Gerade Jetzt – Momentaufnahme #3

Die wöchentliche Aktion von Rina und ich wieder mit dabei.

Wie sind eure Momentaufnahmen heute?

denke ich: dass ich es doch irgendwie hinkriegen muss zwischen 7 und 9 aufzustehen und dann auch gefälligst fit bin. Immer bis elf pennen und den Wecker ignorieren ist doch doof!

mag ich: dass ich nicht mehr auf jeden Cent achten muss und mir wieder hin und wieder was gönnen kann.

mag ich nicht: Das eklige Wetter und Bad putzen. Ich bin sowieso schon ne Woche zu spät und mein Mitbewohner ist am 1.02 dran und er nimmt es mir übel, wenn ich morgen erst putze, aber heute habe ich einfach keine Lust mehr.

spüre ich: zum Glück keine Schmerzen mehr in der Lendenwirbelsäule, war wohl doch nur Muskelkater und irgendein gezerrter Muskel.

freue ich: über meine tolle neue mechanische RGB Tastatur und ein paar andere Kleinigkeiten aus der Plüsch- und Klemmbausteinecke.

fühle ich: Zufriedenheit, dass es jetzt einfach klappt und ich nicht nur Tag ein Tag aus Zeit totschlagen muss.

trage ich: graue Socken zu schwarzem Rest, nicht aus Trauer, ich mag nur einfach schwarz. Auch wenn ich das meist mit knalligem Rot aufpeppe wenn ich rausgehe.

brauche ich: Motivation, um an einem Freitag (morgen) den Wochenendeinkauf zu erledigen und meinen Widerwillen überwinde, am Wochenende etwas vernünftiges zu kochen.

höre ich: The Expanse 8 – Tiamats Zorn von James Corey auf Audible, gelesen von Matthias Lühn. Das und auf Spotify die Joe Rogan Experience #1769 mit Jordan Peterson.

mache ich: Generell zu viel schlafen und zu lange aufbleiben, ein Teufelskreis. Gerade wenn du dann halt erst 1400 aus dem Bett kriechst und fluchst, dass du den ganzen Vormittag verpennt hast …

lese ich: Tatsächlich abwechselnd vier Bücher:
– Kurs auf Spaniens Küste von Patrick O’Brian (Seefahrer Roman, 1. Band von 22, Autor leider verstorben bevor er den letzten Band vollenden konnte. Die Reihe dient als Grundlage für den Film Master and Commander.)
– Die Schatten von Edinburgh von Oscar de Muriel (Historischer Krimi)
– Fische die auf Bäume klettern von Sebastian Fitzek (Lebensweisheiten)
– Die drei ??? (125A) Feuermond – Das Rätsel der Meister (Jugendkrimi)

trinke ich: Wie immer um die Uhrzeit schwarzen Tee (Darjeeling) mit einem Schuss Milch. Bzw. eine Kanne halt, macht vier Becher.

vermisse ich: wolkenlosen Himmel und frühlinghafte Wärme. Mangels Softboxen bin ich auf das Licht der Sonne angewiesen, wenn ich ein Video aufnehmen will. Und die ganze Woche war es nasskalt und bedeckt, toll 😦

schaue ich: Better Bachelor auf Youtube und ein bisschen The Expanse S1.

träume ich: vom Ende dieser blöden Pandemie, ich bin gerade das Maske tragen echt leid! Und ich träume vom Frühling, rausgehen ohne dicke Jacke, yay.

Das Osiris Projekt – Teil 2 – Kapitel 17

17. Emily-Jack – Juni 2046 – Das Haus

Die Sonne weckte Emily und sie rollte sich auf den Rücken. Eigentlich wollte sie gar nicht raus. Nein eigentlich wollte sie sich wieder unter die Decken verkriechen und ihr hässliches Antlitz für immer vor der Welt verstecken. Jetzt waren sie alle ganz merkwürdig.
   Sie streckte die Arme in die Höhe. Nicht nur zwei künstliche Beine sondern jetzt auch noch zwei künstliche Arme. Und der Mist, den man ihr eingeflößt und dauerhaften Schaden hinterlassen hatte nicht zu vergessen.
   Sie erhob sich und ging ins Bad, sie musste mal. Im Badezimmerspiegel strich sie missmutig über die kurzen, dicken, schneeweißen Haare, die wuchsen jetzt auch schneller. Dazu kalkweiße Haut und blutrote Augen. Und das ging nicht mehr weg hatte sie sich von Ärzten sagen lassen, aber immerhin war sie noch kerngesund. Also noch mindestens sechzig Jahre Leben als Vampir. Interessanterweise war sie nicht empfindlich gegenüber der Sonne.
   Ach ja, Anna und Amber hatten dasselbe Schicksal erlitten. Jetzt waren sie eine Albino Familie. Und Kaz war sehr merkwürdig. Nicht nur das er noch größer als vorher war, sein Verhalten war sehr sonderbar. Wenn er duschte, war das Badezimmer danach die reinste Dampfsauna. Er aß komische Sachen und schlief praktisch nicht mehr. Einmal hatte sie ihn erwischt wie er in eine Zwiebel biss, wie andere in einen Apfel. Und Kartoffelschalen waren seine neuen Chips. Und noch tausend andere Sachen.
   Die Welt hatte sich ein bisschen von dem Mimik Angriff erholt und Russland war immer noch ziemlich im Arsch und wurde von Europa und der USA aufgepäppelt. Mimik war ausradiert und in Sibirien gab es jetzt ein paar sehr große Krater. Die Russen hatte es nicht gestört.
   Unten erwartete sie Lien, die sich von den Verletzungen ihrer Hände erholt hatte und sie bereitete ihr eine Mahlzeit. Es war Juni, es war sonnig und warm und alle waren draußen, außer Emily und Amber und Anna. Letztere bastelte an ihren Brettspielen mit Benj. Sie hatte sich von den schweren Wunden gut erholt. Und Amber spielte natürlich mit Lucy.
   Die mittlerweile recht große junge Leopardin knabberte an Ambers künstlichen Arm.
Jetzt waren sie alle drei Krüppel und Augmentierte. Horizon hatte alles großzügig gesponsert.
Sie knaberte an ihrer Unterlippe. Die Tür öffnete sich und Kaz trat ein.
„Nah, was grübelst du?“
„Naja, ich sehe jetzt fast so aus wie die alte Liz und passe Farblich ganz wunderbar zu Horizon. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, den Konzern wieder zu leiten, mit einem fitten Ralf an meiner Seite natürlich. Ich weiß ja noch wie das geht, ich stand lange genug da oben an der Spitze. Nur dieses Mal ohne den Mist mit der Glatze. Aber ich lass das bisschen Gesichtstätowierung da. Kannst du mir was schickes designen was nicht nach Gesichtsloser aus deinem Buch aussieht?“
„Das lässt sich machen. Das heißt aber, dass du wieder keine Freizeit hast.“
„Weißt du ich glaube es scheint mein Schicksal zu sein irgendetwas zu leiten. Und dieses Mal bin ich fit und gesund, von den Amputationen und der Farbgebung mal abgesehen. Ich würde mir nur von euch, meiner tollen Familie wünschen, dass ihr mich vielleicht ein bisschen entlastet.“
„Wir werden dich von vorne bis hinten verwöhnen.“
„Nicht zu sehr, mit geht der ganze Luxus auf den Keks. Ganz ohne geht leider nicht, aber du hast mir noch eine tolle Weltreise versprochen. Die können wir Etappenweise machen. Und ich will endlich mal mit euch Zelten gehen oder euch auf eure Abenteuerurlaube begleiten. Oder naja, wann bekommt Akira die Haut, diesen Nanoanzug?“
„Ende August. Und dann trägt sie die praktisch für immer bis sie weggeht, so ganz hab ich das nicht geschnallt. Und ist ordentlich teuer. Wir haben alle zusammengelegt und die Summe von 260 Millionen Euro berafft. Akira ist schon ganz aufgeregt. Ihre Gesundheit ist ihr wichtiger als Geld und ich finde das ist die richtige Einstellung. Ich bin gespannt auf wie viele Kinder sie sich mit Sahid einigen wird. Jedenfalls will sie ganz anders als Johnny sein und sie hat schon alles durchgeplant und macht es so, dass sie ganz viel Zeit mit ihren Kindern verbringen kann. Jack hat mir da schon so eine Kleinigkeit gezeigt. Er hat ja dieses Wahnsinnsgrundstück an der Havel geerbt. Der Junge kommt ganz nach seiner Mutti und seinem Großvater. Der wird ein toller Architekt, da bin ich mir sicher.“

*

Auf was hatte er sich da eingelassen? Jack radelte durch Berlin Solomon auf dem Weg zum Würfel. So hieß das exakt würfelförmige Gebäude mit dreißig Meter Seitenlänge, wo das Architekturbüro lag, dass sein Großvater Herbert vor etwas vierzig Jahren gegründet hatte. Naja Büro nicht, eher Konzern.
Solomon Industries. Siebzehn internationale Büros weltweit und eine Baufirma im eigenen Haus. Die machten alles. Von der ersten Skizze, über Fundamente gießen, Fliesen legen, IT einrichten und so weiter.
   Und die Akademie. Ein Mix aus Berufsschule und Universität. Die ähnelte einem dieser DDR Schulbauten, nur locker zehnmal so groß. Und am nördlichen Ende von Berlin Solomon befand sich das ganze Gelände. Er war gespannt.
   Hatte er erwähnt, dass ihm sein Opa alles vermacht hatte? Sein Lebenswerk in seine achtzehnjährigen Hände. Er wusste es zu schätzen. Bisher hatte er das Riesengelände nur aus der Luft oder auf Bildern betrachtet. Hoffentlich fand er jemanden, der sich seiner annahm. Er hatte sich bestens vorbereitet, hoffte er.
   Da kam endlich der verglaste Würfel in Sicht. Dazu zahllose Anbauten, Die Akademie und dahinter der Eingang zum Bauhof wo unter anderem eine lange Reihe Liebherr und Volvo Bagger parkten.
Vor dem Eingang des Konzerns machte er sein Rad an einer Laterne fest und prüfte den Sitz des Schlosses. Das Schloss hatte mehr gekostet als das schrottige Fahrrad. Eigentlich würde das auch ohne Schloss keiner klauen wollen, aber in diesen Zeiten wollte er nicht sinnlos durch die Gegend rennen. Ehrfürchtig öffnete er die Tür des Portals und trat ein. Eine Halle, nein ein Lichthof der den Würfel durch schnitt. Interessiert achtete er auch die architektonischen Details. Sehr cool.
In der Mitte stand eine überlebensgroße Statue, die Herbert und Emma Solomon zeigte. Er schluckte bei dem so realistischen Antlitz seiner toten Mutter. Bald waren sie und Johnny und seine Großeltern ein Jahr tot. Zeit vergeht schnell. Und was sie nach den Anschlägen alles zusammen erlebt hatten würde Bücher füllen.
   An einer Seite war eine Sicherheitsschranke und auf der anderen Seite eine Anmeldung, wo eine gestrenge Dame ihn misstrauisch beäugte. Er trat näher.
„Nanu junger Mann, müsstest du nicht in der Schule sein? Du siehst für einen Studenten zu jung aus.“
„Ich möchte ein Haus bauen, an wen muss ich mich wenden?“
Die Dame lachte herzhaft.
„Dann nimm doch Bausteine. Veralber mich doch nicht. Wie sind ein ernstes Unternehmen, wir gehen nicht auf Spielereien von Kindern ein.“
Sie klopfte mit einem Aluminiumkugelschreiber auf dem Tisch herum. Sie löste ein Kreuzworträtsel in der Zeit. Über den Alpha Link bekam er Wolf mit, der auf dem Klo versunken das gleiche Rätsel löste. Und er fühlte das Gefühl von Emilys roten Lippen auf seinen, als Kaz sie knutschte. Karl saß hinter Emily und guckte unter ihren Rock und frohlockte während Lucy an Ambers Bein knabberte.
Dieser Link war doch dämlich, er bekam alles mit was die anderen Idioten und diese dämlichen Haustiere anstellten. Die ersten Wochen hatte ihn das wahnsinnig aus der Fassung gebracht, jetzt geht es einigermaßen.
„Junger Mann, hörst du schlecht? Geh und treib deinen Schabernack woanders.“
Das Geklopfe dieses Stiftes ging ihm echt auf den Sack. Vielleicht sollte er ihn in ihrem Auge versenken, vielleicht hielt sie dann den Rand. Aber das war hinderlich bei seinem Vorhaben.
„Es ist mir ernst, ich will ein Haus bauen. Ich hab die CAD Pläne und ein paar Skizzen bei mir.“
„Ich bitte dich, geh bitte, sonst muss ich leider den Wachdienst verständigen.“
„Noch ein Wort und ich lasse sie feuern.“
„Na wie redest du denn mit mir. Wie ist dein Name, ich verständige jetzt sofort dein Eltern.“
„Na schön, dann eben auf die harte Tour. Jack Solomon, Sohn von Emma Solomon und Enkel von Herbert Solomon, dem Gründer von Solomon Industries. Der hat mit diesen Saftladen auch vermacht. Würden sie mir bitte ihren Namen und die Nummer der Personalstelle mitteilen?“
Die Dame erblasste und griff nach dem Telefonhörer. Sie nuschelte den Namen Simon in den Hörer, das sollte er natürlich eigentlich nicht mitgehört haben. Er hatte recherchiert. Simon war Herberts Partner seit Beginn des Unternehmens. Endlich jemand mit Fachkompetenz.
   Ein paar Minuten später erschien ein untersetzter grauhaariger Mann mit Halbglatze um die sechzig im Foyer und trat auf ihn zu. Jack wurde mit einem kräftigen Händeschlag begrüßt.
„Gestatten Simon Hirschweg. Ich bin hier der temporäre Leiter bis … naja bis du die Leitung hier übernimmst. Ich habe gehört du willst ein Haus bauen und hast die Pläne gleich mit. Komm mit wir gehen in einen der großen Säle. Dort haben wir auch die Möglichkeiten für einen VR Rundgang.“
„Super ich hab alles mit. CAD Dateien, VR Rundgang und Skizzen.“
„Und du bist achtzehn? Und der Sohn von Emma, ich bin gespannt.“
Jetzt war Jack ein ganzes Stück aufgeregt. Auf den Tag hatte er seit Wochen gewartet. Nach den endlosen Gesprächen mit Sahid, Akira und Amber hatte er ein bisschen gezaubert.
Sie betraten einen großen Raum, wie einen Hörsaal mit einem laufenden Beamer. Sie setzten sich auf einen der Ränge nebeneinander und Jack schloss seinen Laptop an den Beamer. Er machte ein paar Einstellungen und öffnete die Präsentation mit seinen Skizzen und Bildern, die er vorbereitet hatte.
Erst die Ganzsicht des Grundstückes aus verschiedenen Perspektiven und dann Detailbilder. Er hatte mehrere Tage und Nächte am Grafiktablet gesessen. Jetzt war er gespannt.
„Mhm, interessant. Renaissance, das ist natürlich das komplette Gegenteil von Emma und Herbert. Großes Grundstück, alle Achtung. Ich weiß noch die Diskussion mit Herbert als deine Mutter es unbedingt haben wollte, sie hat gewonnen. Die Zeichnungen sind wirklich gut, besser als die die von Emma und Herbert, wenn du weiter übst kommst du noch an Sebastian oder Jonathan heran. Mh, also abgetrennte Bereiche für Sport, Entspannung, Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Darf ich erfahren wer die Bewohner sind?“
„Gerne. Also ich mache Architektur und Malerei. Amber ist meine Freundin und sie möchte Tierpflegerin werden, dann meine Schw … Cousine Akira, sie ist hauptberufliche Youtubestar und Streamerin und ihr Freund Sahid, der macht Comedy und schreibt Bücher. Dann noch Gästewohnungen und Apartments für das Personal. Und das große Gehege für Lucys Leopardin, wir haben da eine Sondergenehmigung.“
„Sehr interessant und ich nehme an, die beiden jungen Paare wollen eine Familie gründen. Mh, äußerlich sehr interessant. Das wirkt ein bisschen wie eine Festung, aber ohne abweisend zu sein. Ich freue mich auf die Pläne. Sehr viel Platz und Möglichkeiten, wenn auch schwierig, weil es so nah am Wasser wird. Aber das ist nichts Neues für uns, immerhin haben wir einen Stadtteil hochgezogen.“
Jack freute sich über das Feedback und öffnete die CAD Pläne. Dutzende CAD Pläne der Etagen der verschiedenen Gebäude. Sein Sitznachbar musterte sie aufmerksam und kommentierte hin und wieder etwas oder stellte eine Frage.
„Achtzehn Jahre, gehst noch zur Schule und zeigst mir solche Pläne, die sind auf sehr hohem Niveau, alle Achtung. Ich kann dir jetzt schon sagen, dass ich dir einen Platz auf der Solomon Akademie reservieren werde, ganz gleich deines schulischen Abschlusses. Einverstanden?“
„Abgemacht.“
„Und jetzt bin brennend auf die VR Simulation gespannt. Stöpsele mal deinen Laptop aus und komm mit.“
Jack folgte Simon in einen anderen Raum mit mehreren omni-direktionalen Laufbändern und einer Mördermaschine von PC. Er schob seine Festplatte in eins der Laufwerke und auf dem Bildschirm lud die Simulation. Sie stiegen mit Handschuhen und Brillen bewaffnet auf die Laufbänder und betraten die Simulation.
   Jack stand vor einer Einfahrt mit einem geschmiedeten Tor. Neben ihm stand Simon. Neben der Einfahrt befand sich ein Eingang zu einem weitläufigen Grundstück. Er öffnete die Pforte und stand auf einem gepflasterten breiten Weg der an einer geteerten Straße entlangführte. Sie befanden sich im äußeren von drei Ringen. Links befand sich ein Haus mit einem Fitnessstudio im Inneren. Und einem kleinen Schwimmbad mit zwei fünfundzwanzig Meter Bahnen. im Tiefgeschoss.
Die Decke über dem Schwimmbad war nach außen hin verglast und draußen war eine ausladende Terrasse mit Sitzmöglichkeiten. Außen Renaissance innen Modern eingerichtet, aber mit verschnörkelten Zierelementen und Möbeln. Am Wasser war ein kleiner Pier mit einer vertäuten Jacht und einem Bootshaus und Gartenschuppen. Nicht zu vergessen das großzügig bemessene Raubtiergehege wo Lucy mit einem Panther spielte. Die KI der simulierten Katzen reagierte auf ihr Kommen und Lucy trat neugierig ganz nah an sie heran und musterte sie. Dann betraten sie durch die Einfahrt mit dem gemauerten Bogen den zweiten Ring. Links der Eingang zum Indoor Gehege der Katzen für schlechtes Wetter und Schuppen. Rechts ging es zu den Garagen, Werkstätten, Gewächshäusern und dem Landplatz für einen Helikopter oder Lambda Swordfish. 
Im ersten Ring in der Mitte waren das große Wohnhaus, das Gästehaus, Die Angestelltenquartiere und Wohnräume für Akira in Bodennähe. Rings um einen schön gestalteten Innenhof.
Sie sahen sich auch Innen alles an und gingen auch tief in den Keller.
Als sie wieder aus der Simulation ausstiegen wirkte Simon sehr zufrieden.
„Fabelhaft. Wirklich großartige Arbeit. Das ist erstklassig. Ich sag dir was. Wir gucken und deinen Entwurf nochmal bis ins kleinste Detail an und machen unsere Berechnungen. Ich würde ein paar Änderungen vorschlagen. Zum Beispiel kannst du so nah am Wasser viel davon mit in den Bau mit einfließen lassen und ich empfehle dir ein nukleares Gen 5 Kleinstkraftwerk, dann hast du viel Power und kannst Wasserstoff herstellen, als Brennstoff für Generatoren und Motoren. Ich habe gehört Horizon verwendet ein neuartiges Material namens Blaustoff um leistungsstarke wasserstoffbasierte Treibstoffe herzustellen. Und ein Reaktor dieses Typs ist Pannenfrei und die Brennstoffstäbe halten etwa vier Jahre und können grün recycelt werden. Fusion wäre theoretisch sicherer aber das liegt nicht in deinem Budget fürchte ich.“
Bei der Erwähnung von Blaustoff zuckte er unmerklich zusammen, aber das mit dem Kraftwerk fand er klasse. Simon schnallte um was es ihm ging. Unabhängigkeit und bereit sein. Und er wollte nicht in einem grauen Betonklotz alt werden.
„Wunderbar, ich sag dir Bescheid, wenn wir mit unserem Gegenentwurf fertig sind. Wenn du dann einverstanden bist, beginnen wir mit dem Bau und ihr könntet vor Weihnachten einziehen. Wir sind sehr fix.“
„Abgemacht, vielen Dank für ihre Hilfe.“
„Ich bitte dich es wird geduzt. Kein Problem, und bitte denk über die Akademie nach. Schlaue Köpfe wie dich werden immer gesucht. Ich führ dich raus.“
Im Foyer verabschiedete er sich von Simon und ging in die strahlende Sonne hinaus und radelte nach Hause.

Joschis Abenteuer – 1-3 – Beichte

Sonntag, der große Tag. Er hatte ein Date, dass er sich nicht ausgesucht hatte. Er mochte Dates nicht, die waren immer komisch, zumal er ja gar nicht nach einer Partnerin suchte. Ok, schon ein bisschen, aber die meisten Frauen in seiner Altersklasse wollten keinen kindischen Nerd als Freund und Partner haben Single-Papas schon gar nicht. Tja und er weigerte sich seit dreißig Jahren standhaft endlich erwachsen zu werden. Aber mit Lucy hatte es dennoch irgendwie geklappt, er hatte bis heute nicht so richtig verstanden wie ihm das gelungen war. Und jetzt hatte er eine dickköpfige Tochter, die ihrem alten Papa Dates auftrieb. Er seufzte.
„Ich bin dann mal weg, bitte sei brav!“
Er fühlte sich als wäre er zwölf, so von seiner fünfzehnjährigen Tochter angesprochen zu werden. Sie stand im Flur mit ihrem pinken (seine Mutter ihm und er seiner Tochter durchgeerbten) Wanderrucksack auf dem Rücken und winkte ihm zu. Dann nahm sie ihren Schlüssel vom Haken und verließ die Wohnung.
   Und jetzt? Er hatte den jetzigen und gestrigen Tag genutzt um die Wohnung penibel aufzuräumen, Bäder zu putzen, zu staubsaugen, Staub zu jagen und alle Böden nass zu wischen. Die Stofftiere hatte er vorsichtshalber alle in Lucys Zimmer verfrachtet, was seine Tochter gar nicht gut befunden hatte. Sie meinte nur, mit Anfang Ende Vierzig, sollte er zu seinen Hobbies stehen. Also hatte er alles wieder zurückgeräumt, womöglich war Frau Hofgärtner furchtbar und tonnenweise Stofftiere überall wären der effektivste Schritt jemanden loszuwerden, hoffte er. Dann war er im Keller und hatte vorsichthalber eine Packung Kondome aus der für Lucy bestimmte „Ich will nicht mit 50 Opa werden“-Schublade geglaubt und unauffällig in der Wohnung versteckt. Er hatte zwar gerade absolut keinen Bock auf Sex, aber man wusste nie was passieren konnte. Bei der Gelegenheit hatte er ein paar Flaschen Wein, die ihm seine Eltern empfohlen hatten, mit hochgeholt und im Kühlschrank Platz geschaffen um den weißen Wein kaltzustellen.
   Er war geduscht, zur Sicherheit gleich dreimal ausgiebig. Zweimal Zähne geputzt, zur Sicherheit mit Zahnseide und Elmex Gelee (technisch betrachtet war Sonntag, nur eben nicht Abend). Finger- und Zehennägel geschnitten, Brille gründlich geputzt, Deo aufgelegt, in irgendwelchen Ecken des Badezimmerschranks noch nach passenden Herrendüften gesucht, diesen aufgetragen und leger angezogen. Ein frisches schwarzes T-Shirt mit dem Logo seines Blogs auf der Brust, eine fast frische Jeans (eine Maschine mit drei von seinen Jeans lief gerade noch, das hatte er gestern vergessen) und schwarze lochfreie Socken. Jetzt war er fertig und es war gerade erst drei, also noch drei lange Stunden zum Date. Er war natürlich wie immer zu früh fertig. Das war wie eine dieser blöden Situationen wenn mittags sein ICE fuhr und er schon um halb zehn nichts mehr mit sich anzufangen wusste.
   Er war schrecklich nervös, mit solchen Situationen konnte er nicht umgehen, mit Lucys Mutter war das immer so unkompliziert gewesen. Er war gespannt wie die Dame so drauf war, besser er bangte. Das war wie Zahnarzt, man wusste bei einer Kontrolle nie, ob was Schlimmes war und wenn ja saß man tief in der Scheiße – oh er hasste Zahnarzt und drückte sich regelmäßig vor den halbjährlichen Kontrollterminen, während er sein Tochter jeden Abend zum Zähneputzen verdonnerte und danach auch noch kontrollierte. Sehr zum Verdruss seiner Tochter, aber er wusste es aus eigener Erfahrung besser. Gott sei Dank hatte sie keine Zahnfehlstellung(en) gehabt, anders als bei ihm, und Karies war nie ein großes Thema gewesen – überlegte er leise fluchend.
   Was nun? Ratlos überprüfte er den Sauberkeitsgrad der Wohnung, kontrollierte ob er die Kaffeemaschine gereinigt und mit frischen Kaffeebohnen bestückt hatte, checkte die Temperatur des Weißweins, guckte was er mit den Zutaten in der Küche spontan kochen konnte, schob den Katalogstapel auf dem Klo um ein paar Zentimeter gerade, räumte die Spülmaschine aus und hing die Wäsche in Lucys Zimmer auf (eigentlich machte er das im Wohnzimmer, aber seine Tochter war gerade nicht da und ihr Zimmer war größer als die Besenkammer, die man sein Schlafzimmer zu nennen pflegte). Dann sortierte er sinnlos irgendwelche Sachen, dekorierte die große Obstschale um und aß nervös zwei Bananen, spielte mit Stofftieren, untersuchte den LEGO Mindstorms Fütterungsautomaten in der Küche, wechselte das Wasser für Lucifer, drapierte Sofakissen, bezog ein paar der Kissen mit weniger nerdigen Bezügen und dachte über tausend Dinge nach, die er lieber machen würde, als den Abend mit einer womöglich sehr attraktiven Frau zu verbringen, die – schlimmer noch – womöglich auch noch etwas von ihm wollte.
   Er dachte nach. Samstag hatte er in seiner Werkstatt im Keller eine kleine Geschenkschatulle zusammengebastelt und ein paar geschmacklich nicht zu verstörende Edel Leckereien aus seinem Süßkramschrank geholt.
   Und jetzt? Er sah sich in der Wohnung um, dann tappte er ins Klo, kramte den Manufactum Katalog ganz unten hervor und zerstörte den eben penibel gerade gerückten Stapel und setzte sich damit in die Küche. Es war halb sechs. Schnell noch einen Kaffee. Er machte sich einen doppelten Espresso und leerte ihn auf ex. Etwas motivierter tappte er in die Rumpelkammer, rückte eine große Leinwand zur Seite (das vorletzte Weihnachtsgeschenk seines Bruders und er hatte einfach keine freien Wände mehr übrig, immerhin war das brüderliche Verhältnis nicht mehr so frostig wie früher. Er schenkte seinem Bruder meistens Whisky und Trockenfrüchte – bei der Brut schien er dankbar darüber zu sein) und öffnete den mittelgroßen, zwar nicht geheimen, aber semi-versteckten Kühlschrank und untersuchte das Arsenal an Energydrinks und Bier. Nach reichlicher Überlegung, merkte er sich die große Dose Red Bull Heidelbeere für später und schloss die Tür wieder. In der Küche blätterte er lustlos in dem Katalog, praktisch im Sekundentakt schoss sein Blick zur Küchenuhr. Um zehn vor sechs sprang er auf und lief rastlos in der Wohnung umher. Drei Minuten vor sechs … zwei … eine. Er stand vor der Wohnungstür und spähte mit einem Auge durch den Spion und mit dem anderen schielte er auf den Sekundenzeiger seiner teuren Sinn Taucheruhr.
   Sechs. Sie war nicht da. Zufall? Er verharrte reglos an der Tür und zählte die Sekunden. Bei fünf Minuten nach sechs ging er in die Küche, öffnete erst den einen Kühlschrank, dann den anderen. Er warf einen Blick auf den aufgeschlagenen Katalog und tappte ins Wohnzimmer. Draußen schneite es wie verrückt, die Straße und Gehwege waren halbherzig geräumt. Vielleicht war sie im Schnee stecken geblieben? Ob sie einen Autounfall hatte? Es war sieben nach sechs – möglich wärs. Er ging sein Smartphone suchen und checkte einen Livefeed für den Potsdamer Verkehr, nichts Ungewöhnliches. Nachdenklich legte er das Telefon weg und ging in der großen Wohnung umher. Er rückte ein paar Bilder gerade, musterte ein paar davon, tat so als hätte er sie noch nie zuvor gesehen und fing an schief zu summen. Sollte er Musik anmachen? Aber dann überhörte er womöglich die Türglocke und das wollte wohl keiner (doch!). Film gucken, vielleicht hatte sie sich ja verfahren. Ob sie überhaupt Auto fuhr? Wo wohnte sie überhaupt? Er sortierte die Stofftiere erst nach Farbe – was bei einem Haufen Krokodilen, Drachen und Waranen unerwartet schnell ging – dann nach Größe.
   Ein lautes Ringen schreckte ihn aus seinen Gedanken und er erstarrte vor Schreck, als hätte ihn jemand mit runtergelassenen Hosen auf dem Klo erwischt. Das war die Tür – oder war das die Tür? Auf Zehenspitzen eilte er zur Tür, hielt die Luft an und spähte durch den Spion. Eine Frau in einem modischen Wollmantel stand vor der Tür, sie war voller Schnee, den sie sich zaghaft abklopfte. Er atmete tief ein und aus – er hätte meditieren sollen – was nun? Er konnte sie schlecht im Regen … ähm … Schnee stehenlassen. Er wartete eine knappe halbe Minute um den Mut aufzubauen diese Tür zu öffnen. Dann griff er schrecklich nervös nach der Klinke und öffnete die Tür.
„Ähm … hallo, Äh … kommen Sie doch herein.“
Nuschelte er, warum versaute er das Opening immer? Zu seiner Erleichterung wirkte sie auch recht nervös und verlegen. Sie klopfte sich die eleganten Winterstiefel auf der „You shall not pass“ Fußmatte ab und trat ein. Sollte er ihr aus dem Mantel helfen – wie machte man sowas? Während er nachdachte was zu tun sei, trat sie an die Garderobe und streifte die schicke Wollmütze und den tollen Mantel ab, befreite sich von einem hinreißend roten Schal und hängte die Sachen auf. Sie trug einen Pullover aus ganz feiner roter Wolle und dazu dunkle Jeans und eine Halskette. Ihre blonden Haare waren kurz und ganz fein, ihre Augen waren intensiv grün. Von ihren Ohren baumelten opulente Ohrringe und sie war gekonnt geschminkt. In der Hand hielt sie einen Karton, der einer Weinkiste ähnelte. Sie sah ihn aufmerksam, wenngleich etwas unsicher an.
„Wohin?“
Ihre Stimme war angenehm voll, wenngleich ein bisschen kratzig – vielleicht war sie Raucherin.
„Küche oder Wohnzimmer?“
„Was ist besser?“
„Küche ist näher an den Snacks.“
Sie schmunzelte.
„Küche klingt gut. Das ist übrigens für dich.“
Sie reichte ihm die Weinkiste und er stellte sie in der Küche neben die Spüle auf die Arbeitsfläche. Ein frühes Weihnachtsgeschenk? Dachte er nachdenklich.
   Sie setzte sich auf die Eckbank, Lucys und Lucifers Lieblingsplatz. Unschlüssig stand er in der Gegend hin.
„Möchten S …“
Er brach ab, da Ihm auffiel, dass sie ihn eben geduzt hatte. Sie sah ihn fragend an.
„Möchtest du etwas trinken?“
Sie nickte.
„Darf ich einen Cappuccino haben, ich sehe da deine Wahnsinnsmaschine … bitte natürlich.“
Er nickte. Jetzt wo er in der Küche stand, fiel im siedend heiß ein, dass er keine Snacks vorbereitet hatte – Depp! Er machte ihr einen Cappuccino und für sich einen normalen Milchkaffee. Sie nahm ihn dankend entgegen und nahm einen Schluck, derweil nahm er auf dem Platz ihr gegenüber Platz. Sie sah ziemlich gut aus, aber er wusste nur zu genau, dass Makeup sehr viel ausmachte. Eigentlich sah sie so zu gut für ihn aus, fand er.
   Jetzt saßen sie sich gegenüber und tranken schweigend Kaffee, während die Stimmung Minute für Minute immer unangenehmer wurde. Nach zehn schweigsamen Minuten brach er das Eis mit einer blöden Frage.
„Was machst du so beruflich?“
Sie sah ihn aufmerksam an, schien aber erleichtert darüber, dass er was gesagt hatte.
„Ich bin Lehrerin für Schauspielerei und Physik an dem Gymnasium, auf das auch deine Tochter geht.“
Das wusste er sowieso, also warum fragte er so einen Quark?  
„Und du?“
Er trank einen Schluck Kaffee.
„Ich bin Hauptberuflich eigenständiger Buchhalter und nebenberuflich Autor und Blogger.“
Sie sah so aus, als ob sie das auch schon längst wusste … sie schwiegen sich wieder an. Der Kaffee war alle, die unangenehme Stille kam zurück.
„Hast du Hobbies?“
Fragte er, einen zaghaften Versuch wagend, Konversation zu betreiben. Es schien zu helfen.
„Mh, viele. Und viele die ich an der Schule nicht groß herausposaune. Mh, ich mache seit Teenager-Jahren Cosplay, Ich spiele Videospiele und gucke Filme und Anime, ich lese am liebsten Manga und Thriller. Kurzum ich bin sehr nerdig, spiele aber die stilvolle ernste Lehrerin im Berufsalltag.“
„Ich wollte immer schon mal Cosplay machen, aber es hat entweder am Geld oder am passenden Körper gemangelt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Du siehst doch ganz gut aus, wie kommt‘s?“
„Ich wollte immer schon den Captain Amerika machen, weil das meine Lieblings Marvel Figur ist, aber mit der Figur eines Kartoffelsacks hab ich mich das nie getraut.“
Sie schmunzelte.
„Ach so ist das, aber du siehst doch recht schlank und muskulös aus, mach‘s doch jetzt.“
„ich weiß nicht, ich bin fast fünfzig …“
Druckste er herum.
„Zählt nicht, in den Filmen ist Cap theoretisch neunzig … ich könnte dazu ein Black Widow Cosplay machen, würdest du dich dann trauen?“
Er sah sie überrascht an.
„Ernstgemeintes Angebot.“
Betonte sie.
„Echt?“
„Echt!“
„Hm, das überlege ich mir mal.“
Mit einer Mittvierzigerin Cosplay machen, Lucy würde ihm den Kopf abreißen.
„Meine Tochter wird aber nicht begeistert sein, wenn man sie noch mehr mit ihrem komischen Vater in Verbindung gebracht wird, wenn ich jetzt auch noch Cosplay mache …“
„Ich denke Lucy ist tough.“
Er hatte seine Tochter eher als Heulsuse und emotionalen Waschlappen in Erinnerung, gerade wenn sie ihren Willen nicht durchgesetzt bekam, fing sie schnell an zu flennen.
„Einspruch.“
„Fair, du bist der Papa. Übrigens finde ich Nerds sexy.“
Sie zwinkerte ihm aufmunternd zu.
„Das hat mir noch keine Frau gesagt.“
„Ich habs auch zu spät gemerkt.“
Ihre Miene verfinsterte sich und er wurde neugierig.
„Wie das?“
„Ach, naja. Zuerst einmal ich lese deinen Blog seit ein paar Jahren und habe alle deine Beiträge zur Manosphere und den Problemen mit der Damenwelt gelesen, zahlreiche Videos zu dem Thema gesehen und auch ein paar empfohlene Bücher gelesen. Und ich bin eben genau in meinen Zwanzigern so ein dummes oberflächliches Huhn gewesen, vor dem dort immer wieder gewarnt wird. Immer auf der Jagd nach einem echten Bad Boy und blind für die sympathischen Nerds dieser Welt. Wie soll man sagen, aus Fehlern wird man klug. Ich landete einen Treffer bei einem bösen Jungen und wurde bei einem One Night Stand unerwartet schwanger und prompt sitzengelassen. Da hatte ich dann die Schnauze voll von Männern, hab sie die ersten Jahre alle verteufelt und zu Unrecht in einen Topf geworfen und hatte alle Hände voll zu tun Job und Kind in den Griff zu bekommen. Das ist mir eher schlecht als recht gelungen und ich war froh über tolle Unterstützung meiner Eltern, die Gott sei Dank nah dran in Berlin wohnen. Und so bin ich Single geblieben, obwohl ich ganz genau weiß dass Kinder idealerweise beide Elternteile brauchen um sich optimal zu entfalten. Ich kenne auch zum Beispiel die Statistiken nach denen Kriminelle überproportional aus Haushalten ohne starke Vaterfigur kommen. Und meine Tochter Lena hängt mir schon seit Jahren in den Ohren, dass ich mir einen gescheiten Kerl suchen sollte, der Papa spielen kann. Und jetzt sitz ich hier.“
Er schmunzelte.
„Das kommt mir bekannt vor, gestern hat mir meine Tochter gebeichtet, dass ich ihr doch ganz dringend eine Mama finden soll und jetzt sitz ich hier.“
„Ich weiß, Lenas beste Freundin ist Lucy.“
„Echt?“
Er war sichtlich erstaunt.
„Lucy hat noch nie etwas von einer Lena erzählt.“
Sie runzelte die Stirn.
„Komisch, mir hat Lena alles über ihre beste Freundin und deren coolen Papa erzählt, sie ist eigentlich auch öfters bei Lucy – also dir.“
Er ging gedanklich die Namen von Lucys Freundinnen durch und wer in letzter Zeit öfter bei ihr war, wobei er tagsüber oft bis weit in den Abend hinein bei geschlossener Tür in seinem Büro hockte, so viel bekam er da eh nicht mit.
„Mh … Anna ist öfters mal hier und sie ist blond, also könnte es theoretisch passen.“
„Ja genau, meine Tochter heißt Anna-Lena, aber ich nenn sie nur Lena.“
„Das klingt schrecklich normal.“
„Ich weiß, ist mir auch peinlich, dass ich mir keinen coolen Namen ausgesucht habe, so wie Amber Lucy.“
Er schnaubte, die Namen seiner Tochter waren beide doof, aber dann grinste er.
„Ich wollte sie eigentlich Akira nennen.“
Sie schmunzelte.
„Akira?“
„Japp, ich finde den Namen cool.“
„Weil es der Name von Kaz Nichte ist – deinem Alter Ego aus deinen Büchern? Ich glaub für das arme Ding ist schon schlimm genug Amber zu heißen.“
„Das war der Wunsch ihrer Mutter, sie mochte schon immer meine obskuren Bücher. Ich hab mir Lucy für sie ausgesucht.“
„Ein schweres Erbe finde ich.“
Sie sah sich um, er sah ihren Blick.
„Snacks?“
„Mh, ja. Hast du vielleicht ein Bier – gerne dunkel?“
„Zufällig ja.“
Aus der Rumpelkammer holte er ein rundes Kilo Snacks und zwei kalte Flaschen Budweiser dunkel. In der Küche holte er ein paar Schälchen hervor.
„Soll ich dir helfen?“
Fragte sie etwas unsicher.
„Nene, ist gleich fertig.“
Ein paar Minuten später stellte er das Snack-Arsenal auf den Tisch und reichte ihr ein kaltes Budweiser.
„Danke sehr. Das sieht aber gut aus. Extra für mich gekauft?“
Er wollte fast schon ja sagen, dann biss er sich auf die Lippen und rückte mit der Wahrheit heraus.
„Ne, an Wochenenden und in den Ferien mache ich mit meiner Tochter Film- und Serienmarathons oder spiele nächtelang CoOp Games mit ihr, da snacken wir immer ziemlich viel. Und da jetzt zwei Wochen Ferien sind, habe ich extra großzügig eingekauft.“
„Wird man von solchen Mengen nicht fett?“
„Naja, die Sachen sind da, aber wenn man sie dort lagert, wo man sie nicht sieht und nicht so leicht rankommt, geht es eigentlich. Muss ja auch eine Weile halten. Da hilft nur eiserne Selbstdisziplin und ganz viel Bewegung. Ich gehe zweimal die Woche ins Fitnessstudio und ein- bis zweimal die Woche zwei Kilometer schwimmen, dazu noch alle zwei Wochen im Wald mit einem guten Freund Bogenschießen, das geht dann schon irgendwie mit dem Dauergenasche. Aber es hat gefühlt Jahrzehnte gedauert bis ich mich dazu überreden konnte, regelmäßig Sport zu machen.“
Sie nickte.
„Das klingt beeindruckend. Ich komme durch Arbeit und Tochter viel zu selten zum Sport und wenn dann eher Calisthenics oder Joggen. Glücklicherweise bin ich mit einem tollen Körper gesegnet, mit dem ich einfach nicht fett werde. Allerdings ist meine Schwäche Eis, das mache ich mittlerweile auch selbst und so eine Packung überlebt den Abend dann oft nicht. Meine Tochter kommt zwar optisch nach mir, aber sie hat es geschafft ein kleines Pummelchen zu werden, obwohl ich eigentlich aufpasse nicht zu deftig zu kochen und auch nicht so viel Süßkram kaufe. Das nagt sehr an mir und sie will auch um verrecken nicht einsehen, dass sie sich mehr bewegen muss.“
„Das ist natürlich sehr ärgerlich. Lucy war auch mal etwas dicker, aber dann hab ich alle Süßigkeiten weggeschlossen und wochenlang nur noch gesund und vegetarisch gekocht, zack war sie wieder normalgewichtig. Seitdem ist sie etwas achtsamer geworden und nach viel Überredung konnte ich sie beim Schwimmen anmelden. Mittlerweile ist sie sogar in der Schulmannschaft der Schwimmer und nimmt an Wettbewerben teil, auch wenn es ihr peinlich ist, wenn ich sie anfeuere. Das macht mich sehr stolz, weil ich sowas als Kind nicht gemacht habe. Gut ich hab einmal bei einem LEGO Wettbewerb teilgenommen, aber da war ich vielleicht elf oder so. Danach nie wieder. Erst mit Ende zwanzig habe ich mich getraut, bei Schreibwettbewerben mitzumachen, mit wechselnden Erfolg, aber darüber habe ich später einen Buchvertrag ans Land gezogen, der mir meine frühen Dreißiger nicht ganz so miserabel gemacht haben.“
Sie sah ihn aufmerksam an und legte den Kopf etwas schief.
„Was ist eigentlich mit Lucys Mutter?“
Er schluckte und betrachte resigniert die Bierflasche in seinen Händen, dann sah er ihr fest in die Augen und räusperte sich.
„Sie ist tot.“
Ihre Augen wurden riesig groß und sie schlug sich eine Hand vor den Mund.
„Oh, Gott, das ist ja furchtbar!“
Er nickte unmerklich und nahm einen tiefen Schluck.
„Wie lange ist das her?“
Fragte sie zaghaft.
„Sie ist zwei Tage nach Lucys Geburt gestorben, in meinen Armen. Das ist jetzt bald sechzehn Jahre her.“
„Oh nein, wie furchtbar, wart ihr lange in einer Beziehung?“
Er zögerte, die Geschichte die ihm auf der Zunge lag, hatte er nicht einmal seiner Tochter erzählt. Sie würde ihn bestimmt hassen, wenn er das erzählte – seine Tochter auch. Er atmete tief ein und schluckte.
„Wir waren nicht in einer Beziehung, wir waren einfach nur Freunde. Sie hieß Meggie und ich kannte sie etwa ein Jahr. Wir haben uns bei einem Selbsthilfegruppe-Treffen kennengelernt, zu denen ich damals sehr sporadisch gegangen bin. Ich fand sie sympathisch und weil ich nicht wusste, ob sie öfter dabei sein würde, hab ich eine Stunde lang Mut angesammelt und sie dann sehr schüchtern und stammelnd gefragt, ob ich sie auf einen Kaffee einladen könnte. Sie hat mich nur verdutzt angeguckt und ich dachte „Toll, hast dich mal wieder bei einem hübschen Mädel zum Affen gemacht.“ Aber dann hat sie warmherzig gelächelt und eingewilligt und sie ist den ganzen langen weiten Weg zu mir in die WG gekommen und wir haben Kaffee getrunken, Chips gemampft und uns die halbe Nacht über Filme und Spiele unterhalten. Wir haben Nummern getauscht und uns dann regelmäßig getroffen und was zusammen gemacht. Wir … ähm … sie war meine erste im Bett, aber wir haben daraus nichts Ernstes gemacht, wollten wir beide nicht. Naja ich schon, aber ich hab mir das einfach nicht zugetraut und nie den Vorstoß gewagt. Dann hat sie mich ein gutes Jahr später zum Geburtstag überrascht und wir haben nach Torte, Steaks, Eis und zu viel Alkohol miteinander geschlafen.“
Er brach ab und seufzte schwer, die Erinnerung lastete schwer auf ihm.
„Zwei Wochen später hat sie mir gebeichtet, dass sie schwanger ist und dann trotzig gesagt, dass sie das Kind behalten wird und mit mir großziehen möchte.“
Er schniefte und wischte sich eine einzelne Träne weg.
„Ich war überrumpelt und panisch und stand unter Schock. Damals war mein Leben nicht so einfach, hab mit mir selbst und die ganze Zeit meinem Schweinehund gekämpft und ich hatte dauernd kein Geld und dann will sie einfach ohne Vorwarnung eine Familie gründen. Ich war ein richtig übler Arsch und hab sie zurückgewiesen, ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen und versucht sie aus meinem Leben zu verbannen. Ich bin vor der Verantwortung, mein Leben in den Griff zu bekommen davongelaufen und dachte ich könnte das überstehen, indem ich den Kopf in den Sand stecke und so tue, als bekomme ich nichts mit. Meggie hat immer wieder versucht mich zu kontaktieren, zweimal hat sie sogar einen Brief geschrieben. Ihre Freunde haben auf mich eingeredet, aber ich blieb stur, leichtsinnig und uneinsichtig. Wie so oft hab ich meinen Eltern verschwiegen, dass ich Mist gebaut habe, aber ich hab mich nicht getraut, das war dumm von mir, nach 47 Jahren weiß ich, dass sie hundertprozentig hinter mir stehen, egal in was für Schwierigkeiten ich stecke. Nein ich hab es unter den Teppich gekehrt und so getan als wäre nichts passiert. Ich wollte nie Kinder, sie haben mich lange Zeit regelrecht angewidert, muss ich einräumen. Die Monate verstrichen und ich hab versucht mein beschissenes Leben zu führen und mich auf meinen Abschluss konzentriert und danach darauf gut die Probezeit im neuen Job zu überstehen. Daneben hab ich irgendwie weiter gelebt, aber die Schuldgefühle haben mich von innen heraus aufgefressen. Ich hatte Alpträume und Angst-Attacken. Konnte nicht mehr richtig schlafen und hab nur daran gedacht, dass ich den beschissen größten Fehler meines Lebens begehe. Dann kurz vor Weihnachten, ich hatte gerade meinen Rucksack gepackt um wie jedes Jahr meine Eltern zu besuchen, kam der Anruf. Unbekannte Nummer, aber ich hab zum Glück abgehoben. Es war ihre Stimme, aber sie klang so entsetzlich schwach, sie hat geweint und mich angefleht jetzt bei ihr zu sein. Bei dem Tonfall in ihrer Stimme sind meine Schutzmauern, die ich mir in den letzten neun Monaten gegen sie aufgebaut habe, einfach weggebrochen und ich bin sofort ins Krankenhaus und hab mich angespannt zu ihr durchgefragt. Es war ein Schock sie zu sehen. Ich kannte sie nur energetisch und voller Leben. Sie war kugelrund, schwanger mit einem Mädchen. Kurz darauf setzten die Wehen ein. Die Geburt war furchtbar und hat sich ewig hingezogen. Dann war alles vorbei, Weihnachtsabend um sechzehn Uhr, also pünktlich zur Bescherung kam Amber Lucy zur Welt. Meggie war zu schwach um den Säugling zu halten, sie war völlig ausgelaugt. Zwei Tage später ist sie an Entkräftigung gestorben. Sie hatte immer schon so eine Erbkrankheit und das plus die anstrengende Geburt hat sie nicht gepackt. Und ich war plötzlich Papa und in dem Moment ganz allein. Es war für mich als wären ich und Lucy die einzigen Menschen auf dieser Welt.“
Er beendete seine Geschichte und leerte die Bierflasche in einem Zug. Er sah ihr nicht in die Augen sondern studierte krampfhaft das Etikett der Flasche, aber die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen als ihm Tränen über die Wangen strömten. Nach einer guten Minute Schweigen sah er auf. Sie weinte ebenfalls. Unbeholfen stand er auf und ging zur Spüle, griff nach der Rolle mit Küchenpapier und reichte sie ihr. Dankbar nahm tupfte sie sich die Augen. Er schnäuzte Rotz und Tränen in ein Papier und knüllte es zusammen. Sie saßen ein paar stumme Minuten einfach so da.
„Ähm“
Sie zögerte.
„Wie ist es danach weitergegangen?“
Er war ein bisschen erleichtert, dass sie nicht aufgesprungen und einfach gegangen war.
„Ich war so allein, einsam und allein im Krankenhaus. Ich war auf die Situation nicht vorbereitet, ich hab mich gefühlt wie ein Fahranfänger, den man in eine Formel-1 Kiste gesetzt hat und erwartete er solle jetzt das Rennen gewinnen. Lucy war ziemlich schwach und die Ärzte waren davon überzeugt, dass sie es nicht schaffen würde. Da lag sie rosa und so entsetzlich zerbrechlich in einem Bettchen. Ich hatte so Angst um sie, denn sie war das einzige, das mir von Meggie blieb. Ich wusste, dass ich meinen Eltern irgendwann Bescheid geben musste, die waren ohnehin schon ganz außer Sorge, weil ich nicht wie abgemacht gekommen bin. Mein Vater hat mich jeden Tag angerufen was denn los sei und ich hab ihn jedes Mal mit einer noch krampfhafteren Ausrede abgewimmelt und so getan als wäre alles ganz wunderbar. Dabei hätte ich am liebsten geheult und alles sofort gebeichtet, aber ich … ich weiß nicht … es war dumm ihnen nicht zu vertrauen. Das hätte ich nicht tun dürfen. Lucy hat zum Glück den Willen von ihrer Mutter, von mir hat sie den nicht, und hat sich durchgekämpft. Dann hab ich den ganzen Tag Mut aufgebaut und meinen Vater angerufen. Ich hab gesagt, dass etwas passiert ist und ich dringend seine Hilfe und die meiner Mutter brauche. Ich wusste, dass in seinem Kopf die Alarmsirenen geheult haben musste und er fragte mich erstaunlich ruhig, was denn passiert sei. Ich konnte nichts sagen, ich hab einfach nur dagestanden und angefangen zu flennen. Nach einer Minute hab ich dann gestammelt, dass ich jetzt Papa bin und nicht weiß was ich machen soll. Mein Vater war unerwartet gelassen und hat gesagt, dass alles gut sei und er sich gleich ins Auto setzen würde und zu mir kommt. Ich war perplex, ich hatte erwartet, dass er mich anbrüllt, aber er blieb ganz ruhig, wie ein normaler rationaler Mensch, der mit einem unerwarteten, aber lösbaren Problem konfrontiert hat. Am Abend desselben Tages war mein Vater mit einem Babytragekorb, weiß nicht wie man die nennt, unter dem Arm, einer Reisetasche über dem Rücken und dem verblüffend strahlenden Lächeln, von jemanden der gerade Opa geworden ist. Wir haben gepackt, uns bei einem Imbiss gestärkt und haben die kalte Klinik verlassen. In der WG hat mir Papa die Basics im Umgang mit Babys gezeigt und hat sich ein Hotel in der Nähe gesucht. Meggie wurde eine Woche später auf dem städtischen Friedhof begraben und nach der Trauerfeier bin ich mit Papa und Lucy zu ihnen nach Hause gefahren, sie wohnen ein paar hundert Kilometer von Potsdam entfernt. Fakt war, dass ich ein Kind nicht in einem winzigen WG Zimmer einer Zweck-WG aufziehen konnte. Also bin ich temporär bei meinen Eltern gezogen, die ein … ein großes Haus ganz für sich allein hatten, nachdem die Brut ausgezogen war – ich, meine Sis und mein kleiner Bruder. Meine Mutter war vorwurfsvoll und meine Eltern haben übel geschimpft, weil ich mal wieder eine große Sache verschwiegen hatte, aber als ich am Ende heulend vor ihnen saß, haben sie geschwiegen und mich tröstend in den Arm genommen. Papa fand den Namen Lucy ganz lustig, aber meine Eltern waren einstimmig der Meinung, dass der Name Amber eine blöde Entscheidung gewesen war. Ich hab bei meinem alten Job gekündigt und mir bei meinen Eltern in der Nähe einen neuen Job gesucht. Derweil ging in der Verwandtschaft die frohe Botschaft um und alle wollten die Kleine sehen und mithelfen. Zu Lucys zweiten Geburtstag habe ich verkündet, dass ich mich selbstständig machen und mir eine größere Wohnung in Potsdam suchen würde, die ich schon seit Monaten ausgekundschaftet und eigentlich auch schon hatte. Alle meine Freunde haben beim Umzug geholfen und auch wenn ich in den ersten beiden Jahre kaum schwarze Zahlen geschrieben habe, war die Entscheidung zur Selbstständigkeit die richtige Entscheidung. Als Lucy vier wurde lief es schon viel besser und ich habe mir eine Sinn Taucheruhr gegönnt und einen alten Opel Mokka angeschafft. Zurück zum Papa sein. Es ist die Pest. So schlimm wie ich befürchtet hatte und schlimmer als ich es mir je erträumen konnte. Mein Vater war in den ersten Jahren immer genervt, weil er als einziger Lucys nächtliches Geschrei gehört und um seinen kostbaren Schlaf gebracht wurde. Und Mama fand es nicht so toll, dass ich mich vorm Windeln wechseln gedrückt habe. Ich hab festgestellt, dass Kinder haben heißt, dass Freizeit eigentlich nicht mehr existiert. Ich wurde in die mir völlig fremdartige Welt von Babynahrung, Windeln und Dauergeschrei geworfen. Und Lucy war und ist die Pest. Ich liebe meine Tochter über alles, versteh mich bloß nicht falsch, aber es gibt Situationen wo sie echt das allerletzte ist. Gerade jetzt als Teenager – nur bockige Sturheit, Tränen und Drama. Netterweise hat mein lieber Bruder ähnliche Erfahrungen mit seinen Töchtern gemacht, so haben wir uns wieder irgendwie zusammengerauft.“

Ende Teil 3