schon wieder Bauchspeck an. Nicht das er noch fett wurde.
   Soso, dieses Haus besaß also auch eine Schwimmhalle und ein Fitnessstudio, das würde er sich in den nächsten Tagen genauer ansehen. Aber jetzt war erstmal die Hauptsache, dass er und Amber gut hier ankamen.
   Er dachte an heute Abend. Da würde er nach Ewigkeiten Emma und Jack, sowie Johnny, Helena und Akira sehen. Jack hatte darum gebeten, dass seine Freundin Yolanda mitkommen dürfte und Akira wollte unbedingt ihren Freund Sahid mitbringen.
   Akira und er hatten einen guten Draht zueinander und sie hatte ihm in der Vergangenheit viel von ihrem Freund Sahid vorgeschwärmt. Er war zwanzig, Muslim und studierte irgendwas mit Grafik und verdingte sich in seiner Freizeit als Standup Comedian. Kaz hatte sich ein paar etwas verwackelte Handyvideos von seinen Auftritten angesehen. Der junge Mann hatte smarte völlig politisch unkorrekte Witze im Programm, in denen er gerade über Religion und Muslime herzog. Er würde wohl so schnell nicht mehr in ein arabisches Land einreisen dürfen. Und es half definitiv nicht, dass er bei seinen Auftritten in die Rolle eines durchgeknallten islamistischen Terroristen schlüpfte, mitsamt authentischem Kostüm. Aber bei einigen Passagen seines Programms hatte Kaz echt Tränen gelacht.
Sein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken dass er heute auch seine Eltern wiedersehen würde. Er hatte seinen Vater Herbert und seine Mutter Lilly seit einem ganzen Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Ob sich seine Mutter auf ein viertes Enkelkind freute? Bestimmt, sie liebte all ihre Enkelkinder und in Amber konnte man sich auf Anhieb verlieben.
   Amber lehnte sich gerade auf ihrem Stuhl zurück und seufzte zufrieden. Er trank in Ruhe seinen Kaffee aus, dann stand er auf und begann damit den Tisch abzuräumen. Amber half ihm wortlos und ohne zu zögern. Fünfzehn Minuten später schickte Kaz die Spülmaschine los und ging dann wieder ins Wohnzimmer. Amber stand am Fenster neben dem Waran und sah neugierig nach draußen. Er stellte sich neben sie und sah ebenfalls nach draußen. Frühling. Das gemähte Gras im Park war grün und saftig und die Bäume und Büsche blühten. Dafür dass es erst so früh war, war draußen eine Menge los. Spaziergänger alleine, zweit oder in kleinen Gruppen, einige mit Hunden. Große Gruppen von Teenagern spielten Fußball und er sah so einige Studenten, die Wikingerschach spielten. Auf dem Spielplatz spielten Kinder, während ihre Eltern auf Bänken saßen und ihnen zuguckten. Skater waren unterwegs und ein paar Leute in Sportsachen machten Calisthenics. Wie er so rausguckte, bekam er so richtig Lust mit Amber rauszugehen und sich das Viertel anzusehen.
„Möchtest du rausgehen? Ich würde gerne gehen, hast du Lust?“
Amber drehte sich zu ihm um und nickte eifrig. Kaz schnappte sich seine Jacke, die immer noch über der Rückenlehne eines der drei riesigen Ledersofas hing. Er sah sich suchend nach einer Garderobe um, dann bemerkte er den Durchgang neben der Tür und knipste das Licht an. Ein unglaublich langer und gar nicht mal so schmaler Raum erstreckte sich vor ihm, die Decke war etwa 2,5m hoch. Jetzt war ihm auch klar, warum die restliche Wohnung verhältnismäßig leer wirkte. Er ging ungläubig an gefühlt endlos langen hohen Regalreihen entlang der Wände zu beiden Seiten des Raumes entlang, deren Bretter sich unter der Last von unzähligen Kisten, krakelig beschrifteten Pappkartons, Ordnern, Werkzeugen, Haushaltsgeräten und absurden Mengen an Konserven, Einmachgläsern mit Getreide und Bohnen und bergeweise unverderblichen Lebensmitteln bogen. Er zog probeweise eine der großen Schubladen auf und fand tonnenweise MREs. Er musste grinsen, demnach war seine beste Freundin ja praktisch auch eine Prepperin geworden.
   Er ging wieder nach vorne und besah sich die Garderobe. Mit großem Unglauben starrte er auf das vorderste Regal mit Pelzmänteln in verschiedenen Farben und Längen. Er zählte durch und dann nochmal. Liz verarsch mich doch nicht! Verdammt nochmal 27 Pelzmäntel?!
Welche absurden Geldsummen hatte sie dafür verbraten? Er dachte an den Hermelinmantel von gestern, allein der dürfte so viel gekostet habe wie ein dicker Mercedes. Er schüttelte den Kopf. Aber klar sie war Vizechefin von Horizon, einem der größten Megakonzerne der Welt, die würden schon gut zahlen. Wahrscheinlich jeden Monat eine siebenstellige Summe.
   Im Regal daneben hingen lange Wollmäntel, Regenjacken, Wanderjacken und dicke Daunenjacken, alles in mindestens dreifacher Ausführung. Dazu endlose Reihen an Schuhen. Hohe Lederstiefel mit hohem und flachem Absatz, flache Schuhe, Sandalen, Sportschuhe und Unmengen an Stöckelschuhen mit abenteuerlich hohen Absätzen. Wann trug sie denn bitte jemals das ganze Zeug, wenn sie regelmäßig achtzig Stunden in der Woche arbeitete? Konnte es sein, dass seine Freundin nicht so ganz wusste, was sie mit dem ganzen vielen Geld, dass sie verdiente nicht wirklich umzugehen wusste und allen möglichen nutzlosen Krempel kaufte? Er musterte die drei eingepackten Zelte und die hochwertige Campingausrüstung in einem der Regale. Dazu eine gutbestückte Angel- und eine gottverdammte Taucherausrüstung. Er zog eine Schublade auf und sah hinein, Fernrohre und Ferngläser. In der Schublade darunter Feuerstarter, Messer und eine Sammlung Kompasse.
   Er hielt seine Freundin echt nicht für den Typ Frau, die in ihren seltenen Ferien campen oder paddeln ging. Auf der anderen Seite könnten seine Geschwister nicht ganz unschuldig sein, immerhin fuhren die jedes Jahr zusammen in den Urlaub, zum Campen natürlich und für sie gehörte Liz mittlerweile praktisch zur Familie. Er dachte einen Moment nach. Meinte Johnny nicht, dass er zwei Anhänger mit Kajaks und Kanadiern besaß? Und Liz fuhr ja mittlerweile auch einen fetten Land Rover Defender 110, den sie alleine niemals brauchen würde. Komisch, Liz hatte nie erwähnt wie sie ihre Urlaube verbrachte. Er beschloss Johnny und Emma heute Abend zu dem Thema zu befragen. Er schmunzelte bei dem Gedanken an einen Konvoi aus drei pechschwarzen fetten Defendern, mit massig viel Gepäck auf dem Dachträger und zwei Anhänger mit Kajaks und Kanadiern. Vielleicht durften er und seine Tochter beim nächsten Mal ja mit. Wobei er nicht wusste ob Amber sowas mochte. Er riss sich los und suchte nach Ambers Jacke, die er in einem separaten Regal fand. Dort hingen auch ein paar dunkle Anzüge in seiner Größe, die er misstrauisch begutachtete. Erwartete Liz, dass er einen davon heute Abend tragen würde? Er würde es ihr zutrauen. Bestimmt hatte sie auch gleich etwas Passendes für Amber zusammengestellt. Mit der Jacke und Ambers Turnschuhen in der Hand verließ er den Raum wieder und machte das Licht aus. Amber stand immer noch am Fenster und sah wie gebannt nach draußen, anscheinend hatte sie nicht bemerkt wie er eine halbe Ewigkeit in diesem Lagerraum zugebracht hatte.
   Etwas widerwillig riss sie sich los und schlüpfte in die Jacke und in die Schuhe, dann wartete sie ungeduldig dass er sich auch anzog. Kaz klopfte seine Hosentaschen ab um sich zu vergewissern, dass er alles dabeihatte. Probeweise zog er seine Brieftasche aus der rechten Gesäßtasche und warf einen Blick hinein, in einer Wechselstube in den USA hatte er sich fünfhundert Euro ausgeben lassen. Aus den Tiefen seines Koffers holte er einen etwas zerknautscht aussehenden Rucksack, den er ausschüttelte und sogleich aufsetzte. Amber trat zuerst in den Hausflur dann folgte Kaz ihr und zog die Tür hinter sich zu, Der Waran sah ihnen fast schon traurig nach. Um sich zu vergewissern dass der Transponder auch funktionierte öffnete er das elektronische Schloss der Wohnungstür. Als er die Tür erneut zuzog und hörte wie das Schloss verriegelte, guckte ihn Amber verwundert an.
Er zuckte nur mit den Schultern. Er hatte schon immer diese leichte Paranoia wenn es um Türschlösser ging und hatte ständig Angst davor, sich selbst auszusperren, auch wenn ihm das in seinen ganzen bisherigen 43 Lebensjahren nicht einmal passiert war.
   Ok, wohin jetzt? Gestern Abend war absolut keine Zeit mehr gewesen sich hier irgendetwas in Ruhe anzusehen, aber jetzt in Begleitung mit seiner Tochter würde er es sein lassen, sich alles bis ins kleinste Detail anzusehen, dass würde sie zu Tode langweiligen oder eventuell auch verunsichern. Das würde er alleine machen, wenn Amber mit irgendwas anderem beschäftigt war.
   Aber ein bisschen musste er sich schon umgucken. Jetzt hier im Flur sah er sich interessiert um, man sah Emmas Handschrift überall. Hohe weite Räume, viel Licht, scheißviel unverkleideter Beton, Glas, Stahl. Emma hatte es geschafft diese kalten Baustoffe mit einer gewissen Wärme erstrahlen zu lassen. Mal sehen, er warf einen Blick zurück. Neben der massiven schwarzen Metalltür mit dem elektronischen Schloss waren eine Klingel und ein in die Wand eingelassener Briefkasten, daneben auf dem Boden war in Wand Nähe ein Rechteck auf den Boden gemalt und in Bauchhöhe war etwas wie ein metallenes Gitter oder sowas ähnliches in die Wand eingelassen. Probeweise zog er an dem Gitter und geschmeidig ließ es sich ausklappen und verharrte dann bei einem 90° Winkel wo es fest arretierte. Es dämmerte ihm, das war für Pakete und Päckchen gedacht, und das Rechteck am Boden wohl für die ganz großen Pakete.
   Amber zog ungeduldig an seiner Hand. Er brummte, ist ja schon gut Mädchen. Er sah auf seine Armbanduhr, es war halb zehn. Das Treffen war um sechs und er wusste nicht wo das Lokal war, nur dass es sich irgendwo in der Nähe befand. Also hatten sie solide sieben Stunden Zeit, da konnte man sich definitiv ein paar Sachen angucken. Allerdings würde er für heute sicherheitshalber kürzer treten. Heißt also, sie würden sich diesen Stadtteil ein bisschen angucken, den er auch noch gar nicht so richtig kannte. Mit grimmigem Gesichtsausdruck dachte er an den Namen des Stadtteils, Berlin Solomon. Fuck, wie ihn das anpisste. Aber erinnerte sich noch zu gut an damals als er siebzehn oder achtzehn war und sein Vater mit seinem Büro den Jahrhundertauftrag an Land gezogen hatte – die Planung und Realisierung eines neuen Stadtteils für die Hauptstadt. Grün, hochmodern, innovativ und zukunftstragend. Ein etwas verzweifelter Versuch der Bundesrepublik ein Pilotprojekt auf die Beine zu stellen, dass beweisen würde, dass Deutschland international immer noch ganz vorne mit dabei spielt. Dazu wurde der recht grüne Teil von Südwest Berlin komplett plattgemacht und die Stadt der Zukunft gebaut. Aber damals war er noch jung und doof gewesen und hatte sich für den ganzen Architekturscheiß seines Vaters einen Scheiß interessiert und nicht darüber nachgedacht was für Implikationen diese Sache mit sich bringen würde. Er wusste aber noch mit Bestimmtheit, dass sein Vater als kleine Belohnung den damals nagelneuen Land Rover Defender 2020 in der 110er Variante im Vollausbau für die Familie gekauft hatte und klein Kaz mit seinem frisch erworbenen Führerschein den alten rostigen Defender 110 weitervererbt bekommen hatte. Kaz grinste einen Moment und dachte schwelgte in Erinnerung. Man, an der Schule hatten ihn alle nur um den coolen Schlitten beneidet, der leider wie ein Loch schluckte. Er und sein bester Freund Xen hatten die Krücke über die Jahre kräftig aufgemöbelt und ja ein neuer fünfhundert PS Dieselmotor trank ganz gut. Mensch Xen, dich hab ich auch jahrelang nicht mehr gesehen. Sie hatten mal ein paar Jahre zusammen gewohnt, nachdem sich sein fetter Freund das Leben nehmen wollte und es ihm beinahe gelungen wäre.
Diese alte Krücke, die schon nicht mehr taufrisch war, als sie in seinen Besitz gewandert war. Merkwürdig, dass jetzt über zwanzig Jahre später seine Neffen mit demselben Misteimer durch die Gegend zockelten. Er dachte daran, wie Xen ihn damals ausgelacht hatte und über den Defender gelästert hatte. Als gelernter KFZ Mechatroniker vermutlich nicht ganz zu Unrecht. Tja, Die Karre schluckte wie ein Loch und hatte ihn als Student echt arm gemacht. Aber das Ding war echt zäh und zuverlässig. Wie alt war die Krücke, sechzig Jahre? Und er fuhr immer noch, erstaunlich.
Verdammt, jetzt hatte er den Faden verloren. Er dachte einen Moment nach und Amber neben ihm schmollte. Ah, jetzt hatte er wieder. Der Auftrag war die Chance für seinen Vater gewesen, es der Welt zu beweisen was er drauf hatte und eines musste man ihm zugestehen, er hatte abgeliefert. Das Konzept für den Stadtteil, der eher wie eine eigenständige Stadt war, hatte eingeschlagen wie eine Bombe und wurde mit wenigen kleinen Änderungen bewilligt. Trotz der gigantischen Proteste vieler Bundesbürger. Und der Stadtteil würde als Zeichen der absoluten Anerkennung nach seinem Vater benannt werden. Feixend dachte Kaz daran, dass ihr Familienname Solomon eine gewisse Klangkraft besaß, die Sache wäre vermutlich anders gelaufen wenn sie Müller oder Hoffmann heißen würden.
„Papa, was machst du da? Lass uns doch bitte losgehen!“
Ein flehender Unterton lag in Ambers Stimme. Resigniert riss er sich los und ging den Flur entlang, wenn man das überhaupt Flur nennen konnte. Er sah nach oben zur absurd hohen Decke, wo helles Sonnenlicht durch Oberlichter fiel. Wo war denn nochmal der Fahrstuhl? Er warf einen Blick auf den Boden, Glatte schwarze Steinplatten, nichts Spektakuläres. Und natürlich waren hier nirgendswo Schilder oder sonstiges. Mit Amber an der Hand ging er etwas planlos durch die Gegend. Nach einer Weile hielt er inne. Wo zum Henker waren sie eigentlich? Emmas Entwürfe in allen Ehren, aber das sah hier irgendwie alles gleich aus, wie zum Henker fand man sich hier denn zurecht? Er zog Amber um eine Ecke und erstarrte. Sie hatten den Lichthof erreicht. Zu seiner Zufriedenheit war die Beton Brüstung im dritten Stock sehr hoch und ging nach oben in eine Glaswand über. Selbstmördern machte man es hier zum Glück schwer. Er warf einen Blick nach oben und sah eine riesige pyramidenförmige Glaskuppel mit geöffneten Oberlichtern. Wie groß wohl der Lichthof war? Mh, er war im Schätzen immer schon scheiße aber spontan würde er auf etwa zwanzig mal zwanzig Meter tippen. Er beugte sich ein Stück nach vorne und sah nach unten. Dort unten sah er einen ziemlich großen Springbrunnen und jetzt vernahm er von unten auch Stimmen. Verdammt noch mal, war er gestern Abend so weggetreten gewesen, dass er sich den Weg nicht gemerkt hatte?
„Papa, da ist ein Schild für Aufzug. Können wir bitte gehen?“
Er wirbelte herum und starrte in die Richtung in die Amber zeigt. Tatsächlich, in großen Buchstaben stand dort ELEVATOR, aber die Buchstaben waren auf dem grauen Beton kaum zu erkennen.
Und jetzt standen sie vor einen zweiflügligen Stahltür, etwa drei Meter hoch und vier breit. Lastenaufzug oder was? Er sah aber nirgendswo einen Rufknopf für den Aufzug. Was war denn das für ein Mist? Amber trat vor und hielt ihr Armband vor eine postkartengroße grau mattierte Oberfläche neben der Tür und völlig lautlos glitten die Türflügel in die Wand. Schlaues Mädchen.
Jetzt waren sie in einem großen beleuchteten Treppenhaus mit breiten Betontreppen und da vor ihnen waren auch zwei normale Personenaufzüge. Jetzt hielt er sein Armband an die Fläche neben dem Aufzug. Auf der Tür des Aufzugs leuchteten Zahlen auf. Der Aufzug kam aus dem Keller hoch und zwar ganz schön schnell. Und er war da. Die Tür glitt lautlos zur Seite und sie stiegen ein. Kaz war mittlerweile völlig genervt von diesem anonymen bedrückenden Labyrinth aus Beton und Stahl, also drückte er auf den Knopf für Erdgeschoss. Die Türen schlossen sich und die rundum verspiegelte  Kabine und sie fuhren nach unten. Und zwar in einem Affenzahn, Bei der Beschleunigung waren sie beide tatsächlich etwas aus dem Gleichgewicht gekommen. Und die Kabine bremste ganz ordentlich.
Etwas wacklig auf den Beinen verließen Die beiden die Kabine. Und standen wieder vor so einem Rolltor, dass sich von innen ohne Transponder automatisch öffnete als sie sich näherten – wie praktisch. Mit großen Augen sah er sich um. Ein paar Lädchen, ja ne ist klar. Sie standen mitten in einem Einkaufszentrum. Ungläubig drehte er sich im Kreis. Das waren scheiß viele Luxusgeschäfte. Er schleifte Amber praktisch hinter sich her, als er mal in die eine, mal in die andere Richtung ging. Das Einkaufszentrum hatte zwei Etagen, wobei einige Läden über zwei Etagen verfügten. Hier gab es ja praktisch alles was man brauchte … und was nicht. Er zog eine Grimasse als er dort hinten auf der anderen Seite in der zweiten Ebene einen Laden für Pelzmoden entdeckte, da war Liz vermutlich Stammkundin. Ok, jetzt stand er vor dem Cafe, von dem Liz vermutlich gesprochen hatte, dann müsste dieser Frisör doch bestimmt auch hier irgendwo sein. Aha, dort war er. Er näherte sich dem Salon und blieb davor stehen. Wie zu erwarten war er am Sonntag nicht geöffnet, aber die Beleuchtung war an, also warf er einen Blick hinein. Alles war von erstklassiger Qualität. Im Schaufenster neben dem Eingang hing eine Preisliste, die er mit steigendem Unglauben studierte. Heilige Scheiße, was waren denn das für Preise? Was ein Glück das Liz morgen die Rechnung bezahlen würde. Jetzt schwirrte ihm aber echt der Kopf, er brauchte Frischluft – dringend.
Ein paar Minuten später gingen die beiden durch eine automatische Schiebetür und traten ins Freie.
Kühle Märzluft umfing sie und Kaz atmete die erfrischend klare Luft ein. Er sah sich um. Viele Grünflächen und Baumgruppen. Also entweder hatte man größere Bäume hierher umgesiedelt oder die waren nicht echt, er kannte keine Baumart die in zehn Jahren so hoch wuchs. Für einen Sonntagvormittag um die Jahreszeit war ordentlich was los. Er ging ein paar Schritte den breiten zementierten Weg entlang und sah sich interessiert um. Sie waren etwa noch fünfzig Meter von der Straße entfernt als er aus relativer Nähe ein Hupkonzert mehrerer Autos vernahm. Dazu ziemlich laute Musik die sich langsam näherte. Er nahm eine defensive Haltung ein, ob es Clowns waren? Die waren bekannt dafür, dass ihre Autos und Konvoys verdammt laute Musik spielten. Mh er sah sich um, sie standen mitten im Freien ohne Deckung in unmittelbarer Reichweite. Er lauschte angespannt.
Die Musik, war das Goa? Die Clowns waren nicht dafür bekannt Goa zu verwenden. Und dann vernahm er zusätzlich zu der Musik das volltönende Dröhnen eines Dieselmotors, wie bei einem schweren Truck oder einem Panzer, im Zeitalter der Elektroautos war der Klang selten geworden. Die Möglichkeit einer Gefahr hin oder her, jetzt siegte seine Neugierde doch und er ging weiter den Weg entlang in Richtung Straße. Kaum hatte er sie mit Amber erreicht, zockelte ein äußerst abenteuerlich aussehendes Gefährt im wahren Schneckentempo an ihnen vorbei. Kaz starrte es entgeistert und völlig ungläubig an. Wurde hier irgendwo ein neuer Mad Max Streifen gedreht?
Er nahm das Wort Schrottkiste im Zusammenhang mit seinem alten Defender zurück. Dieses Ding bewegte sich so unfassbar langsam, dass ihm mehr als genug Zeit blieb, sich alles ganz genau anzusehen. Vier Achsen mit riesigen Reifen und ein überhängendes kastenförmiges Führerhaus mit anliegendem Motorhaus. Wenn er nicht komplett daneben lag, war das ein schwer modifizierter sowjetischer MAZ-537, eine schwere Zugmaschine für den Transport von Panzern und Raketen. Aber bei diesem Ungetüm hatte man allen Anscheins eine Ansammlung von großen Cargo Containern und anderen Behältnissen zusammengeschweißt und auf dem Auflieger und an dem Heck des Motorenhauses befestigt. Dazu ein Gewirr von Maschinen, Apparaturen, Kesseln, Elektronik und vermutlich auch einem Stromgenerator. Kabel, Schläuche und Rohre kreuz und quer ohne erkennbare Logik. Die Container hatten ein paar unregelmäßig in die Seitenwand eingelassene kleine Fenster. Und in der Lücke zwischen dem vorderen und hinteren Reifenpaar war eine Stahltür in das Chaos eingelassen. Dann war das Ding bewohnt? Antennen sprossen in die Höhe und eine kleine Satellitenschüssel war lose mit Draht und Klebeband an einem Geländer befestigt. Auf dem Dach über Kabine und Motorhaus, war eine Plattform mit einem wacklig aussehenden Geländer befestigt, die auf allen Seiten etwa einen halben Meter überragte. Zusammen mit langen Rohren oder Stangen aus Stahl, die entlang des Gefährtes zusammengefaltet lagen.
   Die gesamte Breitseite der Zugmaschine war mit Transportboxen in allen Größen und Farben und zu seiner Verwunderung auch zwei Briefkästen zugepflastert. Und über Türhöhe waren Säcke aus dickem Stoff in allen Größen befestigt. Das Ding hatte hinten am Heck einen Überhang von einem guten Meter. Dort war ein etwas höherer Metallcontainer mit kleinerer Grundfläche auf der linken Seite und auf der rechten Seite eine Konstruktion, die fast wie ein Erker mit mehreren kleinen Fenstern aussah. Und zum Abschluss ein klappriges altes Fahrrad, was mehr schlecht als recht ans Heck des Monsters gefesselt war.
   Hatte er vergessen zu erwähnen, dass diese Kiste anscheinend so oft übermalt worden war, dass man den Grundton nur noch erahnen konnte? Und Alles war mit vergilbten Plakaten zutapeziert und mit Graffiti übersprüht. Kaz sah dem Monstrum nach, dass langsam die Straße entlangfuhr, eine dunkle Abgaswolke hinter sich herzog und eine Kolonne wütend hupender Autos hinter sich hatte, untermalt von dröhnend lauter Goa Musik.
   Er merkte gar nicht, dass er da eine halbe Ewigkeit stand und dem Ungetüm mit offenem Mund hinterher sah. Er warf einen Blick auf Amber und bemerkte, dass es sie ebenfalls total aus den Socken gehauen hatte. Dort hinten scherte das Dings plötzlich nach rechts über den glücklicherweise leeren Bürgersteig aus und fuhr ein Stück über den Rasen des Parks wo es dann nach etwa fünfzig Metern anhielt. Schlagartig erlosch der Lärm des schweren Diesels und die Laute Musik war auch weg.
Er warf Amber einen Blick zu und sie ihm ebenfalls. Sie nickten beide fast schon synchron, dann spurteten sie zu der Fläche, wo das sowjetische Monster rumstand. Eine kleine Schaar Schaulustiger hatte sich schon um das abenteuerliche Fahrzeug gescharrt als sie dort ankamen. Ein Araber war aus der Fahrerkabine gesprungen und streckte sich herzhaft. Er war ein paar Jahre jünger als Kaz, mit einem wilden schwarzen Vollbart, einem wuscheligen ungepflegten Haarschopf und Augen mit einem verrückten Glimmen. Dazu trotz der Kälte ein grünes Tanktop, eine lange schwarze Jogginghose und abgenutzte Sportschuhe. Wer war das denn bitte? Der Araber schien sein Publikum gar nicht zu bemerken, zumindest fing er gerade an sich zu dehnen und zu lockern. Dann nach ein paar Minuten nickte er grimmig in die Runde und brüllte ohne Vorwarnung ein sehr lautes „Allahu Ackbar“ in die Menge, die verschreckt zurückstob, gefolgt von dem lauten gackernden Gelächter des Arabers. Mit schier übernatürlicher Geschwindigkeit und Akrobatik sprang er an dem Truck hoch auf die Plattform über der Kanzel und sah sich um. Kaz folgte seinem Blick und sah einen großen Spielplatz. Der Araber sprang von der Plattform und rollte sich über die Schulter ab, dann rannte er in einem Affenzahn zu dem Spielplatz. Kaz und Amber folgten ihm. Nach einem Moment blieben sie stehen und beobachteten den Araber bei ein paar völlig abgedrehten akrobatischen Manövern.
Der Typ machte Parkour. Die Kinder auf dem Spielplatz wurden von ihren ängstlichen Müttern zurückgerufen, während der Araber seine geradezu verrückten Manöver machte und dabei offensichtlich eine Menge Spaß hatte. Kaz und Amber setzten sich in ein Café mit Außenterrasse, das direkt neben dem großen Spielplatz lag. Clevere Geschäftsidee, die Eltern konnten im Café sitzen, während sich die Plagen auf dem Spielplatz vergnügten.
   Gerade als die Bedienung mit einem Milchkaffee für Kaz und mit einem großen Kakao für Amber zurückkam, beobachte Kaz wie der Araber von der Akrobatik zu Calisthenics überging. An einer Fahnenstange eines hohen Klettergerüsts machte der Araber die menschliche Flagge, das fand Kaz sehr beeindruckend, er schaffte das nicht, aber er war ja auch fett.
   Nach einer Weile trafen sich ihre Blicke und die Augen des Arabers wurden groß. Schnell kletterte er von dem Spielplatz und ging in lockerem Schritttempo auf ihren Tisch zu.
Kaz begrüßte ihn auf Arabisch.
„Das war ein sehr beeindruckendes Schauspiel guter Mann. Lassen sie mich sie auf ein Getränk einladen, sie müssen völlig außer Puste sein.“
Amber starrte ihn groß an, das war das erste Mal, dass er in ihrer Anwesenheit Arabisch gesprochen hatte. Der Araber verbeugte sich dankend und setzte sich auf einen Platz neben Amber, die ihn etwas ängstlich anstarrte. Der Araber antwortete in einem sehr flüssigen Englisch.
„Die Ehre ist ganz meinerseits, ich kenne sie. Moment sie sind doch dieser Autor und Youtuber, verdammt mir fällt ihr Name gerade nicht ein, irgendwas mit K.“
„Sebastian Katsuro Solomon, von allen nur Kaz genannt.“
„Ja genau, ich bin ein riesen Fan ihrer Bücher und ihres YouTube Chanels, wo sie alle möglichen coolen Sachen mit Waffen und Sprengstoff machen. Auch wenn es manchmal total schwer ist, an ihre Bücher ranzukommen und ihre Videos zu gucken.“
„Warum denn das? Ach so, ich hab‘s geschnallt. Sie und ihr fahrendes Ungetüm sind ständig in verschiedenen Ländern unterwegs. Und nicht überall gibt es guten Empfang.“
„Ja genau und oh man ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt, nennen sie mich Yusuf, der Nachname ist egal. Genau, mit der schlafenden Schönheit bin ich überall in Europa, Asien und Afrika unterwegs.“
„Darf ich fragen was sie machen?“
Die Bedienung kam vorbei und Yusuf bestellte sich einen Ingwertee.
„Duzen sie mich doch bitte. Ich klettere auf Berge und manchmal auch auf Häuser, mit oder ohne Seile. Und ich mache Parkour. Ich lebe in der Kiste seit fast zwanzig Jahren.“
Kaz hob die Brauen hoch, das war wirklich beeindruckend.
„Und womit verdienst du dein Geld? Die Kiste muss ja irre viel Sprit fressen.“
Yusuf grinste breit und eine Spur Unsicherheit lag in seinen Augen.
„Japp, die schlafende Schönheit frisst absurde Mengen an Diesel und macht mich richtig arm. Ich verdiene mein Geld größtenteils durch Spenden, Shows, ein bisschen Unterricht und Gelegenheitsjobs.“
„Hm, ich wette ihr Lieblingscharakter in der Story ist Ted oder?“
Yusuf nickte ganz eifrig.
„Ja, als ich damals den ersten Band gelesen habe, war ich so begeistert, dass du Ted den Dieb geradezu auf mich zugeschrieben haben, obwohl wir uns bis jetzt noch nie begegnet sind. Mich verbindet so viel mit diesem kletternden Rabauken.“
„Was ich nicht ganz verstehe ist: was führt Sie ausgerechnet nach Berlin, wo doch ihr Hauptaugenmerk darauf zu liegen scheint, auf Berge zu steigen. Nicht falsch verstehen, ich bin einfach nur total neugierig.“
„Lesen sie keine Zeitungen? Die Meldung ging groß durch einige Blätter.“
„Nein ich fürchte ich lese schon seit über einem Jahrzehnt keine Zeitungen mehr, hab seit über zwanzig Jahren kein Fernsehen geguckt und höre nur die Radiosender, die ausschließlich Musik bringen.“
„Woah, dass hätte ich nicht gerechtet, bei ihren Büchern kann man es regelrecht spüren, dass sie am Nabel der Zeit mitmischen. Wirklich erstaunlich. Naja, jedenfalls hat mich das BIT vor einigen Monaten kontaktiert und mir eine Stelle als Dozent vorgeschlagen. Und bei dem was sie mir geboten haben, konnte ich unmöglich nein sagen.“
Kaz runzelte irritiert die Stirn. „Was ist das BIT?“. Yusuf starrte ihn verständnislos an.
„Warte mal, du kennst das BIT nicht? Hast du die letzten Jahre unter einem Stein gelebt? Das BIT ist die deutsche Antwort auf das MIT. BIT steht für Berlin Institute of Technologies und ist mittlerweile die führende Elite-Uni im europäischen Raum. Die forschen an irre vielen abgefahrenen Sachen. Deshalb war ich ja auch total platt, dass sie mich wollen.“
„Nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Und Ja das Kaff in Texas, wo ich die letzten zehn Jahre gelebt habe, mit seinen hundertfünfzig Einwohnen kann man definitiv mit dem Leben unter einem Stein vergleichen.“ Kaz grinste ebenfalls breit. „Und was machst du dort am BIT?“
„Ich habe eine Stelle als Sport-Dozent bekommen. Die Sprechen dort alle nur Englisch, das passt mir ganz gut. Jedenfalls unterrichte ich ganz normalen Sport und Calisthenics, dann Parkour und nicht zu vergessen Klettern, mit und ohne Seile. Das BIT hat seit neustem eine große Indoor-Kletterhalle und Outdoor Parkours für klettern und auch ein paar Anlagen für Parkour.“
„Wow, das würde ich mir gerne einmal ansehen. Wo ist das BIT?“
„Man, ich kann euch hinbringen, es ist gleich am Ende von Berlin Solomon, ich war gerade auf dem Weg dorthin als ich an dem tollen Spielplatz hier vorbeigekommen bin.“
„Klar das wäre großartig, wie kann ich dir danken.“
Yusuf grinste verlegen. „Ich hab mein Portemonnaie im Truck vergessen.“
„Ach so, klar, dass ist kein Problem, ich hatte dich ja eh eingeladen. Neben dir sitzt übrigens meine Tochter Amber“
Yusuf wandte sich ihr neugierig zu und schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln.
„Von dir hab ich schon so viel gehört. Das mit deiner Familie tut mir so leid, die Clowns sind echt ein schlimmer Haufen. Ich hab das Video von deinem Dad gesehen, ganz schlimme Sache. Ich glaube du hast die bestimmt auch eher glücklichere Umstände gewünscht, deine neue Familie endlich zu sehen oder? Wo gehst du denn dann zur Schule?“
Amber wischte sich eine Träne weg und sah den Araber gefasst an.
„Ja ich vermisse meine Familie jeden Tag, glücklicherweise hat Kaz mich damals gefunden und gerettet und dann auch gleich adoptiert. Ich musste mich an so viele Sachen gewöhnen und ich treffe heute Abend meine neue große Familie, also Kaz Eltern und Geschwister. Und ich weiß nicht wo ich zur Schule gehen soll.“
Sie machte ein unglückliches Gesicht und Kaz griff über den Tisch nach ihrer Hand und drückte sie fest. Sie warf ihm ein unsicheres Lächeln zu.
„Geh doch zum BIT, die nehmen dich bestimmt mit Handkuss.“
Kaz starrte Yusuf verständnislos an. „Zum BIT, aber das ist doch nur eine Elite-Universität?“
Der Araber grinste ihn aufmunternd zurück.
„Ich hab gelesen dass das BIT auch einen Schulteil hat, bin mir aber nicht so sicher. Wir können gleich hinfahren, die haben bestimmt ein Besucherzentrum, wo man sich über sowas erkundigen kann. Und der Schulleiter kommt mir nicht wie jemand vor, der etwas auf die Stimmungsmache der Sensationspresse gibt. Oder sich schmieren lässt.“
Kaz dachte fieberhaft nach, wenn das stimmte, war dass die Lösung für das Schulproblem von Amber und den Kindern seiner Geschwister und von den Mädchen von dem Offizier. Elite-Univeristät, dass würde bestimmt eine verdammt teure Angelegenheit werden.
„Ok, lass uns fahren, aber zuerst möchte dieser fantastische Kaffee gewürdigt werden.“
Yusuf lächelte nickend und hob seine Teetasse zum Anstoß hoch, Kaz und Amber taten es ihm gleich.
Eine Viertelstunde später hatte Kaz die Rechnung beglichen und sie brachen auf.
Als sie beim Truck ankamen beobachtete Kaz eine Politesse belustigt dabei wie sie vergeblich versuchte einen Strafzettel an der Windschutzscheibe des Trucks zu befestigen. Der Araber spurtete vor und deckte die Politesse in Arabischen Schimpfwörtern ein und schnappte ihr den Strafzettel aus der Hand, den er dann in einem der Briefkästen versenkte. Amber und er erreichten den Truck und stiegen auf der einen Seite ins überraschend geräumige und gemütliche Fahrerhäuschen ein.
Kaz bemerkte eine Reihe von Kontrollbildschirmen in Schwarz weiß, welche die toten Winkel des Trucks im Auge behielten und er hob anerkennend die Brauen. Auf der rechten Seite des Führerhäuschens stand ein sehr abgenutztes Sofa, das ihm und Amber als Sitz diente. Es roch intensiv nach selbstgedrehten Zigaretten und schwarzen Tee. Auf der Ablage unterm Fenster lagen ein paar abgenutzte Bücher und internationale Karten. Der Gurt war etwas rudimentär, aber sollte so funktionieren. Yusuf winkte ihnen vom Fahrersitz zu und drehte den Zündschlüssel im Schloss.
Mit einem lauten Brummen startete der mächtige Diesel und der Truck begann zu Vibrieren. Yusuf startete das aus PC Boxen zusammengezimmerte Soundsystem und legte hämmernde Musik auf.
Kaz grinste breit und Amber strahlte ihn von der Seite her an. Das war das abgefahrenste, das sie beide erlebt hatten. Der Araber legte einen Gang rein und drehte wie wild am Lenkrad und das Ungetüm drehte sich langem und fuhr vom Parkgelände runter auf die Straße. Kaz sah aus dem Fenster und beobachtete mit gewisser Zufriedenheit die Spur der Verwüstung, welche die Räder auf dem gepflegten Rasen hinterließen. Der Motor war zu laut, als dass man sich nennenswert unterhalten konnte und das Ding war schweinelangsam. Bei dem Tempo waren Gurte eigentlich überflüssig, aber er ließ sie da wo sie waren. Die Seitenfenster waren so dreckig, dass sie nicht zu gebrauchen waren, aber die Windschutzscheibe war zumindest sauber genug um rausgucken zu können.
   Nach einer knappen halben Stunde, sah Kaz hohe Gebäude und Türme, die Emmas und Herberts Stil total widersprachen. Zwar sah er viel Beton, Stahl und Glas, aber die Formen waren etwas verspielter und bei den Farben war man einmal querbeet durch die Farbpalette gegangen“.
An einem bunkerähnlichen Pförtnerhäuschen hielt Yusuf an und kurbelte die Scheibe runter. Der Wachmann und Yusuf hatten ein kurzes Gespräch, was Kaz wegen der lauten Musik und des Motorenlärms nicht verstehen konnte. Der Araber drehte sich wieder zu ihnen um und gab ihnen mit Handzeichen zu verstehen, dass sie jetzt aussteigen müssten. Kaz nickte und er und Amber befreiten sich von dem Gurt und stiegen aus der Beifahrertür ins Freie. Yusuf winkte ihnen nach und dann zockelte die Zugmaschine durch die Einfahrt und aufs Gelände, Kaz sah ihm nach. Ein merkwürdiger aber auch sehr liebenswürdiger Kauz, er nahm sich vor ihn öfter mal zu besuchen.
Er sah sich um, das hier war nicht minder komplizierter als der große Flughafen gestern. Aber ihm wurde rasch geholfen. Eine junge Inderin in einem recht farbenfrohen Kostüm näherte und verbeugte sich vor ihnen. Sie sprach Kaz auf Englisch an.
„Guten Tag mein Name ist Indira, wie kann ich Ihnen helfen?“
Ihr Englisch war völlig akzentfrei.
„Uh, ich würde mir gerne das BIT ansehen, ich habe gehört sie hätten auch einen Schulteil, den würde ich mir gerne ansehen, für meine Tochter Amber hier.“
Die junge Inderin lächelte breit und verbeugte sich auch vor Amber.
„Sie haben ganz richtig gehört. Darf ich sie und ihre Tochter über das Gelände führen und ihnen alles zeigen?“
Kaz nickte und Amber nickte ebenfalls.
„Dann warten sie eine Sekunde, sie bekommen gleich Besucherausweise, ohne die könnten sie sich auf dem Gelände gar nicht bewegen. Dazu bräuchte ich ihre Personalien, bitte folgen sie mir.“
Sie folgten ihr zu einem dreigeschossigen Bau auf dessen Seite Security stand. Dort reichten sie dem Beamten am Schalter ihre Ausweise, an die Kaz heute Morgen glücklicherweise gedacht hatte.
Wenige Minuten später bekamen sie ihre Ausweise wieder und ihnen wurden Plastikkarten mit ihren Daten an einem Schlüsselband-Jojo ausgehändigt. Dann ging es zur großen Schleuse, wo sie wie am Flughafen durchgecheckt wurden. Für Kaz Gschmack dauerten die Kontrollen zu lange, aber wenn das so eine elitäre Uni ist, dann wird das wohl bestimmt so seine Gründe haben.
Auf der anderen Seite begrüßte sie ihre Führerin und sie hatte einen etwas griesgrämigen muskelbepackten Russen dabei.
„Das ist Igor, er ist EX Spetsnaz und hier Lehrer für Sport und Selbstverteidigung.“
Igor nickte ihnen nicht unfreundlich zu. Und dann nahm die Inderin die Führung auf und sie gingen über einen hochmodernen Campus. Sehr viel Grün, viel Wasser und schön gestaltete Plätze, umgeben von riesig hohen Wolkenkratzern und „etwas“ flacheren Bauten. Aber die Gebäude wurden von verspielten Mustern und Strukturen aufgelockert. Die Architektonische Gestaltung gefiel ihm auf jeden Fall schon mal recht gut.
„Das BIT ist eine der wenigen Bildungseinrichtungen auf der Welt, wo unsere Schüler bereits ab der ersten Klasse anfangen. Sechs Jahre Grundschule und im Schnitt sieben Jahre Gymnasium und dann weiter in den Universitätsbereich. Die Klassengröße liegt hier bei sechzehn Schülern und sie werden von zwei Lehrern betreut, von der ersten bis zur dreizehnten Klasse bleiben die Schüler im Klassenverband zusammen. Die Klassen werden nach Interessen und Fähigkeiten bestimmt und so zusammengestellt, dass die Klassen ausgewogen sind. Wir nehmen jederzeit Schüler auf ganz unabhängig vom Alter und Klassenstufe, bei uns ist jeder willkommen. Neue Schüler durchlaufen einen intensiven Evaluationskurs, bei denen ihre Fähigkeiten jeglicher Art getestet werden. Begleitet wird dieser Test von einem Team aus hochgeschulten Pädagogen und Psychologen. Dieser Kurs dauert im Schnitt drei bis vier Tage und ist völlig kostenlos. Wir haben zwar den Ruf einer Elite-Universität, aber hier ist wirklich jeder Willkommen und das Schulgeld richtet sich in erster Linie an das Einkommen der Eltern, sodass auch Schüler aus schwächeren Einkommensverhältnissen hier gut ankommen können. Für schwierige Fälle bieten wir selbstverständlich Stipendien an.“
Sie betraten die Mensa, die ebenfalls durch eine Sicherheitsschleuse gesichert war. Hier ging es aber wesentlich schneller als am Eingang. Kaz staunte nicht schlecht als sie im Inneren waren. Hier hatten die Innenarchitekten definitiv mit Wasser und Pflanzen gespielt und es sah toll aus. Vor ihnen führten Treppen nach unten und auf der rechten Seite nach oben. Die Mensa ging über mehrere Etagen und jetzt um die Mittagszeit war es ganz gut besucht. Scharen von Schülern und Studenten aller Altersgruppen strömten um sie herum. Die Inderin führte sie etwas abseits.
„Das ist eine von zwei Mensen auf diesem Campus, die andere ist dem wissenschaftlichen Personal im Wissenschaftspark auf der anderen Seite des Flusses vorbehalten. Wie bereits erwähnt testen wir unsere Schüler und Studenten auf Herz und Nieren und stellen ihnen ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Mahlzeiten zur Verfügung, die sie über die automatisierten Ausgaben dort hinten in Empfang nehmen können. Die Speisen sind von erlesener Qualität und von einem internationalen Team von Köchen stets frisch zubereitet. Darüber hinaus gibt es überall auf dem Campus verteilt Snackbars für den kleinen Hunger und Teeküchen, wo man sich selbst eine kleine Mahlzeit zubereiten kann. Reguläre Schüler bekommen zwei Mahlzeiten, Frühstück und Mittagessen. Aber nach Bedarf kann auch noch das Abendessen als Sonderoption hinzugebucht werden.“
Kaz nickte sehr beeindruckend. Ihm fiel auf, dass alle Schüler Uniformen trugen. Das entging ihrer Führerin natürlich nicht.
„Unsere Schüler tragen farblich codierte Uniformen, ganz in Abhängigkeit ihrer Spezialisierungen. Rot steht für Medien und Unterhaltung, Grün für Biologie, Orange für Bildung und Blau für Technik und IT. Bis zur dreizehnten Klasse, gibt es keine Unterteilung. Nach den Prüfungen, wenn es in die Vertiefungsrichtungen geht, bekommen die Studenten eine individualisierte Uniform.“
Kaz nickte, dann kam ihm eine Frage.
„Entschuldigen Sie, was für Regelungen gibt es beim Outfit der Schüler?“
„Oh richtig, Piericings sind streng verboten, bunt gefärbte Haare auch, Tättowierungen werden geduldet aber nicht gerne gesehen. Auch wenn man es leider viel zu oft sieht, dass das Personal sehr stark tätowiert ist, besonders im Bereich für Sport.“
Sie warf Igor einen grimmigen Blick zu, der nur provozierend zurückgrinste. Kaz schmunzelte. Das wäre eine unglückliche Nachricht für Akira mit ihren toll gefärbten Haaren, das tat ihm doch sehr leid. Das Schulkonzept kam ihm aber sehr überzeugend vor. Die Inderin führte sie jetzt wieder an Schülern vorbei aus dem Gebäude heraus und in ein langgestrecktes fünfgeschossiges Gebäude mit großen Fenstern.
„Hier in diesem Gebäude sind unsere Labor für Physik, Chemie und Spezialisierungsrichtungen an, mit exzellent eingerichteten Werkstätten für Holz und Metallbau im Keller und im Erdgeschoss. Wir haben hier 3D Drucker der aller neusten Generation, einen Strömungskanal, Fertigungsstraßen und vieles mehr.“
Sie gingen in ein paar leere Labors und Kaz warf einen anerkennenden Blick über die Gerätschaften, wenn er da nur an seine Schulzeit und die Laborversuche an der TU dachte, das war eine komplett andere Welt. Das roch durch und durch nach Zukunft, Respekt Deutschland.“
Unten im Keller bastelte ein dreizehnjähriger Junge in einem Ölverschmierten Overall in einer Werkstatt an einem Motorblock herum. Moment mal, war das nicht Alfred, Xens ältester Sohn? Aber sie waren schon wieder weg, bevor er sich vergewissern konnte.
   Danach führte man sie in ein Gebäude mit unzähligen Studios für Videoschnitt, Tonaufnahmen, einige Tonstudios für Bandproben und Radioaufnahmen. Und dann standen sie in der Loge einer riesig großen Aula, wo unter ihnen auf der großen Bühne eine Gruppe aus Schülern und Studenten für ein Theaterstück probten.
   Vielleicht sollte er sich hier anmelden, dann hätte sich das Studio-Problem erledigt. Die verwendeten Geräte hier waren aller erster Güte und oft brandneu.
   Danach ging es in den zoologischen Teil mit unzähligen Gewächshäusern, einem großen Tropenhaus und definitiv mehr Terrarien und Aquarien, als das Aquarium in Berlin im zoologischen Garten hatte. Und dann ging es aufs Sportgelände, wo Igor die Führung übernahm. Sein Akzent war recht deutlich.
„Im Sportzentrum ist es unser Ziel, dass jeder Schüler einen ganz seinen Bedürfnissen und Interessen ausgelegten Trainingsplan bekommt. Die meisten unserer Kollegen kommen aus dem Militärbereich, so wie ich und dementsprechend gestalten wir unsere Trainingsparcours. Wir haben hier Laufbahnen, Hindernisparcours nach Militärstandard, Eine große Kletterhalle, Eine große Schwimmhalle und im Sport-Turm sind Felder für verschiedene Sportarten untergebracht. Und unsere aller neuste Errungenschaft sind die Outdoor Kletterparcours auf dem Gelände. Wir haben nämlich jetzt einen der weltweit besten Kletterer und Parcour-Experten an Bord geholt, er ist heute erst bei uns angekommen. Ich glaube Sie sind mit ihm hier her gekommen.
Wettkampf und Teamgeist stehen hier ganz groß auf dem Plan. Hier steht das „wir“ ganz klar vor dem „ich“. Unser Institut hat Mannschaften für Fußball, Baseball, Basketball, Schwimmen, Rudern und so weiter. Unsere Jungs und Mädchen sind auf ganz hohem Niveau unterwegs und treten regelmäßig gegen die Teams anderer Top-Universitäten an und räumen Pokale ab. Wir sind stolz auf ihre Leistungen. Na was sagen sie jetzt?“
Igor grinste ihn freudestrahlend an. Kaz war überwältigt von dem was er gesehen hatte.
„Also ich würde sagen ihr habt mich überzeugt, wie steht‘s mit dir Amber, würdest du hier herkommen wollen?“
Amber nickte mit großen Augen.
„Einen Moment noch? Warum sind an einem Sonntag so viele Schüler da?“
„Weil wir eine internationale Schule sind, bieten wir Internatsplätze an. Nach Geschlechtern und Alter getrennte Zweiraumzimmer, jeweils mit einem eigenen Bad. Ausstattung und Komfort wie in einem Fünfsterne Hotel, mit Einrichtungen für Unterhaltung und Wellness und eine große Lounge. Inklusive Zimmerservice.“
Jetzt war Kaz wirklich Baff.
„Wo muss ich unterschreiben?“
Igor und Indira lachten herzhaft.
„Lassen sie die Eindrücke des Tages erstmal sacken und Überlegen sie es sich in Ruhe. Wenn es ihnen aber so dringend ist, könnte ihre Tochter Dienstag für den Test-Kurs vorbeikommen und wäre dann zum Wochenende wieder bei Ihnen. Ich gebe ihnen eine Broschüre mit und wir schicken ihnen die nötigen Unterlagen per Post zu. Stimmt die Adresse bei Ihnen?“
Kaz schüttelte den Kopf.
„Nein, aus Gründen einer familiären Krise bin ich vorübergehend bei einer Freundin untergekommen.“
Er gab ihnen Liz Adresse.
„Und könnten sie die Unterlagen auch noch ein paar anderen Familien zukommen lassen?“ 
Die Inderin stimmte freundlich zu und er schrieb ihr die Adressen von seinen Geschwistern auf.
„Wie wunderbar, dann führe ich sie jetzt zurück zum Eingang und gebe ihnen ein Informationspaket mit.“
Er folgte ihr über den riesigen Campus zurück zum Eingang und dort verschwand sie kurz in einem Gebäude und kam dann mit einem reichlich gefüllten Stoffbeutel mit dem Logo des BIT zurück und reichte ihn ihm. Der Beutel hatte ein gewisses Gewicht und er verstaute ihn in seinem Rucksack.
Dann wurden sie von der Inderin und Igor verabschiedet, gaben ihre Besucherausweise ab und verließen das Gelände. Kaz starrte auf die Uhr und stellte entsetzt fest, dass es schon nach vier war.
Also wäre es sinnig jetzt erstmal nach Hause zu verschwinden. Er tippte etwas in sein GPS ein und schluckte, Zu Fuß würden sie eine knappe Stunde brauchen.
„Amber, wie hat dir der kleine Ausflug gefallen?“
„Toll, ich wusste gar nicht, dass Deutschland sowas hat.“
„Könntest du dir zutrauen, dort zur Schule zu gehen. Auch wenn es sein kann, dass du erstmal aufs Internat müsstest?“
Amber musste ein bisschen schlucken, nickte dann aber energisch.
„Ok, dann kannst du dich Morgen in Ruhe vergnügen und am Dienstag geht es los. Und denk daran, was die gesagt haben, keine schrägen Haarfarben!“
Amber nickte nur und zog ihm am Arm. Aus purer Faulheit bestellte er sich ein Taxi und zwanzig Minuten standen sie vor dem Eingang des monströsen mindestens dreißig Meter hohen Wohnhauses, wo seine beste Freundin wohnte. Er dachte lieber nicht daran, was diese Wohnung gekostet haben musste. Bestimmt im zwei- oder dreistelligen Millionenbereich.
Jetzt wo er das Haus aus der anderen Perspektive sah bemerkte er, dass das Haus gar nicht richtig rechteckig war. Auf der linken hinteren Seite ragte ein hoher Turm aus dickem Beton in die Höhe und … moment mal. Er und Amber beobachteten, wie ein riesiger Aufzug aus Metall, wie der eines Flugzeugträgers langsam nach oben zum Dach hin fuhr, mit einem fetten Helikopter auf der Ladefläche. Das war ja der Wahnsinn, dann gab es also sowas wie eine Garage für Helikopter. Naja machte Sinn, wenn hier so viele Superreiche wohnten. Der Flughafen war so ziemlich auf der anderen Seite der Stadt. Irre, ob Liz auch einen eigenen Hubschrauber besaß?
   Und rechts vorne war ein großzügig verglaster hoher Turm wo allen Anschein nach ein Restaurant untergebracht sein musste. Das war ja einfach nur riesig, ging von der ersten Etage bis hoch zum Dach. Na bei denen wollte er lieber nicht die Preise sehen. Wie auch bei allen Läden im Haus und in der näheren Umgebung, hier wohnten echt nur scheißviele Reiche Leute.
   Aber warum waren auf den Straßen und dem Park hier so viele stinknormale Leute unterwegs? Ob in den riesig hohen Türmen, die praktisch Kreisförmig um diesen Luxusklotz verteilt waren, einfach ganz normale Leute wohnten? Er würde es wohl selbst in Erfahrung bringen müssen.
   Sie gingen zügig über den Zementweg zum Eingang und hinein. Drinnen war es zwar nicht unbedingt leer, aber zum Glück auch nicht voll. Ob es in diesem Luxusschuppen jemals richtig voll werden würde? Vielleicht ja schon. Drinnen übernahm Amber die Führung und es ging in einen der Aufzüge und hoch in den dritten Stock. Dort ging sie zielstrebig durch die Gänge zu einer Tür mit der Aufschrift „3-VII“ und hielt ihr Armband an das Feld unter dem Türschloss. Mit einem mächtigen Klacken ging die Türverriegelung auf und sie traten in die Wohnung ein. Amber hatte eindeutig den besseren Orientierungssinn als er. Jetzt war es etwa halb fünf. Also noch eine gute Stunde Zeit bevor sie sich fertig machen müssten.
   Amber schlüpfte aus ihren Sachen und Kaz tat es ihr gleich und er hing die Sachen wieder ordentlich in der Garderobe auf. Liz hatte Ihnen ja empfohlen, es sich einfach gemütlich zu machen. Seine Tochter ging nach oben und er in die Küche.
   Mensch, der pure Luxus hier war einfach nur erdrückend. Und warum zum Henker brauchte Liz zwei von diesen gigantischen Kühlschränken. Er zog den Linken auf und sah eine Menge gekühlter Getränke und Spirituosen. Und im Eisfach Unmengen von Eiswürfeln und Eiscreme aller erster Sahne. Lächelnd holte er eine Packung Häagen-Dazs hervor und stellte sie auf den Tisch. Im rechten Kühlschrank waren Fleisch und Wurst, Milchprodukte und viel Grünzeug. Und hier im Eisfach waren tiefgefrorene Früchte und Gemüse, zu seiner Enttäuschung keine TK Pizzen und so Sachen. Ihr wollt mir doch nicht ernsthaft erklären, dass die Vize-Chefin einer Milliardenfirma jeden Tag frisch kochte? War aber wohl so. Naja, er war nicht so gut im Kochen und ernährte sich von viel zu viel Fertigkost. Amber hatte das ganz gut über den Haufen geworfen und versuchte jetzt viel regelmäßiger frisch zu kochen.
   Er zog die Tür des anderen Kühlschranks wieder auf, er hatte was vergessen. Er griff sich eine gekühlte Cola Dose und warf einen Blick auf das Eis, Essen war in anderthalb Stunden. Grunzend stellte er die Eispackung zurück ins Eisfach. Sein Magen grummelte jetzt doch schon ein bisschen, ob er das bis sechs überhaupt durchhalten würde? Er öffnete ein paar Türen und Schubladen und sah hinein. Bei einer Tür frohlockte er und holte eine Blechdose heraus aus der es schon von weitem toll duftete. Shortbreadfingers, von denen konnte er einfach nicht genug bekommen. Er häufte sich eine große Portion Kekse auf einen Teller und stellte Teller und Dose in den Speiseaufzug. Dann ging er aus der Küche schnappte sich den Rucksack und ging nach oben. Beim Weg an dem Terrarium mit diesem Monster kam ihm ein Gedanke, wie lang dauerte es, bis dieses Scheusal verhungerte?
Auf dem Podium hielt er inne und sah sich nach Amber um. Was war das da hinten eigentlich für ein Kasten? Er legte den schweren Beutel auf den Tisch und ging auf den Raum zu, der noch nicht lange da stehen konnte, zumindest roch es noch recht deutlich nach Klebstoffen und frisch gesägtem Holz.
Er klopfte an die Schiebetür und hörte leise Schritte, dann wurde die Tür von innen geöffnet und Amber sah ihn neugierig an. Seine Tochter trug nur einen Slip und ein T-Shirt, sonderlich scheu schien sie nicht zu sein wenn sie vor einem noch relativ fremden so wenig anhatte.
„Darf ich reinkommen?“
„Ja ok Papa“
Sie nickte. Wow. Liz hatte der kleinen tatsächlich ein eigenes Zimmer bauen lassen. Rechts waren ein großes Hochbett und darunter ein Schreibtisch mit zwei großen Bildschirmen und einem schicken Desktop PC unter dem Schreibtisch. Zumindest Maus, Tastatur waren klar auf Gaming ausgelegt. Oben auf dem Deck sah er zu seinem Missvergnügen eine dicke Pelzdecke, die unordentlich auf einer dicken Matratze lag. Er drehte sich ein Stück nach rechts und hier fand er Schränke und Regale vor. Überwiegend leer, was zu erwarten war.
   Neben der Tür fand er einen kleinen Schminktisch und einen Perückenständer vor. Daneben einige Pflanzen in einem großen Topf. Vor dem runden deckenhohen Fenster standen ein kleines Teleskop und daneben ein bequemer schlanker Sessel mit weißem Leder bezogen und mit noch einer Pelzdecke. Er zog eine Grimasse, warum diese ganze Pelz-Geschichte? Liz du bist einfach nur doof. Verwöhn sie doch nicht etwas, was sich Normalsterbliche nicht ohne weiteres leisten können!
„Amber du solltest wohl deinen Rucksack ausräumen und leg mir das Kleid hin damit ich es schnell nochmal bügeln kann.“
Amber zog eine Grimasse und schlüpfte dann an ihm vorbei aus der Tür raus, während er ihr nachdenklich mit den Blicken folgte. Sie legte ihm unten ihr tolles Kleid hin, direkt neben ihre silbrigen High Heels. Dann schulterte sie den schweren Rucksack und ging wieder nach oben an ihm vorbei in ihr Zimmer. Kaz dachte an seine gekühlte Cola gab sich dann aber einen Ruck und ging nach unten in den Lagerraum auf der Suche nach einem Bügelbrett und Bügeleisen. Nach einer Weile wollte er schon aufgeben, als er die gesuchten Gegenstände recht weit hinten in einer Ecke fand.
Auf seinem Weg nach draußen kam er an dem Anzug an der Garderobe vorbei. Der sah definitiv schon gebügelt aus. Routiniert stellte er das Bügelbrett auf und bereitete das Bügeleisen vor. Er konnte zwar nicht wirklich gut kochen, aber Bügeln konnte er ausgezeichnet. Nach wenigen Minuten legte er das frischgebügelte schwarze Kleid auf die Sitzfläche des Sofas und räumte die Bügelsachen wieder weg. Dann huschte er ins Bad. Suchend guckte er in ein paar Ecken und zog etliche Schubladen auf bevor er fand was er suchte. Die Packung mit dem elektrischen Rasierer. Er öffnete die Packung und suchte sich einen Passenden Aufsatz heraus. Er zog sein Hemd aus und besah sich seine Tätowierungen für einen Moment. Er strich über zwei sorgfältig übertätowierte Stellen in der Lendengegend und nickte grimmig. Sein Spiegelbild gefiel ihm nicht unbedingt, auch wenn er sich daran mittlerweile ganz gut gewöhnt hatte. Vielleicht sollte er morgen auch die Gelegenheit nutzen und zum Frisör marschieren und sich eine Kurzhaarfrisur zulegen. Kannte ihn Liz eigentlich schon mit kurzen Haaren? Er dachte einen Moment nach. Als er sie kennengelernt hatte waren seine Haare schon lang genug gewesen um sie sich hochzubinden. Tja, ein Haarschnitt wurde langsam mal wieder Zeit. Eigentlich könnte er es auch selbst jetzt mit der Maschine machen, aber das würde total chaotisch aussehen und wenn ihm Liz jetzt schon so viel Taschengeld zur Verfügung stellte konnte er es auch gleich für was Sinnvolles nutzen. Aber jetzt war erstmal der Bart an der Reihe. Also Maschine an und los geht’s.
   Eine gute Viertelstunde später betrachtete er sein Gesicht im Spiegel. Jetzt war er auf jeden Fall schon mal diesen zotteligen Vollbart los beziehungsweise war auch eine regelmäßige Länge gestutzt. Er entsorgte die Barthaare im Klo und putzte das Waschbecken gründlich. Er zog sich das Hemd wieder an und verließ das Bad. Oben widmete er sich jetzt endlich seinen Keksen und der Cola.
Mh, gab es hier irgendwo ein paar Tücher? Er wollte den Prospekt der Schule nicht mit seinen Fettfingern einsauen. Er fand nichts, also wieder runter ins Bad und Händewaschen. Diese dämliche Treppe war genau auf der falschen Seite des Raumes. Vielleicht sollte er es Yusuf einfach nachmachen und einfach Parcourmäßig hier hochspringen, aber das ging so schwer, wenn man etwas in der Hand hatte. Jetzt aber. Er setzte sich hin und zog den Stoffbeutel an sich heran.
Er zog ein paar unterschiedlich dicke Broschüren in erstklassiger Druckqualität vor. Er warf einen Blick auf die Uhr, noch eine gute Dreiviertelstunde.
   Er schlug die erste Broschüre auf und überflog die Seiten. Der Leiter und der Präsident wurden vorgestellt, Vater und Sohn und beides Araber, ungewöhnlich für eine deutsche Uni. Er stutzte bei dem Bild des Leiters, der Typ hatte eine gewisse Ähnlichkeit zu Sahid, Akiras Freund. Vielleicht Vater oder Onkel. Jedenfalls gab sich die Universität samt Schule sehr weltoffen. Und war ganz auf eine freundliche Rivalität mit den anderen Elite-Universitäten der Welt aus.
Auf einer großen Doppelseite mit ausklappbaren Seiten war der Lageplan des Geländes abgebildet und er studierte ihn sehr sorgfältig. Es war echt eine Menge auf wirklich wahnsinnig viel Platz untergebracht. Es gab die Uni, die Schule und den Wissenschaftspark. Interessiert studierte er, dass das Gelände stark unterkellert war. Mit Serverräumen, die anscheinend mit dem Wasser der Havel gekühlt wurden.
   Er überflog die Broschüren und stellte fest, dass es bestimmt einen Tag oder länger dauern würde, bis er sich alles im Detail durchgelesen hatten.
In der Broschüre zu den Rechten und Privilegien der Schüler und Studenten las er, dass die Schüler von der Schule Schul- und Sportoutfits gestellt bekommen würden. Und jeder Schüler bekam ein Multimediapaket. Für die ganz Kleinen ein Tablet von Spectre, und für die größeren ein Smartphone von Prism und einen eigenen Laptop von Spectre. Beide Hersteller waren Sponsoren der Schule, Kaz nickte anerkennend. Er hatte Amber ein Prism geschenkt, allerdings ein älteres Modell. Prism und Spectre verwendeten das mittlerweile recht gängige Betriebssystem Halos, das auf dem Linux Kernel aufbaute und für dessen hohe Sicherheit und Geschwindigkeit geschätzt wurde.
Allein dieses Paket war einiges wert. Er hatte das nagelneue Prism 12 und es hatte über zweitausend Dollar gekostet. Die Broschüre zum Internatsteil lag sich wie die Werbung eines Fünfsterne Wellnesshotels.
Mittlerweile war er fest entschlossen, Amber dorthin zu schicken, koste es was es wolle.
Er sah auf die Uhr und packte zusammen. Die Broschüren würde er heute zum Treffen mitnehmen und seinen Geschwistern zeigen. Die Schule klang genau nach der richtigen Umgebung für Jack und Ryan und Akira und eigentlich auch für die Kinder des Offiziers, Yolanda und Margarete.
Er ging in die Garderobe und holte sich den Anzug aus dem Regal und verschwand damit im Schlafzimmer. Die Sachen saßen wie angegossen und mit offenen Haaren sah er so aus wie John Wick, Kaz lächelte grimmig. Tja, Liz hatte schon immer genau gewusst, was er am liebsten mochte.
Er trat ihn Wohnraum und staunte nicht schlecht als er sah, wie Liz Amber in ihr Kleid half. Wo war sie denn so plötzlich hergekommen, hatte er die Tür gar nicht bemerkt gehabt? Liz bemerkte ihn und umarmte ihn kurz, sie hatte wieder ein tolles Parfüm aufgelegt.   
„Hey Großer, wie war euer Tag. Ach Quatsch, dass könnte ihr gleich beim Treffen erzählen, dann musst du nicht alles zweimal sagen. Amber Schatz, komm mal kurz in Schlafzimmer, dann mache ich dir ein bisschen Makeup drauf. Und ich finde, du Kaz solltest die Haare heute offen tragen.“
Amber folgte ihr mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, während Kaz ein etwas missmutiges Gesicht mache und nach draußen starrte. Er trat ans Fenster und beobachtete wie ein schwerer Wagen draußen in der Ferne anhielt und eine weiß gewandete Figur ausstieg. Sie näherte sich in lockerem Laufschritt und Kaz erkannte Sahid den jungen Araber in einem weißen Anzug mit einer Rose im Knopfloch. Leise lachte sich Kaz kaputt.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 6

6. Liz – 4.W. März 2045 – Samstagabend

Amber sah sich neugierig im luxuriösen Innenraum des mächtigen Orca Travel um, Liz beobachtete sie dabei. Was ein wunderschönes Mädchen. Ihr wurde warm ums Herz. Sie saßen in der Lounge nebeneinander auf einer der bequemen Bänke. Dann warf das Mädchen ihr einen etwas ängstlichen Blick zu.
„Ist das echter Pelz?“ fragte sie.
„Ja, das ich echter weißer Hermelin. Möchtest du mal anfassen? Es ist ganz weich.“
Unsicher streckte Amber die Hand aus und strich bedächtig über den Ärmel des dicken Mantels.
„Ich habe noch ein paar Pelzmäntel zuhause, die kannst du ja vielleicht mal anprobieren. Die machen sich gut für eine stilbewusste junge Frau wie dir.“
Sie zwinkerte ihr zu. Amber sah sie mit großen Augen an und nickte unmerklich, dann starrte sie aus dem Fenster auf das nächtliche Berlin.
   Liz freute sich schon sehr darauf, dieses junge Mädchen so richtig zu verwöhnen. In den letzten Tagen hatten sie und ihre Freundin Helena fleißig alle Vorbereitungen getroffen und tonnenweise Kekse und Plätzchen gebacken. Nicht zu vergessen die wirklich größte Neuerung, ein eigenes Zimmer für Amber in ihrer Wohnung. Das war bei einer Wohnung dieser Größe kein Problem gewesen und eine von Emmas Innenarchitektinnen hatte sich eine tolle Lösung ausgedacht, die dann auch in Rekordzeit umgesetzt worden war. Sie war schon sehr gespannt auf Ambers Reaktion.
   Der Flug war recht kurz, obwohl ihr Haus am Platz der Nationen in Berlin Solomon auf der ganz anderen Seite von Berlin lag und sie über die halbe Stadt flogen. Amber döste in ihrem Sitz, wachte aber als die Turboprop Triebwerke für den Landeanflug in die Vertikale fuhren. Schläfrig sah sie sich um. Nate schulterte Ambers Rucksack und Liz übernahm den rollbaren schweren Schalenkoffer. Liz streckte Amber eine Hand hin und das Mädchen ergriff sie erst zögerlich und dann mit festem Griff. Die vier betraten den geräumigen Aufzug auf dem Flugdeck und fuhren in den dritten Stock und waren einen Moment später vor Liz Wohnungstür, die sie zügig aufschloss. Liz schaltete das Licht ein und Amber trat mit offenem Mund und riesigen Augen in ihre Wohnung. Nate stellte das Gepäck ab und er und Mara verließen die Wohnung wieder.
„Amber, das ist dein neues zuhause von jetzt an. Guck dir ruhig alles an und hab keine Angst auch die Schubladen aufzuziehen. Ich möchte einfach, dass du dich wohl fühlst. Möchtest du, dass ich dir eine Kleinigkeit zu Essen mache? Und wenn ja, hättest du lieber ein saftiges Sandwich oder ein paar köstliche Kekse.“
Das Mädchen dachte einen Moment nach.
„Das ist wirklich sehr nett, ich würde bitte gerne ein Sandwich haben und bitte mit Schinken. Und hast du vielleicht Saft, zum Beispiel Orangensaft?“
„Ich bin bestens auf dich eingestellt und habe ein paar Flaschen und Tüten mit Orangensaft. Ich habe einfach mal ein ganzes Sortiment gekauft, damit ich weiß, welcher dein Liebster Orangensaft ist.
Ok mache es dir gemütlich oder schaue dich um. Dein Sandwich wird sofort gemacht. Und wirklich, fühl dich wie zuhause. Das ist jetzt deins.“
Liz zwinkerte ihr zu und Amber sah sie einen Moment lang fragend an. Dann sah sie sich sehr interessiert in der Wohnung um und inspizierte jede Ecke. Lächelnd hängte Liz den Mantel an die Garderobe zu den anderen Pelzmänteln und suchte in der Küche Vorräte für ein Sandwich zusammen. Fluffiges Brot, selbstgemachte Mayonnaise, knackigen Salat, saftigen Schinken, saure Gürkchen und ein fabelhaftes Apfel-Zwiebel Chutney, das Helena gekocht hatte, mit Äpfeln und Zwiebeln aus dem Garten. Wenige Minuten später stellte sie ein Tablet mit dem fertigen Sandwich und einem großen Glas Orangensaft in den Speiseaufzug und verließ die Küche.
„Amber? Dein Sandwich ist fertig und erwartet dich oben.“ rief sie.
Liz durchquerte die Lounge und stieg die Treppe hoch. Amber war über Scarletts Terrarium gebeugt und musterte die große Tarantel misstrauisch. Als sie Liz bemerkte sah sie hoch.
„Das ist meine süße Tarantel Scarlett. Möchtest du sie mal streicheln?“
Amber schüttelte heftig den Kopf.
„Sorry, aber ich kann nicht behaupten dass ich Spinnen mögen würde.“
Verdammt so wie Kaz, dabei waren sie gar nicht wirklich verwandt.
„Das ist auch ok. Komm mit, dein Snack erwartet dich.“
Liz führte sie zum Essbereich und holte das Tablet aus dem Speiseaufzug, sie stellte Teller und Glas an der Stirnseite des Tisches ab und Amber setze sich. Zufrieden beobachtete Liz wie Amber sich mit sichtlichem Appetit über das Sandwich hermachte.
„Danke sehr, dass Sandwich war echt richtig lecker. Aber kann ich dich mal was fragen?“
„Sicher, was liegt dir auf dem Herzen?“
„Warum hast du so viele Perücken? Ich hab sie nicht gezählt aber, das müssen hunderte sein!“
„ich bin süchtig danach und probiere mich gerne aus. Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Aber sag es nicht deinem Vater, das möchte ich selbst machen wenn er hierher kommt.“
Amber nickte eifrig. Also zog sich Liz die Perücke vom Kopf und dem Mädchen fiel die Kinnlade herab.
„Ich hatte immer recht dünne Haare und konnte nicht so viele Frisuren ausprobieren, besonders kurze. Vor drei Jahren sind mir die Haare ausgefallen und ich hab sie mir abrasiert und seitdem nur noch Perücken getragen. Jeden Tag.“
„Das ist der Wahnsinn, aber ich glaube das steht dir. Soll ich es auch mal probieren?“
Liz lachte verlegen, Kaz würde ihr den Kopf abreißen wenn sie ja sagte.
„Vielleicht irgendwann mal, aber du kannst ja schrittweise kürzer gehen bis du die Länge findest, die dir am besten gefällt.“
Amber zuckte mit den Schultern.
„Weiß nicht. Ich hatte mein Leben lang lange Haare. Und jeder nennt mich Lara Croft. Das nervt mich und meine Haare nerven. Und meine Eltern sind tot und jedes Mal wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich wie meine tote Mutter mir die Haare flechtet und ich will, dass es aufhört. Ich würde gerne zu einem Stylist gehen und mir die Haare ganz kurz schneiden und vielleicht auch färben lassen. Aber ich bin auch total ängstlich, weil ich nicht weiß ob mich Papa dann noch mag.“
„Glaub mir, deinem Vater wird es lieben. Als dein Vater noch in Deutschland lebte und wir frisch befreundet waren, war er hin und weg als ich ihn mit kurzen Haaren überrascht habe.“
„Echt das wusste ich nicht. Toll.“
„Weißt du schon wie es aussehen soll?“
„Leider nicht. Ich hab ein bisschen recherchiert und mir ganze viele Guides und Bilder durchgesehen. Aber ich konnte mich noch nicht auf einen bestimmten Stil einigen. Ich möchte einfach anders aussehen, ich möchte ein neues Leben starten.“
„Wir könnten ein paar Kurzhaarperücken ausprobieren, ich hab so einige da. Dann können wir testen wie sowas bei dir aussieht. Und unten im Center gibt es einen erstklassigen gut bekannten Haarstylist. Da solltest hingehen. Die haben kurze Wartezeiten und ich bin mir sicher das Personal spricht Englisch. Warum nicht gleich Montag nach dem Frühstück, ich mache einen Termin für dich. Und ich zahl die Rechnung, also mach dir keine Sorgen darüber.“
„Wow, das wäre total großartig, danke sehr! Können wir die Perücken jetzt gleich probieren? Ich bin wirklich gespannt wie ich damit dann aussehen würde.“
„Sicher, lass uns gehen. Es wird bestimmt noch eine Weile dauern bis dein Vater hier ankommt. Aber vorher möchte ich dir noch etwas zeigen. Siehst du die Tür da neben dem Speiseaufzug? Geh mal durch.“
 Amber sah sie neugierig an. Liz setzte sich die Perücke wieder auf und erhob sich, Amber rutschte auf ihrem Stuhl zurück, stand auf und ging am Tisch vorbei auf die die Weiße Schiebetür zu. Liz folgte ihr mit ein bisschen Abstand und beobachtete neugierig wie Amber die Tür öffnete und den Raum dahinter betrat. Liz grinste breit als sie Ambers verzückten Aufschrei hörte und folgte dem Mädchen nach ein paar Minuten in den Raum. Als Amber sie bemerkte drehte sie sich zu ihr um und umarmte sie stürmisch.
„Oh mein Gott, das ist so großartig, das beste Geschenk dass ich jemals bekommen habe! Vielen vielen Dank! Können wir jetzt das mit den Perücken machen?“
Liz nickte lächelnd und Amber schoss an ihr vorbei aus dem Raum. Liz sah ihr nach, ihre Bewegungen waren geschmeidig wie die einer Katze. Liz folgte ihr, immer noch mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Unten im Schlafzimmer wartete Amber schon erwartungsvoll auf sie und saß auf dem Hocker vor dem Schminktisch.
„Ok Mädchen, ich mach dir jetzt einen Zopf, sodass ich deine Haare einfacher unter einem Haarnetz verwahren kann.“
Einige Minuten später waren Ambers Haare ganz unter einem enganliegenden Haarnetz verschwunden. Das Mädchen war schon sehr aufgeregt. Liz trat an das Perückenregal und ihr Blick flog über die unzähligen Schachteln. Dann zog sie ein paar Schachteln aus dem Regal und legte sie auf den Tisch. Amber beobachtete sie aufmerksam. Liz öffnete eine der Schachteln und setzte Amber die Perücke auf, rückte sie zurecht und kämmte sie kurz durch. Eine kurze blonde Bobfrisur. Amber betrachtete sich im Spiegel interessiert von allen Seiten.
„Was denkst du? Magst du es?“
„Schwer zu sagen. Ich meine ich hatte in meinem ganzen Leben nie kurze Haare. Er ist ein gewisser Schock mich so zu sehen. Aber ich denke ich mag es. Können wir bitte noch mehr probieren?“
Die Zeit verging wie im Fluge, während sie eine Perücke nach der anderen probierten. Amber war sehr neugierig und zu ihrer eigenen Überraschung experimentierfreudig.
Als Amber gerade eine pechschwarze Pagenkopf Perücke ausprobierte, öffnete sich die Wohnungstür und Kaz betrat sichtlich erschöpft die Wohnung. Er sah Amber mit der Perücke auf dem Kopf vor dem Schminktisch sitzen und warf ihr einen fragenden Blick zu.
„Amber, kann ich dich fragen was du da machst?“
„Liz und ich probieren ein paar verschiedene Frisuren aus. Können wir gleich Montag bitte zum Frisör? Bitte bitte Papa.“
„Wart mal, warum so schnell Mädchen?“
„Ich möchte einen frischen Start, weißt du? Nachdem was mit meinen Eltern passiert ist, scheinen sie mich zu verfolgen, wie Geister.“
„Ok kleine, aber jetzt geht es erstmal ins Bett, es ist schon spät.“
Liz nahm Amber die Perücke ab und befreite sie von dem Haarnetz.
„Und jetzt ab ins Bad zum Zähneputzen. Weißt du noch, wohin du deine Zahnbürste und deinen Pyjama eingepackt hast?“
Amber nickte und ging durch den Raum zu ihrem Rucksack, öffnete und durchstöberte ihn.
Kaz umarmte Liz fest und küsste sie auf die Wange.
„Ryan ist leider immer noch nicht bei Bewusstsein und in kritischen Zustand und seine Freundin Margarethe weicht keinen Millimeter von seiner Seite, das finde ich sehr bemerkenswert. Jedenfalls bin ich jetzt total geschafft. Ich glaube ich gehe auch mal Zähneputzen.“
Liz hielt ihn am Arm fest.
„Was denn?“ Er sah sie fragend an.
„Ich muss dir was zeigen, im Schlafzimmer.“
Sie führte ihn ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu.
„Und jetzt?“
Ohne eine Antwort zu geben zog sie sich die Perücke vom Kopf. Kaz Kinnlade kippte herab und seine Augen wurden riesig groß. Er trat zu ihr und fuhr ihr bedächtig über den völlig kahlen Schädel.
„Oh man, Was machst du denn für Sachen? Ich mag‘s kurz, aber ich hätte nie gedacht, dass du dir jemals den Kopf rasierst. hast du das nur wegen dem Brief gemacht? Ich meine das war eher so als Scherz gedacht, ich hätte nie gedacht, dass du das jemals durchziehen würdest. Es tut mir so leid. Aber es sieht echt gut aus. Ich mag es. Gerade mit deiner weißen Haut und den Augen. Das war zwar vorhin ein echter Schock, aber ich finde es gut.“
„Hast du Lust?“ fragte sie ihn?
„Das musst du mich nicht fragen, natürlich. Und sei um Himmels Willen leise. Amber muss ja nicht sofort mitbekommen wie nahe wir uns stehen. Und jetzt befreie ich dich mal aus diesem Kostüm.“
Kurz darauf räkelte sich Liz nackt auf dem weichen Pelz und Kaz der ebenfalls vollkommen nackt war kam zu ihr auf das Bett und baute sich über ihr auf. Er fuhr mit den Fingern die Konturen ihres Körpers entlang, küsste sie sanft überall und strich ihr über ihren kahlen Kopf. Nach einem kurzen Vorspiel drang er langsam in sie ein und sie wurde von einer Woge der Lust überflutet und gab sich ihr voll hin.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 5

5. Kaz – 4. W März 2045 – Samstag – Ankunft

Ein Jammer dass es draußen schon dunkel war, sonst hätte man sicher eine fantastische Sicht auf die Landschaft unter ihnen. Sie waren schon innerhalb des deutschen Luftraumes, also würde es nicht mehr lange dauern bis die mächtige A380 Maschine der Lufthansa zum Landeanflug ansetzen würde.
Er griff nach einer gekühlten Cola Dose aus dem Getränkefach und öffnete sie mit einem Zischen, dann lehnte er sich in die weichen Kissen zurück und sah aus dem Fenster. Er gähnte herzhaft und freute sich schon auf ein schönes warmes Bett, um genauer zu sein: Liz schön warmes Bett. Er freute sich so sehr sie endlich wieder in die Arme schließen zu können, auch wenn er sich wünschte der Anlass seines Besuchs wäre ein anderer. Mit seinem Video vor zwei Wochen hatte er zwar der Welt gezeigt was wirklich passiert war, aber er hatte sich damit auch selbst zur Zielscheibe gemacht. Und der Verschwörungskrempel war ihm so rausgerutscht. Er hatte dazu bitterböse Kommentare gelesen und das Video hatte einiges an Downvotes bekommen. Nach nur zwei Wochen hatte sein Video über neunzig Millionen Aufrufe und das von Akira hatte gute acht Millionen, aber ihr Chanel war auch viel kleiner als seiner. Er rechnete stark mit Reportern und Protestlern bei der Ankunft. Zum Glück war in den letzten Wochen in den USA nichts Dramatisches passiert. Im Gegenteil, er hatte riesig viel Zuspruch von allen Seiten erhalten und die Anzahl der negativen Kommentare hielt von der Tendenz sich in Grenzen. Ein paar Freunde hatten sich bereit erklärt auf die Ranch aufzupassen und Kasimir regelmäßig zu füttern. Wie er dieses knuddelige Vieh vermissen würde.
   Er dachte besorgt an seine Tochter, die in der Minikabine vor ihm untergebracht war. Was ihn nur geritten hatte erste Klasse zu buchen. Bei den Preisen für die Tickets war ihm glatt die Kinnlade runtergefallen aber bei einem so scheiß langem Flug war ihm seine Beinfreiheit durchaus wichtig. Und bei HRZN Air auf den Belugas war ihm die erste Klasse viel zu teuer. Außerdem flog man nicht alle Tage um die Welt und es war unklar, wann oder ob es wieder zurückgehen würde. Er nahm einen tiefen Schluck aus der Cola Dose und stellte sie ab. Dann erhob er sich und schob die Türen auf. Er war groß genug um über die Trennwände von Ambers Kabine herüber zu linsen. Seine Tochter trug einen blauen Hoodie und bequeme Jeans, saß zurückgelehnt auf dem Sessel und browste mit ihrem Laptop das Web, Kopfhörer im Ohr. Auf dem Tisch standen die Reste des Abendessens, die Teller blitzblank. Kein Wunder, die Mahlzeit war erstklassig gewesen und für seinen Geschmack leider von der Portion viel zu wenig, aber nicht jeder verschlang so viel wie er. Er runzelte die Stirn, warum sah sich Amber Bilder mit Frisuren an? Sie sah doch so toll aus mit ihren langen braunen Haaren, total wie Lara Croft aus dem Reboot von, er dachte nach, war das 2013 gewesen? Man, er wurde echt alt. Egal, es ging ihr gut und schien ihr an nichts zu fehlen. Er setzte sich wieder hin und blickte an die Decke.
   In zwei Monaten sollten in Deutschland einige große Internationale Truppenübungen stattfinden. Zu seiner größten Überraschung nahmen nicht nur die Armeeverbände der NATO Länder daran Teil sondern zum Beispiel auch Russland und China. Wohl ein Zeichen einer aufkeimenden Solidarität zwischen einstigen Feinden. Wohl eher nur Tarnung für eine verdeckte Geheimoperation um den Westen zu infiltrieren. Vielleicht könnte er bei den Übungen zusehen, immerhin hatte er durch seine Arbeit recht gute Kontakte zum Militär. Seit er klein war interessierte er sich für das Militär und für dessen Historie und natürlich auch für Waffen und Panzer. Alle waren überrascht gewesen, als er sich eben nicht mustern ließ und jetzt mit dreiundvierzig war er bestimmt schon viel zu alt um das noch nachzuholen. 
   Umso stolzer war er auf Jack und Ryan, die dem KSK beitreten wollten. Hoffentlich war Ryans Schussverletzung nicht das Aus für seinen großen Traum. Emma hatte ihm vor dem Abflug angerufen und berichtet, dass Ryan immer noch nicht aus seinem Koma erwacht war. Jack hingegen war am vergangenen Donnerstag aus der Klinik entlassen worden.
   Es war so eine Schande, dass alle Kinder seiner kleinen Geschwister aus der Schule geworfen wurden. Gerade in Akiras Fall war das echt eine Katastrophe weil sie in Kürze eigentlich ihre Abschlussprüfung machen würde. Emma und Helena hatten schon alles abtelefoniert, aber kein einziger Schulleiter in der Stadt wollte die Kinder in seiner Schule aufnehmen. Das war knallharte Schikane. Dazu wurden die Charité und die Häuser von Emma, Johnny und den Bluhms von der Presse regelrecht belagert. Und von Protestlern – dämliche Schafe. Seine Verwandten mussten mittlerweile schwer geschützt überall hin eskortiert werden. Die Medien logen, dass sich die Balken bogen, aber die Situation unter der Bevölkerung war durchaus erfreulich. Dank der Videos von ihm und Akira erhielten sie viel Zuspruch und Unterstützung. Video Blogger und kleine unabhängige Zeitungen und Radiosender verbreiteten die Wahrheit weltweit weiter, auch wenn sie selbst stark unter Druck gesetzt wurden. Dadurch, dass er praktisch den Startschuss gegeben hatte, drangen immer mehr Berichte ans Tageslicht, welche die brutalen Überfälle und Attentate durch die Clowns beleuchteten. In den meisten Fällen waren die Angehörigen von Soldaten Ziel der Opfer. Es war so krass, dass das jetzt schon seit so vielen Jahren passierte – in einigen Regionen wie den USA schon seit fast zwanzig Jahren. Er hatte davon gehört aber die Opferzahlen waren wahrlich gewaltig. Er hatte letzte Woche bei seinen Kontakten in der US Armee herumgefragt und mehr Horrorgeschichten zu den Clowns zu hören bekommen, als ihm lieb war. In Deutschland waren die Clowns auch schon seit rund zehn Jahren aktiv und in Berlin seit acht Jahren. Glücklicherweise hatten sie die Jungs nur mit den Juniors angelegt. Die richtigen Clowns waren diszipliniert, trainiert und verfügten über ein brachiales Arsenal. Er fürchtete, dass er durch das Video zur Zielscheibe wurde.
Äußerst unschön war, dass die Clowns seit Samstag verstärkt in der Hauptstadt aktiv waren und ihr Unwesen trieben und Sachschäden in Millionenhöhe anrichteten. Er hatte Berichte gelesen, nach denen sich Gruppen von Clowns Straßenschlachten mit anderen Banden lieferten. Und das die Polizei mit den Clowns angeblich unter einer Decke stecken sollte. Wieder nur die kleinen Clowns, von denen es natürlich mehr gab als von den großen. Zum Glück nicht andersrum.
   Das waren keine allzu rosigen Aussichten, aber er hatte nicht eine einzige Meldung aus dem Stadtviertel gehört wo Liz wohnte, was sehr beruhigend war. Berlin Solomon, er seufzte.
Ohnehin freute er sich schon ihre Wohnung wieder zu sehen, die er das letzte Mal vor gut zehn Jahren gesehen hatte, im Rohbau. Und nicht zu vergessen seine beste Freundin, die er vor sechs Jahren zuletzt getroffen hatte, als sie geschäftlich in den USA zu tun gehabt hatte und er sie für einen Abend und eine Nacht in ihrem Hotel besucht hatte.
   Er dachte an den Sex mit ihr. Sie war erfahrener und immer recht dominant, aber konnte auch sehr sanft und verspielt sein. Wann sie wohl das nächste Mal Gelegenheit dazu hatten. Er wollte es vermeiden, dass Amber es gleich am ersten Tag mitbekam, wie er mit Liz Sex hatte. Liz hatte die etwas lästige Angewohnheit beim Akt ungünstig laut zu stöhnen. Kaz schmunzelte bei dem Gedanken daran. 
   Plötzlich kam eine Kabinendurchsage, nach der sie in Kürze den Landeanflug beginnen würden.
Kaz fuhr den Sessel in eine aufrechte Position und schloss den Gurt. Draußen konnte man schon das Lichtermeer der Hauptstadt sehen. Eine große Vorfreude erfüllte ihn, aber es war auch bedrückend.
Vor zehn Jahren nach diesem verdammten Streit mit seinen Eltern hatte er sich entschlossen auszuwandern und seiner Heimat den Rücken zuzukehren. Und leider auch Liz, die er entsetzlich vermisste. Zwar schafften sie es alle paar Monate einen kleinen Videochat abzuhalten, bei dem sie natürlich immer toll aussah und zu seiner Irritation immer eine andere Perücke aufhatte, aber das war nicht dasselbe wie ein richtiges Treffen. Sie sah toll mit ihren feinen kurzen Haaren, sie hatte für sowas genau die richtige Gesichtsform. Er wusste, dass sie ihn liebte, hatte aber keinen Versuch gewagt, mehr daraus zu machen. Da gab es nämlich ein Geheimnis und er fürchtete sehr um ihre Reaktion.
   Mit einem mulmigen Gefühl dachte daran, dass er auch seine Eltern wiedersehen würde. Die waren letzten Dienstag aus Japan angereist. Er hatte seit einem Jahrzehnt kein einziges Wort mit ihnen gesprochen und er hatte etwas Angst davor sie wieder zu treffen, sein Verhältnis mit ihnen war immer schon absolut beschissen gewesen. Wie sie es wohl aufgenommen hatten, dass ihr ältester Sohn und Familientrottel ein Mädchen adoptiert hatte?
   Das Flugzeug neigte sich merklich und setzte zur Landung an. Vom Fenster sah man aus der Ferne schon die Lichter eines der größten Flughäfen der Welt, der auch ein riesiges Frachtterminal besaß. Dazu noch einen abgesperrten Bereich und einige Flugbahnen, die der deutschen Luftwaffe gehörten. Interessiert kniff er die Augen zusammen und hielt nach einigen coolen Flugzeugen Ausschau. Wenn er das aus der großen Entfernung richtig sah, standen neben einer Reihe von Eurofightern und Super Hornets auch ein Paar russische und amerikanische Kampfhubschrauber. Wahrscheinlich für die groß angelehnte Militärübung in ein paar Wochen zwischengeparkt. Zudem beobachtete er den Landeanflug eines großen Lambda Bullsharks in Tarnlackierung.
Die Landung ging zügig vonstatten und beinahe sanft schaukelte der riesige Flieger, als die Räder Kontakt mit der Landebahn machten. Wenige Minuten später waren sie am richtigen Terminal angekommen und die Maschine stoppte. Die Anschnallen-Warnlampe erlosch und Kaz öffnete den Gurt, dann stand er auf und sammelte sein weniges Handgepäck ein. Im Gang klopfte er an Ambers Tür und schob sie auf. Seine Tochter schob gerade ihren Laptop in eine Umhängetasche und sah ihn aufmerksam an.
„Geht’s dir gut kleine? Wie fühlst du dich?“
„Alles in Ordnung, ich bin nur so verdammt müde.“
„Keine Sorge, Ich habe gehört, dass meine Freundin Liz ein super bequemes Bett in ihrer Wohnung für dich vorbereitet hat. Wir werden fürs erste bei ihr bleiben.“
Amber nickte und griff dann schnell zu einem halb leeren Glas mit Orangensaft auf dem Tisch und trank es schnell aus.
„Ich weiß dass du kein kleines Mädchen mehr bist, aber ich würde mich sehr viel sicherer fühlen, wenn du meine Hand nimmst. Das ist einer der größten Flughäfen der Welt und ich will dich in den Menschenmaßen nicht verlieren.“
„Nein ist schon ok, Papa. Ich weiß nicht was ich machen würde, wenn ich dich plötzlich nicht mehr sehe. Ich mag Menschenmassen nicht.“
„Tja, das ist leider nicht Montana. Das ist Deutschland, wir haben mittlerweile über hundert Millionen Einwohner und fast acht davon in Berlin“
Sie ergriff seine Hand und er führte sie durch die Abteile bis zur Kabinentür in der Außenhülle des Fliegers und dann durch den Tunnel in Richtung Flughafen. Ihr Flieger war komplett ausgebucht gewesen und hunderte von Menschen strömten mit ihnen aus der Maschine. Nach einer Weile blieb Kaz stehen und studierte die Schilder und Aushängetafeln. Das war das erste Mal, dass er hier war. Als er in die USA ausgewandert war, war dieser Flughafen noch im Bau gewesen. Amber stand unruhig neben ihm und sah sich ängstlich um. Kaz bezweifelte dass sie in ihrem ganzen Leben jemals so viele Menschen auf einem Haufen gesehen hatte. Nach einer kurzen Weile hatte er den Weg zu der Gepäckausgabe für ihren Flieger gefunden und steuerte diesen mit Amber im Schlepptau an. Viel hatten sie nicht dabei. Nicht zu vergessen der kurze Zwischenstopp bei der Passkontrolle, wo ihn der Beamte misstrauisch beäugte während Kaz ihn breit angegrinste.
Am Rollband warteten sie geduldig auf ihr Gepäck. Nach einer Weile kam Ambers großer grüner Wanderrucksack in Sicht und kurze Zeit darauf ein mächtiger Schalenkoffer, auf den Kaz das Logo seines Youtube Chanels geklebt hatte. Amber schulterte den großen Rucksack und ächzte ein bisschen unter dem Gewicht. Sie lehnte seinen Vorschlag trotzig ab, ihr die Last abzunehmen. Zusammen mit ihrem Gepäck ergriff Amber wieder seine Hand und drückte sie fest. Kaz folgte der Ausschilderung zum dem Ausgang wo sie empfangen werden sollte. Er bemerkte auf dem Weg in die Halle unzählige Menschen, allein oder in Gruppen, die ihn unverhohlen anstarrten oder mit dem Finger auf ihn deuteten. Was bitte war hier denn los. Er blieb stehen, als ihn eine Gruppe Teenager in Akiras Alter belagerte. Seine Unruhe stieg. Das könnten alles Clowns sein.
„Wow, sind sie wirklich Sebastian Solomon, der Autor und Youtuber?“ Fragte ihn ein rotgelocktes Mädchen auf Deutsch. Kaz nickte etwas grimmig.
„Oh man, wir sind riesige Fans von ihnen. Könnten sie uns ein Autogramm geben? Bitte bitte bitte.“
Die Stimme hatte etwas Flehendes. Kaz seufzte etwas resigniert aus und kramte einen Filzer aus seinen Taschen während ihn Amber irritiert anguckte. Hoffentlich dauerte das nicht zulange, aber seine Hoffnung schwand bereits, als er sah, dass die Menschengruppe um ihn herum immer größer wurde. Verdammter Mist, so hatte er sich die Ankunft aber nicht vorgestellt. Wenigstens waren das kleine Clowns.
   Gefühlt Stunden und etliche Autogramme auf T-Shirts, Postkarten, Bücher und so weiter später gelang es Kaz der Menge von Fans zu entkommen. Amber neben ihm starrte ihn mit einer Mischung aus Unglauben und säuerlichem Ärger an. Tja Mädchen, du wirst dich hoffentlich noch daran gewöhnen, dass dein Vater eine gewisse Berühmtheit in gewissen Kreisen war. Hoffentlich warteten die anderen noch auf ihn. Nachdem er jetzt zehn Jahre nicht mehr in Berlin war, würde er den Weg zu Liz nach Hause bestimmt nicht so ohne weiteres finden, allein weil Berlin Solomon, damals noch gar nicht richtig gegeben hatte, als er fort gegangen war.
   In einer riesigen Halle mit einer gigantisch hohen verglasten Decke blieb er abrupt stehen.
In der Mitte stand eine kleine Gruppe. Verdammt Johnny Bruderherz ich weiß dass du Warhammer 40k und Games liebst, aber du übertreibst. Davon hatte er gehört. Megakonzerne stellten Armeen unter dem Decknamen der Sicherheit auf. Wie in einem Cyberpunk Roman.
   Vier Ritter der Bruderschaft in pechschwarzen schweren gepanzerten Exosuits mit gewaltigen futuristischen Gewehren locker vor der Brust. Die sahen durch und durch furchteinflößend aus und waren locker über zwei Meter groß. Daneben zwei Kampfschwestern der Schwesternschaft in schneeweißen Kampfanzügen mit helmartigen Bobfrisuren in Weiß. In der Mitte war ein Trio.
zwei augmentierte Frauen mit weißer Haut und roten Augen und pechschwarzen Haaren. Die eine trug ein sehr elegantes Kostüm in den Konzernfarben und die andere eine schwarze Uniform und trug einen weißen Mantel über dem Arm. Der Mann von Bluhm Security wirkte hilflos zwischen all den Monstern. Die Frau mit dem schwarzen Bob winkte ihnen zu.
   Etwas zögerlich näherte sich Kaz der Gruppe, war die Frau in dem Kostüm wirklich Liz? Sie war es, auch wenn sie nicht wirklich wieder wiederzuerkennen war. Sie wirkte wie ein Alien. Sie sah so anders aus, das war das erste Mal in über vier Jahren, dass er sie richtig sah.
   Doch dann auf die letzten paar Meter ließ er Ambers Hand los und ging schnellen Schrittes auf seine beste Freundin zu. Er umarmte sie fest und wollte sie eigentlich gar nicht mehr loslassen. Ihr Parfum roch gut und in ihm wogten Erinnerungen an früher wieder hoch.
   Etwas widerwillig löste er sich aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück. Der Mann von Bluhm Security grinste ihn breit an und hob die Hand, Kaz schlug ein und drückte den Mann kurz. Er kannte Nate ganz gut, auch wenn er ihn nun auch schon seit geraumer Zeit nichtmehr gesehen hatte. Nates kleiner Bruder Simon war noch aktiv bei den SEALs und den kannte Kaz ganz gut.
„Das ist übrigens meine Tochter Amber. Amber das ist Liz über die ich dir so viel erzähl habe.“
Amber versteckte sich ängstlich halb hinter seinem Rücken. Er trat einen Schritt zur Seite und schob sie sanft nach vorne in Richtung Liz. Diese umarmte das Mädchen fest.
„Wie ist jetzt der Plan? Kann ich Ryan schnell im Krankenhaus besuchen bevor wir zu dir fahren?“
„Wie wäre es denn, wenn ich mit Amber und eurem Gepäck schon mal zu mir nach Hause düse und du besuchst Ryan erstmal alleine? Und vor allem wo wart ihr so lange?“
„Ok, das klingt nach einer besseren Idee. Ähm, ein kleines Fan-Problem. Geht voran, wir folgen euch.“
Liz nickte und die Frau neben ihr reichte ihr den Mantel. Weißer Hermelin wie Kaz feststellte, er hob anerkennend eine Braue, der Mantel musste ein Vermögen gekostet haben. Liz schlüpfte in den Mantel und die Gruppe setzte sich in Bewegung, zwei Ritter voraus, dann Liz und ihre Begleiterin flankiert von den Kampfschwestern, dann Kaz und Amber und dann die restlichen beiden Ritter als Nachhut. Sie durchquerten die große Halle und traten durch den Eingang ins Freie. Kaz war regelrecht verwundert über die vollständige Abwesenheit von Reportern oder Protestlern … und Clowns. Kalte frische Luft umfing sie. Es war Mitte März und der Winter war nun endgültig vorbei, aber die Temperaturen waren gerade um die Uhrzeit noch recht eisig. Sie gingen an den Taxiständen vorbei und zum riesigen Parkplatz. Moment mal, der war ja komplett leer!
   Ritter und Gardisten vor Horizon standen in Gruppen zusammen und bewachten die Ecken und die Einfahrten. Auf der Straße standen mehrere Streifenwagen der Polizei und ein Transporter des SEK, Spannung lag in der Luft und man konnte es knistern hören.
„Autos sind mir in dieser Lage zu unisicher und Die Regierung hat Druck gemacht und dem Flughafen verboten uns eine Landegenehmigung für heute Abend auszustellen, also mussten wir improvisieren, dein Flieger kommt zuerst. Wir gehen keinerlei Risiko ein und schicken dir ein Gunship.“
Erstaunt starrte er Liz an, knallhart. Jetzt hörte er auch ein schweres Flappen und ein VTOL näherte sich ihnen im Landemodus. Es sah aus wie eine Kreuzung aus seinen beiden Lieblingsfliegern, der Mil Mi-24 Hind und der Bell-Boing V-22 Osprey. Komplett in Schwarz. Größer, bulliger und bösartiger. Der Flieger landete und hinter dem Cockpit wurde eine schwere Tür geöffnet.
„Da steht dein Flieger zu Charité, den schießt so leicht keiner ab. Viel Spaß.“
Er drückte Amber und stieg dann in den überraschend geräumigen Innenraum. Er setzte sich auf einen bequemen Sessel, nachdem er die acht Gardisten in Kampfanzügen begrüßt hatte. Er wusste nicht ob es ihm Gefallen sollte, dass Konzerne so schwere Security hochfuhren. Aber solange sie den Clowns auf die Nase hauten sollte es ihm recht sein. Eine Stewardess in einem schwarzen Kleid servierte ihm eine lecker riechendes Sandwich und eine gekühlte Cola, na an sowas könnte er sich gewöhnen. Die Triebwerke heulten auf und sie hoben ab und flogen durch den schwarzen Nachthimmel. Er mampfte zufrieden und sah aus dem Fenster nach draußen auf Berlin bei Nacht.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 4

4. Jack – 2.W.März 2045 – Sonntag – Earl

Der Besuch war schon gegangen und auch Yolanda und Margarethe waren wieder zurück zuhause.
Jetzt war er ganz allein. Johnny hatte ihm ein Tablet und Kopfhörer zugesteckt. Natürlich nicht persönlich sondern durch einen grimmigen Ritter, der ihn relativ deutlich ignoriert hatte und im nur das Päckchen auf den Nachttisch gelegt. Ein Spectre Feather, das neuste Modell. Typisch Johnny, Geld spielt keine Rolle. Wie es wohl war den als Vater zu haben? Einer der reichsten Männer der Welt. Er hatte zu seinem Leidwesen recht viel Kontakt mit Akira, weil sie ihm selben Haus wohnten und Emma und Johnny selten da waren. Helena lud ihn … nein verdammt sie … fuck Ryan, warum hast du dir die Kugel gefangen? Bitte geh nicht weg. Er hustete und ihm kamen die Tränen.
Er zuckte zusammen als jemand an der Tür klopfte. Das war einer von den Bluhms, er tippte auf den Mittleren, zumindest sah er älter aus als Manfred. Yolanda hat ihm ein bisschen was zu ihrer Familie erzählt. Alles Soldaten und eine sehr stolze und alte Familie. War das nicht ein bisschen zu sehr Zufall dass er und Ryan ausgerechnet die Töchter eines Bundeswehr Offiziers retteten und dessen große Brüder beim KSK waren?
„Ja Herein.“
Ein Mann mit einem kurzen weißen Vollbart und grauen Haaren betrat den Raum, er hatte eine große Plastiktüte dabei. Was war denn das.
„Hey junger Mann, Yolanda hat mir erzählt dass du Jack bist. Einer der tapferen Ritter in dieser Geschichte. Uh, das hätte ich vielleicht nicht sagen dürfen, wo es deinen Bruder so schwer erwischt hat. Ich hab mir aufmerksam eure Geschichte angehört und mir das Video von deinem Onkel Sebastian Solomon angesehen. Sehr üble Sache das Ganze, aber das hast du jetzt bestimmt schon zur Genüge gehört, ich wollte über etwas anderes reden.“
Er legte die Tüte auf das Fußende und schob einen Stuhl neben das Bett sodass sie auf Augenhöhe waren. Der ältere Herr überkreuzte die Beine und musterte ihn wachsam.
„Du und dein Bruder wollen also zu den Kommando Spezialkräften, so wie ich und mein großer Bruder Wilhelm. Interessante Wahl. Gerade dass du in diesen schweren Zeiten zur Bundeswehr willst. Die Regierung verbietet es zu sagen, aber du machst dich und deine Familie zu einer Zielscheibe für die Clowns. Das darf dich natürlich niemals davon abhalten deine Träume zu verfolgen, aber meinen kleinen Bruder hat es erwischt als seine Töchter zum Ziel wurden, er hat schwer damit zu kämpfen und er hat Angst, dass seine Frau Matilda als nächstes kommt. Und meine jüngste Tochter wurde bei einem Clownangriff beinahe getötet. Und du und dein Bruder. Euch ist es zu verdanken, dass wir nicht vier tote Teenager zu betrauern haben. Aber diese Bauchwunde … wenn du im aktiven Kampf bist musst du mit dem Gedanken klarkommen jederzeit deine Freunde durch einen gegnerischen Kämpfer, durch einen Scharfschützen oder eine IED zu verlieren. Es klingt hart, weil man mir gesagt hat dass er nicht nur dein Bruder sondern auch dein bester Freund ist. Aber seine Schussverletzung war übel und er hat viel zu viel Blut verloren. Natürlich sollte man nie aufhören zu hoffen oder zu beten, aber man muss auch der Wahrheit ins Auge blicken. Es kann gut sein, dass er es nicht packt. Und ich will euch keinen Vorwurf machen, aber ihr habt euch zurückgehalten, es ging ums nackte Überleben und wir sind hier nicht in einem Hollywoodstreifen wo der Held die Bösen nur k.o. haut. Das brauchst du wenn du zu uns kommen willst. Die Bereitschaft dein Leben für die Sache zu geben und du musst in der Lage sein, den Abzug zu ziehen um zu töten. Jetzt will ich dir erst einmal etwas geben. Augen zu und Hände auf“
Er gehorchte und hörte das Rascheln der Tüte, dann fühlte er etwas gar nicht mal so leichtes in seinen Händen.
„Augen auf Kleiner.“
Jack öffnete die Augen und in seinem Schoss saß ein ziemlich großer schwarzer Plüschwaran, der sehr süß war aber auch ernst guckte. Er lachte auf, Johnny oder Emma würde sowas doch nie einfallen. Er dachte an seinen Onkel Sebastian, der würde ihm sowas auch schenken.
„Ich dachte, der würde dir gefallen. Den tollen Plüschwaranen vom Zoo in Berlin Solomon kann eben doch keiner wiederstehen und die sind auch toll verarbeitet. Ich dachte mir ich besorg dir was, mit dem du knuddeln kannst und der dich tröstet. Ich hab es schon immer gehasst wenn jemand einen Kranken einen Blumenstrauß hinstellt, der eh nur vor sich hin welkt. Ich bin durch meinen Job leider nicht so oft zuhause, aber vielleicht sehen wir uns noch öfter. Wenn du wieder fit bist zeigen meine Jungs dir mal, wie man richtig kämpft.“
Er zwinkerte ihm zu.
„Ansonsten bin ich mir sicher, dass dein Onkel Sebastian den einen oder anderen Kniff beibringen kann, seine Videos werden bei uns in der Kaserne gern geguckt und es scheint so, als wäre er eine echte Herausforderung im Kampf, selbst für einen SEAL. Das Video, ist echt viral gegangen. Ein normaler Bürger im Wettkampf mit den SEALs, das hat unsere amerikanischen Freunde ziemlich beeindruckt.  So jetzt will ich mal, ich denke es wird gleich Essen geben.
Übrigens gewöhn dich an nicht sehr leckeres Essen. Feldrationen können echt ekelhaft sein.“
Er zwinkerte erneut, erhob sich, nahm die Tüte mit und schob den Stuhl zurück.
„Mach‘s gut Großer und erhol dich gut, und gib dem Waran einen Namen.“
Dann ging er summend raus und ließ ihn allein. Er drehte den Waran in seinen Händen, der war ja richtig groß, von Schnauze zu Schwanzspitze bestimmt einen Meter. Er dachte an sein Lieblingsgetränk.
„Ich nenne dich Earl. Wir gefällt dir das?“
Er verstellte seine Stimme.
„Aber ich bin doch gar nicht grau, ich bin schwarz.“
„Dann passt es doch noch besser.“
„Mh, ok. Earl also, wann gibt’s Essen ich hab Hunger.“
Eine Schwester trug ein Tablet ins Zimmer und stellte es auf den Tisch.
„So, dann mach ich mal dein Bett in eine aufrechte Position und schieb dich richtig hin. Oh wer ist das denn das, der ist ja putzig?“
„Ich bin Earl.“
„Oh hallo Earl und ich bin Schwester Maria. Freut mich dich kennen zu lernen.“
 Mal gucken ob es stimmte was alle zum Essen sagten. So schlimm konnte es doch wohl nicht sein.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 3

3. Liz – 2. W. März 2045 – Sonntag – Die Welt steht Kopf

Liz wollte weiterschlafen, aber ein lautstarkes Klingeln riss sie aus dem Schlaf. Müde schlug sie die Augen auf und sah sich um. Sie war beim Lesen auf dem Sessel eingeschlafen. Ihr Kopf schmerzte, was bei der Menge Wein die sie gestern getrunken hatte nicht verwunderlich war. Draußen war es schon hell. Sie schlug die Pelzdecke zurück und fröstelte. Der Bademantel lag noch auf der Lehne des mächtigen Schreibtischstuhls, sie erhob sich und zog ihn sich über. Die Türklingel schrillte immer noch lautstark. Man, ich bin doch nicht taub! Sie fluchte lautlos, toller erster offizieller Urlaubstag. Beim Blick auf die Uhr auf dem Schreibtisch hob sie überrascht die Brauen, es war fast ein Uhr nachmittags. Hatte sie echt noch so lange gelesen, dass sie sie jetzt erst aufwachte, wenn auch eher gezwungener Maßen oder war die Woche einfach so erschöpfend gewesen? Oder war es der Wein?
Schlaftrunken tappte sie barfuß die Treppe herunter und zur Tür. Ohne durch den Türspion zu gucken öffnete sie genervt die Wohnungstür, wehe es war nicht dringend.
   Überrascht stellte sie fest, dass es Helena war, die da sturmklingelte. Hinter ihr stand eine etwas angenervte Mara in ihrem Freizeitoutfit, die Liz einen hilflosen Blick zuwarf und mit entschuldigender Miene mit den Schultern zuckte. Helena sah von der Klingel auf und ihre Augen weiteten sich vor Schreck als sie Liz sah. Oh verdammt, sie hatte vergessen sich eine Perücke aufzusetzen. Liz war jedoch nicht minder erschrocken, Helenas Gesicht war tränenüberströmt und ihre Augen ganz verquollen. Irgendwas Schlimmes musste passiert sein.
„Liz, ist was passiert? Oh entschuldige ich komme völlig ungelegen, Tut mir so leid. Ich bin nur einfach so durcheinander und aufgelöst und weiß nicht was ich tun soll.“
„Nein mir geht es gut. Aber bitte komm doch rein. Möchtest du etwas zu trinken haben?“
Helena holte tief Luft und nickte dann. Sie trat an Liz vorbei in die Wohnung und schlüpfte aus Mantel und Schuhen. Mara verschwand wieder durch eine Tür, die zu ihrem Apartment führte.
„Cappuccino wie immer?“
Helena nickte nur, aber sie schien ihr gar nicht richtig zuzuhören. Sie stolperte fast über den großen Waran der neugierig zur Tür gelaufen war. Zitternd ließ sie sich auf dem Sofa nieder und starrte ins Leere, während ihr weiter Tränen über die Wangen liefen.
   Liz fühlte sich unwohl und ihr bangte, was ihre beste Freundin gleich erzählen würde. Er jetzt bemerkte sie, dass Helena eine zusammengefaltete Zeitung auf den Glastisch gelegt hatte, vom Logo her eins dieser Boulevard Blätter. Komisch, sowas las Helena doch gar nicht. Ohne sich die Zeitung weiter anzusehen, schoss sie in die Küche und setzte den Cappuccino für ihre Freundin auf. Dann schnell ins Bad wo sie sich eine Dose mit Taschentüchern schnappte und vor Helena auf den Tisch stellte. Dann eilte sie ins Schlafzimmer wo sie sich schnell etwas anzog und sich eine Perücke aufsetzte. Sie musste ja nicht halbnackt und mit Glatze dort auf dem Sofa sitzen, wo es ihrer Freundin so miserabel zu gehen schien.
   Fünf Minuten später stellte sie ein Holztablett mit einem Keksteller und dem Kaffee für ihre Freundin auf den Tisch. Sie selbst trank nichts, in der Küche hatte sie bereits ein Glas Wasser und zwei Kopfschmerztabletten heruntergestürzt.
   Sie setzte sich schräg gegenüber zu ihr und beobachtete wie Helena mit zitternden Händen Zucker in den Kaffee schüttete und umrührte. Dabei warf sie ihr einen unsicheren Blick zu.
„Was ist passiert? Deine Haare!“
„Nicht so wichtig, ist nichts schlimmes, ich erzähl es dir später. Aber was ist denn mit dir? Du weinst und zitterst total. Was ist passiert?“
Wortlos schob ihr Helena die Zeitung zu und griff dann nach einem Taschentuch. Mit einem unguten Gefühl entfaltete Liz die Zeitung und starrte auf die furchtbar reißerische Schlagzeile.
„Mörder Zwillinge gehen um“ Darunter ein Bild von einer Straße im Wald und ein … Oh nein. Ein Bild von Jack und Ryan. Liz überflog den miserabel und völlig reißerisch geschriebenen Artikel und beim Lesen kochte sie vor Wut. Nach der Hälfte legte sie die Zeitung weg und schloss die Augen. Sie sah auf und Helena in die Augen, diese hatte sich etwas gefangen und weinte nicht mehr.
„Kannst du mir erzählen was passiert ist? Diesem Artikel kann man ja wohl kaum Glauben schenken.“
Helena nickte gefasst und räusperte sich.
„Die Kurzfassung, vor drei Wochen waren die Jack und Ryan auf eine Party eines Arschlochs namens Adrian Drosser eingeladen, die gehen alle auf die gleiche Schule und Adrian ist so ein Möchtegern Gangster Boss der sich wie blöde aufspielt und einen Haufen Schläger herumkommandiert.
Jedenfalls beobachten die beiden wie Adrian etwas in einen Drink schüttet und einem Mädchen anbietet und das arme Ding hoch zu einem Schlafzimmer führt. Verdammt die beiden haben an dem Abend eine Vergewaltigung verhindert. Die Opfer heißen Yolanda und Margarethe Bluhm.
Und gestern …“, sie schluchzte laut auf „ … gestern waren die vier im Wald spazieren und auf dem Rückweg lauerte ihnen Adrian mit neun Schlägern auf, die die vier zusammenschlagen und töten wollten. Gott sei Dank trainieren die beiden Jungs wie besessen und konnten sich gut wehren und die Schläger umhauen. Aber dieser Adrian Bengel hat auf Ryan geschossen und schwer verletzt.
Und hier kommt das abscheuliche. Yolanda hat alles gefilmt, auch was sie in den beiden Wagen gefunden hat. Vier schwarze Leichensäcke, Tape und Schaufeln. Da kommt einem echt das Essen hoch. Und Jack hat geschäumt vor Wut. Aus einer Ahnung heraus hat er die Video-Aufnahmen sofort an Akira und Kaz geschickt.“
„Warum? Sorry dass ich dich unterbreche“
„Komm schon, Kaz hat über fünf Millionen Follower über diverse Videoplattformen verteilt und Akira hat knapp dreihunderttausend. Lies dir nur diesen scheiß Artikel durch, dass weißt du warum.
Jedenfalls zurück zu gestern. Die Polizei war dann zum Glück schnell da und hat alles aufgenommen. Die waren ziemlich platt als sie die lange Reihe an bewusstlosen Schlägern und den Stapeln mit den Waffen gesehen haben und haben Verstärkung angefordert. Zwei gegen Zehn. Leider hat es Ryan schwer erwischt, er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht und operiert und wir sind noch alle am Bangen, weil er immer noch in einem sehr kritischen Zustand ist.“
Liz atmete schwer aus und schüttelte nur ungläubig den Kopf.
„Das ist doch einfach nur krank dass wir in einer Welt Leben, wo Kinder andere Kinder umbringen.“
„Ist es. Hier, Das ist das Video.“
Helena reichte Liz ihr Handy und Liz startete mit bangem Gefühl das Video. Es war genauso wie ihre Freundin es ihr beschrieben hatte nur sehr brutal und grafisch und bei einigen Momenten rumorte ihr Magen heftig. Gerade die Aufnahme wo Jack seinem Bruder Jacke und Oberteil aufriss und seine Hände auf die stark blutende Wunde presste während im Hintergrund eines der Mädchen heftig schluchzte. Als die Aufnahme zu Ende war fühlte sich Liz entsetzlich. Jack und Ryan waren so nette Jungs mit einem ausgezeichneten moralischen Kompass. Sie taten das einzig richtige und verteidigten sich und die Mädchen und zum Dank kämpfte Ryan jetzt mit dem Leben. Sie war zwar sehr friedliebend, aber diesem Adrian hätte sie jetzt gern etwas Scharfkantiges zwischen die Rippen geschoben. 
„Wie geht es Emma?“
„Frag nicht, sie ist regelrecht explodiert, als die Polizei sie angerufen hat. Sie ist in Angst um Ryan und trotz allem unglaublich stolz auf die beiden. Und da Jack das Video sofort an Akira geschickt hatte, wussten auch wir sofort Bescheid. Und Johnny hat sofort seinen großen Bruder ans Telefon geholt und die drei haben eine Notfall-Videokonferenz eingeläutet.“
„Mit welchem Ergebnis?“
„Weiß ich nicht genau, ich war nicht dabei und vorhin waren sie wieder heftig am Diskutieren. Weißt du das wirklich ekelhafte an dieser Geschichte ist, dass Adrian inzwischen wieder auf freien Fuß ist. Sein Vater Torsten Drosser hat verdammt viel Einfluss und er besitzt etliche Zeitungen und mehrere Fernsehsender. Die Zeitung da vor dir, gehört auch ihm. Und dieses Arschloch hat die rosarote Brille auf wenn es um seinen missratenen Sohn geht. Schlimmer noch, der Bastard ist ganz dicke mit dem Polizeichef und dem Bürgermeister, was eine unfaire Scheißwelt in der wir leben.
Weißt du, Die beiden retten das Mädchen vor einer Vergewaltigung und zur Belohnung will dieser Spinner mit seinen Schlägern die beiden umbringen, die Mädchen vergewaltigen und dann wahrscheinlich auch umbringen und dann irgendwo im Wald verscharren. Und die Jungs machen einen Weltklasse Job in ihrer Verteidigung auch wenn sie hart einstecken müssen. Jetzt sind alle vier im Krankenhaus, die Polizei ermittelt, auch wenn sie definitiv Druck von oben bekommen werden die Ermittlungen einzustellen und diese scheiß Presse hat nichts besseres im Kopf als die Fakten völlig zu verdrehen und die vier als die Bösen darzustellen und den Ruf unserer Familie komplett durch den Dreck zu ziehen.“
„eurer ganzen Familie?“
„Ja, du musst den Artikel weiterlesen. Kaz wird als waffenliebender gemeingefährlicher Psychopath bezeichnet, der die beiden angestiftet hat – das mit den Waffen stimmt ja auch. Emma als verantwortungslose Mutter, Johnny als größenwahnsinniges Kapitalistenschwein und Kriegsprofiteur. Und die Familie der Mädchen kommt auch nicht gut weg, alles Nazis.“
„Bitte Was? Und warum Nazis?“
„Weil diese Familie stark vom Militär geprägt ist. Der Vater ist ein hochrangiger Offizier beim Heer und die Mutter war bis zur Geburt der Mädchen ebenfalls Berufssoldatin. Alles Lügen, was diese Schweine da schreiben. Trotzdem werden Millionen von Menschen diesen Scheißdreck lesen und glauben.“
Helena schüttelte sich vor Wut und ballte die Hände zu Fäusten.
„Und weißt du was? Adrians Vater ist super gut mit dem Schulleiter der Schule befreundet, auf den all unsere Kinder gehen. Jack und Ryan wurden der Schule verwiesen. Und Akira auch, obwohl sie in keinster Weise etwas damit zu tun hat. Es trifft sie nur, weil sie den gleichen Familiennamen hat. Und Yolanda und Margarethe hat es auch erwischt. Es ist einfach nur zum kotzen. Akira ist im Abschlussjahr und hat sich schon intensiv auf ihre Prüfungen vorbereitet, und jetzt das. Abitur ist in wenigen Wochen und man wirft sie von der Schule.“
Liz stand auf und setze sich neben ihre Freundin, schlang den Arm um sie und drückte sie fest.
„Es wird alles gut, eure Familie hält in Krisenzeiten zusammen.“
Sie dachte einen Moment an ihre Assistentin Mara Bluhm, die würde schäumen wenn sie davon erführe, Die Mädchen waren ihre Cousinen.
   Helena lächelte schwach, dann grinste sie ein bisschen.
„Du weiß schon, dass du auch zur Familie gehörst? Mein Mädchen schwärmt total von dir. Und Johnny lobt dich in höchsten Tönen, ohne dich würde er das mit dem Konzern nie schaffen.“
Liz spürte wie sie rot wurde. Der Gedanke fühlte sich gut an, zumal sie ihre Familie praktisch verstoßen hatte. Allerdings war der Zeitpunkt schlecht gewählt, wo doch die Jungs schwer verletzt im Krankenhaus lagen.
„Und ich glaube wir brauchen jetzt auch echt deine Hilfe.“
„Ich versteh schon, die temporäre Leitung der Firma.“
„Das nicht unbedingt, wir dachten da an etwas anderes.“
Liz hob fragend die Brauen.
„Jetzt bin ich aber neugierig, was denn?“
„Als emotionale Stütze für Sebastian, also Kaz. Er kommt fürs erste wieder nach Deutschland zurück. Wie du gesagt hast muss eine Familie in der Krise zusammenhalten.“
Liz Magen sackte ihr in die Kniekehlen, sie fühlte als hätte jemand den Teppich unter den Füßen weggezogen. Glücklicherweise bemerkte Helena nichts davon.
„Er muss sich jetzt um eine Menge kümmern und Sachen abklären. Jetzt ist bei ihm alles so viel komplizierter jetzt wo Amber bei ihm wohnt.“
Helena sagt das alles so nebenbei, aber in Liz Magen krampfte es sich heftig zusammen. Wer war Amber, eine Freundin, seine Frau? Sie fühlte sich auf einmal ganz miserabel.
„Huh, alles in Ordnung? Du siehst so blass aus.“
Helena sah sie besorgt an. Liz schüttelte den Kopf und kämpfte gegen die Tränen. Alle Hoffnung für ein gemeinsames Leben war umsonst.
„Oh, Ich denke ich verstehe dich. Naja weißt du, im Grunde genommen dachte ich mir du würdest dich darüber irgendwie ziemlich freuen.“
„Über was denn bitte? Dass er mich abgesägt hat und sich ‘ne andere gesucht hat?“
„Nein nein, du verstehst das total falsch. Amber ist nicht seine Freundin, sie ist seine fünfzehn Jahre alte Adoptivtochter.“
Liz erstarrte und sie kam sich schrecklich dumm vor. Sie lachte unsicher auf, aber es klang falsch. Helena schob Liz ihr Handy hin. Ein Bild von einem unsicher lächelnden Mädchen mit zotteligen dunkelbraunen Haaren, einem sehr hübschen Gesicht, großen grünen Augen und Sommersprossen.
Wärme stieg in ihr auf, der Schreck wich einer angenehmen Vorfreude.
„Wie lange bleiben die beiden?“
„Das steht noch nicht fest, aber der Plan ist, dass Amber in Deutschland zur Schule gehen soll. Und ich weiß das ist vermutlich sehr schwer für dich, aber können die beiden vorerst bei dir einziehen?“
Die eine Hälfte von Liz wollte in Tränen, die andere in Freudengeheul ausbrechen.
„Naja es wird vielleicht eng und Amber hat kein eigenes Zimmer, aber als Übergangslösung ist das machbar. Dann müssten wir halt zu dritt in dem riesigen Bett schlafen oder einer schläft auf dem Sofa oder auf einer Matratze.“
„Danke sehr, du bist ein Schatz! Aber ich bitte dich dreihundertfünfzig Quadratmeter sind nicht eng! Außerdem wird es Zeit, dass die Kleine ihre Mama kennenlernt“
Liz guckte verdutzt. „Das verstehe ich jetzt echt nicht.“
„Komm schon, ihr beide seit euch so nahe, dass es schon lange über eine normale Freundschaft hinausgeht. Und ihr quält euch so sehr. Es ist so süß, dass ihr euch beide seit zehn Jahren standhaft weigert euch einen Partner zu suchen. Gib doch zu, dass du ihn haben willst.“
Helena lächelte ihr aufmunternd zu.
„An dem Tag wo er mir gesagt hat, dass er auswandern will, wollte ich ihm einen Heiratsantrag machen.“
„Oh, wie süß. Hast du den Ring und alles noch?“
„Klar, ist oben in einer Schublade.“
„Die Kleine hat so viel mitgemacht, dass sie jetzt bestimmt gut jemanden gebrauchen könnte, die in die Rolle einer Mutter schlüpft. Ich glaube das kannst du sehr gut. Ich sehe es ja bei meiner Tochter, dass du ein Händchen für Kinder hast. Und jetzt bekommt die Kleine nicht einmal eine  Verschnaufpause sondern wird gleich ins nächste Familiendrama hineingerissen. Ihre Eltern sind im Herbst bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und die Kleine lag wochenlang im Krankenhaus, hat Kaz erzählt. Sie hat keine näheren Verwandten mehr und wurde sofort in ein Heim gebracht, wo Kaz regelrecht über sie gestolpert und sich anscheinend sofort in das kleine Mädchen verliebt hat. Ich finde sie hat gewisse Ähnlichkeiten zu dir, bis auf die Hautfarbe.“
Liz lächelte verlegen, auch wenn sich schrecklich unwohl fühlte. Armes kleines Mädchen.
„Warum hast du eine Glatze?“
Liz zuckte zusammen, der Themenwechsel kam super abrupt.
„Ähm. Naja, ich hatte immer schon ziemlich dünne Haare. Und vor drei Jahren sind sie schlagartig ausgefallen. Ab dem Zeitpunkt hab ich angefangen nur noch Perücken zu tragen und mir eine Glatze gemacht. Anfangs hab ich mich rasiert und später hab ich ein Mittel von Horizon dafür genommen.“
„Kann ich es nochmal sehen?“
Liz nahm die Perücke ab und legte sie auf den Tisch, dann drehte sie sich zu ihrer Freundin hin.
„Wow, darf ich?“
Liz nickte und Helena strich ihr über den haarlosen Kopf.
„Fühlt sich total abgefahren an, wie Babyhaut. Und der Anblick ist schwer gewöhnungsbedürftig. Aber dein Kopf hat eine tolle Form, ich glaube dir steht sowas. Ist das für immer so?“
„So dünn wie meine Haare waren bin ich nicht traurig, dass das Elend endlich ein Ende hatte. Und ich mag kurze Haare. Zwar war es nicht unbedingt geplant mir eine Glatze zu machen aber so ist es jetzt nun mal. Aber mich würde es nicht stören bis zu meinem Lebensende so rumzulaufen. Jetzt wo ich darüber nachdenke, sollte man es im Leben unbedingt mal probiert haben.“
Helena schluckte und schüttelte den Kopf.
„Nein, also ich weiß nicht. Bei mir könnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Außerdem würde es tausend Jahre dauern, bis es wieder nachgewachsen ist.“
„Du könntest ja einfach eine Perücke tragen.“
„Nein, ich bin nicht so der Typ für Perücken.“
„Musst du ja auch nicht. Aber zurück zu gerade eben. Es war immer schon mein Lebenstraum eine eigene Tochter zu haben, deshalb hat es mich ja auch so fertig gemacht, als mir die Ärzte verkündet haben, dass ich keine Kinder bekommen kann. Und ich bin seit zwanzig Jahren in diesen Verrückten verknallt, der mein Leben total auf den Kopf gestellt hat. Ich bin jetzt sehr unsicher. Vor über zehn Jahren haben ich und Kaz eine Weile zusammen gelebt und es war die tollste Zeit meines Lebens. Und jetzt droht sich das Ganze zu wiederholen nur dieses Mal sind wir ein Jahrzehnt älter und dieser Kindskopf hat anscheinend ein wunderschönes Mädchen adoptiert und bringt es nach Deutschland mit. Ich glaube ich hab Angst davor wie sie mich sieht. Ich bin doch ein Monster.“
„Ich bitte dich, du hast jetzt so viel Erfahrung Akira und den Jungs, dass ich mir da echt keine Sorgen mache. Und du bist schön auf eine ganz besondere Weise.“
Helena starrte einen Moment in die Leere. Dann schniefte sie lautstark und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Liz nahm sie in den Arm und drückte sie fest. Helena schluchzte heftig und ihr Körper bebte. Sanft strich Liz ihr über Kopf und Rücken bis sie sich wieder beruhigt hatte.
„Ich war gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, würde es dir etwas ausmachen mich dorthin zu begleiten? In meinem Zustand traue ich mich nicht selbst zu fahren.“
„Das musst du mich nicht fragen, ich fahre dich sofort, kein Problem. Ich brauch nur einen Moment um mir etwas anzuziehen und Mara Bescheid zu geben.“
Sanft löste sie sich aus der Umarmung, stand auf und eilte ins Schlafzimmer wo sie sich legere unauffällige Kleidung anzog und sich die Bob-Perücke auf den Kopf setzte, die sie auch im Konzern trug. Helena saß noch auf dem Sofa und tupfte sich die Wangen mit einem Taschentuch trocken. Bei ihrem Anblick erhob sie sich etwas wacklig.
„Du bist ein richtiges Chamäleon weißt du das. Und du siehst immer so toll aus.“
„Es macht mir ja auch Spaß so viele verschiedene Sachen zu probieren. Soll ich dich stützen? Du siehst sehr wackelig aus. Warte ich bringe dir deine Schuhe und deinen Mantel, eine Sekunde.“
Ein paar Minuten später sah ihr Helena in ihrem schicken Wintermantel dabei zu wie sie schnell in ein paar Stiefel und in einen langen Wollmantel in gedeckten Farben schlüpfte. Draußen im Hausflur sprang sofort das Licht an und Liz prüfte kurz ob sie alles Wichtige dabei hatte, dann schaltete sie das Licht in der Wohnung aus und schloss die Tür. Sie fuhren mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage und steuerten Liz Wagen an. Was die Wahl des fahrbaren Untersatzes anging passte sie schon ausgezeichnet in Kaz Familie. Dort in einer Ecke stand ein mächtiger schwarzer Land Rover Defender 110 mit getönten Scheiben. Aber den fuhr sie nicht mehr. Neben dem Defender stand ein furchteinflößender schwarzer SUV. Ein Mix aus einem Rolls Royce und einem Geländewagen. Ein Omega Hound und zu ihrer Freude gepanzert und voll elektrisch. Mit einem Fond mit extra viel Beinfreiheit und einer schönen kleinen Snackbar. Und sie fuhr am liebsten solo, wenn sie es sich zeitlich erlauben konnte.
   Suzi brachte sie immer mit dem Lambda Swordfish Escort in die Konzernzentrale.
Mara wartete schon in ihrer Dienstmontur neben dem Wagen, die kurzen schwarzen Haare noch etwas feucht vom Duschen.
   Emma und Johnny fuhren das exakt gleiche Modell von Defender 2020, nur Emmas Jungs durften in Kaz alter Defender Gurke herumfahren, die war aber zumindest auch schwarz und machte die beiden arm. Sie hielt den Defender für ein Sicherheitsrisiko, deshalb hatte sie sich für Omega entschieden, die waren die neue sichere Edelklasse und der Ruf und die Qualität war ganz ausgezeichnet. Omega hatte dafür gesorgt dass „Made in Poland“ im Autobau für etwas sehr positives und kraftvolles steht.
Helena stieg hinten ein und Liz und Mara vorn, Liz fuhr. lautlos sprang der starke Elektromotor an. Benziner und Diesel waren echt selten geworden.
„Zu welchem Krankenhaus muss ich?“
„Zur Berliner Charité.“
Liz nickte wissend und fuhr langsam aus der Tiefgarage und dann in zügigem Tempo durch den Nachmittäglichen Verkehr.
„Ich glaube es ist wichtig dass ich dir ein paar Sachen über den Vater der Mädchen berichte. Er ist ebenfalls äußerst schlecht gelaunt darüber in welches Licht seine Familie gerückt wird. Gestern war es so, dass Yolanda im Krankenwagen bei ihren Eltern zuhause angerufen hat und das nötigste berichtet hat. Die Eltern haben den Militär Drill definitiv im Blut, denn sie sind keine fünfzehn Minuten nach dem Krankenwagen in der Klinik eingetroffen. Emma traf eine halbe Stunde später mit ihrem Bruder und der halben Horizon Garnison im Schlepptau ein. Ryan war zum dem Zeitpunkt schon im OP und Jacks Wunden wurden genäht, die zum Glück nicht so schlimm waren, wie sie aussahen. Die Mädchen waren gefasst, standen aber unter Schock und brachten kaum ein Wort über die Lippen. Johnny hat den Eltern Mädchen das Video gezeigt und der Vater Manfred hat mit regungsloser Miene aber vor Wut lodernden Augen zugeguckt, während seine Frau Matilda, die in dem Krankenhaus als Krankenschwester arbeitet, in Tränen ausgebrochen ist. Emma hat keine einzige Träne verdrückt, sie war einfach nur so voller Wut und Hass auf diejenigen, die ihre beiden mutigen Jungs so zugerichtet haben. Dieses schreckliche Ereignis hat unsere Familien zusammen gebracht und ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die sich mit der falschen Familie angelegt hat. Manfred und Matilda kommen beide aus einem Zweig alter stolzer Militärfamilien, bei denen in jeder Generation die Jungen zum Militär gehen und mittlerweile auch die Mädchen. Und Manfred hat zwei Brüder, er ist der jüngste. Wolfgang ist der Mittlere und hochrangiger Befehlshaber beim KSK und der Wilhelm ist der älteste, war ebenfalls Befehlshaber beim KSK, musste aber den Dienst nach einer schweren Verletzung im Einsatz quittieren und hat vor über fünfzehn Jahren ein Unternehmen für Security und Personenschutz gegründet, das einen ausgezeichneten Ruf haben soll.
Jedenfalls sind die vier zu dem Schluss gekommen, dass es wohl das Beste wäre, wenn die vier Jugendlichen unter Schutz gestellt werden sollte, zur Sicherheit. Manfred hat also seinen Bruder kontaktiert und weniger als eine Stunde später parkten auf dem Parkplatz unten zwei Mannschaftswagen und zwölf Sicherheitsleute von Bluhm Security haben wortlos ihren Posten bezogen. Und momentan bereiten sich HRZN Gardisten und Ritter darauf vor in Orcas zu steigen und den Komplex zu besetzten. Auch wenn mich das total gruselt, die sind ja wie ‘ne Armee.
Emma und Matilda sind geblieben während Manfred und Johnny zu uns nach Hause gefahren sind und eine Notfall Konferenzschaltung mit Kaz gestartet haben. Danach hat Johnny ein paar Sachen für die Jungs und für Emma eingepackt und die beiden sind wieder ins Krankenhaus gefahren, wo sie die ganze Nacht Wache gehalten haben. Ryans Operation war erfolgreich, aber sein Zustand bleibt kritisch und er ist nicht bei Bewusstsein. Jack schläft die ganze Zeit und Yolanda weicht ihm keinen Zentimeter von der Seite. Ihre Schwester Margarethe sitzt mit ihrer Mutter und zwei Sicherheitsleuten vor der Intensivstation und bangt um das Leben ihres neuen Freundes. Die Ereignisse der letzten Wochen haben die vier Teenager echt zusammen geschweißt. Und als heute Morgen die ersten Artikel zu dem ganzen erschienen sind ist das Ganze erst so richtig hochgekocht. Und dann die Nachricht dass man Adrian laufen gelassen hat und dass die Kriminalpolizei, die diese Sache untersucht, absolut nicht reagiert. Manfred und Matilda kochen vor Wut und deren Geschwister und Eltern sind mittlerweile im Bilde. Und dieser Bengel Adrian schürt das Ganze noch an, indem er auf Twitter über die vier ordentlich herzieht und sich als das Opfer darstellt. Kaz und Akira haben sich zusammen getan und arbeiten an einer Video Sache um die Fakten wieder klar zu rücken.“
Mara neben ihr rückte unruhig auf ihrem Sessel herum, sie ahnte etwas.
„Oh man, das ist echt eine ganze Menge. Ich finde es klasse, dass sich alle so ins Zeugs legen.“
„Ist doch selbstverständlich. Alle ziehen an einem Strang und helfen sich gegenseitig.“
„Wie geht es deiner Tochter?“
„Akira ist wütend, hat sich in ihrem Zimmer verschanzt und arbeitet an dem Video.“
„Ist das nicht riskant wenn sie allein ist?“
„Nein, Akiras Freund Sahid ist da und auf dem ganzen Grundstück sind Sicherheitsleute von Bluhm Security postiert. Wilhelm ist den Jungs über alles dankbar, dass sie seine Nichten vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt haben und sieht es sich als seine Pflicht an, auf alle Beteiligten aufzupassen. Ich denke das ist unglaublich wichtig, da diese niederträchtige gekaufte Presse uns alle in den Dreck ziehen wollen. Ich wette dich nehmen sie auch ins Visier. Und es wird viele Schaulustige und Mitläufer geben, die unsere Familien angreifen werden. Es ist einfach nur ekelhaft was man seit heute Morgen in den sozialen Medien liest.“
Bei dem Gedanken schluckte Liz. Gestern noch war die Welt in Ordnung und jetzt herrschte regelrecht Krieg. Nein das stimmte nicht, die Welt war immer schon ein relativ mieser Ort gewesen und mit den Clowns hatten sie seit zehn Jahren aktiven linksextremen Terrorismus in Europa.
Und ihre Wohnung mit dem riesigen Panorama Fenster. Wenn das nicht eine erstklassige Zielscheibe war. Ein Schauer lief ihr den Rücken runter zum Glück war sie bestens vorbereitet.
„Da vorne ist es. Oh nein, siehst du die Schar mit den Schildern vor dem Eingang? Verdammter Mist, an denen kommen wir unmöglich vorbei. Moment, ich ruf kurz meinen Mann an.“
Helena telefonierte leise mit ihrem Mann, während Liz unauffällig einparkte.
„Ok, wir müssen uns einen Moment gedulden, aber gleich kommen ein paar Leute, die uns eskortieren.“
„Würden sie dich erkennen, wenn du dir meine Perücke aufsetzt und ich dir meinen Mantel gebe?“
Helena warf ihr einen überraschten Blick zu, dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich glaube das bringt nichts, außerdem bist du dann ungeschützt. Ich glaube die Presse würde sich nur darauf stürzen, dass die Vizechefin eines Milliardenkonzerns einen mentalen Meltdown hatte und sich den Kopf rasiert hat.“
„Das stimmt doch gar nicht.“
„Ich weiß, aber von diesen Hurensöhnen nimmt dir das doch keiner ab. Und ich möchte unbedingt vermeiden, dass sie dich auch noch ins Visier nehmen. Ich glaube ich als Hausfrau bin ein weniger lukratives Ziel, als eine äußerst erfolgreiche Unternehmerin. Das ist zwar sehr lieb von dir, aber das brauchst du nicht machen.“
Liz zuckte mit den Schultern und lehnte sich in den Sitz zurück. Sie sah neugierig raus, als jemand ans Fenster klopfte. Ein Mann in einem schwarzen T-Shirt und mit schwarzen Cargohosen, das war Nate von Bluhm Security. Ehemaliger Navy SEAL der im Einsatz schwer verwundet wurde und von HRZN Medical zusammengeflickt worden ist, seitdem lebt er in Deutschland und arbeitet bei Bluhm Security. Liz warf Helena und Mara einen Blick zu, diese nickten und die drei stiegen aus.
„Hallo, ich heiße Nate und ich bin die Vorhut. Bitte folgt mir.“
Liz griff nach ihrer Handtasche und schloss den Wagen ab.
„Verhaltet euch ganz ruhig und unauffällig und folgt mir.“
Liz, Mara und Helena folgten dem muskulösen großen Mann vom Haupteingang weg und um das riesige Gebäude der Klinik herum. Hinter einer Ecke standen zwei muskelbepackte Ritter von Horizon in schweren Kampfanzügen und nickten den drei Frauen freundlich zu. Nate übernahm die Führung, danach kamen Liz, Mara und Helena und dann die Ritter. Die Klinik war riesig, deshalb dauerte es einen Moment, bis die Gruppe den nächsten Eingang erreichte. Im Eingangsbereich blieben die Ritter zurück und der Mann führte sie durch ein schier endloses Gewirr von Gängen und Treppenhäusern. Dann hielt er plötzlich inne und deutete auf eine Tür zu einem größeren Wartebereich. Liz und Helena gingen an ihr vorbei in den Raum. Johnny döste auf einem Stuhl. Hatte der nicht eben noch mit seiner Frau telefoniert? Emma lehnte ihren Kopf an seine Schulter und starrte ins Leere. Schräg gegenüber saß ein hochgewachsener Mann mit kurzen graumelierten Haaren mit einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck, das musste Manfred sein. Neben ihm saß eine schlanke mittelgroße Frau mit kurzen blonden Haaren und tupfte sich die tränennassen Augen mit einem Taschentuch, Matilda höchst wahrscheinlich. Zwei HRZN Ritter mit schweren Exosuits und mächtiger Bewaffnung standen wachsam mitten im Raum und wirkten völlig fehl am Platze. Auf der anderen Seite standen ein paar Männer in schwarzen Outfits und ein paar mit Security Uniformen und unterhielten sich leise. Zwei der beiden hatten Ähnlichkeiten mit Manfred, dann mussten das wohl seine Brüder sein und den einen kannte sie gut. Emma bemerkte sie sofort und stupste ihrem Bruder in die Seite. Der war schlagartig wach und sprang vom Sitz hoch um erst seine Frau und dann Liz herzhaft zu umarmen. Emma folgte seinem Beispiel. Manfred und Matilda erhoben sich und umarmten die beiden ebenfalls. Liz kam sich etwas fehl am Platz vor, denn sie kannte die beiden ja gar nicht, jedenfalls nicht direkt. Helena ergriff zuerst das Wort.
„Wie geht es den vieren?“
„Ryan ist immer noch in einem sehr kritischen Zustand, Jack geht es verhältnismäßig gut, er hat eine Menge Glück gehabt. Und auch wenn es vielleicht nicht der passende Moment ist, aber jetzt können wir die beiden zu mindestens zuverlässig unterscheiden. Aua.“
Emma hatte ihrem großen Bruder den Ellenbogen in die Seite gerammt.
„Ist ja gut kleine Schwester. Naja und die Mädchen sind unter Schock. Yolanda schläft momentan auf einem Stuhl neben Jacks Bett und man hat Margarethe erlaubt neben Ryans Bett in der Intensivstation zu sitzen. Ein so schreckliches Erlebnis hat die vier regelrecht zusammen geschweißt.“
Manfred nickte zustimmend.
„Diese Jungen haben ein ausgeprägtes Gespür für Moral und was richtig ist. Mutig, diszipliniert und schlagfertig. Ohne den Einsatz der beiden … nein ich mag mir nicht ausmalen, was mit meinen beiden Mädchen passiert wäre. Es dreht mir die Eingeweide um daran zu denken, dass Ryan schwer verwundet wurde und der Schütze wieder auf freiem Fuß ist. Das wird Konsequenzen haben.“
Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck starrte er für einen Moment an die Decke, dann wandte er sich an Emma.
„Eins habe ich nicht so recht verstanden, warum waren die beiden in der Lage es zu zweit gegen zehn anzutreten und den Kampf zu überleben? Nicht dass ich es in Frage stelle, aber ich finde es ungewöhnlich. Und ich bin sehr dankbar für die Fähigkeiten der beiden Jungen, denn ansonsten müssten wir jetzt um all unsere Kinder trauern.“
Emma lächelte etwas unglücklich.
„Ich weiß nicht genau warum, aber seit frühestem Kindesalter wollen die beiden unbedingt Soldaten werden und zwar bei einer Spezialeinheit. Ihr großes Vorbild ist ein berühmter Ex Navy SEAL und sie ziehen das seit jetzt bestimmt schon fünf Jahren durch jeden Morgen um 4:30 aufzustehen. Die beiden trainieren jeden Tag super hart in allen Disziplinen. Muskeltraining, Schwimmen, Laufen, Bogenschießen und Kampfsport. Und sie spielen semi-professionell in einem Airsoft Verein.“
Manfred nickte anerkennend. Die Männer auf der anderen Seite des Raumes hatten Emmas Worten aufmerksam gelauscht und tauschten Blicke untereinander.
„Wahrscheinlich ist es nur ein seltsamer Zufall der unsere Familien zusammengeführt hat, aber wenn es der Wunsch der beiden Jungen ist beim KSK zu dienen, dann werde ich verdammt nochmal dafür sorgen, dass man ihnen die Chance gibt, sich zu bewähren. Wir brauchen einfach mehr junge Leute wie die beiden, die bereit sind alles zu geben um für ihre Nation zu kämpfen.“
Emma nickte zustimmend, dann warf sie Liz einen Blick zu.
„Möchtest du die beiden sehen?“
Liz nickte etwas unsicher.
„Komm mit ich zeig es dir.“
Emma führte Liz ein kurzes Stück den Gang entlang zu einer Tür vor der zwei Sicherheitsleute Wache standen. Leise betraten sie den großen Raum in dem momentan nur ein Bett stand. In dem am Fenster lag Jack mit einem großen Pflaster auf der Wange, die Decke bis zur Brust hochgeschoben. Seine Arme waren bandagiert und er hing an einem Tropf mit einer Kochsalzlösung. Auf einem unbequem aussehenden Stuhl saß ein Mädchen, die vornübergebeugt halb auf Jacks Bett lag. Als sie eintraten wachte sie schlagartig auf und sah sie erschrocken an.
   Ein ausgesprochen schönes Mädchen mit einem ovalen Gesicht, großen blauen Augen und einer langen blonden Mähne. Jetzt waren ihre Augen vom vielen Weinen ganz verquollen und die Haare ganz zerzaust.
„Hallo Yolanda, Entschuldigung dass wir dich geweckt haben. Geht es dir gut?“
Das Mädchen nickte schnell und lächelte wenig überzeugend.
„Das ist übrigens Liz, Jack und Ryans Tante.“
Liz zuckte bei Emmas Worten vor Überraschung heftig zusammen. Yolanda warf ihr einen fragenden Blick zu, sagte aber nichts. Emma trat an das Bett ihres Sohnes heran und strich ihm sanft eine Haarsträhne aus der Stirn. Liz trat auf die andere Seite neben Yolanda und betrachtete den jungen Mann. Er hatte eine gewisse Familienähnlichkeit mit Kaz. Johnnys Scherz war zwar super geschmackslos gewesen, aber mit der Narbe, die auf Jacks Wange zurückbleiben würde, könnte man die beiden wirklich zuverlässig unterscheiden. Eineiige Zwillinge die zu Emmas Leidwesen exakt gleich aussahen, die gleiche Stimme hatten, die gleichen Klamotten trugen und immer den gleichen Haarschnitt hatten. Selbst ihre Mutter Emma hatte irgendwann aufgegeben die beiden zu unterscheiden.
   Jack regte sich und seine Augen flatterten, dann öffnete er die Augen und sah sich im Raum um.
„Mama? Liz? Yolanda? Ist es schon Morgen?“
„Morgen wäre schön, es ist schon nach drei nachmittags. Hast du Hunger? Ich lass dir etwas bringen. Ich hab dich so lieb mein Großer. Ihr wart so unfassbar mutig, alle sind so stolz auf euch.“
Jack richtete sich ein Stück auf und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Er grunzte dumpf und ließ sich wieder in die Kissen sinken. Er schloss für einen Moment die Augen, dann war sein Blick sehr ernst.
„Wie geht es Ryan? Ich hab seit der OP nichts mehr gehört. Kommt er durch?“
Emma setzte sich auf Bett und seufzte.
„Die Operation verlief erfolgreich und ohne Komplikationen. Aber die Schussverletzung war kritisch und er hat viel Blut verloren. Die Ärzte sagen, dass er eine Chance hat durchzukommen, aber momentan ist er in einem künstlichen Koma und nicht ansprechbar.“
Jack rang sichtlich mit der Fassung. Yolanda griff nach seiner Hand und drückte sie fest.
„Und was ist mit diesem kleinen Scheißkerl Adrian?“
„Es tut mir so leid. Die Polizei hat ihn laufen gelassen.“
Trotz starker Schmerzen bäumte ich Jack im Bett auf, er schäumte vor Wut.
„WAS? Dieser Bastard hat auf meinen Bruder geschossen, mit der Intention ihn zu töten. Drei Augenzeugen, das Video und die Tatwaffe und man lässt dieses Monster laufen. In was für einer Scheißwelt leben wir eigentlich?“
Mit sanfter Gewalt drückte Emma ihren Sohn zurück in die Kissen zurück. Tränen liefen über Yolandas Gesicht. Liz fühlte sich so entsetzlich leer. Ja, was für eine Scheißwelt war das eigentlich. Sie hoffte inständig dass es ihm erstmal verschont bleiben würde, dass die Presse ihre Geschichte total verzerrte und Adrian als den Held und die beiden Brüder als die Monster darzustellen versuchten.
Jack starrte mit wutverzerrtem Gesicht an die Decke, dann brach er und seine Augen füllten sich mit Tränen. Yolanda beugte sich über ihn, strich sich eine lange blonde Haarsträhne hinter die Ohren und küsste ihn sanft auf den Mund. Liz warf Emma schnell einen Seitenblick zu, die das Mädchen in völliger Überraschung anstarrte. Liz beobachtete die beiden Jugendlichen einen Moment dann hörte sie aus dem Gang gedämpfte Stimmen und vernahm energische Schritte. Dann wurde die Tür aufgerissen und zwei Polizisten in Uniform betraten das Zimmer, eine junge dunkelhaarige Frau und ein übergewichtiger Schwarzer um die vierzig. Die Frau hob eine Marke hoch.
„Andrea Wolf, Kriminalpolizei. Wir ermitteln in einem Fall von versuchten Totschlag und versuchter Entführung. Wir haben ein paar Fragen an Yolanda und Margarethe Bluhm und Jack und Ryan Solomon.“
Emma lachte spöttisch auf.
„Warum verhaftet ihr die vier nicht einfach gleich, wo sie doch so gemeingefährliche Mörder sind?“
Die junge Polizistin warf ihrem verdutzten Kollegen einen überraschten Blick zu, dann wandte sie sich wieder Emma zu.
„Entschuldigen sie, ich und meine Kollegen waren die ersten am Tatort und haben den bewusstlosen Schlägern Fesseln angelehnt und Beweismaterial gesichert. Leider war gestern keine Gelegenheit mehr die Mädchen und die Jungen zu befragen. Deshalb sind wir jetzt da.“
„Und warum sind die Schläger und ihr Anführer Adrian Drosser schon wieder auf freiem Fuß? Haben die gesammelten Beweise und das Beweisvideo wohl nicht ausgereicht.“
Die Polizistin biss sich angespannt auf die Unterlippe.
„Ich bin nicht befugt darüber zu reden. Können wir jetzt bitte unseren Job machen? Bitte verlassen sie den Raum.“
Liz zog Emma am Arm, die sich nur sehr unwillig aus dem Raum führen ließ.
Die beiden gingen wieder zurück zu den anderen im Warteraum. Kam es ihr nur so vor oder befanden sich dort mehr Leute als zuvor? Ein hochgewachsener Mann mit kurzen grauen, fast schon weißen Haaren und Vollbart erhob das Wort.
„Für alle die mich noch nicht kennen, ich bin Wilhelm Bluhm, Ex KSK Befehlshaber und jetzt Leiter der renommierten Sicherheitsfirma Bluhm Security.
Meine Angestellten bewachen jetzt die Häuser meines Bruders Manfred und von Emma Solomon und Jonathan Solomon. Zudem sind euch allen jetzt Personenschützer zugeteilt. Nate, ich teile dich Elisabeth Engström zu und du eskortierst die beiden jetzt zu Frau Engströms Haus und prüfst die Lage vor Ort.“
Personenschutz? Liz fühlte sich gekränkt. Sie hatte vor ein paar Monaten ihrer Personenschützerin Mara das Leben gerettet und warum schaltete man nicht einfach HRZN Security ein. Wer hatte schon den Hauch einer Chance gegen die Garde, die Bruderschaft und die weiße Schwesternschaft? War sie so sehr in Gefahr auch ein Opfer zu werden? Wenn schon Opfer der Erniedrigung. Nate trat vor und nickte ihr aufmunternd zu.
„Entschuldigen sie Frau Engström?“
Ein großer Mann mit weißem Vollbart trat vor, Maras Vater wie sie wusste.
„Dürfte ich kurz mit Ihnen und Mara kurz unter sechs Augen sprechen?“
Liz wechselte Blicke mit Mara und Nate zuckte nur mit den Schultern.
„Sicher dürfen sie das, Nate warten Sie einen Moment.“
Sie gingen in ein leeres Zimmer. Dort musterte Wolfgang Bluhm seine Tochter einen Moment zögerlich und fuhr ihr durch die kurzen schwarzen Haare, dann kamen ihm die Tränen und er umarmte sie sehr fest. Sehr emotional für den Kommandanten einer Militärspezialeinheit.
„Oh meine Liebe. Ich dachte ich hätte dich für immer verloren als ich die Nachricht von dem Anschlag auf euch gehört habe. Leider war ich auf einer Mission im Ausland und konnte dich nicht besuchen. Geht es dir gut Liebes? Ich war so in Sorge um dich! Ich lag deswegen nächtelang wach.“
Er löste die Umarmung und trat weinend zurück.
„Ja, mir geht es viel besser und Frau Engström hat sich bereit erklärt die Operationen zu bezahlen, wenn ich als ihre persönliche Assistentin anfange.“
„Wirklich, wie großzügig von Ihnen Frau Engström. Wie kann ich ihnen danken? Die Krankenkasse bezahlt sowas nicht und ich hab als Soldat nicht viel Geld.“
„Nennen sie mich Liz und bitte Du. Wir bei Horizon helfen Menschen in Not und wir haben uns erlaubt eine Analyse ihrer Tochter zu machen und ihr eine bessere Stelle anzubieten. Als Assistentin hat sie ihr eigenes Apartment und ihr Waran Karl wohnt bei mir in der Wohnung.“
„Karl ist bei dir? Gott sei Dank ich dachte er muss wieder zurück in den Zoo. Vielen vielen Dank dass du so sehr auf meine liebe kleine Tochter aufgepasst hast. Das vergesse ich dir nie.“
Er schüttelte ihre Hand und umarmte nochmal fest seine kleine Tochter.
Dann folgten sie Nate durch das Gewirr der Flure zurück zu ihrem Wagen, Mara war dabei direkt hinter ihr und Wolfgang ging zurück zu den anderen. Als sie ihren Wagen erreichte wollte sie auf der Fahrerseite einsteigen, aber Nate hielt sie zurück und streckte ihr die Rechte mit der Handfläche nach oben hin.
   Ja natürlich, jetzt muss ich mich auch noch kutschieren lassen. Sie kramte in ihrer Handtasche und drückte Nate ihren dicken Schlüsselbund in die Hand. Nate nahm auf dem Fahrersitz und Mara auf dem Beifahrersitz Platz, Liz saß auf der Rückbank. Nachdem Nate den Sitz an seine Größe angepasst hatte, drehte er den Schlüssel im Schloss und fuhr aus der Parklücke. Als sie am Haupteingang vorbeifuhren sah Liz die große Menge an Protestlern mit Bannern und Schildern, die auf die Gardisten und Ritter vor dem Haupteingang einschrien und den Weg blockierten. Was für eine merkwürdige Welt.
Die Adresse nach Hause war im Bordcomputer eingespeichert und Nate fuhr den Anweisungen folgend zügig nach Hause. Liz bemerkte, wie extrem wachsam der Ex SEAL war. Auch Mara auf dem Beifahrersitz war hochkonzentriert. Während der Fahrt befragte Nate sie, seine Stimme war der totale Schock, sie klang wie ein Sack Schotter. Er wollte Details zu ihrem Wohnhaus und ihrem Wohnviertel haben, jedwede Besonderheiten und ob ihr in letzter Zeit irgendetwas komisch vorgehkommen wäre. Liz fühlte sich jetzt einfach nur Müde und war genervt. Sie nahm sich ein paar gesalzene Nüsse aus der Snackbar und kaute sie demonstrativ laut.
   Dann erreichten sie den Platz der Nationen. Eine regelrechte Festung aus Beton Glas und Stahl.
Ein Ring aus einem dreißig Meter hohen und über fünfzig Meter breiten undurchlässigen Gebäudezug umringte einen großen quadratischen Park mit über tausend Metern Seitenlänge. An den Ecken waren keilförmige Ausbuchtungen nach außen wie bei einer Festung. Außen herum war auch ein Park mit gut zweihundert Metern Breite Aus der „Mauer“ ragten oben gigantische Wohntürme heraus, deren höchste mehr als Dreihundert Meter in die Höhe ragten. Die Wohntürme waren über breite Wände miteinander verbunden. An vier Punkten gab es in der Mauer tunnelartige Durchfahrten für die Straße und für Fußgänger und Fahrradfahrer. Überall schwerer Beton, Stahl und dickes Glas. Im Zentrum des Parks lag der Platz der Nationen eins, der über dreißig Meter hohe Edelkasten mit dem besten Restaurants Deutschlands in einem Turm und einem vertikalen Hanger mit Flugdeck für Helikopter und VTOLs, dort parkten auch ihre Maschinen und selbst die riesenhaften Orcas passten da geschmeidig rein, wie sie aus Erfahrung wusste.
   Dazu weite Grünflächen und gelegentlich Teiche, Spiel- und Sportplätze, Bistros, Cafés und Restaurants, Supermärkte für jeden Geldbeutel und schicke Einkaufszentren. Dazu ein kleines Krankenhaus und Arztpraxen für jedes Problem. Eine schöne Wohngegend. Allerdings wurde ihr Haus quasi auf allen vier Seiten von einer Mauer aus riesig hohen Wohntürmen, die von außen nach innen pyramidenähnlich höher wurden, umringt. Fast schon bedrohlich ragten sie hoch in den Nachthimmel. So schrecklich viele Möglichkeiten für ein Attentat. Das musste sich dieser Nate wohl denken, sie lächelte abfällig. Nate machte mit seiner Handykamera Bilder der Umgebung, vermutlich von möglichen Schlüsselpositionen und Schwachstellen. Schwachstellen gab es hier nicht.
Der schwere Wagen erreichte die Einfahrt zur Tiefgarage und sie fuhren die gekurvte Rampe hinab.
Im grellen Licht der Tiefgaragenbeleuchtung parkte Nate auf ihrem Stellplatz und schaltete den Motor aus. Nate stieg zuerst aus und sah sich wachsam um, dann öffnete er die hintere Tür und ließ Liz aussteigen. Nate voran gingen sie zu einem der Fahrstühle, Mara folgte ihnen. Im Fahrstuhl zuckte Liz zusammen, als Nate seine Dienstwaffe hervorholte, den Schlitten zurückzog und entsicherte, Mara sah ihn überrascht an. Das trug nicht gerade zu ihrem positiven Wohlbefinden bei, wenn dieser Affe bei einem Haus dieser Klasse und Sicherheit seine Waffe zückte. Im dritten Stock angekommen gingen sie zügig den Gang zu ihrer Wohnung entlang. Nate wollte aufschließen und blieb verdutzt stehen. Liz trat schnell vor und öffnete das biometrische Schloss mit ihrem Handabdruck. Nate nickte dann verschwand er im Inneren während Liz und Mara im Flur warteten.
Nach ein paar Minuten rief Nate „Clear!“ Und Liz betrat ihre Wohnung. In der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit hatte sich wie zu erwarten rein gar nichts verändert.
„Ich lasse euch jetzt allein und mache mir einen Eindruck der Umgebung. Bis später“
Er sicherte seine Waffe und steckte sie weg, dann verließ er die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Liz seufzte erleichtert und ein Teil der Anspannung fiel von ihr ab, dieser nutzlose Spinner war endlich weg. Mara schlenderte durch ihre Wohnung und Karl rannte aufgeregt auf sie zu, als er sie bemerkte. Währenddessen hängte Liz den schweren Wollmantel an einen Kleiderhaken und zog die Lederstiefel aus.
„Mara, möchtest du etwas zu trinken?“
Ihr Assistentin hielt inne und sah sie einen Moment leicht verunsichert an.
„Nur ein Glas Wasser bitte.“
Liz nickte und ging in die Küche während Mara sich die Wohnung weiter anguckte. Wasser für Mara und für sie etwas Stärkeres. Ein paar Minuten später kam sie mit zwei Gläsern aus der Küche, ein Glas Wasser und einen Gin Tonic für sie selbst. Sie stellte beide Gläser auf dem Glastisch an und setzte sich auf ein Sofa. Einen Moment später nahm Mara ihr gegenüber Platz und trank einen Schluck Wasser, dann lehnte sie sich mit überkreuzten augmentierten Beinen zurück.
„Wie fühlst du dich meine Liebe, dein Jahr hatte ja keinen sehr guten Start.“
Mara nickte traurig und wirkte verunsichert.
„Alles ging so schnell, ich hab alles vermasselt und hab den Truck der Clowns nicht kommen sehen und dann war da nur noch Schmerz und Schwärze. Man hat mir die Aufnahmen gezeigt und sie sahen nicht so aus als ob sie mich jemals in all den Jahren gebraucht hätten. Warum haben sie mich eingestellt?“
„Leider eine schrecklich logische Erklärung, Ich habe einen Waffenschein und trainiere regelmäßig mit Waffen, in diesem Land dürfen Zivilisten aber keine Waffen tragen, nicht mal Messer während die Clowns schwer bewaffnet ihr Unwesen treiben. Du warst blutjung und frisch aus der Schule und als Personenschützerin darfst du eine Waffe tragen. Ich habe dafür Sorge getragen, dass du eine Dienstwaffe bekommst mit der ich gut umgehen kann.“
Mara brach in Tränen aus.
„Das ist alles, ich war nur Mittel zum Zweck und eigentlich nur da um ihre Waffe umherzutragen?“
„Am Anfang war das so, aber ich habe dich wachsam beobachtet und realisiert dass du eine gebrochene Person mit viel Potential bist. So wie ich einst. Mein Leben war ziemlich unglücklich und mit Verlaub ziemlich scheiße bis ich bei Horizon gelandet bin. Ich wollte dir immer eine Chance geben dich zu beweisen. Du bist sehr schlau und hast ein Herz für Tiere, das gefällt mir. Und du organisierst gut, bist sehr ordentlich und ein klasse Researcher. Die Wahl für dich als meine Assistentin war da nur naheliegend. Ich möchte dir eine Chance auf ein besseres Leben geben und deine Mentorin werden.“
Die junge Frau fasste sich und wischte sich die Tränen mit den augmentierten Händen weg.
„Ich danke Ihnen … dir dafür, bis auf meinen Vater haben mich alle immer nur wie Dreck behandelt. Ich hab nur Papa und Karl und sonst hab ich keine freundlichen Gesichter in meinem Leben – gehabt.
Die anderen drei die für Sie arbeiten sind sehr nett und freundlich zu mir und ich fühl mich wie in einer richtigen Familie. Ich danke Ihnen so sehr, dass sie Karl aufgenommen haben, das ist keine Selbstverständlichkeit. Ist er brav?“
„Er ist so sanft und lieb, er macht nichts kaputt und ist schlau. Und für meinen Geschmack eine Spur zu neugierig. Aber wenn ich das gewusst hätte, wäre meine Wahl auch ein Kaiserwaran gewesen.
Wie eine schlaue schwarze drei Meter lange Katze.“
Sie lachte und Mara lächelte.
„Wie geht es dir mit der Operation und dem Facelifting?“
„Mir geht es gut auch wenn es anfangs sehr gewöhnungsbedürftig war. Ich mag die Kampfupgrades meiner Arme und Beine und mit den neuen Augen kann ich so viel sehen, was mir vorher nie aufgefallen ist. Vielen Dank, dass Sie die Kosten übernommen haben. Und jetzt erkennt mich keiner mehr und das mag ich, ich mag mein Spiegelbild, das ist was Neues. Und ich liebe das Kampftraining bei Horizon, ich werde jeden Tag besser.“
„Wenn du dich anstrengst nimmt dich der Orden der Schwesternschaft vielleicht irgendwann auf.“
„Das wäre sehr cool, ich habe einen Wahnsinns Respekt vor den Damen des Ordens.“
„Aber zuerst bist du meine Assistentin. Du machst in dieser Rolle einen viel besseren Job als davor als Personenschützerin. Darf ich mal dein kleines Reich bewundern?“
Mara strahlte und nickte eifrig. Karl sah ihnen nach als sie rausgingen.
Sie wandten sich nach links wo eine Stahltür mit der Aufschrift „Personal 3-VII“ prangte.
Mara hielt ihren Chip vor und die Tür glitt lautlos zur Seite. Liz hatte sich diese Räume zuletzt angeguckt, als sie den Rohbau vor knapp elf Jahren besichtigen durfte.
Sie sah sich interessiert um. Rechts ging es zur Gemeinschaftsküche mit einem Essbereich für vier Personen, das war wohl Liens Reich, sie war eine richtig gute Köchin, die in einigen der besten Restaurants der Welt gearbeitet hatte bevor sie für Liz zu arbeiten angefangen hatte.
Liz und ihre Rechnereien, jetzt kochte sie nur noch selbst wenn Lien nicht da war und sie selbst die Zeit hatte. Es war ihr ultimatives Ziel ihre kostbare Zeit nicht zu verschwenden. Das Nobelrestaurant das Haus der Welt hatte eine sehr schnelle exzellente Küche und mit den kurzen Wartezeiten ging sie oft dorthin. Alle Bewohner des Hauses besaßen eine permanente Tischreservierung. Und das Restaurant war erst die Spitze des Eisbergs. Sarah kam nassgeschwitzt in einem Sportoutfit herein, grüßte und leerte den Briefkasten mit der Nummer drei. Mara war Nummer vier. Die Poststelle im Haus kümmerte sich, dass die Post in beide Richtungen ordnungsgemäß zugestellt wird. Aus Gründen des Datenschutzes verwendete man im Haus nur Nummern und Codes.
Der Aufbau war so. Man kam rein, rechts ist die Küche und so, geradezu sind Briefkästen, Wäschesäcke und Organisatorisches, die Treppe nach oben und links waren zwei kleine Apartments nebeneinander.
   Hier unten Nummer drei und vier, oben eins und zwei. Lien war eins, Suzi zwei, Sarah drei und Mara vier, ganz in der Reihenfolge der Einstellung. Oben waren noch ein Gemeinschaftsbad mit großer Badewanne und eine Lounge mit Sitzecke, Entertainment System, Billardtisch und Minibar.
Lien trat im Bademantel aus ihrem Apartment als Liz sich oben neugierig umsah, auf dem Weg in den Wellnessbereich des Schwimmbads im Untergeschoss. Und Suzi mixte sich gerade einen bunten Cocktail an der Bar, die Feuermähne lose hochgebunden.
   Liz fragte ihre Angestellten nach ihrem Wohlergehen und allen schien es sehr gutzugehen.
Das freute sie sehr und dann zeigte ihr Mara ihr Apartment. Sie hatte sich von Emma auf Plänen und VR-Rundgängen erklären lassen, dass jedes Apartment von der Einrichtung vorgefertigt war, es aber viele Möglichkeiten gab den Raum durch faltbare Raumtrenner zu unterteilen und zu individualisieren. Ein kleines Apartment. Zuerst standen sie in einem zwei mal zwei Meter großem Bereich mit drei Schiebetüren. Alles war in Weiß gehalten und das Licht war warm. Sie untersuchte zuerst das Bad. Für eine so kleine Wohnung war das langgestreckte acht Quadratmeter große Bad sehr geräumig. Viel Stauraum und viel Grün. Es sah aus wie in einem Nobelhotel. Auf der anderen Seite war der Ankleideraum mit Garderobe und Kleiderschrank in einem. Dann der Hauptraum. Sie sah sich staunend um. Auf dreißig Quadratmetern war wirklich eine Menge untergebracht. Auch dem Bett war ein großer Plüschwaren in eine Fleece Decke eingekuschelt. Sie lächelte bei dem Anblick.
„Wie findest du es Mara?“
„Ich finde es großartig, fast wie eine große Einraumwohnung mit recht hoher Decke. Und durch die unzähligen Staufächer in den Wänden findet alles seinen Platz. Und durch das große Fenster kommt richtig viel Licht rein, auch wenn man es leider nicht öffnen kann. Und die Klimaanlage ist so toll.
Ich kann mir zur Not auch ein bisschen was kochen, aber Lien nimmt es mir übel wenn ich Dosenfutter und Tiefkühlsachen esse.“
„Ach Quatsch, so hab ich lange Zeit meines Lebens gelebt, hab da keine Scheu.“
„Und die Boni sind der Hammer. Ich kann kostenlos trainieren und schwimmen gehen. Und im Block mit Rabatten einkaufen und Essen gehen. Dazu das tolle Gehalt. Darf ich Sie umarmen.“
„Nur zu, ich finde es toll dass du es so magst.“
Mara umarmte sie fest und weinte Freudentränen.
„So wie sie mit mir umgehen sind sie fast wie die Mutter die ich mir immer gewünscht habe. Sie sind streng, aber fürsorglich und wissen immer wenn ich getröstet werden muss.“
„Das rührt mich zutiefst. Bitte, wir sollten beim Du bleiben meine Liebe. Und du bist immer herzlich eingeladen mich in meiner Wohnung zu besuchen. Ich lasse dich freischalten.“
Mara strahlte.
„Oh, das ist so freundlich von Ihnen … äh dir. Danke sehr.“
„Mal was anderes, wie klappt das denn bei euch vier mit dem Essen, Lien ist schließlich nicht immer da?“
„Wir bekommen von der Küche unten Essen hochgeschickt. Das ist personalisiert und im Gegensatz zu Krankenhausfraß sehr lecker. Man hat mir sagen lassen, dass das Haus der Welt nur die Spitze des Eisbergs ist, die haben da ‘ne riesige Großküche im Keller und jetzt wird mir auch klar warum dieser Liefereingang so riesig ist, die füttern glatt das ganze Haus durch. Und wirklich richtig lecker.
Und es passt sich zeitlich immer an den eigenen Tagesverlauf an, die sind da mega flexibel.
Und im Keller soll es eine sehr gute Kantine für die Angestellten in den Läden geben.“
„Das habe ich tatsächlich nicht gewusst, faszinierend. Ich möchte, dass du mir Gesellschaft leistest wenn ich zuhause oder auswärtig Essen gehe, natürlich nur wenn du willst.“
„Vielen Dank, auch wenn ich das nicht annehmen kann.“
„Ich bitte dich, wir sind eine große Familie hier und bei Horizon. Komm lass uns wieder zurückgehen.“
Auf dem Rückweg dachte sie nach was sollte sie jetzt den restlichen Tag über machen?
„Würde es dich stören wenn ich ins Schlafzimmer gehe und mich ein bisschen Schlafen lege? Die Anstrengung der letzten Wochen zollt ihren Tribut.“
Mara lächelte und schüttelte den Kopf.
   Liz saß noch einen Moment auf dem Sofa und trank in Ruhe ihren Drink aus, dann erhob sie sich und ging etwas wackelig ins Schlafzimmer. Sie legte ihr Prism auf den Nachttisch, stellte einen Timer, schlüpfte aus ihren Sachen und legte sich auf das riesige Bett und schloss die Augen. Schnell dämmerte sie weg.
   Ein energisches Klopfen an der Tür zum Schlafzimmer holte sie aus ihren Träumen. Liz rieb sich die Augen und stand auf und zog sich etwas an. Es war kurz nach sieben abends, der Timer hätte sie ohnehin in einer halben Stunde geweckt. Jetzt verspürte sie einen heftigen Hunger, sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Sie setzte sich wieder ihre lange schwarze Echthaarperücke auf und schob die Tür auf. Mara deutete sie mit der rechten Hand, in der sie eine Fernbedienung hielt, zu dem riesigen Fernseher. Liz stellte sich neben sie und warf einen Blick auf den eingeschalteten Fernseher. Ein Browser mit YouTube, ein neues Video von Kaz, mit dem englischen Titel „Modern Heroes“.
„Von wann ist das Video?“
„Weiß ich nicht genau, aber nicht älter als eine halbe Stunde. Soll ich es starten?“
Liz nickte eifrig und Mara drückte auf Start.
Das Video begann mit einem einzigen eingeblendeten Wort: HEROES. Dann sah man Kaz in seinem Studio vor einem mächtigen Mikrofonständer, er blickte sehr ernst in die Kamera.
„Guten Abend liebe Freunde auf der Welt. Dieses Video wird etwas anders und ist sehr ernst, denn ich berichte euch von einem grausamen und brutalen Ereignis, das sich gestern um fünf Uhr nachmittags in einem Waldstück nahe Berlin, der Hauptstadt von Deutschland zugetragen hat.
Meine beiden Neffen Jack und Ryan, die Söhne meiner kleinen Schwester, und deren Freundinnen wurden von neun Schlägern und deren Anführer Adrian Drosser angegriffen. Aber jetzt möchte einen Moment innehalten und euch ein paar Hintergrundinformationen geben.
Meine Neffen sind identische Zwillinge und sind siebzehn Jahre alt. Seit sie kleine Kinder sind war es immer ihr allergrößter Traum nach der Schule zum KSK zu gehen, der deutschen Militärspezialeinheit, die gleichauf mit den amerikanischen Navy SEALs sind und manchmal besser.
Die Jungs sind verdammt schlau und extrem willensstark und kämpfen für ihren Traum. Sie nutzen Trainingsmethoden, die weltweit von Spezialeinheiten verwendet werden. Ich zeigs euch!“
Eine Videomontage wurde abgespielt. Jack und Ryan beim harten Training im Fitnessstudio, Ausdauerlaufen durch den Wald, Wettkampfschwimmen im Schwimmbad, bei gestoppter Zeit einen Hindernisparkour absolvieren, beim Bogenschießen mit Compoundbögen und unterwegs auf einem Airsoft-Gelände und so weiter.
„Die Waffen Gesetze in Deutschland sind richtig streng und die Jungs können nicht mit echten Waffen trainieren. Aber sie holen das meiste aus dem Airsoft Training mit realistisch schweren Waffen heraus. Sie üben seit Jahren Häuserkampf und das Säubern von Gebäuden. Das ist echt gut. Auch wenn mich meine Schwester daran hindert, dass sie mich mal hier in Texas besuchen, wo sie auf dem Schießstand hinterm Haus mal mit echten Waffen trainieren können. Sie ist echt stur.
Aber genug der Langeweile, jetzt geht’s ans Eingemachte der Story. Lasst uns die Uhren drei Wochen zurückdrehen, als alles angefangen hat. Leider hab ich für diese Story kein Videomaterial, also hab ich basierend auf den Erzählungen eine Animation und Bilder angefertigt. Die Jungs gehen auf eine Privatschule, ebenso wie dieser Mistkerl: Adrian Drosser. Seinem Vater gehören gefühlt die Hälfte aller Zeitungen und nicht wenige Fernseh- und Radiosender des Landes. Die über alles berichten, aber nicht über die seit Jahren herrschende Gewalt der Clown Banden in diesem Land. Adrians Eltern waren also auf einem Kurztrip über das Wochenende und er hat entschlossen in der riesigen Villa seiner Eltern eine Party zu schmeißen. Die halbe Schule ist eingeladen, also auch die Jungs und unsere armen Opfer, zwei populäre Mädels, deren Familie erst letzten Sommer nach Berlin gezogen ist. So sehen die beiden aus, identische Zwillinge wie die Jungs auch. Jack und Ryan fahren zur Party und haben ein wachsames Auge, Adrian Drosser, dem Chef der Junior Clowns ist nicht zu trauen. Die Junioren sind eine stümperhafte Jugend Abspaltung der großen Clowns in Deutschland, sie sind wenig kompetent, aber dennoch brandgefährlich. Sie halten sich im riesigen Wohnzimmer auf, das habe ich hier rekonstruiert mit den Positionen der Mädchen und der Jungen. Die Mädchen setzen sich auf ein Sofa. Von ihrer Position haben die Jungs einen guten Überblick über den Raum, sehr taktisch gedacht. Adrian nähert sich den Mädchen mit Getränken und startet eine Unterhaltung mit den beiden. Zuerst ist all normal, aber nach einer knappen halben Stunde scheint sich eins der Mädchen sehr unwohl zu fühlen und steht mit Mühe auf, wo sie sich kaum auf den Beinen halten kann und sehr müde ist. Adrian bietet ihr an sie nach oben zu einem Gästezimmer zu führen, wo sie sich ausruhen kann. Die Alarmklingeln der Jungs schrillen wie verrückt als sie Adrian dabei beobachten, wie er das erschöpfte Mädchen nach oben führt. Die Schwester auf dem Sofa scheint besorgt. Die beiden folgen ihm und dem Mädchen unauffällig aus dem Raum und nach oben in einen Bereich, wo nicht so viele Partygänger sind. Adrian stößt das Mädchen durch eine Tür am Ende eines leeren Flurs und einer seiner Schläger hält Wache an der Tür. Die Jungs warten einen Moment und folgen dann Adrian durch die Tür und schubsen den Schläger aus dem Weg. Ich glaube wir wissen alle was jetzt folgt. Es ist ein Schlafzimmer und sie sehen das Mädchen auf dem Bett. Sie ist nackt und rührt sich nicht, Adrian hat keine Hose an und sein Glied ist steif. Er gerät in Panik und schreit die Jungen an. Sie seien hier drin nicht erlaubt und müssen sofort gehen, sein Haus seine Regeln. Oder sie werden herausgeworfen. Jack nähert sich dem Mädchen und findet sie bewusstlos vor. Ryan konfrontiert Adrian damit, dass Vergewaltigung eine schwere Straftat ist, während sein Bruder dem Mädchen wieder ihre Kleider anzieht. Die Jungs verlassen den Raum, Jack trägt das bewusstlose Mädchen. Er bugsiert sie vorsichtig in den Wagen, meinem alten schwarzen Land Rover Defender, und Ryan holt das andere Mädchen von drinnen. Minuten später sitzen alle vier Jugendlichen sicher im Wagen. Der Name der Bewusstlosen ist Yolanda und ihre Schwester heißt Margarete. Letztere schluchzt heftig, als sie der Geschichte der Jungs lauscht. Sie fahren ins nächste Krankenhaus, wo die Ärzte sie über Nacht dabehalten und ihr Blut analysieren. Ihre Schwester bleibt die Nacht über bei ihr und die Jungs leisten ihr Gesellschaft. Ende der Geschichte. Nope, leider nicht. Das war lediglich die Vorgeschichte. Jetzt wird es verdammt ungemütlich. Dreckige Clowns. In den nächsten drei Wochen freunden sich die vier Jugendlichen gut an und verbringen fast die gesamte Zeit zusammen, Tage und manchmal auch Nächte, aber nicht das was ihr gerade denkt. Und jetzt geht’s los. Samstag, also gestern, fahren die vier nach dem Mittagessen in einen nahegelegenen verschneiten Wald um dort spazieren zu gehen. Als sie zu ihrem Wagen zurückkehren, der auf einem etwas abgelegen Parkplatz im Wald steht, bemerken sie etwas Ungutes. Sie sind nicht länger allein! Ein Range Rover und ein buntbemalter Minibus der Clowns stehen auf beiden Seiten zum Defender. Jetzt allerdings kann ich euch zeigen was passiert ist, denn die Mädchen waren schlau und haben die ganze Sache gefilmt. Aber ich muss euch warnen, die folgenden Szenen sind unglaublich brutal und nichts für sanfte Gemüter. Ich werde das Video an ein paar Stellen kommentieren, wenn es mir sinnvoll erscheint. Ich verlinke euch natürlich unten das ganze Video ohne Kommentar, das ihr auf meiner Webseite findet. Jetzt los. Die Wagentüren öffnen sich und zehn junge Männer kommen raus, sie sind mit Messern, Baseballschlägern und Macheten bewaffnet. Und den so typischen Clownsmasken die man echt verbieten müsste. Einer ist gekleidet und geschminkt wie der Joker aus dem gleichnamigen Film von 2019. Er hält eine kleine Rede, für die ich Untertitel gemacht habe, da die meisten von euch kein Deutsch sprechen. ‚Guten Abend meine lieben Freunde, kommt doch ein bisschen näher heran. Und hört auf zu Filmen ihr dämlichen Fotzen. Naja, nicht so schlimm, wenn wir mit euch fertig sind schnappen wir uns eure Handys. Es hat mir gar nicht geschmeckt, dass ihr Bengel in mein Haus gekommen seid und meine Gastfreundschaft gebrochen habt. Das ist mein Haus, dort gelten meine Regeln. Ihr hättet euch nicht einmischen dürfen, als ich die kleine Schlampe ficken wollte. Und jetzt bezahlt ihr den Preis. Meine Jungs hauen euch jetzt ordentlich zu Brei und dann bringen wir die Schlampen zu einem besonderen Ort. Wir haben einige schöne Dinge mit ihnen vor. Hahaha, wir sind die Clowns und das ist unsere Stadt, wir machen was wir wollen und keiner kommt uns in die Quere.‘
Nettes Kerlchen er hat ein Gesicht … bei uns in Deutschland würde man dazu Backpfeiffengesicht sagen, also ein ‚punchable Face‘. Gäbe ‘ne nette Zielscheibe für mein AI AX50 ab, auf Papier gedruckt natürlich, leider sitzt er sicher in seinem Zimmer auf der anderen Seite der Welt. Jetzt können wir mal verdammt froh sein, dass die Jungs seit über fünf Jahren knallhart trainieren. Der Tanz beginnt. Die Clowns haben keine Ahnung was ihnen blüht, aber das sind auch nicht die wahren Clowns sondern gewisser Weise Nachahmer. Das sieht jetzt direkt wie aus einem Film aus, ist es aber nicht. Das ist kein Filmblut und es gibt auch keine Cheografie, hier geht’s ums nackte Überleben. Guckt euch nur an wie schnell sich die Jungs bewegen, geschmeidig fast. Einer nach dem anderen fallen die Clowns. Entgegen der Pressemeldung leben diese Schweinebacken (leider) noch. Mit Präzision und minimaler Krafteinwirkung, von ein paar Knochenbrüchen einmal abgesehen. Aber die Jungs müssen hart einstecken, das sind echte Waffen und ich hoffe die Stichwunden sind nicht so tief wie sie aussehen. Und jetzt sind die neun Clowns am Boden, die Jungs atmen schwer und sind verletzt und nur noch der Oberclown ist übrig. Und dieses Arschloch hat eine Pistole, schwer zu erkennen, aber das müsste ‘ne Beretta 92 sein. Zwar versuchen die Jungs zu deeskalieren, aber dieses Clownsgesicht ist nicht wenig durchgeknallt. Verdammt der Schuss hat leider gesessen, hoffen wir das die Kugel nichts wichtiges getroffen hat. Und guter Job Junge den Bastard zu entwaffnen und ihm ins Reich der Träume zu schicken. Und verdammte scheiße, der andere Junge blutet wie ein angestochenes Schwein, irgendwas Wichtiges wurde definitiv erwischt. Das ist nicht gut. Und gute Arbeit mit dem Entwaffnen des Arschlochs. Glücklicherweise sind Notarzt und die Polizei schon auf dem Weg. Hier endet das Video aber die Geschichte ist noch nicht vorbei. Aus Sicherheitsgründen darf ich euch nicht nennen wo die vier hingebracht worden sind, aber sie sind in Sicherheit und das ist alles was zählt. Auf Ryan wurde geschossen und sein Zustand ist zum Zeitpunkt wo ich dieses Video aufnehme sehr kritisch, die Ärzte wissen nicht ob er durchkommt! Die Mädchen haben die Videos auf Jacks Bitte umgehend an mich und Akira, meine Nichte und ebenfalls nicht unbekannte Youtuberin und Streamerin aus Deutschland. Sie wird ein ähnliches Video zu meinem machen. Jetzt mögt ihr vielleicht glauben dass die Clowns hinter Gitter gewandert sind und mit langen Haftstrafen rechnen müssen. Und die Medien die Jungs als Helden feiern. Irrtum. Drecks Land und verdammte Clowns die die Medien und die Polizei in der Tasche haben. Erinnert ihr euch an den Anfang, als ich meinte dass Adrians Vater verdammt viele Medien in der Stadt besitzt? Ja genau, die haben die Fakten so gedreht, dass die beiden Jungs jetzt die Bösen sind. Und die Clowns sind die armen Opfer, zieht euch das Mal rein. Clowns sind Opfer! Ich hab einen Clip für euch und ich hab wieder Untertitel rüber gelegt. Das sind die Nachrichten. ‚Dringende Eilmeldung, Vor wenigen Stunden ereignete sich auf einem Parkplatz in einem Wald nahe der Hauptstadt ein schreckliches Massaker. Zehn junge Leute wurden von zwei extrem gefährlichen stadtbekannten Schlägern, Jack und Ryan Solomon, hinterrücks überrascht und brutal zusammengeschlagen. Die Jungen sind momentan auf der Flucht vor der Polizei. In ihrem Wagen, den sie am Wald zurückließen konnte die Polizei mehrere Pistolen, Sturmgewehre  und zwei Jagdbögen sicherstellen. Die Opfer sind mittlerweile wieder sicher in bei ihren Familien. Das prominenteste Opfer ist Adrian Drosser. Dieser tapfere junge Mann hat sich den Schlägern in die Welt gestellt und hat einen harten Preis dafür bezahlt. Wir melden uns wieder, wenn es Neuigkeiten gibt. Damit zurück ins Hauptstadtstudio.‘ Japp da habt ihr es. Das komplette Gegenteil der eigentlichen Story. So verdammt korrupt ist Deutschland geworden, es ist nicht zu glauben. Ach was heißt hier Deutschland, die ganze westliche Welt. Hier in den USA haben wir doch auch das verdammte Problem mit den Clowns und keiner sagt was, weil alle Angst haben, die nächsten zu sein. Das sind die Nachrichten in Deutschland und genug dämliche Schafe werden glauben, was ihnen die korrupten Medien in den Rachen stopfen. Und was auf den sozialen Medien für eine Grütze über mich und meine Familie geschrieben wird, es ist nicht auszuhalten. Wenn ihr dachtet Twitter war schon vor zwanzig Jahren ein Drecksloch … heute ist es echt nicht besser. Ihr könnt es euch nicht ausdenken, was diese Schwachmaten da von sich geben. Und die Todesdrohungen … Tonnenweise.
Hier wieder ein paar Screenshots mit Übersetzungen. Manchmal hasse ich mein Herkunftsland.
Und die Clowns werden als Helden gefeiert. Das ist nicht zu glauben. Schon mal erwähnt dass viele linksextreme in Europa bei den Clowns sind, wundert mich nicht. Und die Gegner der Clowns sind natürlich alles Nazis. Der Vater der beiden Mädchen ist ein Bundeswehr Offizier und kommt aus einer Familie, wo es Brauch ist, dass die Kinder in der Armee dienen. Die werden von den Medien komplett als Nazis abgestempelt und wirklich übel beschimpft. Und die meisten Opfer der Clowns auf der Welt sind Angehörige und Freunde von unseren hochgeschätzten Soldatenkameraden. Ich bin mit genug Jungs und Mädels der Airforce, Marines und SEALs befreundet, die jemanden an die Clowns verloren haben. Das ist verdammter Krieg und keinen interessiert es. Terror, Zermürbungsangriffe. Um das Bollwerk der Verteidigung des Westens zu schwächen, um die gute Moral zu zerstören. Und wem geht’s prächtig? Keinem Schwein. Die Welt ist ein beschissenes Drecksloch geworden. Die Araber haben ihr ganz eigenes hausgemachtes Problem und das wird wohl auch nie weggehen.
Los, stempelt mich als Verschwörungsfanatiker ab. Die Medien machen das ohnehin schon.
Oder ihr stellt euren Fernseher aus und fangt an mitzudenken. Ich fürchte etwas Großes steht an und uns wird eingetrichtert, dass die Welt ein schöner glücklicher Ort ist. Und die Clowns wollen nur spielen. Sicher doch, und die tausenden Opfer durch die Clowns sind nur reiner Zufall.
Ich will zwar nicht prophetisch sein. Aber bereitet euch gut vor und passt auch euch und eure Familien auf. Wir sehen uns wieder, aber leider nicht sehr bald. Meine Familie ist unter heftigem Beschuss und ich muss bei ihnen sein, damit wir gemeinsam die Krise überstehen können. Meine Adoptivtochter kommt mit, der Papierkram ist eingereicht. Kasimir muss leider hier bleiben. Die sind streng mit der Einfuhr von lebenden Reptilien. Waffengesetze in Deutschland sind für die Tonne, also muss ich leider auf Bögen zurückgreifen und mich auf News und Berichte im Militärbereich zurückgreifen. Tut mir Leid meine lieben Freunde. Machts gut. My name ist Kaz. Over and out!“
Das Video war zu Ende. Liz atmete schwer aus und setzte sich gefasst hin. Das Video lag schwer im Magen aber sie war so erleichtert, dass die Fakten nun klar auf dem Tisch lagen und sich die ganze Welt ein Bild von der Sache machen konnte. Auch wenn bei ihm leider immer dieser Verschwörungswahn zum Spüren kam, aber das war bei ihm schon immer. Er liebte Verschwörungstheorien, Legenden, Geheimnisse und Mythen aller Art. Sie war aber so stolz auf ihren besten Freund und sie freute sich darauf, dass er übernächste Woche in Deutschland eintreffen würde, mit seiner Adoptivtochter.
   Sie lächelte zufrieden und ein angenehmes Gefühl machte sich in ihr breit. Sie saß einen Moment einfach nur dann, dann erhob sie sich und ging in die Küche um sich einen kleinen Snack zuzubereiten. Die nächste Woche würde verdammt entspannt werden und sie hoffte sie würde etwas Zeit in ihrem Ferienprogramm freischaufeln können um die beiden in zwei Wochen vom Flughafen abzuholen und in Empfang nehmen zu können. Für Security würde sie selber sorgen, Bluhm Security war nicht der richtige Partner gegen den Terrorismus der Clowns.
   Mit wie viel Gepäck die beiden wohl anreisen würden? Sie würde einen Schlafplatz für die Kleine vorbereiten, dazu würde sie ihre Freundin Helena um Hilfe bitten. Sie hatte ein gutes Gespür für Kinder. Sie warf einen Blick ins Wohnzimmer wo ihre Assistentin Mara auf dem Sofa saß und in einer Modezeitschrift blätterte. Nate war bestimmt irgendwo draußen und observierte die Umgebung. Sie würde für Mara einfach auch eine Kleinigkeit zubereiten, die junge Frau war ihr sehr sympathisch.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 2

2. Liz – 2. W. Mär – 2045, Samstag – Der Brief

Der schwere Lambda Orca donnerte über den Himmel, sie flogen gerade mit über sechshundert Kilometer pro Stunde über Russland hinweg. Das VTOL Flugzeug war in Japan am frühen Morgen von einem Privatflughafen abgehoben. Es war die Privatmaschine von Elisabeth Engström und sie flogen unter der Flagge des globalen Megakonzerns Horizon.
   Elisabeth, von ihren Freunden nur Liz genannt, nippte an einem Sektglas und warf einen Blick nach draußen, die langen Flüge zehrten an ihr, aber das gehörte zum Beruf dazu. Vorhin hatte sie in ihrer Kabine kurz geschlafen. Dank ihrer Augmentierungen am und im Körper brauchte sie nur wenige Stunden Schlaf und war schnell erholt. Sie saß in einem sehr bequemen Sessel in der Lounge des Fliegers, ihre Assistentin Mara leistete ihr Gesellschaft und tippte auf einem Sessel ihr gegenüber sitzend auf einem Tablet herum. Neben Mara saß Sarah, Liz Sekretärin in einem Sessel und döste mit eingestöpselten Kopfhörern. Die letzten zwei Wochen waren für alle Beteiligten ziemlich hart gewesen – außer für Suzi, ihre Pilotin, die nichts zu tun hatte und das Nachtleben in der Stadt genossen hatte, so sagte sie es jedenfalls.
„Mara, gibt es etwas Neues?“
Die hübsche junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und schweren Augmentierungen sah auf und warf ihr einen schnellen Blick zu.
„Auf den offiziellen Kanälen nichts, wenn man aber tiefer im Netz gräbt findet man beunruhigende Berichte von unabhängigen Journalisten und Aktivisten was die Clowns angeht. Am Freitag gab es ein Attentat auf eine deutsche Militärbasis in Afghanistan. Und dreizehn Attentate auf Zivilisten in Europa in einer Woche. Aber keiner schreibt was dazu. Wäre ich nicht so schwer augmentiert und kampferfahren würde ich mir Sorgen machen. Und angeblich soll es einen Skandal um Horizon in Deutschland gegeben haben, aber ich finde keine Details, nur Lügen und verdrehte Tatsachen. Das war alles Madam.“
„Ich danke dir meine Liebe.“
Sie trank den Sekt aus, stand auf und trat an die Bar um sich nach diesen wenig hoffnungsvollen Nachrichten etwas Stärkeres zusammen zu mixen.
   Als sie den Inhalt des Shakers in einen Tumbler goss, klingelte ihr Prism. Sie seufzte als sie die Nummer ihres Chefs Jonathan Solomon, dem CEO von Horizon, sah und nahm erst einen tiefen Schluck während das Handy weiter klingelte, dann gab sie sich einen Ruck und nahm an.
„Ja was gibt’s?“ fragte sie ernst. Johnny antwortete nicht sofort, war er von ihrer Reaktion überrascht? Das war doch sonst nicht seine Art.
„Warum so ernst, Liz? Du hast es geschafft eine Vertragsunterzeichnung für einen Auftrag in Höhe von fünfzehn Milliarden Euro erfolgreich durchzubringen! Etwas mehr Begeisterung bitte.“
„Ich bin nicht in der Stimmung dazu. Sollen wir zur Firmenzentrale fliegen oder hast du ein neues Reiseziel für uns?“
„Moment mal, nicht so schnell. Denkst du nicht dass es nicht die Zeit ist ein wenig zu feiern? Im Angesicht der Tatsachen gebe ich dir und deiner Crew eine Woche Urlaub, Zeit genug um sich in Ruhe zu erholen.“
Liz atmete tief ein. Eine Woche Urlaub, einfach so?
„Liz bist du noch dran?“
Sie gab sich einen Ruck.
„Ja ich bin hier, ich bin nur überrascht, das ist alles. Dein Angebot ehrt dich, aber …“
„Nichts aber, ich bin immer noch dein Chef. Du nimmst den Urlaub, das tut dir und den anderen gut! Ich will dich nicht vor übernächstem Montag im Büro sehen, verstanden?“
„Verstanden Johnny. Grüß den Rest der Solomons von mir.“
„Mache ich, hast du heute schon was geplant? Ich glaube meine kleine Schwester Emma könnte ein bisschen Zuwendung gut gebrauchen, die letzte Woche lief bei ihr nicht gut. Ärger mit den Jungs und viel Stress bei Solomon Industries, die Gute ist völlig fertig.“
Ihr Hals schnürte sich etwas zusammen, als sie von ihrer besten Freundin hörte.
„Versprochen ich kümmere mich um sie, wie ist denn das Wetter in Deutschland?“
„Der Winter will nicht ohne Paukenschlag gehen, wir haben einen halben Meter Neuschnee letzte Nacht bekommen. Das war ein Chaos auf den Straßen kann ich dir sagen.“
„Wenn du fliegst hast du das Problem nicht.“
„Ach was der Defender reicht völlig aus für sowas.“
„Wenn du das sagst.“
Sie schmunzelte bei dem Gedanken an Johnny und Emma mit den Jungs beim Schnee schippen am Morgen. Aber gut, nicht jeder hatte ein privates Flugdeck im Haus und die Solomons wohnten noch in dem zugigen nichtisolierten alten Kasten in Berlin, der beide Weltkriege überstanden hatte.
„Ok, ich muss Schluss machen, das nächste Meeting startet in fünf Minuten. Wir hier in der Zentrale sind stolz auf dich, das ist ein guter Tag. Tschüss.“
Und er legte auf und sie sah sich in der Lounge um. Sie öffnete einen Chanel zum Cockpit.
„Suzi, kleine Planänderung, wie fliegen zum Platz der Nationen in Berlin Solomon. Für heute ist nichts mehr sonst geplant.“
Dann sah sie zu Sarah.
„Mara, weck sie mal sanft.“
Mara grinste breit und stieß Sarah mit Elan in die Seite, die wachte schlagartig auf und sah sich um.
„So, ich habe schöne Neuigkeiten von ganz oben, wir haben jetzt über eine Woche frei bekommen, also erholt euch gut. Habt ihr Wünsche für heute?“
Sarah biss sich auf die Unterlippe.
„Im Filmpalast in Solomon gibt es heute ein Event, bei dem ikonische Actionfilme gezeigt werden und ein paar der Stars für Autogrammstunden zu haben sind, da wollte ich mit meinem Freund hingehen.“
„Und du Mara?“
Die zuckte mit den Schultern.
„Schlafen, mit Karl spielen und Burger essen. Keine Ahnung.“
Liz seufzte, außerhalb der Arbeitszeit hatte Mara keinerlei Ehrgeiz.
„Wir wäre es wenn ich euch zum Burger Essen zu mir einlade. Ich schicke Lien zum Einkaufen los.“
Sarah und Mara sahen ihre Chefin verdutzt an. Sarah taute zuerst auf.
„Der Event startet um acht, also wenn wir nachmittags essen, passt es bei mir. Und Mara hat doch bestimmt ohnehin nichts Besseres zu tun. Die Faulenzt eh schon zu viel.“
Mara warf ihr einen bösen Blick zu und zuckte mit den Schultern.
„Ich schätze ich habe Zeit.“
„Wunderbar, was soll es denn als Beilagen geben?“
„Pommes.“ Kam es von Mara, „Süßkartoffel Pommes.“ Von Sarah, Liz schmunzelte.
„Dann machen wir beides und einen knackigen Salat. Ich sage Lien Bescheid.“
„Nein ich kann das machen.“ Meldete sich Sarah und stand auf. Liz nickte und nahm wieder Platz. Die Nachricht vom vielen Schnee machte sie glücklich, sie liebte kaltes Wetter, wenn man sich am liebsten warm einkuscheln wollte. Jetzt stöpselte sie Kopfhörer ein und lauschte einem wissenschaftlichen Podcast, während sich der Orca mit hohem Tempo Deutschland näherte.
Stunden später warf Liz einen Blick nach draußen, über Berlin und den kommerziellen Riesenflughafen. Orcas sind größer als eine C-160 Transall und haben zwei Stockwerke mit viel Platz für Aufenthalt, Kabinen und Gepäck.
   Der Platz der Nationen kam in Sicht und die schweren Turboprop Triebwerke schwenkten in die Vertikale und sie wurden langsamer. Suzi war eine erstklassige Pilotin und der Orca landete geradezu sanft auf dem Hangarturm am Platz der Nationen eins, wo sie wohnte. Liz und Mara schnallten sich ab und gingen in Richtung Kabinen. Liz nahm einen unmodischen klobigen Rucksack, den sie schon als Mädchen hatte und ging nach unten, um den Orca mit einem zusätzlichen Rollkoffer im Gepäck zu verlassen. Mara folgte ihr schwer bepackt mit mehreren Taschen. Sarah hatte nur einen großen Wanderrucksack dabei. Suzi würde später nachkommen, erstmal würde sie sich um den Orca kümmern.
   Der Hangarturm besaß einen Fahrstuhl für Flugzeuge und sie besaß eine ganze Etage für ihre Flieger. Einen Orca und zwei kleinere Swordfish um genau zu sein. Ab zum Fahrstuhl und dann in den dritten Stock, vor der Wohnungstür Nummer sieben hielt sie an und öffnete ihre Tür, Sarah bog derweil zu den Angestellten Quartieren ab.
   Es erwartete sie ein aufgeregtes Haustier, dass Mara regelrecht in die Arme sprang. Die Arme klappte unter der Last des Tiers zusammen und Liz lachte auf. Nur war es kein Hund, sondern ein drei Meter langer rund neunzig Kilo schwerer pechschwarzer Waran – Karl. Die große Echse ließ von Mara ab und tappte wieder zurück in die Wohnung wo er vor dem breiten riesig hohen Panoramafenster stehen blieb und sich lang machte. Liz half Mara hoch und die junge Frau stellte ihre Taschen ab und wollte mit ihrem Rucksack wieder verschwinden, aber Liz hielt sie zurück.
„Was denn Madam?“
„Hättest du Lust auf etwas Warmes zu trinken und ein paar Kekse?“
Mara sah sie zögerlich an und nickte dann. Zufrieden stellte sie ihr Gepäck zur Seite und eilte in die Küche wo ihre Köchin und Haushälterin Lien schon dabei war Salat zu waschen, Das Fleisch vorzubereiten, Kartoffeln zu schälen und Dips für die Pommes anzurühren.
„Guten Tag Lien, es freut mich dich wieder zu sehen. Würde es dir etwas ausmachen mir und Mara einen Kaffee aufzusetzen und ein paar Kekse zu suchen?“
Lien nickte lächelnd und nahm zwei Becher aus dem Schrank und warf die riesige Luxus Kaffeemaschine an.
„Es ist übrigens ein Brief an sie gekommen. Aus den USA. Er liegt oben auf dem Schreibtisch.“
Liz schreckte zusammen, aber Lien ließ sich nichts anmerken. Ein Brief aus den USA, war der etwa von Kaz? Liz verließ die Küche und sah Mara beim Fangen spielen mit dem großen Waran zu.
Sie lief auf die Treppe zur Galerie hoch und zu ihrem Arbeitsplatz. Bei der Gelegenheit sah sie im Terrarium nach ob es Scarlett gut ging. Ihr schien es an nichts zu fehlen. Sie nahm an, dass Lien sie bereits gefüttert hatte.
   Der dicke Brief lag auf dem Tisch auf der Tastatur. An sie adressiert und der Absender war Sebastian Solomon, genannt Kaz weil er mit zweitem Vornamen Katsuro hieß, seine japanische Mutter hatte ihn den Namen gegeben. Bedächtig nahm sie den Brief hoch und drehte ihn in den Händen.
   Kaz war ihr bester Freund und kein Mensch auf der Welt stand ihr näher. Er war in Berlin geboren und aufgewachsen, lebte jetzt aber in den USA, in einem kleinen Kaff irgendwo in Texas.
Warum meldete er sich ausgerechnet jetzt? Die Letzte Nachricht von ihm musste einige Jahre her sein. Er war vor zehn Jahren ausgewandert und anfangs hatten sie sich fast täglich Nachrichten geschrieben, dann nur noch im Wochentakt, dann im Monatstakt und irgendwann gar nicht mehr. Nicht dass sie den Kontakt nicht mehr gesucht hatte, aber er hatte ihr einfach nicht mehr geantwortet, egal was sie gemacht hatte. Sie hatte mehr als einen handschriftlichen Brief in die Staaten geschickt und nicht einen hatte er beantwortet. Warum also jetzt? Wollte er sie loslassen oder loswerden? War ihm die Freundschaft denn gar nichts mehr wert?
Sollte sie ihn jetzt öffnen?
   Sie nahm den Brief mit nach unten und legte ihn auf den Couchtisch. Kurze Zeit später brachte Lien ein Tablet mit zwei dampfenden Bechern Kaffee und zu ihrer Überraschung zwei Stücken Käsekuchen auf Tellerchen. Lien war also fleißig in ihrer Abwesenheit gewesen, sie lächelte.
„Vielen Dank Lien. Mara, Kaffee ist fertig.“
Mara löste sich von Karl und setzte sich auf das Sofa gegenüber und nippte an dem Becher Kaffee. Sie warf einen neugierigen Blick auf den Brief.
„Madam, wollen Sie den Brief denn nicht öffnen?“
Liz zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht, ich habe Angst was drinstehen könnte.“
Mara warf einen Blick auf den Absender und zuckte zusammen.
„Sebastian Solomon, der Bestsellerautor? Was will der denn von Ihnen?“
„Von dir.“ Verbesserte Liz, sie mochte es nicht gesiezt zu werden.
„Sebastian ist mein bester Freund und wir kennen uns schon seit ungefähr zwanzig Jahren. Dieser Brief ist das erste direkte Lebenszeichen von ihm in über vier Jahren.“
Mara nickte wissend, hatte aber die Brauen überrascht gehoben.
„Wie lernt man einen Bestsellerautor kennen, wenn ich fragen darf?“
„Darfst du. Er war nicht immer Autor, aber er hat sein ganzes Leben Geschichten geschrieben. Du stehst mir recht nah meine Liebe, soll ich dir meine Lebensgeschichte erzählen oder langweile ich dich damit zu Tode?“
„Das könnten Sie … ähm … könntest du nie.“ Verbesserte sich Mara und warf ihr einen erwartungsvollen Blick zu während sie am Kaffee nippte. Liz nickte und nahm an, dass Mara das auch eher aus Höflichkeit gesagt hatte.
„Mara, keine Scheu, du kannst mir sagen wenn dir etwas nicht passt, ich möchte keine zu strenge unnahbare Chefin sein.“
„Das sind sie nicht, sie sind für uns ein bisschen wie eine Mutter für uns. Gerade für mich, meine Mutter war nicht sehr gut zu mir und sie … du behandelst mich so gut. Das freut mich sehr, ich muss schon aufpassen, dass ich nicht Mama zu dir sage.“ Mara lachte verlegen und Liz fühlte ein wohliges Gefühl in sich aufsteigen.
„Ok, dann möchte ich beginnen. Mit den schmutzigen Details und angefangen bei mir, Sebastian wird im Laufe der Geschichte eine Rolle spielen.
   Ich wurde 2002 in Potsdam geboren und bin in Potsdam aufgewachsen, allerdings nicht unter den besten Umständen und nicht in der schönsten Gegend. Mein Vater war ein arbeitsloser Säufer, dem gerne Mal die Hand ausgerutscht ist wenn er seinen Willen nicht bekommen hat und der drogenabhängig war, ein furchtbarer Mann.
   Meine Mutter, Gott hab sie selig, hat in ihrer Jugend großen Mist gebaut und trotz ihrer hohen Intelligenz – sie war regelrecht hochgebegabt – den Schulabschluss verbockt und arbeite als Prostituierte, worauf sie nicht stolz war. Aber sie war eine sehr liebevolle Mutter, die von ihrem Gehalt heimlich Bücher zu mathematischen Themen und Problemen kaufte und las. Sie brütete dann oft tagelang über einem mathematischen Problem und sie hat mir immer Mathetricks beigebracht, die mir in der Schule sehr geholfen haben. Ich weiß nicht, wie sie an meinen Vater kam und ob er schon immer so ein mieses Schwein gewesen ist. Ich glaube sie hat ihn trotz der häuslichen Gewalt sehr geliebt, was ich nie verstanden habe. Meine Mutter war sehr sehr ehrgeizig und stark, hat aber bis dahin nie etwas aus ihrem Leben gemacht. Den Ehrgeiz hat sie an mich vererbt und ich war in der Schule immer die beste und wurde von den Lehrern ständig gelobt. Aber ich machte mich dadurch unbeliebt und hatte eigentlich keine Freunde. Meine Freizeit verbrachte ich damit in den Büchern meiner Mutter zu lesen und zu lernen. Ich hab viele Nachmittage in der städtischen Bibliothek verbracht und in Büchern gelesen, natürlich nicht nur Sachbücher sondern auch Lesebücher.
Dann als ich zehn wurde verbesserte sich vieles. Mein schlimmer Vater starb an einer Überdosis und meine Mutter bekam endlich eine gute Stelle, die ihrer Intelligenz und ihrem Können gerecht wurde und wir sind in eine schönere Gegend umgezogen. Die kommenden Jahre waren die schönsten die ich hatte. Bis Sebastian in mein Leben trat zumindest. Dann als ich vierzehn wurde stand alles Kopf. Meine Mutter wurde mit Krebs diagnostiziert, einem zu dem Zeitpunkt nicht heilbaren Krebs. Das war so schrecklich meine Mutter in dieser Zeit zu begleiten und ich musste lernen allein klarzukommen, ich hatte keine anderen Verwandten mehr. Die letzten Momente mit meiner Mutter habe ich nur noch geweint bis ich keine Tränen mehr hatte. Es war so furchtbar zu fühlen wie das Leben meiner Mutter entglitt und sie dahinschied. Danach kam ich in ein Heim, ich fühlte mich, als wäre etwas in mir tief drin zerbrochen. Und selbst nach so langer Zeit weiß ich nicht ob die Wunden geheilt sind. Glücklicherweise wurde ich mit sechzehn adoptiert, von den Engströms, einer leicht durchgeknallten Forscherfamilie mit Kinderstarken Jahrgängen. Die sind in den Urlaub immer im Konvoi gefahren so viel Zeugs und Personen hatten die immer dabei. Die besitzen sogar ein eigenes Forschungsschiff. Es war eine tolle Zeit und es war seltsam plötzlich Brüder und Schwestern und Tanten und Onkel und Großeltern zu haben, und alle … die meisten waren so nett zu mir. Ich hab mich schnell daran gewöhnt eine liebende Familie zu haben, aber ich hatte mich in ihnen getäuscht. Weißt du ich wollte nie richtig die Welt bereisen und an irgendwelchen Sachen forschen, aber ich wollte schon immer Menschen helfen und so habe ich den Plan gefasst nach dem Abitur Medizin zu studieren oder Physiotherapie oder sowas in der Art zu machen, aber ich habe meiner neuen Familie meine Pläne nicht anvertraut. Dann kam der Tag an dem ich ein Abitur mit Bestnoten nach Hause brachte und meine Pläne verkündete, da war es aus mit der Familienidylle und es wurde regelrecht feindselig, ich wurde als Verräterin und Nestbeschmutzerin beschimpft und mit meinen wenigen Habseligkeiten einfach so vor die Tür gesetzt. Da stand ich nun, ohne Familie und Unterkunft und ohne Geld da. Aber ich habe niemals aufgegeben und meinen Traum verfolgt. Ich möchte nicht darüber sprechen wie ich mich finanziell über Wasser gehalten habe, darauf bin ich nicht stolz. Aber so bin ich meinem Traum jeden Tag einen Schritt nähergekommen. Ich dachte alles würde besser werden, wenn ich die Ausbildung fertig hätte, aber es tat es nicht. Ich hab mich abgerackert und als Klassenbeste bestanden, aber mein Chef war ein Schwein und hat mich nicht geachtet oder gelobt, selbst wenn die Patienten in höchsten Tönen von mir sprachen. Die Bezahlung war mies und ich habe mehr schlecht als recht gelebt und war nicht sehr glücklich, hatte ich doch immer noch keine richtigen Freunde. Weißt du, der Gedanke von anderen abhängig zu sein hat mich schon immer abgeschreckt, von daher fand ich es immer schon cool mich auf alles vorzubereiten, was passieren oder schiefgehen kann. Ich glaube sowas nennt man Preppen. Jetzt kommt Sebastian ins Spiel. Vor zwanzig Jahren kam ein junger Mann zu mir in die Praxis als ich gerade Dienst hatte und ich nahm mich ihm an, eine Sportverletzung mit einer verletzten Schulter und Knie. Wie auch immer er das gleichzeitig angestellt haben mochte. Ich erinnere mich als ob es gestern gewesen wäre. Bist du mit Actionfilmen der 10er Jahre vertraut? Du bist noch recht jung von daher bin ich mir nicht sicher. Aber es gab den Film John Wick mit Keanu Reaves in der Hauptrolle und Sebastian ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Und als er mit halblangen dunklen Haaren und kurzem Vollbart, durchtrainiert und den Körper voller Tattoos in die Praxis gekommen ist, bin ich fast umgefallen.
Und wir hatten gleich von Anfang an so eine gute Chemie, er hat mir sofort das Du angeboten und mich gebeten ihn einfach nur Kaz zu nennen, Sebastian als Name fand er zu sperrig. Wir haben uns schnell angefreundet und ich hatte meinen ersten besten Freund auf der Welt. Wir haben viel geredet, Filme geguckt, sind spazieren gegangen und haben zusammen gekocht. Aber wir waren nie mehr als beste Freunde, ich wusste auch gar nicht ob er auch überhaupt mehr als das wollte. Er war immer schon ein Kämpfer, der sich durch Leben geschlagen hatte. Für einen Solomon ist er gewissermaßen das schwarze Schaf und nichts ist im einfach so in den Schoss gelegt worden.
Aber die Solomons sind nicht ohne Fehl und Tadel. Aber wehe du sagst du hast das von mir, ok? Kaz in gewisser Hinsicht ein sehr schwieriger Mensch. Er hat zwei jüngere Geschwister Jonathan und Emma und er ist immer aus dem Raster gefallen, mit schlechten Noten und Verhalten. Es ist zwar traurig, aber er wurde dafür immer nur bestraft und mit Missachtung gestraft. Seine Muster Geschwister wurden verhätschelt und belohnt und er wurde so schlecht behandelt. Sein Vater Herbert ist ein Workaholic und seine Mutter Lilly ist sehr sehr streng, besonders zu ihm und er wurde für sein „Fehlverhalten“ oft angeschrien, manchmal auch geschlagen. Das hat ihn echt bitter gemacht. Er war in ein paar Sachen gut, aber er hat sie sich für sich behalten aus Angst vor weiterer Bestrafung. Wie zum Beispiel das Schreiben. Er war schon immer recht gut darin, hat aber erst mir seine Werke gezeigt. Er hat großes Talent, das habe ich schon damals bemerkt. Mit achtzehn hatte er die Schnauze voll und ist ausgezogen, in eine kleine 40 Quadratmeter Wohnung, die er ganz für sich allein hatte. Er sagte er habe sich mit seinen Verdiensten als Kellner und Teilzeitmechaniker über Wasser gehalten, aber das stimmt nicht. In Wahrheit hat er als Teenager ein richtiges Vermögen mit dem Handel von Kryptowährungen gemacht, die Ende der 10er Jahre groß ins Kommen geraten sind. Funfact, Kaz hat Horizon zwar nicht gegründet, aber mitfinanziert, verrat das nur keinem, das ist ein Geheimnis. Offiziell ist er nur der Familientrottel mit dem schlechtesten Abitur in der Familie, einem ergaunerten Bachelor der Informatik und im Master haben sie ihn am Ende rausgeworfen. Interessanterweise ist er insgeheim ziemlich reich, aber er macht sich nichts daraus. Und er fuhr diesen schrottigen uralten Land Rover Defender, den er von seinem Opa Ben geerbt hatte, der beim Bergsteigen ums Leben gekommen war, bevor Kaz geboren wurde. Kaz hat ebenso wie ich praktisch keine Freunde, nur einen übergewichtigen Automechaniker mit dem Spitznamen Xen, aber ich weiß nicht was aus dem geworden ist, da hält sich Kaz bedeckt. Ansonsten hat er guten Kontakt zu seinem Bruder Johnny. Seine kleine Wohnung war der Wahnsinn, vollgestopft bis zum geht nicht mehr und er war damals schon versessen auf Waffen. Er hatte mehrere Bögen, eine Armbrust, eine Axt und so weiter. Und er war der Prepper schlechthin, sogar mit einem Notstromaggregat im Keller und Vorräten für Monate. Ich finde es amüsant, dass er ein Faible für Mythen, Geheimnisse und unerklärliche Ereignisse hatte, Prä-Astronautik und so Krempel. Als Teenager hat er damit angefangen diese Sachen in Videoform aufzuarbeiten und damit hat sein Youtube Kanal gestartet, bis er mehr und mehr zu den Waffensachen übergegangen ist. Ich finde diese Macke mit der Jagd nach Mythen macht ihn sehr liebenswürdig. Wir hatten eine tolle Freundschaft und selbst wenn unsere Leben den Bach runtergegangen wären hatten wir immer noch einander. Der Loser und die Streberin, aber trotz allem waren wir immer füreinander da, als Freunde. Hatte ich erwähnt dass er in einer Sache richtig gut ist? Kochen. Und er hat dann tatsächlich eine Lehre zum Koch gemacht und mit Auszeichnung bestanden. Als Koch hat er die Anerkennung bekommen die er von niemandem sonst bekommen hat. Aber sag das nicht weiter, in der Familie geht immer noch das Gerücht um, Kaz könnte nicht kochen. Kaz hat immer schon geschrieben, aber seine ersten Bücher hat er erst in den USA veröffentlicht. Und die sind eingeschlagen wie eine Bombe und haben ihn binnen weniger Jahre berühmt gemacht, jetzt nennt man ihn nicht mehr einen Versager.“
Ihre Kehle war vom Erzählen ganz ausgetrocknet und sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Kaffee Becher. Mara hatte ihr gebannt zugehört.
„Oh, ich hab den Bestseller Autor irgendwie nie mit der Familie Solomon in Verbindung gebracht. Es schmerzt das er so eine bedrückende Jugend hatte, das war bestimmt ganz schön schwer. Ich glaube das spürt man auch in den Büchern, mit den Charakteren die es auch nicht so gut haben.
Wie ist Sebastian so als Mensch?“
Liz dachte einen Moment nach, das war gar nicht so einfach zu sagen.
„Wenn man ihn kennt ist er sehr liebenswürdig. Aber er hat sich einen harten Panzer zugelegt, zu ihm durchzudringen gelingt nicht jedem. Und ihm ist Freundschaft wichtiger als eine Beziehung. Er lässt seine Freund niemals im Stich. Er hat sich nie eine Partnerin gesucht fürchte ich. Er trägt ein schweres Bündel mit sich herum, lässt es sich aber nicht anmerken. Und er schauspielert ein bisschen, gibt jemand vor zu sein der er nicht ist, das macht ihm Spaß. Mh, er ist immer sehr pfiffig und gut im Improvisieren und trotz seiner Karriere als Autor arbeitet er gern mit den Händen.“
Mara nickte anerkennend.
„Klingt nach einem interessanten Zeitgenossen. Ich hab keine Ahnung wie er so drauf ist, für einen weltberühmten Bestseller Autor ist praktisch nichts über ihn bekannt. Er gibt keine Interviews und Lesungen und hat soweit ich weiß kaum Kontakt zu seinen Fans. Aber er muss ja stinkreich sein.“
„Reich schon, aber er hat sich eine alte Ranch als Unterschlupf gesucht. Er schraubt gerne an Sachen herum und probiert viel aus. Als Prepper hat er sich in diesem Loch irgendwo im Nirgendwo ein Zuhause geschaffen und lebt unabhängig von der Außenwelt. Angeblich damit ihn nichts ablenken kann.“
„Warum ist er denn dann nicht nach Montana gezogen, ein riesengroßer Staat der praktisch leer ist.“
„Kommst du nicht drauf? Die Waffen. Texas hat großzügige Waffengesetze, das war seine Motivation dorthin zu ziehen. Ich glaube Montana wäre ihm zu kalt gewesen, er hasst kaltes Wetter, in der Hinsicht ist er das komplette Gegenteil von mir.“
„Mh, ich würde nur gerne wissen wie er aussieht.“
„Ja, ich auch, ich hab ihn schon ewig nicht mehr gesehen und ich weiß aus dem Stehgreif nicht ob ich ein paar schöne Bilder von ihm habe.“
Mara sah so aus, als würde ihr etwas unter den Fingernägeln brennen.
„Mara, wenn du eine Frage hast stell sie ruhig. Es gibt keine falschen Fragen.“
„Ähm, darf ich fragen wie du beruflich von einer Physiotherapeutin zu einer der mächtigsten Frauen auf dem Planeten geworden bist?“
Liz lachte verlegen, das war eine interessante Frage.
„Ich würde mich nicht als eine so mächtige Person bezeichnen, auch wenn ich als Vizechefin von Horizon recht viel Einfluss habe. Mh, ich und du haben ein bisschen was gemeinsam, insofern sich unser Leben nach einem schrecklichen Unfall sehr verändert hat. Ich nenne es den Crash, vor knapp elf Jahren. Ich war mit meinem Wagen auf dem Weg nach Hause als mich ein Truck frontal erwischt und mich und mein Auto zu Matsch gefahren hat. Ich bin im Krankenhaus aufgewacht. Mit amputierten Beinen, amputiertem linken Arm und schweren inneren Verletzungen. Augmentierungen wurden damals von keiner Kasse bezahlt, nicht mal den privaten, jetzt sind die etwas lockerer geworden. Da lag ich also, hilflos und ohne Hoffnung auf Besserung. Und dann kam Kaz, mit seinem kleinen Bruder Johnny im Schlepptau. Kaz der Hund hat über die Jahre ein umfangreiches Persönlichkeitsprofil von mir erstellt und seinem Bruder zukommen lassen. Johnny wollte mich als seine persönliche Assistentin einstellen, dann kam leider der Crash. Aber Kaz ist insgeheim wohlhabend und lässt seine Freunde nicht im Stich, niemals. Er hat die Operationen bezahlt und Horizon hat mir gewisser Weise einen neuen besseren Körper gegeben. Und der Rest ist Geschichte. Johnny hat mich als seine persönliche Assistentin eingestellt und über die Jahre habe ich mich an die Spitze hochgearbeitet. Und du liegst mir sehr am Herzen, weshalb ich dich vor ein paar Monaten ebenfalls nicht im Stich lassen konnte und es freut mich, dass es dir so gut geht.“
Mara saß mit Tränen in den Augen auf dem Sofa. Liz stellte den Kaffeebecher ab, stand auf, setzte sich ihre junge Assistentin und legte den Arm tröstend um ihre Schulter. Mara brach in Tränen aus und Liz drückte sie fest. Zwar trennten sie nur siebzehn Jahre, aber die junge Frau war wie eine Tochter für sie und ihre Wohlergehen lag ihr von daher sehr am Herzen.
   Mara musste recht laut geschluchzt haben denn Lien kam aus der Küche und drückte ihr einen Taschentuchspender in die Hand, Mara murmelte leise danke und schnäuzte sich lautstark die Nase.
Auf den Becher Kaffee folgte eine heiße Schokolade für Mara, die sich langsam wieder beruhigte. Die Erwähnung ihres eigenen Crashes vor wenigen Monaten musste sie schwer mitgenommen haben. Aber nicht jeder steckte es ohne weiteres weg, alle Extremitäten in einen schrecklichen Angriff zu verlieren. Liz wusste dass sich Mara alle Mühe gab tough zu wirken, aber tief in ihrem Inneren war sie immer noch ein gebrochenes Wesen, solche seelischen Wunden verheilten nur sehr langsam.
Bedächtig erhob sie sich und suchte nach einer Wolldecke, die sie Mara um die Schultern legte. Dann setzte sie sich wieder gegenüber und betrachtete den Umschlag.
   Mit einem bangen Gefühl öffnete sie ihn und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Neben einem dicken Briefbogen rutschte ein Foto aus dem Umschlag. Sie lachte leise als sie das Bild betrachtete.
Typisch Kaz. Ein großer durchtrainierter Mann mit unzähligen Tattoos auf seinem freien Oberköper, barfuß mit Shorts, saß auf einem Felsbrocken. Strubbelige halblange schwarze Haare und ein kurzer Vollbart. Er grinste breit in die Kamera, die rechte Hand zum militärischen Salut und die linke umfasste ein mattschwarzes Scharfschützengewehr. Im Vordergrund lag ein archaisch aussehender Alligator mit einem roten Halstuch und im Hintergrund stand die vor sich hin rostende M18 Hellcat.
„Hey Mara, du wolltest doch wissen wie Sebastian aussieht oder?“
Sie zeigte Mara das Bild, die ungläubig mit offenem Mund darauf starrte.
„So sieht der Typ aus? Ich hab ihn mir immer ganz anders vorgestellt. Warum hat dieses Vieh ein Halstuch, das ist doch nicht etwa sein Haustier.“
„Doch, das ist Kasimir und Kaz hat ihn seit er aus dem Ei geschlüpft ist, der Alligator ist überraschend zahm und das Halstuch ist für die bessere Sicht. Es soll wohl schon mehr als eine Person fast auf den Armen gelatscht sein und er mag das nicht so sehr. Ich glaube ich rahme mir das Bild ein und stelle es auf meinen Schreibtisch. Aber ich glaube den Brief hebe ich mir für später auf.“
   Sie stand auf und ging die Treppe zur Galerie hoch und legte den Brief und das Foto auf ein kleines Tischchen neben einem bequemen Sessel auf dem unordentlich eine graue Pelzdecke lag.
Auf Höhe des Klaviers klimperte sie mit den Tasten und betrachtete die Gitarren und das Mikrofon.
Jetzt würde sie wieder mehr Zeit für ihr liebstes Hobby haben, die Musik. Sie hatte schon lange nicht mehr gesungen und dabei Klavier oder Gitarre gespielt. Sie drehte sich um und warf einen Blick auf das lange Bücherregal und auf den Essplatz mit Speiseaufzug auf einem Podest über Küche und Bad.
Karl war die Treppe hochgeklettert und sah sie erwartungsvoll an. Dieser Waran war sehr merkwürdig und schrecklich neugierig. Sie zuckte mit den Schultern und ging wieder nach unten, dabei spürte sie Karls stechenden Blick im Rücken der sie mit Blicken verfolgte.
Neben dem Treppenaufgang war die Tür zu ihrem Schlafzimmer.
„Mara, würdest du mich auf einen kleinen Spaziergang im Schnee begleiten wollen?“
Die angesprochene sprang sofort auf und nickte.
„Es ist mein Job, dass Ihn … dir nichts passiert. Wozu sind diese Kampfupgrades sonst gut.“
„Sehr schön, aber ich denke nicht das hier etwas passiert.“
„Nein, es ist meine Pflicht.“
„Na dann. Lien wir sind rechtzeitig zum Essen wieder da.“
Liz ging nach vorne in Richtung Tür und nach links durch den Durchgang in die Garderobe. Weiter hinten bewahrte sie alles Mögliche auf. Werkzeug, Equipment, Vorräte.
„Es ist kalt Mara, was möchtest du tragen, du hast die volle Auswahl.“
Mara sah sie unsicher an.
„Ich hole meine Jacke aus meinem Apartment.“
„Nein, nicht so schüchtern. Es ist sehr kalt und ich habe einige schöne Mäntel. Hier zum Beispiel, weißer Hermelin, passt zu deinen Haaren, das gäbe einen schönen Kontrast.“
„Entschuldigung, aber ich mag keine Pelze, ich bin tierlieb.“
Liz war etwas enttäuscht.
„Ok, wie wäre es mit Schneeleopard, nein das war ein Spaß, der ist nicht echt, aber dennoch schön warm. Nimmst du den?“
Mara wirkte resigniert aber sie nickte langsam. Der Kunstpelzmantel passte ihr ausgezeichnet.
Liz schlüpfte in den Hermelinmantel und zog sich ihre Lederstiefel an.
„Darf ich eine Frage stellen?“
„Darfst du.“
„Warum so viele Pelze? Das ist doch grausam.“
„Weißt du viele Sachen sind ziemlich grausam und ich hab mich in dieses Material verliebt als ich eine junge Frau war. Pelz ist sozusagen mein Guilty Pleasure und ich komme einfach nicht davon weg. Ich bin übrigens auch tierlieb, trotzdem esse ich Fleisch und trage Leder und Pelze. Ich finde man kann die Sachen voneinander trennen und es ist auch ein sehr kostspieliges Hobby wenn man eine entsprechende Qualität sucht, bei der keine Tiere unnötig gequält werden.“
Mara schien sich in dem Mantel nicht so ganz wohl zu fühlen, schluckte aber herunter was auch immer ihr gerade auf der Zunge lag. Sie fand es schade, dass ihre Assistentin nicht ganz offen mit ihr war, feuern würde sie sie auf gar keinen Fall, egal was Mara anstellte, die junge Frau lag ihr sehr am Herzen. Im Aufzug schossen sie dick eingepackt nach unten. Im Foyer des hochklassigen Einkaufscenters in der unteren Etage des Gebäudes gingen sie ungestört nach draußen, niemand beachtete sie. Sie waren nicht die einzigen mit exklusiven Mänteln. Der März empfing sie klirrend kalt. Die Wege waren frei geräumt, aber abseits derer ging es hoch her. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Kind-gebliebene lieferten sich erhitzte Schneeballschlachten und bauten Schneemänner. Liz schmunzelte. Nur die Hauptwege waren geräumt, die Nebenwege waren bei dem Schnee noch nicht mal zu sehen. In ihrer Kindheit hatte es solche Winter nicht gegeben, jedenfalls erinnerte sie sich nicht daran.
   Mit Bitterkeit dachte sie daran, dass sie damals sowieso keine Freunde gehabt hatte, mit denen sie im Schnee hätte spielen können. Bestimmt hatte sie im warmen ein schlaues Buch gelesen und sich gewünscht echte Freunde zu haben.
   Sie warf einen Blick zu Mara, die den Kindern zuguckte. Nach einer halben Stunde spazieren gehen setzten sie sich auf eine Bank und beobachteten das Treiben. Der Park war riesig groß und die Kinder der halben Stadt mussten sich hier getroffen haben. Sie verspürte ein Stechen  bei dem Anblick der spielenden Kinder. Daran, dass sie selbst nie Kinder haben würde, die im Winter im Schnee herumtollten. Sie würde nie mit einer kleinen Tochter oder Sohn Schlitten fahren oder Schneemänner bauen. Der Preis ihrer Operation nach dem Crash vor elf Jahren, im Nachhinein betrachtet ihr schlimmstes Opfer. Hing sie deshalb so an Mara? Weil sie selber keine Kinder haben konnte?
„Und wie fühlt sich der Mantel an, Mara?“
„Ich könnte nicht gerade behaupten dass ich friere, aber mein Po wird trotzdem langsam kalt.“
„Na dann lass uns zurückgehen.“
Sie erhoben sich und gingen zurück. Auf halber Strecke passierte es. Wie aus dem Nichts sprang eine Person auf sie zu und schleuderte etwas auf sie. Mara warf sich schützend vor Liz und bekam die ganze Ladung ab. Rote Farbe wie es den Anschein hatte. Ihre Assistentin schlüpfte sofort aus dem Mantel um mehr Armfreiheit zu erlangen und knöpfte sich den Angreifer vor. Ein Kick in den Magen, den Arm verdrehen und ihn zu Boden zwingen. Mara kniete sich mit dem Knie zwischen den Schulterblättern hin und verdrehte weiterhin den Arm des Angreifers. Ein quietschender Aufschrei ertönte, eine Frau. Liz hatte das Treiben beobachtet und nickte anerkennend, das intensive Training mit Mara hatte sich definitiv gelohnt. Die Frau am Boden wimmerte etwas.
„Das ist Tierquälerei, das gehört verboten. Ihr seid furchtbare Menschen. Wir bei Peta …“
„… ihr seid ziemlicher Abschaum, Massen Euthanasie von Haustieren und so weiter. Wenn ihr meinen Waran Karl nochmal anrührt ziehe ich noch ganz andere Saiten auf.“
„große Echsen darf man nicht halten, das entspricht nicht ihrem Lebensraum.“
„Pech gehabt Karl geht es blendend und ihm gefällt’s hier“
Liz mischte sich in die Unterhaltung ein.
„Das ist zwar alles sehr schön und alles, aber das gibt ihnen noch lange nicht das Recht fremdes Eigentum zu zerstören. Sie ersetzen mir den Schaden oder ich verklage sie und sie dürfen sich mit den Anwälten von Horizon rumschlagen. Ihre Entscheidung. Mara, nimm bitte die Personalien auf und dann gehen wir nach Hause, ich bekomme langsam Hunger.“
Mara kam ihrer Bitte nach und nach ein paar Minuten gingen sie zügigen Schrittes zurück.
„Das ist alles meine Schuld, ich hab nicht aufgepasst. Der Mantel ist wohl hinüber. Das tut mir so leid! Das hätte nicht passieren dürfen. Ich wollte ich könnte dir den Schaden ersetzen.“
„Nein mach dir keinen Kopf darum, ich hab die Angreiferin auch nicht bemerkt, und du hast ja noch rechtzeitig eingreifen können. Mein echter Mantel hat nichts abbekommen, der falsche ist nicht so wichtig.“
„Aber das hätte auch Säure oder etwas anderes Schlimmes sein können. Ich mach mir solche Vorwürfe.“
„Aber es war keine Säure und wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen. Mach dir keinen Kopf. Das kreide ich dir nicht an.“
Doch Mara ließ den Kopf hängen. Passanten warfen ihnen mit dem mit roter Farbe eingesautem Mantel neugierige Blicke zu, aber sie ignorierten es. Eine Viertelstunde später waren sie wieder im Warmen. Lien war mit den Vorbereitungen fertig und nahm sich dem ruinierten Mantel an.
„Mara es steht dir frei zu duschen und dir etwas Bequemeres anzuziehen, heute musst du nichts Förmliches beim Essen tragen. T-Shirt und Jogginghose reicht völlig aus. Und sag auch Sarah und Suzi Bescheid.“
Mara nickte dankbar und verschwand, Liz ging in die Küche und machte sich noch einen Becher Kaffee, heute musste sie nicht früh ins Bett. Nachdenklich nippte sie an dem heißen Kaffee und warf einen Blick auf die Vorbereitungen für die Burger. Jetzt mussten nur noch Fleisch und Burger gebraten werden und die Pommes frittiert, irgendwie musste es sich ja schließlich lohnen eine Fritteuse zu besitzen. Der Salat zog bereits und sie stibitzte eine Cocktail Tomate.
Dann fiel es ihr siedend ein. Emma! Sie hatte vergessen sie einzuladen. Schnell kramte sie nach ihrem Prism und wählte Emmas Nummer.
„Ja, Solomon?“
„Emma?“
„Oh, hi Liz, was verschafft mir die Ehre eines Anrufs?“
„Nach den Mühen der letzten Wochen hat mir dein Bruder eine Woche frei gegeben und ich feiere heute ein bisschen. Hättest du Lust zu mir zu kommen? es gibt leckere Burger und Bier.“
„Das klingt sehr vielversprechend, aber ich kann hier nicht weg. Es liegt nicht an dir aber meine Jungs verhalten sich komisch und ich fürchte sie hecken wieder irgendwas aus und ich möchte erreichbar sein, wenn irgendwas schiefgeht. Sorry.“
Liz war etwas enttäuscht, aber ihre Freundin hatte nicht unrecht.
„Ok, aber dann lass uns etwas zusammen machen, wenn sich die Lage bei dir wieder beruhigt. Grüß Jack und Ryan von mir wenn du deine Söhne wieder siehst.“
„Mache ich, ich wünsche dir noch einen schönen Abend und erhol dich gut, es war schön deine Stimme mal wieder zu hören.“
„Tschüss Emma.“
Liz legte auf und hatte ein schlechtes Gewissen. Bei dem ganzen Stress ihres Jobs vergaß sie ihre Freundinnen viel zu oft. Die Solomons waren wie eine Familie für sie geworden und sie kam mit allen gut zurecht, besonders mit Akira, Johnnys fast erwachsener Tochter. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an Akira. So eine starke junge Frau die in ein paar Wochen ihr Abitur machen würde. Sie kam gar nicht nach ihren Eltern sondern total nach ihrem Onkel Kaz. Interessierte sich praktisch nicht für Mädchenkram sondern schraubte an Drohnen herum und streamte Computerspiele, mit letzterem verdiente sie ihr Taschengeld, denn Johnny war sehr knausrig und gab ihr praktisch keins.
Und Akiras Markenzeichen waren ihre bunt gefärbten Haare, momentan in Regenbogenfarben, das trieb ihre etwas konservativen Eltern komplett in den Wahnsinn.
   Sie dachte an Emma, Stararchitektin und Mutter von Zwillingen. Die beiden Jungs konnten gut für sich selber sorgen und umsorgten ihre gestresste Mutter liebevoll. Die beiden wollten zum Militär und hatten sich eine strenge Routine überlegt. Ein Ex-Navy SEAL, der schon seit langem nur noch Kinderbücher schrieb, war ihr großes Vorbild und sie standen jeden Tag um 4:30 auf, das war kaum zu glauben. Jack und Ryan würden dieses Jahr achtzehn werden und nächstes Jahr ihren Abschluss machen. Liz fürchtete, dass sie selbst wenn sie Kinder hätte, keine Zeit für diese haben würde. In ihrer Position war eine achtzig Stunden Woche völlig normal, da blieb praktisch keine Zeit für Hobbies und Freunde, ganz zu schweigen von möglichen Kindern. Ohne ihr emsiges Personal würde sie es kaum schaffen ihren Alltag zu bewältigen. Sie dachte an Johnny, der arbeitete sogar noch härter und länger als sie und hatte auf dem Firmengelände eine kleine Wohnung für sich, wenn er es mal nicht aus dem Büro schaffte. Er war ein Workaholic durch und durch. Akira litt ziemlich darunter, dass ihr Vater so selten da war und seine Frau Helena war auch nicht wirklich glücklich und ertränkte ihren Kummer im Wein. Liz hatte großes Mitleid mit ihrer besten Freundin, aber Johnny war so stur und dachte nur an die Firma, Familie war ihm irgendwie immer zweitrangig.
   Sie trank einen großen Schluck. Jetzt sollte sie sich auch mal langsam umziehen, sie hatte immer noch sehr förmliche Sachen an. Sie lief ins Schlafzimmer und stolperte auf dem Weg fast über Karl der wie immer im Weg lag. Leise fluchend machte sie das Licht an und schloss die Tür hinter sich.
Das Bett war gigantisch und viel zu groß, da es drei mal drei Meter maß. Linke Hand war ein breiter Kleiderschrank, gegenüber des Bettes war ein großer Fernseher mit tollem Soundsystem montiert und rechte Hand war ein Schminktisch und daneben ein flaches Regal mit Perücken.
   Ja sie hatte ein kleines Geheimnis. Sie zog sich die schwarze kurze Bobperücke vom Kopf und drapierte sie auf einem Perückenständer. Jetzt mit völlig nacktem Kopf schlüpfte sie aus ihren Sachen und warf sie aufs Bett. Sie hatte kein Krebs, naja sie hatte Krebs gehabt, aber das war eine andere Geschichte. Die Haare waren ihr vor drei Jahren schlagartig ausgefallen, kein Arzt hatte sich erklären können warum. Und seitdem trug sie jeden Tag Perücken. Sie hatte natürlich auch vorher Perücken getragen, aber aus Spaß und nicht weil sie es musste. Sie erinnerte sich noch ganz genau, dass Kaz ihr irgendwann mal zu Weihnachten eine synthetische Perücke geschenkt hatte. Anfangs war es ihr peinlich gewesen eine zu tragen, aber das war schnell in Begeisterung umgeschlagen. Und jetzt hatte sie – sie grübelte einen Moment – viel zu viele Perücken. Mittlerweile größtenteils echte, zum Teil auch maßgeschneiderte. Für das Unternehmen trug sie einen förmlichen Bob und in ihrer wenigen Freizeit tobte sie sich aus.
   Sie zog sich Wollsocken, eine schlabbrige Jogginghose und ein schwarzes T-Shirt über und entschied sich für eine schwarze Langhaarperücke. Vor dem Spiegel machte sie sich noch ein bisschen schick.
Ob Kaz sie überhaupt noch erkennen würde? Sie war seit ein paar Jahren die Botschafterin des Konzerns und ihr Outfit war in Firmenfarben: rot, weiß und schwarz. Aber nicht nur ihre Kleidung sondern auch ihr ganzer Körper. Schneeweiße Haut, blutrote augmentierte Augen (sonst wäre sie mi ihrem bescheuerten Körper längst erblindet) und schwarze Haare.
   Sie fand es cool, auch wenn sie sich lange an ihr neues Spiegelbild hatte gewöhnen müssen.
Es würde ihn bestimmt total schocken und bei dem Gedanken grinste sie breit. Falls sie ihn wiedersehen würde, wer weiß was in diesem ominösen Brief geschrieben stand. Er hatte ihr dieses Bild geschickt, aber das musste nicht heißen dass er sich nicht trotzdem von ihr verabschiedete.
Mit einem Hauch von Makeup verließ sie ihr Schlafzimmer wieder und verschloss die Tür.
Lien stand in der Küche und hatte die Pommes gerade in die Fritteuse befördert und briet das Fleisch und den Bacon für die Burger. Sarah hatte sich für später schick gemacht und Mara trug sehr bequeme Sachen. Ihre Pilotin Suzi trug einen kurzen Rock zu Leggins und einem übergroßen Pullover, die Feuerrot gefärbten Haare zu einem Pferdeschwanz hochgebunden.
   Karl wurde von Mara gekrault und rollte sich auf den Rücken, wonach er intensiv am Bauch gekrabbelt wurde. Sie hatte vielleicht ein paar Probleme im Umgang mit anderen Menschen, aber bei ihrem treuen Haustier lebte sie auf. Liz ging zur Galerie hoch und half Sarah beim Tisch decken.
Eine Viertelstunde später kamen die ganz frischen toll aussenden Burger im Speiseaufzug nach oben. Sechs Stück, einer war für Emma gedacht gewesen, aber die konnte ja leider nicht. Dazu gab es Bier und Softdrinks.
   Liz und ihre vier Angestellten langten herzhaft zu und der Salat und die Pommes gingen gut weg, die verschiedenen Dips waren ein Gedicht. Gesprochen wurde beim Essen wenig und keinen schien es zu stören. Nachdem alles restlos verputzt war, auch der herrenlose Burger, lehnten sie sich satt und zufrieden in die Stühle zurück. Mara meldete sich als erste zu Wort.
„Ich muss schon sagen Lien, das war der leckerste Burger den ich je gegessen habe und die tollen Pommes haben genau die richtige Konsistenz. Wie machst du das nur, das ist fast schon wie Magie.“
Lien lächelte nur höflich.
„Danke sehr, aber es ist nun mal mein Job erstklassig zu kochen, das mache ich sehr gern.“
„Und ich weiß es sehr zu schätzen dass eine so erlesene Köchin für mich arbeitet und nicht nur mich sondern mein Personal mit durchfüttert. Es war wie Mara schon sagte richtig lecker!“
Sie sah in die Runde und musterte die Gesichter.
„Was habt ihr denn jetzt alle vor?“
Sarah sah etwas nervös auf ihre Uhr.
„Ich fürchte ich muss in Kürze los, sonst komme ich zu spät, Mein Freund reißt mir noch den Kopf ab fürchte ich, er hat ziemlich lange gespart um die Tickets zu kaufen. Und für die nächsten Tage ist erstmal ein bisschen Wellness und Entspannung angesagt. Und ich war echt lange nicht mehr shoppen fällt mir an dieser Stelle ein.“
Suzi machte Anstalten etwas zu sagen, aber Mara kam ihr zuvor.
„Ich wette Suzi wird faul im Pool hängen und Cocktails schlürfen wie immer und Männer in Clubs aufgabeln und Erwachsenensachen mit ihnen treiben.“
Suzi klappte den Mund wieder zu und wirkte ertappt. Einen Moment später giftete sie zurück.
„Und Miss Sonnenschein wird eine Woche lang ausgiebig mit ihrer doofen Terrorechse spielen.“
Mara biss sich auf die Unterlippe und warf Suzi einen bösen Blick zu.
„Kommt ihr beide nicht streiten. Wir sind ein Team, da gehören Streitigkeiten nicht rein.“
Liz war etwas genervt. Mara und Suzi waren die jüngsten in der Runde und kabbelten sich ständig. Der Haussegen hing wegen der beiden des Öfteren etwas schief. Lien war hingegen fast schon die gute Fee, die alles zusammenhielt. Sie wusste dass ihre Haushälterin viel Zeit mit Lesen und Meditation verbringen würde.
„Lien, der Urlaub gilt auch für dich, heute räume ich ab und die Woche über mache ich selbst sauber, auch wenn ich das natürlich nicht so gut kann wie du.“
Lien nickte dankend und lächelte warmherzig. Die gute würde bestimmt nach wie vor Suzi, Mara und Sarah bekochen und den drei etwas chaotischen Mädels hinterherräumen. Sie hatte Lien noch nie fluchen oder sich beschweren hören, sie war die Ruhe in Person.
   Sarah verabschiedete sich und ging eilenden Schrittes davon. Wenige Minuten später löste sich die Runde auf. Suzi und Lien zogen sich in die Angestellten Apartments zurück und Mara lieh sich Karl für den Abend aus. Lächelnd und summend räumte Liz den Tisch ab und die Spülmaschine ein, die Küche hatte Lien bereits tadellos aufgeräumt und alle Flächen abgewischt.
   Sie öffnete das Eisfach und untersuchte den Bestand an Eis. Lien war keine Freundin des Süßkrams, aber den kaufte Liz selbst oder ihre beste Freundin Helena, die einen Schlüssel für ihre Wohnung hatte, besorgte ihr ein paar verbotene Leckereien. Sie stellte sich einen großen Eisbecher zusammen und wanderte damit in das riesig große Bad in das ihre erste eigene Wohnung locker reingepasst hätte. Die Decke war fast drei Meter hoch. Sie stellte den Eisbecher auf den breiten Rand der Badewanne. Die maßangefertigte Badewanne hatte an einer Seite einen thronartigen ergonomischen Sitz mit einem bequemen Kissen für den Nacken. Sie griff nach einer wasserdichten Fernbedienung, die einem Smartphone der High-End Klasse entsprach und stellte die Wassertemperatur ein. Aus mehreren Düsen in Bodennähe sprudelte sogleich wohltemperiertes Wasser. Sie schlüpfte aus ihren Sachen und legte die Perücke sorgsam neben den Stapel, dann stieg sie in die gigantische Badewanne deren Pegel rasch stieg. Sie machte es sich bequem und schob sich einen Löffel köstlicher Eiscreme in den Mund. Aus einem Fach in der Wand entnahm sie eine Flasche Rotwein und ein großes Glas, in das sie sich großzügig einschenkte. Mit dem Glas in der einen und der Fernbedienung in der anderen Hand lehnte sie sich zurück, genoss das heiße Wasser, dass sie umfloss und genoss den Moment.
Sie nahm einen Schluck Wein und schaltete den Fernseher mit über zwei Meter Wanddiagonale ein, der ihr gegenüber an der Wand hing. Früher, vor Horizon, hatte sie häufig allein oder am liebsten mit Kaz Filme geguckt. Mittlerweile guckte sie fast nur noch Anime und Cartoons, deren Folgen schön kurz waren. Sie navigierte zu Netflix und startete die erste Staffel des Prinz der Drachen, eine tolle Zeichentrickserie die sie ewig nicht mehr gesehen hatte.
   Wein trinkend und Eis mampfend verfolgte sie das Abenteuer des unfreiwilligen Heldentrios auf dem Bildschirm und dachte unweigerlich an Kaz und dessen Romane. Sie liebte Science-Fantasy und er war richtig gut darin. Mit Bedauern dachte sie daran, dass die eine Buchserie mit dem vierten Band vor einigen Jahren beendet worden war. Sie hatte trotz ihrer spärlichen Freizeit jedes einzelne seiner Bücher verschlungen und er war über die Jahre richtig fleißig geworden, mindestens ein Buch im Jahr.
   Eine Woche Ferien, dachte sie nachdenklich. Genug um sein erstes Buch nochmal zu lesen, das mit dem alles gestartet war, die ganze Karriere als Star-Autor, dessen Bücher mittlerweile Millionenauflagen hatten und in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Johnny hatte ihr von einem Gerücht erzählt nachdem sich große Filmstudios untereinander um die Filmrechte der Serie stritten.
Sie lächelte bei dem Gedanken. Sie dachte an die Zeit nach dem Crash. Da hatte sie bei Kaz in dieser ziemlich kleinen vierzig Quadratmeter Wohnung gelebt. So oft hatte sie ihn dabei beobachtet, wie er in der kleinen Küche mit seinem alten Laptop am Tisch gesessen und seine Geschichten geschrieben hatte, während die alte Kaffeemaschine unermüdlich am Arbeiten war. Damals hatte er die Geschichten noch für sich selbst geschrieben und manchmal kam es ihr dann so vor als würde er am liebsten selbst in den von ihn erschaffenen Universen leben und der bitteren Realität entfliehen wollen. Wenn sie ihn seinen Büchern zwischen den Zeilen las, erkannte sie so viel von ihm und seinen unerreichten Wünschen wieder. Und er baute sich und seine wenigen Freunde in seine Geschichten ein, aber er ging dabei ziemlich geschickt bei vor.
   Zu jedem seiner Bücher hatte er ihr ein signiertes Exemplar geschickt, in der Hinsicht hatte er sie nie vergessen. Nur schrieb er ihr nicht mehr und meldete sich nicht. Selbst Johnny hatte kaum mehr Kontakt zu seinem großen Bruder und besten Freund. Das war seltsam. Dieser schräge Kauz zog sich immer mehr von der Außenwelt zurück und lebte in einer Zeitkapsel am anderen Ende der Welt in einem winzigen Nest von einer Siedlung. Mittlerweile waren das einzige Lebenszeichen von Kaz seine Bücher und seine Videos. Dieser Kauz liebte gute Verschwörungstheorien … und Waffen, je größer und gemeiner desto besser. Es verwunderte sie immer wieder wie viele Menschen seine Videos guckten, er hatte Millionen von Fans allein auf YouTube. Vermutlich verdiente er sich damit auch ein solides Zubrot. Nicht das er als Bestsellerautor arm gewesen wäre.
   Sie zuckte mit den Schultern und aß ihr Eis auf. Am Ende der ersten Weinflasche und der Mitte der ersten Staffel ließ sie das Wasser ab und erhob sich etwas wackelig.
   Eingewickelt in einen flauschigen Bademantel ging sie nach oben auf die Galerie. Sie blieb vor einem hohem und viele Meter breitem Regal voller Bücher stehen, von denen sie mehr als die Hälfte aus Zeitgründen nie gelesen hatte. Nach ein paar Minuten hatte sie Kaz erstes Buch gefunden und hielt die mittlerweile etwas abgewetzte oft gelesene Paperback Ausgabe in den Händen. Sie schlug die erste Seite auf und strich andächtig über die Signatur ihres besten Freundes. Ob du damals hättest ahnen können wie erfolgreich du mit diesen Büchern werden würdest, du alter Halunke?
Als sie mit dem Buch in Händen ihren Lieblingssessel erreichte, sah sie den dicken Brief. Oh, den hatte sie ja völlig vergessen. Ihr wurde etwas bang als sie den Briefbogen betrachtete. Sie wusste nicht ob sie schon bereit dafür war. Vielleicht würde noch etwas mehr Wein dabei helfen.
Ein paar Minuten später stellte sie eine fast volle Weinflasche und ein frisches Weinglas auf den Schreibtisch und schenkte mit etwas zittrigen Händen ein. Dann warf sie den Bademantel über die Lehne ihres Schreibtischstuhls und kuschelte sich nackt in die graue flauschige Pelzdecke ein.
Warm eingemummelt und mit einer nicht zu verachtenden Menge Alkohol im Blut griff sie so vorsichtig nach dem Brief als könnte er jederzeit zu Staub werden.
„Liebe Elisabeth, …“
Oh nein, er benutzte ihren eigentlichen Vornahmen nur wenn es ihm sehr ernst war. Ihr Herz gefror zu einem Eisklumpen und Tränen stiegen ihr in die Augen. Bitte nicht! Sei nicht so grausam zu mir!
Sie hielt die Luft an während sie den ersten Absatz las. Am Ende des letzten Wortes lehnte sie sich in die Polster zurück und atmete schwer aus. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie legte den Brief weg um nach dem Weinglas zu greifen von dem sie einen großen Schluck nahm. Sie saß eine Weile da und dachte nach, dabei tupfte sie sich die Augen immer wieder mit einem Stofftaschentusch trocken, das sie in einem Kästchen neben dem Sessel aufbewahrte – für besonders schwere Lektüre.
Alles war umsonst gewesen. Sie dachte an die unzähligen Nächte die sie nachts wachgelegen und an ihn gedacht hatte. Sie warf einen Blick auf den Brief und schniefte. War sie überhaupt bereit dafür, nach all der Zeit? Sie schluckte und wischte sich erneut die Tränen weg. Diesmal Freudentränen.