Der Katastrophenzyklus – 2-3 – Einsicht (13 Seiten)

Lucy machte plötzlich ein Gesicht, als hätte ihr Gehirn einen kritischen Error ausgespuckt. Joschis Frau stand mit legerer Kleidung und einer noch etwas feuchten dicken pechschwarzen Mähne, die ihr bis zum Po reichte, im Türrahmen und näherte sich neugierig Lucy. Die saß verdattert auf ihrem Stuhl und starrte die Frau an. Unter dem Tisch griff Joschi in die Hosentasche und schob sich den Ehering, den er zuvor aus dem Safe genommen hatte, auf den Ringfinger. Dann stand sie direkt hinter Lucy und umarmte sie liebevoll.
„Was wird hier gespielt?“
Gianna war nicht weniger verwirrt als Lucy.
„Ich erkläre es dir gleich, hab etwas Geduld.“
Seine Ehefrau, Gattin durfte man ja leider nicht mehr sagen was ihn nicht davon abhielt sie damit zu ärgern, löste sich wieder von Lucy und schob sich neben ihn auf die Bank.
„Du bist groß geworden, Amber.“
Lucy machte ein Gesicht als würde sie gleich heulen.
„Ich heiß nicht Amber! Mein Name ist Lucy, keiner darf mich bei meinem Vornamen nennen!“
Seine Frau machte ein trauriges Gesicht.
„Das ist aber unfair, schließlich hab ich dir diesen tollen Namen gegeben.“
Sowohl Gianna als auch Lucy starrten sie verdattert an. In Giannas Kopf machte es zuerst Klick und ihre Wangen verfärbten sich rot vor unterdrückter Wut.
„Du Mistkerl hast gestern auf die Tränendrüse gedrückt und mir vorgeheult, Lucys Mutter Meggie wäre kurz nach Lucys Geburt gestorben und tada, jetzt sitzt sie da putzmunter neben dir!“
Fauchte Gianna beleidigt. Lucy sah nur völlig verwirrt aus, dann brach sie in Tränen aus.
„Aber Mama hat uns doch verlassen. Du hast immer gesagt, Mama hätte uns einfach verlassen!“
Magdalena, kurz Meggie, wirkte geknickt.
„Ich musste euch verlassen, sonst wären du und dein Papa in großer Gefahr gewesen. Ich musste erst dafür sorgen, dass mir niemand mehr etwas Böses will.“
„Warum wollte dir jemand etwas Böses?“
Lucy klang plötzlich vage interessiert.
„Ich bin Reporterin und Ex-Spionin, ich decke böse Machenschaften auf und ein paar böse Leute, hatten das damals mitbekommen und wollten mich daran hindern. Sie wollten mich aus dem Weg räumen, aber mit Hilfe deines Papas und ein paar guten Freunden konnte ich meinen Tod vortäuschen und aus dem Verborgenen weitermachen. Aber keine Sorge, die Bösen sitzen jetzt für eine sehr, sehr lange Zeit im Gefängnis und ich konnte endlich zu euch zurückkehren. Jetzt sind wir wieder eine richtige Familie.“
Lucy musterte sie nachdenklich, dann ging sie wieder sofort in den Trotzmodus.
„Aber ich kenn dich gar nicht und irgendwie mag ich dich auch überhaupt nicht! Ich mag Frau Hofgärtner ganz dolle, ich will, dass sie meine Mama wird, nicht du! Du warst doch die ganze Zeit nicht da, dann kannst du doch auch wieder weggehen! Papa, ich will sie nicht! Mach, dass sie wieder weggeht! Ich will sie nicht als Mutter!“
Lucy war vor Zorn rot angelaufen. Joschi wechselte einen besorgten Blick mit Meggie, die ganz erschrocken guckte und deren Augen sich schnell mit Tränen füllten. So war das aber auch nicht geplant. Er legte den Arm um Meggies Schulter.
„Lucy, sie ist meine Ehefrau, ich werde sie ganz sicher nicht wegschicken. Sie wird jetzt wieder bei uns wohnen. Und du hast in dieser Entscheidung keine Stimme! Warts ab, sie ist eine richtig gute Mutter und du wirst sie sofort mögen.“
„Ich will sie aber nicht! Ich hasse dich! Ich hasse die da auch! Du machst mir immer alles kaputt!“
Schrie seine Tochter ihn an, dann griff sie nach dem vollen Kaffee-Becher vor ihr auf dem Tisch und pfefferte ihn an die Wand, wo er mit einem Knall zersprang und überall heißen Kaffee verspritzte. Sie sprang auf, bevor er etwas sagen konnte und rannte aus der Küche, kurz darauf knallte ihre Zimmertür. Es herrschte Stille in der Küche.
Meggie reagierte zuerst und wischte sich schniefend die Tränen weg.
„Ich mach das weg.“
Sie deutete auf die Scherben und die braune Pfütze.
„Nein, bleib sitzen und stärk dich. Du weißt noch nicht wo die Putzsachen sind, es wird schneller gehen wenn ich das mache.“
„Ok.“
Gab sie kraftlos zurück, dann ließ ihn vorbei und griff sich dann ein frisches Brötchen, an den geschnittenen Kuchen traute sie sich nicht heran. Joschi entsorgte die Scherben, schrubbte den Kaffeefleck von der weißen Wand und wischte die Pfütze auf. Die Wand brauchte eh einen frischen Anstrich, fürchtete er resignierend, es war nicht der erste Becher gewesen, der daran im Trotz geworfen zerschellte. Zum Glück kaufte er für seine Tochter nur generische Becher, seine Lieblingsbecher waren vor ihr sicher. Dann griff er sich zwei Äpfel aus der Obstschale und ein kleines Messer und setzte sich zu seiner Frau auf die Bank, die auf einem Marmeladenbrötchen kaute und wie immer schwarzen Kaffee ohne Milch und Zucker trank. Sie lehnte sich an ihn, als er sich neben sie setzte.
„Das ist übrigens Gianna, meine kleine Schwester, ich hab dir ja ein bisschen was über sie erzählt.“
„Hoffentlich nur Gutes?“
„Du kennst mich doch.“
Er zwinkerte seiner Schwester zu, die die Mundwinkel verkniff.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt.“
Meggie stieß einen russischen Fluch aus und schniefte erneut.
„Sie wird sich schon wieder beruhigen, ich glaube sie steht ein bisschen unter Schock.“
„Und wer ist diese Frau Hofgärtner?“
„Das ist Lucys Lieblingslehrerin aus der Schule, sie unterrichtet Physik und Schauspielerei. Lucy hat letzte Woche ein Date mit ihr für mich eingefädelt. Hat mich mit einem tollen Frühstück überrascht und verkündet, dass sie eine Mama haben will und zwar Frau Hofgärtner.“
„Ich hoffe ihr hattet keinen Sex, dann wäre ich ernsthaft beleidigt.“
„Wir haben uns nur ein bisschen geküsst, keine Sorge.“
„Na das geht ja noch. Küssen zählt für mich noch nicht als Fremdgehen. Außerdem stehe ich mit der Sache von damals noch tief in deiner Schuld, da wäre ein sexueller Patzer schon irgendwie durchgegangen.“
Als Reaktion küsste sie ihn kurz auf den Mund. Joschi schälte sich die beiden Äpfel und griff nach deren Verzehr nach einer Quarktasche.
„Wie habt ihr euch beiden denn nur in echt kennengelernt? Wie kommen ein Buchhalter und eine Reporterin und, habe ich das richtig mitbekommen, Ex-Spionin zusammen?“
„Erinnerst du dich an den Krieg in Osteuropa vor rund zwei Jahrzehnten?“
Gianna nickte.
„Stimmt ich hab hundertfünfzig Dollar gespendet und hab mich schlecht gefühlt, dass ich nicht mehr geben konnte.“
„Das war auch die Zeit wo ich arbeitslos war, auf Kurswechsel von gescheiteter IT- Laufbahn hin zur Buchhaltung. Mathe war schon immer mein bestes Fach, aber ich finde Programmieren doof und mag das einfach nicht, ist nur schlecht wenn man Informatik studiert hat und dann in einer Software-Klitsche arbeitet. Jedenfalls hatte ich als arbeitsloser Tropf jede Menge Zeit zum Totschlagen und habe mich als Flüchtlingshelfer engagiert. Aus der Zeit habe ich noch ein paar gute ukrainische Freunde, einer ist sogar Lucys Patenonkel, damals noch ein fünfzehnjähriger Dreikäsehoch dem ich ein paar alte Transformers Spielfiguren und meinen alten Laptop mit haufenweise Spielen geschenkt habe. Jedenfalls war ich da an diesem einen Tag an einer überlaufenden Ankunftsstelle in Berlin und ich hab eine Frau in Tarnklamotten und Rucksack bemerkt, die die ganze Zeit nur Fotos der Flüchtenden gemacht hat. Ich hab sie angeblafft, dass sie sich verziehen soll, wenn sie nicht helfen will und war so aufgeladen, dass ich ihr gerne eine gescheuert hätte. Sie meinte verbissen auf English, dass sie nur hilft, wenn ihr keiner ihre Sachen klaut. Also hab ich ihr angeboten ihre Sachen in meinem damals frisch angeschafften Opel Mokka einzuschließen und darauf hat sie sich eingelassen und anschließend mitgeholfen. Sie hat sich mir als Meggie vorgestellt, gebürtige Russin und ausgewanderte Reporterin, nachdem dieses hirnrissige Mediengesetzt in Russland erlassen wurde, das jegliche kritische Berichtserstattung zum Krieg praktisch im Kern erstickt hatte. Das mit dem Helfen hat auch gut funktioniert, weil sie recht gut Ukrainisch, aber eben auch fließend English konnte. Irgendwann gegen zehn Uhr abends, als wir ziemlich schlapp waren, habe ich sie zu mir nach Hause eingeladen. Ich hab dir gestern verschwiegen, dass ich damals schon aus meiner winzigen Zweck-WG in eine passable, wenngleich hoffnungsvoll vollgestopfte Zwei-Raum-Wohnung gezogen bin. Wir haben uns an dem Imbiss um die Ecke etwas zu Essen geholt und sie hat zugelangt, als wäre sie am Verhungern. Sie hat etwas schüchtern gefragt, ob sie übernachten könne, sie sei auch erst heute in Deutschland angekommen und sozusagen Flüchtling, wenn auch als Russin ein ungeliebter Flüchtling und von den meisten schief angeguckt. Als hoffnungslos naiver Trottel konnte ich einer durchaus hübschen Russin natürlich nicht absagen und ich hab ihr angeboten fürs erste bei mir unterzukommen. Sie hat angefangen zu heulen vor Dankbarkeit und hat mir einen schnellen Kuss auf die Wange gedrückt, daraufhin bin ich knallrot angelaufen wie eine Tomate, das war nämlich mein erster Kuss.“
Er hielt inne und lachte kurz verlegen auf.
„Entschuldigung. Als ich ihr mein Stofftier-infiziertes Bett angeboten und mich daran gemacht habe eine Isomatte für mich auszurollen weil ich kein Schlaf-Sofa hatte, hat sie mich mit großen Augen entsetzt gefragt ob sie stinkt. Sie hat mich eine gute Viertelstunde lang ermuntert, neben ihr zu schlafen. Hab ich auch irgendwann gemacht und war schrecklich nervös, weil sie meine erste Frau im Bett war … ähm Sex hatten wir nicht, jedenfalls nicht in der ersten Nacht. Egal, jedenfalls war sie eine Russin und wurde von allen schief angeguckt, weil dieser russische Irre den Krieg angezettelt hat. An dem Abend ist sie sofort vor Erschöpfung in meinen Armen eingeschlafen.“
Er warf einen Seitenblick zu seiner Frau.
„Ein bisschen gemüffelt hatte sie schon, zumindest hat sie am nächsten Tag sofort geduscht … eine halbe Stunde lang. Und dann hat sich das so ergeben, dass sie bei mir wohnt. Anfangs hat sie zaghaft gefragt ob sie fürs erste bei mir unterkommen könnte oder sich was Neues suchen muss, ich hab ihr weiter angeboten, bei mir zu wohnen. Ich hab ihr beim Papierkram geholfen und sie dabei unterstützt die nötigen Genehmigungen eingeholt, damit sie in Deutschland bleiben und arbeiten durfte. Und über die Zeit haben wir uns kennen und lieben gelernt. Natürlich hatte jeder von uns seine kleinen und großen Macken, aber das gleicht sich aus. Unsere gemeinsame Sprache war Englisch und neben den Sprachkursen, die sie besucht hat, habe ich ihr abends noch ein bisschen Deutsch beigebracht und sie mir Russisch und ukrainisch. Das russische hab ich nie gebraucht, da es mich nach dem Krieg nie gereizt hat, in dieses nicht nur moralisch bankrotte Land einzureisen und mir diese Heuchler anzusehen oder gar Geld dort auszugeben. In der Ukraine war ich hingehen oft. Nach dem Wiederaufbau sind viele meiner ukrainischen Freunde zurück in die Heimat gezogen und ich hab sie regelmäßig besucht. Sehr schönes und mittlerweile starkes und wohlhabendes Land, ich bin gern dort und mein Ukrainisch ist erträglich. Jedenfalls haben wir uns richtig gut verstanden und nach zweieinhalb Jahren Beziehung haben wir still und heimlich geheiratet, in erster Linie wollte sie ihren russischen Nachnamen loswerden und ich konnte es ihr nicht verübeln. Ein gutes Jahr später ist sie schwanger geworden, mit einem Mädchen, das wir damals Amber nennen wollten. Und dann hat ihre Vergangenheit sie eingeholt. Irgendein angeheuerter russischer Gauner hat sie mit einem Messer attackiert, als sie alleine unterwegs war. Dabei ging ein Stich direkt in ihren Bauch und ein anderer Hieb ging durch ihr Gesicht und hätte fast ihr Auge erwischt. Sie konnte sich aber erfolgreich wehren, immerhin ist sie tough, und fliehen und hat mich im Krankenhaus sofort angerufen. Der Säugling war leicht verletzt worden und wurde sofort per Kaiserschnitt herausgeholt. Amber war schwach, aber tapfer und wir haben ihr den Zweitnamen Lucy gegeben, ohne zu wissen dass sie ihren Erstnamen verabscheuen würde. Der Chefarzt der Klinik ist ein enger Freund von mir und wir haben arrangiert, dass Meggie ihren Tod vortäuscht und verschwinden kann. Meggie hat eine halbe Stunde in meinen Armen gelegen und geweint, dann ist sie schweren Herzens in der Nacht verschwunden. Über die Jahre hat sie mir immer wieder Briefe und etwas Geld für Lucy zugeschickt, aber heute ist der erste Tag an dem ich sie wiedersehe, nach sechzehn langen Jahren.“
Gianna wischte sich mit einer Stoffserviette die Tränen weg und räusperte sich.
„Eine schöne Geschichte, mein lieber großer Bruder.“
„Eine kitschige Geschichte mit Happy End, minus die bockige Tochter, die alles zunichtemacht.“
„Könntest du einmal aufhören auf ihr herumzuhacken? Sie ist bestimmt am Boden zerstört und heult sich die Augen aus, weil du ihren Plan durchkreuzt hast.“
Er zog eine Grimasse.
„Aber ich hab jetzt Frau Hofgärtner nicht unbedingt als Ehefrauen-Material gesehen, eher so als weiblichen Buddy zum Abhängen.“
„Sei doch nicht so abfällig. Sie hat sich bestimmt auf das Date mit dir gefreut, immerhin hat sie dir eine Probierkiste Craft Beer mitgebracht und sich ganz schick gemacht.“
„Du warst doch gar nicht dabei, sie war anfangs stumm wie ein Fisch.“
„Sagt der richtige. Es gibt ganze Tage, an denen du nicht ein einziges Wort von dir gibst.“
„Gianna, du hast mich sechsundzwanzig Jahre nicht gesehen, das stimmt überhaupt nicht!“
„Ach ja?“
Fragte sie bissig.
„Ja, ich …“
Er biss sich auf die Lippen.
„Ja?“
„Ähm“
„Ich höre!“
„Ich hab angefangen mit mir selbst zu reden, wenn ich einsam bin.“
Seine Schwester musterte ihn mit einem schwer interpretierbaren Blick.
„Hm, so richtig psycho warst du ja schon immer ein bisschen. Nur einfach so in den Raum reden oder auch Gespräche mit dir selbst.“
„Gespräche nur mit Stofftieren.“
„Das wird ja immer besser. Au man großer Bruder.“
Mit der linken stöberte er in dem Berg Stofftiere und griff sich einen genervt aussehenden Drachen.
„Hör auf deinen Bruder so zur Schnecke zu machen.“
Sprach er anstelle des Drachen mit verstellter Stimme und fuchtelte mit einer Tatze bedrohlich in Giannas Richtung. Das hat zur Folge, dass seine Schwester laut losprustete. Meggie musterte sie fragend, immerhin war seine Frau seine Kunststückchen mit diversen Stofftieren zu ihrem Leidwesen gewohnt. Sie zuckte mit den schmalen Schultern, stöberte im Gebäck-Korb und griff sich dann ein Marzipan-Croissant.
„Soll ich Bacon braten? Wenigstens eine Frau am Tisch könnte etwas hoffnungslos Fettiges vertragen.“
Meggie warf ihm einen etwas giftigen Blick zu, während sie auf dem Croissant herumkaute.
„Was denn, du siehst etwas dünn aus, werte Gattin.“
Meggie schluckte den Bissen herunter.
„Erstens nenn mich nicht so, du weißt schon „Der Gatte begattet die Gattin“ ist uncool heutzutage und zweitens bin ich die letzten sechzehn Jahren immer auf Trab gewesen und hatte oft nicht den Luxus von regelmäßigen Mahlzeiten. Hör auf, auf mir rumzuhacken, weil ich zu dünn bin, ich bin nicht doof.“
„Nur dünn wie ein Skelett.“
Kommentierte der Drache.
„Das stimmt doch gar nicht, du Blödmann. Ich bin schlank, nicht abgemagert!“
„Komm ich mach Bacon. Für morgen hab ich einen Tisch beim Inder reserviert, dann isst du mageres Ding gefälligst, bist du platzt, ich trag dich auch nach Hause, wenn’s sein muss, du siehst nicht aus, als würdest du mehr wiegen als zwei Kästen Bier.“
„Du Arsch, wie habe ich dich nur vermisst.“
Kommentierte seine Frau sarkastisch und pellte sich ein Frühstücksei. Auf dem freien Stuhl ließ sich Lucifer von Gianna mit Räucherlachs füttern.
„Kotzt Lucifer eigentlich?“
„Nicht so oft, wie der Kater unserer Eltern. Pino der zweite hat einen äußert nervösen Magen. Außerdem haben wir Parkett, da lässt sich Katzenkotze leichter abkratzen als von Teppich.“
„Musst du von Kotze sprechen, wenn ich esse?“
Fragte Meggie säuerlich.
„Ja. Soll ich mit Kinderkotze weitermachen? Da kann ich dir tolle Geschichten erzählen.“
Meggie würgte und spülte mit Kaffee.
„Bloß nicht.“
„Warum nicht, du hast tolle Sachen verpasst.“
„Bitte!“
Kam es gequält von ihr.
„Nur wenn du mich vorbeilässt, ich könnte ein bisschen Speck vertragen.“
Meggie kniff ihn in den Bauch.
„Wenn du Fettqualle von mir verlangst, dass ich zunehme, dann nimm gefälligst ab Major Speckbär!“
Giftete sie und rückte raus um ihm Platz zu machen. Grinsend holte er eine Papiertüte mit geschnittenem Bacon vom Metzger aus dem Kühlschrank und stellte eine große Pfanne auf den Herd.
Eine Viertelstunde später stellte er einen Riesenberg Bacon auf den Tisch und setzte sich wieder hin.
Seine Frau langte ordentlich zu und er betrachtete die Torte.
„So, wer will ein Stück Torte?“
Seine Schwester verzog das Gesicht.
„Erstens ist das unfair ohne das Geburtstagskind die Torte zu servieren und zweitens habe ich gerade einen Haufen Bacon im Magen, das passt stilistisch nicht so gut.“
„Wie du meinst.“
Er tat sich ein großes Stück Torte auf.
„He!“
„Was, das bockige Biest siehts doch eh nicht, ich stand gestern dafür stundenlang in der Küche, ich esse jetzt Torte. Es gibt übrigens noch drei Sorten Muffins und altes Weihnachtsgebäck.“
„Dann frag deine Tochter gefälligst, ob sie auch Torte haben will. Sie ist jetzt bestimmt ganz traurig und weint. Du bist ihr Papa und heute ist ihr Geburtstag, kümmere dich doch um deine Tochter.“
„Jawohl Sir.“
Er stand auf und im Vorbeigehen knuffte ihn seine Schwester. Bevor sie mir den heißen Kakao ins Gesicht schüttet, klopfe ich erstmal um zu sehen wie sie drauf ist, dachte er sich. Einen Moment später klopfte er entschieden an Lucys Zimmertür und wartete auf ihre Reaktionen. Die kam nicht und er legte ein Ohr an die Tür, Ihr Fernseher lief. Er klopfte nochmal, dann betrat er Lucys Zimmer, die Schlösser hatte er schon vor Urzeiten ausgebaut. Lucy lag einwickelt in eine flauschige Decke im Bett und weinte bei eingeschaltetem Fernseher. Sie bemerkte ihn erst, als er neben ihr stand.
„Lass mich in Ruhe, du Blödmann.“
Er setzte sich neben sie aufs Bett und strich ihr sanft über den Rücken.
„Ich hab dich lieb, weißt du das?“
„Mir egal, du bist doof, du hast alles verdorben!“
„Lucy, ich war schon mit Meggie verheiratet, da warst du noch gar nicht geboren!“
„Ja und, sie ist trotzdem eine doofe Kuh.“
„Du kennst sie doch gar nicht.“
„Trotzdem.“
Erwiderte sie kraftlos und schniefte. Er wagte sich vor.
„Darf ich dir ein Stück Torte und einen Kakao bringen, dann hast du Freizeit bis zur Bescherung und musst nicht beim Abendessen helfen. Abgemacht?“
„Ok.“
Kam es traurig hervor und Amber drehte sich auf die andere Seite. Sie klang ehrlich geknickt und das tat ihm so leid, er wusste noch wie euphorisch sie nach seinem Date mit ihrer Lehrerin war. So wie sie drauf war, schien sie sich echt darüber gefreut zu haben, ihre Lieblingslehrerin als Stiefmutter zu bekommen. Er schluckte, bei Frau Hofgärtner würde er sich auch noch in aller Form entschuldigen müssen. Er würde sie mit der Wahrheit tief verletzen und kränken, das wusste er jetzt schon. Er blieb noch eine Weile neben Lucy sitzen, dann raffte er sich auf und ging in die Küche. Ein Tablet mit dem größten Stück Torte, drei Muffins und ihrem Lieblingsbecher fast randvoll mit ihrer Liebling Zotter Kakao Sorte. Er stellte das Tablet auf Lucys Nachttisch.
„Sollen wir dich zu halb sechs rufen?“
„Mir egal.“
Kam es traurig und vernuschelt unter dem Deckenknäul hervor.
„Denk dran Mausbär, Kakao wird schnell kalt und aufgewärmt schmeckt er nicht so gut. Hab dich lieb. Wir haben dich lieb, wir alle.“
Die Antwort war ein Brummen. Er seufzte und ging zurück in die Küche. Meggie schob sich gerade eine Gabel Torte in den Mund und verzog die Lippen zu einem Grinsen.
„Ich habe deine Tortenkünste echt vermisst, werter Herr Gatte. Komm, ich hab dir Kaffee nachgeschenkt und auf dieser Bank ist es einfach so bequem.“
„Warum darfst du mich Gatte nennen, ich dich aber nicht Gattin?“
Sie schmunzelte.
„Darfst du schon, nur möchte ich dann, dass wir auch regelmäßig in die Kiste hüpfen, ich hab das so mit dir vermisst. Ich muss mich nur vorher rasieren, sonst ist es mir peinlich.“
„Das lässt sich einrichten, Nassrasur oder Wachsen? Ich hab beides auf Vorrat.“
„Das ist ja cool, ähm wachsen ist etwas dauerhafter, wenn auch schmerzhafter.“
„Du bist doch ein toughe Russin, die Ausrede zählt nicht.“
„Das ist gemein, außerdem bin ich jetzt ein ganz zahmes Häschen.“
„Außer im Bett.“
„Ey!“
Sie knuffte ihn in die Seite.
„Aber im Ernst, nach dem jahrelangen Stress will ich nur den ruhigen Alltag einer Stay-at-Home Mutti, die nebenbei eben ein bisschen bloggt.“
Sie schien etwas zu zögern.
„Schneidest du mir die Haare? Nur lang finde ich doof und die reichen mir ja bis zum Po.“
Er musterte sie von der Seite und schob sich nachdenklich ein Stück köstlicher Torte in den Mund.
„Sicher, was darf’s denn sein.“
Sie strahlte.
„Ich möchte einen langen Bob in dunkelrot und darunter einen Undercut. Geht das?“
Er hörte einen Moment auf zu kauen und sah sie an, sie erwiderte seinen Blick mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck.
„Das ist machbar. Ich dachte schon du willst es richtig kurz. Man könnte aus deinen langen Haaren eine Perücke knüpfen, die sind ja schön dick.“
„Ok, kann einen Pixie mit Undercut. Und eine schöne Perücke.“
„Machbar. Auch Rot?“
„Ne, Blond.“
Sie streckte ihm die Zunge raus. Gianna von der anderen Seite des Tisches wirkte ich interessiert.
„Hab ich was verpasst, seit wann kannst du Haareschneiden?“
„Naja, ich hab mal mehr aus Spaß professionelles Equipment gekauft und mir dann Berge an Tutorials angesehen und meine Tochter war das Versuchskaninchen. Bis vor zwei Jahren hatte sie immer relativ kurze Haare und sie war immer stolz, dass ihr Papa das konnte. Das hat bei den Müttern ihrer Freundinnen schnell die Runde gemacht und ein paar haben mich etwas zögerlich angefragt, ob das was kosten würden, wenn ich ihren Töchtern auch die Haare mache. Später auch für die Mütter. Jetzt kommen eben ab und zu Pärchen aus Mutter und Töchter, alles Freundinnen von Lucy, auf einen Nachmittag vorbei und wir machen eine Session. Also schneiden bin ich fit, aber Färben nur, wenn es eine Farbe ist. Strähnchen gehen so. Aber Ombre oder Balayage, ne, dass übersteigt mein Können. Nur ich muss selber zum Frisör gehen. Die Ehemänner und Freunde fanden das Anfangs belustigend und albern, aber nachdem ich die mal zum Bogenschießen mitgenommen habe und auf fünfzig Meter verlässlich eine zehn Zentimeter Scheibe getroffen habe, oder sie an einem anderen Tag alle nacheinander in Jiu-Jitsu auf die Bretter geschickt habe, waren sie dann doch sehr still.“
Er dachte einen Moment nach, wie er es am diplomatischsten Formulieren sollte.
„Gattin, wir warten die Bescherung ab und dann führen wir das Gespräch nochmal. Auch das Thema Hausfrau lasse ich erstmal unbeantwortet im Raum stehen. Sei einfach mal ein bisschen gespannt. Es sind ja nur noch ein paar Stunden.“
Meggie musterte ihn mit einer Mischung aus Verblüffung und völliger Neugierde.
„Ok. Machen wir.“
 Gianna schien nachdenklich geworden zu sein.
„Darf ich meinen liebsten Bruder vielleicht um einen schicken Haarschnitt bitten? Vielleicht einen mittellangen Bob?“
„Klar warum nicht, sollen wir nachfärben?“
„Nein das bisschen Grau darf bleiben. Gut, dann vielleicht bevor der Rest der Familie eintrifft. Wann wann kommt wer?“
„Mama und Papa fahren zu uns mit dem Zug am 28. und unser kleiner Bruder kommt mit Mann und Maus ein paar Tage zu uns, ich glaube am 30. Und bleiben bis 4. das ist der Sonntag. Also lege ich dir eine Matratze ins Studio oder ins Büro, keine Sorge, ich hab eh nur Tempur Matratzen. Und dann bleiben Mama und Papa noch ein paar Wochen hier und dann bringe ich sie zurück, ich weiß nicht ob mit Ernie oder mit dem Zug. Mittlerweile ist Potsdam wieder angebunden als ICE Strecke und es gibt eine Direktverbindung Potsdam und Erfurt. Kann sein, dass ich erster Klasse buche, die haben ja eine Bahncard 50. Mal gucken, oder ich leihe mir einen Tesla von Johnny, bei vieren wird er einen wohl kaum vermissen. Das ist zumindest die Theorie. Wir feiern mittlerweile nur noch bei uns, weil Papa die Treppen nicht mehr so gut hochkommt und Johnny im dritten und vierten Stock wohnt, so wie wir früher auch, aber Papa ist schon zweiundachtzig, das wird ihm langsam zu viel.“
„Stimmt, dann ist das hier echt der pure Luxus mit gleich zwei Fahrstühlen und alles barrierefrei.“
„Mhm.“
Meggie sah ihn immer noch an.
„Was?“
„Das frage ich dich werter Gatte, was hast du vor?“
„Du kennst mich doch, immer voller Geheimnisse.“
Er zwinkerte ihr zu.
„So, möchte noch jemand etwas? Sonst wäre ich dafür, dass wir nach der Torte alles aufräumen und dann haben wir noch ein paar Stunden zur Bescherung. Ich glaube Meggie könnte etwas Schlaf vertragen und du, Gianna, kannst deine Geschenke vorbereiten. Es ist kein förmliches Event, es ist ja auch der 16. Geburtstag unserer Tochter, also Jeans und T-Shirt reicht völlig.“
„Gut, Torte reicht ja noch ein bisschen und ich bin pappe satt. Sollen wir dir beim zusammenräumen helfen?“
Er winkte ab.
„Iwo, ich zeige euch mal wann anders wo hier alles ist, heute mache ich das alleine, geht einfach schneller. Und Madam, husch ins Bett.“
Meggie streckte ihm die Zunge raus, trank ihren Kaffee aus und kratzte den Kuchenteller ab, verschmähte aber die Marzipankruste, die sie ihm auf den Teller legte, bevor sie sich streckte und in Richtung Flur schlenderte. Gianna hingegen liebte wie er Marzipan und warf einen sehnsüchtigen Blick auf seine Marzipankante.
„Oder möchtest du einen Marzipan Muffin?“
Ihre Augen fingen an zu leuchten.
„Das wäre toll, wo sind die denn?“
„In der italienischen Blechdose neben der Spüle.“
„Danke.“
Sie nahm sich zwei Muffins, winkte ihm zu und verschwand ebenfalls. Mit Genuss machte er sich über das Marzipan her, dann räumte er den Tisch ab. Lucifer sah ihn vorwurfsvoll an und er schüttete ihm etwas Sahne in ein Schälchen, das der Kater aufschlabberte und dann dankbar seinen Kopf an seinem Bein rieb und schnurrte.
Nach dem Abräumen sah er auf die Uhr, fast halb drei, also drei Stündchen. Er holte sich sein Lesebuch und machte es sich am Tisch bequem, er las lieber am Tisch, als auf Sessel oder im Bett.
„Hi Papa.“
Amber war in die Küche getappt und stellte ihr Geschirr neben die Spüle. Es war vier Uhr durch. Er verkniff sich ein „In die Spüle einräumen“, stand auf und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie lehnte sich an ihn und umarmte ihn.
„Tut mir so leid mit dem Becher, den ersetz ich dir. Ich hab mich nicht fair verhalten. Und ich war in letzter Zeit einfach nur eine absolut furchtbare Tochter. Ich will das wiedergutmachen!“
Er wunderte sich über die Einsicht seiner Tochter.
„Ist doch nicht so schlimm, alles ist gut.“
„NEIN! Oh sorry, ich meine das war total schlimm was ich zu dir und Mama gesagt habe. Hier, ich weiß nicht wie viel der Becher gekostet hat, aber ich möchte dir zwanzig Euro für den Becher geben.“
„Lucy, das ehrt dich, aber kauf dir davon etwas Schönes, das war doch nur ein Becher, das ist nicht schlimm!“
„Aber das ist es ja, ich bin schlimm, weil ich Sachen zerdeppere. Und es ist furchtbar, dass ich so eine zickige Schlampe bin. Und dass ich nicht im Haushalt helfe und dir nur ein unnützer Klotz am Bein bin.“
„Lucy, du bist sechzehn, meine erste Wäsche habe ich mit 24 gemacht und wirklich ordentlich war ich ja auch nie. Das ist nicht schlimm, dass du das mit 16 noch nicht machst.“
„Ich würde aber gerne helfen, irgendwie.“
„Du könntest ab und zu den Müll runterbringen und nach dem Schwimmen die Sachen aufhängen, nichts Schlimmes. Aber ich hätte eine lustige Idee, du könntest deiner Mama beibringen, wie man sich schminkt, das kannst du nämlich total gut.“
Lucy errötete und grinste verlegen.
„Kann sie das nicht?“
„Nein, hat sie nie gelernt.“
„Mh, ist Mama nett?“
„Total, sonst hätte ich sie ja nicht geheiratet.“
„Magst du sie sehr.“
„Ja, sehr.“
„Wie ist sie so?“
Er dachte einen Moment nach.
„Hilfsbereit, natürlich und verspielt. Sie zockt total gerne und probiert ständig neue Sachen aus. Sie reist gerne und war schon überall auf der Welt.“
„Klingt, mh, gut. Meinst du, sie mag mich?“
„Warum sollte sie dich nicht mögen?“
„Naja, weil ich oft ganz schön blöd zu anderen bin. Ich bin kein Bully, aber ich bin auch kein liebes Mädchen. Du Papa?“
„Was gibt’s Mausbär.“
„Sind wir arm?“
„wie kommst du darauf?“
„Ich wollte mir gestern noch ein Glas Milch holen und hab dich und meine, Ähm, Tante reden gehört und du hast gesagt, du würdest überall rote Zahlen schreiben. Ich kenne mich damit zwar nicht aus, aber das klang nicht gut und ich würde gerne helfen!“
„Naja, wir müssen unsere Haushaltskosten anpassen und ich kann dir nicht mehr immer für alles Geld geben. Unser Auto muss ersetzt werden, und wenn wir nicht sparen, kann ich mir kein gescheites leisten. Vielleicht müssen wir unseren Sommerurlaub irgendwie anders machen.“
„Können wir zelten gehen?“
„Du hast doch noch letzte Woche gesagt, dass du camping doof findest.“
Sie druckste herum.
„Nur ein bisschen, aber wir können schlecht nach Spanien fliegen, wenn wir kein Geld haben. Ich will nicht mehr so viel Taschengeld haben, habe ich jetzt beschlossen. Und ich will nicht mehr zum Frisör, du machst das immer viel besser und ich hätte gerne wieder kürzere Haare. Und ich mach das nicht mehr mit jeden Tag schminken, dann soll eben jeder sehen, dass ich Akne habe.“
Er starrte seine Tochter verdattert an, war irgendwas in den Muffins gewesen? Er überschlug kurz die Prognosen ihres Angebots. Wenn sie ernst machte und wirklichen Verzicht übte, dann würden sie wieder fast schwarze Zahlen schreiben.
„Wasserwandern oder mit Anhänger?“
„Weiß nicht, ich find ja wandern interessant, aber ich weiß nicht, ob ich das so gut kann.“
„Du bist unangefochtener Schulchampion im Schwimmen, an der Ausdauer kann es schonmal nicht liegen. Und du bist eine richtige Kämpferin.“
Lucy wurde rot.
„Danke Papa. Darf ich was richtig dummes ausprobieren?“
Jetzt kommts.
„Was da wäre?“
„Kannst du mir eine Glatze machen?“
Er starrte sie völlig überrascht an.
„Warum denn? Du hast doch tolle dicke Haare und das auch noch mehr als schulterlang.“
„Stimmt, aber ich sehe mit diesem Ombre Zeug im Haar und dem Pfund Makeup im Gesicht aus wie, naja, wie eine Schlampe. Wie so eine dumme oberflächliche Tussi, von denen es ohnehin schon viel zu viele gibt. Das will ich einfach nicht mehr und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil das so viel kostet und wir ja irgendwie kein Geld haben. Ich möchte einfach wissen wie das ist, wenn man nicht nur kein Makeup trägt, sondern auch nichts auf dem Kopf hat. Ich will den anderen doofen Zicken an der Schule zeigen, dass es auch schön sein kann, wenn man anders ist. Und meine Haare möchte ich zu einer Perücke knüpfen lassen und verschenken, ich weiß aber nicht ob das teuer ist. Ich kenne über Instagram ein Mädchen in Hamburg, dass Krebs hat und sie hat keine Haare wegen der Krankheit und ich möchte ihr helfen, sie ist so nett.“
Das klang für eine Sechzehnjährige erstaunlich reif und rational.
„Das klingt logisch. Hast du aber nicht ein bisschen Bammel, dann ausgegrenzt zu werden? Viele werden denken, du hattest einen Breakdown oder eine psychische Macke. Ich will dir deine Idee nicht madig machen, aber ich möchte, dass du ganz in Ruhe nachdenkst und dir überlegst, ob du das packst. Deine letzte Depression war schon länger als üblich und ich möchte einfach nicht, dass andere dich hänseln oder auf dir rumhacken, weil du in deinen Augen etwas total Mutiges machst.“
Sie sah ihn traurig an, dann nickte sie.
„Ok mache ich, ich will ja auch nicht gemobbt werden, weil ich eine Glatze hätte. Ich sortiere gerade meinen Kleiderschrank und da ist nur dieses furchtbare Zeug drin, was ich dumme Kuh mir selbst eingebrockt habe. Ich hätte für den Sommer gerne eine Latzhose und ganz normale Sandalen, wäre das ok für dich? Ich will ja auch nicht, dass Mama denkt, ich wäre eine Schlampe.“
„Sicher kannst du das, vielleicht kannst du ja mit deiner Mama zusammen schoppen gehen. Du kommst ja von der Figur sehr nach ihr, vielleicht eine Handbreit größer, aber sonst sehr ähnlich. Wir können morgen gucken, wie gut dir die Sachen deiner Mutter passen, ich hab nämlich nichts weggeworfen und es sind drei Umzugskartons und eine Kiste mit Wintersachen. Sie hat recht schicke Sachen und einen bodenständigen Geschmack. Und ich unterstütze dich voll bei deinem Vorhaben, wenn du das weiterhin so planst. Wie viel Perückenknüpfen kostet, weiß ich allerdings auch nicht, dass müsste ich recherchieren. Wäre es ok, wenn ich dir einen kurzen Pixie schneide und nicht sofort eine Glatze.“
„Das geht natürlich auch. Wie sieht das denn aus?“
Er tippte auf seinem Oneplus herum und hielt es ihr hin. Sie scrollte und furchte immer mehr die Stirn. Sie kaute auf ihrer Unterlippe, als sie ihm das Handy zurückgab.
„Vielleicht ist das doch eine doofe Idee mit der Glatze, das gefällt mir nämlich nicht so wirklich.“
„Mach doch Partnerlook mit deiner Mama.“
„aber sie hat doch ganz lange Haare! Viel, viel länger als ich.“
„Stimmt, aber eben noch hat sie mich gefragt, ob ich ihr die Haare schneide.“
„Wie will sie es denn haben?“
„Sie möchte einen Lob, also einen langen Bob in Dunkelrot mit einem Undercut.“
Lucy fuhr sich durch die langen schwarzen Haare.
„Das klingt interessant finde ich. Aber das ist ja fast so lang wie sie bei mir sind. Dann geht das nicht mit der Perücke für meine Freundin!“
„Bei dir nicht, aber bei deiner Mutter würde so viel abfallen, dass es bestimmt für eine Perücke reicht.“
„Echt?“
„Ja.“
„Dann machen wir das so. Auch in Dunkelrot. Darauf würde ich mich freuen.“
Sie umarmte ihn fest.
„Kann ich dir jetzt noch irgendwie helfen?“
„Klaro, du kannst die Sachen von dir in die Spülmaschine räumen. Und soll ich dir Kartons geben für deine Kleidung? Wenn wir sie später bei eBay verkaufen, können wir Geld sammeln für deine Latzhose und Sandalen. Oder du behältst die nicht so schlimmen Sachen fürs Verkleiden, so als Kleiderfundus.“
„In Ordnung, meine Idee war Kleiderspende, aber ich glaube das will keiner freiwillig tragen.“
Er konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
„Ok, ich seh mal im Keller, ob ich dir ein paar Kartons auftreibe. Brauchst du einen Falt-O-Mat?“
„Was ist das?“
„Das ist eine Apparatur mit der man schnell Kleidung falten kann.“
„Sowas gibt es?“
„Sicher, ich habe ein paar gebaut. Ganz einfach aus alten Pappkartons.“
„Gut.“
„Lucy?“
„Was denn?“
„Du könntest ein bisschen Zimmer aufräumen, bei dir ist es schrecklich unordentlich.“
Lucy wirkte zerknirscht.
„Ok, aber nur ein bisschen.“
„Nur ein bisschen reicht für den Anfang. Aber wir machen es jetzt so, dass du jetzt nur Taschengeld bekommst, wenn dein Zimmer tipp-topp aufgeräumt ist.“
Lucy ließ den Kopf hängen.
„Wie viel Taschengeld bekomme ich denn jetzt?“
„Fünfundzwanzig Euro.“
Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Aber das reicht ja grad so für Kino.“
„Tja Lucy, wir müssen gerade alle etwas kürzertreten. Ich auch, aber keine Sorge, das geht vorbei. Irgendwann geht’s uns wieder besser und dann bekommst du auch wieder mehr Taschengeld. Außerdem haben wir einige tausend Filme auf unserem Media-Server und ungezählte Massen an Filmen als Blurays und DVDs, du kennst nicht mal 1% davon. Dann machen wir eben öfter mal einen Filmabend mit Popcorn.“
Lucy blies die Backen auf, dann nickte sie.
„Gut, ich probier‘s. Kann ich mich bei Mama entschuldigen?“
„Nicht jetzt, sie schläft bestimmt, sie hat eine sehr lange Reise hinter sich. Außerdem hat sie die Angewohnheit nackt zu schlafen.“
Lucys Augen wurden bei seinen letzten Augen groß und sie biss sich auf die Lippen.
„Habt ihr dann eigentlich auch … ich meine …“
Sie brach ab.
„Ja durchaus, stell dir vor. Aber die Wände sind dick genug.“
Er zwinkerte ihr zu und seine Tochter errötete.
„Ich, ähm, ich räum dann mal mein Zimmer auf, Kisten brauch ich erstmal nicht, glaube ich.“
„Du musst heute auch nicht unbedingt aufräumen, schließlich ist dein Geburtstag heute, nimm dir lieber noch ein Stück Torte oder noch ein paar Muffins, extra für dich gebacken.“
„Nein danke, ich muss als Schwimmerin ein bisschen auf meine Figur achten. Aber gut, wenn du das sagst lese ich noch ein bisschen was. Wann ist Bescherung?“
Er sah auf die Wanduhr.
„In anderthalb Stunden. Du kannst auch noch ein bisschen Mittagsschlaf machen, ich weck dich dann.“
„Ok, dann leg ich mich nochmal hin.“
Sie drückte ihn nochmal dann räumte sie den Teller und den Becher brav in die Spülmaschine und tappte in Richtung Kinderzimmer. Joschi wartete eine Minute bis die Tür ging und warf einen Blick ins Wohnzimmer, wo Gianna in einem Buch las und ihn nicht bemerkte. Er stattete seiner Frau einen Besuch ab. Sie schlief fest eingekuschelt tief und fest, bis auf die Narbe war sie immer noch sehr hübsch.
Er stellte sich auf Zehenspitzen und griff eine unscheinbare große Pappkiste vom Regal und trug sie ins Wohnzimmer. Gianna sah überrascht auf, als er die Kiste neben den Baum stellte.
„Was ist denn das, Herr Bruder?“
„Ein Geschenk für die Gattin.“
„Ganz schön groß, aber ist das nicht gemein, wenn du sie so nennst?“
„Gattin? Ach wir ziehen uns nur regelmäßig etwas auf, das ist ganz normal. Sag mal, möchtest du zur Bescherung ein Glas Sekt oder lieber etwas stärkeres?“
„Ich nehme gerne ein Glas Sekt. Etwas später vielleicht als Schlummertrunk nach dem Essen. Was gibt es denn feines?“
„Raclette, das ist immer sehr unkompliziert. Das gibt’s Silvester auch nochmal, dann aber mit zwei Geräten und weil wir nicht so weit voneinander entfernt wohnen, bringt Johnny auch eine Wagenladung Gemüse und Beilagen mit. Du wirst es nicht glauben, aber seine Frau Anna hat ihn nach jahrelangem hartem Training dazu gebracht, mehr Gemüse wie Kohl, Spargel und Pilze zu essen. Und das bleibt unter uns, aber ab uns zu treffen wir uns auf ein schönes Stück Steak und machen danach ein kleines Whiskey-Tasting. Zuhause lässt er dann wie immer den spießigen Vegetarier raushängen. Trotzdem hat er es geschafft, dass Nicola, seine jüngste, etwas sehr moppelig geraten ist, sehr zum Verdruss ihrer topfitten schlanken Mutter.“
„Wie alt ist denn die große Tochter?“
„Laura ist im Herbst fünfzehn geworden und ihre kleine Schwester Nicola wird im April vierzehn. Anna ist, glaube ich, eher ein bisschen aus Versehen schwanger geworden und sie haben das Kind behalten, da war aber auch schon klar, dass sie den Bachelor schafft, bevor Kiddo auf der Welt ist. Und Nicola war Absicht, ist aber auch kurz vor dem Master Abschluss zur Welt gekommen.“
„Dann liegen alle unsere Kinder relativ eng beieinander, außer Chester, der schon mit der Schule fertig ist. Das ist cool, bei uns dreien war es ja immer so, dass unsere Cousins immer viel jünger als wir waren, ok Johnny hatte am ehesten noch Kontakt, aber für uns große war es immer total doof. Ich freu mich schon, wenn meine Jungs nach Deutschland kommen und ihre Verwandtschaft kennenlernen. Als Mädchen hätte ich mir nie erhofft irgendwann wieder in Potsdam zu leben, weil die Stadt einfach so teuer ist, aber dann kam eins zum anderen und hier bin ich, Gründerin eines IT Bigplayers, der international hoch angesehen ist. Ich bin schon stolz. Und ich habe einen liebevollen Ehemann und zwei tolle Söhne. Ich hab vorhin angerufen und meinen Jungs zu Weihnachten gratuliert, die sind gerade aus dem Bett gekrabbelt, sie vermissen mich natürlich schon ganz dolle.“
Sie klappte das Buch zu und legte es zur Seite. Da bemerkte er einen kleinen Stapel eingepackter Geschenke. 
„Willst du nicht unter den Baum legen?“
„Hm?“
„Die Geschenke.“
„Ach so, nein das passt schon. Darf ich noch ein paar Muffins stibitzen? Die sind einfach köstlich!“
„Sicher darfst du das. Sollen wir noch was machen, meine Frau schläft und Lucy hat sich auch ins Bett verkrümelt. Wir könnten was spielen.“
„Klingt gut, ist das eine alte Switch neben dem Fernseher?“
„Klar eine Switch Pro, aber wir können die neuen Games auch streamen, meine Arbeitsrechner hat genug Power zum emulieren.“
„Was haste denn verbaut?“
„Einen 64 Kern Threadripper. Ich mache in meiner Freizeit 16K Video-Editing.“
„Ok, das ist schon ordentlich Power. Gut, dann spielen wir Mario Kart, ich spiele natürlich als die Prinzessin Peach.“
Er machte den Fernseher an und reichte ihr einen Controller.
„Bist du gut?“
„Geht so, ich bin zwar wie du mit Games aufgewachsen und mein Mann Chris ist leidenschaftlicher Zocker, ebenso meine beiden Söhne, aber dadurch, dass ich die letzten Jahre CEO einer großen Firma war, hatte ich dann nicht mehr so viel Zeit für Hobbies. Aber an den Wochenenden haben wir oft Mario Kart Turniere gespielt, von daher bin ich nicht ganz furchtbar. Ich will aber erstmal ein einfaches Turnier spielen um wieder reinzukommen.“
„Wir können auch zusammen im Team auf Punkte spielen.“
„Oh stimmt, gut das machen wir.“
Er machte die nötigen Einstellungen setzte sich neben seine Schwester aufs Sofa und wählte noch Yoshi als Spielfigur, dann ging‘s los und sie spielten was das Zeug hielt. Die Zeit verging wie im Fluge.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: