Das Osiris Projekt – Teil 2 – Kapitel 17

17. Emily-Jack – Juni 2046 – Das Haus

Die Sonne weckte Emily und sie rollte sich auf den Rücken. Eigentlich wollte sie gar nicht raus. Nein eigentlich wollte sie sich wieder unter die Decken verkriechen und ihr hässliches Antlitz für immer vor der Welt verstecken. Jetzt waren sie alle ganz merkwürdig.
   Sie streckte die Arme in die Höhe. Nicht nur zwei künstliche Beine sondern jetzt auch noch zwei künstliche Arme. Und der Mist, den man ihr eingeflößt und dauerhaften Schaden hinterlassen hatte nicht zu vergessen.
   Sie erhob sich und ging ins Bad, sie musste mal. Im Badezimmerspiegel strich sie missmutig über die kurzen, dicken, schneeweißen Haare, die wuchsen jetzt auch schneller. Dazu kalkweiße Haut und blutrote Augen. Und das ging nicht mehr weg hatte sie sich von Ärzten sagen lassen, aber immerhin war sie noch kerngesund. Also noch mindestens sechzig Jahre Leben als Vampir. Interessanterweise war sie nicht empfindlich gegenüber der Sonne.
   Ach ja, Anna und Amber hatten dasselbe Schicksal erlitten. Jetzt waren sie eine Albino Familie. Und Kaz war sehr merkwürdig. Nicht nur das er noch größer als vorher war, sein Verhalten war sehr sonderbar. Wenn er duschte, war das Badezimmer danach die reinste Dampfsauna. Er aß komische Sachen und schlief praktisch nicht mehr. Einmal hatte sie ihn erwischt wie er in eine Zwiebel biss, wie andere in einen Apfel. Und Kartoffelschalen waren seine neuen Chips. Und noch tausend andere Sachen.
   Die Welt hatte sich ein bisschen von dem Mimik Angriff erholt und Russland war immer noch ziemlich im Arsch und wurde von Europa und der USA aufgepäppelt. Mimik war ausradiert und in Sibirien gab es jetzt ein paar sehr große Krater. Die Russen hatte es nicht gestört.
   Unten erwartete sie Lien, die sich von den Verletzungen ihrer Hände erholt hatte und sie bereitete ihr eine Mahlzeit. Es war Juni, es war sonnig und warm und alle waren draußen, außer Emily und Amber und Anna. Letztere bastelte an ihren Brettspielen mit Benj. Sie hatte sich von den schweren Wunden gut erholt. Und Amber spielte natürlich mit Lucy.
   Die mittlerweile recht große junge Leopardin knabberte an Ambers künstlichen Arm.
Jetzt waren sie alle drei Krüppel und Augmentierte. Horizon hatte alles großzügig gesponsert.
Sie knaberte an ihrer Unterlippe. Die Tür öffnete sich und Kaz trat ein.
„Nah, was grübelst du?“
„Naja, ich sehe jetzt fast so aus wie die alte Liz und passe Farblich ganz wunderbar zu Horizon. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, den Konzern wieder zu leiten, mit einem fitten Ralf an meiner Seite natürlich. Ich weiß ja noch wie das geht, ich stand lange genug da oben an der Spitze. Nur dieses Mal ohne den Mist mit der Glatze. Aber ich lass das bisschen Gesichtstätowierung da. Kannst du mir was schickes designen was nicht nach Gesichtsloser aus deinem Buch aussieht?“
„Das lässt sich machen. Das heißt aber, dass du wieder keine Freizeit hast.“
„Weißt du ich glaube es scheint mein Schicksal zu sein irgendetwas zu leiten. Und dieses Mal bin ich fit und gesund, von den Amputationen und der Farbgebung mal abgesehen. Ich würde mir nur von euch, meiner tollen Familie wünschen, dass ihr mich vielleicht ein bisschen entlastet.“
„Wir werden dich von vorne bis hinten verwöhnen.“
„Nicht zu sehr, mit geht der ganze Luxus auf den Keks. Ganz ohne geht leider nicht, aber du hast mir noch eine tolle Weltreise versprochen. Die können wir Etappenweise machen. Und ich will endlich mal mit euch Zelten gehen oder euch auf eure Abenteuerurlaube begleiten. Oder naja, wann bekommt Akira die Haut, diesen Nanoanzug?“
„Ende August. Und dann trägt sie die praktisch für immer bis sie weggeht, so ganz hab ich das nicht geschnallt. Und ist ordentlich teuer. Wir haben alle zusammengelegt und die Summe von 260 Millionen Euro berafft. Akira ist schon ganz aufgeregt. Ihre Gesundheit ist ihr wichtiger als Geld und ich finde das ist die richtige Einstellung. Ich bin gespannt auf wie viele Kinder sie sich mit Sahid einigen wird. Jedenfalls will sie ganz anders als Johnny sein und sie hat schon alles durchgeplant und macht es so, dass sie ganz viel Zeit mit ihren Kindern verbringen kann. Jack hat mir da schon so eine Kleinigkeit gezeigt. Er hat ja dieses Wahnsinnsgrundstück an der Havel geerbt. Der Junge kommt ganz nach seiner Mutti und seinem Großvater. Der wird ein toller Architekt, da bin ich mir sicher.“

*

Auf was hatte er sich da eingelassen? Jack radelte durch Berlin Solomon auf dem Weg zum Würfel. So hieß das exakt würfelförmige Gebäude mit dreißig Meter Seitenlänge, wo das Architekturbüro lag, dass sein Großvater Herbert vor etwas vierzig Jahren gegründet hatte. Naja Büro nicht, eher Konzern.
Solomon Industries. Siebzehn internationale Büros weltweit und eine Baufirma im eigenen Haus. Die machten alles. Von der ersten Skizze, über Fundamente gießen, Fliesen legen, IT einrichten und so weiter.
   Und die Akademie. Ein Mix aus Berufsschule und Universität. Die ähnelte einem dieser DDR Schulbauten, nur locker zehnmal so groß. Und am nördlichen Ende von Berlin Solomon befand sich das ganze Gelände. Er war gespannt.
   Hatte er erwähnt, dass ihm sein Opa alles vermacht hatte? Sein Lebenswerk in seine achtzehnjährigen Hände. Er wusste es zu schätzen. Bisher hatte er das Riesengelände nur aus der Luft oder auf Bildern betrachtet. Hoffentlich fand er jemanden, der sich seiner annahm. Er hatte sich bestens vorbereitet, hoffte er.
   Da kam endlich der verglaste Würfel in Sicht. Dazu zahllose Anbauten, Die Akademie und dahinter der Eingang zum Bauhof wo unter anderem eine lange Reihe Liebherr und Volvo Bagger parkten.
Vor dem Eingang des Konzerns machte er sein Rad an einer Laterne fest und prüfte den Sitz des Schlosses. Das Schloss hatte mehr gekostet als das schrottige Fahrrad. Eigentlich würde das auch ohne Schloss keiner klauen wollen, aber in diesen Zeiten wollte er nicht sinnlos durch die Gegend rennen. Ehrfürchtig öffnete er die Tür des Portals und trat ein. Eine Halle, nein ein Lichthof der den Würfel durch schnitt. Interessiert achtete er auch die architektonischen Details. Sehr cool.
In der Mitte stand eine überlebensgroße Statue, die Herbert und Emma Solomon zeigte. Er schluckte bei dem so realistischen Antlitz seiner toten Mutter. Bald waren sie und Johnny und seine Großeltern ein Jahr tot. Zeit vergeht schnell. Und was sie nach den Anschlägen alles zusammen erlebt hatten würde Bücher füllen.
   An einer Seite war eine Sicherheitsschranke und auf der anderen Seite eine Anmeldung, wo eine gestrenge Dame ihn misstrauisch beäugte. Er trat näher.
„Nanu junger Mann, müsstest du nicht in der Schule sein? Du siehst für einen Studenten zu jung aus.“
„Ich möchte ein Haus bauen, an wen muss ich mich wenden?“
Die Dame lachte herzhaft.
„Dann nimm doch Bausteine. Veralber mich doch nicht. Wie sind ein ernstes Unternehmen, wir gehen nicht auf Spielereien von Kindern ein.“
Sie klopfte mit einem Aluminiumkugelschreiber auf dem Tisch herum. Sie löste ein Kreuzworträtsel in der Zeit. Über den Alpha Link bekam er Wolf mit, der auf dem Klo versunken das gleiche Rätsel löste. Und er fühlte das Gefühl von Emilys roten Lippen auf seinen, als Kaz sie knutschte. Karl saß hinter Emily und guckte unter ihren Rock und frohlockte während Lucy an Ambers Bein knabberte.
Dieser Link war doch dämlich, er bekam alles mit was die anderen Idioten und diese dämlichen Haustiere anstellten. Die ersten Wochen hatte ihn das wahnsinnig aus der Fassung gebracht, jetzt geht es einigermaßen.
„Junger Mann, hörst du schlecht? Geh und treib deinen Schabernack woanders.“
Das Geklopfe dieses Stiftes ging ihm echt auf den Sack. Vielleicht sollte er ihn in ihrem Auge versenken, vielleicht hielt sie dann den Rand. Aber das war hinderlich bei seinem Vorhaben.
„Es ist mir ernst, ich will ein Haus bauen. Ich hab die CAD Pläne und ein paar Skizzen bei mir.“
„Ich bitte dich, geh bitte, sonst muss ich leider den Wachdienst verständigen.“
„Noch ein Wort und ich lasse sie feuern.“
„Na wie redest du denn mit mir. Wie ist dein Name, ich verständige jetzt sofort dein Eltern.“
„Na schön, dann eben auf die harte Tour. Jack Solomon, Sohn von Emma Solomon und Enkel von Herbert Solomon, dem Gründer von Solomon Industries. Der hat mit diesen Saftladen auch vermacht. Würden sie mir bitte ihren Namen und die Nummer der Personalstelle mitteilen?“
Die Dame erblasste und griff nach dem Telefonhörer. Sie nuschelte den Namen Simon in den Hörer, das sollte er natürlich eigentlich nicht mitgehört haben. Er hatte recherchiert. Simon war Herberts Partner seit Beginn des Unternehmens. Endlich jemand mit Fachkompetenz.
   Ein paar Minuten später erschien ein untersetzter grauhaariger Mann mit Halbglatze um die sechzig im Foyer und trat auf ihn zu. Jack wurde mit einem kräftigen Händeschlag begrüßt.
„Gestatten Simon Hirschweg. Ich bin hier der temporäre Leiter bis … naja bis du die Leitung hier übernimmst. Ich habe gehört du willst ein Haus bauen und hast die Pläne gleich mit. Komm mit wir gehen in einen der großen Säle. Dort haben wir auch die Möglichkeiten für einen VR Rundgang.“
„Super ich hab alles mit. CAD Dateien, VR Rundgang und Skizzen.“
„Und du bist achtzehn? Und der Sohn von Emma, ich bin gespannt.“
Jetzt war Jack ein ganzes Stück aufgeregt. Auf den Tag hatte er seit Wochen gewartet. Nach den endlosen Gesprächen mit Sahid, Akira und Amber hatte er ein bisschen gezaubert.
Sie betraten einen großen Raum, wie einen Hörsaal mit einem laufenden Beamer. Sie setzten sich auf einen der Ränge nebeneinander und Jack schloss seinen Laptop an den Beamer. Er machte ein paar Einstellungen und öffnete die Präsentation mit seinen Skizzen und Bildern, die er vorbereitet hatte.
Erst die Ganzsicht des Grundstückes aus verschiedenen Perspektiven und dann Detailbilder. Er hatte mehrere Tage und Nächte am Grafiktablet gesessen. Jetzt war er gespannt.
„Mhm, interessant. Renaissance, das ist natürlich das komplette Gegenteil von Emma und Herbert. Großes Grundstück, alle Achtung. Ich weiß noch die Diskussion mit Herbert als deine Mutter es unbedingt haben wollte, sie hat gewonnen. Die Zeichnungen sind wirklich gut, besser als die die von Emma und Herbert, wenn du weiter übst kommst du noch an Sebastian oder Jonathan heran. Mh, also abgetrennte Bereiche für Sport, Entspannung, Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Darf ich erfahren wer die Bewohner sind?“
„Gerne. Also ich mache Architektur und Malerei. Amber ist meine Freundin und sie möchte Tierpflegerin werden, dann meine Schw … Cousine Akira, sie ist hauptberufliche Youtubestar und Streamerin und ihr Freund Sahid, der macht Comedy und schreibt Bücher. Dann noch Gästewohnungen und Apartments für das Personal. Und das große Gehege für Lucys Leopardin, wir haben da eine Sondergenehmigung.“
„Sehr interessant und ich nehme an, die beiden jungen Paare wollen eine Familie gründen. Mh, äußerlich sehr interessant. Das wirkt ein bisschen wie eine Festung, aber ohne abweisend zu sein. Ich freue mich auf die Pläne. Sehr viel Platz und Möglichkeiten, wenn auch schwierig, weil es so nah am Wasser wird. Aber das ist nichts Neues für uns, immerhin haben wir einen Stadtteil hochgezogen.“
Jack freute sich über das Feedback und öffnete die CAD Pläne. Dutzende CAD Pläne der Etagen der verschiedenen Gebäude. Sein Sitznachbar musterte sie aufmerksam und kommentierte hin und wieder etwas oder stellte eine Frage.
„Achtzehn Jahre, gehst noch zur Schule und zeigst mir solche Pläne, die sind auf sehr hohem Niveau, alle Achtung. Ich kann dir jetzt schon sagen, dass ich dir einen Platz auf der Solomon Akademie reservieren werde, ganz gleich deines schulischen Abschlusses. Einverstanden?“
„Abgemacht.“
„Und jetzt bin brennend auf die VR Simulation gespannt. Stöpsele mal deinen Laptop aus und komm mit.“
Jack folgte Simon in einen anderen Raum mit mehreren omni-direktionalen Laufbändern und einer Mördermaschine von PC. Er schob seine Festplatte in eins der Laufwerke und auf dem Bildschirm lud die Simulation. Sie stiegen mit Handschuhen und Brillen bewaffnet auf die Laufbänder und betraten die Simulation.
   Jack stand vor einer Einfahrt mit einem geschmiedeten Tor. Neben ihm stand Simon. Neben der Einfahrt befand sich ein Eingang zu einem weitläufigen Grundstück. Er öffnete die Pforte und stand auf einem gepflasterten breiten Weg der an einer geteerten Straße entlangführte. Sie befanden sich im äußeren von drei Ringen. Links befand sich ein Haus mit einem Fitnessstudio im Inneren. Und einem kleinen Schwimmbad mit zwei fünfundzwanzig Meter Bahnen. im Tiefgeschoss.
Die Decke über dem Schwimmbad war nach außen hin verglast und draußen war eine ausladende Terrasse mit Sitzmöglichkeiten. Außen Renaissance innen Modern eingerichtet, aber mit verschnörkelten Zierelementen und Möbeln. Am Wasser war ein kleiner Pier mit einer vertäuten Jacht und einem Bootshaus und Gartenschuppen. Nicht zu vergessen das großzügig bemessene Raubtiergehege wo Lucy mit einem Panther spielte. Die KI der simulierten Katzen reagierte auf ihr Kommen und Lucy trat neugierig ganz nah an sie heran und musterte sie. Dann betraten sie durch die Einfahrt mit dem gemauerten Bogen den zweiten Ring. Links der Eingang zum Indoor Gehege der Katzen für schlechtes Wetter und Schuppen. Rechts ging es zu den Garagen, Werkstätten, Gewächshäusern und dem Landplatz für einen Helikopter oder Lambda Swordfish. 
Im ersten Ring in der Mitte waren das große Wohnhaus, das Gästehaus, Die Angestelltenquartiere und Wohnräume für Akira in Bodennähe. Rings um einen schön gestalteten Innenhof.
Sie sahen sich auch Innen alles an und gingen auch tief in den Keller.
Als sie wieder aus der Simulation ausstiegen wirkte Simon sehr zufrieden.
„Fabelhaft. Wirklich großartige Arbeit. Das ist erstklassig. Ich sag dir was. Wir gucken und deinen Entwurf nochmal bis ins kleinste Detail an und machen unsere Berechnungen. Ich würde ein paar Änderungen vorschlagen. Zum Beispiel kannst du so nah am Wasser viel davon mit in den Bau mit einfließen lassen und ich empfehle dir ein nukleares Gen 5 Kleinstkraftwerk, dann hast du viel Power und kannst Wasserstoff herstellen, als Brennstoff für Generatoren und Motoren. Ich habe gehört Horizon verwendet ein neuartiges Material namens Blaustoff um leistungsstarke wasserstoffbasierte Treibstoffe herzustellen. Und ein Reaktor dieses Typs ist Pannenfrei und die Brennstoffstäbe halten etwa vier Jahre und können grün recycelt werden. Fusion wäre theoretisch sicherer aber das liegt nicht in deinem Budget fürchte ich.“
Bei der Erwähnung von Blaustoff zuckte er unmerklich zusammen, aber das mit dem Kraftwerk fand er klasse. Simon schnallte um was es ihm ging. Unabhängigkeit und bereit sein. Und er wollte nicht in einem grauen Betonklotz alt werden.
„Wunderbar, ich sag dir Bescheid, wenn wir mit unserem Gegenentwurf fertig sind. Wenn du dann einverstanden bist, beginnen wir mit dem Bau und ihr könntet vor Weihnachten einziehen. Wir sind sehr fix.“
„Abgemacht, vielen Dank für ihre Hilfe.“
„Ich bitte dich es wird geduzt. Kein Problem, und bitte denk über die Akademie nach. Schlaue Köpfe wie dich werden immer gesucht. Ich führ dich raus.“
Im Foyer verabschiedete er sich von Simon und ging in die strahlende Sonne hinaus und radelte nach Hause.

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