Das Osiris Projekt – Teil 2- Kapitel 5

5. Jack – 4.W.Aug 2045– Montagmittag.

Einmal nichts tun war auch nicht schlecht. Die letzten Tag hatten sie wie ihre geschuftet, den Krempel von der einen in die andere Wohnung zur schleppen, zumindest das was ging. Er wusste gar nicht dass sie so viel Zeugs hatten. Und dann die Auflösung ihrer alten Zimmer. Er hatte lange auf den großen Blutfleck im Wohnzimmer gestarrt. Seine leibliche Mutter war tot.
   Aber Anna hatte ihm in den paar Tagen so viel mütterliche Wärme gegeben, dass er sie automatisch nur noch Mama nannte, was sie sehr zu freuen schien. Sein neues eigenes Zimmer mit dem riesigen Bett und einem Schreibtisch mit einer Dockingstation für sein Spectre Gaming 12.
Und erst oben die Zimmer mit dem Streamingequipment. Was allein die Rechner kosteten. Für Akira total genial, die gleich begonnen hatte alles zu testen und einzustellen und zu Streamen, natürlich mit ihrer regenbogenfarbenen Langhaarperücke auf dem Kopf. Die Streamingräume und das Studio waren schallgedämmt und man hörte tatsächlich nichts. Und es gab Lampen außen, die einem sofort sagten ob gerade aufgenommen wurde oder nicht – sehr praktisch.
   Ob er das auch mal probieren sollte? Naja wirklich gut war er leider nicht. Akira sah ja leider nicht nur richtig gut aus, sondern spielte auch auf erstklassigem Niveau.
   Aber der Knüller war der kleine Kinosaal mit vierundzwanzig Plätzen mit einer riesigen Videothek. Und der Automat für Softdrinks und der andere für Popcorn. Unfassbar, schade, dass Kaz nicht da war.
   Amber hatte natürlich nur Augen für die junge Leopardin Lucy und ignorierte ihn fast. Lucy und Amber kuschelten trotz der Hitze, die man drinnen nicht spürte, auf Pelz und er schlief allein in seinem zu großen Bett.
   Dafür kam es gut an, dass er jetzt einen coolen aufgemotzten Defender fuhr. So war das Platz Problem mit dem Avenger X5 geklärt. Aber er hatte noch einem erzählt was für coole Extras die Kiste hatte. Die war nämlich auch autonom unterwegs. Und das war ein fetter vierhundert PS Dieselmotor unter der Haube. Er hatte sich die Anleitung dazu durchgesehen und die Erklärungsvideos geguckt und alles angesehen. Das war zwar kein Panzer wie der Avenger. Aber der Defender würde ihn aus der einen oder anderen brenzligen Lage retten. Er rieb sich schon die Hände bei dem Gedanken, den mal so richtig zu Testen.
„Magst du dein Eis nicht?“
Amber riss ihn aus seinen Gedanken. Sie hatte Lucy auf dem Schoß und warf einen begierigen Blick aus seinen Tropenbecher. Sie saßen auf der Dachterrasse des Haus der Welt. Am Tisch neben ihnen saßen Sahid und Akira, die mal wieder schmusten und dahinter eine etwas einsame Anna, die in einem Buch las. Warum hatte sie eigentlich eine Brille auf, wenn sie keine brauchte? Yusuf flirtete mit der Kellnerin die ihm gerade einen Eiskaffee gebracht hatte und sah sehr selbstzufrieden aus. Durfte er auch sein, denn er hieß jetzt Yusuf Solomon und war offiziell Teil der Familie.
Der Link war so seltsam. Er konnte mit dem Defender und mit seinem Assistent sprechen ohne den Mund zu öffnen. Das war sehr praktisch.
„Nein das ist meins. Bestell dir und diesem verfressenen Vieh noch einen, wenn du so scharf drauf bist!“
Seine Stimmung war durch Ambers Verhalten mit dieser ‚Katze‘ nicht sehr rosig. Amber war eingeschnappt und sprang auf um mit Lucy spazieren zu gehen.
   Man hatte ihnen mitgeteilten, dass sie die Sondererlaubnis für die Aufzucht dieser Leopardin hatten und sie angeschirrt draußen herum laufen durfte, aber als Großkatze nur noch mit Maulkorb. Unter dem Tisch stieß im Karl gegen das Bein und zischte.
„Ja sorry, aber sie geht zu weit mit ihrem Gehabe. Stimmt doch? Sie hat kaum mehr Zeit für mich.“
Der Waran sah ihn an und machte eine Bewegung als würde er mit den Schultern zucken. Mittlerweile gewöhnte er sich daran, dass dieser Waran abnormal schlau war und ihn verstand.
Er schob sich einen Löffel mit Mango Eis in den Mund und schmatzte zufrieden. Da vernahm er aus der Ferne plötzlich gigantisch donnernde Turboprop Triebwerke und ein viel mächtigeres noch tieferes Grollen. Er blickte auf und sah das wahrscheinlich größte Flugzeug der Welt. Ein gigantisches Monster neben dem die vier Lambda Belugas ziemlich klein aussahen. In einem Kilometer Höhe donnerte es über sie hinweg. Und dahinter kam eins allein ohne Geleitschutz mit einem winzig wirkenden Swordfish unter dem Bauch. Hoffentlich durfte er irgendwann mal in dieses gewaltige Monster reingucken.
   Er runzelte die Stirn. Die Luftfahrtmesse war doch schon gewesen, was machte diese Kiste also in Berlin? Der Swordfish landete gerade auf dem Flugdeck und er sah Kaz aussteigen. Es war so krass dass er so gut sehen konnte nach dem Cocktail vor ein paar Tagen. Er winkte Kaz zu und der winkte zurück und trabte die Strecke vom gelandeten Flieger zu ihnen hin. Auf dem Weg begrüßte er Amber und Lucy.
„Na, habt ihr mich schon alle vermisst?“
„Onkel Kaz, du hast diesen irren Flieger verpasst.“
Kaz grinste nur und küsste seine Verlobte, dann wandte er sich wieder zu ihnen.
„Nennt mich größenwahnsinnig, aber das ist UNSERE Wahnsinnsmaschine. Ich war völlig geplättet als Lambda mit den geschenkt hat. Johnnys letzter großer Spaß. Dagegen sehen die amerikanischen Flugzeugträger winzig klein aus. Die Wal Haie kommen mit einer sehr kleinen Mannschaft aus weil Wartung und Instandhaltung von unzählbaren Mengen von Naniten organisiert wird. Dann gibt es für jeden nervigen Job einen dedizierten Roboter, der den Job macht. Dazu wird das ganze Schiff von einer KI gesteuert. Das ist der helle Wahnsinn. Es fühlt sich an wie ein Traum, wie wenn du Star Citizen spielst und eins der großen Schiffe steuerst. Das ist der helle Wahnsinn und innen drin verirrt man sich andauernd und es sieht aus wie in einem Raumschiff. Es ist unbeschreiblich. Wir müssen unbedingt mal eine Tour machen. Der dicke Fisch, so hab ich den Hai genannt, hat einen eigenen Hangar, eine Werft, schleppt ein U-Boot mit sich herum und hat eine riesige Garage ausgerüstet mit allem was Omega zu bieten hat, darunter auch einen Shockwave und Skorpion Radpanzer, das sind irre Dinger. Man würde eine Crew von zehntausend Leuten erwarten, aber die Minimalbesatzung liegt bei zehn Leuten. Aber wir haben Platz für etwa zweitausend Besatzungsmitglieder. Die Barracken für die Familie sind in etwa so groß wie die Doppelzimmer auf dem BIT Internat.
Bis wir die offizielle Freigabe bekommen, wird das Teil auf dem Militärflughafen vor Berlin intensiv geprüft. Aber ich glaube nicht, dass sie uns den wegnehmen werden. Das war Johnnys Plan, er hat fünf Wal Haie und zwanzig Belugas für einen Spottpreis an Deutschland verkauft, wenn wir unseren eigenen Wal Hai bekommen würden. Schade, dass er es nicht mehr selbst erlebt hat. Ich hab auf dem Weg zurück schon die News gecheckt und man ist völlig außer sich, dass Deutschland jetzt die stärkste Luftflotte Europas hat, nur die Amis haben natürlich mehr Wal Haie. Ich find’s gut, dass Deutschland jetzt in der Lage ist sich zu wehren.“
Das war ziemlich krank, wenn man darüber nachdachte. Der musste ein Vermögen gekostet haben. Und länger als ein Nimitz Klasse Flugzeugträger. Auf einmal kamen ihm seine eigenen Neuigkeiten mit dem Wagen gar nicht mehr so toll vor.
„Wir haben in der Zwischenzeit die Wohnung umgeräumt und uns ein bisschen eingelebt.“
„Wunderbar, das ist hervorragend. Ihr habt schon alle den Link und den Cocktail bekommen?
Am besten packen wir jetzt zusammen, befüllen die Wagen und düsen zur Fabrik. Tut mir Leid, dass ich sie dir wieder entreißen muss Sahid. Wirst du abgeholt?“
Sahid machte ein resigniertes Gesicht und nickte nur. Die Fabrik? Juhu und gleich Heute, das war ja fabelhaft, endlich passierte was. Ihm war diese korrupte Drecksstadt Leid, auch wenn die Bewohner von Berlin Solomon feierten wie Blöde. Schnell aß er sein Eis auf und ging mit Karl nach unten.
Akira drückte ihrem Freund einen intensiven Abschiedsschmatzer auf den Mund und folgte ihnen. In Windeseile hatten sie gepackt und saßen in den Wagen. Er und Amber im Defender und der Rest im Omega. Der Dicke würde die Führung übernehmen und sie hinterher.
   Die Tiere blieben zuhause, Lucy hatte Traurig gewirkt. Der Waran und die Katze. Wenn es eine Tigerin wäre, würde es besser passen. Wie in dem Buch gewissermaßen.
„Ich hab uns einen Snackkorb gemacht und hinten steht eine Kühlbox.“
Amber hatte es ihm offenbar verziehen, dass er sie vorhin so angeraunzt hatte. Er drehte sich zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf den Mund.
„Du bist eine tolle junge Frau. Ich eine Decke für dich eingepackt, du weißt schon was.“
Sie strahlte und reichte ihm eine kalte Coladose. Sie düsten auf die Autobahn und folgten dem Omega in etwas Abstand. Der Defender fuhr autonom, während er ein tolles von Amber selbstgemachtes Sandwich mampfte. Sie würde eine tolle Hausfrau abgeben dachte er sich. Wer wohl zuhause bleibt, wenn wir Kinder haben?
„Hast du schon mal an Kinder gedacht?“
Fragte er sie.
„Ich weiß nicht, ich denke wenn ich mit der Schule fertig bin und vielleicht studiert habe. Aber ich will definitiv Kinder haben, mit dir natürlich. Und wenn du die Babys übernimmst, vielleicht auch schon früher. Schon mal darüber nachgedacht Hausmann zu spielen oder von zuhause zu arbeiten?“
„Immer locker meine Gute, erstmal möchte ich meine neue Familie erleben, bevor ich eine selbst gründe. Aber mindestens zwei Kinder, abgemacht?“
„Abgemacht, Ripper. Gefährlicher Name. Jack the Ripper.“
„Ganz anders als du Spot.“
Er zwinkerte ihr zu und sie tat so als würde sie schmollen.
„Hast du gehört, dass eine neue Regierung gewählt werden soll. Wilhelm Bluhms die neue Mitte, die praktisch über Nacht gegründet wurde, steht wohl hoch im Kurs.“
„Wäre definitiv interessant einen ehemaligen KSK Befehlshaber in der Regierung zu haben. Der hat wenigstens Erfahrung und ist keine hohle Flasche.“
„Die Partei soll hohe Sachkompetenz haben und gut durchmischt sein. Und patriotisch.“
„Genau die richtige Mischung für die Nation würde ich mal schätzen. Übrigens dein Sandwich ist erste Sahne. Du bist gut in sowas. Weißt du schon deine Tarnidentität?“
„Keinen Schimmer und du?“
„Ich glaube ich studiere Architektur mit nem Einschlag von Bauingenieurskram. Dann lerne ich die Schwachstellen von Gebäuden und Strukturen.“
„Aber du wolltest doch zum KSK!“
„Ja schon, aber als Geist kann ich auch als Architekt Soldat sein. Außerdem bin ich das Emma irgendwie schuldig. Ich schätze sie vermacht mir Solomon Industries, das muss ich auch irgendwie zu würdigen wissen. Auch wenn ich nicht weiß ob ich dazu was tauge. Ich habe meine Zeichensachen wieder ausgegraben und geübt und mir eine CAD Version für Gebäude besorgt. Daran werde ich arbeiten, wenn wir wieder zurück sind.“
„Das finde ich toll, auch wenn ich nicht glaube, dass das etwas für mich sein könnte.“
„Muss es ja nicht. Du hast ja noch fast drei Jahre Zeit um dir was zu überlegen. Ich mache nächstes Jahr Abitur. Falls die Schule wieder öffnet.“
„Das wird sie ganz bestimmt, auch wenn ich es sehr cool finde, dass wir erstmal freigestellt sind. Für Training und so, da vorne musst du übrigens links.“
„Ich weiß, auch wenn ich die Strecke zum ersten Mal selbst fahre. Mal gucken ob die Russen und Chinesen wirklich weg sind.“
Sie fuhren die Straße durch den dichten Wald und erreichten nach einer Weile die Fabrik. Alles war Menschenleer. Er stellte den Wagen neben dem Omega ab und stieg aus.
   Kaz rief sie alle zu sich.
„Wir sind jetzt alle sechs bereit für den Ernstfall. Sechs Geister, wie haben alle die Mischung in uns. Jetzt trainieren wir richtig. Die Bundeswehr hat mir eine Sondergenehmigung für dieses Gelände ausgestellt. Wir üben erstmal nur zu sechst. Bis wir uns blind auf den anderen verlassen können. Für größere Operation helfen und die anderen aus, aber das ist momentan nicht so wichtig.
Wir üben verschiedene Einsatzmuster. In erster Linie infiltration, direkten Kampf und Feuerschutz. In der Hinsicht sind wir ziemlich gut aufgestellt. Und ihr habt alle einen brandneuen Anzug, der auf eure Rolle zugeschnitten ist. Wir haben doch ein paar Stunden Sonne. Wir gehen ein Stück in den Wald rein und errichten unser Camp. Wir werden fürs erste Kochen. Wir Großen sind Rationen ja schon gewohnt und ihr habt im April eine Kostprobe bekommen. Ich weiß noch nicht wie lange wir trainieren werden, aber haltet euch auf Abruf. Wir müssen jederzeit alles zusammenpacken und weiterfahren können müssen. Morgen früh startet der Testparcours um zu testen ob der Cocktail schon Wirkung zeigt. Also dann los geht’s.“
Schnell packten sie das ab, was sie brauchen würden und gingen in den Wald. Zwei Zweimanzelte, ein Einerzelt und eine Hängematte. Er ließ die Decke in der Tasche auf dem Hänger. Fürs schmusen war später Zeit. Oder doch? Er ging zurück und holte die Decke. Für dich Amber.
   Über einem Lagerfeuer kochte Anna einen gut riechenden Eintopf, der gut schmeckte und noch für einen großen Nachschlag für jeden reichte. Später im Zelt frohlockte Amber und kuschelte sich eng an ihn.
„Sag nicht du kuschelst mit Lucy lieber als mit mir.“
Amber lachte.
„Das nicht, aber Lucy hat so ein schönes Fell und du nicht.“
„Bist du aber gemein, komm her.“
Er küsste sie sanft auf den Mund und schlang die Decke um sie beide. Schade, dass sie erst sechzehn war. Ob sie nicht doch die Regel brechen sollte. Amber schien dasselbe zu denken.
„Das machen wir zuhause, versprochen?“
„Versprochen.“
Dann schliefen sie eng zusammen gedrängt ein in einen geruhsamen Schlaf.

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