Das Osiris Genom – Leseprobe

Kaz wusste diesen Omega Hound sehr zu schätzen, den ihm sein bester Freund Horatio Blazkowicz, Spitzname Xen, vor ein paar Jahren zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Als CEO und Gründer des polnischen Automobil- und Rüstungskonzerns Omega hatte er den Hound vermutlich aus der Portokasse bezahlt. Das Modell war damals brandneu gewesen. State of the Art und vollgestopft mit Hightech und Luxus. Ein mächtiger völlig lautloser Elektromotor schlummerte unter der Haube und die Batterie bestand aus völlig neuartigen Materialien. Das resultierte in einer sensationell großen Reichweite und der Bedarf der Aufladung war eher selten. Sein Hound, den er liebevoll Percy getauft hatte, war jetzt bis unter das Dach und darüber hinaus mit seiner Camping- und Jagdausrüstung vollgestopft. Er hatte sich mit ein paar Freunden in Montana auf eine Jagd in den winterlichen Bergen verabredet. Eigentlich war ihm das im Dezember zu kalt, aber er hatte sich dann doch breitschlagen lassen. Einem Navy SEAL wie Simon konnte man immerhin schlecht absagen.
   Er fuhr eine recht kurvige Straße durch einen riesigen Wald mit Nadelhölzern. Eine schöne Gegend und er hatte die Fenster runtergefahren und genoss bei recht langsamer Fahrtgeschwindigkeit und nahezu lautlosem Motor die Geräusche der Natur. Dann hörte er plötzlich lautstarkes Hupen hinter sich und ein Wagen überholte ihn. Ein generischer SUV rollte an ihm vorbei. Eine Frau mit kurzen braunen Haaren warf ihm vom Beifahrersitz einen giftigen Blick zu und im Fond streckte ihm ein Mädchen im Teenager-Alter frech die Zunge heraus. Pff, sollten sie ihn doch überholen, er war ohnehin viel zu früh dran. Warum mussten die auch so rasen hier mitten im Nirgendwo. Das nächste Örtchen war Stunden entfernt. Sicherheitshalber drückte er auf einen verborgenen Knopf und klappte einen Bildschirm zu seiner Rechten aus. Zwei Punkte erschienen, von denen sich der eine zügig entfernte – sein Radar, einer der vielen eigenen Modifikationen an seinem Hound.
   Er fuhr eine halbe Stunde gut gelaunt weiter, bis er aus der Ferne das dumpfe Wummern eines großkalibrigen MGs hörte, dazu das kurze Rattern von automatischen Waffen. Verdammte Scheiße, Clowns! Das oder ein Gerangel zwischen Clowns und den Animals. Er fuhr die Kugelsichere Seitenscheibe hoch und beschleunigte.
   Da, der SUV von vorhin lag schief im Straßengraben, gegen einen Baum gekracht und eine Rauchwolke drang aus dem Motor, lange Bremsspuren zierten die Straße. Ein Konvoi der Clowns parkte auf der Straße. Zwei gepanzerte Pickups und ein Mannschaftswagen, alle grellbunt lackiert. Offene MG Türme waren auf der Ladefläche der Pickups montiert. Ein paar Typen mit Clownsmasken standen auf der Straße mit Waffen in den Händen. Lautlos hin oder her, sie würden ihn bald bemerken. Die dreckigen Wichser. Terroristen und Mörder. Und man schimpfte ihn einen Waffennarren und einen Psychopaten. Na dann wollen wir doch mal sehen.
   Er gab sich einen Chem Kick und Adrenalin pumpte durch seinen Körper als er die laute dröhnende Hupe betätigte und feste aufs Gas trat, der schwere gepanzerte Geländewagen beschleunigte sofort und donnerte die Straße entlang. Das vordere MG nahm ihn aufs Korn und Kugeln prasselten auf die Windschutzscheibe, wo sie wirkungslos abprallten. Er wurde immer schneller und schneller und rauschte heran. Die Clowns auf der Straße bewegten sich hektisch in alle Richtungen. Den ersten Clown erwischte er volle Kanne frontal und wurde durch die Luft geschleudert. Den zweiten streifte er und dieser ging mit einem qualvollen Aufschrei zu Boden. Fünfzig Meter weiter machte er einen U-Turn und bremste ab.
   Der erste Clown regte sich nicht mehr, der zweite wälzte sich verkrümmt auf dem Asphalt. Die Reifen drehten durch als er erneut das Gaspedal bis zum Anschlag voll durchdrückte. Percys Sensorik projezierte das Abbild des verletzten Clowns vergrößert auf die Windschutzscheibe. Kaz Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln der Genugtuung, als er die kalte Angst in den schmerzverzerrten Augen des Clowns halb verdeckt durch die Clownsmaske erkannte. Augen die schon wussten, was passieren würde, bevor es passierte.
Es dauerte nur einen Bruchteil von Sekunden und der nahezu drei Tonnen schwere Koloss des Hounds walzte über den Clown hinweg wie eine Lawine.
Er griff ins Handschuhfach, entsichicherte seine FN Five-Seven und schob den Schlitten zurück um eine frische Kugel in die Kammer zu schieben. Die beiden MGs wummerten weiter wirkungslos. Er hielt an stieg im Schutze der gepanzerten Fahrertür aus und flitzte zum Kofferraum wo er das beinahe griffbereite Heckler und Koch HK417 Sturmgewehr nahm und in einen leichten Kampfanzug schlüpfte, das war so minutiös und regide eingeübt, dass es keine dreißig Sekunden dauerte – er hatte oft mit Clowns zu tun und war bestens auf diese Brut vorbereitet. Im Armschutz war ein Monitor eingelassen, sofort erschienen mehrere Ziele mit der grobgezeichneten Umgebung darauf, die Percys mächtige Sensorik erfasste. Er entsicherte das Gewehr und überprüfte ob eine Kugel in der Kammer war. Derweil fuhr ein MG-Turm aus Percys Dach und deckte den einen Pickup mit Sperrfeuer vom Kaliber 7,62 mm NATO ein, mit panzerbrechender Munition. Dann lugte er um das Auto herum, das MG des vorderen Pickups hatte aufgehört zu feuern und er schoss ein paar schnell gezielte Schüsse auf den Schützen ab. Ein qualvoller Aufschrei zeigte ihm, dass er getroffen hatte. Mit einem Kopfschuss servierte er den Verletzten ab. Das Gewehr im Anschlag tastete er sich zum Pickup vor, während ihm der Geschützturm weiterhin Deckung gab. Den Aufschreien nach zu schließen, war die Treffergenauigkeit des Turms ziemlich hoch, Hal und er hatten das Programm dazu entwickelt, das den Turm steuerte. Die Kalibration priorisierte präzise Schüsse mit letaler Wirkung.
   Er wagte sich um den Pickup, drei Schüsse auf den Beifahrer, der gerade aus dem Pickup stürzte, zwei in die Brust, einer in den Kopf. Er überprüfte den Bildschirm am Unterarm. Vier Ziele, drei im Pickup, einer schien sich hinter dem Motorblock zu verstecken, zwei Meter von ihm entfernt.
   Er ging in die Hocke und späte unter dem Vorderrad des aufgemotzten Pickups nach Vorne und entdeckte ein paar Füße in Turnschuhen. Er legte sich lautlos auf den Bauch und gab zwei Schüsse ab. Ein verzerrter Schrei zeugte von einem Treffer und der Clown verlor das Gleichgewicht und stürzte. Mit einer kurzen Salve erledigte sich das Problem. Dann tippte er auf seinem Armschutz herum. Ein fauchendes Zischen ertönte und eine Lenkrakete krachte in den verbliebenen Pickup, der gerade abhauen wollte und jagte ihn in einem mächtigen Feuerball die Luft. Er ging aus der Deckung und beobachtete aus den Augenwinkeln wie brennende Trümmerteile auf den Boden prasselten. Keine Ziele mehr auf dem Display, aber das hieß nichts. Die Waffe im Anschlag rannte er zum Mannschaftsbus und riss die Tür auf, nichts, er observierte die Umgebung, fand aber nur Tote vor. Jetzt hieß es zu handeln, bevor Polizei hier eintraf oder Verstärkung der Clowns, auch wenn er in dieser einsamen Gegend deutlich mehr Zeit zur Verfügung hatte, als in dichter besiedelten Gegenden. Dennoch, Konvois wurden oft von Luftunterstützung begleitet und gegen ein Gunship reichten auch seine kleinen Raketen nicht aus. Also besser, er beeilte sich.
   Er schulterte das Gewehr und spurtete zum SUV im Straßengraben unter dessen Motorhaube dunkler Rauch hervorquoll, begleitet von ersten Flammen, die gierig am auslaufenden Benzin leckten, der Motorblock war nach den Einschlägen völlig hinüber. Er riss die Fahrertür auf. Ein Bild des Gemetzels zeigte sich ihm. Großkalibrige Munition hatte das innere des Wagens regelrecht zerfetzt. Nachdenklich musterte er die Frau auf dem Beifahrersitz. Eine Kugel hatte ihren Kopf getroffen und Blut, Hirnmasse und Knochensplitter im Wagen verteilt – eine Identifikation würde schwierig werden. Der Anblick und der Geruch des Todes ließen ihn kalt, er war zu alt, als dass ihn das noch schocken würde, dafür hatte er mit seinen dreiundfünfzig Jahren zu viel gesehen.
   Mit behandschuhten Händen durchsuchte er den vorderen Teil des Wagens und nahm Handys und Brieftaschen und alles mit, was ihm nützlich erschien und die Personen identifizieren konnte. Dann warf er einen Blick in den Fond.
Er war viel gewöhnt, aber schlucken musste er dennoch als er den völlig zerfetzten Körper eines Jungen von vielleicht 12 Jahren sah, so früh sollte niemand sterben und vor allem nicht so brutal. Sein Blick wanderte zum letzten Passagier, ein Mädchen im Teenageralter. Sie war vornübergebeugt und über und über mit Blut und Hirnmasse der Toten auf dem Beifahrersitz bespritzt, ein Streifschuss am linken Oberarm blutete heftig und es schien als wäre sie bewusstlos. Schnell lief er um das Auto herum und öffnete die Tür auf ihrer Seite, sie hing leblos in den Gurten. Er prüfte ihren Puls und atmete erleichtert auf, sie lebte. Sanft schüttelte er sie, aber sie musste sich beim Crash ordentlich die Birne gestoßen haben, zumindest hatte sie eine Platzwunde und ihr lief die rote Suppe ins Gesicht. Er schnallte sie ab und trug sie zu seinem Wagen, wo er ihre Wunden ausspülte, sie zusammenflickte und ihr einen Verband anlegte. Kaz würde sie mitnehmen, besser so, als an einem solchen Schauplatz halb erfroren von korrupten Cops gefunden zu werden. Das hieße allerdings, dass er seinen Trip abbrechen und zurück zu seiner Ranch in Texas fahren würde. Er setze sie in Percys Fond und schnallte sie in eine Decke gewickelt an. Dann verstaute er sein Equipment sorgfältig und machte sich daran, Beweismaterial zu sichern. Er fotografierte das Gesicht und die Handabdrücke jeden toten Clowns und durchsuchte den Mannschaftswagen nach verwertbaren Unterlagen. Nach wenig ergiebiger Suche ging er zurück und durchsuchte auch den SUV nach den Sachen des Mädchens, dessen Front mittlerweile lichterloh brannte und erste Teile der umliegenden Vegetation in Brand gesetzt hatte. Er fand einen großen grünen Wanderrucksack, dessen Inhalt auf rebellisches Mädchen schließen ließ. Das und eine verwöhnte Göre vom Feinsten, was er nach einem flüchtigen Blick auf die Designer-Klamotten und den Spectre Edel-Laptop schloss, gerade im Vergleich zu den restlichen eher gebraucht wirkenden Sachen der Familie. Dann stieg er in seinen Wagen ein, legte die gesicherte Five-Seven ins Handschuhfach, biss genüsslich von einem angebissenen Sandwich ab, dass er sich bei der letzten Omega Station gekauft hatte, spülte den Bissen mit einem großen Schluck genüsslich heißem Kaffee aus einer bereitstehenden Thermoskanne runter und fuhr los.

*
Er setzte einen Notruf an den Widerstand ab und grübelte. Wahrscheinlich würde man das als Verkehrsunfall abstempeln oder besser noch völlig vertuschen. Alle hatten Angst vor der Terrorherrschaft der Clowns und keiner wollte der Nächste sein. Wenn man ihn hier fand, war er der Nächste auf der Liste, das war ihm klar, abgesehen davon dass ihn die korrupten Cops wegen mehrfachen Mordes einsperren würden. In den Nachrichten würde darüber nichts zu hören sein, die Clowns gingen sorgfältig dabei vor, alle Meldungen von Niederlagen und Verlusten auf ihrer Seite zu verschweigen. Aber es war nicht das erste Mal, dass er mit ihnen konfrontiert wurde und wenn er die Clowns zählte, die in seiner Anwesenheit versehentlich Hopps gegangen waren, reichten Hände und Füße zum Zählen längst nicht mehr aus. Auf jeden toten Clown gab es eine Prämie, er war zwar nicht darauf angewiesen, aber er würde es für das Mädchen anlegen. Auf die Toten der Familie Straub wartete nur noch eine Beerdigung, man konnte nichts mehr für sie machen, aber das Mädchen lebte noch.
   Dann machte er sich auf die Reise nach Hause, die Clowns würden mit Verstärkung zurückkommen und ihn suchen, besser er verschwand von hier und sagte seinen Kumpels Bescheid. Zu seiner Erleichterung zeigte sein Langstreckenradar keine unmittelbar als gefährlich einzustufenden Ziele, daher drehte er das Radio auf und wählte einen Codec der nur den Anhängern des Widerstandes gegen die Clown-Brut bekannt war. Er hatte in der Gesäßtasche des Mädchens einen dünnen Edel-Geldbeutel mit ihrem Ausweis gefunden, ungewöhnlich dass sie keine Handtasche besaß, zumindest hatte er keine gefunden. Sie hieß Amber Straub – ein schöner Vorname, fand er. So hätte er vielleicht auch eine Tochter benannt, wenn er sich nicht vor langer Zeit gegen Kinder entschieden hätte. Amber. Bernstein – wie die ungewöhnliche Farbe ihrer schönen orangenen Augen.
   Er fuhr weiter und hörte nur mit halbem Ohr mit, während die Nachrichten aus den Lautsprechern an ihm vorbeirauschten. Ungezählte Meldungen von weiteren Angriffen der Clowns erreichten ihn während er missmutig zügig weiterfuhr. Hin und wieder horchte er auf, als von einem heroischen Angriff seitens des Widerstands berichtet wurde. Nach etwa drei Stunden ohne weitere Zwischenfälle erreichte ihn eine beunruhigende Nachricht, auf die er fast schon gewartet hatte.
„In Montana wurde heute die unglückselige Familie Straub ausgelöscht. Andy Straub, dekorierter US-Marine, mit seiner Frau Josephine und seinem Sohn Josef. Dazu kamen die Großeltern bei einem von den Clowns gelegten Feuer ums Leben. Glücklicherweise konnte die 16-jährige Amber Straub gerettet werden, aber das ist nur ein schwacher Trost. Das war ein schwarzer Tag für das freie Amerika, passt auf euch auf Leute.“
   Er drehte das Radio wieder leiser und trat ordentlich aufs Gas bis die Nadel auf der 140 km/h Marke stand, ganz schön schnell für einen dicken schweren vollbeladenen SUV, der eigentlich schon in die Kategorie Radpanzer gehörte, wenn auch ein Radpanzer mit Lederpolstern und Getränkehaltern. Bei dem Gedanken schmunzelte er.
   Als die Sonne unterging wachte das Mädchen auf. Sie blinzelte mit flatternden Lidern und verzog das Gesicht grunzend zu einer schmerzverzerrten Grimasse. Im Crash hatte sie ordentlich was abbekommen, aber immerhin lebte sie und schien keine Gehirnerschütterung zu haben. Im Rückspiegel beobachtete er, wie sie sich erst langsam, dann hektisch umsah und sich der Anflug von heller Panik in ihren bernsteinfarbenen Augen widerspiegelte.
„Huh? Hey, wer zum Teufel sind Sie? Wir haben Sie doch überholt, Sie sind der Typ in dem fetten schwarzen Geländewagen. Was machen Sie mit mir? Ich will nicht entführt und vergewaltigt werden! Ich will sofort zu meiner Familie zurück!“
Verdammt, was sollte er ihr sagen, dass ihre Familie soeben abgeschlachtet wurde?
„Wie soll ich es sagen, deine Eltern hatten einen Unfall und jede Rettung kam zu spät.“
Sie sah ihn lange an und ihre markanten orangenen Augen verengten sich.
„Ich hab Schüsse und Schreie gehört. Verarsch mich nicht Mann!“
Er zögerte. War sie für die Wahrheit bereit? Er schüttelte unmerklich den Kopf. Für diese Nachricht war niemand bereit. Aber ihre Energie und unerschrockene Art beeindruckte ihn. Er wagte es.
„Ok, die Clowns haben deine komplette Familie ausgelöscht, ist dir das lieber?“
Ihre Augen wurden riesengroß und füllten sich erst schnell mit Tränen, aber dann wischte sie sie sich blitzschnell weg und ließ sich in den Sitz sinken. Sie heulte nicht, schrie nicht, machte nicht einmal einen Mucks. Sie saß einfach nur schweigend da und sah aus dem Fenster. Die Zeit verstrich und er sah auf die Straße vor sich in der anbrechende Nacht. Ab und zu beobachte er sie unauffällig im Rückspiegel. Sie wirkte seltsam ruhig und gefasst. Nach einer halben Stunde drehte sie den Kopf zu ihm herum und sah zu ihm hin. Der Ausdruck in ihren Augen hatte sich verändert. Sie wirkte seltsamerweise wie ein Mensch, der Frieden mit sich geschlossen hatte.
„Wohin fahren wir? Können wir eine Pause machen?“
„Unser Reiseziel ist ein kleines Kaff unten in Texas und solange wir in Montana sind halt ich nicht an, ohne Backup lege ich mich nicht mit den Clowns an und gegen Gunships oder schlimmer noch ein paar Söhne des Harlequins haben wir nicht die leiseste Chance. Wenn du also pissen musst, nimm die Stauente, die neben dir auf dem Sitz liegt, die hat einen Adapter für Frauen.“
„Iii, nein danke. Ich hab Hunger.“
Ihre Stimme war warm und lebendig. Sie klang nicht wie ein Mädchen, das soeben zur Waise geworden war. Er mochte sie jetzt schon.
„Ich hab Sandwiches und Kaffee von Nox in der Kiste auf dem Rücksitz. Daneben ist noch eine Wolldecke, wenn dir kalt ist. Aber ich such uns erst etwas zum Rasten wenn den nächsten Staat erreicht haben.“
Sie schälte sich aus der Decke, verzog das Gesicht, als sie ihren verletzten Arm bewegte, stöhnte mit zusammengebissenen Zähnen und griff nach der Kiste mit den Sandwichen als wäre nichts. Entweder stand sie noch total unter Schock oder sie war echt richtig tough. Nein Schock war es nicht, so wirkte sie nicht und es stimmte ihn nachdenklich. Im Rückspiegel beobachte er, wie sie sich dick eingekuschelt mit sichtlichem Apphetit und ungespielten Genuss über eins der Sandwiche hermachte, dass er sich mitgenommen hatte.
„Lecker, Nox sagtest du? Heißt das du kannst nicht kochen, wenn du dir Stullen kaufen musst?“
Er verkniff sich ein Lachen. Sie hatte Biss.
„Das hab ich mir unterwegs gekauft. Ich kann kochen, ich bin gelernter Koch. Sei mal nicht so frech, ich hab dir das Leben gerettet!“
Im Rückspiegel sah er ihr zerknirschtes Gesicht. Dann grinste sie.
„Sorry, ich schätze ich verdanke dir mein Leben. Aber was soll ich jetzt machen? Ich will nicht ins Heim zu all den anderen traurigen Seelen die ihre Eltern durch diese Clown Wichser verloren haben!“
Er dachte einen Moment nach, das hatte er nicht so recht durchdacht.
„Du könntest fürs erste bei mir unterkommen.“
Ihre markanten Augen verengten sich kurz.
„Hast du ein Haus?“
„Eine Ranch trifft’s eher. Also schon mit Haus, aber eben ein etwas Größeres. Ich hoffe du kommst mit Tieren klar. Ich hab eine Herde Rinder und ein paar Schafe.“
„Ich denke schon, ich glaube ich kann mit Tieren sprechen, aber das glaubt mir keiner. Hast du ein Haustier? Eine süße Katze oder einen netten Hund?“
Er zögerte, sein Haustier war nicht gerade als gewöhnlich einzustufen und als normal schon gar nicht.
„Ich habe einen Alligator namens Kasimir. Er hat zwar kein flauschiges Fell aber er ist völlig zahm. Ich hab ihn, seit er geschlüpft ist und er ist mir ein treuer Freund.“
Im Rückspiegel sah er wie sie ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Unglauben entgeistert anstarrte.
„Gibt’s in Texas eigentlich nur Irre? Wehe du vergewaltigst mich und verfütterst mich an das Vieh.“
Etwas beleidigt, dass sie ihn irre genannt hatte, auch wenn er einräumen musste, dass da ein bisschen was dran war. Verärgert über ihre Wortwahl brauste er etwas auf.
„Willst du, dass ich anhalte und dich wieder aussetze, vielleicht kommen ja noch ein paar nette Clowns vorbei, die dir den Rest geben oder mit dir machen, was du mir nur vorwirfst?“
Ups, das war zu viel gewesen, Amber verlor die Fassung und heulte jetzt hemmungslos. Tränenbäche strömten ihr übers Gesicht und es schüttelte sie regelrecht. Er fuhr langsamer und hielt gänzlich an, als sie sich nicht mehr beruhigte und heftig schluchzte. Er beugte sich zu ihr hin nach hinten, da geriet sie in Panik und schrie angstvoll auf und versuchte ihn zu schlagen. Da schnallte er sich ab und kletterte halb nach hinten und umarmte sie fest in der Hoffnung dass sie sich wieder fangen würde. Sie trommelte erst auf seinen Rücken ein, gab aber nach kurzer Zeit auf und hing einfach nur heftig schluchzend in seinen Armen. Er war so im Moment des zu trösten Versuchens, dass er völlig blind für alles andere war. So bemerkte er nicht wie das Piepsen des Radars in alarmierender Rate lauter wurde.
   Dann erzitterte die Heckklappe des Wagens plötzlich unter heftigen Kugeleinschlägen.
Fuck! Er hechtete zurück ins Cockpit und trat hektisch auf Gas, der Hound machte einen Satz und sie düsten los, einen Blick in den Rückspiegel zeigte ihm drei bullige aufgemotzte und nach Clown Regel völlig bunt lackierte Pickups. Amber hatte ihre Trauer vergessen und duckte sich in den Rücksitz. Die aufgemotzten Pickups hatten den Vorteil, dass ihr Ziel fast schon überbeladen und trotz kraftvollem Elektromotor träge in der Beschleunigung war, die größte Schwäche der toughen Hounds. Sein Fahrrad, das er an die Rückklappe geschnallt hatte, wurde sicherlich von den Kugeln demoliert, immerhin war es nicht sehr teuer gewesen. Er drückte auf einen Knopf am Armaturenbrett.
„Hal wach auf, ich brauch deine Hilfe! Ich werde von drei Pickups der Clowns verfolgt. Sieh zu dass du ihre Kommunikationskanäle blockierst, damit sie keine Hilfe rufen können. Ein Gunship als Verstärkung und wir können einpacken. Und ich hoffe die Extras die ich eingebaut habe funktionieren auch so wie ich mir das erhoffe.“
„Sehr wohl Sir.“
Amber hinten starrte ihn angsterfüllt an.
„Hey Amber mach dich nützlich. Hinter dem Fahrersitz ist eine Kiste, mach die auf und gib mir ein paar von den Granaten nach vorne!“
Sie starrte ihn ungläubig an.
„Bist du taub Mädchen?“
Brüllte er jetzt. Amber schnallte sich ab und wühlte sich durch den Berg an Gepäck und Krempel zu der besagten Kiste. Nach ein paar Minuten schob sie ihm zitternd ein paar zylindrische kleine Bomben nach vorne. Smart Bombs, die er selbst gebaut hatte. Sie besaßen einen superstarken Elektromagneten, der sich am Boden von Autos heften konnte. Er fuhr das Fenster ein Stück herunter, machte die Bomben scharf und warf sie aus dem Fenster, das er sofort wieder hochfuhr.
Sie hatten Glück, der rechte Pickup wurde von den Rädern gehoben und verging in einem Feuerball, der die Nacht zum Tage machte. Die anderen beiden schweren Wagen wichen dem brennenden Wrack aus und beschleunigten, um ihn in die Zange zu nehmen. Schüsse peitschten über die Außenhaut des Hound, penetrierten aber nicht, es lebe Omega. Die Pickups hatten große Kabinen und Beifahrer und Rückfahrer auf beiden Seiten kurbelten hektisch die Scheiben herunter, Sturmgewehre und Granatwerfer in den Händen. Kugeln prasselten auf die Seitenscheiben und prallten wirkungslos ab. Die Granaten hingegen schüttelten sie durch und der Hound geriet etwas ins Schlingern. Kaz kurbelte nach links und versuchte den Truck zu rammen, sofort verzogen sich die Typen mit Clownsmasken ins Innere und der Pickup beschleunigte. Er grinste plötzlich breit und ging in die Eisen. Dann drückte er auf einen Knopf und aktivierte seine eingebaute Bewaffnung die jetzt hoffentlich auch funktionierte. Eine 20 mm Autokanone wummerte tief dröhnend los, die er auf dem Dachträger montiert hatte, und stanzte mit panzerbrechenden Sprenggranaten faustgroße Löcher in den Pickup vor ihm. Nach wenigen Augenblicken Dauerfeuer schlingerte der Pickup und krachte gegen einen Baum, während Flammen aus dem Motorblock aufstiegen. Zufrieden grinsend gab er wieder Gas.
   Der zweite Pickup stieg ebenfalls in die Eisen und setzte sich genau hinter sie, dieser Kollege war größer als die anderen beiden und sah gepanzert aus. Das tiefe Grollen eines schweren MGs brüllte und die Heckklappe erzitterte unter den Einschlägen und einige Kugeln schlugen tiefe Krater in die hoffentlich kugelsichere Rückklappe.
   Kaz fuhr den Geschützturm aus und fluchte innerlich, dass er die Rakete schon verbraucht hatte. Deren Tandem Gefechtskopf hätte kurzen Prozess mit der Panzerung ihres Verfolgers gemacht. Die kleinen Raketen, die noch an Bord waren, konnten diesem Monster nichts abhaben. Wie er befürchtete prallten die Kugeln des Turms wirkungslos an dem Pickup ab. Der beschleunigte und rammte sie heftig, Percy verlor einen Moment den Halt und Kaz konnte erst im letzten Moment die Kontrolle zurückerlangen. Hektisch flogen seine Finger über ein Bord mit Kippschaltern und kippte einen nach unten. Der große Bruder der magnetischen Bomben von eben wurde abgeworfen und rollte unter den Pickup. Kaz betete, dass sein Feind keinen minensicheren Unterboden hatte. Seine Sorgen verflogen, als der Pickup in die Luft geschleudert wurde und auf dem Dach liegen blieb. Kaz folgte einem Instinkt und der Hound blieb unmittelbar stehen. Das erweckte Amber aus ihrer Schockstarre.
„Scheiße, fahr weiter! Ich will hier weg!“
Sie heulte regelrecht, von ihrer unerschrockenen Gelassenheit keine Spur mehr.
„Nein, ich will wissen wer das ist.“
„Scheiß Clowns, was denn sonst? Ich will nicht sterben, fahr weiter, bitte!“
Er ignorierte ihr angstvolles Gejammer und sprang aus dem Wagen, die Five-Seven fest im Griff. Amber schluchzte laut auf und wimmerte panisch, aber er ignorierte sie.
   Er näherte sich dem umgedrehten Pickup. Unwahrscheinlich, dass die Explosion und die heftige Schockwelle irgendjemand im Inneren überlebt hatte, aber man wusste nie. Er riss die schwere Tür auf und spähte hinein. Alles tot. Dann stutzte er. Vier riesige pechschwarze Warane in schwarzen Kampfanzügen ohne Abzeichen. Konzernbrut. Die schwarzen Warane arbeiten überwiegend für die Konzerne Lambda, Sigma und Horizon. Die Clowns hassten die Warane bis in die letzte Faser, unwahrscheinlich also, dass die vier zu ihnen gehörten. Dennoch tauchten sie hier auf. Er durchsuchte schnell den Wagen, bevor das Feuer sich ausbreitete.
   Nach zwei Minuten hörte er auf, der Pickup war vollkommen leer, keine Identitäten oder Informationen, was dieser Truck hier machte und wer diese Warane waren, Nichts. Das gefiel ihm nicht und es hatte den faden Beigeschmack einer verdeckten Operation. Aber warum auf ihn? Oder besser gesagt, warum hier in dieser gottverlassenen Gegend? Er riss sich los und rannte zum Hound zurück und setzte sich auf den Fahrersitz. Er verstaute seine Sachen und fuhr zügig los.
„Hal, irgendwelche Meldungen von Clowns oder Cops in der Gegend?“
„Mir ist nichts bekannt Sir, gute Fahrt Sir.“
„Danke dir, wir sehen uns.“
Er warf einen Blick nach hinten um nach Amber zu sehen, die sich gerade wieder aufrappelte und sich anschnallte, sie wirkte etwas benommen und verheult. Schniefend rieb sie sich die Augen und stellte eine zaghafte und unterdrückt neugierige Frage.
„Bist du sowas wie James Bond?“
Er schmunzelte und er musterte ihr Gesicht im Rückspiegel. Sie würde eine ausgesprochen schöne Frau werden, wenn sie erwachsen war, schoss es ihm zusammenhangslos durch den Kopf.
„Nein nichts dergleichen, auch wenn ich ein großer Fan der Filme bin, zumindest der alten. Ich bin nur ein Mechaniker und Bastler mit mehr Ressourcen als der durchschnittliche Bürger, und möchte nicht hilflos im Angesicht der Clown Banden sein, die unser schönes Land terrorisieren. Hast du ein Problem damit?“
„Wie viele Leute hast du heute getötet?“
Er dachte einen Moment nach.
„Ich hab nicht gezählt, aber Clowns sind keine Leute, die sind einfach nur Abschaum, der beseitigt werden muss. Mit denen hab ich kein Mitleid, mir tun eher Unschuldige wie deine Familie leid, die einzig und allein ins Fadenkreuz geraten, weil einige von ihnen Teil des Militärs sind oder sich ihrer Herrschaft widersetzen.“
Plötzlich klingelte sein Handy und er nahm den Anruf über die Freisprechanlage an.
„Scheiße nochmal Kaz, wo steckst du nur? Wir haben die Sache mit den Clowns im Radio gehört.“
Simons Stimme war aufgeregt und besorgt. Für einen beinharten Navy SEAL, der zig Einsätze hinter sich hatte, war er leicht aus der Fassung zu bringen.
„Ich bin kurz vorm Ziel umgedreht, ich bin an einem Konvoi der Clowns vorbeigekommen und konnte nicht wegsehen.“
„Verdammt, geht’s dir gut?“
„Mir geht’s bestens, ein paar der Clowns eher weniger. Die Schweine haben wieder eine Familie abgeschlachtet. Ich hab die Tochter retten können und sie sitzt bei mir im Wagen. Ich fahr erstmal wieder runter nach Texas und stell mich neu auf. Leider geht dadurch unser Trip hops.“
„Amber Straub ist bei dir? Gott sei Dank. Wir gehen dann auch erstmal auf Tauchstation, ich hätte nicht gedacht, dass es in Montana so viele Clowns gibt. Gut dass du ein paar ausgeschaltet hast. Ich schätze ich sollte mir auch so einen Omega besorgen und Clowns jagen, aber die Kisten kann ich mir leider nicht leisten. Ich hab gehört dass unsere Freunde im Widerstand Trucks und LKWs mit Stahlplatten verstärken und eigene Konvois bilden um diese Brut zu stoppen. Ich schätze das Mädchen wird erstmal bei dir bleiben, schwierige Situation, das bekommen wir schon irgendwie geregelt. Mach’s erstmal gut. Wir fahren jetzt ein Stück in die Berge und bunkern uns irgendwo ein bis sich die Sache ein bisschen beruhigt hat. Tschüss und pass auf dich auf.“
Amber im Fond kaute auf ihrer Unterlippe und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.
„Bist du im Widerstand von dem alle heimlich sprechen?“
„Mädchen, ich hab gerade ein Dutzend Clowns beseitigt, was glaubst du denn wer ich bin, der Weihnachtsmann?“
Wollte er sie anfahren, riss sich aber zusammen.
„Nicht offiziell weil mein Name nicht völlig unbekannt ist.“
„Wieso das denn? Und warum hat der Typ dich Kaz genannt? Das klingt doch total nach einem Fantasienamen.“
„Kaz ist der Spitzname für Katsuro, meinem zweiter Vornamen. Ich hab eine japanische Mutter.“
„Stimmt, siehst auch ein bisschen asiatisch aus. Irgendwie ein bisschen wie Keanu Reeves.“
„Dass du den überhaupt kennst finde ich viel erstaunlicher, der lebt doch schon lange nicht mehr. Außerdem ist er gar nicht japanischer Herkunft.“
„Egal, Ich mag halt alte Actionfilme, die laufen ab und an im Fernsehen.“
„Sowas gibt’s noch?“
„In Montana schon, ich hatte einen Fernseher in meinem Zimmer, der lief immer nebenbei, wenn ich gemalt habe. Hast du eigentlich auch einen richtigen Namen?“
„Ja hab ich: Sebastian Katsuro Solomon.“
Plötzlich wurden ihre Augen riesig groß.
„DER Sebastian Solomon? Der Autor? Ich hab alle Bücher gelesen und bin ein totaler Fan, kannst du mir ein Autogramm geben? Büdde büdde.“
Er sah sie einen Moment zweifelnd im Rückspiegel an, seine Bücherverkäufe waren erbärmlich um es höflich auszudrücken. Und dennoch behauptete sie, alle seine Bücher zu kennen. Kurios. Er nahm sich vor ihr nicht ganz zu trauen, sicher war sicher, immerhin kannte er sie erst seit wenigen Stunden.
„Das verblüfft mich aber, dass du mich kennst. Ja ich bin dennoch unbekannt genug um heimlich im Widerstand zu sein. Berühmte und einflussreiche hin oder her, schließlich hat mein Vater Frank Solomon Horizon gegründet, aber ich war recht erfolgreich, mich der Öffentlichkeit fernzuhalten. Dennoch beteilige ich mich am Kampf gegen unsere Unterdrücker. Was eigentlich nur heißt, dass ich den Widerstand mit Geldmitteln und Equipment versorge. Und mich persönlich an Einsätzen beteilige.“
„Wann sind wir da?“
Sie ging gar nicht auf seine Erklärung ein und er spielte es herunter.
„Ab und zu muss ich auch den Wagen aufladen und eine Runde schlafen, ich denke in ein paar Tagen werden wir unser Ziel erreichen. Ich fahre heute die Nacht durch und such uns dann irgendwo abseits ein Fleckchen, wo wir erst auftanken und dann ein wenig rasten können. Im Kofferraum hab ich eine Kiste mit Nahrungsmittel, so Fertigsachen und Riegel fürs Backpack-Trekking von NOX, die schmecken ziemlich gut. Motels und Raststätten würde ich erstmal meiden wollen, die werden oft von den Clowns observiert oder kontrolliert. Ich hab schon Geschichten von Leuten gehört, die in einem Motel spurlos verschwunden sind. Am besten wir schlafen nachts im Wagen, der ist kugelsicher und Percys Sensorik entgeht nichts. Ich gebe dir meinen Polar-Schlafsack und ich wickle mich in die Decke ein, die du hast, notfalls kauf ich noch Decken. Hier wird es nachts ganz schön kalt und um die Batterien zu schonen heize ich über Nacht ungern.“
„Kannst du dann trotzdem die Heizung ein bisschen hochdrehen, ich bin leider ne totale Frostbeule, auch wenn ich in Montana mit ziemlich kalten Wintern aufgewachsen bin. Und es wäre toll wenn du noch ein paar schöne warme Decken kaufen könntest wenn es dir nichts zu sehr ausmacht. Hast du zufälligerweise mein Handy gesehen?“
„Sorry, darauf habe ich nicht geachtet.“
Log er, natürlich hatte er es gesichert, aber bevor er nicht wusste, was sie alles vor ihm verbergen könnte, behielt er es für sich.
„Fuck, ich hatte es im Auto, es muss mir beim Crash wohl aus der Hand gefallen sein. Mist!“
„Wozu würdest du es denn jetzt verwenden wollen?“
Eine Spur von Misstrauen lag in seiner Stimme. Und wenn sie es nutzte um Hilfe zu holen, weil sie ihm nicht traute? Verübeln konnte er es ihr zwar eigentlich nicht, aber immerhin hatte er ihr heute schon zweimal das Leben gerettet.
„Ach, einfach nur ein bisschen Musik hören oder Filme gucken, das mache ich immer auf so langen Fahrten.“
Er entspannte sich. Kaz fuhr langsamer und öffnete das voluminöse Handschuhfach. Er kramte sein Ersatztelefon und eine kleine Dose mit Kopfhörern heraus und reichte sie nach hinten zu Amber.
„Hier, nimm erstmal das da, das hat eine Datenflatrate.“
Ihre Augen wurden groß.
„Scheiße, das ist ein Prism!“
„Ja, wenn auch nicht mehr das neuste Modell.“
„Vielen Dank, das ist so cool. Ich hab von den Dingern immer nur gehört, aber ich kenne niemanden persönlich der tatsächlich eines besitzt, die sind ja spielend dreimal so teuer wie ein iPhone!“
„Dafür sind sie auch in jeder Hinsicht besser, leistungsstärker, verschlüsselt und verwenden das geniale Betriebssystem HALOS.“
Er sah im Rückspiegel wie sie sich die Kopfhörer einstöpselte und mit dem Prism verband, dann tippte sie darauf herum und hielt es anschließend quer im Schoss. Mit angewinkelten Beinen machte sie es sich dick in die Wolldecke eingewickelt bequem und schien schnell in ihrem Film oder einer Serie zu versinken. Lächelnd fuhr er durch die Nacht auf dem Weg in die sichere Heimat.

*

Gegen Mittag des nächsten Tages bog er auf die Einfahrt einer Omega Station ein, passierte die Schleuse mit befestigten bunkerähnlichem Wachhäuschen und schwer bewaffneten Wächtern und stellte sich auf eine überdachte Ladestation. Amber wachte schlaftrunken auf und streckte sich genüsslich.
„Omega Stationen sind ein sicherer Hafen und sicher vor Clowns. Schüttel dir ruhig mal die Beine aus und geh ein paar Schritte, das Aufladen wird ne Weile dauern. Deshalb gibt’s hier immer ein hochklassiges Diner und einen Laden wo du alle möglichen Sachen kaufen kannst. Das hier ist lediglich eine kleine Omega Station, in den großen gibt’s auch richtige Unterkünfte mit weichen Betten und einem reichhaltigen Unterhaltungsangebot, denen wir noch begegnen werden. Hast du Hunger?“
Amber nickte eifrig und schälte sich aus ihrer Wolldecke, in die sie sich regelrecht verheddert hatte. Er sah, wie sie zusammenschrak und heftig zitterte als sie ausstieg, immerhin war es tiefster und hier oben im Norden dazu noch unangenehm kalter Dezember und sie trug nur eine löchrige Jeans und einen dünnen Kapuzenpulli. Verdammt, er hätte nach ihrer Jacke suchen sollen. Er nahm sich vor, ihr eine neue bei Gelegenheit zu organisieren. Puh es war wirklich ziemlich kalt, definitiv Minusgrade im zweistelligen Bereich. Er stöpselte schnell das Ladekabel an und guckte in der Omega App wie sich der Ladestand langsam erhöhte. Bis zum vollen Akku hatten sie rund zwei Stunden Zeit. Zur Sicherheit schloss er den Wagen ab, dann ging er mit Amber, die schon bibbernd und zitternd mit blau angelaufenen Lippen auf ihn wartete und ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpfte und sich die Arme rieb, in Richtung Diner. Drinnen war es schön wohlig warm und sie suchten sich ein Plätzchen wo es so richtig gemütlich war. Außer ihnen waren nur zwei weitere Leute anwesend. In den Ladestationen steckte eine riesige LKW Zugmaschine mit ungewöhnlich geräumiger Wohnkabine und in einer anderen ein unauffälliger blauer Kleinwagen.
   Die Bedienung näherte sich ihrem Tisch und sie bestellten trotz Mittagsstunde zwei Frühstücksteller und Kaffee und für Amber noch einen Orangensaft. Der Kaffee und der Saft kamen sofort und das Mädchen umfasste mit beiden Händen den Becher um sich aufzuwärmen. Ihr Gesicht hatte in der Zwischenzeit zumindestens schon mal eine gesündere Gesichtsfarbe angenommen, als eben in der Kälte.
„Du wirst schon sehen, dass Essen hier ist köstlich.“
Sie sah ihn nur zweifelnd an und trank einen Schluck Kaffee. Sie hob anerkennend die Brauen.
„Der Kaffee ist ziemlich gut muss ich sagen. Der Saft auch. Ich hoffe in Texas gibt’s auch Orangensaft, davon kann ich nämlich nicht genug bekommen und das ist ja wichtig wenn ich jetzt quasi bei dir wohnen soll?“
Er wehrte lächelnd ab.
„Keiner zwingt dich bei mir zu wohnen, es erscheint nur im Moment am sichersten. Ich kann dich auch in der nächsten größeren Stadt absetzen wenn dir das lieber ist.“
Sie schüttelte heftig den Kopf und er war etwas enttäuscht, nicht, dass er sie jetzt an der Backe hatte, denn er mochte Kinder nur so mittel und war auch absichtlich kinderlos geblieben, sehr zur Enttäuschung seiner Mutter Naomi, die sich immer Enkelkinder gewünscht hatte. Aber dafür hatte seine kleine Schwester Natalie im Enkel-Department ordentlich abgeliefert.
„Jetzt wo meine Familie …“
sie stockte und eine einzelne Träne rollte ihr über die Wange. Sie setzte neu an.
„Jetzt bin ich ganz allein. Und ich hab eigentlich keine richtig guten Freunde und keine anderen Verwandten und auch kein Geld. Ohne dich hätte ich noch nicht mal ein Handy und würde bestimmt nicht mehr leben. Danke nochmal. Mit sechzehn will ich noch nicht sterben!“
„Ich will auch mit dreiundfünfzig jetzt noch nicht sterben. Aber ich kann einfach nicht stillsitzen wenn so etwas passiert. Deshalb bin ich immer auf das Schlimmste vorbereitet.“
„Ich glaube das sollte man in diesen Zeiten auch sein. Nur warum wir?“
„Dein Vater Andy war ein US-Marine, deshalb. Clowns destabilisieren die Gesellschaft und dezimieren die Streitkräfte und schlagen klaffende Löcher in die Grundfesten der freien Nationen dieser Welt. Sie wollen einreißen, zerstören und ausradieren, was wir über Jahrhunderte erbaut und für die Generationen von tapferen Männern und Frauen gekämpft und ihr Leben gelassen haben. Die Clowns wollen in den Ruinen der freien Welt eine neue Weltordnung erschaffen und Nationen, die sich nicht mehr verteidigen können, sind leichte Ziele für diesen Abschaum.“
„Woher weißt du, das mein Vater bei den Marines war?“
„Das kam im Radio des Widerstands, die sind immer gut informiert.“
„Sowas gibt es?“
„Klar, es gibt einen ganzen Katalog von Codes und Codecs die wir verwenden. Und irgendwie müssen wir uns schließlich austauschen. Ich hab übrigens mitgeholfen dieses Netzwerk in den USA aufzubauen. Mit jedem Tag wächst der Widerstand gegen die Clowns. Weltweit.“
„Dann gibt es auch in anderen Ländern Widerstandszellen gegen die Clowns?“
„Ja, auf der ganzen Welt, in fast jedem Land. Vielleicht können wir dem ganzen irgendwann einen Riegel vorschieben, aber nicht nur die Clowns selbst, sondern auch die Scharen korrupter Cops machen uns das Leben schwer und hindern uns daran uns selbst um diese verdammten Clowns zu kümmern. Viele nehmen die Sache von daher lieber in die eigene Hand, so wie ich.“
„Wer ist eigentlich dieser Hal der dir geholfen hat, so hieß doch eine KI aus so einem uralten Streifen?“
„Hal ist ein alter Freund von mir und er hilft mir wann immer er kann, er ist einer der besten Computerspezialisten der Welt und er ist ein großer Fan von künstlichen Intelligenzen und von den alten Stanley Kubrik Filmen, daher sein Spitzname.“
„So ist das also.“
Ihr Essen wurde gebracht und sie machten sich schweigend über Rührei, Bratkartoffeln und Speck her. Er grinste zufrieden als er Amber sichtlich genießerisch essen sah. Er grinste noch breiter als sie sich nach mehr umsah.
„Hast du noch Hunger?“
„Ich könnte locker noch so eine Portion essen. Ich hab’s gut und schlecht zu gleich, ich kann viel und immer essen und werde nicht dick, aber auch nie wirklich satt. Ist ganz komisch bei mir. Darum beneiden mich auch immer alle.“
„Machst du eigentlich Sport?“
„Naja da wo ich wohne ist das Freizeitangebot sehr begrenzt, daher trainiere ich wenigstens zweimal die Woche, ich mache Calisthenics, dafür braucht es kein Fitnessstudio.“
„Wunderbar, Calisthenics mache ich auch und dazu noch Kampfsport und Krafttraining. Ich trainiere jeden Morgen vor dem Frühstück, du kannst ja mitmachen wenn du Lust hast. Ich habe ein privates Studio auf meinem Gelände, selbstverständlich mit dem besten Equipment, das man für Geld kaufen kann.“
„Ja, falls wir Texas in einem Stück erreichen.“
„Keine Sorge, ich bin gewappnet und Texas hat die wenigsten Clownangriffe in den USA und in dem Nest wo ich wohne praktisch null Angriffe.“
„Das ist beruhigend. Aber dann bestimmt genauso wenig Freizeitbeschäftigungen wie in Montana?“
„Da ist leider was dran, aber ich hoffe bei mir wird es dir schon nicht langweilig. Wenn das mit den Tieren stimmt hoffe ich, dass du ein paar interessante Gesprächspartner findest. Ich fürchte nur Kasimir ist nicht der hellste und meine Milchkuh Rita auch nicht, ich meine sie ist eine dicke Kuh. Ach ja, ich hoffe du magst frische Kuhmilch.“
„Geht so, wir haben in einer Kleinstadt in einem Einfamilienhaus gewohnt, frische Kuhmilch trinke ich praktisch nie, nur wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern war, die wohnen … wohnten auf einer kleinen Farm.“
„Mh, ich habe eine Maschine zur Haltbarmachung von Milch gebaut, vielleicht macht das die Sache ein bisschen erträglicher für dich.“
Aus den Augenwinkeln bemerkte er einen übergewichtigen Typen um die dreißig mit fettigen schwarzen Haaren, der immer wieder verstohlen zu Amber herübersah.
„Amber?“
„Ja?“
Sie strich sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn und sah ihn mit schiefgelegten Kopf fragend an.
„Wie wäre es damit, dass ich uns noch eine weitere Frühstücksplatte bestelle und du dich in der Zwischenzeit etwas frisch machst, es klebt noch etwas Blut an deiner Stirn.“
„Ok, mache ich, bis gleich.“
Sie stand auf und ging in einem sonderbar geschmeidig katzenhaften Gang in Richtung Sanitäreinrichtungen im Untergeschoss. Der schmierige Typ stand auf und wollte ihr nachgehen, Kaz stellte sich vor ihn. Der Typ war kleiner als er und völlig unsportlich.
„Ey man was soll das? Ich will nur pissen!“
„Genau, ganz zufällig in dem Moment wo ein hübsches Mädchen auf die Toilette geht. Setz dich wieder hin und warte, bis sie wieder zurückkommt oder ich zieh noch ganz andere Seiten auf!“
„Was spielst du dich so auf du Wichser? Nur weil du „berühmt“ bist, wie die Kleine über dich gesprochen hat, gibt dir das noch lange nicht das Recht über andere zu bestimmen. Du Pisser hast sie doch bestimmt nur entführt und willst schlimme Sachen mit ihr machen. Du bist nicht besser als diese Clowns!“
„Gibt’s hier ein Problem?“
Der Trucker war hinzugestoßen, ein Bär von einem Mann, trotz mächtiger Plautze über und über muskelbepackt.
„Der Typ hier lässt mich nicht durch, ich will doch nur in Ruhe pissen?“
„Und das hübsche Mädchen angrabbeln oder heimlich fotografieren oder was? Ich kenn doch so Schmierlappen wie dich. Also zieh Leine. Und du setz dich wieder auf deinen Platz ich will keinen Streit, ich will einfach nur im Warmen sitzen ohne Stress oder eine Schlägerei.“
Der schmierige Typ zog Leine und setzte sich wieder hin und durchbohrte ihn und den Trucker mit stechenden Blicken. Kaz setzte sich auf seinen Platz und bestellte noch einen Kaffee und eine Frühstücksplatte für Amber. Als Amber nach fünfundzwanzig Minuten noch nicht da war und die dampfende Platte einsam und allein vor ihm stand, machte er sich Sorgen. Nach fünfunddreißig Minuten wurde er unruhig. Und schließlich nach fast fünfzig Minuten hatte er das Gefühl, dass sie sich aus dem Staub gemacht haben musste oder an üblen Verstopfungen litt. Etwas missmutig aß er das Frühstück bevor es völlig kalt wurde.
   Nach einer Stunde Stunde tippte ihm jemand auf den Arm und Amber setzte sich mit etwas feuchten Haaren auf ihren Platz und schob ihm einen gelben Plastikchip entgegen, mit dem konnte man an den Duschen bezahlen und ihn dann an einem Automaten auslösen, das machte er oft, wenn er auf Reisen durch die Staaten war. Dafür gab es kostenlose warme kuschlige Handtücher und Premium-Duschgel in einer Wellnessoase im Kleinformat. In größeren Omega Stationen, bekam man oft sogar noch eine Massage, wenn einem danach war.
„Sorry, aber ich musste mal Groß und hatte Verstopfungen – hab ich von meiner Ma geerbt – und da unten gab es Duschen, das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Ich glaube ich hab einfach die Zeit vergessen. Menno, du hast ja schon fast alles aufgegessen! Können wir nochmal bestellen.“
Eine weitere halbe Stunde später hielt sie sich satt und zufrieden ihren vollen Bauch, während Kaz die restlichen Waffeln mit Sahne aufaß. Seine App zeigte ihm an, dass sein Hound fast aufgeladen war.
„Jetzt decken wir uns noch im Laden mit Essen, Wasser und dicken Decken ein und dann geht’s los. Oder fällt dir noch etwas ein?“
Sie zuckte nur mit den Achseln. Also standen sie auf und gingen rüber in den ziemlich großen Laden wo es wirklich alles gab, von Babywindeln, über frische Sandwiches und Wärmflaschen bis zu edler und sündhaft teurer NOX Schokolade. Sie mussten zweimal gehen, weil zwei paar Arme für alles beim ersten Mal nicht ausgereicht hatte.
   Gegen drei Uhr nachmittags hatte er alles bezahlt bezahlt und sie saßen dick eingemummelt im Wagen, in dem es jetzt empfindlich kalt war. Amber war unter all den flauschigen Kuscheldecken, die schon fast in Richtung Kunstfell gingen, gar nicht mehr richtig zu sehen und sie hatte sich zwei elektrische Wärmflaschen und ein paar Handwärmer geschnappt. In der Zwischenzeit hatte Kaz auch schon mal den Polar Schlafsack zu Amber nach hinten gepackt und den elektrischen Reisewasserkocher aus den Tiefen des Kofferraums geborgen. Heute Abend würde es leckere Snacks von NOX geben und er hatte Amber begierige Blicke auf die leckeren Sandwiches aus der Frischetheke des Omega Shops werfen sehen. Das Mädchen hatte hinten jetzt ihren eigenen Snackkorb und eine Thermoskanne Kaffee und ein paar große Flaschen NOX Orangensaft. Er selbst hatte sich vorne etwas bereitgelegt und schaltete das Radio des Widerstands ein, während sich das Mädchen wieder die Ohrstöpsel einsetzte und bei Musik langsam wegdämmerte.
   Doch es ging nicht ganz ohne Verluste. Sein Fahrrad war völlig zerstört gewesen und er hatte es abgeschnallt, ebenso wie den durchlöcherten Reservereifen. Glücklicherweise waren Omega Werkstätten und Tankstellen immer an einem Platz und ein wenig beeindruckter Mechaniker hatte den Wagen durchgecheckt, den Reifendruck geprüft und ein nagelneues Reserverad aufgeschnallt. Kaz schätzte, dass der Typ wohl öfter Omegas in der Werkstatt hatte, die aussahen als hätte sie jemand durch den Krieg gejagt. Die waren eben äußerst beliebt im Widerstand für Hit & Run Taktiken und um die Clown Konvoys aufzubrechen und als Durchbruchs-„Panzer“ bei Angriffen auf Clown Patrouillen. Omega tat den Teufel den Widerstand öffentlich zu unterstützen, aber dennoch tauchten verdächtig viele Omegas unter der Hand in Widerstandskreisen auf und die meisten waren von ganz normalen Every-Day-Autos schlicht nicht zu unterscheiden, abgesehen von Monstern wie den Hounds.
   Das war kein billiger Tag gewesen, aber das war es ihm wert. Amber war ihm mittlerweile durchaus ans Herz gewachsen und er konnte sich nicht mehr so richtig mit dem Gedanken anfreunden, sie fortgehen zu lassen. Er spülte zwei Koffeintabletten mit einem Schluck Wasser herunter und sie fuhren los.
   Gegen zehn Uhr abends blieb er auf einer verlassenen Nebenstraße in einem Wald stehen und machte die Lichter aus. Amber sah von ihrem Prism auf und musterte ihn fragend.
„Wir machen erstmal Pause, denn ich bin jetzt seit zwei Tagen ohne Schlaf! Ich denke, das wird jetzt erstmal Tetris spielen, den Schlafsack auspacken und alles vorbereiten, ich glaube du bist klein genug um dich auf der Breite des Wagens lang zu strecken, Omegas sind glücklicherweise wörtlich breit gebaut. Du bekommst noch ein Kissen von mir, dann ist es bequemer.“
Gesagt getan, zehn Minuten später saß Amber dick eingemummelt in den Schlafsack gekuschelt und sah ihm dabei zu wie er heißes Wasser vom Wasserkocher in den Beutel mit gefriergetrockneter NOX Fertignahrung goss und ihr dann reichte. Dann goss er etwas in seinen Beutel und rührte den Inhalt um, es gab einen leckeren Eintopf mit Nudeln und Fleisch. Amber schien es zu schmecken und nachdem sie den Inhalt des Beutels verputzt hatte machte sie sich über ein paar Schokoriegel her. Dann machten sie es sich bequem. Amber streckte sich auf der Rückbank aus und kurze Zeit später hörte er ihre gleichmäßigen ruhigen Atemzüge. Zufrieden lächelnd warf er sich die dicke Wolldecke über und schlief langsam ein.

*

Er bemerkte, dass ihm jemand hektisch auf die Schulter klopfte, sofort erwachte er aus seinem leichten Schlaf und war hellwach.
„Amber?“
Er hörte sie hektisch atmen.
„Scheiße, ich hab was gehört, einen unheimlichen Schrei oder so!“
„Sei mal kurz ruhig.“
Er fuhr das Fenster einen Spalt breit nach unten und horchte in die Nacht während Amber auf der Rückbank die Luft anhielt. Erst hörte er nichts, dann hörte er einen schrecklichen markerschütternden verzerrten Schrei und das Knacken und Brechen von Ästen. Ihm war als sähe er aus den Augenwinkeln wie sich etwas Großes durch den Wald auf sie zu bewegte, trotz der Größe nahezu agil und geschmeidig. Doch unverkennbar so voller Wut, dass es diesem Ding egal war ob es gehört wurde oder nicht. Sofort startete er den Wagen und trat auf Gas. Auf dem matschigen Feldweg drehten die Reifen durch und sie verloren wertvolle Sekunden. Da warf sich etwas hinten gegen den Wagen und sie wurden ordentlich durchgeschüttelt.
   Da! Die Reifen bekamen Halt und sie sausten nach vorne, die leistungsstarken Scheinwerfer durchstachen die feindselige und, bis auf dieses Ding, totenstille Nacht und er fuhr den unebenen Weg in gefährlich schnellem Tempo entlang. Hinter sich hörte er diese Schreie und das Beben von mächtigen Füßen auf den Boden. Dann hatten sie dieses Ding abgehängt und donnerten durch den Wald. Amber rappelte sich immer noch in den Schlafsack gewickelt auf und schnallte sich an. Sie rasten über die holprige Piste, bis sie nach einigen Minuten die geteerte Straße erreichten und er vollends Gas gab. Langsam beruhigten sie sich beide wieder.
„Verdammt was war das denn, ein Monster?“
„Den Schreien nach war es eine trächtige Gesichtslose, eine der größeren Arten, womöglich sogar eine Tochter des ersten Gesichts. Gerade in der Schwangerschaft übermäßig defensiv und verteidigen ihr Revier höchst aggressiv. Scheint, als wären wir in ihr Gebiet eingedrungen. Ich hätte nicht gedacht, dass wir in dieser abgelegenen Gegend auf eine stoßen, normalerweise siedeln Gesichtslose viel weiter nördlich an der Grenze zu Kanada. Wenn du in Montana aufgewachsen bist, müsstest du ihre Rufe in der Winternacht eigentlich kennen, auch wenn sie normalerweise eher scheu sind.“
„Verdammt und wie soll ich nach sowas noch ruhig schlafen? Wehe du machst nochmal in einem scheiß Wald nachts Rast!“
„Nein, weiter südlich sind Gesichtslose in der Regel nicht zu finden, dann treffen wir höchstens auf Wendigos, aber im Hound sind wir nachts vor ihnen sicher und selbst wenn führe ich immer ein paar Magazine Brandmunition und Brandgranaten im Auto mit, das wirkt Wunder bei diesen abgemagerten Viechern. Aber zu deiner Beruhigung, wir erreichen langsam dichter besiedeltes Gebiet, wo sich Monster rarer machen.“
Wenig überzeugt drehte sich Amber weg und sah schweigend in die Nacht hinaus.
   Im Morgengrauen erreichten sie eine Kleinstadt und er hielt am Rand einer Wohnsiedlung an und parkte ein, aber so, dass er sofort losfahren konnte, wenn sich etwas regte.
   Vereinzelte Passanten blieben ab und an neugierig stehen und fotografierten den Hound, dessen Lack an zahllosen Stellen von einschlagenden Kugeln abgeplatzt war, aber dank der getönten Scheiben waren sie vor allzu neugierigen Blicken sicher. Zur Sicherheit ließ er dennoch den Kanal zu Hal offen. Amber hinten sah sich unruhig um bevor sie sich wieder abschnallte und im Schlafsack ausgestreckt auf der Rückbank einschlief. Bei ihm dauerte es etwas länger aber irgendwann döste auch er wieder ein.

*

Wieder wurde er unsanft geweckt, ein energisches Klopfen an der Scheibe. Er regte sich langsam und rieb sich die müden Augen. Scheiße, ein Cop stand neben seinem Wagen und bedeutete ihm die Scheibe herunterzufahren. Er griff in den Fußraum des Fahrersitzes und entsicherte seine Schallgedämpfte Beretta 92, früher die offizielle Service Waffe der US Armee unter der M9 Designation. Eine verlässliche, wenn auch recht schwere 9mm Pistole mit großem Magazin. Ohne dass der Cop es mitbekam entsicherte er die Waffe und zog den Schlitten zurück, sicher war sicher. Dann warf er einen unauffälligen Blick in den Rückspiegel um sich zu vergewissern, dass Amber noch schlief. Na das würde ja was werden. Er fuhr die Scheibe herunter und setzte eine betont freundliche Miene auf, auch wenn er nicht mit der Wimper zucken würde, dem Bastard auch nur bei der kleinsten Bewegung den korrupten Schädel wegzublasen.
„Ja Officer, was gibt es?“
Der unrasierte Mittdreißiger mit dunklen Haaren musterte ihn misstrauisch. Ein typischer Provinz-Cop, vermutlich passierte hier draußen nicht viel, außer dem Einsammeln von entlaufenden Katzen.
„Was treiben Sie hier in dieser Gegend?“
Grunzte der Mann unhöflich. Die Stimme war schroff und abweisend. So als ob er es als unter seiner Würde betrachtete, sich mit einem Durchreisenden wie Kaz beschäftigen zu müssen.
„Ich mache ein Nickerchen, ich bin gerade auf dem Weg nach Hause, ist das denn verboten?“
Spöttelte Kaz und verzog keine Miene. Der Cop verzog das Gesicht hingegen unmerklich in einer Grimasse der Verärgerung.
„So und wo wohnen sie?“
Er klang nicht, als ob ihn die Antwort überhaupt auch nur im Ansatz interessierte.
„Texas“
Gab Kaz knapp zurück.
„Wir sind ziemlich weit von Texas entfernt. Und da parken Sie hier einfach so und schlafen eine Runde. Was Besseres ist dir kleinem Scheißkerl nicht eingefallen? Was ist mit dem Wagen passiert?“
„Das ist ein Omega und ich hab getestet, ob die wirklich so kugelsicher sind, wie man immer in den Werbespots sieht.“
Die Lüge fiel ihm spontan ein.
„ … kommt aus Texas …“
Murmelte der Cop kaum hörbar und verdrehte flüchtig die Augen.
„Fahren sie allein?“
Gerade jetzt im ungünstigsten Moment stöhnte Amber im Schlaf, bei den Strapazen der letzten Tage wohl ein übler Alptraum – verdenken konnte er es ihr wirklich nicht. Der Cop bekam das mit und seine rechte Hand zuckte zu seiner Waffe, ein .38er Revolver – Oldschool.
„Wer ist da noch  im Wagen?“
Fuck.
„Ähm, meine Tochter, wir kommen gerade von einem Ausflug zurück.“
„Führerschein und Fahrzeugpapiere, aber zackig.“
Brummelnd kam er der Aufforderung nach und reichte die Papiere dem Cop.
„So ne richtige Berühmtheit also, auf der Station schwören einige auf den hanebüchenen Mist, den sie in ihren obskuren Büchern verzapfen. Da gibt es nur ein Problem: sie haben keine Tochter! Aussteigen!“
Grimmig malte Kaz mit den Zähnen.
„Officer, haben sie Frau und Kinder?“
Der Cop hob eine Braue und sah ihn argwöhnisch an. Die Frage schien ihn aus dem Konzept gebracht zu haben.
„Ich hab eine Frau und eine kleine Tochter.“
„Würden sie alles für ihre Tochter machen?“
„Natürlich, was soll die blöde Frage?“
„Was würden sie machen, wenn sie jemanden begegnen, der ein Mädchen ohne Familie um jeden Preis beschützen würde, selbst wenn er dafür einen Mann töten müsste?“
Der Cop starrte ihn einen Moment verblüfft an.
„Sir, verlassen sie unverzüglich den Wagen und stellen Sie sich breitbeinig mit erhobenen Händen neben Ihren Wagen! Das wird mir langsam zu bunt, Sie durchgeknalltes Schwein.“
Kaz dachte einen Moment an seinen Stand in der Gesellschaft. Als exzentrischer Bastler mit genug Kleingeld um lästige Cops zu schmieren, war ihm sein Ansehen außerhalb Texas reichlich unwichtig.
„Sind sie einer von den dreckigen Cops, die die Clowns unterstützen?“
„Hey Mann, ich mache hier nur meinen Job. Rauskommen, wird’s bald?“
Ach scheiß drauf. Kaz legte den Rückwärtsgang ein und schoss aus der Parklücke. Der Cop rannte zu seinem Wagen zurück. Die Tachonadel nahe der 120 km/h Marke donnerte er durch die Stadt und wich geschickt den anderen Verkehrsteilnehmern und Passanten aus. In einiger Entfernung hinter sich sah er wie der Cop von eben die Verfolgung aufnahm. Amber hinten war aufgewacht und starrte ihn angstvoll mit weit aufgerissenen Augen an.
„Hey, was soll das?“
„Wenn du im Schlaf nicht demonstrativ laut gestöhnt hättest wären wir jetzt nicht in dem Schlamassel!“
Sie sah nach hinten und erkannte die Lichter des Streifenwagens.
„Du Idiot legst dich mit den Cops an? Und warum bin ich an dem Mist Schuld?“
„Tja was soll man machen. Hätte ich mich verhaften lassen und warten sollen bis irgendein Sympathisant der Clowns vorbeikommt und dich abknallt? Inzwischen ist ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt, tot oder lebendig. Das bringt so manch beschränkte Existenz mit einer Kanone unter dem Kopfkissen auf dumme Gedanken. Von den geschminkten Wichsern gar nicht zu sprechen. Wenn dieser Provinz-Affe mich mit dem Zwischenfall in Montana in Zusammenhang bringt haben wir Ruck-Zuck diese Bastarde am Hacken. In diesen Breiten haben sich die Clowns gut eingenistet und alle Naselang einen Außenposten errichtet. Jede Minute, die wir länger in diesem Kaff verweilen, verringert unseren Vorsprung und bevor du dich versiehst bist du eingekreist. Und diese Terroristen fackeln nicht lange damit, ihre Beute abzuknallen.“
Er öffnete den Kanal zu Hal.
„Hal. Sorg dafür, dass wir diesen Mistkerl hinter uns loswerden.“
„Aye aye Sir. Der Streifenwagen hinter Ihnen dürfte nun wichtigeres zu tun haben.“
Er sah in den Rückspiegel, der Streifenwagen schlingerte plötzlich heftig, verlor die Kontrolle und krachte mit Vollgas in eine Kolonne parkender Autos.
„Ich liebe voll computergestützte Autos.“
Kam es vergnüglich von Hal und ungestraft donnerten sie davon in Richtung Texas.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: