Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 19

19. Jack – 4. W. April 2045 – Sonntag – Beerdigung.

Ein letzter Schuss noch, auf einen Kilometer Entfernung. Jack sah durchs Zielfernrohr. Die Büste eines Clowns im Visier. Durch ein dickes Fenster in einer gemauerten Wand. Amber, seine Spotterin, gab ihm die Werte für Wind und Entfernung durch und er machte die nötigen Einstellungen am Fernrohr des AI AX50, mit dem er seit ein paar Tagen mit Amber trainierte. Es dämmerte gerade.
Er atmete tief durch und legte den Finger an den Abzug und drückte ab. Der Knall war ohrenbetäubend und die Mündungsbremse warf ordentlich Dreck und Laub in die Luft und eine Sekunde später zerplatzte der Kopf des Clowns.
   Zufrieden setzte er sich auf, sammelte die Patronenhülse ein und nahm das schwere Gewehr.
Amber dreht sich zu ihm um und küsste ihn auf den Mund, dabei stand sie mit Zehenspitzen auf einer Wurzel, sie war eben doch ziemlich klein. „Guter Schuss Großer. Aber du musst es ihr sagen!“
Das hatte sich so ergeben. Also die Sache mit Amber. Erst der Kuss in der ersten Nacht im Zelt. Mittlerweile schliefen sie fest ineinander verschlungen. Auf der Pelzdecke natürlich. Jack hatte gewissen Gefallen daran gefunden und es war schön weich und warm.
   Ihm graute davor Yolanda die Wahrheit zu beichten und er dachte an die Reaktion von Manfred Bluhm. Vielleicht wäre Armee nach der Sache doch keine so gute Idee. Er zuckte mit den Schultern und schleppte das schwere Gewehr zurück zur Fabrik, während er einen Tarnanzug für Scharfschützen trug. Leider keinen Gecko-Suit von Nox, sondern noch einen der alten mit denen man aussah wie ein laufender Busch. Die waren auch nicht gerade leicht.
   An der Fabrik angekommen war Jack außer Atem und stellte das Gewehr mit Zweibein auf ein Podest was dort gerade aus dem Boden fuhr. Amber legte das schwere Entfernungsmeßgerät daneben und sie zogen die Tarnanzüge aus und legten sie auch dazu. Fast schon zufrieden fuhren die Sachen wieder nach unten und Jack sah dem Gewehr traurig nach. Das Ding kickte ordentlich, aber eine 12,7mm Murmel machte schon ordentlich Schaden und das genoss er regelrecht. Der letzte Schuss auf den Clown war der Knaller gewesen, zu seinem Leidwesen war es kein echter Clown gewesen.
   Akira war gerade am Parcour machen. Das war der dritte und bisher schwerste Parcours und für ihn und Amber war es zu viel gewesen, aber Akira biss sich fest und übte fast ununterbrochen trotz einiger Blessuren durch zum Beispiel schlecht abgestimmte Sprünge und Stürze. Sie war echt gut geworden, dass musste Jack neidlos anerkennen. Jetzt sprang sie ab, rollte sich sauber über die Schulter ab rappelte sich auf rannte, rutschte unter einer Barriere hindurch und sprang im Zick-Zack eine Mauer hoch. Kaz kam auf sie zu.
„Hey, da seid ihr ja. Gut dass ihr da seid. Ich fürchte unser Urlaub nähert sich dem Ende, ich hab Essen gekocht. Es gibt Steaks mit Soße, Kartoffeln und Gemüse. Aber duscht euch erstmal ab. Aber bitte getrennt, ok?“
Er zwinkerte ihnen zu und Amber und Jack wurden rot.
   Sie duschten tatsächlich getrennt und zogen sich frisch gewaschene Sachen an. In der Küche war schon gedeckt und es duftete herrlich, auch wenn es für so ein Essen reichlich früh war, es war erst kurz nach sechs – morgens! Eine viertel Stunde später gesellte sich Akira zu ihnen und ihr schien das Wasser im Mund zusammen zu laufen.
„Haut rein ihr drei und lasst es euch schmecken. Ich hoffe meine bescheidenen Kochkünste munden euch. Ihr Habt ja einiges durchgemacht und erlebt. Hättet ihr Lust das im Sommer zu wiederholen?“
Jubel brach unter ihnen drei aus.
„Ah dachte ich mir schon, mir hat‘s auch viel Freude bereitet. Leider müssen wir jetzt wieder in die Zivilisation. Das war mal etwas sehr erfrischendes für mich und für euch drei hoffentlich lehrreich. Und wir wissen ein bisschen mehr, in welche Richtung ihr euch entwickeln solltet. Das ist wichtig für die Schule morgen, ich hoffe es ist nicht zu schlimm, dass ihr jetzt keinen Faulenzer Tag zwischendurch hattet, aber spätestens am Wochenende könnt ihr das machen. Amber für dich habe ich schlechte Nachrichten, da du keine deutsche Staatsbürgerin bist, musst du erstmal auf Internat. Vielleicht ihr beiden anderen auch um ihr etwas Gesellschaft zu verbringen.“
Oh man, das war ein echter Schock, wenn er seine neue Freundin nicht mehr so wiedersehen würde, blieb er auch. Dann hätten sie viel Zeit für sich.
   Aber zurück zum Thema, die drei Wochen waren echt der Knaller gewesen. Auch wenn sie sich in der ersten Woche den Magen ruiniert haben mussten. Die Zweite mit Nox war besser gewesen und in der dritten hatte es überraschend zu regnen angefangen und sie Kaz hatte sie bekocht.
Die Kochkünste seiner Mutter waren nichts im Vergleich zu den tollen Sachen die Kaz da jeden Tag zauberte. Und es war ein gutes Stück besser als Helenas tolle Kochkünste, wie Akira einräumte.
„Nach dem Essen packen wir alles zusammen. Die Waffen und die Campingausrüstung lassen wir hier. Der Avenger tankt gerade auf. Also nur die Kleidungsstücke von Nox und, die Klamotten und Kostüme, die ihr euch für eure Flucht ausgedacht habt. Und lasst die Anzüge draußen, die ziehen wir an, ich hab meinen schon bereit. Ich muss mich nur noch frisch machen. Und wehe einer von euch sagt, dass ich damit wie John Wick aussehe, sonst gibt es beim nächsten Mal drei Wochen Feldrationen!“
Alle Lachten. Jeder wusste von der absurden Ähnlichkeit von Kaz mit dieser Figur.
„Die Anzüge solltet ihr gut aufbewahren, die sind wie ihm Film. Chamäleon Tarnung, reiß- und stichfest und Kugelsicher gegen 9mm Parabellum. Und smart, die messen praktisch alles was ihr an Körperfunktionen habt. Gekoppelt mit einem Prism seid ihr nicht zu stoppen. Bei euch im Garten wurden zwei Riesenkisten mit dem Rest abgeliefert. Emma schien etwas überrascht gewesen zu sein, aber keine Sorge, die Kisten sind gesichert, Den Schlüssel gebe ich euch nach der Beerdigung.
Und macht euch auf eine gewisse Abreibung gefasst. Meine Geschwister mögen Gewalt zwar nicht so sehr, aber die werden kochen vor Wut. Es wird Ohrfeigen geben, merkt euch meine Worte!
Und nun haut rein und genießt es, das nächste geile Essen gibt es … uhm … morgen.“
Jack schnitt das Fleisch an, was innen noch etwas blutig war und tunkte es in die Soße. Oh man, wo hatte dieser Irre so gut Kochen gelernt. Kaz bemerkte seinen Blick.
„Nach sechs Monaten in einer IT Klitsche hab ich zum Koch umgeschult, aber verrate das bloß keinem.“
Er zwinkerte ihm zu und ging dann selbst ordentlich zu Werke. Wow, sein Onkel war immer wieder voller Überraschungen.
   Sie waren leider viel zu schnell fertig. Kaz wusch ab und sie packten alles zusammen. Als der Avenger beladen war, schlüpften sie noch in ihre kugelsicheren Feiertagsklamotten, die absolut perfekt passten und nicht ziepten oder zogen. Dafür waren die Sachen etwas schwerer, aber dennoch glatt und geschmeidig. Hoffentlich bügelst du dich selbst, das kann ich nämlich überhaupt nicht.
   Aber es stand ihm ausgezeichnet. Trug er eigentlich zum ersten Mal einen Anzug? Nein, stimmt nicht zu Familienfeiern ab und zu und zu Konfirmation vor ein paar Jahren. Aber keiner von denen war so geil gewesen wie der. Als Kaz zu ihnen stieß mussten sie alle Lachen, warum wohl. Aber keiner von ihnen sagte auch nur einen Ton als er sie missmutig anstarrte.
   Sie verließen zu viert den Bunker und oben wartete bereits der Avenger mit geöffneten Türen auf sie.
   Jack stellte erfreut fest dass die Snackbar und die Getränke wieder aufgefüllt waren und schnappte sich eine Tüte mit holländischem Lakritz, die die Mädchen verschmähten und Kaz begierig beäugte.
Oh man, wie viele Gemeinsamkeiten gab‘s denn noch?
   Zu Ambers Leidwesen kippte Kaz seinen Sitz ein Stück nach hinten und schlief eine Runde während der Avenger autonom seinen Anhänger ankoppelte und allein losfuhr. Das war so ein krasses Teil, den musste er auch haben – unbedingt!
   Die Fahrt dauerte einige Stunden und verlief völlig ruhig. Kaz wachte wieder auf, als sie Berlin erreichten und übernahm das Lenkrad. Er fuhr konzentriert und ruhig. Jack trank seine Cola aus und warf sie in den Mülleimer, gab‘s auf die Dinger eigentlich Pfand? Egal. Würde jemand darauf achten, der einen millionenschweren Wagen fuhr?
„Nicht wegschmeißen, darauf gibt’s Pfand!“
kam es von links und beantwortete seine Frage.
   Der Friedhof war gut besucht und eine endlos lange Schlange von Militärjeeps und Geländewagen reihte sich auf. Die Solomons und die Bluhms hatten anscheinend viele Freunde und Verwandte, die den dreien die Letzte Ehre erweisen wollten.
   Die Bluhms waren erst seit wenigen Jahren in Berlin und Mara Bluhms Grab würde direkt neben dem Familiengrab der Solomons liegen. Alle Verstorbenen waren eingeäschert worden.
Sie stiegen aus und der Avenger fuhr weiter um sich selbst einen Parkplatz zu suchen. Aber selbst wenn der im Haltverbot parkte, viel Spaß den abzuschleppen. Jack grinste und machte etwas unfassbar doofes, er küsste Amber auf den Mund und sie genoss es sichtlich.
   Der Kuss war nicht das doofe, aber der Ort und das Timing. Er vernahm einen entsetzten Aufschrei und ihm gefror das Herz zu einem Eisblock. Yolanda! Da hinten war sie mit ihrer Familie und stürzte auf ihn zu und knallte ihm eine gehörig und sein Kopf wurde vom Schlag zur Seite gerissen.
„Das war‘s du blödes Arschloch!“
Dann brach sie in Tränen aus und ging heulend zu ihrer Familie zurück. Margarethe starrte ihn feindselig an, Matilda wirkte beschämt und Manfred kämpfte gegen das Lachen.
Oh man, seine Wange brannte zwar ordentlich, aber das war doch kurz und schmerzlos.
Amber neben ihm lachte nur. Dann fuhr sie ihm mit den Fingern über die schmerzende Wange und wie um Öl ins Feuer zu gießen küsste sie ihn erneut, lang und mit Genuss.
Na dann waren ja die Fronten geklärt. Yolanda da hinten wurde von ihrer Familie getröstet und betrat den Friedhof.
„Das war eine sehr undiplomatische Lösung, aber sie scheint funktioniert zu haben und sie war schnell. Kompliment großer.“ Feixte Kaz.
Ein paar Trauergäste hatten das Schauspiel beobachtet und wirkten entweder neugierig oder empört oder belustigt.
„Boys will be boys“ Kam es von einem grinsenden älteren Mann mit fast weißem Vollbart und grauen militärisch kurz geschnittenen Haaren. Wolfgang Bluhm, KSK Kommandant und Maras Vater. Er leitete die mittlerweile völlig überalterte KSK Kampftruppe die schwarzen Wölfe oder kurz Wölfe. Der jüngste Soldat der Gruppe war um die Fünfzig. Aber zu Hochzeiten waren sie enge Rivalen mit dem amerikanischen SEAL Team Six. Und sie weigerten sie standhaft den Dienst zu quittieren. In der Truppe wurden sie abfällig trotz ihrer Leistungen als „Senioren Brigade“ bezeichnet und als „Dead men walking“. Ziemlich unfair. Jack hatte die Gruppe noch nie ohne Uniform gesehen. Mit Wolfgang waren es etwa sechzehn Wölf… ähm Männer. Ethnisch durchaus gemischt, denn er sah Schwarze, Asiaten und Araber. Aber alle absolut loyal zu ihrem Land und ihren Kameraden.
„Vielleicht ist der Zeitpunkt falsch gewählt, aber ich glaube die Kombination passt besser. Meine Nichte war immer schon etwas … zu weich. Schön euch vier zu sehen. Wir sehen uns später noch.“ Und der alte Soldat ging mit seinen Jungs zum Friedhofseingang. Jack wechselte Blicke mit den anderen und sie gingen los, er Hand in Hand mit seiner Freundin Amber.
Er sah seine Mutter viel zu früh und sie kochte vor Wut. Sie war nicht die größte Frau (bei ihr waren die japanischen Gene ihrer Mutter deutlich und sie war vielleicht gerademal eins sechzig groß) aber wütend griff sie ihn und Akira am Arm und zerrte sie außer Hörweite. Kaz, Amber, Liz und Johnny folgten ihnen. Kaz wirkte gelassen, Johnny angespannt und Liz schien auch echt wütend. Und das Theater ging los.
„Ihr drei, nein ihr vier. Wie könnt ihr es wagen uns so einen unfassbaren Schrecken einzujagen. Wir waren außer uns vor Sorge. Wir dachten euch hätten die Clowns erwischt oder was weiß ich. Und deine unverschämte Reaktion am Telefon, das war das aller letzte. Und Kaz hör‘ auf zu grinsen, zu dir komme ich auch noch. Mir, Mama und Papa ein Schlafmittel zu verabreichen während du dir die Kids unter den Nagel reißt und dann einfach zu verschwinden, das ist ja wohl das aller letzte. Du bist bei uns im Haus nicht mehr erwünscht! Du bist eine Schande für die ganze Familie. Der Familientrottel, völlig wahnsinnig und zu nichts zu gebrauchen. Ich will dich zu Akiras und Jacks Geburtstag nicht mehr sehen und zu Weihnachten … Hey was soll das … Ich …“
Johnny hatte ihr sanft den Mund zugehalten.
„Was sie damit sagen will ist, dass wir, äh sie sehr böse auf dich ist. Das ist wie bei Mama. Geht hoch wie eine Bombe und hat ein paar Wochen später wieder alles vergessen. Du bist zu Akiras Geburtstag definitiv eingeladen, der ist bei uns im Haus, darauf bestehe ich. Und wie seit ihr rein und raus ohne das wir was gesehen habt.“
„Ich hab die Sicherheitskameras gehakt“
„Aha, sicher dass du sowas kannst?“
Kaz zuckte nur mit den Schultern und lächelte unschuldig. Das war eine glatte Lüge, sie sind über den Geheimgang raus, aber das würde Mama nie glauben, da war das mit den Kameras bestimmt die einfachere Lösung. Emma war immer noch total wütend, er wartete auf die Backpfeife aber sie kam nicht, stattdessen fiel sie ihm in die Arme und heulte unkontrolliert. Man warum hatte er die peinlichste Mutter der Welt abbekommen? Er sah, wie Liz merklich abkühlte und Kaz umarmte, dann umarmte Kaz Johnny und dann seine Schwester – dafür musste er sich praktisch hinknien.
Jack bemerkte die Frau, die unbemerkt an Liz seit getreten war, wer war das denn bitte und hatte die Armprothesen oder warum glänzten ihre Finger metallisch schwarz. Er hatte von Menschen gehört, die sich Körperteile abhackten um sie durch künstliche zu ersetzen. Selbst vor Augen machte man nicht halt, das fand er ziemlich gruselig. Was wenn etwas schiefging? Tja, die Zukunft war wohl gekommen und es war für seinen Geschmack keine sehr schöne. Und dann dachte er nach und hätte sich am liebsten geohrfeigt. Er dachte an die arme Liz die bei einem Unfall ihre Beine und ihren Arm verloren hatte. Ohne die Augmentierungen vor Horizon wäre sie heute ein Pflegefall und könnte selbstständig nicht mal aufs Klo gehen. Auch wenn er sie jetzt ziemlich gruselig fand. So seit vier Jahren um genau zu sein. Schneeweiße Haut und diese unheimlichen roten Augen. Und jetzt auch noch eine Glatze.
   Etwas gefasst gingen sie zu der Trauergemeinschaft zurück wo man neben den offenen Gräbern ein Rednerpult und eine kleine Leinwand aufgebaut hatte. Er war noch nie so richtig auf einer Beerdigung. Erst hielt ein Pfarrer eine ziemlich gute Rede über Abschied und den Tod und trat dann zurück. Als erstes war Emma dran und sie war sichtlich emotional geladen. Auf der Leinwand wurde ein Bild von seinem lächelnden Bruder gezeigt.
„Ich hätte nie gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem ich meinen Sohn zu Grabe trage. Ryan Solomon, der sein Leben lang immer ein bisschen unter dem Namen gelitten hat. Jack Ryan ist meine Lieblingsfigur und dass mussten meine beiden großen Söhne ausbaden. Söhne auf die ich stolzer nicht sein kann, umso mehr hat mich der Tod meines Sohnes Ryans zerrüttet. Die beiden sind diszipliniert und strebsam und wollen mit Leib und Seele Soldaten werden. Dafür haben sie jeden Tag hart trainiert. Und für ihren guten moralischen Kompass haben sie beide bezahlen müssen und Ryan leider mit dem Tode. Vielleicht kennen Sie ja das Video meines Bruders oder meiner Nichte.
Sie haben ehrenwert gegen unfair kämpfende Clowns angestanden und zwei unschuldige Mädchen verteidigt. Sie waren erfolgreich, sonst hätten wir heute noch mehr Tote zu beklagen. Nur leider war einem der vier Kinder das Weiterleben nicht vergönnt. Ich liebe meine Söhne über alles und der Verlust von Ryan zerreißt mir das Herz. Ich wünsche ihm, dass ihm seine Wünsche im nächsten Leben in Erfüllung gehen und er es genießen kann. Vielen Dank.“
Die Menge klatschte und Emma ging mit etwas wackligen Schritten zu ihrem Platz zurück. Als nächstes kam Johnny, der müde gewirkt hätte, wenn da nicht seine energetischen Augen gewesen wären.
   Er warf einen langen Blick auf das projizierte Bild seiner Frau bevor er sprach.
„Helena war die Frau meines Lebens und ich erinnere mich an den Tag, als sie als Neue zu uns in die Klasse kam und ich mich unsterblich in sie verliebt habe. Wir kannten uns gefühlt unser ganzes Leben lang und das Gefühl ohne sie an meiner Seite morgens aufzuwachen, es ist wie wenn dir etwas sehr wichtiges fehlt. Und ich kann mich nicht daran gewöhnen, es ist zersetzend. Wie ich es schaffe in der Zwischenzeit einen Megakonzern zu leiten ist mir unbegreiflich. Wie gewöhnt man sich daran, die beste Freundin und Ehefrau nicht mehr an seiner Seite zu haben? Ich weiß es einfach nicht. Und sie hat eine wunderschöne engelsgleiche Tochter hinterlassen. Der Tod hinterlässt viele offene Fragen und auf keine habe ich eine Antwort. Ich wünsche meiner besten Freundin und Ehefrau alles Gute auf ihrer Reise an einen besseren Ort und auf dass sie dort auf mich warten wird. Vielen Dank.“
Verhaltener Applaus. Jetzt war Wolfgang Bluhm an der Reihe, der gefasst wirkte.
Seine Tochter Mara war eine ausgesprochen hübsche junge Frau gewesen.
„Ich war in meinem Leben auf vielen Beerdigungen und ich habe keine wirklich gemocht. Ein Ort der schmerzenden herzzerreißenden Trauer. Ob man sich über den Tod freuen sollte ist auch eine gewagte Frage. Manche Kulturen scheinen das so zu handhaben, aber mir fällt keine namenhafte ein. Sehen wir Tod als Belastung oder als frohen Abschied an? Ich weiß es nicht. Mara war noch viel zu jung und hübsch und aufgeweckt. Sie hatte eine Jahreskarte für den Berliner Zoo und den in Berlin Solomon und sie besitzt einen Waran namens Karl, der seine Besitzerin schrecklich vermisst. Gibt es zufällig Reptilienfans unter ihnen? Ich und meine Frau sind es nämlich nicht, aber er tut uns leid. Er ist übrigens stubenrein, auch wenn wir bis heute rätseln, wie Mara das hinbekommen hat.
Zurück zu meiner kleinen Tochter. Sie hat sich trotz ihrer Jugend dazu entschlossen Personenschützerin zu werden und sie war sich des Risikos bewusst. Und sie wurde von den Clowns regelrecht zerfetzt. Eine verdammte Schande, dass man in unserer Nation so etwas erlaubt.
Alle paar Wochen sind wir auf einer Beerdigung und Deutschland sieht zu und macht nichts. Es ist entsetzlich. Hm, ich glaube sie hätte es sich gewünscht, wenn Karl ein neues Zuhause bekommt. Er ist so zahm und lieb wie sie. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“
Es wurde geklatscht und Liz Personenschützerin wischte sich eine Träne weg. Ach komm schon, so gut war die Rede jetzt auch nicht gewesen. Was kam jetzt. Häh? Kaz erhob sich und ging auf die Bühne zu, seine Mutter warf ihm einen fragenden Blick zu. Jack dachte nur mit einem unwohlen Gefühl an ihr Gespräch von vor ein paar Wochen.
„Damit hättet ihr wohl nicht gerechnet. Der Familientrottel, ich zitiere meine liebe Schwester, hat ein paar Sätze zu sagen. Übrigens fährt dieser Trottel das neue Omega Flaggschiff, den Avenger X5. Für das interessierte Publikum, der kostet mehr als ein Leopard 2 und weniger als ein Leopard 3, irgendwo in der Mitte. Teurer Spaß, aber der Leopard hat keine beheizten Ledersitze und braucht im Gegensatz zum Avenger einen Fahrer. Dafür hat die Großkatze die größere Kanone. Sie alle sollten sich einen zulegen, als Firmenwagen, vielleicht kann man den sogar von der Steuer absetzen.“
Aus dem Publikum kam vereinzeltes Gelächter.
„Jetzt aber zum ernsten Teil. Den kennen außer meinen Eltern nur meine Verlobte und ihre Eltern. Das ist übrigens meine Verlobte Anna, vielleicht kennt die wer. Und das ist Markus mit neun Jahren.
Er ist mein Sohn und er wurde vor zehn Jahren von den Clowns umgebracht. „Autounfall“ mit Fahrerflucht, einer der ersten Anschläge der Clowns, als die zumindest hierzulande noch nicht so bekannt waren. Er wäre jetzt neunzehn Jahre und mit der Schule fertig. Damals als Markus geboren wurde, war ich noch nicht bereit Verantwortung zu übernehmen und hab meiner damaligen Freundin und deren Eltern die Erziehung überlassen. Ich habe meinen Sohn oft besucht, aber nicht oft genug und an jenem schrecklichen Tag konnte ich ihn nicht beschützen. Wie fühlt es sich an sein eigenes Kind zu verlieren? Es ist das schrecklichste Gefühl der Welt. Ein Schmerz der mit Worten nicht zu beschreiben ist. Ich war so voller Wut und zerfressender Selbstvorwürfe. Ich bin kurz darauf ausgewandert und meine jetzt Verlobte auch, wenn auch nach einem großen Familienkrach. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen. Ich hab die USA bereist, mich aber in Texas niedergelassen und mir ein neues Leben aufzubauen versucht. Das ging ein paar Jahre ganz gut, dann hat mich meine Vergangenheit eingeholt und ich hab mit ein paar Freunden ein Mädchen gerettet, was an diesem Abend ihre ganze Familie verloren hat. Ich habe meinen Sohn im Stich gelassen, aber mir geschworen, es bei ihr besser zu machen und sie als meine Tochter adoptiert, danach wurde es alles ein bisschen komplizierter und eskalierte und ein paar Monate später stehe ich am Grab von drei hoch geschätzten Personen, die wir alle sehr vermissen. Geht der Schmerz irgendwann weg? Ich kann nur sagen, dass zehn Jahre nicht lang genug sind um die Toten zu vergessen. Aber mit der Zeit geht der Schmerz zurück, aber er wird wohl nie ganz verschwinden. Danke für ihre Aufmerksamkeit.“
Jack bemerkte wie seine Mutter weinte, ich wette das mit Markus wusstest du nicht.
Jetzt wurden die Urnen in die Gräber abgesenkt und jeder der Anwesenden trat vor und verabschiedete sich von den Toten. Nach einer Weile drehte Jack eine Rose zwischen den Fingern und starrte in das Loch mit der Urne seines geliebten Bruders hinab. Eine Leere erfüllte ihn und er stand einfach nur da. Kaz legte seinen Arm um ihn und starrte mit ihm zusammen in das Loch. Was er alles noch mit seinem Bruder hatte machen wollen. Sein Herz krampfte sich zusammen und Tränen liefen ihm plötzlich über die Wangen. Kaz umarmte ihn und Jack heulte sich an ihm aus, es war einfach alles zu viel für ihn. Er würde sich für seinen Bruder rächen und die Clowns jagen. Er war sich sicher, dass Kaz ihn dabei helfen würde. Aber er würde es heimlich machen. Er würde hart trainieren ein Geist zu werden, ein schwarzer Geist wie in Kaz Buch.
Er starrte auf die violette Rose und ließ sie ins Loch fallen, dann trat er vom Grab weg und ließ sich von seinem Onkel stützen. Sie gingen zu ihrer Familie zurück. Johnny trat vor.
„Da seid ihr ja wieder, es tut mir so Leid Jack. Und du Kaz hast wirklich den neuen Omega? Darf ich mir den mal ansehen.“ Emma boxte ihm in die Seite.
„Falscher Zeitpunkt Großer! Also ich habe jetzt Hunger. Unsere Trauerrunde trifft sich bei uns, wir haben ein Catering organisiert. Was hattet ihr Camper heute schon zum Essen?“
Als „Steak“ kam starrte Emma sie ratlos an und zuckte mit den Schultern.
Die anderen staunten nicht schlecht als der Avenger autonom vorgefahren kam und sich die Türen automatisch öffneten. Fast schon automatisch kletterten die drei Kinder in den Wagen und der Wagen fuhr zügig ab und hinterließ eine überraschte Menschenschar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: