Das Osiris Projekt – Teil 2 – Kapitel 21

21. Kaz – 17. Mai – 2058 – Engel

Er träumte. Berlin, eine vertraute Straße. Ein Schlüssel wanderte in ein Türschloss und jemand betrat eine Wohnung – seine alte Wohnung. Im Spiegel blickte ihm seine Liz entgegen, die echte. Sie blätterte durch die Post und zog eine Postkarte hervor. Der Text hinten konnte er nicht lesen, nur das letzte Wort war in Rot und hieß „Zeit“ in Deutsch. Die Frau lächelte und holte einen Zeichenblock hervor. Sie malte ein Gesicht, Liz Gesicht vor dem Unfall damals, ein Selbstportrait. Dann wachte er auf.
   Er schlug die schwere Pelzdecke zurück und Anna neben ihm schlief noch. Seine Hände zitterten. War das gerade ein Traum gewesen? Oder eine Vision? Fast sieben Jahre waren vergangen, dass er das Buch das Osiris Genom geschrieben hatte. Er spürte wie Jack gerade in einem Buch las und Wolf schlief – Karl neben ihm im Bett, er kappte die Verbindung zu den anderen.
   Leise stand er auf und zog sich im Ankleideraum etwas Unauffälliges an. Unten im Keller schloss er sein Fahrrad ab und radelte durch die Tiefgarage und nach oben in das nächtliche Berlin.
   Seine alte Wohnung war etwas abgelegen, also fuhr er bis zur Solomon Akademie und nahm von dort die S10 in Richtung Hauptbahnhof. Das sollte er öfters machen, nachts durch Berlin zu radeln.
Er fuhr seinen gewohnten Weg entlang und bog dann durch eine Durchfahrt in einen Hinterhof ein. Das Tattoo Studio, wo er die meisten seiner Tattoos her hatte und den kleinen Dönerladen, der seiner Meinung nach den besten Döner in Berlin machte, gab es sogar immer noch. Die alte Werkstatt wo er und Xen früher unter Anleitung von Jonah an Autos geschraubt hatten gab es auch noch.
   Nachdem er sein Fahrrad an dem Metallzaun angeschlossen hatte ging er zum Wohnhaus. Hier hatte er damals immer Schlösserknacken geübt wenn keiner zusah. Schlösserknacken geht zwar schneller aber er suchte trotzdem seinen alten Hausschlüssel heraus. Er ging hoch in den dritten Stock und zu seiner alten Wohnung. Sein Name stand immer noch an der Klingel und gegenüber wohnte anscheinend immer noch Jonah, der buddhistischen alte Kerl, der ihm so einiges beigebracht und dem gehörte auch die Werkstatt im Hof. Der war mittlerweile bestimmt längst tot.
   Er zog sein Schlüsselbund aus der rechten Hosentasche und nahm den Schlüssel den er seit über zwanzig Jahren nicht mehr verwendet hatte. Der Schlüssel passte perfekt und er schloss auf, sein Herz pochte ein bisschen. Aber es war kein Einbruch wenn es seine eigene Wohnung war.
   Er merkte sofort die Veränderungen. Ein anderer Schlüsselbund lag in der Schlüsselschale neben einer geladenen FN Five-Seven. Im Flur standen Damenschuhe, hohe Stiefel und High Heels mit abenteuerlichen Absätzen und ein dunkler Wollmantel hing über der klapprigen Stange an der Garderobe.
   In der Küche stand ein Suppenteller und ein Bierglas auf dem Abtropfgitter und eine halbvoller Topf Gulaschsuppe stand auf dem Herd, er bemerkte die Sammlung leerer Bierflaschen neben der Spüle.
Im Bad stapelte sich Makeup vor dem Spiegel. Im Wohnzimmer traf ihn der Schlag. Auf dem Tisch in der Sitzecke lagen die Postkarte aus dem Traum und das Bild mit Liz, was fotorealistisch gezeichnet war. Auf der Rückseite der Postkarte stand etwas, aber er erkannte nur „Zeit“ in Rot.
   Wer wartete wohl im Schlafzimmer auf ihn? Er öffnete die Tür. Das Etagenbett war oben immer noch mit seinem Schrott vollgemüllt und völlig verstaubt. Unten schlief Liz aus seinem Traum unter einer schwarzen plüschigen Fleecedecke, Das Fenster war gekippt und die Vorhänge zurückgezogen, Mondlicht strahlte herein.
   Er kniete sich vor sie hin und studierte ihr Gesicht, das konnte nicht sein, sie war doch längst tot.
Als sie ihre Augen öffnete und ihn aufmerksam betrachtete, zuckte er zurück, es war wie als wenn sie nur auf ihn gewartet hatte. Sie schlug die Decke zurück und sie war nackt, ungeniert stand sie auf und legte einen Finger auf ihre vollen Lippen. Dann schloss sie das Fenster und schob die dicke schwarze Gardine vor.
„Ich hatte gehofft ich könnte eine Szene vermeiden wenn ich dich hierher rufe.“
Scheiße das war Liz Stimme, haargenau.
„Ich hätte mir gewünscht dass wir uns schon vorher begegnen, aber ich hatte den Auftrag mich von dir Fernzuhalten, ich wäre sonst schon 2045 wieder zu euch gestoßen, geht es Amber gut?“
Was faselte die Frau da?
„Entschuldigung wie unhöflich, aber deine Augen täuschen dich nicht, ich bin ich.“
Ihre Augen waren intensiv grün und sie hatte Sommersprossen. Seine Liz, wie er sie kennen gelernt hatte vor jetzt über dreißig Jahren.
„ich bin die Osiris Initiative durchlaufen, man nennt mich Angel, den Engel des Todes. Den Namen hab ich mir nicht ausgesucht, den hat mir Nomad gegeben. ihr könnt euch übrigens auch tarnen. Das macht die Missionen echt einfacher, aber es erfordert eine Menge Konzentration und Übung. Nach meiner „Auferstehung“ hab ich mir ein paar Tarnungen ausgedacht, für den Fall, dass man sich an Liz erinnert. Entschuldigung dass ich wieder hier eingezogen war, aber nach der Wiederauferstehung brauchte ich einfach etwas Vertrautes. Ich glaube, dass ich dich Rufen konnte zeigt dir, dass ich auf deiner Seite bin.“
Tränen liefen über seine Wangen und er umarmte sie fest.
„Erst dachten wir du wärst Emily und dann kam die Spinnenkönigin.“
„Aber Emily ist Liz, also ich, und die Spinnenkönigin war ich auch, aber ich kann nur diesen Körper selbst steuern. Nur ich bin ich. Emily wird viel zu sehr wie mein altes Ich.“
„Du meinst zerfressen von Ehrgeiz und der Zeit?“
Liz lachte und nickte.
„Jetzt habe ich einen sehr starken und gesunden Körper. Und Zeit ist mir außerhalb der Missionen total egal geworden, ich liebe es total Zeit zu verplempern. Die Nächte durch zu bingen, oder stundenlang MakeUp und Verkleidungen auszuprobieren, oder mir in Ruhe die Beine zu wachsen ohne dass ich darüber nachdenke wie viele Millionen Horizon dadurch verliert. Und hier wo ich in einem anderen Leben ein halbes Jahr gelebt habe, fühle ich mich sehr wohl. Nur du fehlst mir sehr.“
„Wie lange wohnst du hier und ich dachte du bist nach Russland geflogen.“
„Ich bin nie nach Russland geflogen. Eines Nachts bin ich einfach aufgewacht ohne zu wissen wie ich da hingekommen bin. Dann wurde ich zu seinem Geist und einem Todesgott. Das war Sommer 2045. Ich durfte dich nie kontaktieren, bin aber provozierend in deine alte Wohnung eingezogen. Die hat mich immer an früher erinnert. Meine Tarnidentität ist unter anderem eine junge Schwarze, mein Name ist Samantha und wehe du nennst mich Liz. Und gestern habe ich die Nachricht bekommen, dass es Zeit wird mit dem Versteckspiel aufzuhören und euch drei anderen mit einzuweihen. Der Kampf ist noch nicht vorbei. Er hat gerade erst begonnen. Das hier soll ich dir übrigens wiedergeben, ich weiß jetzt warum es dir Glück bringt.“
Sie hielt ihm einen Yin-Yang Anhänger an einem Anhänger entgegen. Und er ergriff ihn beinahe andächtig und musterte den Anhänger, den ihm sein Großvater Ben vermacht hatte. Wärme breitete sich in ihm aus, als er sich den Anhänger umhing.
„Und jetzt?“
„Nomad wird dir alles erklären, er ist jetzt unser Anführer.“
„Mein Großvater ist tot!“
„Nein, er lebt. Aber er ist kein Mensch mehr, er ist etwas Höheres geworden.“
Sie schwieg einen Moment und sah ihn lange an.
„Er ist zu einem Gott geworden.“

ENDE

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