Das Osiris Projekt – Teil 2 – Kapitel 14

14. Kaz – 2.W.Dez. 2045 – Donnerstag – Platzprobleme

Er strich sanft über Akiras Arm während sie schlief. Die Ärzte in der Klinik hatten sich heftig gewehrt. Aber Akira war jetzt zuhause und wurde von allen umsorgt. Ausgerechnet Dora vom dicken Fisch kümmerte sich um sie, aber als Ärztin und Physiotherapeutin konnte sie Akira bestimmt am besten helfen.
Horizon wollte heute jemanden schicken, der die weiteren Schritte besprach. Das Mädchen schämte sich entsetzlich, dass man ihr bei allem helfen musste, aber so war das nun mal und Dora war exzellent, wie man es von einem Geist erwartete.
   Akira hatte stark verquollene Augen und weinte jeden Tag. Er hatte leider recht gehabt, es war für sie schlimmer als der Tod und ihre Zukunft lag in den Sternen. Was war für sich schlimmer, nicht mehr laufen rennen und klettern zu können oder keine Kinder? Wahrscheinlich war beides gleich schlimm.
„Papa?“
Er war zwar ihr Onkel, aber sie nannten ihn gerne Papa und er hatte nichts dagegen.
„Ja Liebes? Geht es dir etwas besser?“
„Weiß nicht, kannst du mir ein Glas Limo holen?“
„Die Vertreter kommen gleich, wie wäre es wenn ich dich unten zum Esstisch trage und du bekommst du deine Limo.“
„Abgemacht, aber sei vorsichtig, es ist noch lange nicht alles verheilt.“
Behutsam trug er Akira die Treppe herunter und setzte sie sorgfältig auf einen gepolsterten Stuhl. Als er sich sicher war, dass sie nicht vom Stuhl fiel holte er ihr etwas zu trinken. Dann saßen sie sich eine ganze Weile gegenüber und warteten. Anna setzte sich zu ihnen und ergriff Akiras Hand, Tränen rollten dem Mädchen über die Wangen. Kaz stand auf und umarmte sie von hinten.
„Alles wird gut meine Liebe. Wir unterstützen dich bei allem.“
Die Tür öffnete sich und Emily verschwand kurz in die Garderobe, dann gesellte sie sich zu ihnen.
Eine weitere halbe Stunde warten und die Türglocke läutete. Kaz kletterte über das Geländer und ging unten ran. Er öffnete und ein Schwall Aftershave überfuhr ihn. Vor der Tür standen Ralf Horrowitz und Amanda Hopf. Er führte sie nach oben. Wie bekam man diesen Trampel dazu, sich nicht so sehr einzunebeln. Das war ja noch schlimmer als Johnny, als er Helena gedatet hatte.
„Guten Abend die Herrschaften. Entschuldigung die Verspätung, aber das Militär ist immer noch sehr strikt was die Luftraumüberwachung angeht. Mein Name ist Ralf Horrowitz und das ist Amanda Hopf, Leiterin des Augmentierungszentrums. Aufgrund der Schwere des Falles hat man uns sofort uns kontaktiert. Im Falle Ihrer Situation sind wir persönlich bei Ihnen erschienen.“
Akira schwieg und biss sich auf die Unterlippe. Amanda übernahm das Wort und legte ein Gerät auf den Tisch. Sofort erschienen Bilder auf der Tischoberfläche.
„Du bist Akira, stimmts? Ich gehe mit dir deine Optionen durch. Zuerst die einfachste Variante. Der Rollstuhl. Es gibt einfachere, aber auch hochmoderne mit vielen Komfortfunktionen.“
Akira schüttelte heftig den Kopf. Weitere Bilder.
„Dann die elektrischen Rollstühle. In ihrem Falle würde sich der Treppensteiger eignen. Ein Sechsbeiniger Läufer für Treppen und unwegsames Gelände. Der ist etwas hochpreisiger.“
„Ich will meinen elendigen Körper nicht durch die Gegend schieben, ich will laufen können.“
Amanda wechselte Blicke mit Ralf.
„Dann landen wir leider im hochpreisigen Segment, dass sich die meisten Menschen nicht ohne weiteres leisten können. Und zwar Exo-Suits und Augmentierungen. Der Läufer zum Beispiel. Eine Hose mit Gelenken und Motoren, mit der du Gehen, ein bisschen Laufen und Treppensteigen kann.“
„Und wenn ich klettern und rennen will?“
„Diese Option schlagen wir eigentlich nur Leuten mit Amputationen vor. Künstliche Beine. Eine sehr intensive Operation, nach der du dich wieder ganz normal bewegen kannst. Allerdings wird es jegliche Hoffnung auf einen Kinderwunsch zunichtemachen.“
Akira lächelte krampfhaft während sie heftig weinte. Emily umarmte das Mädchen. Sie hatte so eine Augmentierung und auch sie hatte sich immer Kinder gewünscht und durfte sie nie bekommen.
„Es gibt allerdings noch eine Sache. Noch im Prototyp Stadium und du wärst erst die fünfte Patientin. Wir nennen sie intern nur die Haut. Das ist ein hauchdünner Ganzkörperanzug, der mit Milliarden von Naniten bestückt ist, die deinen Körper langsam reparieren. Damit wirst du wieder rennen, klettern, schwimmen und auch Kinder bekommen kannst. Leider ist diese Methode extrem teuer.“
Akira hatte aufgehört zu weinen und hörte aufmerksam zu. Sie zog Kaz am Ärmel.
„Darf ich fragen, wie viel genau, diese Methode kostet?“
Fragte er.
„Das lässt sich nicht so einfach sagen, aber im dreistelligen Millionenbereich definitiv.“
Anna, Emily, er und Akira schluckten heftig, aber Akira wirkte entschlossen.
„Das will ich. Wann geht’s los?“
Amanda starrte sie entgeistert an und Ralf wirkte schwer überrascht.
„Einen Moment, erst müssen wir einen Termin für einen Körperscan arrangieren und die Haut ist eine Maßanfertigung, die braucht einige Monate in der Herstellung. Wie wäre es mit Ende Februar und die Operation ist dann für Frühjahr angesetzt. Die machen wir bei Horizon USA in Austin, Texas.
Flug erster Klasse und Unterbringung für dich und eine Begleitperson ist im Preis mit inbegriffen.“
Akira nickte gefasst.
„Ja so möchte ich das machen, auch wenn es mein Erbe auffrisst, aber mein Körper ist mir wichtiger als das doofe Geld.“
Da war was dran. Er warf einen Blick auf Emily. Liz hätte von dieser Technik bestimmt profitieren können oder? Nein, sie hatte ja diese merkwürdige Krankheit.
   Ralf und Amanda verabschiedeten sich nach einer Weile und Kaz brachte sie zur Tür. Endlich war dieser eingenebelte Typ weg. Er holte Akira und setzte sie auf eins der Sofas. Für die Übergangszeit würde Akira einen Rollstuhl nehmen, aber erst wenn ihre Brüche verheilt waren. Fürs erste würde Kaz sie durch die Gegend tragen, schwer war sie ja nicht.
„Stinkt der Typ immer so?“
Emily nickte schwer.
„Mein Chef ist zwar sehr fachkompetent, aber er riecht immer so, als er hätte er die ganze Flasche Duftwasser über sich ausgeschüttet. Persönliche Unterredungen werden echt zur Qual.“
„Und er ist die totale Memme. Der ist doch null durchsetzungsstark.“
„Das stimmt, ich hab mal seinen Computer geknackt und mich drauf umgesehen. Der muss sich echt hochgeschlafen haben, bei der Kompetenz in Sachen Sicherheit.“
„Wie? Das verstehe ich nicht.“
„Wessen Passwort Johnny4Ever ist und ein Bild von Johnny auf dem Schreibtisch steht. Entweder waren sie beste Freunde oder ein heimliches Pärchen.“
„Hat er schlau angestellt, schwängert seine ‚Freundin‘ um die Erbfolge zu sichern und lässt sie zuhause als Hausfrau vermodern, während er sich mit seinem schwulen besten Freund vergnügt.“
Akira war völlig entsetzt und ihr kamen wieder die Tränen.
„Papa war Mama die ganze Zeit nur untreu? Dieses Arschloch.“
„Mit Bestimmtheit wissen wir es nicht, aber es wäre doch naheliegend.“
Akira dachte nach.
„Hab ich eigentlich Führungspotential?“
„Leider nicht, Amber hat das auch wenn sie zu selten übt.“
„Tja mir scheint es, als könnte ich mein normales Leben mit der vierzig Stunden Woche gar nicht genießen. Mein Chef ist eine Memme und Amanda will ihr Team nicht im Stich lassen. Vielleicht sollte ich wieder CEO werden, wenn das Board mich wählt. Ich hab diesen Job lange genug gemacht und er hat mir leider Spaß gemacht. Aber erst wenn diese Spinnenfotze weg ist. Sonst knallt die mich noch ab wie sie es bei Kaz versucht hat. Würdet ihr mich denn unterstützen?“
„Klar, unterstützen wir dich. Wir organisieren dir den Haushalt und kochen für dich. Schade, dass ich dich nicht auch noch heiraten kann. Einer im Haushalt muss eben das Geld verdienen. Auch wenn sich die Bücher für meinen Geschmack gerade viel zu gut verkaufen. Und darfst so viele Perücken und Pelze und anderen Schrott horten wie du willst.“
„Willst du mich also wieder zurück haben? Den Quatsch mit der Glatze und der weißen Haut und den roten Kontaktlinsen und dem Nazioutfit lasse ich aber sein.“
„Das geht schwer in Ordnung. Darf ich dich Küssen?“
„Ich bin zuerst dran.“
Akira sah ihn etwas verstört an, als sich Anna und Emily eng umschlungen räkelten.
„Gewöhn dich an den Anblick, Akira“
Sagte er mit etwas Resignation in der Stimme.
   Ein bisschen Normalität gefällig? Bei den Neuwahlen hatte die neue Mitte mit Wilhelm Bluhm an der Spitze vernichtend gewonnen und hatte die Mehrheit der Sitze im Bundestag, auch wenn der in Ruinen lag und gerade wiederaufgebaut wurde.
   Die ersten Gesetze waren bejubelt gewesen. Verankerung des Rechtes auf freie Meinungsäußerung im Grundgesetz, Anti-Clown Maßnahmen, Aufhebung von Gesetzen zur Unterdrückung von Sprache und Entschärfung der Waffengesetzte. Wie in den USA durfte man jetzt als Zivilist verdeckt eine Waffe tragen. Ohne Five-Seven ging er gar nicht mehr aus dem Haus.
   Die Waffenkäufe besorgter Bundesbürger gingen durch die Decke und wurden regelrecht gehortet.
Und was links sehr viele Kontroversen ausgelöst hatte war die starke Förderung der Bundeswehr. Die Förderung der GSG9 war auch nicht gering gewesen. Und die Polizei in der Hauptstadt wurde nach der Umfangreichen Säuberungsaktion schwer unterstützt und die Akademie ertrank in Anfragen.
   Aber was glaubt ihr denn, wer die neue Mitte gewählt hat. Ein Ehemaliger Elitesoldat als Bundeskanzler, das hatte große Aufregung ausgelöst.
Und er glaubte, das hatte Wilhelm aus Purer Bosheit inszeniert. Militärparaden mit stolz marschierenden Soldaten und den neuen Leopard 3A2 Kampfpanzern und Omega Avengers und Shockwave und Scorpion Radpanzern in Bundeswehr Flecktarn. Mit Staffeln von Orcas, Bullsharks und einigen Belugas der Luftwaffe über den Köpfen der jubelnden Massen.
   Die alte Regierung hatte geschäumt vor Wut und in der Presse ging es rund. Man sprach vom vierten Reich. Aber das interessierte doch echt niemand mehr. Die Animals hatten ausgelöst, dass Patriotische Bundesbürger aller Hintergründe, Kulturen und Hautfarben durch die Straßen des Landes zogen. Mit Deutschlandflaggen und die Hymne schmetternd. Linke und rechte Gruppen veranstalteten Straßenschlachten. Die mittigen Animals hielten sich raus und feierten.  
   Menschen trafen sich in Gruppen auf öffentlichen Plätzen und diskutierten ohne Gewalt intensiv zu Themen und Ideen. Sprecher wurden in Universitäten eingeladen um zu gar nicht so kontroversen Sachen zu sprechen. Das war in der Vergangenheit nur im Darknet wirklich so in der Form möglich gewesen.
   Man hatte Sahid in das Kulturhaus von Berlin Solomon eingeladen. Er hatte vor über tausend Leuten sein Programm gespielt und es wurde herzhaft gelacht. Mit den Einnahmen hatte er seine Freundin Akira ins Haus der Welt eingeladen.
   Und dann wurden sie von den Schergen dieser Spinnenfrau attackiert. Gerade dann, wenn Leben wieder richtig Spaß zu machen drohte.
„Papa, könntest du auf akrobatische Einlagen verzichten, wenn ich nicht gehen kann?“
Oh, sein Sprung über das Geländer von vorhin. Stimmt, das war ihr gegenüber echt verletzend.
„Versprochen Kleine. Möchtest du dein Abendessen mit uns oder allein in deinem Zimmer genießen?“
„Ich würde gerne mit euch essen, wenn das möglich ist.“
Anna trennte sich sanft von Emily und setzte sich neben Akira.
„Klar darfst du das. Du musst nur selber abschätzen ob du dich fit genug fühlst. Du hattest einen schweren Autounfall und musst dich schonen. Dora wird heute Abend vorbeikommen und sich um dich kümmern. Ok Liebes?“
Kaz bekam Akiras Reaktion nicht mit. Emily kniete auf ihm und küsste ihn leidenschaftlich.
Das war bestimmt eine Riesenerleichterung für sie mit dieser komischen Beziehung. Emily wohnte jetzt quasi auch hier. Und Klara auch, wenn auch nicht ganz freiwillig. Sie hatten es nach dem Attentat auf Ihn, Jack und Akira beschlossen und in Großer Besetzung die Wohnung ausgeräumt und die Zweitwohnung damit eingeräumt.
   Aber Emily, er und Anna teilten sich das große Bett und Klara wollte mit Karl spielen. Also waren sie hier jetzt zu neunt. Suzi brachte Emily und Klara jeden Tag zu Horizon und zurück. Kaz fuhr Amber und Jack jeden Tag zum BIT und holte sie auch persönlich ab.
   Sie standen alle unter Hausarrest um Angriffen vorzubeugen. Das Personal kümmerte sich um alles. Aber Besuche im Center, im Haus der Welt und unten Im Schwimmbad und Fitnessstudio waren erlaubt. Jeden Tag wurden sie von Lien und Merlin kulinarisch umsorgt.
   Er setzte sich auf und schubste Emily spielerisch von ihm runter. Er freute sich nicht unbedingt aufs Bett, das er mit zwei hungrigen Löwinnen zu teilen schien. Die Absprache war gewesen, entweder ohne ihn zu zweit oder mit ihm zu dritt. Da er schlecht auf beide verzichten wollte, war die Lösung eindeutig auch wenn es ihn etwas resignierte. Es war schon etwas anstrengend, wie ihn die beiden belagerten und ihn außen vor ließen, wenn er mal keine Lust hatte. Natürlich war er immer Schuld, wenn er keine Lust hatte oder einfach mal keinen Sex wollte. Da verstanden sich die beiden Biester wunderbar. Mittlerweile verwendete er Ohrstöpsel, wenn er die beiden im Bett ausblenden wollte.
Ab und zu machte er sich bei Jack oder in einem Gästezimmer bequem.
   Er sah auf. Yusuf war zu spät oder? Er stand auf und ging zum Fenster, da zockelte die schwere Zugmaschine unten an der Straße vorbei und fuhr zum Lieferanteneingang, äußerst langsam.
   Eine Viertelstunde später war er oben, schwer mit Taschen bepackt und mit Nadja im Schlepptau. Ihr klebte ein großes Pflaster auf der Stirn und sie wirkte etwas wackelig.
„Nadja wurde überfallen und man hat ihre Wohnung völlig verwüstet, kann sie erstmal bei uns bleiben?“
Natürlich durfte sie und Kaz sagte Merlin Bescheid, dass sie heute zu zehnt essen würden während Yusuf die Sachen nach oben brachte. Nadja ließ sich auf dem Sofa neben Akira nieder.
   Der Avenger X5 wird immer kleiner. Selbst mit Jacks Defender war es jetzt eng. Er bräuchte vielleicht ein kleines Update, Xen war ja zum Glück gleich nebenan.
   Und es machte ihm Sorgen, dass Emily und Klara tagsüber nicht so gut geschützt waren. Das Horizon Gelände war zwar gut geschützt, aber wenn er die Sicherheitslücken ausnutzen konnten, dann andere definitiv auch. Und dieser Hampelmann Ralf hatte ihn einen Tag vor Weihnachten erneut eingeladen. Irgendwie hatte er bei der Sache ein ganz mieses Gefühl.

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