Joschis Abenteuer – 1-1- Schlechtes Gewissen

Die Kurzgeschichte hat es in sich, denn sie ist fast so lang, wie alle meine bisher veröffentlichten Kurzgeschichten zusammen. Deshalb hab ich sie in 5 Episoden aufgeteilt. Darüber hinaus hat sie es in sich, weil Protagonist Joschi mein Alter Ego ist und ich mir überlegt habe, wie es wohl werden könnte, wenn ich mit Ende Vierzig eine bockige Teenagergöre erziehen würde. Und es ist mal wieder eine schlimme Liebesgeschichte geworden. Papas und Mamas finden sich vielleicht in den Figuren wieder. Los geht’s.

*

Joschi sah vom Bildschirm auf und griff nach dem Kaffeebecher, ziemlich guter Kaffee, nur leider nur noch lauwarm. Missmutig schob er sich die Brille ein Stück weiter hoch und sah auf die Uhr, fast acht und das an einem Freitag. Madam verspätete sich wie immer. Sein Telefon vibrierte und er warf einen kurzen Blick auf die Nachricht. Dann speicherte er seine Arbeit, fuhr den Rechner runter und schob den Stuhl zurück. Er stand auf und ging in die Küche, schüttete den lauwarmen Kaffee in den Ausguss. Er warf einen Blick in den Kühlschrank, auf den größeren der beiden ziemlich riesigen Kühlschränke, es war immer schon ein kleiner Traum gewesen zwei Kühlschränke zu besitzen und das, obwohl er keinesfalls reich war. Ok er war aber auch nicht arm und es hatte wenigstens für eine schöne große Fünfzimmerwohnung mit Balkon, Stellplatz und ungewöhnlich großem Keller im verflucht teuren Potsdam gereicht.
   Seine Finger zögerten vor der Flasche mit Cola, er sah auf sein dezentes Bäuchlein, das vom T-Shirt gut kaschiert wurde. Seufzend zog er die Finger zurück, machte den Kühlschrank zu und griff sich stattdessen eine Banane. Immerhin hatte er heute schon den Wochenendeinkauf erledigt, früh um neun als nur Rentner den REWE verstopft hatten, aber Freitag einkaufen war immer schon Mist gewesen. Diesmal hatte er Ernie bis unters Dach mit Leckereien vollgestopft.
   Banane mampfend sah er aus dem Fenster, es schneite wie nicht gescheit. Unten auf der Straße hielt ein Auto. Er entsorgte die Schale, wusch sich die Hände und tappte barfuß in den Flur, es lebe die Fußbodenheizung. Auf dem großen Whiteboard hakte er ein paar ToDo Punkte ab und schrieb „Ernie Freikratzen“ für Morgen auf – so hatte er seinen alten, gebrauchten Opel Mokka genannt. Blödes Ding, wurde abgesehen von Feiertagsbunkerkäufen nur bewegt, wenn er zu IKEA (häufig – allein wegen dem Essen), seinen Eltern (zweimal im Jahr) oder in den Urlaub (einmal im Jahr) fuhr. Der REWE war in zehn Minuten erreicht und aus Faulheit nutzte er seit Jahren deren super praktischen Lieferservice, außer er brauchte spontan was ganz bestimmtes, aber da lief er oder nahm sein Lastenrad (obwohl er eher Fahrrad-Muffel war). Da drehte sich ein Schlüssel hörbar im Schloss und die Tür öffnete sich, er fing an zu grinsen und drehte sich langsam zur Tür.
„Du bist wie immer zu spät Mausbär!“
Vor ihm stand ein Mädchen, recht groß gewachsen, dunkelhaarig und hübsch, eingepackt in dicke Wintersachen und mit einem grünen Rucksack auf dem Rücken. Sie furchte die Stirn.
„Nenn mich so Papa! Oder soll ich dich alter Sack nennen?“
„Können schon, nur kannst du dann deine Wäsche selber waschen.“
„Bloß nicht, das kann ich gar nicht.“
„In deinem Alter konnte ich das auch nicht. Aber das hier ist nicht Hotel Papa, wirf deine Wäsche wenigstens in den richtigen Korb, die sind nach Farben sortiert. Du schmeißt immer alles bei weiß rein, was am seltensten gewaschen wird und heulst rum, wenn ich dein Zeug nicht wasche, selber schuld. Und jetzt erzähl mal warum du so spät bist. Heute war letzter Tag vor den Ferien und eigentlich hättest du laut Plan schon um eins Schluss gehabt. Jetzt ist es viertel vor acht und du hast das Abendessen verpasst! Da wird wohl jemand hungrig ins Bett gehen und über die Konsequenzen von Unzuverlässigkeit nachdenken.“
Er stemmte energisch die Hände in die Seite und sah seine Tochter betreten zu Boden sehen. Sie sah ihn kurz trotzig an, dann kickte sie ihre Schuhe in die Ecke und schob sich an ihm vorbei ohne ein Wort zu sagen. Eine Tür knallte und es herrschte Stille. Sie erinnerte ihn sehr an seinen Bruder, dickköpfig und stur wie eh und je. Aber ein schlechtes Gewissen hatte er dann doch, sie so angeraunzt zu haben. Sie hatte es nicht so leicht in der Schule und er machte sie auch noch zur Sau, toller Vater. War es nicht Aufgabe der Eltern ihre Kinder zu unterstützen?
   Auf Zehenspitzen schlich er zu ihrem Zimmer und hielt sein Ohr an die Tür. Bestürzt hörte er wie sie leise schluchzte. Fuck, du bist der beschissenste Vater auf der Welt! Leise tappte er in die Küche, machte die Tür zu und stellte eine Pfanne und ein paar Töpfe auf den riesigen Herd. Es ging das Gerücht um, dass er endlich Kochen gelernt hatte, jedenfalls war er dem Eintopf-Komplott entronnen und kochte mittlerweile sehr gerne mit Fleisch. Und vor ein paar Jahren hatte er angefangen die Gerichte nachzukochen, die er am liebsten auswärts aß und war mit dem Resultat ganz zufrieden.
   Er machte ein bisschen Drei Fragezeichen an und putzte Pilze und Gemüse. Gegen neun verteilte er die Pilzsoße über dem großen Steak medium rare und drapierte das gedünstete Gemüse drum herum, der Salatteller stand bereit und im Kühlschrank wartete ein Riesen Pott mit frisch selbstgemachten Schokopudding, während die Vanillesoße in einem heißen Wasserbecken warmgehalten wurde. Er garnierte gerade ein Glas Cola mit einer Zitronenscheibe, als die Küchentür aufging.
„Papa, es tut mir leid … was machst du denn da?“
„Ich hatte ein schlechtes Gewissen Amber, also hab ich dir was zu essen gemacht.“
Amber, es war nicht seine Entscheidung gewesen, ihre Mutter war ein großer Fan seines ersten Buchs. Nicht unpassend, wo Kaz im Buch ja gewissermaßen sein Alter Ego war. Er hatte ihr den Zweitnamen Akira geben wollen, aber da hätte ihm seine Mutter den Kopf abgerissen, so war ihr Zweitname Lucy – auch wenn er so auch ein Katze benannt hätte, stattdessen gab es Lucifer, einen depressiven schwarzen Kater, der die Tage verpennte.
„Hör auf mich so zu nennen, ich bin Lucy!“
„Tut mir leid, ist mir so rausgerutscht.“
„Aber du musst doch nicht gleich so zaubern, ein Sandwich hätte bestimmt auch gesättigt.“
„Komm setz dich erstmal hin, während ich mir auch etwas auftue. Ich hab mich ein halbes Jahrzehnt von Eintöpfen und Sandwiches ernährt, irgendwann muss man auch mal was Richtiges essen. Außerdem sind Ferien.“
Sie setzte sich auf ihren Lieblingsplatz auf der Eckbank, die unter Kissen und Stofftieren ertrank (größtenteils seine Stofftiere).
„Du musst dir echt nicht so viel Mühe machen!“
„Du bist meine Tochter, ich gebe mir alle Mühe die ich kann.“
Er machte eine Pause.
„Nächstes Mal bestell ich uns was vom Inder.“
Lucy schien ihn gar nicht zu hören.
„Aber das ist manchmal echt peinlich. Immer fragst du was ich mache, du gibst mir keine Freiräume und bist immer so komisch, wenn ich nicht pünktlich zuhause bin, so wie heute. Du bist die Definition von Helikopter-Papa, du bist noch schlimmer als Opa!“
Betrübt sah er auf seinen Teller. Es stimmte schon irgendwie, was sie sagte.
„Wo warst du denn dann?“
Sie hielt inne sich eine voll beladene Gabel in den Mund zu schieben und sah ihn verlegen an.
„Öhm, nicht so wichtig. Ich … ähm.“
„Du hast einen Freund?“
Sie wurde rot, dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich bin mit Jungs so erfolgreich wie du mit Frauen.“
Autsch. Er zog eine Grimasse und sie zwinkerte ihm zu.
„Woran liegt es?“
„Ist doch klar, ich bin total nerdig und Gamerin – woran das wohl liegen mag? – und irgendwie hab ich den Eindruck, dass alles sofort mit mir ins Bett will, wenn raus ist, dass ich zocke … größtenteils böse, böse Egoshooter … und das obwohl ein Mädchen bin. Das hast du doch in einer von deinen ganz alten Kurzgeschichten geschrieben, die mit Ralf und Rosa, dass sie nicht will, das man sie auf ein Podest stellt und so. Und naja, ich bin ja nichts Besonderes oder so.“
„Was ist dein Rang in Counterstrike?“
Sie schob sich leicht verdutzt die Gabel in den Mund und schien kauend nachzudenkend.
„In meinem Alter war Onkel Johnny schon fast Global Elite, soweit bin ich leider noch nicht. Warum?“
„Nur so, Counter Strike war eh nie meins, Battlefield schon eher.“
„Wann spielen wir mal wieder Battlefield zusammen?“
„Da wird sich schon eine Gelegenheit finden. Du rückst also nicht mit der Sprache raus, was du heute gemacht hast?“
„Uhm, es ist ein Geschenk für dich.“
„Du brauchst sieben Stunden um ein Geschenk zu suchen? Jetzt machst du es aber spannend.“
Lucy wurde rot und tuschierte es mit einem Schluck Cola.
„Wie lief Schule?“
Ihre Miene verfinsterte sich.
„Bin froh diese Arschgeigen zwei Wochen nicht sehen zu müssen!“
„So übel?“
„Sehr. Irgendwie bin ich in der Krise, meine alten Freundinnen sind total zu so schicki-micki Gören verkommen, da ist keine dabei, mit der man Abenteuerausflüge in den Wald unternehmen könnte. Oder eine für einen nerdigen Mario Kart Nachmittag oder eine Partie Borderlands im CoOp. Die labern nur über Typen, Lifestyle, Mode und Makeup. Die interessieren sich gar nicht mehr für mich. Stattdessen werde ich gefühlt von allem angebaggert, was eine Zielhilfe zwischen den Beinen baumeln hat. Ich fürchte Mama war ganz gutaussehend, an deinen Genen kanns ja nicht liegen.“
Sie streckte ihm die Zunge raus.
„Und dann habe ich noch diese dumme Brille von dir, die mich nur noch mehr wie ein nerdiges Hoppel-Häschen aussehen lässt.“
Er lachte.
„Wenn du wüsstet, was für Vollkatastrophen bisher an dir vorbeigeschlittert sind, also wäre ich an deiner Stelle froh über die Brille.“
Sie machte ein zerknirschtes Gesicht und trank noch einen Schluck Cola.
„Gibt’s noch mehr?“
Sie deutete auf das Glas.
„Ein paar Kästen im Keller schätze ich, hab das nicht so nachgeprüft. Mittwoch war die Getränkelieferung, die haben ja einen Schlüssel und haben das alte Zeug gleich mitgenommen.“
„Aha, also sechs Kästen stilles Wasser für Pussies, vier männliche Kästen Budweiser, zwei Kästen Tonic Water und eine Europalette Coca Cola.“
Er ging im Kopf die Bestellung von letzter Woche durch und zählte gedanklich die Kästen.
„Geht in die richtige Richtung. Aber das Wasser ist für den Kaffee, der schmeckt so gut mit stillem Wasser gebrüht – alle meine Clienten schwärmen davon, dass es bei mir den besten Kaffee gibt. Und du hast vier Kästen mit diversen Säften vergessen, Silvester gibt es Cocktails.“
„Aber ich bin doch erst fünfzehn!“
„Wann hat dich dein leichtsinniger Papa Doom spielen lassen? In ein paar Tagen bist du sechzehn, wenn du schon Doom auf Nightmare spielst, darfst du auch ruhig mal einen alkoholischen Cocktail probieren.“
„Ich erinnere mich, ich hatte wochenlang Alpträume. Aber es war schon cool.“
„Und vergiss nicht, kein Wort zu deinen Großeltern!“
„Was bietest du dafür?“
Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Weihnachtsgeschenke.“
Bemerkte er trocken und säbelte sich ein Stück Steak ab. Ihr Lächeln verschwand.
„Blödmann.“
„Zicke.“
Sie aßen schweigend. Es schien ihr zu schmecken, das war die Hauptsache. Er fragte sich, was sie wohl ausheckte. Ein Geschenk für ihn. Sie schenkte ihm meistens Gutscheine, Süßigkeiten, Plüschtiere oder LEGO. Er ihr auch und Hardware zum Aufrüsten für ihren PC. Weihnachten und gleichzeitig Lucys Geburtstag waren am Mittwoch, also noch fünf Tage warten, um zu erfahren welches Attentat sie auf ihn bereitet hatte. Er ahnte böses.
„Passt noch etwas Nachtisch rein?“
Sie sah ihn überrascht an.
„Was gibt’s denn?“
„Schokopudding mit warmer Vanillesoße.“
„Ich seh schon, du willst mich mästen.“
„Immerhin brauchst du einen Anreiz, ins Fitnessstudio und zum Schwimm-Training zu gehen. Papa zahlt doch eh und ist patzig wenn du nicht hingehst.“
„Ist gut, ich geh auch so hin.“
Er häufte ihr ein großes Stück Pudding auf und ertränkte es in Soße, dann reichte er es ihr. Sie machte sich mit sichtlichem Genuss darüber her.
„Und was hast du so heute gemacht?“
„Vormittags hatte ich Clientengespräche hier vor Ort, zwischendurch war ich einkaufen und nachmittags hab ich in der Küche schwer geschuftet und ein bisschen was geschrieben, Gandhi in Civilisation geärgert und Drei Fragezeichen gehört.“
Sie schien hellhörig zu werden.
„In der Küche geschuftet? Was denn?“
„Zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es Sauerbraten mit Klößen und Rosenkohl – schön sauer mit viel Essig, danach haben wir einen Tag zum Verdauen und Aufräumen und dann besuchen uns meine Eltern über Silvester.“
„Du willst echt das ich fett werde!“
„Vielleicht wirst du dann nicht mehr so oft angebaggert.“
„Das ist doof, können wir nicht vielleicht irgendwas Leichtes essen?“
„Willst du etwa Brot zum zweiten Feiertag?“
„Nein, so meinte ich das auch nicht.“
„Salat?“
„Nein.“
„Hamburger mit Süßkartoffelpommes?“
Sie sah ihn einen Moment an.
„Ok, ich geh zum Schwimmen und ins Studio.“
„Na geht doch. Erwartest du etwa Tofu-Brätlinge, dann bist du im falschen Haushalt gelandet. Die findest du nämlich des Öfteren bei deinem liebreizenden Onkel und deinen beiden noch liebreizenderen Cousinen auf dem Tisch.“
„Ist auch gut so, dass wir sowas nicht essen. Ist immer schlimm, wenn die in der Mensa einen veganen Tag einlegen. Ist doch meine Entscheidung was ich esse. Das will ich nicht aufgezwängt bekommen. Bei Steaks sind jede Menge Gemüsebeilagen dabei, das reicht völlig aus.“
„Das ist meine Tochter, soll ich die Cola auffüllen?“
„Ne, haben wir Kakao?“
Er lachte.
„Du fragst DEINEN Vater ob wir Kakao haben?“
„Stimmt, das macht keinen Sinn. Ich hätte dann bitte einen doppelten Indian Chai.“
„Kommt sofort.“
Er stand auf, holte zwei Bierkrüge aus dem Schrank, versenkte einen Liter Milch in einem Milchtopf und rührte Lucys und seinen Lieblingskakao von Zotter an. Sie räumte derweil ungewohnt brav die Spülmaschine ein – normalerweise machte sie nichts, in Worten nichts in Zahlen Null im Haushalt.
„Wo soll ich dir den Becher hinbringen?“
„Ins Wohnzimmer, können wir nicht ein bisschen Mario Kart spielen oder was gucken?“
Er warf einen Blick auf die Wanduhr über der Tür, es war zehn und das Planungsbüro unter ihnen hatte seit sechs Weihnachtspause.
„Mh, The Raid eins und zwei?“
Sie schien nachzudenken.
„Zwei“
„Ok, dann bis …“
„Nein Moment, ich wünsch mir doch lieber Zoomania.“
„Ok, überstimmt. Dann hole ich dir eine kuschlige Flauschdecke.“
„Nicht doch Papa, die hole ich selbst. Darf ich mit Moby knuddeln?“
„Darfst du.“
Sie schoss aus der Küche und er verrührte weiter den Kakao. Fünf Minuten später schlüpfte er ins Wohnzimmer und reichte Lucy einen der Krüge, sie nahm ihn, in eine flauschige Kunstpelzdecke gewickelt (mehr konnte er sich guten Gewissens nicht leisten, aber die waren trotzdem nicht billig), entgegen – gerade flimmerte das Disney Logo über die zwei Meter Bildschirmdiagonale. Lucifer pennte seelenruhig auf der gepolsterten Fensterbank (seinem Lieblingsplatz) und schien sie nicht die Bohne zu beachten. Er setzte sich neben sie und legte einen Arm um seine Tochter.
„Das ist peinlich Papa.“
„Das müssen Papas aber ab und zu machen, weißt du?“
Er verstellte seine Stimme und griff nach dem dicken Plüschkrokodil Moby in ihrem Schoß.
„Dein Papa hat dich lieb, du Rotznase!“
Lucy lachte.
„Ist ja schon gut Papa, können wir jetzt den Film gucken?“
„Alles klar.“
Er nahm den Arm zurück und betrachtete den Stapel Plüschtiere neben sich und griff nach Yoshi. Mit der Dicknase auf dem Schoss nahm er einen Schluck Kakao aus dem Krug und sah sich seinen Lieblingsfilm an, den er wenigstens fünfzehn Mal gesehen haben musste und den Dialog praktisch mitsprechen konnte – aber das Lied von Shakira war immer wieder genial, besonders mit den tanzenden schwulen Tigern am Schluss.
Nach Zoomania guckten sie den originalen Zeichentrick Mulan (tausendmal besser als der Liveaction Schrott, den Disney danach verbrochen hatte) und dann stärkten sie sich mit einem doppelten Espresso und eisgekühlter Cola, schließlich waren Ferien und er hatte ab morgen eh Urlaub bis einschließlich erste Januar Woche. Sie spielten ihr Lieblingsspiel Super Mario Kart 8 auf der alten Switch Pro und er wählte natürlich Yoshi als Spielfigur. Gegen vier machten sie aus und er nickte mit Yoshi im Arm bei irgendeiner Serie auf dem fürchterlich gemütlichen Sofa ein. Er hatte zwar ein bequemes Bett im Schlafzimmer, aber meist war er abends so fertig, dass er vorm Fernseher einpennte, das hatte er von seiner lieben Mutter geerbt, der er daher seit fast zwei Jahrzehnten teuflisch schwere Knobelspiele schenkte – so als heimliche Rache.

Ende Teil 1

Das Osiris Projekt – Teil 2- Kapitel 5

5. Jack – 4.W.Aug 2045– Montagmittag.

Einmal nichts tun war auch nicht schlecht. Die letzten Tag hatten sie wie ihre geschuftet, den Krempel von der einen in die andere Wohnung zur schleppen, zumindest das was ging. Er wusste gar nicht dass sie so viel Zeugs hatten. Und dann die Auflösung ihrer alten Zimmer. Er hatte lange auf den großen Blutfleck im Wohnzimmer gestarrt. Seine leibliche Mutter war tot.
   Aber Anna hatte ihm in den paar Tagen so viel mütterliche Wärme gegeben, dass er sie automatisch nur noch Mama nannte, was sie sehr zu freuen schien. Sein neues eigenes Zimmer mit dem riesigen Bett und einem Schreibtisch mit einer Dockingstation für sein Spectre Gaming 12.
Und erst oben die Zimmer mit dem Streamingequipment. Was allein die Rechner kosteten. Für Akira total genial, die gleich begonnen hatte alles zu testen und einzustellen und zu Streamen, natürlich mit ihrer regenbogenfarbenen Langhaarperücke auf dem Kopf. Die Streamingräume und das Studio waren schallgedämmt und man hörte tatsächlich nichts. Und es gab Lampen außen, die einem sofort sagten ob gerade aufgenommen wurde oder nicht – sehr praktisch.
   Ob er das auch mal probieren sollte? Naja wirklich gut war er leider nicht. Akira sah ja leider nicht nur richtig gut aus, sondern spielte auch auf erstklassigem Niveau.
   Aber der Knüller war der kleine Kinosaal mit vierundzwanzig Plätzen mit einer riesigen Videothek. Und der Automat für Softdrinks und der andere für Popcorn. Unfassbar, schade, dass Kaz nicht da war.
   Amber hatte natürlich nur Augen für die junge Leopardin Lucy und ignorierte ihn fast. Lucy und Amber kuschelten trotz der Hitze, die man drinnen nicht spürte, auf Pelz und er schlief allein in seinem zu großen Bett.
   Dafür kam es gut an, dass er jetzt einen coolen aufgemotzten Defender fuhr. So war das Platz Problem mit dem Avenger X5 geklärt. Aber er hatte noch einem erzählt was für coole Extras die Kiste hatte. Die war nämlich auch autonom unterwegs. Und das war ein fetter vierhundert PS Dieselmotor unter der Haube. Er hatte sich die Anleitung dazu durchgesehen und die Erklärungsvideos geguckt und alles angesehen. Das war zwar kein Panzer wie der Avenger. Aber der Defender würde ihn aus der einen oder anderen brenzligen Lage retten. Er rieb sich schon die Hände bei dem Gedanken, den mal so richtig zu Testen.
„Magst du dein Eis nicht?“
Amber riss ihn aus seinen Gedanken. Sie hatte Lucy auf dem Schoß und warf einen begierigen Blick aus seinen Tropenbecher. Sie saßen auf der Dachterrasse des Haus der Welt. Am Tisch neben ihnen saßen Sahid und Akira, die mal wieder schmusten und dahinter eine etwas einsame Anna, die in einem Buch las. Warum hatte sie eigentlich eine Brille auf, wenn sie keine brauchte? Yusuf flirtete mit der Kellnerin die ihm gerade einen Eiskaffee gebracht hatte und sah sehr selbstzufrieden aus. Durfte er auch sein, denn er hieß jetzt Yusuf Solomon und war offiziell Teil der Familie.
Der Link war so seltsam. Er konnte mit dem Defender und mit seinem Assistent sprechen ohne den Mund zu öffnen. Das war sehr praktisch.
„Nein das ist meins. Bestell dir und diesem verfressenen Vieh noch einen, wenn du so scharf drauf bist!“
Seine Stimmung war durch Ambers Verhalten mit dieser ‚Katze‘ nicht sehr rosig. Amber war eingeschnappt und sprang auf um mit Lucy spazieren zu gehen.
   Man hatte ihnen mitgeteilten, dass sie die Sondererlaubnis für die Aufzucht dieser Leopardin hatten und sie angeschirrt draußen herum laufen durfte, aber als Großkatze nur noch mit Maulkorb. Unter dem Tisch stieß im Karl gegen das Bein und zischte.
„Ja sorry, aber sie geht zu weit mit ihrem Gehabe. Stimmt doch? Sie hat kaum mehr Zeit für mich.“
Der Waran sah ihn an und machte eine Bewegung als würde er mit den Schultern zucken. Mittlerweile gewöhnte er sich daran, dass dieser Waran abnormal schlau war und ihn verstand.
Er schob sich einen Löffel mit Mango Eis in den Mund und schmatzte zufrieden. Da vernahm er aus der Ferne plötzlich gigantisch donnernde Turboprop Triebwerke und ein viel mächtigeres noch tieferes Grollen. Er blickte auf und sah das wahrscheinlich größte Flugzeug der Welt. Ein gigantisches Monster neben dem die vier Lambda Belugas ziemlich klein aussahen. In einem Kilometer Höhe donnerte es über sie hinweg. Und dahinter kam eins allein ohne Geleitschutz mit einem winzig wirkenden Swordfish unter dem Bauch. Hoffentlich durfte er irgendwann mal in dieses gewaltige Monster reingucken.
   Er runzelte die Stirn. Die Luftfahrtmesse war doch schon gewesen, was machte diese Kiste also in Berlin? Der Swordfish landete gerade auf dem Flugdeck und er sah Kaz aussteigen. Es war so krass dass er so gut sehen konnte nach dem Cocktail vor ein paar Tagen. Er winkte Kaz zu und der winkte zurück und trabte die Strecke vom gelandeten Flieger zu ihnen hin. Auf dem Weg begrüßte er Amber und Lucy.
„Na, habt ihr mich schon alle vermisst?“
„Onkel Kaz, du hast diesen irren Flieger verpasst.“
Kaz grinste nur und küsste seine Verlobte, dann wandte er sich wieder zu ihnen.
„Nennt mich größenwahnsinnig, aber das ist UNSERE Wahnsinnsmaschine. Ich war völlig geplättet als Lambda mit den geschenkt hat. Johnnys letzter großer Spaß. Dagegen sehen die amerikanischen Flugzeugträger winzig klein aus. Die Wal Haie kommen mit einer sehr kleinen Mannschaft aus weil Wartung und Instandhaltung von unzählbaren Mengen von Naniten organisiert wird. Dann gibt es für jeden nervigen Job einen dedizierten Roboter, der den Job macht. Dazu wird das ganze Schiff von einer KI gesteuert. Das ist der helle Wahnsinn. Es fühlt sich an wie ein Traum, wie wenn du Star Citizen spielst und eins der großen Schiffe steuerst. Das ist der helle Wahnsinn und innen drin verirrt man sich andauernd und es sieht aus wie in einem Raumschiff. Es ist unbeschreiblich. Wir müssen unbedingt mal eine Tour machen. Der dicke Fisch, so hab ich den Hai genannt, hat einen eigenen Hangar, eine Werft, schleppt ein U-Boot mit sich herum und hat eine riesige Garage ausgerüstet mit allem was Omega zu bieten hat, darunter auch einen Shockwave und Skorpion Radpanzer, das sind irre Dinger. Man würde eine Crew von zehntausend Leuten erwarten, aber die Minimalbesatzung liegt bei zehn Leuten. Aber wir haben Platz für etwa zweitausend Besatzungsmitglieder. Die Barracken für die Familie sind in etwa so groß wie die Doppelzimmer auf dem BIT Internat.
Bis wir die offizielle Freigabe bekommen, wird das Teil auf dem Militärflughafen vor Berlin intensiv geprüft. Aber ich glaube nicht, dass sie uns den wegnehmen werden. Das war Johnnys Plan, er hat fünf Wal Haie und zwanzig Belugas für einen Spottpreis an Deutschland verkauft, wenn wir unseren eigenen Wal Hai bekommen würden. Schade, dass er es nicht mehr selbst erlebt hat. Ich hab auf dem Weg zurück schon die News gecheckt und man ist völlig außer sich, dass Deutschland jetzt die stärkste Luftflotte Europas hat, nur die Amis haben natürlich mehr Wal Haie. Ich find’s gut, dass Deutschland jetzt in der Lage ist sich zu wehren.“
Das war ziemlich krank, wenn man darüber nachdachte. Der musste ein Vermögen gekostet haben. Und länger als ein Nimitz Klasse Flugzeugträger. Auf einmal kamen ihm seine eigenen Neuigkeiten mit dem Wagen gar nicht mehr so toll vor.
„Wir haben in der Zwischenzeit die Wohnung umgeräumt und uns ein bisschen eingelebt.“
„Wunderbar, das ist hervorragend. Ihr habt schon alle den Link und den Cocktail bekommen?
Am besten packen wir jetzt zusammen, befüllen die Wagen und düsen zur Fabrik. Tut mir Leid, dass ich sie dir wieder entreißen muss Sahid. Wirst du abgeholt?“
Sahid machte ein resigniertes Gesicht und nickte nur. Die Fabrik? Juhu und gleich Heute, das war ja fabelhaft, endlich passierte was. Ihm war diese korrupte Drecksstadt Leid, auch wenn die Bewohner von Berlin Solomon feierten wie Blöde. Schnell aß er sein Eis auf und ging mit Karl nach unten.
Akira drückte ihrem Freund einen intensiven Abschiedsschmatzer auf den Mund und folgte ihnen. In Windeseile hatten sie gepackt und saßen in den Wagen. Er und Amber im Defender und der Rest im Omega. Der Dicke würde die Führung übernehmen und sie hinterher.
   Die Tiere blieben zuhause, Lucy hatte Traurig gewirkt. Der Waran und die Katze. Wenn es eine Tigerin wäre, würde es besser passen. Wie in dem Buch gewissermaßen.
„Ich hab uns einen Snackkorb gemacht und hinten steht eine Kühlbox.“
Amber hatte es ihm offenbar verziehen, dass er sie vorhin so angeraunzt hatte. Er drehte sich zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf den Mund.
„Du bist eine tolle junge Frau. Ich eine Decke für dich eingepackt, du weißt schon was.“
Sie strahlte und reichte ihm eine kalte Coladose. Sie düsten auf die Autobahn und folgten dem Omega in etwas Abstand. Der Defender fuhr autonom, während er ein tolles von Amber selbstgemachtes Sandwich mampfte. Sie würde eine tolle Hausfrau abgeben dachte er sich. Wer wohl zuhause bleibt, wenn wir Kinder haben?
„Hast du schon mal an Kinder gedacht?“
Fragte er sie.
„Ich weiß nicht, ich denke wenn ich mit der Schule fertig bin und vielleicht studiert habe. Aber ich will definitiv Kinder haben, mit dir natürlich. Und wenn du die Babys übernimmst, vielleicht auch schon früher. Schon mal darüber nachgedacht Hausmann zu spielen oder von zuhause zu arbeiten?“
„Immer locker meine Gute, erstmal möchte ich meine neue Familie erleben, bevor ich eine selbst gründe. Aber mindestens zwei Kinder, abgemacht?“
„Abgemacht, Ripper. Gefährlicher Name. Jack the Ripper.“
„Ganz anders als du Spot.“
Er zwinkerte ihr zu und sie tat so als würde sie schmollen.
„Hast du gehört, dass eine neue Regierung gewählt werden soll. Wilhelm Bluhms die neue Mitte, die praktisch über Nacht gegründet wurde, steht wohl hoch im Kurs.“
„Wäre definitiv interessant einen ehemaligen KSK Befehlshaber in der Regierung zu haben. Der hat wenigstens Erfahrung und ist keine hohle Flasche.“
„Die Partei soll hohe Sachkompetenz haben und gut durchmischt sein. Und patriotisch.“
„Genau die richtige Mischung für die Nation würde ich mal schätzen. Übrigens dein Sandwich ist erste Sahne. Du bist gut in sowas. Weißt du schon deine Tarnidentität?“
„Keinen Schimmer und du?“
„Ich glaube ich studiere Architektur mit nem Einschlag von Bauingenieurskram. Dann lerne ich die Schwachstellen von Gebäuden und Strukturen.“
„Aber du wolltest doch zum KSK!“
„Ja schon, aber als Geist kann ich auch als Architekt Soldat sein. Außerdem bin ich das Emma irgendwie schuldig. Ich schätze sie vermacht mir Solomon Industries, das muss ich auch irgendwie zu würdigen wissen. Auch wenn ich nicht weiß ob ich dazu was tauge. Ich habe meine Zeichensachen wieder ausgegraben und geübt und mir eine CAD Version für Gebäude besorgt. Daran werde ich arbeiten, wenn wir wieder zurück sind.“
„Das finde ich toll, auch wenn ich nicht glaube, dass das etwas für mich sein könnte.“
„Muss es ja nicht. Du hast ja noch fast drei Jahre Zeit um dir was zu überlegen. Ich mache nächstes Jahr Abitur. Falls die Schule wieder öffnet.“
„Das wird sie ganz bestimmt, auch wenn ich es sehr cool finde, dass wir erstmal freigestellt sind. Für Training und so, da vorne musst du übrigens links.“
„Ich weiß, auch wenn ich die Strecke zum ersten Mal selbst fahre. Mal gucken ob die Russen und Chinesen wirklich weg sind.“
Sie fuhren die Straße durch den dichten Wald und erreichten nach einer Weile die Fabrik. Alles war Menschenleer. Er stellte den Wagen neben dem Omega ab und stieg aus.
   Kaz rief sie alle zu sich.
„Wir sind jetzt alle sechs bereit für den Ernstfall. Sechs Geister, wie haben alle die Mischung in uns. Jetzt trainieren wir richtig. Die Bundeswehr hat mir eine Sondergenehmigung für dieses Gelände ausgestellt. Wir üben erstmal nur zu sechst. Bis wir uns blind auf den anderen verlassen können. Für größere Operation helfen und die anderen aus, aber das ist momentan nicht so wichtig.
Wir üben verschiedene Einsatzmuster. In erster Linie infiltration, direkten Kampf und Feuerschutz. In der Hinsicht sind wir ziemlich gut aufgestellt. Und ihr habt alle einen brandneuen Anzug, der auf eure Rolle zugeschnitten ist. Wir haben doch ein paar Stunden Sonne. Wir gehen ein Stück in den Wald rein und errichten unser Camp. Wir werden fürs erste Kochen. Wir Großen sind Rationen ja schon gewohnt und ihr habt im April eine Kostprobe bekommen. Ich weiß noch nicht wie lange wir trainieren werden, aber haltet euch auf Abruf. Wir müssen jederzeit alles zusammenpacken und weiterfahren können müssen. Morgen früh startet der Testparcours um zu testen ob der Cocktail schon Wirkung zeigt. Also dann los geht’s.“
Schnell packten sie das ab, was sie brauchen würden und gingen in den Wald. Zwei Zweimanzelte, ein Einerzelt und eine Hängematte. Er ließ die Decke in der Tasche auf dem Hänger. Fürs schmusen war später Zeit. Oder doch? Er ging zurück und holte die Decke. Für dich Amber.
   Über einem Lagerfeuer kochte Anna einen gut riechenden Eintopf, der gut schmeckte und noch für einen großen Nachschlag für jeden reichte. Später im Zelt frohlockte Amber und kuschelte sich eng an ihn.
„Sag nicht du kuschelst mit Lucy lieber als mit mir.“
Amber lachte.
„Das nicht, aber Lucy hat so ein schönes Fell und du nicht.“
„Bist du aber gemein, komm her.“
Er küsste sie sanft auf den Mund und schlang die Decke um sie beide. Schade, dass sie erst sechzehn war. Ob sie nicht doch die Regel brechen sollte. Amber schien dasselbe zu denken.
„Das machen wir zuhause, versprochen?“
„Versprochen.“
Dann schliefen sie eng zusammen gedrängt ein in einen geruhsamen Schlaf.