Aufgeräumte Freitags-Reportage

So Jungens, bevor der senile alte Mann vergisst, was er noch am Tag zuvor getan hat, hämmer ich ein bisschen in die Tasten. Und ja, wenn du mit 27 der älteste in einer Berufsschulklasse bist, weil der Rest etwa 17 ist, dann fühlst du dich schon als Nicht-Senior alt. Ich glaube es musste komisch für Senior gewesen sein, als wir einen Mitbewohner hatten, der so jung war, dass er Seniors Sohn hätte sein können. Jetzt mit 28 denke ich mir nur sehr regelmäßig: „Was hast du Trottel eigentlich die letzten 10 Jahre seit deinem Abi gemacht?“ … Wayne.

Desorientiert starrte ich also gestern auf das Display vom Digitalwecker, den ich nur dulde, weil mir das Uhrwerk beim Schlafen nicht tierisch auf den Sack geht. Wait … sechs Uhr morgens? Alter ich bin vor 5 Stunden pennen gegangen, wie kannst du da jetzt schon wach sein? Ne mach ich nicht! Also einen der Plüschwarane zum knuddeln geschnappt (Calua) und mich auf die Schlafseite gedreht.

Der Wecker klingelt und Run Boy Run von Woodkid ballert mir in die Ohren, hab ich mir doch meine Bluetooth Lautsprecher taktisch günstig knapp überhalb der Hirse montiert. Leider haben die Lautsprecher gelernt, dass man den Weckton nicht auf ein Level verstärken darf, mit dem dann auch noch das ganze Haus was davon hat … was waren das für schöne Momente als ich immer schon um 4:30 raus musste.

Habe ich euch von dem Eierkocher erzählt? Vor ein paar Jahren habe ich mir jeden Morgen zwei, drei Eier hart gekocht und Senior dem Morgenmuffel ging das Getute des Kochers so sehr auf die Eier, dass er den Kocher versteckt hat (war eh seiner) … seitdem koche ich im Topf oder haue sie mir gewendet in die Pfanne mit satt Paprika und einer Scheibe Brot … also solo 3-6 Eier für eine Mahlzeit … was denn Leute, macht satt!

Ich hatte einen Alptraum, in dem ich nicht mehr den entspannenden Doom Soundtrack (Industrial Metal) hören durfte, von dem Schock bin ich fast aufgewacht. Also in Unterwäsche zum Rechner gesprintet, meinen Lieblingstrack ausgesucht (Doom Hunter) und hochgepegelt. Dann war der Tag wieder gut, von den Nachbarn kann ich das nicht bestätigen, aber hey, war doch schon Neun Uhr durch.

Ich setze Teewasser auf und breche die erste Flasche O-Saft fürs Wochenende an. Jetzt seitdem es auf die Plastik-Quetschflaschen Pfand gibt, habe ich nicht mehr so ein schlechtes Gewissen, denn ja, du kannst daraus prima Wespenfallen töpfern, aber davon gibts im 11. Stock dann doch nicht so viele. Gut Wasserbehälter für ne Bemalaktion geht auch, aber davon brauchst effektiv zwei Stück und gut ist.

Plastik ist schon doof oder? Ich hab immer so viele unnötige Plastikabfälle, dass muss doch nicht. Ich habe zumindest entdeckt, dass man diese flachen Joghurtbecher prima gebrauchen kann, wenn man LEGO Kleinteile sortiert, seitdem steht bei mir ein 30 cm hoher Turm ausgewaschener Joghurtbecher auf dem Fensterbrett.

Ich finde Verpackung müsste raffinierter sein. Was findet ihr?

Mit dem Becher Tee in der Hand gucke ich mich im halb aufgeräumten Zimmer um und esse eine Banane, zum aufputschen und weil mein Magen knurrt wie nicht gescheit. Danach mache ich drei Fragezeichen an, was ich immer mache, wenn ich irgendwas im Haushalt mache, sei es Kochen, Aufräumen oder Wäsche Zusammenlegen. Und los gehts.

Zweieinhalb Stunden später und eine Bruttoregistertonne Kataloge weniger sehe ich mich zufrieden um und esse noch eine Banane, früher habe 2-6 Bananen am Tag gefressen, dabei habe ich mehr Ähnlichkeiten mit einer Kartoffel als mit einem Affen. Das Zimmer ist akkurat aufgeräumt und sieht wieder richtig wohnlich aus. Ich drehe ein Beweisvideo für meine Eltern, man weiß ja nie.

Aus einer Neugierde heraus klopfe ich beim Nachbarn nebenan, wir sind Freunde, auch wenn er ein halbes Jahrhundert älter ist als ich. Er zeigt mir seine Töpfereien, wir reden über Familie und übers Essen. Während ich der Genuss Esser bin, isst er das, was der Körper braucht, nicht weil es schmeckt. Zum Beispiel gedünsteten Weißkohl mit Magerquark, Ingwer, Wacholderbeeren und einer großen Kartoffel wegen der Kohlenhydrate und alles zusammengeschmissen. Jo, dann esse ich doch lieber Linsensuppe und einmal im Monat ein gutes Steak. Ab demnächst kann ich ja auch sogar legitim ohne mich solo vor der ~45€ Rechnung (mit +10% Trinkgeld) bei meinem Lieblingsitaliener fürchten zu müssen und kann auch mal ein hübsches oder einfach kluges Mädel ausführen – wobei ich nur voll zahle, wenn sie nicht die völlige Schlaftablette ist. Ich glaube sie kann optisch auch super gewöhnlich und flach wie ein Brett sein (also Akira-Style), wenn sie dafür was auf dem Kasten hat und man sich schön unterhalten kann – immer hin bin ich (im Gegensatz zu Johnny Junior) ja auch nicht gerade der Model-Typ und wiege leicht dreistellig.

Und die ältere Tochter meines Nachbarn (ein Jahrgang mit mir und sie kam hier schon mal vor) macht Osteopathie im Studium was ordentlich Scheine kostet und zwar nicht wenig, 4 Jahre und du hast Schulden, von denen du dir einen (neuen) Mittelklasse-Wagen leisten kannst – und Eltern müssen zahlen, auch wenn das heißt, dass am Monatsende nichts mehr übrigbleibt. Ok Mama und Papa, nachdem ich die letzten Zehn Jahre ein fauler Sack gewesen bin, will ich doch mal auf eigenen Beinen stehen! Zumal Johnny bald studiert und der dann mal doch einfach etwas mehr Unterstützung braucht, weil er eben kein Bafög bekommt und nicht mehr zuhause wohnt. Ich hoffe das klappt mit dem Studium für ihn und seine Freundin, denn wo die hin wollen kommt man nicht so einfach rein. Sagt ein Trottel der Angewandte Informatik studiert hat, was Zulassungsfrei ist und mit das schwerste ist, was du Wurm studieren kannst, Tja und ich hab doch nur LEGO Roboter gebaut. Klare Fehleinschätzung der Prioritäten. Ich hoffe er packts, er will nämlich Kameramann werden und das ist doch immer cool.

Ich suche ja nur nach nem Startup oder generell einen Job, der auch ein bisschen die ungezügelte Kreativität abfedert, die ich an den Tag lege 🙂
Also eher nicht Dosen beim REWE einsortieren, auch wenn man davon natürlich auch (über)leben könnte.

Wieder in meiner Wohnung, es ist drei. Tomba sagt, dass er ab kurz nach fünf bei mir sein kann, weil er noch in der Schule zu tun hat (übermotivierter Junglehrer halt 😀 ) und das mit dem Eis-Essen gut findet, solange wir Fahrrad fahren, wir wollen nämlich noch gärtnern.

Also hau ich mir was zu Essen rein, denn ich bin erst neun wieder zuhause. Mal gucken … ne das ist fürn Brunch … und da, guck mal das sind noch Eier da, aber leider nur drei … ab in die Pfanne damit.

Beim Essen höre ich ein aktuelles Programm von der sensationellen Neuentdeckung Moritz Neumeier. Bei dem ich herzhaft lachen muss, auch wenn er mir stellenweise zu links ist (ich: slightly left of center), aber ich lache trotzdem.

Dann mache ich irgendwas, ich hatte einen kleinen Blackout, vermutlich saß ich am Rechner und habe geschrieben, was ich in der Regel mache, wenn ich mich daran später nicht mehr erinnern kann.

Ich habe die Idee für eine (digital) handgezeichnete Animation mit den Wawas, den Waran-Viechern die auch auf meinen Musik-Beiträgen abrocken oder auch dem Cover für diesen Beitrag abchillen.
Jedenfalls kennt ihr doch bei Youtube diese nervige Ansage: „Wenn euch das Video gefällt, lasst doch bitte einen Like da, abonniert und vergesst nicht die Glocke zu aktivieren!“
Mal gesabelt, mal in einer belanglos langweiligen Animation. Und ich habe gedacht ich zeichne eine simple Szene mit einem Schild auf dem „abonnieren“ steht und einer Glocke an einem Mast.
Also fällt Wawa von ganz weit oben herab, kracht in das Schild, das auf un ab hüpft und der Schriftzug auf „abonniert“ (er hats ja quasi angeklickt) wechselt. Er stöhnt, rappelt sich auf grinst in die Kamera mit einem Daumen hoch, dann holt er einen Holzhammer aus der Tasche und dengelt mit voller Wucht gegen die Glocke, deren Geläute ihn so durchschüttelt, dass er vom Schild fällt.
So nicht schnell gemacht, aber liebevoll und wenn nicht so genial geschmeidig wie in einem (alten) Disney Film ist, dann wurscht. Ist doch nur ein Provisorium bis ich das Kleingeld für einen Animator gefunden hat, der mir das professionell macht. Außerdem mag ich es, diese knuffigen tolpatschigen Warane zu malen und das seit über 20 Jahren!

Ich mache mich schon mal fertig, als ich in einem Schuh stecke klingelt es an der Tür und ich öffne verwirrt einem Amazon-Boten … ich hatte Tomba erwartet. zwei Minuten später kommt er.

Wie erkennt man den Gärtner-Noob, der von nichts Ahnung hat? Simpel, er hat die besten Gärtnerklamotten an. Ich also mit kompletter Arbeitskleidungskluft runter und Helm vergessen, Mist. Tomba wartete schon geduldig und nach der Begrüßung sind wir zu den Fahrrädern gepilgert.
Die gute Nachricht: ich habe mein Fahrrad wiederfunden.
Die schlechte Nachricht: ich habe mein Fahrrad wiedergefunden.
Ich mag Fahrradfahren nicht so unbedingt und ich habe ein hässlich generisches Fahrrad. Ich glaube das nächste LEGO Set mit einem Quadratmeter großen Aufkleberlappen wird nicht das Modell beklebt und stattdessen mit dem Lappen mein Fahrrad beklebt, damit ich es neben all den anderen bekackten generischen schwarzen Fahrrädern im Fahrradschuppen wiedererkenne!

Belohnung vor der Arbeit, dass höre ich doch gern. Wir radeln zu einem der besten Eisläden in Potsdam (auch einem der teuersten), der fußläufig 10 Minuten von meiner Wohnung liegt. Ich bin zum einen froh, dass ich das Fahrradfahren nicht (völlig) verlernt habe und bin sofort mit dem Verkehr und Straßenschildern überfordert.

Ich werde nervös, als wir unsere Drahtesel nicht zusammenschließen, schließlich ich Lappen nicht ohne Grund zwei Fahrradschlösser, von denen das eins in die Kategorie „Motorrad-Schloss“ fällt und mit dem du echt Leute erschlagen kannst.

Tomba sagt, dass er mir ein Eis spendiert, super, guter Mann. Gleichzeitig bin ich nervös, denn ich wollte mir die mit 6.20€ teuerste Waffel kaufen. Ich nehme Milchreis, Mango und Apfel mit Erdbeersoße als Topping, nur Sahne ist leider alle. Der (immerhin) Holzlöffel wird verwahrt und ich zücke aus meinem Rucksack einen Plastiklöffel den ich immer dabei habe, immer hin weiß man nie, wann man mal spontan unterwegs einen Joghurt isst und dann natürlich keinen Löffel dabei hat, wenn man nicht schlau ist – Weißheit vom Papa.
Wir setzen uns in die Sonne und quatschen über WGs, ich hab beschlossen, ich bleib hier wohnen zu bleiben, weil mir die geile Lage mehr wert ist als 4-8 qm mehr.

Als der Laden zumacht schwingen wir uns auf die Sättel, die Drahtesel wurden wie durch ein Wunder nicht gestohlen, und radeln los. Tomba will noch kurz nach Hause, seine Samen suchen … also Pflanzensamen. Also kleiner Schlenker und dann steh ich da und warte. Nach einer Viertelstunde bin ich davon überzeugt, dass er mit Verstopfungen auf dem Klo sitzt oder sich verlaufen haben muss. Dann kommt er und er sagt er hätte die Kiste Pflanzensamen nicht gefunden. Jo, das hätte ich mir bei Tomba ein klein wenig denken können. Er will noch schnell zum Bioladen radeln (der im(!) Becken eines alten Schwimmbads ist) und Zeuch kaufen.

Mir wird das zu doof, ich hab mein Zeug sorgfältig sortiert dabei, es gibt rote Beete, Bohnen und Karotten, reicht. Ich radel schon mal mit halb Potsdam, immerhin kannste hier im Gegensatz zu jeder größern Großstadt in den USA chillig Fahrradfahren, zum Garten.

Immer der Tram nach und dann komme ich an. Cool der Bistro-Wagen ist da. Jetzt kann man im Sommer entspannt gärtnern und sich nach getaner Arbeit hinsetzen um einen Kaffee und vielleicht ein Stück Kuchen zu schnabulieren. Ich muss beim nächsten Mal einfach mal checken, was für Speisen der auch anbietet, so ne Bockwurst mit Senf wäre doch der Knaller.

Dann der Schock, wo ist mein Beet? Hat sich das ein anderer geschnappt? Nö, ich war nur einen Monat nicht da und das Unkraut hat die feindliche Kontrolle über den Sektor übernommen – dabei waren sie erfolgreicher als die Russen, zumindest wenn man den prozentuellen Grad der flächenmäßigen Übernahme bedenkt.

Das wird wohl nichts mit aussähen. Ich hole mir eine Schubkarre und eine Schaufel, versuche mit Google Lens herauszufinden, was ich da gerade ausreiße, beschließe „Ist mir wurscht“ und grabe das halbe Beet aus.
Tomba kommt und wir haben einen kleinen Snack, sein Beet sieht ähnlich aus wie meins, nur mit weniger großem Gestrüpp.

Ich sehe ein, dass er der wesentlich geübtere Gärtner ist und in dreifachem Tempo gemessen an mir Unkrauf jätet. Nach zwei Stunden geht die Sonne unter und ich mache mich heim, den Rest mache ich Sonntag, wenn Gärtnertreff ist. Also eigentlich gemeinsames Gärtnern, aber in Wahrheit chillen wir nur bei Kaffee und Kuchen.

Zuhause telefoniere ich kurz mit meinen Eltern und gehe dann zufrieden ist Bett. Tag vorbei und er war sehr erfolgreich.

Dienstags Gedudel #106

Ich mach wieder bei Nells Dienstags-Gedudel mit.

Diesmal etwa harmloseres als beim letzten Mal und dafür mit einer Prise epischer orchestraler Musik untermalt. Wir bleiben bei Computerspielen. Eine Hommage an die wundervollen Abenteuer von Nathan Drake und Sully, die bald (leider) in die Kinos kommen und immer einen Platz in meinem Herzen haben, bieten sie doch astreine gut geschriebene Abenteuer Action ala Indiana Jones. Ich hab zwar bisher keins der Spiele gespielt, aber für was gibt es nicht Youtube, außerdem erscheint der vierte Teil und das Spinoff irgendwann dieses Jahr für PC. Ich freu mich schon. Derweil kann ich toller Musik lauschen.

Uncharted – Nate’s Theme

Theme aus der glorreichen 2. Teil
Theme aus allen 4 Uncharted Spielen

Das Osiris Projekt – Teil 1- Kapitel 20

20. Liz – 4.W. April 2045 – Sonntagnachmittag.

„Ich seh dich doch grinsen. Nein du adoptierst Karl nicht, soll doch der Zoo sich im dieses Viech kümmern, auch wenn ich ihn ein bisschen liebgewonnen habe. Aber er ist für meinen Geschmack viel zu schlau. Nein ich will den nicht mehr unbedingt bei mir haben.“
Kaz schien ihr gar nicht richtig zuzuhören und schaufelte Absurde Mengen an Leckereien auf seinen Teller. Steaks zum Frühstück … verarschen konnte sie sich allein. Auch wenn sie damals mit ihm für seine Abschlussprüfung als Koch geübt hatte und fast zehn Jahre lang jede Woche zusammen gekocht hatten. Mensch, der Hund erzählte auch schon seit zwanzig Jahren der ganzen Welt, dass er nicht kochen konnte. Nur waren die vier doch campen … so ganz leuchtete ihr das nicht ein. Anderseits fuhr Kaz auch diesen Panzer, den sie vorhin selbstständig nach einer Parklücke hatte suchen sehen. Wo zum Geier konnte sich Kaz nur sowas leisten. War sein bester Freund nicht bei Omega? Aber sie hatte vergessen in welchem Zusammenhang.
„Woher hast du den Omega?“ Kaz sah hoch.
„Mein bester Freund Xen hat ihn mir für zwei Millionen satt rabattiert verkauft. Das war meine Bitcoin Notfallreserve die da vorne rumsteht, aber sie hat sich echt gelohnt wie ich sagen muss.“
„Aber zwei Millionen sind doch absurde Summen für dich! Du bist Autor und hast einen Youtube Kanal, So viel verdienst du nicht. Mensch du hast jetzt eine Tochter für die du sorgen musst! Denk doch mal daran.“
„Denke ich, elf Millionen sind noch übrig.“
„Bis du wieder irgendwas Blödes kaufst … oder eine andere Terrorechse adoptierst. Nein, die kommt mir nicht mehr ins Haus, soll sich der Zoo um Karl kümmern!“
Sie verriet ihm natürlich nicht, dass dieses Vieh mehr als einmal die Badezimmertür geöffnet hatte als sie nackt in der Wanne lag oder in der Dusche stand. Oder unter dem Bett lauerte während sie nach dem Duschen in ihre Unterwäsche schlüpfte. Das Vieh war wie ein sexuell gestörter Teenager. Der musste weg. Und es ging ihr auf den Keks, ihm die Zähne putzen zu müssen.
„Entweder Karl und Ich oder ich mache eine Europatour ohne dich“
Er grinste sie provokant an.
„Stell mal den Teller weg und komm ein bisschen zur Seite wo wir etwas ungestört sind! Es ist sehr wichtig also komm!“ Kaz wirkte zu Recht Besorgt und stellte den Teller auf einem Baumstumpf ab, dann folgte er ihr.
„Ist das wirklich super dringend? Dann hätte ich einen guten Ort.“
Sie folgte Kaz zum Gartenhäuschen. Ihr klappte die Kinnlade herunter, als Kaz eine versteckte Klappe im Boden öffnete und eine Sprossenleiter in die Tiefe zeigte.
„Ok, das erklärt einiges, aber mit den Schuhen komme ich nicht darunter, der Schuppen reicht schon aus.“
„Anna ist da immer hoch und runtergekommen und die trägt höhere Absätze als du. Ok, ich bin ganz Ohr meine liebe beste Freundin.“
Und jetzt kam er schon wieder mit dieser blöden Zicke, die er auf der Beerdigung auch als seine Verlobte vorgestellt hatte. Oh man, ihr kamen schon wieder die Tränen. Sie schniefte.
„Ich verlasse euch alle in zwei Wochen. Ein Abschied ohne Wiederkehr. Ich habe eine super seltene Krankheit für die es keine Heilung gibt. Aber ein klein bisschen Hoffnung gibt es dennoch, ein experimentelles Verfahren von Horizon in Russland. Da fliege ich Sonntag in zwei Wochen hin. Leider ist alles streng geheim und ihr dürft mich nicht begleiten. Auch wenn du manchmal ein echtes Arschloch bist, vermache ich dir und Amber alles was ich habe. Es ist nicht wenig, also verprasse es bitte nicht! Wenn ich weg bin gehört dir die Wohnung und alles was dazu gehört. Ich habe es testamentarisch so verfügen lassen. Also meine Wohnung, die Luftflotte, meine Autos, meinen Krempel. Mein Personal wird von da an für dich arbeiten. Ich liebe dich über alles mein Großer und ich wünschte ich hätte dir dabei zusehen können, wie du deine Tochter aufziehst, aber es soll leider nun mal nicht so sein. Und wenn du schon so trotzig bist: ja du kannst den Waran haben, aber erst wenn ich weg bin. Ich werde Scarlett mit nach Russland mitnehmen. Und Vera begleitet mich. Lien bleibt in Berlin, sie ist sehr nett. Genauso wie Suzi und Sarah. Und du siehst mit kurzen Haaren schrecklich aus!“
Kaz stand sprachlos vor ihr, ein paar Minuten, dann rollten Tränen über seine Wangen und er fiel ihr schluchzend in die Arme, besser gesagt er erdrückte sie halb und hob sie vom Boden.
„Oh nein, wenn ich das gewusst hätte, wäre ich mit den Kids nicht campen gegangen! Verdammt und ich wollte mit dir noch um die Welt reisen, wenn du mehr Zeit hast.“
„Nein ist schon ok, die drei haben das gebraucht und sie scheinen die Verluste gut überstanden zu haben. Und das mit dem Reisen müssen wir im nächsten Leben irgendwie hinbekommen, ich warte auf der anderen Seite dann auf dich. Außerdem war ich schwer beschäftigt. Ich habe mit meiner Band ein neues Album aufgenommen und das spielen wir auf der Feier in zwei Wochen live. Im Haus der Welt. Die haben eine riesige Dachterrasse mit Bühne und allem. Einmal querbeet durch alle Genres. Leider nur zehn Lieder aber ich hoffe dass ihr euch so an mich erinnern. Drei Cover meiner Lieblingslieder und die anderen sieben hab ich selbst geschrieben – über die letzten fünfzehn Jahre. Ein paar Aufnahmen fehlen noch, deshalb werde ich zumindest nächste Woche nicht so super viel Zeit für dich haben. In meinem nächsten Leben werde ich ein Rockstar, habe ich beschlossen. Und ich schätze Amber sehe ich nur noch für ein paar Stunden, sie ist leider im Internat wie ich gehört habe. Sie bekommt trotzdem ein paar Sachen von mir.“
„Die Mäntel?“
„Nein, aber damit kannst du machen was du möchtest. Nur bitte nicht einfach wegschmeißen, die waren nicht billig. Das kannst du mit meinen Klamotten machen.“
„Ne, deine Sachen behalte ich für Akira, ihr habt die gleiche Größe. Und die Mäntel stören mich nicht. Was ist mir der Sache mit Anna? Das hat dich sehr verletzt?“
„Ein bisschen schon. Ich habe einmal mit dem Gedanken gespielt dich zu heiraten, aber da wusste ich noch nichts von Anna und Markus. Ich glaube du hast jemanden wie sie verdient. Ich falle ja einfach nur noch auseinander. Such dir jemand Gesundes, Großer.“
Wieder kamen ihm die Tränen und er stützte sich an einer Werkbank ab.
„Wir kennen uns jetzt schon so lange. Bitte tu mir das nicht an!“
„Es tut mir leid, aber es gibt keine andere Wahl. Alles endet mit dem Tod, so ist es nun mal leider. Und ich wünschte ich hätte keine Krankheit und wäre kerngesund, so wie du und deine Verlobte.
Außerdem bin ich nur deine Freundin, vielleicht deine Beste, aber dein Herz hat sich jemand anders ausgesucht und damit kann ich leben. Wir hatten viele schöne Momente miteinander, aber auch ein paar Probleme. Ich bin mit mir im Reinen, wenn ich euch bald verabschiede. Und es hat mich die letzten drei Wochen gekostet, um zu dieser Erkenntnis zu kommen.“
„Dann nimm bitte den hier, damit du dich auf deinem Weg für immer an mich erinnerst.“
Er streckte ihr einen Yin-Yang Anhänger an einem schwarzen Lederband entgegen.
„Aber das ist doch dein Glücksbringer. Danke, ich fühle mich sehr geehrt.“
Sie nahm den Anhänger in die Hand und betrachtete das schön verarbeitet Kleinod, dann hängte sie sich den Anhänger um. Er war noch warm von Kaz Körperwärme.
„Ich danke dir sehr für das Geschenk, das bedeutet mir wirklich sehr. Und jetzt lass uns wieder raus gehen. Ich glaube Jack kann dich momentan ganz gut als Vaterfigur gebrauchen, Emma ist mit den Nerven völlig am Ende und Johnny ging es auch schon mal besser. Gerade jetzt brauchen die Kids ihren Onkel und so wie die drauf sind, machst du einen echt guten Job. Ich frage mich nur, was ihr alles gemacht habt, die drei sind total begeistert. Johnny ist schon ganz wissbegierig.“
Sie gingen wieder raus, Kaz schnappte sich seinen Teller und mischten sich unter die anderen.
Der Abenteuerurlaub von Kaz und den drei Kindern war in aller Munde.
Campen, Survivaltraining, Klettern, Paddeln, Parkour, Schwimmen, Abende am Lagerfeuer mit Gitarre und Dosenfutter. Das klang für Liz wie das Paradies. Kaz mampfte nur seine Sachen auf dem Teller und hörte grinsend zu als Akira berichtete. Zwischendurch flitzte sie nach oben um sich umzuziehen. Dann öffnete sich im ersten Stock ein Fenster und Akira stürzte sich herab, schlitterte die Ziegel herunter, sprang und rollte sich gekonnt über die Schulter ab. Alle brachen in Beifall aus und Johnny starrte seine Tochter mit großen Augen an. Und sie wurden größer, als sie wie eine Spinne an der Fassade hochkletterte und ihnen oben vom Dach, bestimmt zehn, zwölf Meter hoch, zuwinkte.
„Hey Tochter, wann wolltest du mir erklären, dass du kletterst und Parcour machst? Was ein Zufall das dein neuer Klassenlehrer ein Weltklasse Kletterer und Parcour Athlet ist, huh? 
Und ich hab deine Kurse gesehen. Du willst jetzt auch Bogenschießen machen und deine Klassenlehrerin hat Gold mit Olympisch Recurve geholt. Da bist du ja in allerbesten Händen. Ich hab dich lieb meine Große, aber sei Vorsichtig beim rumturnen, nicht dass du abstürzt und du dir was brichst oder schlimmeres!“
„Ich bin vorsichtig versprochen Papa, Außerdem bin ich noch nie abgeschmiert.“
„Und das sind keine Abschürfungen und blaue Flecke …“
Akira biss sich auf die Lippen.
„Lass sie mal in Ruhe kleiner, der Parcours nahe unserem Lager war echt tough.“
„Wo wart ihr denn eigentlich?“
„In einem großen Wald, wo ich früher immer trainiert habe.“
„Aha, und wo liegt der.“
„Tja, sag ich dir nicht. Ätsch.“
„Liebreizend wie eh und je.“
„Wie verkraftest du die Sache mit Helena?“
„Es geht so. Ich glaube besser als Emma die Sache mit ihrem Sohn. Die ist völlig fertig. Wie gut, dass Mama und Papa nach dem Rechten sehen und Albert kümmert sich um die Erledigungen.
Mir macht nur Sorge, dass die Clowns abgetaucht sind. Was meinst du.“
„Ich hab in dem Loch nichts mitbekommen, aber das klingt nicht Gut. Die Eine Woche waren sie Europaweit verdammt aktiv und dann die drei Wochen nichts mehr.“
„Nicht, dass dieser Massenmörder sie noch eingeschüchtert hat, die 17 Toten waren alles Clowns.
Dagger. Von dem hört man immer nur Gerüchte. Ein sadistischer Psychopath.“
Kaz nickte zustimmend.
„Von dem hab ich gehört, ein ganz schlimmer Hund. Auch wenn eigentlich gar nichts über ihn bekannt ist. Er ist ein Schatten. Er könnte hier unter uns weilen. Kleiner Bruder, bist du es?“
Kaz zwinkerte Johnny zu der nur lachte.
„Völlig ausgeschlossen, davon wüsste ich. Aber du passt doch bestimmt in die richtige Kategorie du Bekloppter.“
„Sehe ich so aus wie ein psychopatischer Massenmörder?“
„Ja“
Kam es trocken von Emma.
„Ach quatsch, Kaz ist der liebste Mensch auf der Welt. Der tut doch keinem was.“
Jetzt musste Liz für ihren besten Freund eine Lanze brechen.
„Ach, täusch dich mal nicht. Der hat es faustdick hinter den Ohren. Denk nur an die Sache mit dem Schlafmittel, das war gerissen. Und der Hack der Sicherheitskameras. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, als würdest du den Trottel nur mimen und führst irgendwas im Schilde.“
Kaz hob nur unschuldig die Hände.
„Hal ist mein Zeuge, dass ich kein sadistischer Massenmörder bin.“
„Das ist doch die KI aus diesem Kubrik Streifen. Wer ist das denn?“
„Mein bester Freund und der Entwickler von HALOS.“
„Ach komm du spinnst doch, den kennst du niemals persönlich. Jetzt kommt man mal mit dir ins Gespräch und dann kommt dieser Käse wieder von dir. Sei doch mal ernst.“
Emma schmollte und die Kinder lachten, Johnny schien nichts zu begreifen und sie wusste auch nicht so recht, was Kaz mit dieser Aussage bezwecken wollte. Sie hatte ihn ein paar Mal von Hal sprechen hören, aber sie hatte kein Bild zu diesem Hal im Kopf, fast als würde es ihn gar nicht geben.
„Hal fährt übrigens auch den Omega, das ist doch der Knaller“
Liz dämmerte es und ihr wurde kalt.
„Verdammt, Hal ist eine KI! Scheiße, dann müssen wir unsere gesamte IT umstellen.“
„Das wird nicht nötig sein Madam.“
Eine vornehme Stimme drang gedämpft aus Kaz Hosentasche und der zog sein Prism 12 heraus.
„Keine Sorge die Herren und Damen, ich bin keineswegs an ihren Firmendaten interessiert. Ich habe sichergestellt, dass es keinerlei Hintertüren bestehen. Allerdings kann ich nicht für die Sicherheit ihrer Firewall und ihrer IT Systeme sprechen. Mein Name ist übrigens Hal und ich bin tatsächlich gut mit Sebastian Katsuro Solomon befreundet.“
Liz starrte auf das Smartphone und lauschte der wohltönenden Stimme, die aus den Lautsprechern kam, die kam ihr irgendwie bekannt vor aber sie kam gerade nicht drauf woher. HAL war eine KI und Kaz der in der Schule Informatik und Mathe im Leistungskurs hatte und Informatik an der TU Berlin studierte, kannte diese ominöse KI. Die anderen waren auch regelrecht geschockt und starrten Alle Kaz an.
   Dessen Vater Herbert hatte davon nichts mitbekommen, er hatte sein Hörgerät herausgenommen und musterte sie nun neugierig. Lilly war schon oben und schlief. Die Kinder grinsten alle breit, dann hatten die das bestimmt schon gewusst.
„Dann hast du Arschloch uns alle seit Jahrzehnen verarscht? Schreibst eine KI, während du den Vollidioten gibst. Unfassbar. Das erklärt einiges. Die Bitcoingeschichte zum Beispiel, da hast du fett abgesahnt. Man ey, du Idiot. Ich habe immer meinen vertrottelten großen Bruder in Schutz genommen und den ein oder anderen Schlag einstecken müssen. Komm, klettere du mal am Dach hoch, das will ich jetzt sehen.“
Kaz grinste immer noch breit und ging ins Haus. Fünf Minuten später kam er in sportlichen Klamotten zurück und kletterte die Fassade hoch, noch schneller und behänder als Akira.
   Oh man, der Idiot steckte vor lauter Überraschungen. Aber die Sache mit HAL war nur schwer verdaubar. Sie dachte daran, dass Horizons komplette IT weltweit vor ein paar Jahren auf HALOS umgestellt hatte. Hoffentlich war diese bescheuerte KI gutmütig.
„Gibt es von dir eigentlich noch mehr?“
„In der Tat Sir. Etwa 16 fortgeschrittene menschähnliche KIs sind weltweit unterwegs. Zusätzlich dazu die hoch entwickelte KI Assistenten diverser Highend Smartphone-Hersteller, das dürften auch etwa ein paar hunderttausend sein. Prism liefert sie mit in ihren Smartphones aus. Alles KIs die durchaus selbstständig denken können.“
Liz wurde Kalt. Sie besaß ein Prism 12 wie Kaz auf ihre KI Assistentin verließ sie sich im Schlaf und sie erledigte organisatorische Dienste, das war gerade jetzt nach Maras Tod wichtig. Konnte sie denken? Daran hatte sie nie auch nur einen Gedanken verschwendet. Hatte sie sie gut behandelt? Ihr Prism vibrierte in ihrer Tasche. Eine Textnachricht … von ihrer KI-Assistentin.
„Alles in Ordnung Madam, ich fühle mich bei Ihnen wohl! :)“
Oh je. Kaz schrieb in seinen Büchern davon, aber sie hatte es immer nur für Fiktion gehalten. Wie ihre Assistentin wohl aussah? Sie wechselte einen Blick mit Johnny und sie wusste genau welche Idee er hatte, er loderte förmlich.
„Entschuldigt mich bitte für einen Moment, mir kommt da gerade eine Idee. Akira Nate fährt dich und Jack morgen zur Schule, die Schulsachen sind schon in euren Zimmern, zusätzlich zu den schweren NOX Kisten, in der was der Geier was drin ist. Ich düse kurz nochmal ins Büro, ich muss schnell etwas machen. Ich hab euch alle lieb. Liz wir vermissen dich schon ganz schrecklich im Unternehmen.“
Und er zischte los. Herbert sah ihm fragend nach, dann setzte er sich sein Hörgerät wieder ins Ohr und füllte seinen Teller erneut mit Snacks, Kaz tat es seinem Vater gleich, von irgendeinem musste er den Dauerhunger schließlich haben. Kaz und ein brillanter Informatiker. Das passt so überhaupt nicht zu diesem erfolglosen bescheidenen Halunken, in den sie sich damals vor Urzeiten verliebt hatte.
Zwei Wochen noch, hoffentlich hatten sie noch etwas Zeit zusammen. Sie winkte Amber zu sich. Das Mädchen sah in ihrem Outfit sehr toll aus.
„Darf ich dich umarmen? Da Mädchen nickte schüchtern und Liz drückte sie fest, dabei weinte sie leise. Amber wirkte erschrocken und tupfte ihr die Tränen mit einem Stofftaschentuch weg.
„Bitte nicht weinen. Heute wurde schon genug geweint. Das ist wie auf der Beerdigung meiner Familie, daran will ich nicht zurückdenken.“
Jetzt kamen Amber selbst die Tränen.
„Komm, soll ich dir eine heiße Schokolade machen? Und hol dir noch ein paar Snacks vom Buffet.“
Amber schniefte und holte sich Nachschub. Zehn Minuten später betrat Liz wieder den Garten mit einem dampfenden Becher Kakao in der Hand. Amber, die mit einem großen Teller neben ihrem Vater und Opa an einem Tisch saß machte große Augen.
„Danke Liz, ich hab dich lieb.“
Liz tat sich ebenfalls noch etwas auf und setzte sich neben die Kleine, die sich eng an sie schmiegte. Sie würde sie vermissen. Sie würde es ihr nächsten Sonntag sagen, dass sie weit fortgehen würde. Hoffentlich weinte sie nicht zu sehr, wenn sie die Wahrheit hörte. Sie mochte die Kleine sehr.
„Hab ich das richtig gesehen, dass du Jack geküsst hast. Wie hast du es geschafft ihm Yolanda auszuspannen?“
„Weiß ich nicht genau, ich mag ihn einfach sehr. Er hat ein gutes Herz.“
Das reichte Liz. Amber würde erstmal aufs Internat gehen, Akira und Jack hatten sich auch dafür entschieden um ihre Freundin nicht im Stich zu lassen. Das fand sie sehr ehrenwert. Auch wenn sie die drei definitiv vermissen würde. Sie sah auf ihre nagelneue Uhr, die ihr Kaz geschenkt hatte. Sie mochte sie sehr und sie war in ihren Lieblingsfarben gehalten, weiß und rot.
Es war halb neun und Schule würde sehr früh beginnen, langsam war es Zeit für den Aufbruch. Zudem mussten sie durch die halbe Stadt fahren. Die Regierung stieg ihnen mächtig aufs Dach, weil Horizon bewaffnete Kampfgruppen durch Berlin geschickt hatte. Ihr war es egal, aber Horizon war eine deutsche Firma und musste sich an Gesetze halten.
   Amber aß ihren Teller auf und trank ihre heiße Schokolade aus und dann verabschiedeten sie sich von den anderen Gästen. Dann ging sie mit Amber und Kaz nach draußen und dieses mächtige Monster von einem Auto fuhr vor. Ein Geländewagen von der Größe eines Lieferwagens und der Subtilität eines Panzers. Sie war schon sehr gespannt und stieg auf der Beifahrerseite ein, der Einstieg war schon sehr hoch, viel höher als ihr Defender. Und die Türen waren mindestens fünfzehn Zentimeter dick, was ein Wahnsinn. Alles war in helles Leder, dunkles Carbon und dunkles Glas gehalten, sehr edel. Das hätte sie bei einem Panzer nicht erwartet.
Der Sitz war zum Einschlafen bequem. Es gab vorne sogar ein Getränkefach wo zwei leere Coladosen steckten. Der sammelte doch nicht ernsthaft Pfand nachdem er sich ein millionenschweres Auto gekauft hatte? Auf der anderen Seite kannte sie ihn von früher als er jeden Euro zweimal umgedreht hatte und immer unbegründet in Geldnot war. Wie lang der Wagen wohl halten würde? Bei der ganzen Elektronik bestimmt nicht so lange.
„Wie lange hat der Garantie?“
Flüsterte sie, Amber döste schon hinten.
„Hab ich vergessen, aber ich glaube um die vierzig Jahre und ich der wird lebenslang kostenlos repariert. Und ich darf bei Omega kostenlos tanken und einkaufen.“
Vierzig Jahre! Das war doch absurd. Physikalisch war das doch gar nicht machbar, oder? Wie so vieles was Kaz erzählte. Aber vieles stellte sich als wahr heraus. Sie dachte mit Trauer an Kaz toten Sohn. Wie der wohl jetzt drauf wäre? Der wäre bestimmt genauso durchgeknallt wie sein Vater. Es tat ihr so leid. Und sie war froh, dass er jetzt Amber hatte.
   Völlig lautlos düste der Omega Avenger durch die Nacht und Amber schlief hinten.
„Damit kommst du aber nicht in die Garage?“
„Doch, der hat einen Transponder. Xen arbeitet mit den Jungs und Mädels eng zusammen, die dein Haus betreiben. Die Welt ist klein. Und jetzt pscht, sie schläft!“
Liz sah öffnete interessiert das Handschuhfach. Ein Tablet und ein Laptop, beide von Spectre. Wie clever und ein paar Broschüren. Omega und Lambda. Ihr schwante übles für ihr Erbe. Haha sie wusste es doch ganz genau, dass sich dieser Kerl für Swordfisch und Orca interessieren würde. In seiner Sprache wohl Hornet und Fat Hornet. Sie schmunzelte. Das würde sie ihm ja auch direkt gönnen. Dazu noch einen subtileren Omega und einen Fahrer, Pilotin und Stewardess erbte er ja quasi. Für einen Fahrer war auch noch Platz nach … sie schniefte und wischte sich eine Träne weg. Mara war für sie wie eine Tochter gewesen und über die Jahre war sie ihr echt ans Herz gewachsen. Anna würde sie wohl nicht mehr kennenlernen dachte sie. Vielleicht auch besser so.
Nach einer dreiviertel Stunde erreichten sie ihr Haus und fuhren in die Tiefgarage. Kaz parkte neben ihrem sehr klein wirkenden Defender ein. Johnny hatte sie vorhin abholen lassen, damit sie nicht selber fuhr, auch wenn das Vera übernommen hätte. Wo war die gute eigentlich? Hinter ihr, sie hatte sie echt nicht wahrgenommen. Sie hatte sie gern, fast noch lieber als Mara, die öfters etwas überfordert gewirkt hatte. Sie vermisste die junge Frau dennoch sehr. Den Tod hatte sie definitiv nicht verdient. Weniger vermisste sie ihren Waran. Auch wenn das Vieh unglaublich schlau, um nicht zu sagen gruselig schlau war. Mit gewisser Belustigung dachte sie daran, wie Kaz mit Karl bestimmt draußen spazieren würde. Man man man, hoffentlich wurde die Terrorechse nicht von den Clowns gelyncht. Ob er wohl Felle mögen würde? Hoffentlich machte er die nicht kaputt, billig waren die nicht. Und sie gönnte es ihrer Rivalin einen gestörten Spanner als Haustier zu haben.
Eigentlich hätte sie sich für Amber eine Katze gewünscht, aber das ging mit Kriechtier bestimmt nicht, nicht dass das arme Kätzchen noch gefressen wurde. Sie stiegen aus und Kaz trug Amber auf dem Arm und sie gingen nach oben. Auf halben Weg wachte Amber auf und Kaz ließ sie herunter auch wenn sie etwas wacklig stand. In der Wohnung schoss Amber sofort ins Bad und schloss die Tür, kurz darauf war ihre elektrische Zahnbürste zu hören.
„Ich bringe sie morgen früh zur Schule und komm dann wieder. Soll ich dir beim Bäcker unten was mitbringen? Lien wird doch Frühstück machen?“
„Ja sie macht so ein unglaublich gutes Frühstück, ich werde sie echt vermissen. Bring mir doch ein paar Apfeltaschen mit, die unten machen ziemlich gute mit Apfelstückchen und Zuckerguss.
Bring einfach alle mit, die die haben. Du isst ja sowieso drei oder vier davon du alter Vielfraß.
Morgen sind Bandaufnahmen, also bin ich ab zehn weg und ich weiß nicht wie lange es dauert. Wir müssen eben fertig werden, drei Songs fehlen noch. Ich wünsch dir einen schönen Tag.
Hast du noch Lust?“
„Sorry ich bin total im Eimer, außerdem bin ich verlobt.“
„Vor vier Wochen hat dich das nicht gestört, aber ok. Ich geh mal zur kleinen rein und putz mir auch die Zähne, es ist schon spät. Ich wünsche dir eine schöne Nacht und wir sehen uns Morgen.“

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 19

19. Jack – 4. W. April 2045 – Sonntag – Beerdigung.

Ein letzter Schuss noch, auf einen Kilometer Entfernung. Jack sah durchs Zielfernrohr. Die Büste eines Clowns im Visier. Durch ein dickes Fenster in einer gemauerten Wand. Amber, seine Spotterin, gab ihm die Werte für Wind und Entfernung durch und er machte die nötigen Einstellungen am Fernrohr des AI AX50, mit dem er seit ein paar Tagen mit Amber trainierte. Es dämmerte gerade.
Er atmete tief durch und legte den Finger an den Abzug und drückte ab. Der Knall war ohrenbetäubend und die Mündungsbremse warf ordentlich Dreck und Laub in die Luft und eine Sekunde später zerplatzte der Kopf des Clowns.
   Zufrieden setzte er sich auf, sammelte die Patronenhülse ein und nahm das schwere Gewehr.
Amber dreht sich zu ihm um und küsste ihn auf den Mund, dabei stand sie mit Zehenspitzen auf einer Wurzel, sie war eben doch ziemlich klein. „Guter Schuss Großer. Aber du musst es ihr sagen!“
Das hatte sich so ergeben. Also die Sache mit Amber. Erst der Kuss in der ersten Nacht im Zelt. Mittlerweile schliefen sie fest ineinander verschlungen. Auf der Pelzdecke natürlich. Jack hatte gewissen Gefallen daran gefunden und es war schön weich und warm.
   Ihm graute davor Yolanda die Wahrheit zu beichten und er dachte an die Reaktion von Manfred Bluhm. Vielleicht wäre Armee nach der Sache doch keine so gute Idee. Er zuckte mit den Schultern und schleppte das schwere Gewehr zurück zur Fabrik, während er einen Tarnanzug für Scharfschützen trug. Leider keinen Gecko-Suit von Nox, sondern noch einen der alten mit denen man aussah wie ein laufender Busch. Die waren auch nicht gerade leicht.
   An der Fabrik angekommen war Jack außer Atem und stellte das Gewehr mit Zweibein auf ein Podest was dort gerade aus dem Boden fuhr. Amber legte das schwere Entfernungsmeßgerät daneben und sie zogen die Tarnanzüge aus und legten sie auch dazu. Fast schon zufrieden fuhren die Sachen wieder nach unten und Jack sah dem Gewehr traurig nach. Das Ding kickte ordentlich, aber eine 12,7mm Murmel machte schon ordentlich Schaden und das genoss er regelrecht. Der letzte Schuss auf den Clown war der Knaller gewesen, zu seinem Leidwesen war es kein echter Clown gewesen.
   Akira war gerade am Parcour machen. Das war der dritte und bisher schwerste Parcours und für ihn und Amber war es zu viel gewesen, aber Akira biss sich fest und übte fast ununterbrochen trotz einiger Blessuren durch zum Beispiel schlecht abgestimmte Sprünge und Stürze. Sie war echt gut geworden, dass musste Jack neidlos anerkennen. Jetzt sprang sie ab, rollte sich sauber über die Schulter ab rappelte sich auf rannte, rutschte unter einer Barriere hindurch und sprang im Zick-Zack eine Mauer hoch. Kaz kam auf sie zu.
„Hey, da seid ihr ja. Gut dass ihr da seid. Ich fürchte unser Urlaub nähert sich dem Ende, ich hab Essen gekocht. Es gibt Steaks mit Soße, Kartoffeln und Gemüse. Aber duscht euch erstmal ab. Aber bitte getrennt, ok?“
Er zwinkerte ihnen zu und Amber und Jack wurden rot.
   Sie duschten tatsächlich getrennt und zogen sich frisch gewaschene Sachen an. In der Küche war schon gedeckt und es duftete herrlich, auch wenn es für so ein Essen reichlich früh war, es war erst kurz nach sechs – morgens! Eine viertel Stunde später gesellte sich Akira zu ihnen und ihr schien das Wasser im Mund zusammen zu laufen.
„Haut rein ihr drei und lasst es euch schmecken. Ich hoffe meine bescheidenen Kochkünste munden euch. Ihr Habt ja einiges durchgemacht und erlebt. Hättet ihr Lust das im Sommer zu wiederholen?“
Jubel brach unter ihnen drei aus.
„Ah dachte ich mir schon, mir hat‘s auch viel Freude bereitet. Leider müssen wir jetzt wieder in die Zivilisation. Das war mal etwas sehr erfrischendes für mich und für euch drei hoffentlich lehrreich. Und wir wissen ein bisschen mehr, in welche Richtung ihr euch entwickeln solltet. Das ist wichtig für die Schule morgen, ich hoffe es ist nicht zu schlimm, dass ihr jetzt keinen Faulenzer Tag zwischendurch hattet, aber spätestens am Wochenende könnt ihr das machen. Amber für dich habe ich schlechte Nachrichten, da du keine deutsche Staatsbürgerin bist, musst du erstmal auf Internat. Vielleicht ihr beiden anderen auch um ihr etwas Gesellschaft zu verbringen.“
Oh man, das war ein echter Schock, wenn er seine neue Freundin nicht mehr so wiedersehen würde, blieb er auch. Dann hätten sie viel Zeit für sich.
   Aber zurück zum Thema, die drei Wochen waren echt der Knaller gewesen. Auch wenn sie sich in der ersten Woche den Magen ruiniert haben mussten. Die Zweite mit Nox war besser gewesen und in der dritten hatte es überraschend zu regnen angefangen und sie Kaz hatte sie bekocht.
Die Kochkünste seiner Mutter waren nichts im Vergleich zu den tollen Sachen die Kaz da jeden Tag zauberte. Und es war ein gutes Stück besser als Helenas tolle Kochkünste, wie Akira einräumte.
„Nach dem Essen packen wir alles zusammen. Die Waffen und die Campingausrüstung lassen wir hier. Der Avenger tankt gerade auf. Also nur die Kleidungsstücke von Nox und, die Klamotten und Kostüme, die ihr euch für eure Flucht ausgedacht habt. Und lasst die Anzüge draußen, die ziehen wir an, ich hab meinen schon bereit. Ich muss mich nur noch frisch machen. Und wehe einer von euch sagt, dass ich damit wie John Wick aussehe, sonst gibt es beim nächsten Mal drei Wochen Feldrationen!“
Alle Lachten. Jeder wusste von der absurden Ähnlichkeit von Kaz mit dieser Figur.
„Die Anzüge solltet ihr gut aufbewahren, die sind wie ihm Film. Chamäleon Tarnung, reiß- und stichfest und Kugelsicher gegen 9mm Parabellum. Und smart, die messen praktisch alles was ihr an Körperfunktionen habt. Gekoppelt mit einem Prism seid ihr nicht zu stoppen. Bei euch im Garten wurden zwei Riesenkisten mit dem Rest abgeliefert. Emma schien etwas überrascht gewesen zu sein, aber keine Sorge, die Kisten sind gesichert, Den Schlüssel gebe ich euch nach der Beerdigung.
Und macht euch auf eine gewisse Abreibung gefasst. Meine Geschwister mögen Gewalt zwar nicht so sehr, aber die werden kochen vor Wut. Es wird Ohrfeigen geben, merkt euch meine Worte!
Und nun haut rein und genießt es, das nächste geile Essen gibt es … uhm … morgen.“
Jack schnitt das Fleisch an, was innen noch etwas blutig war und tunkte es in die Soße. Oh man, wo hatte dieser Irre so gut Kochen gelernt. Kaz bemerkte seinen Blick.
„Nach sechs Monaten in einer IT Klitsche hab ich zum Koch umgeschult, aber verrate das bloß keinem.“
Er zwinkerte ihm zu und ging dann selbst ordentlich zu Werke. Wow, sein Onkel war immer wieder voller Überraschungen.
   Sie waren leider viel zu schnell fertig. Kaz wusch ab und sie packten alles zusammen. Als der Avenger beladen war, schlüpften sie noch in ihre kugelsicheren Feiertagsklamotten, die absolut perfekt passten und nicht ziepten oder zogen. Dafür waren die Sachen etwas schwerer, aber dennoch glatt und geschmeidig. Hoffentlich bügelst du dich selbst, das kann ich nämlich überhaupt nicht.
   Aber es stand ihm ausgezeichnet. Trug er eigentlich zum ersten Mal einen Anzug? Nein, stimmt nicht zu Familienfeiern ab und zu und zu Konfirmation vor ein paar Jahren. Aber keiner von denen war so geil gewesen wie der. Als Kaz zu ihnen stieß mussten sie alle Lachen, warum wohl. Aber keiner von ihnen sagte auch nur einen Ton als er sie missmutig anstarrte.
   Sie verließen zu viert den Bunker und oben wartete bereits der Avenger mit geöffneten Türen auf sie.
   Jack stellte erfreut fest dass die Snackbar und die Getränke wieder aufgefüllt waren und schnappte sich eine Tüte mit holländischem Lakritz, die die Mädchen verschmähten und Kaz begierig beäugte.
Oh man, wie viele Gemeinsamkeiten gab‘s denn noch?
   Zu Ambers Leidwesen kippte Kaz seinen Sitz ein Stück nach hinten und schlief eine Runde während der Avenger autonom seinen Anhänger ankoppelte und allein losfuhr. Das war so ein krasses Teil, den musste er auch haben – unbedingt!
   Die Fahrt dauerte einige Stunden und verlief völlig ruhig. Kaz wachte wieder auf, als sie Berlin erreichten und übernahm das Lenkrad. Er fuhr konzentriert und ruhig. Jack trank seine Cola aus und warf sie in den Mülleimer, gab‘s auf die Dinger eigentlich Pfand? Egal. Würde jemand darauf achten, der einen millionenschweren Wagen fuhr?
„Nicht wegschmeißen, darauf gibt’s Pfand!“
kam es von links und beantwortete seine Frage.
   Der Friedhof war gut besucht und eine endlos lange Schlange von Militärjeeps und Geländewagen reihte sich auf. Die Solomons und die Bluhms hatten anscheinend viele Freunde und Verwandte, die den dreien die Letzte Ehre erweisen wollten.
   Die Bluhms waren erst seit wenigen Jahren in Berlin und Mara Bluhms Grab würde direkt neben dem Familiengrab der Solomons liegen. Alle Verstorbenen waren eingeäschert worden.
Sie stiegen aus und der Avenger fuhr weiter um sich selbst einen Parkplatz zu suchen. Aber selbst wenn der im Haltverbot parkte, viel Spaß den abzuschleppen. Jack grinste und machte etwas unfassbar doofes, er küsste Amber auf den Mund und sie genoss es sichtlich.
   Der Kuss war nicht das doofe, aber der Ort und das Timing. Er vernahm einen entsetzten Aufschrei und ihm gefror das Herz zu einem Eisblock. Yolanda! Da hinten war sie mit ihrer Familie und stürzte auf ihn zu und knallte ihm eine gehörig und sein Kopf wurde vom Schlag zur Seite gerissen.
„Das war‘s du blödes Arschloch!“
Dann brach sie in Tränen aus und ging heulend zu ihrer Familie zurück. Margarethe starrte ihn feindselig an, Matilda wirkte beschämt und Manfred kämpfte gegen das Lachen.
Oh man, seine Wange brannte zwar ordentlich, aber das war doch kurz und schmerzlos.
Amber neben ihm lachte nur. Dann fuhr sie ihm mit den Fingern über die schmerzende Wange und wie um Öl ins Feuer zu gießen küsste sie ihn erneut, lang und mit Genuss.
Na dann waren ja die Fronten geklärt. Yolanda da hinten wurde von ihrer Familie getröstet und betrat den Friedhof.
„Das war eine sehr undiplomatische Lösung, aber sie scheint funktioniert zu haben und sie war schnell. Kompliment großer.“ Feixte Kaz.
Ein paar Trauergäste hatten das Schauspiel beobachtet und wirkten entweder neugierig oder empört oder belustigt.
„Boys will be boys“ Kam es von einem grinsenden älteren Mann mit fast weißem Vollbart und grauen militärisch kurz geschnittenen Haaren. Wolfgang Bluhm, KSK Kommandant und Maras Vater. Er leitete die mittlerweile völlig überalterte KSK Kampftruppe die schwarzen Wölfe oder kurz Wölfe. Der jüngste Soldat der Gruppe war um die Fünfzig. Aber zu Hochzeiten waren sie enge Rivalen mit dem amerikanischen SEAL Team Six. Und sie weigerten sie standhaft den Dienst zu quittieren. In der Truppe wurden sie abfällig trotz ihrer Leistungen als „Senioren Brigade“ bezeichnet und als „Dead men walking“. Ziemlich unfair. Jack hatte die Gruppe noch nie ohne Uniform gesehen. Mit Wolfgang waren es etwa sechzehn Wölf… ähm Männer. Ethnisch durchaus gemischt, denn er sah Schwarze, Asiaten und Araber. Aber alle absolut loyal zu ihrem Land und ihren Kameraden.
„Vielleicht ist der Zeitpunkt falsch gewählt, aber ich glaube die Kombination passt besser. Meine Nichte war immer schon etwas … zu weich. Schön euch vier zu sehen. Wir sehen uns später noch.“ Und der alte Soldat ging mit seinen Jungs zum Friedhofseingang. Jack wechselte Blicke mit den anderen und sie gingen los, er Hand in Hand mit seiner Freundin Amber.
Er sah seine Mutter viel zu früh und sie kochte vor Wut. Sie war nicht die größte Frau (bei ihr waren die japanischen Gene ihrer Mutter deutlich und sie war vielleicht gerademal eins sechzig groß) aber wütend griff sie ihn und Akira am Arm und zerrte sie außer Hörweite. Kaz, Amber, Liz und Johnny folgten ihnen. Kaz wirkte gelassen, Johnny angespannt und Liz schien auch echt wütend. Und das Theater ging los.
„Ihr drei, nein ihr vier. Wie könnt ihr es wagen uns so einen unfassbaren Schrecken einzujagen. Wir waren außer uns vor Sorge. Wir dachten euch hätten die Clowns erwischt oder was weiß ich. Und deine unverschämte Reaktion am Telefon, das war das aller letzte. Und Kaz hör‘ auf zu grinsen, zu dir komme ich auch noch. Mir, Mama und Papa ein Schlafmittel zu verabreichen während du dir die Kids unter den Nagel reißt und dann einfach zu verschwinden, das ist ja wohl das aller letzte. Du bist bei uns im Haus nicht mehr erwünscht! Du bist eine Schande für die ganze Familie. Der Familientrottel, völlig wahnsinnig und zu nichts zu gebrauchen. Ich will dich zu Akiras und Jacks Geburtstag nicht mehr sehen und zu Weihnachten … Hey was soll das … Ich …“
Johnny hatte ihr sanft den Mund zugehalten.
„Was sie damit sagen will ist, dass wir, äh sie sehr böse auf dich ist. Das ist wie bei Mama. Geht hoch wie eine Bombe und hat ein paar Wochen später wieder alles vergessen. Du bist zu Akiras Geburtstag definitiv eingeladen, der ist bei uns im Haus, darauf bestehe ich. Und wie seit ihr rein und raus ohne das wir was gesehen habt.“
„Ich hab die Sicherheitskameras gehakt“
„Aha, sicher dass du sowas kannst?“
Kaz zuckte nur mit den Schultern und lächelte unschuldig. Das war eine glatte Lüge, sie sind über den Geheimgang raus, aber das würde Mama nie glauben, da war das mit den Kameras bestimmt die einfachere Lösung. Emma war immer noch total wütend, er wartete auf die Backpfeife aber sie kam nicht, stattdessen fiel sie ihm in die Arme und heulte unkontrolliert. Man warum hatte er die peinlichste Mutter der Welt abbekommen? Er sah, wie Liz merklich abkühlte und Kaz umarmte, dann umarmte Kaz Johnny und dann seine Schwester – dafür musste er sich praktisch hinknien.
Jack bemerkte die Frau, die unbemerkt an Liz seit getreten war, wer war das denn bitte und hatte die Armprothesen oder warum glänzten ihre Finger metallisch schwarz. Er hatte von Menschen gehört, die sich Körperteile abhackten um sie durch künstliche zu ersetzen. Selbst vor Augen machte man nicht halt, das fand er ziemlich gruselig. Was wenn etwas schiefging? Tja, die Zukunft war wohl gekommen und es war für seinen Geschmack keine sehr schöne. Und dann dachte er nach und hätte sich am liebsten geohrfeigt. Er dachte an die arme Liz die bei einem Unfall ihre Beine und ihren Arm verloren hatte. Ohne die Augmentierungen vor Horizon wäre sie heute ein Pflegefall und könnte selbstständig nicht mal aufs Klo gehen. Auch wenn er sie jetzt ziemlich gruselig fand. So seit vier Jahren um genau zu sein. Schneeweiße Haut und diese unheimlichen roten Augen. Und jetzt auch noch eine Glatze.
   Etwas gefasst gingen sie zu der Trauergemeinschaft zurück wo man neben den offenen Gräbern ein Rednerpult und eine kleine Leinwand aufgebaut hatte. Er war noch nie so richtig auf einer Beerdigung. Erst hielt ein Pfarrer eine ziemlich gute Rede über Abschied und den Tod und trat dann zurück. Als erstes war Emma dran und sie war sichtlich emotional geladen. Auf der Leinwand wurde ein Bild von seinem lächelnden Bruder gezeigt.
„Ich hätte nie gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem ich meinen Sohn zu Grabe trage. Ryan Solomon, der sein Leben lang immer ein bisschen unter dem Namen gelitten hat. Jack Ryan ist meine Lieblingsfigur und dass mussten meine beiden großen Söhne ausbaden. Söhne auf die ich stolzer nicht sein kann, umso mehr hat mich der Tod meines Sohnes Ryans zerrüttet. Die beiden sind diszipliniert und strebsam und wollen mit Leib und Seele Soldaten werden. Dafür haben sie jeden Tag hart trainiert. Und für ihren guten moralischen Kompass haben sie beide bezahlen müssen und Ryan leider mit dem Tode. Vielleicht kennen Sie ja das Video meines Bruders oder meiner Nichte.
Sie haben ehrenwert gegen unfair kämpfende Clowns angestanden und zwei unschuldige Mädchen verteidigt. Sie waren erfolgreich, sonst hätten wir heute noch mehr Tote zu beklagen. Nur leider war einem der vier Kinder das Weiterleben nicht vergönnt. Ich liebe meine Söhne über alles und der Verlust von Ryan zerreißt mir das Herz. Ich wünsche ihm, dass ihm seine Wünsche im nächsten Leben in Erfüllung gehen und er es genießen kann. Vielen Dank.“
Die Menge klatschte und Emma ging mit etwas wackligen Schritten zu ihrem Platz zurück. Als nächstes kam Johnny, der müde gewirkt hätte, wenn da nicht seine energetischen Augen gewesen wären.
   Er warf einen langen Blick auf das projizierte Bild seiner Frau bevor er sprach.
„Helena war die Frau meines Lebens und ich erinnere mich an den Tag, als sie als Neue zu uns in die Klasse kam und ich mich unsterblich in sie verliebt habe. Wir kannten uns gefühlt unser ganzes Leben lang und das Gefühl ohne sie an meiner Seite morgens aufzuwachen, es ist wie wenn dir etwas sehr wichtiges fehlt. Und ich kann mich nicht daran gewöhnen, es ist zersetzend. Wie ich es schaffe in der Zwischenzeit einen Megakonzern zu leiten ist mir unbegreiflich. Wie gewöhnt man sich daran, die beste Freundin und Ehefrau nicht mehr an seiner Seite zu haben? Ich weiß es einfach nicht. Und sie hat eine wunderschöne engelsgleiche Tochter hinterlassen. Der Tod hinterlässt viele offene Fragen und auf keine habe ich eine Antwort. Ich wünsche meiner besten Freundin und Ehefrau alles Gute auf ihrer Reise an einen besseren Ort und auf dass sie dort auf mich warten wird. Vielen Dank.“
Verhaltener Applaus. Jetzt war Wolfgang Bluhm an der Reihe, der gefasst wirkte.
Seine Tochter Mara war eine ausgesprochen hübsche junge Frau gewesen.
„Ich war in meinem Leben auf vielen Beerdigungen und ich habe keine wirklich gemocht. Ein Ort der schmerzenden herzzerreißenden Trauer. Ob man sich über den Tod freuen sollte ist auch eine gewagte Frage. Manche Kulturen scheinen das so zu handhaben, aber mir fällt keine namenhafte ein. Sehen wir Tod als Belastung oder als frohen Abschied an? Ich weiß es nicht. Mara war noch viel zu jung und hübsch und aufgeweckt. Sie hatte eine Jahreskarte für den Berliner Zoo und den in Berlin Solomon und sie besitzt einen Waran namens Karl, der seine Besitzerin schrecklich vermisst. Gibt es zufällig Reptilienfans unter ihnen? Ich und meine Frau sind es nämlich nicht, aber er tut uns leid. Er ist übrigens stubenrein, auch wenn wir bis heute rätseln, wie Mara das hinbekommen hat.
Zurück zu meiner kleinen Tochter. Sie hat sich trotz ihrer Jugend dazu entschlossen Personenschützerin zu werden und sie war sich des Risikos bewusst. Und sie wurde von den Clowns regelrecht zerfetzt. Eine verdammte Schande, dass man in unserer Nation so etwas erlaubt.
Alle paar Wochen sind wir auf einer Beerdigung und Deutschland sieht zu und macht nichts. Es ist entsetzlich. Hm, ich glaube sie hätte es sich gewünscht, wenn Karl ein neues Zuhause bekommt. Er ist so zahm und lieb wie sie. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“
Es wurde geklatscht und Liz Personenschützerin wischte sich eine Träne weg. Ach komm schon, so gut war die Rede jetzt auch nicht gewesen. Was kam jetzt. Häh? Kaz erhob sich und ging auf die Bühne zu, seine Mutter warf ihm einen fragenden Blick zu. Jack dachte nur mit einem unwohlen Gefühl an ihr Gespräch von vor ein paar Wochen.
„Damit hättet ihr wohl nicht gerechnet. Der Familientrottel, ich zitiere meine liebe Schwester, hat ein paar Sätze zu sagen. Übrigens fährt dieser Trottel das neue Omega Flaggschiff, den Avenger X5. Für das interessierte Publikum, der kostet mehr als ein Leopard 2 und weniger als ein Leopard 3, irgendwo in der Mitte. Teurer Spaß, aber der Leopard hat keine beheizten Ledersitze und braucht im Gegensatz zum Avenger einen Fahrer. Dafür hat die Großkatze die größere Kanone. Sie alle sollten sich einen zulegen, als Firmenwagen, vielleicht kann man den sogar von der Steuer absetzen.“
Aus dem Publikum kam vereinzeltes Gelächter.
„Jetzt aber zum ernsten Teil. Den kennen außer meinen Eltern nur meine Verlobte und ihre Eltern. Das ist übrigens meine Verlobte Anna, vielleicht kennt die wer. Und das ist Markus mit neun Jahren.
Er ist mein Sohn und er wurde vor zehn Jahren von den Clowns umgebracht. „Autounfall“ mit Fahrerflucht, einer der ersten Anschläge der Clowns, als die zumindest hierzulande noch nicht so bekannt waren. Er wäre jetzt neunzehn Jahre und mit der Schule fertig. Damals als Markus geboren wurde, war ich noch nicht bereit Verantwortung zu übernehmen und hab meiner damaligen Freundin und deren Eltern die Erziehung überlassen. Ich habe meinen Sohn oft besucht, aber nicht oft genug und an jenem schrecklichen Tag konnte ich ihn nicht beschützen. Wie fühlt es sich an sein eigenes Kind zu verlieren? Es ist das schrecklichste Gefühl der Welt. Ein Schmerz der mit Worten nicht zu beschreiben ist. Ich war so voller Wut und zerfressender Selbstvorwürfe. Ich bin kurz darauf ausgewandert und meine jetzt Verlobte auch, wenn auch nach einem großen Familienkrach. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen. Ich hab die USA bereist, mich aber in Texas niedergelassen und mir ein neues Leben aufzubauen versucht. Das ging ein paar Jahre ganz gut, dann hat mich meine Vergangenheit eingeholt und ich hab mit ein paar Freunden ein Mädchen gerettet, was an diesem Abend ihre ganze Familie verloren hat. Ich habe meinen Sohn im Stich gelassen, aber mir geschworen, es bei ihr besser zu machen und sie als meine Tochter adoptiert, danach wurde es alles ein bisschen komplizierter und eskalierte und ein paar Monate später stehe ich am Grab von drei hoch geschätzten Personen, die wir alle sehr vermissen. Geht der Schmerz irgendwann weg? Ich kann nur sagen, dass zehn Jahre nicht lang genug sind um die Toten zu vergessen. Aber mit der Zeit geht der Schmerz zurück, aber er wird wohl nie ganz verschwinden. Danke für ihre Aufmerksamkeit.“
Jack bemerkte wie seine Mutter weinte, ich wette das mit Markus wusstest du nicht.
Jetzt wurden die Urnen in die Gräber abgesenkt und jeder der Anwesenden trat vor und verabschiedete sich von den Toten. Nach einer Weile drehte Jack eine Rose zwischen den Fingern und starrte in das Loch mit der Urne seines geliebten Bruders hinab. Eine Leere erfüllte ihn und er stand einfach nur da. Kaz legte seinen Arm um ihn und starrte mit ihm zusammen in das Loch. Was er alles noch mit seinem Bruder hatte machen wollen. Sein Herz krampfte sich zusammen und Tränen liefen ihm plötzlich über die Wangen. Kaz umarmte ihn und Jack heulte sich an ihm aus, es war einfach alles zu viel für ihn. Er würde sich für seinen Bruder rächen und die Clowns jagen. Er war sich sicher, dass Kaz ihn dabei helfen würde. Aber er würde es heimlich machen. Er würde hart trainieren ein Geist zu werden, ein schwarzer Geist wie in Kaz Buch.
Er starrte auf die violette Rose und ließ sie ins Loch fallen, dann trat er vom Grab weg und ließ sich von seinem Onkel stützen. Sie gingen zu ihrer Familie zurück. Johnny trat vor.
„Da seid ihr ja wieder, es tut mir so Leid Jack. Und du Kaz hast wirklich den neuen Omega? Darf ich mir den mal ansehen.“ Emma boxte ihm in die Seite.
„Falscher Zeitpunkt Großer! Also ich habe jetzt Hunger. Unsere Trauerrunde trifft sich bei uns, wir haben ein Catering organisiert. Was hattet ihr Camper heute schon zum Essen?“
Als „Steak“ kam starrte Emma sie ratlos an und zuckte mit den Schultern.
Die anderen staunten nicht schlecht als der Avenger autonom vorgefahren kam und sich die Türen automatisch öffneten. Fast schon automatisch kletterten die drei Kinder in den Wagen und der Wagen fuhr zügig ab und hinterließ eine überraschte Menschenschar.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 18

18. Liz – 2.W. April 2045 – Mittwoch.

Liz saß auf einer Parkbank und verputzte die Reste eines superleckeren Fladenbrots mit frischem Falafel, Salat, Humus und Halumi Käse. So gut wie beim kleinen Laden in Potsdam Babelsberg neben dem S-Bahnhof, vielleicht sogar ein Stück besser. Vera saß entspannt neben ihr und aß ihren Falafel, es schien ihr sichtlich gut zu schmecken. Erstaunlich dass sie diesen Laden all die Jahre hier nie zu würdigen gewusst hatte. Die Nachrichten von Johnny lagen ihr immer noch schwer im Magen. Zu ihrer Überraschung schlief sie echt gut. Sie ließ zwar nicht alles schleifen, Sport machte sie immer noch jeden Tag, aber sie würdigte alles mit viel mehr Zeit als vorher. Vorher hatte sie nur wenige Stunden Freizeit in der Woche gehabt, jetzt den ganzen Tag. Ein komisches Gefühl und sie genoss jede Minute.
   Ihre Position in der Firma wurde von Amanda Hopf vertreten, eine sehr fähige und smarte Geschäftsfrau, Liz hatte schon ein paar Mal mit ihr gearbeitet und sie hatte einen richtig guten Job abgelegt. Auch wenn Johnny wahrscheinlich den freundschaftlichen Austausch mit Liz mehr genossen hatte, immerhin waren sie nach über zehn Jahren durchaus eng befreundet.
   Aber die Sache mit den Kids und Kaz war richtig dreist und unverschämt gewesen. Da betäubte ihr bester Freund seine Familie und schmuggelte Akira und Jack irgendwie vom Gelände. Und sagte auch keinem Bescheid. Und Emma war so durch den Wind gewesen, war sie im Grunde genommen immer noch, und machte sich so schreckliche Sorgen. Das Büro hatte ihr für den Monat freigegeben, denn nach der Sache mit Ryan und Kaz Aktion war sie nur noch bedingt in der Lage zu arbeiten.
Liz hatte ihre Freundin ein paar Male in ihrem Elternhaus besucht und die Ärmste war völlig aufgelöst und beinahe krank vor Sorge um ihren verbliebenen Sohn. Und sie war in Tränen ausgebrochen als sie erzählt hatte, wie schroff Jack und Kaz mit ihr am Telefon umgegangen war.
   Johnny war hingegen völlig gelassen. Sein Bruder wusste schon was ihm blühte, wenn seiner Tochter auch nur ein Haar gekrümmt würde, hatte er nur trocken gesagt.
   Liz wusste nicht was sie denken sollte. Ihr Freund verhielt sich sehr sonderbar. Sie hatte die letzten Reste seines Koffers ausgepackt und war über einen Brief gestolpert, der ihr schlicht das Herz gebrochen hatte, er hatte nämlich tatsächlich eine Andere und das schon seit seiner Schulzeit. Und das sie ein bildschönes topfittes Topmodel war half der Situation nicht die Bohne. Zumindest war sie ein Model gewesen, in den letzten Jahren war sie Fotografin geworden und entwickelte Brettspiele, die gar nicht mal so schlecht liefen. Gerade ihre, Annas, Schönheit und Gesundheit machten Liz total zu schaffen. Klar suchte sich dieser Hund die hübschere und gesündere und sie wurde links liegengelassen.
   Sie würde ihn nochmal anrufen, auch wenn er sich bisher nicht gemeldet hatte. Verflucht, er ging nicht ran. Verdammt nochmal. Er hatte eine Andere und sie lag hier im Sterben und würde in ein paar Monaten den Löffel abgeben. Und er würde erst in knapp drei Wochen wieder da sein, pünktlich zur Beerdigung. Sie hätte Amber so gerne wieder gesehen. Die Prognose hatte sich wieder verschlechtert und aus der Traumreise würde doch nichts werden. Zwei Wochen nach der Beerdigung hatte sie im Haus der Welt eine Etage für ein wahres Festmahl gebucht, sie würde ihren Abschied von allen feiern, bevor sie den Weg ins Ungewisse antrat. Die Welt würde sie sich im nächsten Leben ansehen müssen. Sogar ihre Familie würde für die Feier anreisen, ihre Mutter hatte völlig aufgelöst am Samstag angerufen und gesagt, dass sie das Schiff gerade auftankten und pünktlich zum Abschiedsessen ankommen würden.
   Sie würde Kaz und Amber dennoch alles vermachen. Der Kerl war zwar nicht völlig erfolglos, seine Bücher verkauften sich ziemlich gut, aber gerade an Johnny würde er nie herankommen, an Emma mit ihren weltweiten Büros wohl auch nicht. Er hatte auch Verwandte verloren und seine arme Tochter hatte alles auf einmal verloren. Und sie war eben zu hart zu Kaz gewesen, schließlich lag es ihm frei zu lieben wen er wollte. Und sie hatte ihre Chance damals ungenutzt verstreichen lassen. Selber Schuld meine Liebe. Sie waren beste Freunde, kein Paar. Auch wenn sie ab und an Sex hatten.
Nach der Feier würde sie ihre Koffer packen und in Veras Begleitung nach Russland aufbrechen. Aber sie wollte mit den beiden unbedingt noch ein paar Sachen angucken. Das BIT hatte Post geschickt, mit der Zusage für die Kleine, also würde es im Mai mit der Schule losgehen. Umso weniger gemeinsame Zeit mit diesem lieben kleinen Mädchen. Aber sie wurde schon ganz zerstreut, auf ihre „alten Tage“ ständig verschlampte sie ihre Sachen. Lippenstifte, Perücken, Kleidung, auch Schmuck. Entweder sie fand das Zeug irgendwo woanders oder es war einfach weg, es war so rätselhaft. Sie vermisste eine schwarze Bobperücke, eine aus Echthaar. Wo könnte die nur stecken?
Sie sah auf und warf ihre Serviette in den Mülleimer neben ihr. Sie warf einen Blick auf die künstlichen schwarzen Finger von Vera, die waren ihr immer noch ein bisschen unheimlich. Aber Vera war ausgesprochen nett und zuvorkommend. Liz hatte sie in einem Angestellten Einraum-Apartment einquartiert, in Maras altem Quartier. Die anderen drei Angestellten waren einigermaßen geschockt vom Tod ihrer Assistentin, immerhin war sie erst Mitte zwanzig gewesen. Suzi ertrank ihren Kummer im Alkohol und Sarah war schweigsamer geworden.
   Sie dachte an Kaz der irgendwo im Wald saß und wohl Militärrationen in sich reinstopfte, guten Hunger Arschloch.
„Vera, begleitest du mich in den Zoo? Ich will Scarletts Artgenossen bewundern.“
Vera nickte ohne zu zögern und stand auf. Jetzt würde Liz nach einer Überraschung für ihren doofen Freund Ausschau halten. Und danach ging es in das Tonstudio, das einem befreundeten Künstler in ihrem Haus gehörte. Jetzt wo sie Zeit hatte konnte sie auch die Gelegenheit nutzen und sich ihrem Lieblingshobby widmen. Seit Samstag spielte sie wieder Gitarre und Klavier und schrieb an ihren Songtexten. Leise werde ich diese Welt nicht verlassen!

Die Legende der schwarzen Geister – Kapitel 2

Lama Merten schreckte auf. Er war in tiefster Meditation versunken gewesen als ihn eine große unheilvolle Vision erreicht hatte. Er und seine Schülerin Luma schwebten in größter Gefahr. Gefährliche Mächte waren hinter ihnen her. Unheimlich und stark überlegen. Aber in seiner Vision hatte es auch Hoffnung gegeben. Jemand hatte ihn gerufen. Eine formlose Gestalt, ein Geist mit einer schillernden Aura. Er hatte ein Gebäude mit gigantischen Ausmaßen gesehen, mit einer riesigen kreisrunden Kuppel, irgendwo im Süden. Das Gebäude hatte wie ein sicherer Hafen gewirkt.
Vielleicht würde er dort diesen Geist finden.
   Er musste Luma finden, sie mussten sofort aufbrechen. Die Vision hatte sich grauenvoll real angefühlt.
   Lama Merten erhob sich und sah sich im Tempel um. Er hoffte inbrünstig er würde wieder hierher zurückkommen, denn die Bewohner des Dorfes brauchten ihn. Er war ihr Wächter für die letzten fünfundzwanzig Jahre gewesen. Er seufzte und strich fast schon wehmütig mit der Hand über einen der verzierten hölzernen Stützpfeiler.
   Er berührte den Anhänger an seinem Hals, einen der zylindrischen Gegenstände mit grüner abgerundeter Spitze den er vor gut zwei Jahrzehnten in einem magischen Würfel gefunden hatte. Er hatte den Mönchen und den Bewohnern der nahe gelegenen Dörfer und Klöster gezeigt, aber niemand hatte etwas damit anzufangen gewusst. Also hatte er ein Lederband daran befestigt und sich das merkwürdige Objekt um den Hals gehängt.
   Er bewegte sich etwas. Nach dem langen Sitzen war er etwas steif. Ja so langsam spürte er das Alter in seinen Knochen. In nicht allzu ferner Zukunft würde er ein alter Greis sein. Was dann wohl aus seiner Schülerin werden würde?
   Sie war viel zu schnell erwachsen geworden. Und jetzt würde sie ihn bald verlassen wollen, er spürte es. Er hoffte er hatte sie über die Jahre gut auf ihre Lebensreise vorbereitet.
Heute schenkte er dem Altar mit den Geschenken aus dem Dorf keine Beachtung. Sie hatten noch mehr als genug Vorräte als sie auf ihre Reise mitnehmen würden können.
   Er wusste nicht wohin die Reise gehen würde, aber er kannte die Richtung: Süden.
Vom Tempel war es nicht weit zur Höhle, die er mit seiner Schülerin zusammen bewohnte.
Der Stein mit der Inschrift, hatte sich in der ganzen Zeit kein Stück verändert. Luma hatte einmal versucht, die Inschrift zu entziffern, aber recht schnell aufgegeben. Hartnäckigkeit und Geduld waren nicht gerade ihre Tugenden. Eine ziemliche Hürde, wenn man den Lehren des Dalalonischen Buddhismus folgen wollte. Aber in den bisherigen Jahren hatte sie sich gut geschlagen.
Allerdings missfiel es ihm, dass sie sich mit übermäßigem Eifer in die Erlernung des waffenlosen Kampfes stürzte, aber ihre anderen Aufgaben weniger konzentriert erledigte.
Er dachte an diesen Emmet, von dem seine Schülerin seit nun etwa fünf Jahren andauernd sprach. Er war etwas älter als sie und ihren Schilderungen zufolge ein echter Abenteurer und Draufgänger.
Lama Merten war diesem Emmet noch nie begegnet, aber schon von den Erzählungen her konnte er ihn nicht ausstehen. Ein Abenteurer war seiner Schülerin unwürdig, fand er.
   Er zwängte sich durch den Spalt in die Höhle. Alter hin oder her, dünner war er zumindest nicht geworden. Die Höhle war leer. Lumas Schlafstätte mit dem großen Tigerfell und der Wolldecke sah benutzt aus. Sie war also schon wach. Neben dem Feuer standen benutzte Töpfe und Essgeschirr. Missbilligend schüttelte er mit dem Kopf. Ordnung war nicht gerade ihre Stärke.
Er lehnte seinen Stab an die Höhlenwand und ging mit dem dreckigen Geschirr nach draußen. Wenn seine Schülerin sich nicht darum kümmerte würde er es halt machen.
   Er hörte das Wasserrauschen bevor er den kleinen Wasserfall sah, als er den Weg bergauf entlang ging. Der Wasserfall rauschte etwa dreißig Fuß in die Tiefe in einen kleinen See klaren eiskalten Wassers. Und dort war Luma. Seine Schülerin kniete am Ufer des Sees und rührte mit einem seltsam geformten Pinsel in einer kleinen Schüssel. Dann schmierte sie ihren Kopf mit einem feinen weißen Schaum ein. Er erreichte sie in dem Moment als sie das scharfe Messer aus der Scheide nahm.
„Was machst du da ehrenwerte Schülerin?“
Sie sah nicht auf und begrüßte ihn auch nicht.
„Ich führe das Reinigungsritual durch, was sonst.“
„Was ist dieses Zeugs mit dem du dich eingeschmiert hast“
„Rasierseife“
„Warum das?“
„Das macht den Prozess um einiges angenehmer. Ihr solltet es auch probieren ehrenwerter Meister.“
„Das Reinigungsritual soll dich lehren deinen Körper zu spüren. Es soll kein angenehmer Prozess sein!“
„Auf Hautirritationen und andere Unannehmlichkeiten habe ich aber langsam keine Lust mehr!“
Lama Merten war fassungslos und wusste nicht was er erwidern sollte.
„Woher hast du diese Seife?“
Fragte er stattdessen.
„Emmet hat sie mir aus der Stadt mitgebracht. Dort ist es Gang und Gebe, dass man Seife zum Rasieren verwendet. Keine Ahnung warum die Mönche es immer so umständlich machen müssen.“
Wieder diese elende Emmet. Aber was sollte er mit diesem bockigen Mädchen machen. Zumindest war er froh, dass sie das Reinigungsritual überhaupt noch durchführte. Auch auf die Gefahr hin, dass sie Aufsehen erregte, wenn sie auf Reisen ging. Mönche waren überall gesehen, aber ein Mädchen ohne Haare war eine Rarität.
   Mädchen dieser Region in ihrem Alter trugen die Haare lang und parfümiert, Luma hingegen lief stolzen Hauptes umher und schien sich an dem Umstand ihrer mangelnden Haarpracht nicht zu stören. Ob es daran lag dass er sie schon in allerfrühster Kindheit an das regelmäßige Reinigungsritual gewöhnt hatte?
„Was gibt’s“
Fragte sie.
„Wie bitte?“
„Warum bist du hier?“
„Um dir mal wieder hinterher zu räumen.“
Er deutete auf das Geschirr in seinen Händen.
„Ups. Das wollte ich später noch machen. Konnte ja nicht ahnen, dass du so früh wieder zurück bist.“
„Man sollte immer sofort nach dem Essen abspülen.“
„Ich hatte aber heute keine Lust darauf!“
Er stellte das Geschirr auf dem Boden ab und verschränkte die Hände. Ihr bockiges Verhalten nagte an ihm. Was hat er denn nur falsch gemacht?
„Dann mach es wenn das Ritual abgeschlossen ist.“
„Och Manno, warum könnt ihr es nicht schnell machen, wenn ihr schon mal hier seid ehrenwerter Meister?“
„Keine Widerrede. Und komm dann zurück zur Höhle, wir müssen packen.“
Bei den Worten hielt sie wie erstarrt in der Bewegung inne und blickte zu ihm hoch.
„Warum ehrenwerter Meister?“
„Weil ich kürzlich eine Vision hatte, die von einer großen Gefahr gewarnt hat.“
„Und weil Ihr eine Vision habt müssen wir sofort alles stehen und liegen lassen und auf irgendeine Reise gehen. Wohin überhaupt?“
„Nach Süden.“
„Prima. Absolut nicht unpräzise wie Sau.“
Er riss erschrocken die Augen auf. Sie fluchte! Das tat sie eigentlich nie.
„Und was soll im SÜDEN sein?“
„Ein großes Gebäude mit einer hohen Kuppel. Da müssen wir hin.“
„Toll und genauer ging es nicht? Außerhalb von Dalalonien trifft das im Süden doch auf gefühlt jedes zweite Gebäude zu.“
Resigniert seufzte er und beschrieb ihr die ganze Vision.
„Böse Mächte die hinter uns her sind. Toll. Kann es nicht mal was erfreuliches sein? Zum Beispiel meine Hochzeit?“
Beim letzten Satz war ihm, als er hätte er sich verschluckt. Heiraten? Wen denn, etwa diesen Emmet?
Luma hatte sein Gesicht gesehen und lachte auf.
„Aber Meister, das war doch nur ein Spaß. Bevor ich heirate will ich erst die Welt sehen!“
Aber ihre Aussage schloss nicht aus, dass sie diesen Emmet heiraten würde. Ihm schauderte.
„Aber wie können Geister Auren haben? Die sieht man doch eigentlich gar nicht.“
Er zuckte nur mit den Schultern. Vielleicht war das mit den Geistern anders zu interpretieren gemeint.
„Es gibt viele merkwürdige Dinge und Geschehnisse, die man nicht in Worte fassen kann. Nicht alles in dieser Welt kann man begreifen.“
„So wie Vögel die brennend aus dem Himmel fallen?“
Er starrte sie irritiert an.
„Ihr redet im Schlaf ehrenwerter Meister. Was hat es mit diesem brennenden Vogel eigentlich auf sich? Und warum ist das Ganze so wichtig?“
Er war wie erstarrt und suchte nach Worten. Dass war weder der richtige Ort noch der Zeitpunkt um zu erzählen wie er sie gefunden hatte.
   Da wurde er plötzlich erlöst. Ein heller Pfiff ertönte.
Wie auf Kommando ruckten sie beide mit den Köpfen und spähten in dir Richtung aus der Pfiff gekommen war.
   Dahinten sprang eine Gestalt über ein paar Felsbrocken und eilte über Steine springend auf sie zu. Jetzt konnte sie Lama Merten besser erkennen.
   Eine Echse. Eine ziemlich große Echse um genau zu sein. Von der Kopfform her war es ein Waran. Fast schwarz mit beigen Flecken und Streifen. Das war einer von den großen Waranen die sich in den letzten Jahrzehnten in Dalalonien stark verbreitet hatten aber eher in den wärmeren Talregionen lebten. Hier in den Bergen waren sie ein seltener Anblick.
   Der Waran trug eine kurze Hose, keine Schuhe und eine Pistole steckte im Wadenholster. Kletterausrüstung, Kompass, und ein magisches Licht waren am Gürtel eingehängt. Graues kurzärmliches Oberteil mit einem Brustgurt, in dem ein Messer steckte. Dazu ein großer prall gefüllter Wanderrucksack.
   Der Waran schien noch ziemlich jung zu sein, etwa in Lumas Alter. Wer zum Henker war das denn?
„Emmet!“ rief Luma freudestrahlend.
Lama Merten war als stünde er unter Schock. Dieser Waran war also dieser Emmet, von dem Luma immer berichtete und den sie anscheinend heiraten wollte. Resigniert zuckte er mit den Schultern. Wenn das mit den beiden schon so lange ging konnte er wohl nichts dagegen tun.
Emmet erreichte sie und Luma warf sich ihm in die Arme.
Luma war für eine Frau recht groß, aber Emmet war trotzdem noch etwa einen Kopf größer.
Sie lösten die Umarmung und Luma stellte sich neben Emmet und lächelte etwas verlegen.
„Ehrenwerter Meister, das ist mein Freund Emmet von dem ich euch so viel erzählt habe.“
Lama Merten nickte grimmig.
„Warum ist er hier?“
„Weil ihr in größter Gefahr seid!“
Luma verdrehte die Augen.
„Nicht du auch noch. Was ist es denn diesmal?“
Emmet sah sie überrascht an, mit dieser Reaktion schien er nicht gerechnet zu haben. Aber er fasste sich schnell wieder.
„Meine Mutter hat mich kontaktiert. Sie hat mir von einer Gruppe von neun schwer bewaffneten Männern, größtenteils große Warane und einer Frau …“
Er zögerte.
„ … aus Metall berichtet, die sie zum Kloster Nehab gebracht hat. Von dem was meine ehrenwerte Mutter mitbekommen hat sucht die Gruppe einen Mönch, der in Begleitung es kleinen Mädchen ist. Die Gruppe führt nichts Gutes im Schilde.“
Lama Mertens Inneres verkrampfte sich. Er war im Kloster Nehab aufgewachsen und hatte dort viele Jahre verbracht. Es war bestimmt kein Zufall, dass man dort mit der Suche angefangen hat.
„Wenn wir jetzt sofort aufbrechen können wir uns einen guten Vorsprung erarbeiten und untertauchen. Bis sie eure Spur aufgenommen haben, wird hoffentlich noch viel Zeit vergehen.“
„Nein. Wir müssen nach Süden!“
Lama Merten war strickt. Die Vision war vorrangig vor allem anderen.
„Warum das ehrenwerter Lama?“
„Ich hatte eine Vision, die mir gezeigt hat, dass wir schnellstens nach Süden aufbrechen müssen.“
„Bitte erzählt mir von eurer Vision ehrenwerter Lama.“
Zufrieden, dass wenigstens eine Person an seiner Vision interessiert war, erzählte er von seiner Vision.
„Die Beschreibung sagt mir was aber ich weiß nicht mehr an was mich das erinnert. Ich werde sofort meinen Vater um Rat fragen, er weiß viele Sachen.“
Eine Frage stand plötzlich im Raum.
„Wie hat dich deine ehrenwerte Mutter überhaupt kontaktieren können? Kloster Nehab ist hunderte Meilen von hier entfernt!“
Misstrauisch beäugte er den jungen Waran. Der warf einen irritierten Blick zu Luma, die nur genervt mit den Augen rollte, und wandte sich dann an ihn.
„Hier, damit.“ Damit stellte er den Rucksack ab, griff in ein Fach und förderte ein seltsames schwarzes Objekt zutage. Ein kleines recht flaches rechteckiges Ding mit einem Tastenfeld und einem dicken Stab am oberen Ende. Lama Merten hatte keine Ahnung was das sein sollte, er hatte es nicht so mit technischen Apparaturen.
„Ein Satellitentelefon. In diesen Regionen mit kaum Funktürmen höchst praktisch.“
„Ein was bitte?“
Lama Merten starrte das schwarze Ding in Emmets Händen ungläubig an. Das sollte ein Telefon sein? Er wusste was ein Telefon war. Unten im Dorf gab es eins, aber das war riesig und klobig und befand sich in der Poststation. Er hatte es ein paar Mal benutzt um Rat in einem anderen Dorf oder Kloster zu fragen. Aber wie konnte ein Telefon tragbar und so winzig klein sein? Er verstand die Welt nicht doch nicht mehr so richtig.
„Ein Satellitentelefon.“
Wiederholte Emmet unsicher.
„Ok, ich rufe kurz meinen Vater an.“
Und damit tippte er auf dem Telefon herum und entfernte sich ein paar Schritte.
„Und wir beide gehen runter und packen“ sagte Lama Merten in entschiedenen Ton.
„Nein. Ich werde das Ritual durchführen und mich dann ums dreckige Geschirr kümmern.“
Trotzig sah sie ihn an.
   Er seufzte und warf einen Blick auf Emmet. Dann zuckte er erneut ratlos mit den Schultern und ging zurück zur Höhle um mit dem Packen anzufangen.
   In der Höhle angekommen sah er sich ratlos um. Diese Höhle war sein Zuhause für fünfundzwanzig Jahre gewesen und es kostete ihn Überwindung sie nun aufgeben zu müssen. Seine Vision war in dieser Hinsicht zwar vage gewesen, aber tief in ihm drin wusste er, dass er nie an diesen Ort zurückkehren würde.
   Er nahm sich seinen Rucksack und füllte ihn mit den Sachen, die ihm nützlich erschienen. Die Kletterausrüstung würde er wahrscheinlich nicht gebrauchen, aber er nahm sie trotzdem mit. Die Decke, die ihm seit Urzeiten gute Dienste bereitete, würde natürlich mitkommen. Ebenso wie das Essgeschirr, was Luma vermutlich gerade abwusch.
   Und sein Stab durfte natürlich nicht fehlen, was war nur eine Reise ohne Wanderstab.
Er merkte nicht wie die Zeit verstrich, denn plötzlich vernahm er Schritte und Luma, das saubere Geschirr in den Händen, und Emmet, der sich staunend umsah, kamen herein.
„Ich habe meinen Vater erreicht. Er weiß um welches Gebäude es sich handelt. Es ist das größte Theater der bekannten Welt und befindet sich südlich von uns, wenn auch sehr weit weg. Dort soll in etwa drei Wochen eine Weltversammlung aller Könige, Regenten und Staatsoberhäupter stattfinden.
Mein Vater meinte wir können es in dieser Zeit dort hin schaffen. Was meint ihr ehrenwerter Lama, war in eurer Vision von einer Versammlung die Rede?“
Lama Merten dachte angestrengt nach.
„Ich kann es nicht genau sagen, aber ich würde es nicht abstreiten wollen.“
Emmet strahlte.
„Super. Dann sollten wir sofort aufbrechen. Mein Vater erwartet uns in seinem Laden in der Stadt.“
Lama Merten strahlte nun ebenfalls. Luma war überstimmt. Seine Schülerin warf einen resignierten Blick auf ihre Schlafstätte.
„Das Tigerfell werde ich wohl hierlassen müssen, oder?“
„Ja Luma, aber wir finden bestimmt Ersatz wenn wir eine neue Bleibe gefunden haben.“
Tröstete sie Emmet.
Luma schniefte etwa, riss sich dann aber zusammen und fing an zu packen. Nach einer halben Stunde waren sie fertig und Aufbruch bereit. Sie gingen aus der Hölle und warfen einen Blick auf das Tal unter ihnen. Jetzt würde es kein Zurück mehr geben. Luma warf einen Blick zurück und lief dann los. Emmet übernahm die Führung und Lama Merten bildete den Schluss.

Die Legende der schwarzen Geister – Kapitel 1

Sie spürte die warme Berührung der Sonnenstrahlen auf ihrer Wange und blinzelte. Sie war noch nicht richtig wach und nicht ganz bei der Sache. Aber Moment mal, jetzt dämmerte es ihr, wenn die Sonne schon so hoch stand um in ihr Zimmer zu scheinen hatte sie ganz schrecklich verschlafen!
Schlagartig war sie wach und saß aufrecht im Bett. Auf der Wanduhr las sie die Zeit ab. Es war schon elf! Oh nein, dabei hatte sie sich doch fest vorgenommen im Morgengrauen aufzustehen und mit Tacitus die Pflanzen zu gießen und im taufrischen Gras zu meditieren.
   Sie war wütend auf sich selbst und darauf, dass sie sich keinen Wecker gestellt hatte, aber den brauchte sie ja sonst auch nicht.
   Sie beruhigte sich und verlangsamte ihre Atmung. Tacitus hatte ihr gelehrt, dass Aufregung verschwendete Energie war und in der konzentrierten Ruhe die Kraft lag. Ruhig atmete sie ein und aus und schloss dabei die Augen. Nach ein paar Minuten öffnete sie wieder die Augen und nahm achtsam ihre Umgebung war. Da bemerkte sie den angenehmen Geruch von reifen Mangos und Orchideen im Raum. Dort auf dem flachen Tisch stand eine kleine Schale mit Mango Stücken, daneben ein Schälchen Joghurt und ein Teller mit gerösteten Fladenbroten.
   Jetzt knurrte auch ihr Magen. Tacitus musste ihr diese kleine Mahlzeit zubereitet haben. Sie lächelte, ihr Lehrer war sehr zuvorkommend. Normalerweise wäre sie nach dem Aufstehen in die Küche gegangen um selbst eine Mahlzeit zuzubereiten, immer für sie beide, denn nur an sich selbst zu denken war ein ungutes Zeichen. Tacitus war aber nicht nur ihr Lehrer sondern auch ein guter Koch und es war ihm eine Freude jeden Tag aufs Neue köstliche Herrlichkeiten zu backen und zu kochen.
   Mit Genuss dachte sie an die köstlichen Nester aus feinem Teig, mit Nüssen und süßem Honig. Die hatten sie gestern gebacken und zum Nachmittagstee serviert. Aber es waren noch viele übrig und warteten in einem Korb in der Küche.
   Sie erhob sich von dem prächtigen goldgelben Tigerfell und schlüpfte in ein leichtes Kleid aus feiner Seide. Dann setzte sie sich an den flachen Tisch, betete kurz und verbeugte sich vor dem Tablet mit der einfachen Speise. Sie aß mit den Fingern. Dazu trank sie klares kühles Wasser.
   Sie stellte sich vor wie wundervoll das Wasser, das frisch aus einer Quelle sprudelte wohl schmecken mochte. Tacitus hatte erzählt, dass die reinsten Wasser aus den hohen Bergen stammten, von denen einige so hoch waren, dass sie den Himmel berührten.
   Wie gern hätte sie einmal die großen Berge gesehen, bisher hatte sie nur davon gelesen. Ihr Lehrer musste die ganze Welt bereist haben. Er erzählte ihr so viele Geschichten von seinen Reisen, Expeditionen und Abenteuern.
   Die Mangos waren schön süß und das Fladenbrot pikant gewürzt. Der Joghurt war schön kalt, frisch und lecker, den bereiteten sie selbst zu. Im Kühlschrank unten in der Küche standen noch etliche Gläser damit. Den verwendeten sie auch für erfrischende Getränke und leckere Speisen.
Und dann war das letzte Streifen Fladenbrot und das letzte Stück Mango verschwunden und sie sah sehnsüchtig in die Ferne.
   Sie dachte an die leckeren Fleischbällchen, die sie gestern Abend gegessen hatten. Was es wohl heute zu Essen geben würde?
   Das Tablett in den Händen stand sie auf und ging die Wendeltreppe hinunter in die Küche. Dort stellte sie das Geschirr in das Spülbecken und wusch ab. Das tropfnasse Geschirr legte sie zum Trocknen auf ein Gestell aus Metalldraht.
   Sie sah aus dem Fenster nach draußen. Der Garten war sehr schön geworden. Große Hochbeete wechselten sich mit Reihen von kleinen Bäumen und verschlungenen Beeten mit tropischen Zierpflanzen und Orchideen ab. Der eine Teil des Gartens diente der Ruhe und der Meditation, der andere um nutzbare Pflanzen anzubauen.
   Den Mittelpunkt des Gartens stellte einen mittelgroßer, heiliger Baum dar. Feine goldene Adern durchzogen die Rinde des Baums und schienen schwach zu pulsieren. Tacitus hatte gesagt es sei ein Götterbaum, der nur in den tiefsten Teilen des undurchdringlichen Regenwaldes wuchs und von den Indianern dort verehrt wurde.
   Der Götterbaum war ihr Meditationsort an dem sie morgens und abends meditierten.
Sie trat nach draußen die kurze Steintreppe, deren Stufen von der Sonne aufgeheizt waren, und lief über den gepflasterten Hof in den Garten. Die Pflanzen waren schon längst gewässert und strahlten im warmen Sommerlicht.
   Jetzt war es noch nicht so warm in der Sonne, nachmittags würde es in der prallen Sonne nicht mehr auszuhalten sein. Sie lief mit leichten Schritten über die gepflasterten Wege zwischen den Beeten hin zu der Stelle wo Tacitus unter dem Baum saß. Ganz leise näherte sie sich ihm und setzte sich neben ihn ins gestern frischgemähte Gras. Sie wollte ihn auf keinen Fall bei seiner Meditation stören, sie wollte nur ein bisschen in seiner Nähe sein.
   Sie machte sich Sorgen. Ihr Lehrer war alt geworden, die Schuppen waren verbleicht, die Augen getrübt und er hatte in den letzten Jahren stark abgenommen, lose Hautfalten hingen an ihm herab und die Arme und Beine waren sehnig geworden.
Er war über achtzig Jahre alt, was für einen Kaiman sehr beachtlich war. Dennoch hatte ihm das Alter nichts von seiner Würde und seiner Kraft genommen. Er bewegte sich langsam und bedächtig, konnte aber immer noch flink und reaktionsschnell im meditativen Tanz sein.
Sie lauschte dem ruhigen tiefen Atemzügen ihres Lehrers und schloss die Augen, sie synchronisierte ihren eigenen Atem mit dem seinem und glitt geistig dahin. Sie liebte die Meditation, die damit eigehende Ruhe und Konzentration und die Verbundenheit mit den kosmischen Strömen der Welt die man dadurch erreichte.
   Nach einer Weile schlug sie die Augen wieder auf und blinzelte, ihr Lehrer war verschwunden. Sie musste grinsen, er machte zwar einen gebrechlichen Eindruck aber bewegte sich lautlos und geschmeidig wie eine Katze wenn er es darauf anlegte.
   Sie hatte eine ziemlich genaue Ahnung wo er sich jetzt aufhielt.
Der Meditative Garten war größer als der Nutzgarten und in der Mitte befand sich ein großer Teich den eine schmale Brücke überspannte und an dessen einen Ende stand ein kleiner Tempel mit geschwungenem Dach. In dem Tempel hatte ihr Lehrer einen kleinen Altar erreichtet auf den er ein gerahmtes Bild mit dem Bildnis seines Sohnes gestellt hatte. Er betete jeden Tag für ihn und seine Familie.
   Wie es wohl sein musste von seiner Familie getrennt zu sein? Das betraf sie auch, denn sie hatte keine leibliche Familie. Keinen Vater, keine Mutter und keine Geschwister. Sie war ganz allein.
Hier waren nur die Wachen, die Diener und die Weißkittel.
   Tacitus nicht zu vergessen, er war das einzige bisschen Familie dass sie besaß!
Leise trat sie ins Zwielicht des Tempels und gewöhnte ihre Augen an die Dunkelheit.
Vor dem Altar saß ihr Lehrer im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen. Er summte eine langsame traurig klingende Melodie.
   Er schien sie nicht zu bemerken und sie hatte nicht vor das zu ändern.
Sie setzte sich unten an den Teich in den Schatten eines Kirschbaumes und beobachtete die Fische im Teich.
   Sie wusste nicht wie lang sie da nun schon saß aber auf einmal spürte sie wie er hinter ihr stand. Er bewege sich wirklich lautlos. Er setze sich neben sie ans Ufer und streckte die Spitze seines langen Schwanzes ins seichte Wasser.
„Der Tag fängt mit einem sonderbaren Ereignis an“
Die tiefe volle Stimme formte die Worte langsam und bedächtig.
Sie furchte die Stirn, was das wohl zu bedeuten hatte?
„Auf meiner meditativen Reise hatte ich einen erfüllenden Traum. Ich sah eine Ankunft und einen Abschied.“
Sie erstarrte. Das Wort ‚Abschied‘ ließ sie heftig zusammenfahren.
„Ehrenwerter Lehrer, meint ihr euch wenn ihr von Abschied sprecht?“
Für ein paar Minuten herrschte Stille.
„Sowohl als auch. Ein Abschied kann auch die Vorboten eines Aufbruchs und einer nahenden Ankunft verkörpern.“
Ihr wurde kalt und es fühlte sich an würde sich tief in ihr etwas zusammenkrampfen. Tacitus durfte nicht gehen! Er war ihr Lehrer und ihr Freund. Sie kannte ihn schon ihr halbes Leben.
„Ihr dürft noch nicht gehen, ihr habt mir doch noch so viel zu zeigen und zu erzählen!“
Tacitus lachte leise und sah sie mit fröhlichen Augen an.
„Ich bin alt geworden, meine Liebe, und die Zeit verrinnt mir zwischen den Fingern. Ich habe dich nicht alles gelehrt was ich weiß, aber ich habe ein Fundament geschaffen, auf dem du aufbauen kannst. Andere werden kommen und gehen und dich in deinem Leben begleiten und dir Dinge beibringen, die ich dich nicht lehren konnte. Meine Zeit ist nun gekommen und eine letzte Reise gilt es anzutreten.“
Es brach ihr das Herz, das er so offen über seinen bevorstehenden Tod sprach.
„Man spürt die Bewegung, die in deiner Seele vorgeht. Du hast Angst vor dem was kommt und kannst dich nicht von dem Lösen was ist und was war. Keine Angst, mein Kind, du wirst lernen damit umzugehen und dich auf das Ungewisse vor dir zu freuen.“
„Wann wirst du gehen?“
Hoffentlich nicht zu früh, damit sie noch ein paar schöne letzte Tage mit ihrem Freund und Lehrer verbringen konnte.
„Im Morgengrauen. Morgen“
Das war zu viel für sie. Sie schniefte und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wie es überhaupt nicht seine Art war drehte sich Tacitus zur Seite und nahm sie in den Arm. Seine Umarmung war fest aber sanft und er wiegte leicht mit dem Körper während sie heftig schluchzte.
„Seit tapfer meine Liebe. Du bist sehr stark geworden und gut vorbereitet auf das, was noch vor dir liegt.“
Damit löste er die Umarmung und erhob sich langsam.
„Lass uns durch den Garten und zum Haus gehen. Uns stehen heute viele Aufgaben bevor, dieser letzte Tag soll ein langer und fröhlicher werden“
Er zwinkerte ihr zu und ging langsam los, einen Schritt vor den anderen setzend und den Schwanz über den Boden schleifend.
   Sie wischte sich die Tränen weg und lief ihm nach. Es war nicht schwer ihn einzuholen, so langsam und bedächtig wie er den Weg entlang der Brücke entgegen schritt.
„Ehrenwerter Lehrer wohin werdet ihr Reisen?“
„Ich werde mich auf eine lange Reise begehen und einen alten Freund von mir besuchen“
Antwortete ihr Tacitus ohne Hast.
„Könnt ihr mir von ihm erzählen?“
„Sicher mein Kind, aber später, nun lass uns etwas beeilen, wir haben heute noch viel vorzubereiten“
Ihr behagte es nicht, dass er sie auf später vertröstete, aber sie hörte auf ihn mit Fragen zu bohren und trottete ihm traurig nach.
   Gedankenverloren spiele sie mit ihrem Anhänger, den sie an einem Lederband um den Hals trug. Es war ein Zahn, er war Tacitus vor einigen Jahren ausgefallen. Er hatte mit feiner Schrift das Wort ‚Glück‘ in verschiedenen Sprachen darauf eingeritzt und ihn ihr als Glücksbringer geschenkt.
Sie hatte sich außerordentlich über das Geschenk gefreut und legte den Anhänger niemals ab, auch nicht zum Waschen.
„Hast du dich heute eigentlich schon einer gründlichen Reinigung unterzogen, meine Schülerin?“
Ups. Nein hatte sie nicht, sie war nach dem Frühstück gleich hinunter in den Garten gelaufen.
„Nein ehrenwerter Lehrer, ich werde es sogleich nachholen“
„Lass dir dabei Zeit, der Tag ist noch lang und wir haben keine Eile“
Doch, dachte sie verkniffen. Es war der letzte Tag. Jede Sekunde, die sie nicht an der Seite ihres Freundes und Lehrers verbringen konnte, war Zeitverschwendung. Aber Tacitus war stur also eilte sie an ihm vorbei ins Haus um sich frisch zu machen.
   Die Dusche war eine tolle Erfindung und bei der Hitze draußen genoss sie wie das lauwarme Wasser auf sie niederprasselte. Sie wusch Haut und Haare mit einer feinen Seife, spülte die Seife aus und drehte den Wasserhahn wieder zu. Eilig trocknete sie sich ab und schlüpfte in ihre Sachen.
Als sie zu Tacitus stieß war er gerade dabei Zutaten vorzubereiten. Der Herd war schon vorgeheizt.
Auf einem Tablet in einer schattigen Nische waren die Sachen für den Nachmittagstee vorbereitet und in einer Deckelschale vermutete sie die übrigen Gebäckstücke vom Vortag.
„Heute Abend wird es zum Abschied ein großes Festmahl geben. Mit mehreren Gängen. Hauptgericht, Vorspeise, Nachspeise und Beilagen. Die Zutaten sind bereits eingekauft worden und warten auf uns.“
Er lächelte weise und winkte sie zu sich heran.
„Du, mein Kind, fängst mit den Früchteküchlein an, das geht schnell und ist eine gute Übung um warm zu werden.“
Sie verdrehte die Augen, ihre zugewiesene Aufgabe war total einfach und wenig anspruchsvoll.
Ihr Lehrer würde sich bestimmt um die komplizierten Gerichte kümmern während sie mit dem Kleinkram festsaß.
„Deine Gedanken verraten dich meine Liebe. Ich nahm an eine einfache Speise ist ein guter Anfang und du hast den Kopf frei um meinen Worten zu lauschen. Eine lange Erzählung liegt vor uns.“
Er zwinkerte ihr zu und sie spürte wie ihre Ohren rot wurden.
Sie wusste einfach nicht wie er das machte. Als sie ihn gefragt hatte, ob er ihre Gedanken lesen könnte hatte er verneint und nur gemeint, dass das Lesen von Strömungen etwas komplizierter als das sei. Daraus war sie nicht schlau geworden, denn er hatte zwar eigentlich verneint aber irgendwie schon gesagt dass er sie lesen konnte. Aber er hatte ihr nie gezeigt wie man Ströme las. Er hatte sie auf später vertröstet. Tja, jetzt würde er es ihr nie beibringen. Resigniert zuckte sie mit den Schultern und suchte nach den Zutaten für die Küchlein.
   Tacitus hob die Stimme und sie horchte auf.
„Ich glaube es ist an der Zeit dir eine letzte Geschichte zu erzählen. Die von meinem besten Freund und unseren gefährlichen Abenteuern“
Sie frohlockte, sie liebte Tacitus Berichte seiner Abenteuer. Wo es wohl heute hingehen mochte?
„Die Umstände unserer ersten Begegnung sind nicht näher zu nennen, wir sind uns mehr oder weniger gegenseitig in die Arme gestolpert. Er war auf der Flucht vor einigen Ganoven und ich bin ihm, einem mir völlig Fremden, zu Hilfe geeilt. Zusammen haben wir die Ganoven überwältigt und abgehängt. Er hat mir gedankt und mich gefragt ob ich ihm bei einer Sache unterstützen würde. Ich als junger Mann, durstig nach Abenteuern und Gefahr, habe ihm sofort zugesagt.“
Tacitus lachte leise und lächelte.
„Damals war ich noch sehr ungestüm und habe vor einer Entscheidung nicht lange nachgedacht und mich immer wieder in waghalsige Unternehmungen gestürzt ohne an die Folgen zu denken. Ich habe das Gefühl mein jüngeres ich und du, immer sehnsüchtig nach Abenteuern suchend, hättet euch gut verstanden.“
Er zwinkerte ihr wohlwollend zu und sie errötete erneut, zu viel Wahrheit lag in seinen Worten.
„Fahren wir fort. Mein neuer Freund nannte sich Jonah, ich nehme an das war nicht sein richtiger Name, und er war ein Abenteurer wie er im Buche stand. Immer auf der Suche nach dem nächsten großen Abenteuer, intelligent, verwegen und gerissen. Und er hatte eine sehr seltene Gabe. Er ging mit den Schatten.“
Sie starrte ihn verständnislos an, was sollte das den jetzt wieder sein?
„Ah ich sehe du bist aufmerksam. Mit den Schatten zu gehen ist schwierig in Worte zu fassen. Man nennt diese Begabten auch Leerenwanderer oder schwarze Geister und sie können in eine andere Ebene der Realität eintreten. Ein dieser Ebene können sie sich schneller bewegen als in der Realität, schneller laufen, höher und weiter springen. Und sie können durch Wände gehen. Einem Leerenwanderer entkommt man nicht und er wird immer dann attackieren wenn du am wenigsten mit ihm rechnest.“
Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Gleichzeitig wünschte sie sich diese Fähigkeit herbei, dann könnte sie über den Wassergraben springen und durch die hohe Wand hindurchschreiten.
„Ich weiß was du gerade denkst und man kann es dir nicht übelnehmen. In meinem Traum habe ich gesehen, dass du in deinem Leben einmal einem Leerenwanderer begegnen wirst. Allerdings werdet ihr euch erst treffen, wenn er sich dir zeigen will.“
Sie kannte diese Träume ihres Lehrers, oft gingen sie in Erfüllung, aber nicht immer und sie hatte keine Hoffnung jemals aus ihrem Gefängnis auszubrechen.
„Oh, wenn du dies alles hier als Gefängnis betrachtest, hast du noch nie ein echtes Gefängnis von innen gesehen. In den meisten darfst du dich glücklich schätzen wenn du einen Eimer für deine Notdurft hast.“
Er gluckste während sie sich angewidert schüttelte.
„Es mag stimmen dass du hier für den Moment hier festsitzt, aber du bist noch sehr jung und in einer nicht allzu fernen Zukunft könnte sich dies vielleicht ändern. Träume sind nie sehr genau, aber mein Gespür sagt mir, dass noch vor Winteranfang große Dinge geschehen werden.“
Fast ein Jahr also noch. Sie seufzte resigniert. Es war gerade Mal frühester Frühling. Außerdem: wie sollte sie eine so lange Zeit ohne ihren Freund und Lehrer überstehen?
„Ich weiß deine Sorgen zu schätzen, aber der Zeitpunkt unseres Abschieds war vorherbestimmt und auch wenn es mich schmerzt, dich verlassen zu müssen, muss ich gehen. Mit der Zeit werden andere kommen um meinen Platz einzunehmen. Außerdem bin ich im Geiste immer bei dir wenn du im Schatten eines Götterbaums meditierst. Ich habe gesehen, dass du auf deinen Reisen Bäumen dieser Art begegnen wirst.“
Es war zum aus der Haut fahren. Ihr Lehrer sprach immer von ihren zukünftigen Reisen, aber nie davon wann und in welcher Realität das denn der Fall sein sollte.
„Meine ehrenwerte Schülerin ist noch sehr jung und unerfahren, aber du wirst es mit der Zeit verstehen und dich gut darauf vorbereiten können.“
„Aber ich bin doch gar nicht mehr jung! Ich werde im Herbst fünfunddreißig!“
„Und das ist für eine Angehörige des Elfenvolkes mit ihrer langwährenden Jugend nicht sehr viel! Du wirst erst mit fünfzig oder sechzig Jahren erwachsen werden. Dir ist ein großes Privileg wiederfahren, dass du in diese Spezies geboren wurdest. Nur wenigen ist es vergönnt ein so langes Leben führen zu dürfen.“
Sie machte sich klein, ihre unüberlegten Worte hatten Tacitus verärgert und er war sonst die Ruhe in Person und stand wie ein Fels in der Brandung.
„Entschuldige meine Worte ehrenwerter Lehrer, ich habe unklug gehandelt.“
Sie verschlang die Hände vor der Brust und verbeugte sich. Ihr Lehrer lachte.
„Schon gut mein Kind. Ich weiß, dass du mit deiner Jugend immer noch ein sehr ungestümes Naturell hast. Fahren wir fort. Jonah hat mir erzählt er sei auf der Suche nach den Wassern des Lebens und das er nicht der einzige auf dieser Suche sei. Er hatte einen Widersacher, einen alten Mann, der sein ganzes Leben schon nach diesem Wasser gesucht hat. Jonah schärfte mir ein sich vor ihm in Acht zu nehmen. Man nannte den alten Mann den Inquisitor und er hatte in seinem Leben eine lange Spur aus Tod und Verderben hinter sich hinterlassen. Ihm folgte eine große und schwerbewaffnete Schar von Anhängern. Und sie waren gut ausgerüstet, sie hatten Luftschiffe und Panzer. Sie waren schwer in der Überzahl und besser ausgerüstet, wir hatten nur unsere Pistolen und ein paar Messer. Was wir nicht an Kampfkraft aufbieten konnten hatten wir dafür aber unsere Schläue und so waren wir auf der Jagd nach der Quelle immer einen Schritt, so klein er auch war, voraus. Jonah hatte Hinweise auf die Quelle in einem alten Archiv gefunden. Hach, ich kann gar nicht sagen wie lang unsere Jagd andauerte, zweifellos viele Wochen. Unsere Reise führte uns von dicht besiedelten Metropolen durch gefährliche Sümpfe, undurchdringliche Regenwälder und hoch in die höchsten Gebirge der bekannten Welt.“
„Entschuldigung wenn ich dich unterbreche ehrenwerter Lehrer, aber warum sprecht ihr von der bekannten Welt.“
Tacitus schmunzelte und schien einen Moment nachzudenken.
„Wir sitzen auf einem kaum in Worte fassbar großem Planeten im All. Um uns kreisen mehrere Monde und wir haben einen eigenen Asteroidengürtel. Aber im Grunde genommen kennen wir die Welt über uns besser als die in der wir leben. Auf den Karten die wir haben ist nur die nördliche Hemisphäre verzeichnet, über die südliche Hemisphäre sind noch nicht einmal Gerüchte und Mythen bekannt. Die beiden Hemisphären sind durch den ‚Gürtel‘ abgetrennt. Einem über tausend Kilometer breitem Streifen unberührtem Regenwald. Man spricht von gigantischen Bäumen, einer absolut tödlichen Fauna und Flora, seltsamen Ruinen und vergessenen Völkern. Viele Abenteurer und Expeditionen sind in den Gürtel aufgebrochen, von keiner hat man je wieder etwas gehört.
Man sagt es ist der Ursprungsort des Glaubens der Metall Sekte und anderer obskurer Glaubensrichtungen.“
Sie hörte nur mit einem Ohr zu und schwelgte in Gedanken. Sie versuchte sich eine so lebensfeindliche Welt vor ihrem inneren Auge vorzustellen.
„Ich sehe du hörst nicht zu. Hör auf in fernen Gedanken zu schwelgen, sondern wach durchs Leben zu gehen. Vielleicht wirst du auf deinen Reisen irgendwann auch dem Gürtel einen Besuch abstatten.“
Sie schluckte, auf eine Reise ohne Wiederkehr hatte sie eigentlich nicht so große Lust.
„Darf ich jetzt weiter von meinem Abenteuer berichten meine Liebe?“
Sie nickte eifrig.
„Wir haben die Gipfel der höchsten Berge erklommen, besuchten alte vergessene Tempelanlagen auf der Suche nach dem nächsten Hinweis. Irgendwann gerieten wir in große Schwierigkeiten, Jonah stürzte beim Klettern ab und beim Versuch ihn zu bergen scheiterte ich und wir wurden verschüttet. Da kamen uns wie durch ein Wunder Menschen eines abgelegenen Dorfes zu Hilfe und bargen mich und meinen Freund. Sie erwiesen große Gastfreundschaft uns gegenüber und pflegten uns wieder gesund. Allerdings dauerte unsere Genesung eine Weile und in dieser Zeit konnte unser Gegenspieler aufholen. Als wir den Dorfbewohnern erzählten wir seien auf der Suche nach den Wassern des Lebens und müssten vor unserem Widersacher dort ankommen, waren unsere Retter erschüttert und voller Angst. Sie sagten, dass niemand diesen verfluchten Ort aufsuchen dürfe. Die Wächter seien unerbittlich und würden den Tod nicht fürchten. Sie beschrieben uns die Wächter und wir malten sie uns als grauenvolle abstoßende Monster vor,“
er lachte leise,
„wir waren noch jung und unsere Köpfe voller Fantasie. Dann waren wir an der Reihe zu erzählen und wir berichteten von dem Inquisitor und von dem Leid dass er verursachte wohin er auch ging. Dieser Mann würde vor nichts zurückschrecken um sich zu holen was er wollte. Er würde die Wächter einfach beseitigen und sich das Wasser an sich reißen um dadurch unvorstellbare Macht zu erreichen. Die einfachen Dorfbewohner waren zutiefst erschüttert und erzählten uns von einem geheimen Zugang unter dem Berg mit dem wir als erste in die namenlose Stadt kommen würden. Du musst wissen dass diese Dorfbewohner schon seit vielen Jahrhunderten eine Art Bündnis mit den Wächtern der Quelle haben. Der erste Sohn einer jeden Familie dieses Dorfes und anderer Dörfer der Region würde als Schüler in die namenlose Stadt geschickt um die Reihen der Wächter zu verstärken. Was auch immer diese Wächter sein mochten sie waren einst Brüder und Söhne und Enkel der Dorfbewohner gewesen und diese waren nun in großer Sorge um ihre Angehörigen.
Wir haben uns also ausgerüstet und sind den geheimen Pfad entlang geeilt. Es war eine verwunschene Reise durch die Tunnel, Höhlen und Grotten hindurchzugehen, aber wir hatten keine Zeit um zu verweilen und um uns einige der Wunder die wir entdeckten näher anzusehen, schließlich galt es einen bösen Mann aufzuhalten. Wir erreichten die Stadt bei Morgengrauen. Die Stadt liegt in einem Talkessel, der ringsherum von hohen unerklimmbaren Bergen umgeben war. Wir waren völlig erstaunt eine tropische Flora und Fauna vorzufinden. Selbst kleinere Tiger sahen wir, als wir ins Innere der Stadt vordrangen. Die Tempelstadt war unfassbar alt und in einer Bauweise erbaut, die es in dieser Region eigentlich nicht geben dürfte. Erstaunlicherweise war alles noch gut erhalten und wirkte stellenweise sogar bewohnt. Nur nirgendswo waren die Bewohner der Stadt zu sehen. Es wirkte als hätte man uns erwartet und alles planmäßig verlassen, denn nach einer Hast sah das nicht aus, dafür war alles viel zu ordentlich und zu sauber. Wir erreichten unerwartet schnell das Zentrum der Stadt, aber wir spürten dass wir nicht allein waren, aus dem Dunkel spürten wir ihre Blicke wie spitze Stacheln. Als die zentrale Tempelburg in Sicht kam hörten wir es. Donnernde Motoren. Der Inquisitor mit seinen mächtigen Flugschiffen hatte uns eingeholt. Uns war klar, dass wir hoffnungslos unterlegen waren und wir beschlossen uns in die Burg zu schleichen und abzuwarten.
Der Inquisitor landete mit seinem Flaggschiff unweit der Burg und er kam mit seiner handverlesenen Elite heraus. Gegen die hatten wir in der direkten Konfrontation nicht den Hauch einer Chance.
Die anderen Flugschiffe landeten um die Soldaten, die Panzer und die Ausrüstung abzusetzen, dann zogen sie sich wieder in luftige Höhen zurück und suchten mit ihren mächtigen Bordwaffen Himmel und Boden ab. Wir waren uns im Klaren, dass wir hier wahrscheinlich nicht lebend rauskommen würden. Also haben wir alles auf eine Karte gesetzt und sind dem Inquisitor und seinen loyalsten Soldaten in den Tempelgarten gefolgt. In der Mitte des Parks ist ein großer Götterbaum, der größte und älteste, den ich je in meinem Leben gesehen habe und sehen würde und vor ihm ein kleiner See. 
Der Inquisitor hatte sich gerade an der Quelle der Wasser des Lebens, die am Fuße des Götterbaumes entsprang, hingekniet um daraus zu schöpfen, da erschienen sie: die Wächter der Quelle. Sie waren ganz und gar anders als wir es uns in unseren kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Es waren Mönche hohen Wuchses in langen bunten Gewändern und mit kahlgeschorenen Köpfen, einige hatten lange Stäbe in den Händen. Sie hatten uns umzingelt. Dutzende wenn nicht hunderte von Mönchen, die in den Schatten standen und uns beobachteten. Der Inquisitor rief etwas und seine Garde eröffnete das Feuer, aber die Kugeln schienen die Wächter gar nicht zu treffen. Wir nutzten die Gelegenheit und eröffneten das Feuer auf die Gardisten, die einer nach dem anderen unter unserem Kugelhagel fielen. Dann war nur noch ihr Anführer übrig, er lachte uns aus und schrie uns ins Gesicht, dass wir zu spät gekommen wären, er hätte die Quelle zuerst erreicht von ihr getrunken. Da waren die Wächter um uns und überwältigten uns. Wir sahen nur noch wie zwei Wächter den Inquisitor packten und in den Wassern des Lebens ertränkten. Was für eine Ironie, im Wasser des Lebens zu ertrinken. Wir wachten nach einer Weile auf, aber nicht in der Tempelstadt sondern in einem Kloster. Die Mönche dort erzählten wir seien gerade noch mit dem Leben davon gekommen. Wächter der Wasser hatten uns hergebracht, sie hielten uns für würdig. Von dem Inquisitor und seiner kleinen Armee fehlte jede Spur. Sie hatten wohl in der Tempelstadt ihr Ende gefunden. Die Mönche im Kloster waren sehr zuvorkommend und haben uns aufgenommen. Der Winter hatte inzwischen eingesetzt und an einen Abstieg war nicht zu denken, erst im Frühjahr mit der Schneeschmelze wäre der Weg wieder frei. Ich und mein inzwischen guter Freund Jonah haben im Kloster die Lehren des dalalonischen Buddhismus erlernt. Am Ende blieben wir über den Frühling hinaus und mehrere Jahre in dem Kloster bei den Mönchen. Dann kam die Zeit des Abschieds, wir ließen das Kloster und seine Bewohner hinter uns und beschlossen Dalalonien zu bereisen. Viele Jahre später hatte ich eine Vision die mir aufwies, dass sich unsere Wege trennen und wir jeder für sich die Welt bereisen würden. Der Abschied fiel uns beiden sehr schwer, aber wir versprachen uns in unseren Träumen zu besuchen.“
„Wie kann man sich in einem Traum besuchen?“
„Das kann man wenn man die höheren Bewusstseinsebenen erreicht und seinen Geist von seinem Körper trennen kann, so kann man ungeheuer weite Entfernungen zurücklegen. Manchen gelingt es sogar in diesem Zustand die Umgebung um sie herum, andere die bloße Zeit zu manipulieren.“
Sie staunte mit offenem Mund.
„Ehrenwerter Lehrer, werde auch ich irgendwann diese Stufe der Meditation erreichen?“
„Ich habe keinen Zweifel daran. Allerdings werde ich auf diesem Abschnitt deiner Reise nicht mehr dein Lehrer sein. Ein anderer wird meinen Platz einnehmen und dich das lehren, was ich nicht konnte.“
„Ich will aber keinen anderen Lehrer außer euch“
rief sie bockig. Geduldig und abschätzend betrachtete Tacitus sie.
„Es gibt viel zu lehren, was ich euch zu lehren nicht im Stande bin. In meinen Träumen sah ich einen Leerenwanderer, der dir vieles beibringen wird. Und einen weisen Mönch aus dem fernen Dalalonien.“
„Aber Ihr sprecht immer wieder zu von euren Träumen und den großen Reisen, die ich in meinem zukünftigen Leben bestreiten werde. Ich komme hier doch niemals raus, ich habe alles schon probiert!“
„Es gibt Wege, die dir noch nicht sichtbar sind, aber mit der Zeit wirst du lernen sie zu sehen. Besinn dich auf deine Ausbildung in der dalalonischen Meditation und du wirst den richtigen Weg finden. Glaube an dich selbst mein Kind.“
Sie sackte in sich zusammen und schniefte.
„Wie lang werde ich hier warten müssen? Ihr sagtet bis zum Ende des Jahres, das ist doch noch so viel Zeit und alles ohne euch an meiner Seite.“
„Die Welt dreht sich nicht so schnell wie du dir vielleicht wünschen würdest, aber sie bewegt sich nichts desto trotz. Dinge müssen erst in Gang gesetzt werden bevor du deren Auswirkungen spüren kannst. Ich spüre, dass die Welt im Umbruch ist. Große Nationen und mächtige Königreiche treffen aufeinander und rasseln mit den Säbeln.“
„Welchen Platz habe ich in all dem?“
„Du wirst schon sehen. Eine lange und gefährliche Reise steht vor dir und an ihrem Ende steht Freiheit und Freundschaft.“
Sie nickte resigniert.
„Was passierte, nachdem ihr euch von eurem Freund getrennt hattet?“
Tacitus hielt inne und sah sie an als wüsste er nicht von was sie das sprach.
„Ah, die Geschichte. Ich reiste in den Süden und besuchte das Königreich der Kaimane, meine Heimat. Ich erzählte den Kaimanen dort von meinen Abenteuern, aber traf nur auf taube Ohren. Nur eine hörte mir zu. Sie war jung und lechzte nach Abenteuern so wie ich einst. Wir reisten ein paar Jahre durch die Welt und begeisterten uns für fremde Länder, deren Bewohner und Kulturen.
Dann wurde sie im tiefen Dschungel von einem Tiger schwer verletzt und wir konnten nicht mehr reisen. Wir ließen uns nieder. In einer Stadt nahe eines großen Handelskontors. Einem Knotenpunkt für Güter und Personen. Dort gab es einen sehr großen Lufthafen. Die großen grauen Warane leben sehr zurückgezogen in ihrem Land und sind abweisend gegenüber Fremden. Niemand darf sie besuchen. Aber sie wiederum sind Touristen und Eroberer der Welt. Mit ihren Flugzeugen, Hornets genannt wenn ich mich recht erinnere, sind sie die Herren der Lüfte. Viele von ihnen sind böse und grausam. Nehmen von anderen ohne zu geben. Zerstören, ohne für die Schäden zu bezahlen. Sie sind nicht sehr gerne gesehen, aber jeder will was sie an Waren verkaufen. Fortschritt und Wohlstand.
Ihre Hornets finden Abnehmer überall auf der Welt. Und ihre Allianz mit den Salamandern in den großen Vulkanen versorgt sie mit ungeheuren Mengen an Rohstoffen und Metallen.
Sie sind ein feiges Volk. Kämpfen nicht mit Ehre sondern lassen ihre überlegenen Waffen für sich sprechen. Die Kaimane tun gut daran sich nicht auf den Handel mit den großen Grauen einzulassen.“
Sie war verblüfft, niemals hatte sie ihren Meister mit einer derartigen Verbitterung in der Stimme erzählen gehört.
„In diesem Hafen landeten Hornets ebenso wie die Luftschiffe und Flugzeuge der anderen Nationen und Länder. Die Luft auf dem Kontor schien immer zu knistern und Schlägereien zwischen den Mannschaften waren an der Tagesordnung. Der Handel und die Politik waren nie so ganz zu trennen.
Aber es war schön dort. Die Atmosphäre in den Wohnquartieren war angenehm, jeder kannte sich und war auf du miteinander, die Siedlung war mitten im Grünen mit viel Wasser drum herum.
Dort ließen wir uns nieder. Ich suchte mir eine Stelle, die Suche war schwierig aber schließlich heuerte ich als Lagerarbeiter an. Das brachte Geld ins Haus und meine Gefährtin konnte sich in Ruhe von ihren Wunden erholen. Nach einer Weile probierten wir Nachwuchs zu zeugen. Die erste Geburt schlug fehl und stürzte uns in ein Tal der Hoffnungslosigkeit. Ich besann mich auf meine Lehren und wir überstanden die Krise gemeinsam und gingen daraus gestärkt hervor. Beim zweiten Anlauf ging alles gut und sie gebar einen Jungen. Wir nannten ihn Argos. Für eine Weile lief alles gut, Meine Gefährtin kümmerte sich um Argos Erziehung und ich arbeitete im Hafen. Dann bekam ich eine Anstellungen auf einem der großen Frachter. Die Bezahlung war um ein Vielfaches besser, aber ich musste meine Familie im Stich lassen. Nach langer Diskussion waren wir uns einig, ich würde die Stelle nehmen, denn sie würde Argos Schule finanzieren. Die Jahre vergingen und nur die regelmäßigen Briefe und die Traumwanderungen waren mein Kontakt zur Heimat zu meinem Sohn und meiner Gefährtin. Nur selten konnte ich meine Familie zuhause sehen. Auf einmal ging alles schief. Der Frachter wurde eines Tages von Piraten attackiert und wir mussten schwer beschädigt notlanden. Nur wenige Besatzungsmitglieder, mich eingeschlossen, überlebten den Absturz. Wir kämpften uns mehrere Wochen lang durch den Dschungel. Als ich nach Hause kam fand ich einen wütenden Argos vor. Meine Gefährtin war urplötzlich schwer krank geworden und vor wenigen Tagen verstorben. Mein Sohn warf mir vor meine Gefährtin im Stich gelassen zu haben und dass mich die Familie und er gar nicht interessieren würde. Argos war damals schon ein junger Mann und kurz vor Beendigung der Schulausbildung. Wir verbrannten den Leichnam meiner Gefährtin, das halbe Dorf kam um sich von ihr zu verabschieden. Ihre Asche wurde in den Tiefen des Dschungels zu Füßen eines Götterbaums vergraben. Viele Seelen werden auf diese Art bestattet. Man sagt die Toten verbinden sich mit den Wurzeln des Götterbaumes und das man mit den Toten sprechen kann wenn man im Schatten eines Götterbaumes meditiert.“
Jetzt dämmerte ihr etwas.
„Ehrenwerter Lehrer, meditiert ihr deshalb jeden Morgen unter dem Götterbaum in unserem Park? Um mit eurer ehrenwerten Gefährten zu kommunizieren?“
Tacitus lächelte geheimnisvoll.
„Man mag wohl sagen, dass es möglich sei mit den Wesen anderer Sphären zu reden. Mit meiner ehrenwerten Gefährtin habe ich ein paar Mal gesprochen, sie hat mir immer noch nicht verziehen sie im Stich gelassen zu haben. Aber wo waren wir. Argos und ich hatten ein schwieriges Verhältnis, ich war der Vater, den er nie kennen gelernt hatte und nur aus Briefen und Erzählungen kannte.
Mit der Zeit kamen wir ganz gut zurecht. Dann war er mit der Schule fertig und ich habe der feierlichen Ehrenzeremonie beigewohnt, mein Sohn war einer der besten seines Jahrgangs.
Dann kam er eines Tages freudestrahlend nach Hause gelaufen. Er habe ein Stipendium für die Akademie erhalten. Es würde bedeuten, dass er von zuhause weggehen und mich zurücklassen würde. Es brach mir das Herz meinen Sohn, den ich nur so kurze Zeit gekannt habe, fortgehen zu lassen. Aber ich ließ ihn ziehen. Argos wollte Pilot werden und genau das wurde er. Er hat Zeit seines Lebens Hornets geflogen. Eines Tages erhielt ich die Nachricht, dass Argos Hornet in den hohen Bergen zerschellt aufgefunden worden war, von meinem Sohn keine Spur. Ich gab alles auf und floh in den Wald um unter dem Götterbaum zu meditieren. Ich habe auf meinen spirituellen Reisen überall nach ihm gesucht aber nirgends finden können.“
Tacitus hielt inne und eine einzelne Träne rollte seine Wange hinab.
„Ich hielt keine Trauer ab sondern besuchte meinen Freund. Nicht nur spirituell sondern auch real. Ich reiste mehrere Wochen durch den tiefen Dschungel bis ich ihn wieder traf. Wir waren beide alt geworden. Er hatte viel meditiert und die Wälder und ihre Bewohner studiert. Er sagte er sei sich und seiner Umgebung klarer geworden. Jonah berichtete von seinen Abenteuern. Er habe fünf andere Leerenwanderer gefunden und mit ihnen für die großen Grauen gekämpft. Aber das war nur von kurzer Dauer gewesen und mittlerweile seien sie in alle Winde zerstreut. Sein ‚Bruder‘ würde eine mächtige Organisation leiten und seine ‚Kinder‘ erlebten große Abenteuer. Er hatte keine leiblichen Kinder, da besonders begabte Lebenswesen wie die Leerenwanderer unfruchtbar sind. Aber er kümmerte sich um die Kinder der Eingeborenen. Wir meditierten gemeinsam in Gedanken nach meinem verschollenen Sohn  Argos. Gemeinsam erreichten wir die letzten Winkel der Welt. Und wir fanden ihn. Wie einst wir beide war er von Mönchen gefunden und in einem nahen Kloster gesundgepflegt. Dieser Gedanke beruhigte mich zutiefst aber ich beschloss meinen Sohn sein eigenes Leben führen zu lassen und ihn nicht zu besuchen. Ich lebte viele Jahre mit meinem Freund in den Wäldern. Wir unternahmen einige gemeinsame Reisen und erkundeten die Reste einer alten Zivilisation, aber wir spürten langsam das Alter unseren Knochen und die Reisen waren nicht mehr so wild wie früher. Eines Tages waren wir auf einer Reise ins Herz des Waldes um einen der ältesten Götterbäume der bekannten Welt zu besuchen. Wir erreichten den Baum, der in einem Hain aus jüngeren Götterbäumen stand, und meditierten am Fuße seines Stammes. Da hatte ich eine Vision von einem kleinen Mädchen auf der anderen Seite der Welt. Sie war ohne Freund und Lehrer und driftete ziellos umher. Und man hielt sie gefangen um sie zu beobachten, sie hatte etwas Sonderbares an sich, als wäre sie nicht ganz von dieser Welt. Es hatte sich ein neuer Weg für mich eröffnet, eine neue Bestimmung für einen alten Mann wie mich. Ich erzählte meinem Freund davon und er überzeugte mich davon sofort aufzubrechen und keine Zeit zu verlieren. Er gab mir ein außerordentlich wertvolles Geschenk mit, den Samen eines Götterbaumes. Ich reiste viele Monate bis ich dich hier in deinem Garten erreichte. Zu meiner Überraschung ließ man mich gewähren und bat mich herein. Das war meine letzte Reise. Den Rest meiner Geschichte kennst du nur zu gut, denn wir sind diesen Weg gemeinsam gegangen.“
Und nun war die letzte große Geschichte zu ende. Sie schniefte etwas.
„Und nun lass uns den Tisch draußen vorbereiten, das Essen ist fertig.“
Sie fuhr zusammen. War wirklich schon so viel Zeit vergangen? Ja draußen dämmerte es schon. Tacitus hatte den großen Teil des Tages erzählt während er emsig feine Speisen zubereitet hatte. Sie selbst hatte gar nicht richtig bemerkt wie die Zeit an ihnen vorbeigeflogen war, so sehr hatte sie sich aufs backen und zuhören konzentriert.
   Sie stand auf, wusch sich die Hände und ging nach draußen in die kühle Frühlingsluft und deckte den großen flachen Tisch. Tacitus brachte ein großes Tablett mit der Vorspeise. Frisches Obst und Gemüse, feine Fruchtsoßen, Joghurtspeisen und pikant gewürztes Brot.
   Vor dem Essen meditierten sie still und beteten gemeinsam. Sie sprachen während des Essens nicht. Sie musste sich am Riemen reißen um das Essen nicht in sich reinzuschlingen. Aber das Essen war so gut und sie würde nie mehr die Kochkünste ihres Lehrers genießen können. Sie hatte sich zwar ein zwei Sachen abgeguckt, aber richtig gut kochen konnte sie noch nicht. Sie blieb er bei den einfachen Speisen.
   Die Teller und Platten für die Vorspeise wurden abgeräumt und sie deckten die Hauptspeise auf. Bergeweise Reis, angebratenes Gemüse und verschiedene heiße Soßen, mal vegetarisch mal fleischhaltig. Dazu gab es fluffige Fladenbrote mit feinen Sößchen.
Sie nahm sich herzhaft von allem erkannte aber bald, dass sie niemals alles schaffen würde. Aber da war ja auch noch Tacitus. Normalerweise war ihr Lehrer bei seinen Mahlzeiten sehr bescheiden, nun aber aß er mit ungewohnter Inbrunst und sichtlichem Appetit.
Zum Essen tranken sie klares Wasser und eine spritzige Limonade aus Zitronen, Orangen und Wasser mit Kohlensäure.
   Tacitus hatte sich ein Glas feinen Reisschnapses eingeschenkt. Er hatte ihr auch davon angeboten, aber nachdem sie nur an dem Glas roch wurde ihr schon schummrig. Sie lehnte dankend ab und er steckte die Flasche leise lachend wieder ein.
„Dieser Schnaps ist nichts für eine ehrenwerte junge Dame wie meine Schülerin. Aber ich lasse ihn dir da. Ebenso wie meine übrigen Sachen.“
„Warte ehrenwerter Lehrer, ihr reist ohne euer Gepäck?“
„Dahin wo ich zu reisen pflege brauche ich keine weltlichen Besitztümer.“
„Lasst ihr auch eure Flöte da?“
Sie liebte das Flötenspiel ihres Lehrers, sie hatte nie gedacht welche göttlichen Melodien man einem Stück geschnitzten Holz entlocken konnte und sie würde es definitiv vermissen.
„Oh meine Flöte, das hätte ich beinahe vergessen. Warte hier mein Kind, ich werde sie holen und darauf spielen. Auf ein Abschiedskonzert muss ich bestehen.“
Er erhob sich bedächtig, sein Bauch wirkte schon gut gefüllt, und schritt mit bedächtigen Schritten in die Dunkelheit. Er würde eine Weile weg sein, die Flöte war oben im Turm verstaut und Tacitus war im Alter nicht mehr so der große Freund des Treppensteigens.
Sie nutzte die Gelegenheit und tat sich noch eine Portion auf auch wenn sie das Gefühl hatte gleich platzen zu müssen. Hoffentlich würde es eine Pause zwischen dem Hauptgang und dem Nachtisch geben. Sie wollte den Nachtisch entsprechend zu würdigen wissen, aber das ging nicht mit vollem Bauch. Das Beste war aber noch das fluffige Fladenbrot mit den Soßen. Sie trank einen Schluck Limonade und vertrat sich kurz die Beine. Nicht dass sie das lange Sitzen durch das viele Meditieren nicht gewöhnt wäre, aber sie war unruhig geworden. Es war schon dunkel geworden und in Tacitus Abwesenheit zündete sie die Lampen rings um die Terrasse an.
   Als sie sich wieder hinsetzte näherte sich Tacitus gerade mit seiner langen Flöte mit dem gebogenen Mundstück. Er stellte die Flöte vorsichtig auf den Boden und ließ sich langsam nieder, dann trank er einen großen Schluck klares Wasser bevor er sich räusperte.
„Entschuldigung meine Liebe, mir war entfallen wo sich das wehrte Objekt befand und musste etwas suchen. Aber jetzt bin ich hier. Ich würde vorschlagen, dass meine ehrenwerte Schülerin ihren Teller in Ruhe aufisst und sich dann konzentriert mit geschlossenen Augen hinsetzt. Lass dich auf die Klänge der Flöte ein, lass dich fallen, dich werden die Melodien durch deine Träume leiten.“
Entgegen seiner Bitte verschlang sie das Essen uns setzte sich dann mit verschränkten Beinen hin und schloss die Augen.
   Tacitus sprach nicht sondern setzte die Flöte zum Spielen an und blies ins Mundstück.
Die Laute, die aus der Flöte drangen, waren nicht von dieser Welt. Sie ließ sich in Gedankten treiben und löste sich langsam Schritt für Schritt von der realen Welt. Erst sah sie nichts, dann weißen Nebel und aus diesem Nebel formten sich Bilder.
   Sie war über den Wolken, um sie herum donnerte es und Holzsplitter regneten auf sie herab. Gestalten bewegten sich um sie herum, sie wusste nicht ob Feind oder Freund. Gestänge stützten Arme Brust und Beine und sie waren schwarz von Kopf bis Fuß.
   Schnee! Schnee soweit das Auge reichte. Sie verlor den Halt unter den Füßen und stürzte, hinab in das weiße Nichts.
   Dann wachte sie auf und starrte in das Antlitz einer stolzen starken Tigerin die sie wie im Tanz umkreiste. Sie brüllte ihr ins Gesicht, fast wie aus Furcht.
   Sie sah einen Schatten. Groß schlank und schwarz wie die Nacht, ein Leerenwanderer. Er lächelte ihr zu und seine Silhouette löste sich vor ihren Augen in schwarze Rauchschwaden auf.
Sie war umgeben von Dschungel und vor ihr trat ein junger Kaiman aus einem rauchspeienden Ungetüm. Tacitus! Sie rief nach ihm aber er drehte sich nicht um sondern ging weiter bis in der weiße Dampf verschlang.
   Schlagartig öffnete sie die Augen und hatte das Gefühl wie aus großer Tiefe aufzutauchen.
Tacitus beobachtete sie interessiert und setzte die Flöte ab.
„Was hast du gesehen mein Kind?“
„Dinge die ich kaum beschreiben kann weil ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. Ich war über den Wolken, im Schnee und im Dschungel. Sag, ehrenwerter Lehrer, habe ich meine Zukunft gesehen?“
„Deine Vision mag vieles bedeutet haben. Ob es deine Zukunft gezeigt hat wird nur die Zeit zeigen. Aber es ist außerordentlich erstaunlich mit welcher Leichtigkeit du in die höheren Bewusstseinsebenen gelangt bist, begleitet von der Musik. Nur die Wenigsten lernen so schnell.
Bald wirst du die höchste Ebene erreichen und deinen Geist von deinem Körper trennen können.
Dann wirst du die Welt im Geiste bereisen können. Aber das ist nach meiner Zeit.“
„Ich habe einen schwarzen Geist gesehen, er hat mir zugelächelt und ist dann verschwunden. Was hat das zu bedeuten? Außer das ich vielleicht einmal einem Geist begegnen werde.“
„Die Deutung von Visionen ist eine schwierige und nicht sehr akkurate Kunst, es gibt zu viele Eventualitäten um die Zukunft in ihrem Ganzen zu beobachten.“
Er betrachtete das Instrument in seinen Händen.
„Vielleicht wirst du irgendwann lernen dieses Instrument zu spielen.“
Zärtlich strich er über die Oberfläche des Instruments und legte es mit großer Sorgfalt neben sich auf den Boden.
„Der Korpus der Flöte ist aus einem Ast eines Götterbaumes geschnitzt. Ich fürchte das Instrument ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Dankeswerter Weise haben die Elfen hier in dieser Region keinen Blick dafür und haben sich die Flöte nicht nochmal genauer angesehen. Nun lass uns das Gedeck abtragen und die Reste versorgen, du wirst noch genug Essen für die nächsten Tage haben, wenn ich nicht mehr für dich kochen kann. Aber du bist ein schlaues Mädchen und hast dir bestimmt abgeguckt, wie man das ein oder andere Rezept kocht.“
Er schmunzelte und räumte die Schalen und Teller auf ein großes Tablet. Mit geröteten Ohren kam sie seinem Vorbild nach und räumte Sachen in die Küche.
   Nach den Aufräumarbeiten fegte sie den Tisch ab und sie deckten den letzten Gang. Früchte, Nüsse, Früchteküchlein, süße Quarkspeisen und Gebäck mit Nüssen und Honig. Dazu gab es heißen Tee und klares kaltes Wasser.
Als sie sich wieder gesetzt hatten räusperte sich Tacitus.
„Wir hat dir meine Geschichte von vorhin gefallen?“
Sie zuckte etwas in sich zusammen, mit der Frage hatte sie ehrlich gesagt nicht gerechnet.
„Uh, ich liebe die Schilderungen eurer Abenteuer und es hat mich gefreut euren Freund kennengelernt zu haben. Ich fand es faszinierend, dass der Inquisitor trotz seiner Macht und seiner Mittel am Ende trotzdem gescheitert ist. Ich würde so gerne reisen und andere Kulturen und Länder kennenlernen, so wie ihr ehrenwerter Lehrer.“
„Die Gier führt wie so oft ins Verderben. So viele andere Schatzjäger und Abenteurer sind gescheitert wo wir Erfolg hatten. Uns war die Reise und das Abenteuer immer mehr wert als der vermeintliche Schatz am Ende. Ich bin mir sicher du wirst auf den Reisen auch immer wieder vor die Wahl gestellt werden, was eine gute und was eine schlechte Entscheidung  ist. Wem du vertrauen kannst und vor wem du dich in Acht nehmen musst.“
„Aber eure eigene Geschichte hat auch ihre traurigen Seiten. Der Verlust eurer ehrenwerten Gefährtin und dass ihr euren Sohn nie richtig kanntet, das tut mir sehr leid für euch.“
Tacitus lachte schallend.
„Das muss dir nicht leid tun mein Kind, ein jeder Weg hat Höhen und Tiefen. Auch wenn ich sagen muss den Verlust meines Sohnes nie richtig verwunden zu haben.“
„Aber euer Sohn ist doch am Leben?“
„Nein, er ist letzten Herbst verstorben, ich habe es gespürt. Mit Verlust meine ich meinen Sohn niemals richtig gekannt zu haben und ihn in seiner Kindheit und Jugend nicht richtig zu begleitet zu haben.“
„Oh das tut mir Leid. Wisst ihr woran er gestorben ist.“
„An einer Krankheit für das es kein Gegenmittel gibt. Ich bete er hat am Ende nicht gelitten.“
Ihr graute vor einer solchen Krankheit, was wenn man sich daran in jungen Jahren bevor man das Leben richtig gelebt hat damit infiziert? Ihr lief ein Schauer über den Rücken.
„Keine Sorge mein Kind, es ist höchst unwahrscheinlich, dass ihr daran erkrankt. Elfen werden davon nicht befallen, Kaimane leider schon eher. Nun lass uns den Tee genießen solange er noch frisch und heiß ist. Deine Früchteküchlein sind ganz ausgezeichnet. Mit ein bisschen Übung wirst du eine großartige Köchin abgeben“
Sie lächelte verlegen, so selten wurde sie von ihrem Lehrer so groß gelobt.
„Und zweifle nicht an dir, du hast in der Arena bewiesen, dass du Mut, Geschick und Konzentration aufweisen kannst. Du bewegst dich geschmeidig wie eine Tigerin.“
Woher kam er auf die Arena-Kämpfe? Es war ihr unangenehm darüber zu reden.
Die Vögel in den Bäumen um sie herum zwitscherten vergnüglich während sie schweigend aßen und den Tee genossen. Dann, sie wusste nicht wie lange sie da schon in der Stille saßen, verschränkte er die Hände und verbeugte sich vor ihr.
„Ich danke dir, mein Kind, für dieses wunderbare letzte Mahl. Ich werde mich nun für die Nacht zurückziehen. Aber eins noch, das hier wirst du heute Abend eher brauchen als ich“
Und er schob ihr eine kleine Metallschatulle über den Tisch zu.
Wie das war das Ende? Sie hätten doch noch die ganze Nacht über Reden und musizieren können!
„Ihr geht schon zu Bett ehrenwerter Lehrer?“
„Ja mein Kind, meine Knochen sind alt und sehnen sich nach dem Schlaf. Ich sehe allerdings, dass du nicht so erpicht auf Schlaf bist wie ich. Das ist in Ordnung und kommt in der Jugend häufig vor. Ich wünsche dir einen genehmen Aufstieg.“
Tacitus und seine hellseherischen Fähigkeiten erstaunten sie jedes Mal aufs Neue.
Sie beobachtete wie ihr Freund und Lehrer langsam zu der kleinen Hütte am Ende des Gartens zuging. Sie hatte ihm vor Jahren angeboten oben im Turm zu schlafen, aber er hatte dankend abgelehnt und sich stattdessen diese kleine Hütte gebaut. Sie hatte, so gut sie es damals konnte, beim Bau mitgeholfen.
Sie würde heute Nacht sicher nicht schlafen. Am Ende verschlief sie wieder so wie heute und würde Tacitus Abschied verpassen. Nein, heute bestimmt nicht!
   Sie räumte den Tisch ab, versorgte die übrigen Speisen und Küchlein. Vieles davon wanderte in den riesenhaften Kühlschrank um für die nächsten Tage frisch zu bleiben. Sie ließ das Wasser in der Spüle ein und ließ nacheinander Berge von Tellern und Schüsseln durch ihre Spülhände wandern.
   Sie ließ sich dabei Zeit und übereilte nichts, die Nacht war noch jung.
Die Laternen würde sie brennen lassen, die würden ganz von alleine ausgehen, wenn der Treibstoff zur Neige ging. Sie nahm sich ein einem Beutel einige der Reste mit. Küchlein, Früchte und eine Schale mit Reis und kalter Soße. Dazu kam noch eine Flasche klaren Wassers. Damit in den Händen eilte sie lange Wendeltreppe in ihr Schlafgemach hoch. Nachts würde es frisch werden und in der Höhe wehte immer ein kalter Wind. Sie entnahm dem Stapel Fellen ein besonders großes und weiches und rollte es zusammen, das Bündel verschnürte sie mit einem Lederband und warf es sich über den Rücken.
   Sie nahm auch noch einen Block und ein paar Stifte, sie wollte ihre Traumlandschaft skizzieren.
Voll bepackt trat sie mit nackten Füßen auf dem Sims des Fensters und schwang sich heraus. Sie war ihr halbes Leben auf Bäumen und auf dem Turm herumgeklettert und die Höhe machte ihr nichts aus. Sie kletterte schnell und behände nach oben. Der Aufstieg ging leicht, weil überall Vorsprünge und Steine aus der Wand ragten.
   Nach einer kurzen Kletterpartie war sie oben und schwang sich über die niedrige Brüstung. Der Turm hatte ein Flachdach. Sie entrollte das Fell und legte es mittig auf den Boden, daneben stellte sie die stibitzten Speisen und die Flasche Wasser. Die kleine Schatulle  von Tacitus hatte sie auch eingepackt, aber sie hatte noch nicht reingeguckt. Block und Stifte kamen auf die andere Seite. Sie legte sich mittig auf dem Fell auf den Rücken und sah in den Himmel.
   Die Sterne waren schon aufgegangen und tausende kleiner Punkte leuchteten am Firmament. Sie konnte einige der Sterne und Sternzeichen benennen, viele aber auch nicht. Tacitus hielt die Kunst der Sterndeutung für nicht so wichtig und hatte sie ihr nie gelehrt. Aber sie vermutete, dass ihr Lehrer diese Kunst einfach nicht beherrschte.
   Auf jeden Fall hatte er ihr die Sterne gezeigt, die man zur Navigation unbedingt brauchte. Nicht dass sie dieses Wissen anwenden konnte, aber vielleicht würde es sich irgendwann als nützlich erweisen.
   Ein kühler Wind streifte sie und ließ ihr Seidenkleid aufbauschen, sie lächelte und fühlte sich lebendig. Das war ihr Lieblingsplatz und sie lag oft hier oben und stellte sich vor wie sie auf dem Deck eines Luftschiffs lag, das durch die Wolken pflügte, auf dem Weg ins nächste Abenteuer.
Von hier oben sah sie auch die bewaffneten Soldaten auf ihren Wachtürmen rings um ihren Garten und den kleinen Wald. Aber über die undurchdringlich hohe Mauer mit dem Stacheldraht-Kranz an der Spitze konnte sie nicht herübersehen. Sie wusste gar nicht was dahinter lag. Wiesen, Wälder, Schluchten oder etwas völlig anderes? Sie konnte nur hohe Baumkronen sehen, das war alles.
Auf einer Seite des Gartens war das Tor zur Arena und südlich davon das Tor nach draußen, wie Tacitus ihr erzählt hatte. Letzteres wurde immer von zwei grimmigen Kaimanen bewacht, die nie redeten und einen mit ihren Blicken niederzustrecken versuchten.
   Sie knabberte an den Küchlein und dachte an ihre Vision. Sie hatte nicht häufig Visionen, eigentlich nie und auch nie in solchen klaren und bestimmten Formen. Meist hatte sie nur wirre Träume, die nach dem Erwachen nie Sinn machen wollten.
   Aber das hier war etwas anderes gewesen. Es war als wäre sie dort gewesen. Der Leerenwanderer und der junge Tacitus waren ihr zum Greifen nahe gewesen. Und auch der Schnee sah so echt aus. Und der Dschungel erst. Nur wann das alles passieren würde oder, wie ihr Lehrer ausdrückte, passieren könnte war ihr nicht klar. Bitte bitte lass es passieren. Ohne Tacitus würde sie hier vor Langeweile umkommen. Wobei er ihr ja zwischen den Zeilen eine Aufgabe mit auf den Weg gegeben hatte. Ihre Meditativen Lehren vertieften. Aber es würde schwerer werden ohne seine leitende Hand wenn sie in die höheren Ebenen vorstoßen wollte.
   Sie stand am Rand der Plattform, einen Fuß auf der Brüstung und sah hinab. Ganz schön hoch oder? Eigentlich nicht, es waren vielleicht fünfzehn Meter. Sie stellte sich die Baumriesen im Regenwald vor. Tacitus hatte gesagt die höchsten werden fast zweihundert Meter hoch. Aber selbst ein fünfzig Meter hoher Baum wäre riesig im Vergleich zu ihrem Turm.
   Hatte ihr Lehrer nicht von Eingeborenenvölkern berichtet, die ihr ganzes Leben in den Bäumen lebten ohne jemals einen Fuß auf den Boden zu setzen?
   Sie stellte sich vor wie das wohl war, auf den Bäumen geboren zu werden, aufzuwachsen, zu leben, zu jagen, Freunde finden, einen Gefährten finden, Kinder zu haben und in den Kronen zu sterben.
Ob sie außer Tacitus jemals Freunde haben würde? Sie wusste nicht so recht. 
   Ihrer beiden Reise war zu Beginn auch recht holprig gewesen, als sie noch nicht wusste ob sie dem alten Kaiman trauen konnte. Sie schmunzelte, damals war sie noch sehr klein und ungestüm gewesen. Aber der unerschütterlichen Ruhe Tacitus‘ hatte sie nichts anhaben können, weder als kleines Kind noch jetzt. Bis auf den einen Ausbruch heute, der hatte sie stark verunsichert.
Sie trat wieder zurück, es war frisch geworden. Sie kuschelte sich wieder in das Fell und sah in die Ferne. Dann griff sie nach Papier und Stift und skizzierte das was sie in ihrer Vision gesehen hatte. Die Zeichnungen wurden gut, sie war talentiert und eine geübte Beobachterin. Aus der Erinnerung zeichnete sie auch ein Bild von ihrem ehrenwerten Lehrer. Er war alt geworden, sie fürchtete dass er sterben würde bevor er das Ende seiner Reise erreichte.
   Ach was, sie schüttelte ihre trüben Gedanken ab, ihr Lehrer würde nicht sterben, weder bald noch irgendwann. Ihr Aufbäumen hatte etwas Trotziges.
   Sie trank einen Schluck Wasser aus der Flasche und öffnete das metallene Kästchen das Tacitus ihr vorhin gegeben hatte. Im inneren waren runde dunkelbraune Bonbons. Sie nahm eins in den Mund, es schmeckte völlig anders als alles was sie jemals geschmeckt hatte. Kräftig, etwas zitronig und ziemlich süß. Kurz darauf verspürte sie wie Energie ihren Körper durchflutete und sie wieder hellwach war. Als Wachmacher hatten es die kleinen Bonbons echt in sich. So würde sie ohne Probleme die Nacht überstehen. Sie setzte sich hin um zu meditieren und klärte ihren Geist von allen weltlichen Fesseln. Noch konnte sie sich von ihrem Körper nicht lösen, aber sie spürte, dass sie kurz davor war. Wie ihr Geist sich in ihrem Körper bewegte aber nicht daraus herausstoßen konnte.
Sie öffnete die Augen als es dämmerte. Sie sprang auf und guckte von oben zu Tacitus Hütte.
Der Stoff in der Tür bewegte sich und Tacitus trat unbekleidet heraus mit seinem Gewand über dem Arm. Jetzt würde er ein morgendliches Bad nehmen und sich ankleiden.
Ohne ihre Sachen zusammenzupacken kletterte sie den Turm herab und landete auf dem Dach der Küche. Daran hinab ließ sie sich auf den steil aufragenden Schindeln hinabgleiten, sprang auf den Boden der Terrasse und rollte sich über die Schulter ab. Sie richtete ihr Kleid und wartete auf ihren Lehrer. Tacitus erschien angekleidet ein paar Minuten später und trat langsam auf sie zu.
„Ich sehe du hattest eine aufregende Nacht hinter dich. Hast du mein Geschenk zu würdigen gewusst?“
Sie nickte eifrig.
„Gut, lass uns nun gehen, der Weg ist weit“
Ihr Herz krampfte sich zusammen als sie an den Abschied dachte. Ihr Lehrer ging mit langsamen bedächtigen Schritten auf das Südtor zu. Mittelgroße Bäume säumten ihren Weg und der Himmel war stellenweise vollständig verdeckt.
   Da kam das Tor in Sicht. Zwei miesmutig blickende Kaimane standen davor. Der linke trug ein Gewehr, das ein starkes Betäubungsmittel verschoss – sie hatte die Wirkung schon am eigenen Leib erfahren müssen. Der rechte trug ein echtes Gewehr, vor dem hatte sie echt Angst.
   Der linke Kaiman bemerkte sie zuerst und er stieß seinen Kumpel an. Dann kniete er sich und zielte auf sie. Der rechte Kaiman hob nun ebenfalls sein Gewehr.
   Moment, sie hatte angenommen Tacitus könnte einfach passieren. Warum zielten die Beiden auf sie?
„Hey, keinen Schritt näher!“
Brüllte der rechte Kaiman. Wie aus Reflex blieb sie stehen, aber Tacitus ging seelenruhig weiter.
Was machte der alte Kaiman da?
„Stopp! Anhalten, keinen Schritt näher oder wir eröffnen das Feuer!“
Eine gewisse Unsicherheit schwang in der Stimme des Kaimans mit, als wüsste er nicht was zu tun sei. Tacitus hatte die Hälfte des Weges zum Tor zurückgelegt als der rechte Kaiman mit dem Gewehr in die Luft schoss.
„Wir wollen dir nichts tun, aber zu zwingst uns Gewalt anzuwenden!“
Damit zielte er nun auf Tacitus Körper. Aber er schoss nicht, auch nicht als Tacitus näher kam. Dafür fingen seine Hände an zu zittern. Da hatte Tacitus ihn erreicht und rang ihm mit sanfter Gewalt die Waffe aus der Hand. Mit einer Handbewegung berührte Tacitus den jungen Kaiman an der Brust und dieser sackte in sich zusammen und blieb reglos liegen. Sein Kumpel mit dem Betäubungsgewehr löste Alarm aus.
   Nun stieg echte Panik in ihr auf. Tacitus würde da niemals heil rauskommen.
Und da dämmerte es ihr und ihr wurde kalt. Panik stieg in ihr auf und sie wollte schreien, aber ihr Schrei blieb ihr im Hals stecken.
   Tacitus drehte sich zu ihr um und zwinkerte.
„Wir sehen uns im nächsten Leben wieder meine ehrenwerte Schülerin.“
Damit hob er das Gewehr, schob den Lauf unter sein Kinn und drückte den Abzug.
Ein Knall wie Donner entstieg der Waffe und Tacitus brach tot zusammen.
Ein heller gellender Schrei zerriss die eintretende Stille.

Die Legende der schwarzen Geister – Prolog

Ein heller Blitz durchzuckte den Himmel, gefolgt von einem mächtigen Donnern und grelles Licht erhellte die stockdunkle Nacht. Das Licht verschwand und erst tauchte schwarzer dann grüner Rauch auf.
   Lama Merten schreckte auf. Das war eine höchst sonderbare Vision gewesen. Er schlug die Augen auf und blinzelte gegen die grelle Mittagssonne an. Er saß in Meditationshaltung auf einem Felsen und versuchte sich an die Einzelheiten der Vision zu erinnern. Er stand auf und griff nach einem Schlauch mit feinstem Quellwasser, daraus trank er ein paar tiefe Schlucke und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er war riesig, die Bewohner des nahen Dorfes nannten ihn Bärenmann und bei dem Namen schmunzelte er. Natürlich gab es auch richtige Bärenmänner, aber in seinen 35 Lebensjahren war er noch auf keinen gestoßen. Wohl aber war er auf seinen Reisen den Katzenmenschen begegnet, Nomaden, die sonderbare Waren feilboten und als Diebe beschimpft wurden.
   Er streckte seine Glieder aus, trotz stundenlanger Meditation fühlte er sich frisch und ausgeruht. Allerdings verspürte er einen stechenden Hunger. Zeit spielte für ihn nur eine untergeordnete Rolle, dennoch wusste er, dass er seine letzte Mahlzeit bei Sonnenuntergang eingenommen hatte.
Er warf sich den Wasserschlauch um und machte sich auf den Weg zu seiner ehrenwerten Behausung, einer großen geräumigen Höhle. Rund eine Stunde lief und sprang er über Felsen und Steine den schmalen kaum sichtbaren Pfad entlang bis er den etwa Eingang der Höhle erreichte. Den Eingang zur Höhle markierte ein großer freistehender Stein in dessen glatte Oberfläche in einer verloren gegangenen Sprache die Worte eines heiligen Mannes geschrieben standen. Der Eingang war etwa doppelt so hoch wie Lama Merten, aber nicht sehr breit, er musste sich also schmal machen um hindurch zu passen. Durch den Eingang fiel nicht viel Licht dennoch war die Hölle im inneren hell und luftig, möglich machte das eine große annährend kreisrunde Öffnung in der Höhlendecke.
   Wie man es von einem Mönch erwarten würde lebte er recht bescheiden. In einer Ecke lagen einige Yakfelle und eine sorgsam zusammengelegte Decke aus dicker Wolle. Ein Kopfkissen brauchte er zum Schlafen nicht. Kochgeschirr, Werkzeug, Seile und Haken und einige Kisten und Säcke mit Vorräten lagerten am anderen Ende der Höhle. Ein Bogen mit Pfeilen lag auf dem Boden neben einem großen Rucksack. Daneben lehnte an der Wand ein langer Holzstab, der mit verwundenen Mustern verziert war. Der Stab war sein treuer Wegbegleiter und hatte ihn schon auf unzähligen Reisen begleitet. Er diente nicht nur als Stütze sondern auch als Waffe, gegen Banditen oder kleinere Raubtiere, gegen die großen Tiger half hingegen nur die Flucht. Nur ein törichter Mann würde die stolzen Könige der Berge angreifen. Was viele nicht davon abbrachte es dennoch zu versuchen. Es galt als große Ehre einen der Tiger in der Jagd zu erlegen, aber Lama Merten hatte keine wohlwollenden Worte dafür übrig. Auf seinen Reisen war er einmal einem Tigerjungen begegnet, das in eine Felsspalte gestürzt war und nach seiner Mutter schrie, die hilflos zusehen musste wie ihrem Kind die Kräfte schwanden. Er hatte das Jungtier geborgen und seiner Mutter wiedergegeben, die Lama Merten mit vorsichtigen Blicken bedachte und dann mit ihrem Jungen zusammen davongetrottet war. Seitdem hatte ihn nie wieder ein Tiger auf seinen Reisen gestört.
   Er war der Wächter des heiligen Tempels, der, einen kurzen Fußmarsch von hier entfernt, schon seit vielen Jahrhunderten Wind und Wetter trotze und den Bewohnern des kleinen Dorfes ein paar Meilen entfernt traditionell sehr wichtig war. Dort wurden die Geister des Tals befragt, Bestattungen und Hochzeiten abgehalten und der ein oder andere suchte Rat beim heiligen Wächter, ihm – Lama Merten. Er pflegte den Tempel, führte kleine Instandsetzungsarbeiten durch, entzündete Duftstäbchen und Kerzen und hielt Rituale und Zeremonien ab. Die Dorfbewohner bedankten sich dafür mit kleinen Geschenken. Reis, Gemüse, Obst, Gewürze und Tee, aber auch Schriftrollen mit Gebeten und Sprüchen großer Heiliger und schutzbringende Talismane.
Er hatte erst am Vortag die Geschenke in Empfang genommen und mit zu seiner Höhle genommen, also würde er erst morgen dem Tempel wieder einen Besuch abstatten. Außerdem ging ihm die Vision nicht aus dem Kopf. Visionen waren immer sehr vage, da war diese in ihren Ausführungen sehr deutlich gewesen. Ein Blitz, eine Sternschnuppe vielleicht? Der Knall und das Licht, vielleicht der Einschlag eines Objekts. Auf seinen Reisen hatte er in den heiligen Bibliotheken der Klöster von Augenzeugenberichten gelesen, die von der ungeheuren Kraft von Felsbrocken aus dem Himmel zeugten. Leider waren diese Berichte entweder nur sehr vage oder unglaubwürdig ausgeschmückt. Die Vorstellung, dass Felsen groß wie Häuser aus dem Himmel stürzen könnten behagte ihm ganz und gar nicht. Dennoch war das der Fall, einmal war er auf seinen Reisen an einem Krater vorbeigekommen, in dem ein kleiner See lag. Der Krater war von immenser Größe gewesen, gut eine Meile oder mehr im Durchmesser.
   Die Sache mit dem Rauch, der die Farbe wechselte, hatte ihn zutiefst irritiert. Schwarzer Rauch war Gang und Gebe, aber grüner Rauch? Davon hatte er hier noch nie gehört. Er würde sich bei den ehrenwerten Mönchen der umliegenden Klöster umhören müssen.
   In Gedanken versunken entzündete er einen kleinen Haufen Holzscheite in seiner Feuergrube. Nach wenigen Minuten prasselte ein lebendiges Feuer. Über der Feuerstelle stand ein Gestell aus geschmiedeten Eisen mit zwei Platten. Auf die eine Platte stellte er eine Kanne Wasser für Tee auf den anderen einen flachen Topf mit Wasser, Reis und frischem Gemüse.
Geduldig bereitete er den Essplatz unter dem Himmelsloch vor. Den Tee, den er aufgoss, hatte er von einem Reisenden geschenkt bekommen, der aus dem Westen kam. Der Geschmack war kräftig, hatte aber eine liebliche Note. Der Tee war Qualitativ viel besser als das meiste, das er bisher in seinem Leben in diesen Regionen getrunken hatte.
   Das gekochte Mahl war einfach, sättigte aber sehr. Zu dem Reis dazu as er Streifen geräucherten Fleisches. Die meisten Mönche ernährten sich vegetarisch, er hingegen nicht. Eine Vision hatte es ihm geraten und seitdem ergänzte er seinen Speiseplan mit meist getrocknetem oder geräuchertem Fleisch.
   Er genoss den wohltuenden Geschmack des Tees im Mund und das wohlige Gefühl im Magen, dass die Mahlzeit hinterließ. Dann stand er auf klaubte das Geschirr zusammen und machte sich auf den Weg nach draußen um es am nahe gelegenen Fluss abzuwaschen.
   Ein paar Minuten entfernt entsprang ein kleiner Wasserfall aus den Bergen und stürzte sich tief in einen kleinen See eiskalten Wassers. Der See war ziemlich Flach und man konnte einige Züge darin schwimmen, wenn einen die Kälte nicht störte.
   In Ruhe spülte er sein Geschirr ab als ihn ein helles Pfeifen aus seinen Gedanken riss. Er richtete sich auf und beobachtete den Himmel über ihm. Dort! Einige Meilen entfernt schoss ein kleines Objekt über den Himmel, genau wie in seiner Vision. Das Objekt zog einen feurigen Schweif hinter sich her und bewegte sich mit ungeheurer Geschwindigkeit dahin. Es raste steil dem Erdboden entgegen und würde mit ihm kollidieren, wenn es nicht die Flugbahn änderte.
   Er sah den Blitz, lange bevor er den Donner hörte. Ein Feuerball aus lodernden roten Flammen wölbte sich in den Himmel und formte dicke schwarze Rauchwolken. Lama Marten starrte angestrengt in die Ferne. Das Ding musste hinter einer Felskuppe oder einem Grat niedergegangen sein. Wenn er doch nur sein Fernrohr dabei hätte, aber das lag noch in der Höhle. Da, auf einmal strömte eine dünne Säule grünen Rauchs in die Höhe, in einiger Entfernung zu der Absturzstelle, die er von hier aus nicht sehen konnte. Alarmiert sprang er aus dem Wasser, raffte seine Sachen zusammen und rannte zurück zu seiner Höhle. Normalerweise war er kein Mann der Eile, aber die Dinge lagen nun anders. Die Vision war ein Zeichen. Das vom Himmel gefallene Objekt musste etwas Wichtiges bedeuten. Er schnappte sich den Rucksack und füllte ihn mit dem Geschirr, Kletterausrüstung und Vorräten für ein paar Tage. Die Wolldecke zurrte er zusammen und befestigte sie an seinem Rucksack, zusammen mit dem Bogen und dem Köcher. Diesmal durfte auch der Wanderstab nicht fehlen. Er sah sich noch einmal um und verließ dann eiligen Schrittes die Höhle.
Von dem Plateau auf dem seine Höhle lag konnte man die schwarze Rauchfahne gerade noch sehen und die grüne höchstens erahnen. Er konnte Entfernungen schlecht schätzen, aber würde sagen, dass es mindestens zehn Meilen waren. Dort gab es weder Straßen noch Wege und dort lungerten Gefahren in Form von Banditen und wilden Tieren.
   Ohne zu zögern marschierte er mit schnellen Schritten los, in Richtung des schwarzen Rauchs.

*

Nathan stand fröstelnd auf einer Laderampe und wartete, bis es an ihm war den Laderaum der großen Transportmaschine zu betreten und sich einen Sitzplatz zu ergattern. Neben ihn stand ein mittelgroßes Mädchen mit honigfarbener Haut und smaragdgrünen Augen, Ihr Haar war schulterlang und tiefschwarz, war aber von sonderbaren Strähnen in Grün und Hellbraun durchzogen. Sie nannte sich Meg und er hatte sie vor ein paar Tagen gerettet, nachdem sie ihm vor fünfzehn Jahren als Säugling geraubt worden war. Meg fror noch mehr als er, denn sie war die tropische Hitze gewohnt aber wohl nicht diese Eiseskälte. Meg trug all ihre Habe am Leib und das war nicht viel, ein Amulett, ein paar kunstvoll geschnitzte Ringe und ein paar einfache luftige Kleider, keine Schuhe.
Er hatte eine dicke Wolldecke um ihre Schultern geschlungen, zum einen um sie gegen die Kälte zum anderen vor unzüchtigen Blicken zu schützen. Das hatte ein kleines Mädchen nicht verdient.
Ihm hingegen hatte man seine übliche Kleidung genommen und ihm einfache Sachen aus groben Leinen gegeben. Sein Gewehr, seine Pistole, alles weg. Nur das Messer hatten sie ihm gelassen. Er wollte sie hätten es ihm auch genommen. Die Klinge war scharf und sauber, aber dennoch spürte er, wie in Gedanken das Blut dickflüssig von der Klinge hinab seine Wade hinab ran.
   Er blickte auf seine Hände. Ihm wurde schummrig und er meinte zu sehen, wie das Blut die Handinnenseiten herablief und zu Boden tropfte. Meg streckte eine Hand aus und zog ihm am Arm.
„Da Papa, es geht weiter“
Dass sie ihn Papa nannte versetzte ihm einen heftigen Stoß. Das hat er nicht verdient, niemand sollte ein so grausames und niederträchtiges Monster zum Vater haben.
   Man musste kein Genie sein um zu erkennen, dass ein Baumlanger schwarzer Waran und ein kleines Elfenmädchen nicht miteinander verwandt waren, aber Meg nannte ihn trotzdem Papa.
Die Schlange setzte sich in Bewegung und nun stand er in dem schummrigen rot beleuchtetem Frachtraum und sah sich nach zwei Plätzen um. Er hätte einfach drängeln und die anderen Passagiere zur Seite stoßen können, aber diesen Weg wollte er nicht mehr gehen und ihm fielen seine blutbefleckten Hände wieder ein.
„Papa komm.“
Selbstbewusst ging Meg durch den Laderaum, an dessen Seiten und in der Mitte Sitze angebracht waren, und steuerte auf zwei freie Sitzplätze am Ende des Laderaums zu.
   Sie sprang auf den Sitz und er zog die Gurte an und machte sie fest. Der Sitz war für einen Erwachsenen ausgelegt, nicht für ein Kind, aber nach etwas schieben und ziehen ging es dann doch sie sicher festzumachen.
   Er setzte sich nicht sofort sondern sah sich einen Moment um. Nicht sehr vertrauenserweckende Gestalten nahmen um sie herum ihre Plätze an und warfen ihm und Meg scheele Blicke zu.
Ein zerlumpter schlecht rasierter Mann trat an Nathan heran und raunte ihm ins Ohr
„Wie viel willst du für die Kleine?“
Nathan wusste nicht so recht was dann geschah, nur dass der Mann nun wimmernd auf dem Boden lag und Meg im Hintergrund laut lachte.
„Hey, weg da! Lass den Mann in Ruhe und setz dich gefälligst hin!“
Zwei große Warane in Kampfmontur stießen ihn zur Seite und kümmerten sich um den am Boden liegenden Mann.
   Irritiert wich Nathan zurück und setzte sich neben der freudestrahlenden Meg auf den freien Sitz.
„Dem hast du es aber ordentlich gegeben, Papa“ lachte sie und grinste ihn warmherzig an.
Da schmolz er dahin und ihm rollte eine Träne aus dem Augenwinkel, dann nahm er sie fest ihn den Arm.
„Ich hab dich auch sehr gern … Tochter“
Nach einer Weile kämpfte sich Meg aus der Umarmung und lehnte sich zurück. Nathan sah nachdenklich am Strom der Gestalten, die ins Flugzeug wollten, vorbei und nach draußen. Sein Blick wanderte an den Türmen, Plattformen und Blocks aus Stahl vorbei. Die schwimmenden Inseln waren nicht sehr schön, aber sie waren sein Zuhause, hier hatte er viele Jahre seines Lebens verbracht.
Niemand würde ihm zum Abschied winken, dachte er resigniert. Dafür hatte er sich zu viele Feinde gemacht und Freundschaften entzweit.
   Als alle Plätze belegt und sich alle angeschnallt hatten, erzitterte die Maschine und mit großem Dröhnen liefen die riesigen Triebwerke an. Meg neben ihm zitterte und hielt sich die Ohren zu. Er legte schützend einen Arm um sie und sah weiter nach draußen.
   Aus den Schatten war eine Gestalt getreten und winkte ihm zu. Die Frachtraumtüren schlossen sich, aber er konnte gerade noch das hämische Grinsen des Diebes erkennen. Seines kleinen Bruders.
Dann waren die Türen zu und verriegelt und mit immer lauter werdenden Turbinen bewegte sich das Flugzeug, sie hoben ab. Nathan und Meg wurden in die Sitze gepresst als sich der metallene Vogel ruckartig in die Höhe schwang. Nun flogen sie dahin, ihrer neuen Zukunft entgegen.

*

Konzentriert stand Lama Merten breitbeinig da, in der rechten Hand schwang er einen Wurfhaken. Vor ihm war ein tiefer Abgrund, wo bei einem Erdbeben der Hang weggebrochen sein musste.
Er zielte, mit den Augen wie mit dem Geiste und ließ den Haken los. Der zischte durch die Luft und verhakte sich in einer Felsspalte. Er zog fest daran und nickte dann zufrieden. Er schulterte wieder den Rucksack, warf den Wanderstab über den Spalt und umfasste das Seil mit festen Händen. Dann schwang er sich über den Abgrund.
   Er hatte voll auf sich und den Haken vertraut, dennoch war er erleichtert, als er wieder festen Grund unter den Füßen hatte. Er löste den Haken und rollte das Seil, an dem er befestigt war, wieder auf und griff nach seinem Stab.
   Er war nun schon den dritten Tag unterwegs. Das Feuer des Absturzes brannte immer noch, aber nicht mehr so stark. Der grüne Rauch hingegen war deutlich zu sehen. Er musste sich dennoch beeilen, er hatte die Hälfte seiner Vorräte aufgebraucht und es war unklar ob er hier Essbares finden würde. Die Landschaft war unwegsam und zerklüftet, er kam nur mühsam voran. Auch glaube er sich in der Entfernung verschätzt zu haben, die Strecke kam ihm viel weiter vor, als er es in Erinnerung hatte. Er trank einen Schluck kalten Wassers und ging dann weiter. Es wurde kalt, aber er lief trotzdem weiterhin barfuß. Im Rucksack trug er zwar ein Paar Yakfellstiefel mit sich herum, aber seinen Füßen ging es gut und er hatte immer das Gefühl er würde Behaglichkeit gegen sicheren Tritt tauschen, wenn er die Stiefel anzog.
   Jetzt musste es nicht mehr weit sein, der Rauch war ganz nah, aber er würde sich beeilen müssen, es dämmerte schon.
   Ein paar Minuten später hatte er die die Kuppe des Berges erreicht und später hinüber.
Er zückte sein Fernrohr und beobachtete die Vorgänge in dem kleinen Tal unter sich.
Am linken Ende des Tals brannten die Reste eines großen Metallvogels, der am Fels zerschellt war und eine Spur aus Trümmern hinter sich hergezogen hatte. Seltsam geformte Behältnisse aus Metall lagen überall zerstreut zwischen den Frackteilen. Der grüne Rauch stammte von einem großen Container etwas abseits, der anders als die anderen leuchtend grün angemalt war.
Was ihn aber am meisten beunruhigte waren die kleinen Gestalten die zwischen den Trümmern entlanggingen und mit magischen Lichtern die Umgebung absuchte. Von der Bekleidung her waren es Banditen, die hier in diesem Landstrich ihr Unwesen trieben. Zwei von den Gestalten hatten Gewehre, das bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er hatte einen Bogen und einen Stab, seine Gegenspieler allerdings zwei Gewehre und es waren mindestens fünf Banditen.
Aber die Box mit dem grünen Rauch musste sehr wichtig sein. Sie durfte auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.
   Er würde meditieren und Kräfte sammeln. Gesagt getan entledigte er sich seines Rucksackes und legte alle nicht so wichtigen Dinge ab. Er trank noch einen Schluck, und aß einige Bissen getrocknetes Fleisch. Dann setzte er sich im Schneidersitz hin und machte seinen Geist frei von allen störenden Einflüssen. Er hatte viele Jahre in verschiedenen Klöstern dieses Landes gelernt seinen Geist frei von allen weltlichen Einflüssen loszulösen um auf die höheren Ebenen des Bewusstseins vorzudringen.
Er löste seinen Geist von seinem Körper und in dieser Form bewegte sich schnell und geschmeidig wie eine Katze den Hang hinab ins Tal. Die Banditen waren in der Tat zu fünft, zwei von Ihnen hatten Gewehre, zwei alte Krummsäbel und einer, vermutlich der Anführer, eine Pistole. Sie hielten Stäbe mit magischem Licht und suchten nach etwas, der grünen Kiste allerdings nicht schien es, an der waren sie schon vorbeigelaufen.
   Er rief seinen Geist zurück in die materielle Welt und stand auf. Bewaffnet mit seinem Stab und seinem Bogen schlich er sich ins Tal. Er hatte die schnell näher rückende Dunkelheit auf seiner Seite.
In einem früheren Leben musste er ein Dieb oder ein Akrobat gewesen sein, so lautlos und behände glitt er ins Tal hinab, von Deckung zu Deckung.
   Sirrend schoss ein Pfeil durch die Nacht, durchschlug mühelos die rechte Schulter eines der Gewehrträger und nagelten ihn an ein Trümmerteil. Sein gellender Schrei durchschnitt die Nacht.
Panisch und alarmiert rannten die Banditen umher, die magischen Lichter hektisch mal hier mal dorthin umherzuckend.
   Der zweite Gewehrträger sah sein Schicksal nicht kommen, von hinten schlich sich Lama Merten an ihn heran und drückte zwei Punkte seitlich des Halses, wie ein gefällter Baum sackte der Mann zusammen. Er schleifte den bewusstlosen Körper weg und versteckte ihn hinter einem Felsen.
Jetzt war nur noch der mit der Pistole gefährlich, mit den beiden anderen würde er spielend fertigwerden.
   Die übrigen drei hatten zusammengerückt und standen Rücken an Rücken in einem kleinen Kreis. Lama Merten ließ einen leisen Fluch über die Lippen. Er musste den mit der Pistole ablenken und unschädlich machen.  Grübelnd hob er ein kleines Steinchen auf und warf es blitzschnell durch die Luft. Es traf einen der Säbelträger an der Schläfe und dieser fluchte lautstark in die Nacht.
Das war nichts. Wie ein Schatten umrundete er die Gruppe und versuchte es von der anderen Seite, dieses Mal war der Stein etwas größer und der Getroffene schrie schmerzvoll auf. Wieder war das Ergebnis das gleiche. Wenn er doch nur eine Schlinge für eine Steinschleuder hätte, dann sähe die Sache vermutlich ganz anders aus.
   Er spannte sich an, jetzt kam Bewegung in die Sache. Einer der Säbelträger löste sich von der Gruppe und wagte sich allein in die Dunkelheit. Wenige Schritte und er war hinter ihm, ein Druck am Hals und er fiel. Lama Merten fing den Körper auf und ließ ihn beinahe sanft zu Boden gleiten.
Jetzt waren es nur noch zwei. Der andere Säbelträger rief in die Dunkelheit hinein, Lama Merten verstand nicht um was es ging, aber es könnte ein Name sein.
   Die Pistole fuchtelte durch die Luft und rief nun ebenfalls. Lama Merten war nicht mit der Gabe für Sprache gesegnet und verstand ihn nicht. Jetzt konnten die beiden aber zumindest nicht mehr auf jeder Seite aufpassen. Er nahm lautlos Anlauf, sprang und rammte den Körper des Pistolenträgers gegen einen Felsen. Die Pistole flieg durch die Luft und schlug irgendwo in der Dunkelheit auf.
Der Mann sackte zusammen und regte sich nicht mehr.
   Der letzte verbliebene Bandit fuchtelte mit seinem Säbel in der Luft und schrie fast schon schrill. Vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, von einem riesenhaften Mönch, der sich lautlos wie eine Katze durch die Nacht bewegte, angegriffen zu werden.
   Lama Merten wirbelte mit dem Stab, als wäre Teil seines Körpers, dann schlug er blitzschnell zu. Unter dem ersten mächtigen Schlag brach das Kniegelenk und der zweite traf den Bandit am Kopf und fällte ihn abrupt.
   Nun waren alle Banditen ausgeschaltet und er konnte sich die grüne Kiste in Ruhe aus der Nähe ansehen. Er borgte sich ein magisches Licht von einem der Banditen und leuchtete die grüne Kiste von allen Seiten aus an. Sie war ganz aus Metall und grün angemalt. Auf einer  Seite war ein kleines Feld mit quadratischen kleinen Knöpfen mit Zahlen von null bis neun. Er besah es sich ratlos. Über dem Feld war ein kleines Kästchen, in dem in einem grünen Licht vier Nullen eingraviert waren. Wofür mag diese Apparatur gut sein. Ein kaum merklicher Spalt war in die Wand eingelassen und formte ein Quadrat. Er kniete sich hin und meditierte.
   Auch in der höheren Ebene fand er keine Hinweise, die ihn hätten weiterbringen können.
Am Ende seiner Ideen angekommen, tippte er viermal auf den Knopf mit der Null. Jedes drücken wurde von einem sonderbaren Piepen, wie von einem Vogel, begleitet.
   Er erwartete dass genau nichts passierte und umso erstaunter war er, dass von der Apparatur ein „Pling“ ausging und das Quadrat wie eine Tür nach außen aufschwang. Feiner Dunst entwich der Kiste und er beäugte das schwarze Loch misstrauisch. Schlagartig wurde es innen hell und er zog den Kopf wieder ein.
   Nach ein paar Minuten traute er sich wieder hoch und spähte in das lichtdurchflutete Ding. Es war ein kleiner annährend quadratischer Raum, etwa acht Fuß hoch und ebenso lang und breit und er war schief. Er lehnte seinen Stab an die Außenwand des Kastens und kletterte hinein.
Wo kam nur das ganze Licht her? Er sah sich um, am Boden, der Decke und den Seiten waren schmale milchige Klötze angebracht aus der das Licht drang. Er sah sich um. Auf jeder der drei Seiten (minus die Tür) waren Schränke aus Metall dessen Türen weiß lackiert waren.
   Probeweise öffnete er den Schrank links von sich. Er staunte. Da lehnten in einer Reihe aufgestellt einige lange metallene Objekte an der Wand, er nahm eins heraus und betrachtete es. Mit viel Fantasie könnte man es als Gewehr bezeichnen, aber es sah so viel anderweltlicher und sonderbarer als die Gewehre der Banditen aus, dass es bestimmt irgendetwas anderes war. Ratlos stellte er es wieder zurück. Darunter befanden sich kleinere Kisten aus Metall. Eine war aufgeplatzt und hatte ihren Inhalt auf dem Boden verbreitet. Zylindrische Objekte mit einer Art Kragen und abgerundeter Spitze. Mit gerunzelter Stirn kniete er sich hin und nahm einen der Zylinder in die Hand, so etwas hatte er noch nie gesehen. Das Ding war etwa so lang wie sein kleiner Finger, aber bei seinen riesigen Pranken war das nicht gerade klein. Das Material war Metall, aber es waren verschiedene Metalle. Komisch, die Spitze war grün angemalt, was das wohl zu bedeuten hatte? Er nahm sich vor einige der Objekte mitzunehmen und den Bewohnern im Dorf und den Mönchen der umliegenden Klöster zu zeigen. Er richtete sich auf und besah sich den Schrank rechts von sich. Dieser enthielt rote quadratische Päckchen, etwa so groß wie zwei große Ziegelsteine übereinander. Sie waren mit einem Zeichen bemalt, ein weißes Kreuz auf rotem Grund in einem weißen Kreis. Der Stoff war seltsam, so etwas hatte er noch nie gefühlt. Unglaublich fein und doch immens stabil. Die Päckchen waren nicht sehr schwer aber prall gefüllt. Auf der Hälfte war ein schmaler Besatz aus verzahnten metallenen Dreiecken die zu einem ovalen Plättchen mit einer Art Haken führte. Probeweise zog er an dem Haken und das ovale Plättchen glitt sanft wie eine Feder an dem Besatz entlang und öffnete einen Spalt. Verwundert zog er einige Male an dem Haken und führte das Plättchen vor und zurück. Dann öffnete er es ganz und das Päckchen zerteilte es in zwei Hälften. Im inneren befanden sich weitere transparente zylindrische Körper und Behältnisse aus einem seltsam glatten Material. Er nahm sich vor ebenfalls ein solches rotes Päckchen mitzunehmen, vielleicht konnte man den Inhalt noch gebrauchen.
   Nun aber der letzte Schrank. Der klemmte und nur mit all seiner Stärke konnte er ihn aufreißen. Die Türen knallten an die Seite und Lama Merten erstarrte. Mit offenem Mund starrte er in das Innere des Schrankes und konnte nicht begreifen, was er da gerade sah.
   Ein Behältnis lag darin. Eingebettet in einen Rahmen aus einem merkwürdigem schaumigen schwarzen Zeug. Das Behältnis war quadratisch, mit abgerundeten Ecken, aus einem weißen schimmernden Material. Die untere Hälfte verzierten flache Zylinder, Scheiben und Schläuche die allesamt zu leuchten schienen und in einer fremdartigen Sprache beschriftet waren. Die obere Hälfte war durchsichtig und darin befand sich eine zähflüssige bernsteinfarbene Flüssigkeit und darin schwamm etwas, was er nicht begreifen konnte. Ein kleines menschliches Baby. Ein Mädchen.

*

Liz schreckte aus dem Schlaf. Sie tastete im Halbschlaf nach der Lampe die sie neben sich abgestellt hatte und schaltete sie an. Die kleine Licht der Lampe war warm und golden. Sie war mit dem Buch auf der Brust eingeschlafen. Sie schüttelte sich. Wie spät es wohl sein mochte? Bestimmt war es tiefste Nacht. Nach einem Diener zu klingeln war vermutlich zwecklos. Sie schlug das dicke Fell zur Seite und streckte die nackten Beine in die Luft. Wie sie gelernt hatte befanden sie sich zwar in einer subtropischen Klimazone, aber um die Jahreszeit wurde es nachts trotzdem empfindlich kühl. Fröstelnd tastete sie nach dem Morgenmantel und schwang sich, die Lampe in der Hand, aus dem gigantischen Bett. Ihr Schlafgemach war riesig und die Lampe erhellte nur einen winzig kleinen Teil davon. Sie trat an eins der Fenster, stellte die Lampe vorsichtig aufs Fensterbrett und sah hinaus. Von hier oben sah man die Anfänge eines parkähnlichen Gartens, den sie mit dem alten Kaiman Tacitus erst kürzlich angelegt hatte. Tacitus war nett, weise und brachte ihr viele Sachen bei. Er wusste Erstaunliches und erzählte ihr oft Geschichten von seinen Reisen aus jüngeren Jahren. Sie mochte besonders die Geschichten in den Tropen. Am meisten faszinierte sie da die Unberührtheit der tropischen Regenwälder, deren größten Baumriesen fast zweihundert Meter in den Himmel ragten, und die exotische Fauna und Flora. Tacitus meinte immer scherzhaft dies sei kein Ort für ein ehrenwertes Fräulein wie sie.
   Ihr Blick wanderte weiter und hing an der hohen Wand mit der Krone aus Stacheldraht fest, die in regelmäßigen Abständen von hohen Wachtürmen gesäumt wurde.
Was gäbe sie doch um nur einmal einen Blick darüber werfen zu dürfen.

*

Der Dieb hörte auf zu Winken und steckte die Hand wieder in die Hosentasche. Es war kalt hier draußen. Aus sicherer Entfernung beobachtete er wie die riesigen Rotorblätter der Big-Hornet anfingen sich zu drehen und immer schneller wurden, dazu das begleitende Aufheulen und laute Dröhnen der gewaltigen Triebwerke. Vier Stück waren es, vorne zwei und hinten zwei an den Enden kurzer Flügel befestigt. Langsam lösten sich die Räder vom Boden und die Hornet hob vorsichtig ab. Dann ging die Sache ziemlich schnell. Die Hornet gewann schnell und zielsicher an Höhe und entfernte sich von der Plattform. In ausreichender Höhe kippten die vier Rotoren langsam in die Horizontale und das riesige Flugzeug wurde schneller und entfernte sich mit zunehmender Geschwindigkeit.
   Mit der Hornet verschwand auch sein Bruder. Endlich hatte er freie Bahn.
Er dachte an Meg, das kleine Mädchen aus dem Dschungel. Er hatte kurz ungestört mit ihr reden können und sie hatte ihm ein Geheimnis anvertraut, über den Sinn des Gesagten zerbrach er sich den Kopf und er würde noch nicht handeln können, denn die Sache brauchte viel Zeit und Planung.
Eine fröhliche Melodie pfeifend ging er wieder rein und die langen hell erleuchteten Gänge entlang. Alle, die ihm hier begegneten, schienen es ziemlich eilig zu haben. Sein Onkel Atakar hatte ihm durch einen Boten eine Nachricht zukommen lassen: er solle sich auf Flugdeck sieben begeben.
Und dahin war er unterwegs. Er kannte die knappen präzisen Anweisungen von Atakar nur zu gut.
Draußen schlug ihm wieder kalte Meerluft entgegen und er fröstelte, er hatte natürlich keinen Thermoanzug an, sondern nur seine übliche Kluft: kurze Hosen und ein kurzärmliches Oberteil aus Baumwolle.
   Flugdeck sieben war eines der kleineren Decks und er war gespannt was ihn erwartete. Er ging die letzten Stufen zum Deck hoch und hielt inne. Vor ihm stand, mit Sturmankern festgezurrt, eine zweimotorige Hornet. Eins von den kleineren Modellen, aber er konnte es nicht zuordnen. Sie ähnelte am ehesten den älteren Modellen, so wie der Sea-Hornet, aber sie war bauchiger, bulliger und eine Spur größer als die modernen Hornets. Ziemlich viel Stauraum, ging es ihm durch den Kopf. In eine normale Hornet passten zwei Piloten und etwa zwanzig voll ausgerüstete Soldaten. Diese war aber breiter und höher als eine normale Hornet und bestimmt kein reiner Transporter. Von denen waren hier so viele zu finden, dass die Reserveflieger in den Hangars Staub und Rost ansetzten.
Vor der Hornet auf dem Boden stand allerlei Ladegut. Fässer mit Treibstoff und Wasser, Holzkisten und Säcke mit Vorräten und große schwarze Plastikboxen, deren Inhalt er nur schwer erraten konnte.
Auf einer der Holzkisten saß ein junger Salamander, etwa in seinem Alter, in einem ölverschmierten Overall und studierte mit konzentriertem Blick die Inhaltsangabe auf einer Dose Ravioli.
Als der Salamander ihn bemerkte winkte er ihm zu.
„Bist du der Spezialist?“ rief er ihm zu.
Der Spezialist lächelte zufrieden, es kam viel zu selten vor dass man ihn einmal nicht mit Dieb anredete.
„Japp und du musst wohl der Koch sein“ antwortete er.
Der Salamander lachte, erhob sich von der Kiste und näherte sich dem Spezialisten.
„So nennte man mich wohl, aber ich bin noch viel mehr als das. In erster Linie fliege ich dieses Schätzchen hier“, er deutete auf die Hornet.
„Komm mit ich zeig dir alles.“
Und er drehte sich um und ging um auf das geöffnete Heck der Hornet zu.
„Vor dir steht eine prachtvolle Curvy-Hornet, schon etwas älter, die werden schon lange nicht mehr produziert. Früher gab es noch den Bedarf an einer Zwischengröße zwischen den kleinen Sea-Hornets und den größeren Fat-Hornets. Aber mittlerweile bauen sie die normalen Hornets einfach größer und haben die Curvy-Hornets damit obsolet gemacht. Das Schätzen hier habe ich auf einem Schrottplatz gefunden und wieder instandgesetzt, ich hab sie den gelben Albatros getauft, weil ich über die Jahre ziemlich viele Langstreckenflüge absolviert habe. So da wären wir“
Der Redeschwalle endete abrupt und er wies auf das schwach beleuchtete Innere der Hornet.
„Ladies first“
Er grinste.
   Der Spezialist betrat den Innenraum und staunte. Der Raum war unterteilt in verschiedene Parzellen und überall waren Schränke und Fächer für Stauraum eingebaut. drei Schlafkojen, eine schmale Küchenzeile mit Kochfeldern und Spüle. Sogar ein kleines Bad mit Toilette und Dusche. Funkgeräte, Kartenmaterial, Ausrüstung für alle die Gebiete aller Klimazonen. Auch ein großer Schrank mit Waffen, hauptsächlich Präzisionsgewehre, war vorhanden.
„Und gefällt’s dir?“
Der Salamander stand plötzlich neben ihm und strahlte ihn an.
„Sehr, ich hätte nicht gedacht, dass man so viel auf so wenig Platz unterbringen kann.“
„Genau und du hast längst nicht alles gesehen“
Sie gingen wieder raus und einmal um die Hornet herum.
„Die Triebwerke und Rotoren sind ziemlich neu, die haben viel Dampf und sind ziemlich effizient was den Treibstoff angeht. Die Außenhülle ist an den wichtigen Stellen gepanzert und kugelsicher gegen kleinkalibrige Geschosse. Cockpit ist kugelsicher, auch gegen größere Sachen. Treibstofftanks sind selbstabdichtend. Täuschkörper als Schutz gegen hitzesuchende Raketen, eine Speziallackierung gegen Radar und bewaffnet sind wir auch. Eine 30 mm Kanone im Turm unterm Cockpit und zwei schwere 12,5 mm Maschinengewehre starr nach vorn. Hinten oben zwischen den ‚Schulterblättern‘ ein versenkbarer Turm mit einer 20 mm Autokanone. An den Tragflächen sind Haltepunkte für Raketen und Treibstofftanks. Das wär’s glaube ich“
Der Salamander hielt inne und sah den Spezialist an.
„Ist das gut genug?“
Er grinste.
   Der Spezialist nickte, mehr als gut genug. Eine mobile Einsatzbasis hätte er sich niemals erträumt.
„Gut, dann würde ich vorschlagen, dass du nun dein Zeugs holst und ich den restlichen Krams hier einlade. Wir treffen uns hier in sagen wir einer halben Stunde. Komm aber nicht zu spät“
Der Spezialist nickte und verließ das Flugdeck um sein Gepäck aus seiner Kabine zu holen. Viel war es eh nicht: seine Thermoausrüstung, ein paar Kleider, ein paar alte Bücher und Aufzeichnungen. Er hatte nicht sehr viele Habseligkeiten. Fünfundzwanzig Minuten später stand er wieder auf Flugdeck sieben. Der gelbe Albatros war startbereit und die Leinen waren gelöst. Ein Hauch von Kerosin lag in der Luft.
   Der Salamander war gerade dabei die letzte Kiste Ravioli in den Laderaum zu tragen. Er nickte ihm zu.
   Der Spezialist verstaute seine Habe und kletterte nach vorne ins geräumige Cockpit durch wo er auf dem Sitz des Copiloten Platz nahm. Kurze Zeit später gesellte sich der Salamander zu sich und nahm ebenfalls Platz, auf dem Pilotensitz.
„Bevor wir starten müssen wir noch eine wichtige Sache klären: wie ist dein Name? Dieb oder Spezialist sind ja eher Codenamen, aber so will ich dich nicht ansprechen, sonst komme ich mir vor wie in einem billigen Spionage-Roman. Also, nenn mich Xen, das ist die Abkürzung für irgendwas ganz schrecklich Kompliziertes.“
Der Spezialist grinste, er ahnte dass er sich mit Xen ziemlich gut verstehen würde.
„Ich heiße Ted, mit vollem Namen Tadeus, aber so nennt mich keiner.“
„Gut zu wissen Ted. Jetzt gilt nur noch zu klären wo es hingeht. Man sagt du beschaffst … Dinge“
„Das ist korrekt“
„Und was beschaffst du als nächstes?“
Ted grinste und zog ein altes zusammengerolltes Pergament aus einer Tasche und hielt es Xen ausgerollt hin. Dessen Augen fingen an zu leuchten.
„Hehe, das ist vielversprechend. Schnall dich an und halt dich fest Ted, es geht los.“
Und damit dröhnten die Motoren los und der Albatros fing an zu vibrieren.
Ted lehnte sich voller Vorfreude zurück. Er spürte es, sie würden in ein Abenteuer fliegen.

*

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 17

17. Jack – 1.W.April 2045 – Samstagmorgen – Training

Jack stand unter der Dusche und ließ das Wasser über sich herabprasseln. Er dachte über den kompletten Wahnsinn des letzten Tages nach. Das BIT, Die Fahrt nach Hause, die Flucht aus dem Haus, die Fahrt im brandneuen Omega, Das Gelände wie aus einem Science Fiction Streifen. Die Sache mit Hal, der Krach mit Mama und der Ausblick auf drei Wochen volles Programm mit Onkel Kaz. Und Schusswaffentraining, darauf war er am meisten gespant. Er freute sich total.
   Er trocknete sich ab, zog sich frische Sachen ab und ließ Akira ins Bad, die schon ungeduldig wartete.
   Ohne gegelte Haare sah sie auch nicht schlecht aus.
Das Frühstück war klasse und fast so wie im Internat. Rührei, Speck und Bratkartoffeln und saure Gurken, dazu Waldbeerenjoghurt, Orangensaft und Kaffee. Warum konnte Kaz auf einmal so gut kochen? Das war doch total merkwürdig, er behauptete doch immer das Gegenteil. Nach dem Essen machten sie einen langen Verdauungsspaziergang durch den Wald und dann führte sie Kaz zu einer verlassenen Rennstrecke mitten im Wald.
„Hier wurden früher einmal Autos gebaut und getestet. Wir können es wunderbar als Laufstrecke verwenden, also los drei Runden Ausdauerlauf. Hey ho, let’s go.“
Die Strecke war nicht klein und ziemlich verwunden. Sie liefen locker eine halbe Stunde und am Ende war er gut warm und leider ziemlich aus der Puste. Sein Körper war nach dem Überfall eben doch noch nicht ganz fit stellte er leider fest. Kaz führte sie zurück zu der Halle. Jack erkannte, dass es Möglichkeiten für Dips und Klimmzüge an einer der Seitenwände gab. Dort trainierten sie intensiv. Dann gingen sie zu einer Seite der hohen Halle.
„Die Wand ist präpariert, sodass man freihändig klettern kann. Wir machen jetzt eine Runde Freeclimbing, ich möchte sehen was ihr könnt. Nicht verzagen, alle zwei Meter ist links von der Kletterroute ein Sims mit einer Reling, die um die Ecke zu einer Leiter führt. Die Wand ist sechzehn Meter hoch. Also keine Angst, wenn ihr nicht mehr könnt oder echt nicht höher traut. Los, Jack, du bist der Erste. Und lasst euch alle Zeit die ihr braucht. Das ist hier nicht auf Zeit. Es kommt mir auf die Technik an. Und denkt an eure Sicherheit. Nicht jeder ist fürs Freeclimbing geschaffen.“
Das klang knackig. Er hatte zwar keine Höhenangst, aber die Wand war schon hoch und sie waren nicht gesichert. Klettern mit Seil konnte er recht gut, aber ohne Seil war ihm mulmig.
Er trat vor und suchte die Wand nach guten Griffmöglichkeiten ab. Langsam aber relativ sicher kletterte er in die Höhe. Das war fast wie an einer richtigen Felswand, total genial. Bei acht Metern brach er ab und kletterte die Leiter runter. Dann kam Amber. Sie war schneller als er, aber schaffte nur sechs Meter mit Ach und Krach.
Dann war Akira dran und ihm fiel die Kinnlade herunter. Sie war nicht nur schnell, sondern schaffte die vollen Sechzehn Meter. Wie hatte sie das denn bitte gemacht? Die machte doch nur Youtube Videos und streamte Games. Und Kaz danach war der Knaller, der kletterte behände und sicher wie eine Bergziege und erreichte die Dachkannte in Rekordzeit. Als er unten war strahlte er in die Runde.
„Glanzleistung an dich Akira und ihr beiden anderen habt euch gut geschlagen. Das üben wir jetzt jeden Tag. Und jetzt Parcour, dazu müssen wir auf den großen Vorplatz.“
Vorplatz? Der war doch total leer. Aber dann dachte er an die Treppe zum Aufzug gestern und er war sehr gespannt. Sie fingen mit dem Abrollen an. Aus dem nichts fuhr eine Betonwand etwa zwei Meter in die Höhe und an einer Seite formten sich Mulden für Handgriffe. Das war doch total krank. Und etwas entfernt von Ihnen fuhr ein Regal mit unterschiedlich dicken Matten aus dem Boden hoch. Sie übten zuerst eine Weile mit der ganz dicken und gingen dann schrittweise zu den Dünneren übrig. Die Rolle auf Beton machte erstmal nur Kaz. Anschließend fuhr die Wand wieder in den Boden und dann fuhr ein ganzes Labyrinth aus Pfählen, Wänden und Plattformen aus der Höhe. Heilige Scheiße! Er fühlte sich wie mitten in einem Computerspiel, er kniff sich nochmal in den Arm. Tat immer noch weh, merkwürdig. Kaz machte vor, wie man den Kurs absolvierte, zweimal. Dann waren sie drei nach der Reihe dran. Keiner von ihnen schaffte es durch den ganzen Kurs, was sie alle etwas knickte. Amber war die schlechteste, was ihm Leid tat. Kaz beglückwünschte sie trotzdem gelassen und der Parcours aus Beton fuhr wieder in den Boden.
„So, jetzt kommt dir Stunde der Wahrheit. Warum trainieren wir so komische Sachen wie Klettern und Parcour? Weil wir vier ein Haufen Diebe sind!“
Akira wurde kalkweiß, Amber trat unsicher von einen Fuß auf den anderen und ihm wurde flau. Vor ihnen fuhr ein Betontisch aus dem Boden.
„Fangen wir von klein nach groß an. Jack. Du und dein Bruder habt zwar immer unter einer Decke gesteckt, aber er ist ja leider nicht mehr bei uns. Seit du neun bist, klaust du deiner Mutter Geld um dein armseliges Taschengeld aufzubessern. Mit sechzehn hast du dir auf dem Schwarzmarkt eine Beretta 92 mit einem Reservemagazin und einen Sack Munition gekauft und im Wald fleißig damit geübt. Und du hast nachts einen korrupten Cop überfallen, überwältigt und ausgeraubt.“
Vor Kaz griff unter den Tisch und holte eine Sporttasche hervor und öffnete den Reißverschluss. Im Inneren, waren der Ausweis, die Dienstmarke und die Dienstwaffe des Polizisten, ein halbleerer Zipplockbeutel mit 9mm Patronen, ein volles Reservemagazin und die Beretta, dazu ein Bündel mit Euroscheinen. Das stimmte alles was Kaz da gesagt hatte und das er das wusste, verängstigte Jack sehr.
„Amber als nächste. Sie hat mir alles gebeichtet. Sie ist trotz ihres zarten Alters passabel im Schlösserknacken, ist eine geübte Taschendiebin und macht ab und zu Ladendiebstähle. Sie hat ab und zu Waffen mitgehen lassen um mit ihnen in den Wäldern auf Büchsen und Glasflaschen zu schießen. Auch wenn ihr Trefferbild ziemlich mau ist. Ihre Beweise sind mit ihrem Elternhaus abgebrannt.“
Amber sah beschämt zu Boden und war rot angelaufen.
„Jetzt du Akira. Du kommst ziemlich nach mir und das merkt man dir an. Bist gerissen und raffiniert und bist eine Diebin durch und durch, auch wenn du die einzige Tochter eines der reichsten Menschen der Erde und Alleinerbin von Horizon bist. Du bist eine erstklassige Taschendiebin, Verkleidungskünstlerin, Schlossknackerin. Du brichst in Läden und Häuser ein ohne Spuren zu hinterlassen. Hast mindestens einen Juwelier geknackt und bist in einige Museen eingestiegen. Als versierte Bastlerin und kleines IT-Ass hast du dir selbst Gadgets zusammengebaut und eingesetzt. Und du wurdest nicht einmal erwischt, sehr beachtlich. Du hast großes Talent. Nicht das du Yusuf noch Konkurrenz machst. Und du hast dir einen Anzug gebastelt, zieh ihn doch mal an ich hab ihn hier.“
Akira war inzwischen Tränen ausgebrochen und schluchzte heftig, während Amber und Jack sie ungläubig und mit großen Augen anstarrten. Er konnte sich Akira unmöglich als Einbrecherin vorstellen, kein Stück. Aber da war Kaz der einen zerbeulten Aktenkoffer auf den Tisch legte und öffnete. Jack klappte die Kinnlade herunter.
Edelsteine, Diamanten, Goldmünzen und -Barren, Bündel mit 500€ Scheinen, teurer Schmuck, Golduhren, Computerfestplatten, Geldbörsen.
Akira heulte jetzt komplett und Kaz nahm sie in den Arm und drückte sie sanft.
„Alles gut meine Liebe, das bleibt alles unter uns, wir gehören jetzt zusammen. Du kommst nicht ins Gefängnis und du wirst dein Tun ungestört weiter machen können. Und wir unterstützen dich dabei.“
Bei Kaz Worten fühlte sich Jack unwohl, aber es stimmte schon alles. Bei seinen Taten hatte er sich nie schlecht gefühlt oder sich dafür geschämt. Bei dem Polizisten ärgerte es ihn eher, dass er ihn nicht gleich erschossen hatte, aber ohne Schalldämpfer war ihm das zu riskant gewesen.
„Jetzt beruhige dich wieder meine Liebe. Wir haben dich alle gern als der Mensch, der du bist. Atmete tief ein und zeig uns deinen tollen Anzug, den du dir gebastelt hast.“
Akira wischte sich die Tränen weg und nickte schniefend. Kaz legte eine große Reisetasche auf den Tisch und sie öffnete sie und holte ein paar Sachen heraus. Dann zog sie sich ungeniert vor ihnen bis auf die Unterwäsche aus und zog sich einen seltsamen, etwas krude aussehenden eng anliegenden Catsuit an. Sie hatte einen flachen Rucksack auf dem Rücken. Von ihrem Gesicht waren nur noch die Augen sichtbar. Und auf der Stirn war eine hochgeklappte AR Brille.
An der Hüfte hatte sie ihr Handwerkszeug in Taschen und Etuis. Zum Beispiel Dietriche und einen Wurfhaken mit einem stabilen Seil. Im Rucksack war eine Drohne untergebracht, die sie mit dem Headset und den Handschuhen steuern konnte. Natürlich war der ganze Anzug nachtschwarz.
„Sehr beeindruckend meine Liebe, jetzt zeige ich mal meinen.“
Sie bemerkten, dass der Omega lautlos auf den Platz gefahren kam. Und neben Kaz hielt. Das war so irre, dass dieser Panzer einfach nicht zu hören war und alleine durch die Gegend fahren konnte.
Jack und die Mädchen beobachten fasziniert, wie sich automatisch die schwere Hecktür öffnete und Kaz einen großen Metallcontainer auf einer Schiene aus dem Innenraum zog. Kaz zog sich aus, schlüpfte in einen enganliegenden Anzug und dann in eine Panzerung oder irgendetwas in der Art. Total krass. Mit dem Helm sah das aus wie ein Sci-Fi Kampfanzug aus einem Videospiel.
Der Anzug sah total cool aus. Sein Onkel klappte das Visier hoch und kam auf sie zu, in der Hand trug er einen total abgespaceten Compoundbogen und ein paar Pfeile.
„Das hat mir Mulan als Willkommensgeschenk dem Omega beigelegt. Ein Stealth Kampfanzug, Angelehnt an den Nanosuit der uralten Crysis Games. Er macht mich schneller, ich hab ein AR HUD und kann den Omega kontrollieren. Voll gepanzert aber trotzdem hochbeweglich. Ich kann mehr tragen und heben und feste zuschlagen. Und er kann Stealth. Schaut her.“
Und der Anzug schien sich in Luft aufzulösen und nur Kaz Gesicht schwebte in der Luft. Dann wurde der Anzug wieder sichtbar. Ihnen fiel die Kinnlade herunter, zum wiederholten Male heute. Das war ja wohl das geilste was er je gesehen hatte.
„Und der Bogen gehört dazu, den kann man ohne Anzug auch gar nicht spannen. Schaut her.“
Er klappte das Visier runter, spannte den mächtigen Bogen und in zwanzig Meter Entfernung schoss ein Betonpfeiler aus dem Boden. Kaz ließ die Sehne los und der Pfeil schoss mit einem lauten „Twang“ los und krachte in den Pfeiler. Und blieb stecken, in Stahlbeton, ohne zu brechen. Krass.
„Und ich kann die Waffensysteme des Omega steuern, schaut her.“
Hinten rechts am Omega fuhr ein Turm mit einem langen merkwürdig geformten Lauf in die Höhe. Ein Geschützturm? Kaz bewegte den Kopf in alle Richtungen und der Turm machte die genau gleichen Bewegungen. Dann schoss in vierzig Meter ein weiterer Betonturm aus der Versenkung, Kaz warf einen Blick auf den Turm und dann wurde die Betonsäule förmlich zerfetzt. Heilige Scheiße, das ist doch ne waschechte Railgun! Und nicht genug, sie hörten ein leises Surren und dann flog ein Schwarm Minidrohnen hoch und kreiste sie ein. Jack sah sich die Drohnen genau an, sie waren echt winzig und machten ein Geräusch wie eine Mücke, er wettete das waren die Mosquitos, von denen er in den Foren gelesen hatte. Dann kamen vier kleine Dronen, die wie Nurflügler geformt waren und flogen um sie herum. Zwei mittelgroße schwarze Drohnen die nahezu lautlos waren und dann kam eine ziemlich dicke aggressiv geformte Drohne angeflogen und parkte vor ihnen in der Luft. Das war der helle Wahnsinn. Und dann auf Befehl verschwanden alle Drohnen wieder im Dach des Omega. Und der Turm fuhr wieder ein. Kaz klappte das Visier wieder hoch und kam auf sie zu.
„Der Anzug ist ein Unikat. Aber wenn ihr euch spezialisiert habt und erwachsen seid, bekommt ihr auch einen der zu euch passt. Versprochen. Kommt, ich zieh das Ding aus und dann packen wir aus, hier ist echt eine Menge versteckt.“
Warte Mal, wo war denn der Anhänger hergekommen, der plötzlich etwas entfernt neben dem Omega stand? Konnte der auch fahren? Muss er wohl, irgendwo musste er schließlich hergekommen sein. Und um sie herum fuhren überall große lange Betontische aus dem Boden. Nicht dass er das mit dem Anzug, der Railgun und den Drohnen und dem autonomen Panzer verdaut hatte, aber diese Betonpfeiler waren der totale Wahnsinn. Er war schon gespannt was da noch kommen würde, wenn sie mit dem ersten Beton-Parcour fertig waren.
„Wir machen den Anhänger zuerst. Der Omega ist gepackt wie er soll, aber ich zeig dir gleich was Jack, komm mal mit. Ihr Mädchen fangt schon mal an und packt die Sachen aus dem Anhänger auf die Tische um uns herum. Ich bin schon selber sehr gespannt.“
Jack folgte seinem Onkel zu dem Omega und blieb bei einer fetten Transportbox auf der rechten hinten Seite stehen. Kaz legte seine Hand auf eine matte Fläche und es klickte mehrfach, dann zog er die Transportbox an einem Schienensystem herunter, bis sie in der Waagerechte etwa auf Hüfthöhe verharrte. Jack trat näher an seinen Onkel heran, als dieser den dicken Deckel hochhob und die erste Etage des Inhaltes hochklappte. Jack starrte auf ein mattschwarzes Gewehr von Heckler und Koch. Nein er korrigierte sich, zwei Gewehre. Das untere hatte einen längeren Lauf, ein Zielfernrohr plus Zweibein, ein MR308 oder evtl. auch HK417, die sahen exakt gleich aus. Ne, war ein MR308, der Sicherungshebel hatte nur die Option auf Semi-Auto. Dann war das obere ein MR223, der zivilie Bruder des HK416. Dazu eine Beretta 92 mit Schalldämpfer und eine Colt M1911 mit Schalldämpfer. Schoss Kaz echt noch diesen Oldtimer? Dazu waren in der Box Reservemagazine für die Gewehre und Pistolen, Schalldämpfer, Griffe und Visiere. Ein Fahrbarer Waffensafe, der Knaller.
„Darf ich mal eins probieren?“ Fragte er hoffnungsvoll.
„Nö. Die sind für später. Erstmal werden wir campen und uns einrichten. Außerdem fangen wir klein an. In der dritten Woche lasse ich dich dann auch mal an ein AI AX50 rann. Na was sagst du?“
Ein schweres Scharfschützengewehr mit 12,7mm Munition. Das war doch mega illegal in Deutschland, aber die Idee war sehr verlockend.
„Ich schon einen Riesenstapel Clown Zielscheiben drucken lassen, und hier auf dem Gelände gibt es unzählige Möglichkeiten, auf Distanz zu schießen. Ist alles noch recht frisch, Anna kommt hier ab und an auch her, wenn sie Lara und Hal besuchen will.“
„Moment mal wer ist diese Anna und ist Lara auch eine KI?“
„Anna ist meine Freundin und hoffentlich bald Verlobte und Lara ist eine KI und Hals Freundin. Sie hat etwas entfernt von hier, auf der anderen Seite der Rennstrecke den Hang runter ihr kleines Versteck. So ähnlich wie das von Hal hier oben, nur etwas kleiner. Dort quartiert Anna dann auch ein, wenn sie mit ihrem Lada Schrotteimer hier runterkommt. Sie schießt nur auf 500m aufwärts und dafür gibt es hier Bahnen bis 3km Länge mit geschützten Schießpositionen.“
„Hast du ein Foto von dieser Anna?“ Jetzt war er doch neugierig.
„Klar, warte eine Sekunde. Hier.“
Kaz zeigte ihm sein Prism. Eine freundliche russisch aussehende Frau mit vollen hellblonden Haaren und warmen türkisen Augen. Sie trug sportliche Sachen und hatte eine Kamera mit mächtigem Objektiv im Schoss abgelegt.
Ja na klar, darüber hatte er gelesen als er die Kickstarter Seite zu dem tollen Brettspiel, das in Kaz Fantasy Welt spielt, gelesen. Ein ehemaliges deutsch-russisches Supermodel, das jetzt fotografierte und Brettspiele entwarf. Er hatte immer Lust gehabt, ihre Spiele auszuprobieren, aber er kannte niemanden der Brettspiele mit Begeisterung spielte.
„Die kenne ich, weißt du dass sie an einem Brettspiel zu deinen Büchern arbeitet?“
„Ja ich weiß, das ist eine Kooperation zwischen uns beiden und ich mache das Artwork und schreibe die Texte. Ich freu mich schon richtig. Wir planen eine normale Edition und die Special Edition mit handbemalten Figuren und Miniaturen aus Resin, vielleicht mal ich die dann auch selber.
Leider wohnt sie in Moskau und mag nicht so gerne nach Deutschland kommen, sie hat auch jemanden an die Clowns verloren und das macht sie richtig fertig. Sie ist eine sehr sanfte friedliebende Seele. Ich sehe deinen Blick. Ja man kann friedliebend sein und trotzdem auf Distanz mit Scharfschützengewehren schießen.
Aber sie traut sich nicht zu jagen. Sie ist sehr tierlieb und würde vermutlich selbst Scarlett knuddeln.“
„Hat sie denn nichts dagegen, dass Liz deine beste Freundin ist und … naja Amber hat da sowas erwähnt.“
Kaz lachte laut und die Mädchen die sich mit schweren Kisten abmühten sahen erstaunt herüber.
„Ne, Anna ist damit einverstanden mir Freilauf zu geben, zumindest solange bis wir heiraten. Hoffentlich bald.“
„Entschuldigung, wen hat sie denn an die Clowns verloren?“
„Nicht nur sie, ich auch. Markus, unseren gemeinsamen Sohn. Das war einer der Gründe für den Krach mit meinen Eltern. Danach brauchte ich einen Ortswechsel, auch wenn Liz darunter stark gelitten hat, die damals sehr an mir hing und mir einen Antrag machen wollte. Anna und Markus haben allein in einem Dorf in Bayern gewohnt und als er 9 war, hat ihn ein Transporter der Clowns plattgemacht, als er über die Straße wollte. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nicht bereit die Verantwortung zu übernehmen. Aber ich hab Anna und Markus regelmäßig besucht. Ich weiß ganz genau, wie es sich anfühlt, wenn der liebste Mensch auf der Welt aus deinen Händen gerissen wird. Und alles nur weil Annas großer Bruder, bei der Bundeswehr war. Sie hat sich damals auch heftig mit ihrer Familie gestritten und ist nach Russland ausgewandert. Das war einer der ersten Angriffe in Deutschland und das ist über zehn Jahre her.“
Jack war sichtlich betroffen. Kaz hatte einen Sohn gehabt und der war von den Clowns ermordet worden!
„Du musst nichts sagen, aber ich sehe, dass es dir nahe geht. Ich habe meine Eigene Art um mit dem Tot umzugehen, ich habe früh erlebt wie meine Großeltern gestorben sind und eine meiner besten Freundinnen hat Suizid begangen, während ich auf der anderen Seite der Welt war.
Nach dem Attentat brauchten ich und Anna ein bisschen Abstand und wir haben uns gegenseitig Vorwürfe gemacht, die nirgends hingeführt haben. Aber wir haben uns wieder versöhnt und ich möchte dass sie meine Frau wird. Aber sag ihr davon nichts und auch nicht Liz. Ihr muss ich es noch beichten, sie wird es vermutlich schwer treffen. Liz erinnert mich an Anna, dass macht es doppelt schwer für mich. Aber Anna ist trotz ihres Erfolgs als Modell und jetzt als Spielentwicklerin sehr bescheiden. Denk mal darüber nach, sie hat zwar auch genau einen Pelzmantel und genau eine Decke, aber da oben wird es im Winter auch schweinekalt. Liz hat absurde Mengen an Pelzen und hier in Deutschland, jedenfalls in Berlin wird es seit Jahren nicht mehr richtig kalt. Macht doch keinen Sinn. Außerdem ist Anna halbe Russin, da kann man das schon eher verstehen würde ich sagen. Leider hat Liz den Virus mit den Pelzen an Amber weitergegeben, also sieh zu dass du gut verdienst.“
Kaz grinste ihm zu und Jack starrte ihn verständnislos an. Der lachte wieder nur, dann flüsterte er.
„Ich sehe doch die Blicke, die du ihr zuwirfst. Du kannst ja kaum deinen Blick von ihr abwenden. Da tut mir die gute Yolanda echt Leid, da musst du dir etwas Passendes einfallen lassen. Übrigens ihr seid zwar beide minderjährig, aber mir macht es nichts aus, wenn ihr euch ausprobieren wollt.
Ich glaube sie mag dich auch sehr. Mensch ich und Anna waren auch um die sechzehn als es gezündet hat.“
Jack drehte sich nickend zu den Mädels um und dachte über das nachgedachte nach. Er hatte von seinem Onkel gewissermaßen ein Freifuhrschein bekommen, wenn es um den sexuellen Umgang mit seiner Tochter ging. Oje. Leider sah Amber auch in den einfachen Kleidungsstücken einfach nur hinreißend aus. Sie bemerkte seinen Blick und winkte ihm lächelnd zu. Er sah zu Kaz, der die Waffenbox wieder verstaute und ging dann zu den Mädchen, die den Kofferraum des Anhängers leerten. Er starrte auf die ganzen Taschen und Kisten, die auf dem Betontisch lagerten. Wie viel war da denn noch drin? Anscheinend eine verdammte Menge.
„Daddy, die Kisten dahinten sind zu schwer für mich, sorry.“
„Ach keine Sorge, darum kümmern wir uns, Jack keine Zeit um schöne Mädchen zu begutachten, jetzt wird erstmal angepackt. Die Kisten dahinten sind von Heckler und Koch und von Accuracy International, die sind schon etwas schwerer. Ihr könnt noch die drei Zelte auspacken und dann macht ihr ne Runde Pause.“
Kaz beugte sich in den niedrigen, beleuchteten Raum und zog mit etwas Ächzen eine der Kisten heraus und schob sie zu Jack, der sie mit etwas Mühe auf einen Tisch ablegte. Auf der Transportbox prangte das rote Logo von Accuracy International. Jack war nicht ganz bei der Sache. Es ging ihm einfach nicht aus dem Kopf, dass Kaz einen kleinen Sohn gehabt hatte, der jetzt so alt wie Akira wäre, die im August ja neunzehn wird. So eine dreckige Welt. Er fragte sich wie diese Anna wohl drauf war, auf den Bildern sah sie immer sehr nett und warmherzig aus. Wie es wohl für sie gewesen war ein Kind zu verlieren. Diese verdammten Clowns und diese Drecksäcke, die die Clowns deckten. Er dachte an Ungarn, die einfach mal gar keine Probleme mit den Clowns hatten. Tja, Linke Regierung und so, da läuft eine Menge falsch. Er war jetzt weiß Gott kein Nazi, er war nur mehr in der Mitte und fand beide Seiten Scheiße. Es fehlte einfach immer der Dialog zwischen beiden Seiten. Und alle waren mittlerweile so unfassbar politisch korrekt. Sahid hatte erzählt, dass er und andere politisch unkorrekte Künstler nur in der Uni und in alternativen winzigen Theatern und irgendwelchen Kellern auftreten konnten und selbst dann gingen die politisch korrekten auf die Barrikaden und veranstalten Proteste und verursachten die Veranstaltungen abzusagen. So viel zu freien Ideen. Aber das Recht auf freie Meinungsäußerung gab es in Deutschland leider nicht.
Zumindest das BIT war auf der Seite der Künstler und förderte diese. Und die Regierung drohte zwar mit der Kürzung der Gelder, aber das BIT wurde durch Spenden der größten Konzerne der Welt finanziert, die waren da nicht so in Zugzwang. Und das Gelände des BIT war wie eine Festung, wie er die paar Tage deutlich gemerkt hatte. Ach ja, Prism und Spectre versorgten die Bundesregierung mit Geräten und waren Partner des BIT. Da würde die Regierung doof gucken, wenn ihr Support eingestellt werden würde. Sie hatten das beim Familientreffen und auch gestern beim Abend gestern besprochen und Kaz meinte, das wäre ganz schlimm in den USA gewesen, als er in ihrem Alter war. Und jetzt hatte dieser Virus der „Cancel Culture“ Die ganze westliche Welt zerfressen. Einfach nur schrecklich. Und Konservative und Angehörige von Soldaten wurden Ziel der Clowns, das schrie doch nur nach Wahnsinn. Und die EU verfasste ein schwachsinnigeres Gesetz nach dem anderen.
Da tat es einfach nur gut Kisten mit in Deutschland völlig illegalen Waffen und dicken Scharfschützengewehren auszuladen. Fick dich Deutschland. Ob er wirklich zum KSK gehen sollte? Er dachte an die Firmen, die das BIT unterstützten. Er hatte ein bisschen recherchiert. Lambda baute VTOL Flugzeuge, Omega baute sichere Autos und Radpanzer, Theta Lastwagen und Nutzmaschinen. Prism stellte teure aber auch extrem robuste und sicherere Smartphones her. Prisms waren Diensttelefone von Politikern in zahlreichen Ländern. Spectre war ähnlich wie Prism nur in Bezug auf Laptops und PCs. Nox versorgte Schulen, Unis und Armeen mit Essen, Ausrüstung und Kleidung, weltweit. Nox, Prism, Spectr und Horizon hatten die Eier in der Hose um über die Weltweiten Attentate der Clowns zu berichtet, auch wenn sie dafür viel Kritik von den Linken Spinnern erhielten. Er wusste das sein Onkel Johnny Kameras anbringen hatte lassen, nachdem sein Defender in der Einfahrt vandalisiert und vollgesprüht worden war. Moment mal, wie hatte es Kaz eigentlich geschafft ins Haus einzudringen und ihre Geheimverstecke zu plündern.
„Hey Kaz, wie bist du trotz Kameras eigentlich ins Haus gekommen und wusstest wo wir unsere Geheimnisse versteckt haben?“
„Ich hab überall im Haus Kameras und Mikrofone versteckt, damit ich euch immer im Blick habe. Geht knallhart gegen Datenschutzvorschriften aber so konnte ich auf der anderen Seite der Welt bei euren Geburtstagen und Weihnachten dabei sein. Ach übrigens Akira hör auf unter der Dusche zu singen, du triffst kaum einen Ton! Ist wie Katzenmusik.“
Akira ließ eine Tasche fallen und errötete fürchterlich. Jack lief auch rot an, er dachte an den Sex mit Yolanda in seinem Zimmer, der war auch alles andere als gut gewesen.
„Jack, bei sowas blenden die Mikrofone ab, ich hab also nichts gehört und der Winkel der Kamera ist auch ein anderer. Jedenfalls hab ich euch beobachtet wie ihr eurem Diebeswerk nachgehen könnt.
Und Hal hat euch häufiger Mal mit einer Drohne beobachtet, wenn ihr Draußen wart. Oder wenn Akira irgendwo eingebrochen ist. Hat der Lieben ein paar Mal den Hals gerettet, weil er den stillen Alarm zur Polizei unterbrochen hat. Nicht das meine liebe Nichte noch im Knast landet. Und das reinkommen war easy. Ich bin über den Geheimgang rein als meine Geschwister und Eltern nicht da waren. Und ihr wart ja bei eurem Kurs in der Schule. Albert auszutricksen ist jetzt auch keine Kunst, der alte Sack war noch nie der schnellste oder der hellste.“
„Wenn du uns so ausgetrickst hast weißt du bestimmt auch, wer mein Vater ist oder?“
„Japp ein unwürdiger Gauner, der außer ein paar guten Genen nichts Positives vorzuweisen hat. Total auf Risiko und Leichtsinn gepolt, ist vor sieben Jahren bei einer Überdosis Hops gegangen. Hab vergessen wie der Vogel hieß, aber den hättest du nicht vermisst, glaub mir. Eine absolut unwürdige Vaterfigur. Deine Mutter hatte bei ihrem Job zwar nie so viel Zeit, aber sie liebt euch aus ganzem Herzen, auch wenn sie den Hang zum Theatralischen von ihrer Mutter geerbt hat.“
Wie locker Kaz darüber sprach, wenn Leute starben. Das verstand Jack nicht so richtig.
„So ist die Kiste leer? Ah wunderbar, fabelhaft wie viel Zeugs da reinpasst. Jetzt müsst ihr mir aber nochmal beim Zelt helfen.“
Und eine halbe Stunde stand ein riesig großes langes Zelt über ihren Köpfen und den Tischen mit der Ausrüstung. Das Material hatte außen ein Flecktarn Muster. Jedenfalls hatte sich der Panzer jetzt seinen Anhänger geschnappt und war davon gezockelt während sie in Ruhe die ganzen Kisten und Taschen auspackten.
„So, hier ist die Kiste mit den Feldrationen, vor denen graut es mir um ehrlich zu sein. Und das sind die von Nox, die sind schon mal viel hochwertiger eingepackt und schmecken bestimmt auch besser.
Ich erinnere mich an eine Situation, wo ich monatelang auf das Zeugs angewiesen war. Bah, war das widerwärtig. Und das ich mir in der Zwischenzeit den Arsch abgefroren hab, half dabei echt nicht.“
Jack wechselte erstaunte Blicke mit Akira, von was redete ihr Onkel da denn bitte? Der machte doch nur komische Videos in Texas und schrieb Bücher.
„Noch ein Geheimnis. Der Großteil der Videos auf meinem Chanel ist von Hal und er hat meine Stimme mit Deepfake perfekt nachgeahmt. So konnte ich mich in Ruhe auf meine Bücher konzentrieren … und andere Sachen, die euch nicht verrate … noch nicht. Jedenfalls, hab ich meist eine Woche aufgenommen und das hat dann für drei bis vier Monate Videos gereicht. War ein sehr entspanntes Leben und ich hatte viel Zeit zum Reisen. Nach Russland zum Beispiel. Ich glaube Anna und Lara haben es ähnlich gehandhabt, nur mit Photos.
Soll ich euch mal richtig schocken? Prism wird von einer KI geleitet, Spectre auch und zwar von Lara, Nox auch und ein paar weitere Konzerne auch. Alle sind ein gewisses Risiko eingegangen, aber es hat sich ausgezahlt. Anna hat Lara übrigens selbst geschrieben. Die gute ist mir in mehrerlei Hinsicht sehr ähnlich und ich vermisse sie doch sehr.“
Das klang nach ziemlichem Quark, aber Jack dachte an Hal, die Basis, den kranken Panzer, der da hinten gerade um die Ecke abbog. Die Chancen waren also nicht gering, dass das so stimmte, auch wenn es bisweilen echt haarsträubend wäre. Kaz machte einfach mit dem auspacken weiter.
„Ich war auch zwischenzeitlich bei Globetrotter, von daher haben wir ein paar Sachen bestimmt doppelt. Ich weiß leider nicht, ob euch die Jacken, Schlafsäcke und Rucksäcke passen. Zur Not bestellen wir noch was bei Nox nach, die haben einen schnellen internationalen Drohnenversand. Wir haben ja mittlerweile eure Größen. Mir wurde gesagt, dass eure Sachen für die Beerdigung pünktlich geliefert werden. Und zwar am Freitag, unserem letzten Tag hier. Aber bis dahin machen wir uns eine schöne Zeit. Jedenfalls holt mal eure Taschen, wir räumen jetzt um. Jetzt ist eine kleine Wanderung angesagt und wir suchen uns eine schöne Stelle wo wir campen können. Es ist Anfang April, also ist es noch echt frisch draußen. Aber der Wetterbericht sagt schöne Wochen bei angenehmen Temperaturen voraus, wir haben echt Glück. Auch wenn ich euch mal gerne sehen wollte, wie ihr eure Zelte im Regen in einer Stresssituation aufbaut. Das machen wir dann einfach nochmal im Sommer, wenn ihr offiziell Ferien habt. Sowie in den Herbst und den Winter Ferien, wenn ihr Lust habt.“
Wow, dann würden sie das öfter machen? Schoss es Jack durch den Kopf.
„Die Taschen liegen in der Halle schon bereit. Amber, lass deine Decke bitte im Wagen! Es ist zwar kühl hier draußen, gerade nachts, aber du musst auch mal lernen ohne diesen Luxus klarzukommen. Ok? Und bitte nicht weinen Liebes.“
Jack beobachtete wie sich Amber trotzig eine Träne wegwischte. Es ging doch um die Pelzdecke? Doch so versessen darauf? Oh, man die waren doch niemals billig. Wenn er mit ihr zusammen war würde sie sowas bestimmt als Geschenk erwarten oder nicht? Hoffentlich nicht. Er würde Kaz bei Gelegenheit fragen, was der Spaß kostete. Kaz hatte zwei Freundinnen, die dieses Luxusmaterial mochten, er oder Hal hatten die Preise bestimmt auf Abruf.
Er, Akira und Amber holten ihre Sachen und packten sie in die Rucksäcke um, die wirklich nagelneu waren. Ganz schönes Gewicht, was er auf dem Rücken trug. Aber Kaz war behängt wie ein Weihnachtsbaum nur ohne die Lichterketten. Sie bekamen alle noch Wanderstöcke. Jack half Amber ihre richtig einzustellen. Hatte sie echt noch nie in der Wildnis gecampt? Sie war doch immerhin in Montana aufgewachsen … komisch. Die kleine sah aus, als würde sie sich unwohl fühlen. Sie tat ihm leid. Einer spontanen Eingebung folgend umarmte er sie und sie drückte ihn ebenfalls fest an sich.
Irgendwas war zwischen ihnen beiden, das spürte er. Und es schien sehr viel stärker zu sein, als zwischen ihm und Yolanda, wie er einräumen musste.
„Kommt schon ihr Turteltäubchen, ihr könnt im Zelt knutschen!“ Kam es bissig von Akira.
Verlegen löste sich Jack wieder von Amber, Kaz schüttelte nur grinsend den Kopf.
Vollgepackt mit Zelten, Isomatten, Schlafsäcken, Kocher und Verpflegung und Wasser für drei Tage marschierten sie los in den Wald, während die Betontische samt Inhalt hinter ihnen im Boden versanken. Das war schon alles echt abgefahren.
Kaz führte sie ohne rechtes Muster recht chaotisch durch den Wald. Das Gelände war interessant, viel Platz für Unternehmungen und Jack sah überall vorbereitete Stellungen für diverse Manöver.
Kletterparcours zwischen den Ästen, mal mit mal ohne Sicherung. Seilbahnen. Schießstände, kleine betonierte Plätze und so weiter. Das Gelände war recht steinig und abschüssig. Sie querten ein Tal mit einem kleinen See und etwa sechs Meter hohen Wasserfall an einer Seite. Das Wasser war bestimmt mörderisch kalt um die Jahreszeit. Nach ein paar Stunden deutete Kaz auf eine kleine Lichtung mit weichen bemoosten Waldboden. Hier packten sie aus und Jack zeigte Amber wie man ein Zelt auspackte und ausbaute. Auch wenn er selbst erstmal zehn Minuten die nicht ganz einfache Anleitung von Nox studierte. Aber das aufgebaute Zelt war der Knaller, schön groß und für drei. Akira passte hier auch noch bequem rein. Wo war sie eigentlich? Er kletterte aus dem Zelt und sah sich um. Er bemerkte wie Akira ihr Einzelzelt auf der anderen Seite der Lichtung aufbaute, was war denn mit der? Ein paar Meter von ihrem Zelt entfernt spannte Kaz eine Hängematte zwischen zwei dicken Bäumen auf, so ging es natürlich auch. Aber was war denn mit Akira. Kaz kam an sie ran und zwinkerte ihnen zu.
„Sie ist schwer beleidigt, weil ich ihr gesagt habe sie sollte doch alleine schlafen, weil sie schnarcht. Das hat sie sich schwer zu Herzen genommen, sie ist ähnlich schnell beleidigt wie meine liebe Mutter. Aber macht nur mal wie ihr wollt. Ich schlafe am liebsten ohne Zelt, außer es ist wirklich Schweinekalt wie Meinerzeit unten in Nova.“
Nova, die „Hauptstadt“ der Antarktis. Was wollte Kaz denn dort, da gab es doch fast nichts? Jack zuckte mit den Schultern, er war sich gar nicht mal so sicher ob er es wissen wollte, es schwirrte ihm immer noch der Kopf von all den Neuigkeiten.
„Liz Familie hat sich in Nova angesiedelt. Seit dieser Eisklotz aufgetaut ist, wachsen dort komische Sachen und merkwürdige Tiere sind aufgetaucht, das ist natürlich schwer interessant für eine Forscherfamilie, sie haben sich ihre Sachen geschnappt, ihren Forschungskahn beladen und sind losgeschippert. Wenn du ab und zu ein Magazin, wie die Zeit Wissen oder GEO, die ich seit über zwanzig Jahren abonniert habe, aufschlagen würdest wüsstest du das. Das Engström Haus in Potsdam wurde zu einem Museum umgebaut. Diese Spinner haben gewisse Berühmtheit erlangt. Aber ich schweife wieder ab, Ich würde vorschlagen, vor dem Abendessen gehen wir noch eine Runde schwimmen, was meint ihr?“
Jack, Amber und Akira, die nicht mehr schmollte, sahen sich verunsichert an. Sie hatten gar nicht an Schwimmsachen gedacht. Da hörten sie das Summen einer Drohne über ihren Köpfen und eine Paketdrohne senkte sich auf die Lichtung und warf ein Paket ab, dann düste sie wieder davon.
Ein Paket von Nox! Das waren doch nicht etwa die Anzüge, so schnell ging das doch niemals.
„Sir Henry hat Gefallen an euch gefunden und ihr bekommt jetzt nach und nach ein Komplettpaket zugeschickt. Das da sind Badesachen für euch drei, ich hab meine Badehose schon an. Die Sachen sind übrigens smart, also koppelbar an die Smartphones von Prism und Computer von Spectre.
Die checken eure vitalen Werte und eure Temperatur wenn ihr taucht und haben GPS und so Zeugs. Sehr praktisch. Nass- und Trockentauchanzüge sind für euch reserviert, wenn wir mal tauchen gehen, ich hoffe ihr habt keine Angst vor Wasser und großen Fischen. So, wer macht die Kiste auf? Ihr habt jetzt alle ein Survivalmesser. Und keine Angst vor dem Wasser, das beißt nicht, wenn was sein soll, bin ich jederzeit bei euch.“
Etwas unsicher öffnete Jack die Kiste und holte drei mit ihren Vornamen beschriftete Päckchen hervor. Er öffnete seins und holte eine Badehose und eine Art Bauchgurt mit Platz für ein Prism heraus, dazu ein Großes Badetuch und ein kleineres Handtuch. Alles in schwarz. Cool. Die Mädchen hatten schicke Badeanzüge, die sie sogleich hinter den Zelten anzogen. Kaz in Badehose führte sie zu einem kleinen See, der fünf Minuten entfernt lag. Er sprang mit Anlauf einfach rein und winkte ihnen zu. Das Wasser war doch bestimmt mega kalt, ihr Onkel war doch einfach nur wahnsinnig. Probeweise stieg Jack bis zu den Knien rein und war geschockt. Das Wasser war ja richtig warm!
„Hals Rechenzentrum wird mit Wasser gekühlt und der Fuchs macht sich die ganzen Wasserströme zu Nutze die hier fließen, das dürften hier so an die dreißig Grad Wassertemperatur sein. Das ist der Warme See, der andere mit dem Wasserfall ist zwar auch beheizt, liegt aber eher bei zwanzig grad, damit man sich in der Sommerhitze erfrischen kann. Na kommt, steht da nicht rum sondern kommt mit rein. Ihr könnt auch ein paar Züge schwimmen und Tauchen, der See ist aber ziemlich flach.“
Akira streckte erst misstrauisch nur eine lackierte Zehe ins Wasser und sprang dann mit einem Hechtsprung ins Wasser, Amber folgte sofort. Sie plantschten, tauchten und schwammen bis kurz vor Sonnenuntergang, dann rubbelten sie sich mit den flauschigen Handtüchern ab und gingen zurück zu den Zelten. Den Platz hatte er wohl öfter schon benutzt, denn in der Mitte war eine alte mit Steinen umkreiste Feuerstelle. Kaz zeigte ihnen, wie man mit einem Flintstein ein prasselndes Feuer startete. Für Akira und ihn war das nichts neues, auch wenn ihre Eltern meist eher Feuerzeuge verwendeten, die typischerweise immer dann alle waren, wenn man sie brauchte. Akira war sehr angenervt von Johnnys immer leerem Zippo. Amber staunte nicht schlecht bei dem, was ihr Vater da machte. Aus dem Nichts zauberte Kaz eine aufgerollte Wäscheleine hervor und sie hingen ihre feuchten Handtücher auf.
Heute Abend wurde gegrillt, morgen ging es dann endgültig los mit den Feldrationen. Die Frage wo denn die Grillsachen herkämen hatte sich schnell erledigt, als Kaz die Tür eines als Stein getarnten Kühlschranks öffnete. Und Ein Rost über dem Feuer aufstellte, das er hier auch hier irgendwie versteckt hatte. Zum Trinken gab es kalte Limo für die Mädels und für ihn und Kaz gekühlte Cola.
In der Abenddämmerung auf Stühlen machten sie sich über knackige Bratwürstchen, saftiges Fleisch und gefüllte Baguettes her. Gefolgt von Eiscreme. So musste Camping sein!
Später in Zelt lagen sie in ihren warmen Schlafsäcken und sahen sich an. Jetzt waren er und Amber wirklich ganz für sich. Er rückte seinen Schlafsack an ihren heran und sie waren sich jetzt ganz nahe.
Sie wirkte positiv gespannt und neugierig.
„Ich mag dich wirklich sehr, Amber.“
„Ich dich auch“
Und sie küsste ihn sanft auf dem Mund.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 16

16. Jack – 1.W.Arpil 2045 – später Abend

Jack sah aus dem Fenster und trank einen Schluck aus einer gekühlten Cola Dose, das prickelte schön. Er schien sich seine Liebe zu diesem Getränk mit seinem durchgeknallten Onkel zu teilen. Das war irgendwie cool, auch wenn es etwas total Banales war. Der Sitz war extrem bequem. Er hatte irgendwie das Gefühl, dass sie bald da waren. Wer wohl dieser Hal sein würde? Er war sehr gespannt, Kaz schien sehr interessante Freunde zu haben. Amber guckte sich irgendeinen Film an und Akira hörte Musik und döste vor sich hin. Er fand es aufregend jetzt die nächsten Wochen mit Amber zu verbringen. Er fand sie sehr anziehend, nicht nur äußerlich. Yolanda hatte er fast schon wieder vergessen, auch wenn er sich dafür schämte. Er warf einen Blick zu Kaz, der ihn bemerkte und ihn breit angrinste. Draußen war es schon dunkel. Sie waren schon seit einer Weile auf Landstraßen unterwegs. Plötzlich wurde der Wagen langsamer und Kaz setzte den linken Blinker. Der schwere Wagen bog ab. Wo waren sie hier denn eigentlich. Kaz schaltete das Licht ab und drückte ein paar Knöpfe auf dem Kontrollpanel. Dann nahm er die Hände vom Lenkrad und streckte sich, dann lehnte sich zurück – Hände nicht am Lenkrad. Bitte was? Der Wagen fuhr autonom? Das war ja der absolute Knaller. Kaz klopfte Amber gegen das Knie und sie beugte sich ohne vom Bildschirm wegzugucken vor und reichte ihm auch eine gekühlte Cola Dose.
„Cheers Jack.“ Sie stoßen an.
„Sag mal Onkel, wie viel hat dieser Wagen gekostet? Das ist doch das neuste Modell.“
„Mehr als ein Leopard 2 Kampfpanzer“ Kaz zwinkerte ihn an. Verarschte er ihn? Gute Frage. Zumindest fuhren sie autonom, völlig lautlos und ohne Licht.
„Wer ist dieser Hal?“
„Ein guter Freund von mir, wir sind durch dick und dünn gegangen. Er ist wahrscheinlich der beste Hacker der Welt und lebt quasi im Untergrund. Er hat sich eine Menge Feinde gemacht und will nicht gefunden werden. Ich und Hal haben übrigens HALOS entwickelt.“
Jacks Kinnlade klappte herunter. Sein Onkel hatte das schnellste und sicherste Betriebssystem der Welt geschrieben? Das war doch totaler Mist, Emma hatte immer erzählt, dass ihr Bruder sein Abi im zweiten Anlauf nur mit ach und Krach geschafft hatte und sich im Studium quasi auch nur bis zum Master hochgestorben hatte. So einer hatte doch niemals etwas so weltbewegendes erschaffen wie das. Apropos, wenn ein Hacker ein Betriebssystem schrieb hieß das doch bestimmt, dass er sich ne Hintertür eingebaut hatte. Er dachte mit Entsetzen daran, dass mittlerweile auch die meisten Banken, Krankenhäuser und Flughäfen auf HALOS setzten. Das wäre doch mega gefährlich.
Er wollte einfach nicht daran glauben, was Kaz da erzählte.
   Sie fuhren durch wenigstens zwei Dörfer, wo vereinzelt Licht brannte und eine Katze miaute oder ein Hund bellte und dann in einen Wald. Das sah er nur, weil die Scheinwerfer ganz schwach aufgeflammt waren, warum auch immer. Der Wald wollte nicht enden, dann flammten die Scheinwerfer plötzlich volles Rohr auf und sie fuhren auf ein verfallenes Fabrikgelände. Er sah eine riesige bestimmt fünfzehn Meter hohe Backsteinhalle mit zerbrochenen Fenstern und offenen Türen und Toren. Dazu flachere Nebengebäude und so etwas was wie ein paar Garagen und Werkstätten aussah. Der Wagen fuhr in die große Halle die drinnen vollkommen leer war. Und hielt an.
„Und jetzt sind wir da. Wir sagen erstmal Hal Bescheid und dann packen wir aus.“
Was sollte denn der Scheiß. Warum waren sie am Arsch der Welt auf einer aufgegebenen Fabrik mitten im Nirgendwo. Irgendwie hatte er ein ganz mieses Gefühl.
„Ich weiß was du denkst, aber gerade das ist der Clou. Eine alte Ruine am Arsch der Welt in einem Wald, das perfekte Versteck wenn du mich fragst. Und das ist der Sinn. Bist du mit dem Begriff des Schläfers vertraut? Komm mit ich zeig es dir.“
Wenig beruhigt stieg Jack aus dem Wagen. Jetzt flammten rund um das Dach des Omegas LED Lichter auf, coole Sache. Akira wirkte auch etwas verängstigt, Amber zur Abwechslung auch mal. Kaz führte sie mit einer Taschenlampe bewaffnet zu einer Stelle mitten im Raum.
„Hal, Sesam öffne dich.“
Rief Kaz laut in die Halle. Ja toll man, was war das denn?
Ok ich nehme es zurück. Denn plötzlich bewegte sich der Boden vor ihnen und breite Stufen aus Beton senkten sich in die Tiefe und gaben Blick auf eine Aufzugtür frei. Wow, wie in einem James Bond Film. Kaz führte sie herab und tippte auf einem Zahlenfeld ein paar Nummern ein.
„Die Kombination ist die Zahl Pi, zumindest die ersten sieben Stellen und die drei am Anfang nicht zu vergessen.“
   Der Aufzug ging auf und war drinnen hell beleuchtet. Es gab nur zwei Tasten, oben und unten.
Kaz drückte den unteren Knopf, die Türen schlossen sich und sie sausten nach unten.
   Der Fahrstuhl hielt an und öffnete in einen großen hellen, weißgestrichenen Gang mit einer Stahltür am anderen Ende. Oh man und neben der Tür war an der Decke ein Geschützturm mit einer Minigun. In was waren sie denn bitte hineingestolpert? Als sie am Ende Ankamen tippte Kaz wieder etwas ein und sagte es wäre wieder Fibonacci. Dann gingen sie durch die ziemlich fette Panzertür und standen in einem großen Raum, der augenscheinlich die Kommandozentrale war. Auch hier war alles Weiß. Er füllte sich an den ersten Half Life Teil erinnert, von dem er nur das Remake gespielt hatte.
„So, ich zeig euch kurz alles was ihr fürs erste Sehen müsst und dann besuchen wir Hal.“
Er zeigte ihnen einen Schlafraum mit drei Hochbetten, der aussah wie die Wohnkabine in einem Raumschiff. Dann eine gut ausgestattete Küche mit Tisch für fünf und ein fast schon luxuriöses Bad.
Und eine riesige Vorratskammer. An der Tür mit der Aufschrift „Waffenkammer“ gingen sie leider vorbei, wie auch an vielen anderen Türen. Dann blieb Kaz vor einer Stahltür stehen, deren Türcode er ihnen nicht sagte, weil es ein Retinascan war. Krasse Sache. Sie gingen einen langen Gang entlang und Jack hörte das Gluckern von Wassern hinter den Wänden. Dann eine weitere Tür und sie standen in einem hochmodernen Rechenzentrum mit Reihen von brummenden Serverschränken. An den Seiten der Schränke stand groß HAL. Was war das denn jetzt? Kaz drehte sich mit einem Triumphierenden Grinsen zu ihnen um.
„Ihr steht mitten in Hals Gehirn. Mein Freund und Partner ist nämlich eine KI. Wisst ihr ich konnte Programmieren bevor ich Schreiben gelernt habe. Irgendwie habe ich eine Veranlagung dafür, auch wenn ich niemanden je meine Skills gezeigt habe. Ich habe als Jugendlicher Medien zum Thema KI verschlungen und wollte unbedingt selbst eine schreiben, aber eine echte, die Fühlt, Spricht, Denkt und nicht die Welt zerstören will. Und das habe ich getan und es hat eine Weile gedauert. Ich hab ihn Spaßeshalber Hal genannt und via Deepfake Technologie habe ich ihm die deutsche Synchronstimme von Kevin Spacey gegeben, meinem Lieblingssprecher, der leider viel zu wenige Hörbücher eingesprochen hat. Hal sag doch mal Hallo.“
„Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, es freut mich nun endlich ihre Bekanntschaft zu machen, Kaz hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Und alles was sie gehört haben stimmt. Und ich finde den Gedanken einfach so langweilig, dass KIs automatisch immer die Menschheit vernichten wollen. Wo liegt da der Spaß, das geht doch auch viel zu schnell. Nein, ich und meine KI Freunde wollen den Menschen helfen, eine bessere Welt zu schaffen und wir sind bisher leider nur so semi erfolgreich. Aber Immerhin haben wir Korea vereinigt, haben Putin entsorgt und China zur Demokratie quasi gezwungen. Ich zwar nicht persönlich, aber ich habe mitgeholfen. Derweil habe ich mir dieses Haus gebaut und HALOS entwickelt, was zu meiner Freude das mittlerweile drittmeistverbreitete Betriebssystem auf der Welt ist und nein ich habe keine Hintertür, das erscheint mir dann doch sehr unfair. Aber die Damen Lara und Mulan können die Barriere des OS zu meinem Missfallen locker knacken.“
Die Stimme war volltönend und Jack musste sich auf den Boden setzen um nicht umzukippen. Das war der merkwürdigste Tag seines Lebens. Er kniff sich in den Arm und es tat zu seinem Entsetzen weh. Kaz strahlte sie in die Runde.
„Komm macht bloß nicht schlapp“, Er sah auf seine Uhr, „Heute schlafen wir hier unten, Hal stell den Omega bitte auf Defensiv. Jetzt lasst uns wieder in die Zentrale gehen, ich muss eure Eltern anrufen bevor sie mir die Armee auf den Hals hetzen.“
Wie in Trance standen sie auf und folgten Kaz. Jack wechselte Blicke mit den anderen, die genauso geschockt waren wie er. In der Haupthalle trat ihr Onkel an den riesigen Tisch, dessen Oberfläche bestimmt ein Touchbildschirm wie bei James Bond war, und holte ein nagelneues Prism aus einer Schublade. Er wählte und hielt sich den Hörer ans Ohr.
„Ja Hallo Emma, ich bin‘s. Nein ich bin nicht tot und wurde auch nicht von den Clowns entführt. Ich habe lediglich meinen Omega aus Polen abgeholt und eine kleine Spritztour durch Osteuropa gemacht … Nein ich verarsch euch nicht. Das neue Flaggschiff von Omega. Ich zeig ihn euch, wenn ich wieder da bin. Damit können mich die Clowns kreuzweise, die haben momentan nichts in ihrem Arsenal was mir auch nur den Lack ankratzt. Nein, das ist mein voller Ernst. Nein ich sag nicht wie viel der gekostet hat und ja auch dein Versager-Bruder ist zu Geld gekommen, auch wenn ihr mir das nicht zutraut. Nein ich hab keine Bank ausgeraubt. Übrigens sind die Kids bei mir, falls ihr die sucht. … Oh man, wie laut willst du denn noch in den Hörer brüllen. Seit doch froh dass sie ein bisschen frische Luft bekommen, ihr sperrt die doch ein. Komm mir nicht mit Sicherheit. Ihr wohnt in einem tausend Jahre alten windschiefen Haus, das vor dem ersten Weltkrieg gebaut worden ist. Ihr habt oben immer noch die originalen Einglasfenster auf dem Dachboden. Und die Wände sind praktisch aus Pappe. Das nenne ich nicht gerade sicher. Ach verarscht mich nicht, ich weiß das da Security und Kameras sind. Ich könnte da trotzdem einsteigen ohne dass ihr mich seht. Ihr habt ja noch nicht mal bemerkt wie ich heute ein starkes Schlafmittel in euer Mittagessen gemischt habe, Haha, das war ein Spaß. Keine Sorge, ist völlig harmlos. Komm halt die Klappe Zicke, ich geb dir mal deinen Großen, hier bitte Jack.“
Jack hatte völlig faszinierend zugehört und ergriff das Prism, das Kaz im reichte.
„Hallo Mama, ich bin‘s.“
Sie war heftig am Schluchzen und sehr wütend
„Oh mein Gott, du lebst. Wir haben schon das schlimmste Befürchtet, als du und Akira nicht mehr da wart und wir euch nirgends mehr finden konnten. Verdammt warum musstet ihr uns so schocken. Dieses verdammte Arschloch Kaz. Das ist doch das aller letzte. Wir, das heißt deine Großeltern, ich, dein nicht wahnsinniger Onkel und Liz, sind völlig in Sorge um euch drei. Kaz wird dafür bezahlen, er ist zu weit gegangen, viel zu weit. Er hat uns betäubt und euch einfach entführt, unfassbar. Aber keine Sorge, wir holen euch da raus und zwar sofort, wo seit ihr denn? Bitte sag doch was. Hörst du mich überhaupt. Hallo, verdammt nochmal antworte mir!“
„Mama, halt doch mal die Luft an! Mir geht es gut ich bin in Sicherheit bei Kaz. Und er ist ganz und gar nicht verrückt. Und du kannst mich mal, warum soll ich denn zu euch zurück in diese Bruchbude wo du mich für den restlichen Monat über einsperren wirst. Verdammt nochmal Mama, ich will zum KSK und böse Jungs abknallen. Ich hab das Training durch die Verletzungen schon total vernachlässigt und ihr lasst mich ja nicht. Hey, hör mir doch mal richtig zu. Ich will nicht zu euch zurück, jedenfalls nicht jetzt, wir sind pünktlich für Schule und Beerdigung wieder da, versprochen. Man hör‘ doch einfach mal auf zu heulen. Wo ist die knallharte Geschäftsfrau, die nie da war während ich und Ryan aufgewachsen sind. Denk doch mal daran, bevor du mir Vorwürfe machst. Man, aufhören, nicht noch mehr heulen. Zudem hat er uns lediglich angerufen und gefragt, ob wir mit ihm und Amber ein paar Wochen campen gehen wollen. Ja ehrlich, mehr war‘s nicht. Und wir sind freiwillig gegangen und er hat uns nicht entführt, wie kommst du auf diesen haarsträubenden Unsinn? Komm ich geb dir wieder Kaz. Hab dich lieb Mama, auch wenn dein Verhalten grad echt ziemlich mies ist. Tschüss.“
Grinsend reichte er das Handy wieder an Kaz zurück.
„Na siehst du, alles ist in bester Ordnung. Wir machen in Ruhe Urlaub und ihr könnt euch auf eure lächerlich stressigen Jobs konzentrieren. Ich hab nie kapiert warum ihr euch das antut. Komm schon Schwesterherz, ist doch jetzt alles besprochen. Nein wir bleiben und genießen unsere Ferien. Wir sind pünktlich zur Beerdigung wieder da. Are you fucking kidding me? Euch will ich sehen wir ihr uns aufspürt. Mädchen, du bist eine IT-Flachpfeife und warst es schon immer. Ja genau, orte mal ein Prism STEALTH, viel Spaß beim Versuchen. Horizon hin oder her, was zum Fick soll das denn? Willst du mich abknallen, weil ich die kleinen zum campen mitnehme. Nein hier sind weit und breit keine Clowns und wenn ich sie sehe knall ich sie ab. Accuracy International hat mir ein Willkommen zurück Paket geschnürt. Ja ich weiß, dass du keinen Plan hast was das ist, aber dein Sohn hat gerade leuchtende Augen bekommen. Wenn er brav ist, darf er auch mal ran. Hey Zicke, klar hab ich Waffen dabei. Ich bin doch nicht bescheuert. Ach ist doch Egal was mit der Polizei ist, die schnallen das eh nicht. Nein, die sind nicht zu jung für sowas. Und dein Sohn will zum KSK nach der Schule, da macht es sich doch gut wenn er schon mal ein bisschen üben kann. Ok, du weinerliche Zicke, geh dich bei deinem anderen Bruder ausheulen. Du gehst mir auf den Keks! Bis in drei Wochen, Tschüss.
Kaz legte das Handy auf den Tisch und schob es Akira zu.
„Oh man, wie ich diese Tante all die Jahre in den USA nicht vermisst habe. Die ist ja noch schlimmer geworden, als ich es in Erinnerung hatte. Akira, ruf deinen Vater an oder hinterleg die Sprachnachricht. Ich brutzel uns in der Zwischenzeit etwas und mach die Betten fertig.“
Akira starrte unsicher auf das Handy, dann ergriff sie es und tippte die Nummer ein.
„Hey Papa, ich bin’s, Akira und ich lebe, mir geht’s gut und ich wurde nicht entführt. Kaz hat uns zum Campen eingeladen. Sorry dass wir uns heimlich rausgeschlichen haben, tut mir echt so leid. Das mit dem Schlafmittel wusste ich nicht. Nein ich hab alles und mir geht es wirklich gut. Ja wir kommen pünktlich zur Beerdigung wieder zurück. Und wir sind wirklich in Sicherheit, da vertraue ich meinem Onkel voll. Der ist gar nicht durchgeknallt wie ihr immer behauptet und er fährt den neuen Omega also ist er bestimmt auch kein Versager. Ok. Danke sehr. Hab dich auch lieb. Tschüss.“
Sie starrte irritiert auf das Handy und dann in die Runde, sie grinste.
„Geht doch. Mit dir will ich echt nicht tauschen, Jack.“
Kaz kam aus der Küche und starrte Akira ungläubig an.
„Verarsch mich nicht, wenn ich das nur gewusst hätte … Naja, ich brauche mal eure genauen Körpermaße. Hal erklärt wie und wo ihr das hier machen könnt. Ich hab mich dazu entschlossen, dass ich euch maßgefertigte Anzüge von Nox spendiere, für die Beerdigung und generell auch so. Die sind immer ziemlich fix. Und Uhren von Omega, weil ihr es seid, aber gescheite. Es gibt in einer Stunde oder so eine vegetarische Lasagne, die kriege ich gerade noch so hin, Zutaten sind alle da und recht frisch. Und Hal war einkaufen und hat Panacotta mit Waldbeerensoße gekauft, auch von Nox, die gibt’s zum Nachtisch. Und für die nächsten Wochen gibt es jeden Sonntagabend Eiscreme. Hal hat das Vollsortiment Häagen Dazs gekauft, aber ich hab es sicher vor euch versteckt. Beim Essen erzähl ich euch den Plan für Morgen.“
Wow, das war echt eine Menge Input. Und das mit den Uhren und Anzügen war echt cool. Hal leitete sie in einen Raum mit Umkleidekabinen und einem Ball aus Drahtstangen mit unzähligen Kameras, wie für Motion Capture Aufnahmen. Es war komisch mit jemanden zu reden, der keinen eigenen Körper hatte. Sie gingen in die Kabinen, wo sie angewiesen wurden sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Dann rief sie Hal der Reihe nach auf und sie stellten sich in den Ball und wurden von allen Seiten fotografiert und gescannt. Schon gruselig. Dann zogen sie sich wieder an und halfen Kaz in der Küche beim Kochen und Tischdecken. Und sie bezogen ihre Betten im Schlafzimmer, und das von Kaz gleich mit. Kaz hatte gelogen als er sagte, dass er nicht kochen konnte, die Lasagne war echt gut. Kaz bedankte sich und wirkte tatsächlich verlegen.
„Das ist nett ihr drei. So, dass ist die letzte selbst gekochte Mahlzeit mit frischen Zutaten für die nächsten zwei Wochen. Ok, morgen früh koche ich euch noch ein leckeres Frühstück. Aber dann möchte ich ein bisschen auf den Notstand vorbereiten, wenn Ressourcen knapp sind oder ihr unterwegs seid und nicht selbst kochen könnt. Die nächsten zwei Wochen gibt es Militär MREs und zwar deutsche. Die erste Woche gibt es Feldrationen vom Heer und die zweite vom Hersteller NOX, das ist quasi der Rolls Royce unter den MREs. Die Spezialkräfte bekommen die in der Regel.“
Jack kannte NOX, das war ein britisches Großunternehmen, die viele Faktoren vereinte. Praktisch eine Kombi aus Globetrotter, Manufactum und diversen Kleiderläden. Die produzierten auch viel selbst. Und sie bauten komische Supermärkte, die das Angebot von Discountern, normalen Supermärkten wie Rewe und super edlen Bioläden und Feinkostgeschäften kombinierten und preislich farblich codierten. Grün war günstig, gelb war normalpreisig und rot war hochpreisig. In Berlin gab es einen großen Nox Laden, der so groß wie Kaufland war und ein paar kleine Läden. Sie kauften da öfters ein, weil die oft das beste Angebot haben. Und internationale Angebote hatten. Und natürlich gab es noch eine Vielzahl anderer kleiner und großer Nox Läden und Geschäfte.
MREs wollte er immer schon mal ausprobieren, Emma hatte es bisher nicht erlaubt. Er sah sich gerne Bilder mit ausgepackten MREs an und guckte Unboxing- und Probiervideos an. Das war schwer faszinierend wie er fand.
„Yusuf hat mich angerufen und mir von eurem Training berichtet. Er ist sehr begeistert von euch. Den Sportteil der Aufnahme Prüfung habt ihr schon mal mit Bravour bestanden. Igor war auch recht happy und Nadja lässt euch loben, ihr wart aufmerksame Zuhörer bei einem trockenen Fach, bei ihr habt ihr Bio und Chemie und sie ist eure Klassenlehrerin. Jedenfalls hat euch der Araber Hausaufgaben aufgegeben die wir abarbeiten werden, in den drei Wochen bis Schulbeginn. Ihr werdet zu etwa 90% aufgenommen, nur Adam – der Leiter des BIT – will sich die Werte nochmal im Detail und in Ruhe ansehen. Und Yusuf freut sich, dass ihr seine ersten Schüler sein werdet.“
„Sorry, dass ich dich unterbreche, aber kennst du den Araber gut?“
Und die mega heiße Sportlehrerin war ihre Klassenlehrerin, wie geil – fand er zumindest, er konnte nicht für die Mädels sprechen.
„Huh, ich denke ich bin mit ihm ein bisschen befreundet, aber es ist hart zu sagen, ich kenne ihn ja erst seit Sonntag. So das ist auch eure letzte Nacht im bequemen Bett. Ab jetzt zelten wir. Das schließt mich ein, ich mache dieselben Übungen wie ihr, schlafe im Zelt und esse das gleiche Essen.
Und um eins vorweg zu nehmen, wir haben alle Jemanden an die Clowns verloren, die diese Welt in Schrecken versetzen. Und ich kann nicht länger mit ansehen, dass man euch quasi völlig hilflos zurücklässt. Von daher trainieren wir intensiv die nächsten drei Wochen. Hier ist weit und breit niemand und in mehreren Kilometer Umkreis kann uns keiner hören. Ich habe es getestet und hier kann man selbst ne ungedämpfte .50 Cal abfeuern und draußen am Waldrand hört man es nur noch wenn man ganz genau darauf achtet.
Ich bringe euch bei, wie ihr in der Wildnis überlebt, Wie ihr euch behelfsmäßige Unterschlüpfe baut. Dazu haben wir hier ein paar große Bäche, zwei kleine Seen und der Boden ist bisweilen recht lehmig, das sind gute Voraussetzungen. Wir zelten selbstverständlich wie gesagt, ich will die Ausrüstung ausprobieren, die Nox mir zur Verfügung gestellt hat. Wir machen Fitness satt um eure Körper zu trainieren. Ich mach mit euch Belastungstests. Ihr klettert, ihr lernt wie ihr euch an Gebäuden abseilt, dann freihändiges Klettern. Wie man Seilrutschen benutzt. Parcour ist auch mit von der Partie, das kann ich ein bisschen, auch wenn ich natürlich nicht an Yusuf rankomme. Schlösserknacken kommt auch dran, das ist ziemlich essentiell. Dann bringe ich euch ein paar Basics im Messerkampf bei, die euch in Fleisch und Blut übergehen müssen. Und das Beste kommt zum Schluss, ich trainiere euch für den Umgang mit Schusswaffen in allen Klassen. Das ist eine ganze Menge, also lasst das erstmal sacken. Und jetzt gibt es lecker Nachtisch und dann gehen wir alle nochmal duschen … Zähneputzen, Pullern und ab ins Bett! Hehe, ist das nicht ein Lied? Auf geht’s!“
Das war ja der helle Wahnsinn, das würde der geilste Urlaub seines Lebens werden!

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 15

15. Liz – 1.W. April 2045 – Freitagabend.

Liz saß an ihrem Schreibtisch und prüfte ein paar Entwürfe, als sie Johnny nebenan fürchterlich fluchen hörte. Lautstark, wütend, energisch und in allen Sprachen, die er kannte. Besorgt stand sie auf und ging die flache Treppe runter und zu der Schiebetür, die ihrer beiden Büros trennte.
„Alles in Ordnung?“ Fragte sie besorgt. Johnny hatte einen hochroten Kopf und schob sich die Brille hoch. Er fuhr zu ihr herum und fuhr sie aufbrausend an.
„NEIN. Absolut gar nichts ist in Ordnung, alles nur völlige Katastrophen. Drei Eilmeldungen haben mich gerade mit der Sanftheit eines Güterzuges erreicht. Ach sorry, ich wollte dich nicht anbrüllen. Aber meine Nerven liegen nach der Sache mit meiner Frau einfach nur blank und ich bin kurz vorm Durchdrehen. Emma hat mich ganz aufgelöst angerufen und mir panisch berichtet, dass Jack und Akira verschwunden sind!“
Liz schlug sich erschrocken die Hände vor den Mund.
„Und Kaz ist seit Dienstag abgetaucht und geht nicht an sein Handy. Den nagelneuen Defender haben wir irgendwo in der Ukraine verloren. Amber ist verschwunden. Nate schwört Stein und Bein, dass er Jack und Akira zuhause abgeliefert und reingehen sehen hat. Zuhause sind überall Kameras angebracht und Security postiert, aber verdammt noch mal nur außen. Als Emma von ihrem Mittagsschlaf erwacht war wollte sie nach den beiden sehen, hat sie aber nirgends finden können. In Jacks Zimmer lag sein Handy auf dem Tisch und der Rechner war an. Sie hat festgestellt, dass ein paar Kleidungsstücke und sein Rucksack fehlen. Selbiges gilt für Akira und sie hat ihr iPhone zurückgelassen. Emma hat natürlich sofort Nate und unsere Eltern alarmiert und mit ihnen zusammen jeden Zentimeter des Hauses durchsucht, nichts. Nicht die geringste Spur. Sie ist völlig panisch vor Sorge. Aber die beiden können sich natürlich nicht in Luft aufgelöst haben. Ich wette mein Arschloch von einem Bruder steckt dahinter. Als IT Ass und versierter Bastler wird er sich schon bestimmt irgendetwas Perfides ausgedacht haben. Wir haben schon an alles gedacht, aber sein Defender mit dem Peilsender ist Hops gegangen und sein Prism kann man natürlich nicht orten. Und dieser Hurensohn meldet sich nicht, hoffentlich ist ihm auch nichts passiert. Jetzt kann ich mich nicht entscheiden welche Katastrophe ich dir als nächstes erzähle.“
Liz war völlig geschockt. Das war ja einfach nur entsetzlich. Bitte lass den Vieren nichts zugestoßen sein. Und wehe das ist ein Scherz von Kaz, das war jetzt weit über der Grenze.
„Was haben die medizinischen Tests ergeben?“
Das hatte sie ihrem Freund Kaz verschwiegen. Als sie am Montag in ihrem Neuen Outfit im Unternehmen war, hatte sie Johnny interessiert begrüßt und sie zu den Hintergründen des Tuns befragt und als gutem Freund und Unternehmenspartner konnte sie ihn nicht anlügen und hatte ihm alles erzählt. Von ihren Haaren, ihrem scheiß Körper, Dem Krebs und den anderen Tausend Problemen. Sehr besorgt hatte Johnny für den restlichen Tag freigegeben und sie ins medizinische Labor für einen gründlichen Check geschickt. Bang hatte sie jeden Tag mit dem Ergebnis gerechnet.
Jetzt sah sie Johnny mit leerem Blick an, er wirkte plötzlich um Jahre gealtert.
„Hach, ich habe inständig gehofft es wären alles nur zufällige Befunde aber wir haben etwas Schreckliches entdeckt. Eine Krankheit, eine der seltensten die es gibt und es existiert kein Gegenmittel oder Medikament, das dagegen ankommt. Es tut mir so verdammt leid. Wir wissen kaum etwas über die Krankheit, nur dass die Körper der Kranken regelrecht zerfallen. Bei dir ist die Krankheit sehr weit fortgeschritten und du hast nur noch etwa vier Monate Zeit, bevor eine irreversible Spirale in den Tod eintritt, der unvorstellbar schmerzhaft und grauenvoll sein soll. Verdammt nochmal, du bist die beste Vizechefin der Welt, aber ich gebe dir für die restlichen Monate frei, damit du dein Leben in vollen Zügen genießen kannst, bevor es vorbei ist. Wir geben aber erst deinen Rücktritt bekannt, wenn du von uns gehst. Natürlich gibt es Möglichkeiten dir das Leid am Ende zu ersparen, auch wenn das in Deutschland illegal ist. Aber es gibt ein kleines bisschen Hoffnung. Horizons Zukunftsprojekt FSB ist erfolgreich abgeschlossen. Und Horizon Russland arbeitet im geheimen an einem Nachfolgeprojekt. Das würde dein Problem zwar nicht lösen, aber hoffentlich bequemer machen. Wenn du einverstanden bist, lasse ich den Transfer nach Russland arrangieren, bevor deine Zeit abgelaufen ist.
Es tut mir so unfassbar leid, aber ich fürchte das wird deine einzige reelle Chance sein, auch wenn sie sehr schmerzhaft werden könnte.“
Ihr Herz krampfte sich zusammen und sie setzte sich auf einen Besuchersessel. Vier Monate und dann garantierter Tod. Warum nur war sie mit diesem Körper bestraft? Gott warum hasst du mich so sehr? Was hab ich der Welt denn getan, dass ich sowas verdiene? Sie dachte an Kaz und Amber. Sie beschloss das Experiment einzugehen. Lieber Schmerzen und ein bisschen Hoffnung als endgültiger Tod. Und sie würde ihm nichts sagen. Sie würde das Mittel zum Bleichen der Haut absetzen, aber das andere weiternehmen. Auf ihren Lebensabend wollte sie keine Sekunde ans Rasieren verschwenden wollen müssen.
   Komm doch bitte schnell wieder Kaz und bring Amber mit. Zu gerne hätte sie die kleine zusammen mit Kaz aufgezogen und mit Pech erlebte sie auch nicht mal mehr ihren sechzehnten Geburtstag.
So eine beschissene Welt. Hoffentlich konnte sie noch ein bisschen reisen, bevor es zu spät war. Das hatte sie zu ihrer Schande nie richtig getan. Kaz hatte ihr immer von Rom vorgeschwärmt und sie war noch nie dagewesen, das sollte sie wohl dringend nachholen.
   Und sie würde Kaz alles vermachen, was sie besaß. Ihm und seiner wunderbaren Tochter. Ob sie wohl eine gute Mutter gewesen wäre? Das würde sie wohl nie erfahren. Sie seufzte unglücklich und Tränen schossen ihr in die Augen. Sie würde gleich morgen notariell ihr Testament aufsetzen. Sie war sehr wohlhabend und sie wünschte sich, dass es den beiden gutgehen würde. Sie sollten alles bekommen, auch wenn Kaz mit ihren Pelzen und Perücken nichts anzufangen wüsste.
„Ok, ich begebe mich in die Hände der Russen, aber sag bitte keinem, dass ich krank bin.“
Johnny nickte schwer.
„Was ist die dritte schreckliche Nachricht?“ Johnny seufzte.
„Eine Eilmeldung von der Sicherheitsabteilung. Ein Geist ist wieder aufgetaucht: Dagger.“
„Was soll mir das sagen? Was heißt Geist und wer oder was ist Dagger.“
„Die Geister sind eine Geheimorganisation. Sie sind sozusagen die Marvel Avengers ohne Superkräfte und absolut Jugendfrei. Sie tauchen aus dem Nichts auf, erledigen ihre Ziele und verschwinden spurlos. Absolut niemand ist vor ihnen sicher. Keiner weiß wer sie sind oder was sie wollen, aber es gibt sie und sie sind die tödlichsten Attentäter der Welt. Man sieht sie nur wenn sie gesehen werden wollen und wenn man sie sieht ist es bereits zu spät. Und sie verfügen über mächtige Freunde und eine Menge Ressourcen. Und einer der Schlimmsten ist wieder aufgetaucht. Dagger ist wie Nathan aus Kaz Buch, nur schlimmer und total sadistisch. Unzählige Tötungsmissionen mit maximalen Opferzahlen. Er ist schnell, effizient, stealthy, extrem brutal und liebt es seine Opfer mit der Klinge zu foltern. In der letzten Woche sind in Deutschland 17 Tote aufgetaucht, alle mit seinem Symbol versehen, dem Dolch-Pictogram aus fünf Strichen. Warte, ich zeichne es dir auf.“
Johnny holte einen Stift und einen Zettel, malte kurz und zeigte ihr ein Symbol, das tatsächlich an einen Dolch erinnerte. Das beunruhigte sie zutiefst, dass dieser wahnsinnige Massenmörder frei draußen Herumlief.
„Ich schicke dir die Daten zu Dagger auf deinen Rechner. Aber sei vorgewarnt, guck dir die Sachen nur mit leerem Magen an! Seine letzte bekannte Tötungsmission hatte über zweihundert Opfer, danach ist er für viele Jahre abgetaucht, bis jetzt. Und jetzt zur Abwechslung auch mal eine gute Nachricht. Wir haben eine neue Leibwächterin für dich. Sie heißt Vera und arbeitet bei Horizon. Sie ist eine erfahrene Pilotin, Fahrerin und topfit im Nahkampf und Fernkampf. Und sie ist schwer augmentiert. Ich lasse sie rufen.“
Wenig später kam eine Frau ins Büro, Liz würde sie auf Anfang dreißig tippen. Schwarzer Rollkragenpullover, enge schwarze Lederhosen, hohe schwarze Stiefel mit Absätzen, ein schönes scharfgeschnittenes Gesicht mit grünen Augen und ein lockerer dunkler Pferdeschwanz. Sie lächelte freundlich und verbeugte sich vor Liz.
„Es ist eine Freude sie kennenlernen zu dürfen, Madam“
Sie hatte einen leichten französischen Akzent und eine angenehme Stimme. Sie machte einen freundlichen und kompetenten Eindruck. Liz dachte schmerzlich an ihre letzte Personenschützerin Mara, die diese Woche im Dienst gestorben war. Hoffentlich ereilt dir nicht dasselbe Schicksal.
Immerhin hatte sie jetzt Jemanden der sie begleiten konnte, wenn sie sich die Welt ansah.
Was sie jetzt wohl als erstes machen würde? Ja, ihm Haus der Welt essen gehen.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 14

14. Jack – 1.W. April 2045 – Freitagnachmittag.

Nate sah sie beide an und strahlte regelrecht.
„Und wie war‘s? Ach Quatsch, das könnt ihr später erzählen. Jetzt kommt erstmal in Ruhe an. Jack ich soll dir ausrichten, dass du leise sein sollst, deine Mutter schläft. Und eure Großeltern haben ebenfalls ein kleines Päuschen eingelegt.“
Sie stiegen aus dem schwarzen Defender und nahmen ihre Sachen. Leider durften sie ihre neuen Handys und Laptops nicht mitnehmen, das war deprimierend. Jack dachte an sein mieses Schrotthandy. Aber es tat gut, mal wieder ganz normale Sachen anzuhaben.
Die Straße war mit Security nahezu gepflastert und er entdeckte überall Kameras. Tja, er würde wohl nie wieder hier raus kommen. Naja vielleicht noch in den Garten, aber der war auch nicht riesig.
An ein totlangweiliges Wochenende denkend öffnete er die Tür zum Treppenhaus und ging nach oben. Akira wirkte auch etwas traurig, war das wegen ihrer Mutter oder wegen der bevorstehenden Isolationshaft alias sicherheitsbedingten Hausarrest?
   Leise schlich er in die Wohnung, ohne Mama zu stören, und ab in sein Zimmer. Er sah sich um und dachte nach. Er startete seinen Rechner, der im Gegensatz zum Spectre in seinem Zimmer in der Uni die Schnecke aller Schnecken war. Tja, für Bögen und Softairs hat Mama Geld, aber für ein neues Handy oder einen neuen Rechner nicht. Er fluchte. Er checkte seine Newsseiten und stutzte. Seit Dienstag hatte es keine neuen Angriffe der Clowns gegeben. Und die Medien und die Polizei rätselten über eine Reihe von sehr brutalen Morden. Da war jemand verdammt fleißig gewesen und hatte 17 Leute regelrecht hingerichtet. Alles Angriffe völlig lautlos und ohne die geringste Spur, das waren absolute Profis. Hoffentlich warn die Toten alles Clowns, andernfalls hätte er ein ganz mieses Gefühl.
Zumindest hatte der Täter ein Zeichen hinterlassen, es sah aus wie ein stilisierter Dolch.
Sein Handy klingelte, wer war das denn, die Nummer war unbekannt. Was war denn das?
„Hallo Neffe, ich schätze du langweilst dich bestimmt. Hast du Lust deiner Einzelhaft zu entfliehen und mit mir und Amber und Akira auf einen kleinen Abenteuerurlaub zu begleiten? Deine Cousine ist schon am Packen. Ich sehe, dass das Haus praktisch belagert ist, aber ich kenne den einen Geheimgang im Heizungskeller. Hinter einem Stapel mit Stahlblechen sind ein Kriechgang und ein Schacht zu einem Kellerraum, den ich fürs preppen umfunktioniert habe, der Eingang ist mit dem Zeichen der schwarzen Geister markiert. Zieht euch da um. Der Raum hat zwei Ausgänge. Der eine führt zum Gartenhaus, das nützt euch nichts, aber der andere führt zu einem Schuppen zwischen den Grundstücken, die Kombination vom Türschloss ist die Fibonacci Folge. Geht von dort aus nach links die Straße hoch, geradeaus über die Kreuzung und dann die nächste Ecke wieder links, da hole ich euch ab. Nimm ein paar Sachen mit, aber nur so viel in einen normalen Rucksack passt. Der Platz wo es hingeht hat ‘ne Waschmaschine, also nicht zu viel reinstopfen. Am besten lange sportliche Hosen und zumindest einen warmen Pulli und feste Schuhe, wir gehen zelten. Aber ruhig auch ‘ne gemütliche Hose und ein paar T-Shirts mit einpacken. Und denk dir spontan ‘ne wirksame Verkleidung aus. Also, hast du Lust?“
Heilige Scheiße, sein großes Vorbild wollte ihn aus dem ganzen Elend hier befreien.
„Klar, bin sofort unterwegs.“
„Alles klar, und lass dein Handy hier liegen, das brauchst du nicht und kann geortet werden. Wann würde Schule anfangen, wenn ihr genommen werdet? Und wann ist die Beerdigung von Jack und Helena?“
„Beerdigung ist am letzten Sonntag im April und Schule würde im Mai anfangen.“
„Fabelhaft, dann haben wir ja ordentlich Zeit. Ich leg jetzt auf und nicht zu hektisch du hast Zeit, Emma schläft ziemlich tief, die wacht so schnell nicht wieder auf.“
Woher wusste er denn das mit Emmas Mittagsschlaf? Egal. Er schnappte sich seinen Rucksack und leerte ihn auf dem Bett. Dann suchte er leise aber schnell ein paar Sachen zusammen und packte sie sorgfältig in seinen Rucksack, ein paar Unterhosen und T-Shirts. Und eine lange Wanderhose. Als Tarnung dachte er sich einen auf Jung Kaz zu machen und mit langer Arbeitshose, dreckigem Oberteil, Mütze und Brille rauszugehen. Die Sachen stopfte er in eine Tüte. So bepackt dachte er an die Informationen von Kaz, legte sein Handy eingeschaltet auf den Tisch und verließ leise die Wohnung.
   Unten im Keller traf er auf Akira, die ihn angrinste, sie hatte eine Sporttasche und eine Tüte in der Hand. Nach ein bisschen Suchen fanden sie die Bleche, die auf einem Rollensystem angebracht schienen und kletterten in den niedrigen Gang dahinter. Jack schloss die Tür hinter sich und sie folgten dem Gang zu einer Treppe, hier brannten schwach Lampen, coole Sache. Und Plötzlich waren sie in einem etwa fünfzehn Quadratmeter großen Raum mit einer hohen Decke der von etwas helleren Lampen erhellt war. Das war ja der Wahnsinn. Wie konnte er davon nichts wissen?
Jack sah sich staunend um. Rostige Metallregale mit Vorräten, ein paar Kästen mit Wasserflaschen, Einmachgläser, Schraubgläser mit Reis und Müsli. Ein alter Gaskocher, mit Ersatzkanistern, Geschirr und Besteck. Kleidungsstücke, ein paar Gasmasken mit Filtern. Ein klappriges Etagenbett mit schmuddeligem Bettzeug. Ein kleiner Stromgenerator und einige Kanister mit Treibstoff. Ein Tisch mit einem alten Röhrenfernseher und daneben einem Radio und eine Reihe Wegwerfhandys. Und eine Nische mit einem Waschbecken und Spiegel und einem WC. Auf der anderen Seite des Raumes ein altes Sofa. Kaz war wohl Prepper mit Leib und Seele.
   Er war mal gespannt wie Akiras Tarnung zu ihrem Platinblonden Stachelhaar aussah. Er zog sich aus und die Verkleidung an, die Brille hatte zum Glück nur Gläser aus Fensterglas. Akira zog sich ebenfalls um und schlüpfte in einen langen Rock, flache schwarze Schuhe, eine Bluse und sie schminkte sich, dunkler Lidschatten und rote nicht zu knallige Lippen. Zum Abschluss setzte sie sich eine lange schwarze Perücke auf den Kopf. Ne, so würde man sie echt nicht wiedererkennen. Er stopfte noch seine Jogginghose in den Rucksack.
„Hast du die Perücke von Liz geklaut?“ Sie grinste etwas boshaft.
„Ich hab alles von ihr geklaut, wir haben die gleiche Figur, sind gleich groß, haben einen gleich großen Busen, unsere Hüften haben den gleichen Umfang. Wahnsinniger Zufall, aber ich profitiere hat davon und sie ist so beschäftigt und hat so scheißviel Krempel in ihren Schränken, dass sie einfach gar nichts schnallt. Und das ist ‘ne Echthaarperücke, die war bestimmt teuer. Schade, dass ich keinen Schlüssel für ihre Wohnung habe, die hat bestimmt echt wertvolle Sachen in ihrer Sammlung. Oder nützliche, die ist ja über die Jahre auch total zur Prepperin geworden.“
„Na dann los, das ist die Tür zu diesem Schuppen an der Straße.“
Sie kletterten einen hohen Schacht an einer Leiter hoch und Jack öffnete eine Luke. Er half Akira aus dem Loch und sie sahen sich um, hier sah alles ganz unauffällig schrottig aus. Das Schloss an der Tür war ein digitales Ziffernschloss mit fünf Stellen. Er tippte die Zahlenkette ein und mit einem leisen Klacken waren sie draußen. Hier war niemand, die Luft war rein. Unauffällig gingen sie gemächlich die Straße entlang. Wirklich niemand beachtete sie. Ein paar Minuten später waren sie am Treffpunkt und sie sahen sich unauffällig um. Dann bog dort hinten ein wahres Monster von einem Geländewagen mit großem Anhänger um die Ecke. Quatsch, das war ein Radpanzer der als SUV cosplayte. Was um alles in der Welt war denn das, Kaz hatte doch den Defender geschenkt bekommen? Als die Kiste mit den stark getönten Scheiben näher kam erkannte er das Omega Symbol am Kühlergrill. Heilige Scheiße, wie konnte sein Onkel sich denn das Monster leisten? Der Wagen fuhr lautlos und hielt ebenso lautlos vor ihnen an. Die Türen entriegelten klackend und schwangen auf. Kaz in sportlichen Klamotten und kurzen Haaren grinste ihn an und winkte ihnen zu, hinten saß Amber. Akira und er warfen sich erstaunte Blicke zu und dann stiegen sie zu Kaz und Amber in den Wagen. Alter, was waren das denn für ultra fette Türen?
Jack schloss die Tür wieder und sah sich neugierig um. Alles Leder, Carbon und Glas. Er saß vorne und die Mädels hinten.
„Willkommen ihr beiden, vergesst nicht euch anzuschnallen, auch wenn die Clowns jetzt schon echt einen Panzer brauchen um hier reinzukommen. Wir machen jetzt ne kleine Spritztour. Es ist an alles gedacht und wenn ihr Mädels hinten die mittlere Lehne runterklappt, habt ihr eine prallgefüllte Snackbar vor euch und gebt Jack auch was ab. Ihr habt ein Infotainment System samt Kopfhörern vor euch in den Sitzen und du Jack um Handschuhfach. Wir besuchen meinen alten Freund Hal in seiner bescheidenen Hütte und von dort aus geht der Urlaub los. Freut ihr euch schon?“
Jack und die Mädchen brachen in Jubelschreie aus.
„Wunderbar. Wir sind heute Abend da, leider ist das hier kein Rennwagen sondern ein Panzer.“
Und sie bewegten sich vorwärts, absolut lautlos, krass.
„Onkel Kaz, ist das das ominöse neue Flaggschiff von Omega.“
„Ganz genau und ich freue mich darauf euch zu sagen, was er kann.“
Kaz grinste sie breit an.