Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 18

18. Liz – 2.W. April 2045 – Mittwoch.

Liz saß auf einer Parkbank und verputzte die Reste eines superleckeren Fladenbrots mit frischem Falafel, Salat, Humus und Halumi Käse. So gut wie beim kleinen Laden in Potsdam Babelsberg neben dem S-Bahnhof, vielleicht sogar ein Stück besser. Vera saß entspannt neben ihr und aß ihren Falafel, es schien ihr sichtlich gut zu schmecken. Erstaunlich dass sie diesen Laden all die Jahre hier nie zu würdigen gewusst hatte. Die Nachrichten von Johnny lagen ihr immer noch schwer im Magen. Zu ihrer Überraschung schlief sie echt gut. Sie ließ zwar nicht alles schleifen, Sport machte sie immer noch jeden Tag, aber sie würdigte alles mit viel mehr Zeit als vorher. Vorher hatte sie nur wenige Stunden Freizeit in der Woche gehabt, jetzt den ganzen Tag. Ein komisches Gefühl und sie genoss jede Minute.
   Ihre Position in der Firma wurde von Amanda Hopf vertreten, eine sehr fähige und smarte Geschäftsfrau, Liz hatte schon ein paar Mal mit ihr gearbeitet und sie hatte einen richtig guten Job abgelegt. Auch wenn Johnny wahrscheinlich den freundschaftlichen Austausch mit Liz mehr genossen hatte, immerhin waren sie nach über zehn Jahren durchaus eng befreundet.
   Aber die Sache mit den Kids und Kaz war richtig dreist und unverschämt gewesen. Da betäubte ihr bester Freund seine Familie und schmuggelte Akira und Jack irgendwie vom Gelände. Und sagte auch keinem Bescheid. Und Emma war so durch den Wind gewesen, war sie im Grunde genommen immer noch, und machte sich so schreckliche Sorgen. Das Büro hatte ihr für den Monat freigegeben, denn nach der Sache mit Ryan und Kaz Aktion war sie nur noch bedingt in der Lage zu arbeiten.
Liz hatte ihre Freundin ein paar Male in ihrem Elternhaus besucht und die Ärmste war völlig aufgelöst und beinahe krank vor Sorge um ihren verbliebenen Sohn. Und sie war in Tränen ausgebrochen als sie erzählt hatte, wie schroff Jack und Kaz mit ihr am Telefon umgegangen war.
   Johnny war hingegen völlig gelassen. Sein Bruder wusste schon was ihm blühte, wenn seiner Tochter auch nur ein Haar gekrümmt würde, hatte er nur trocken gesagt.
   Liz wusste nicht was sie denken sollte. Ihr Freund verhielt sich sehr sonderbar. Sie hatte die letzten Reste seines Koffers ausgepackt und war über einen Brief gestolpert, der ihr schlicht das Herz gebrochen hatte, er hatte nämlich tatsächlich eine Andere und das schon seit seiner Schulzeit. Und das sie ein bildschönes topfittes Topmodel war half der Situation nicht die Bohne. Zumindest war sie ein Model gewesen, in den letzten Jahren war sie Fotografin geworden und entwickelte Brettspiele, die gar nicht mal so schlecht liefen. Gerade ihre, Annas, Schönheit und Gesundheit machten Liz total zu schaffen. Klar suchte sich dieser Hund die hübschere und gesündere und sie wurde links liegengelassen.
   Sie würde ihn nochmal anrufen, auch wenn er sich bisher nicht gemeldet hatte. Verflucht, er ging nicht ran. Verdammt nochmal. Er hatte eine Andere und sie lag hier im Sterben und würde in ein paar Monaten den Löffel abgeben. Und er würde erst in knapp drei Wochen wieder da sein, pünktlich zur Beerdigung. Sie hätte Amber so gerne wieder gesehen. Die Prognose hatte sich wieder verschlechtert und aus der Traumreise würde doch nichts werden. Zwei Wochen nach der Beerdigung hatte sie im Haus der Welt eine Etage für ein wahres Festmahl gebucht, sie würde ihren Abschied von allen feiern, bevor sie den Weg ins Ungewisse antrat. Die Welt würde sie sich im nächsten Leben ansehen müssen. Sogar ihre Familie würde für die Feier anreisen, ihre Mutter hatte völlig aufgelöst am Samstag angerufen und gesagt, dass sie das Schiff gerade auftankten und pünktlich zum Abschiedsessen ankommen würden.
   Sie würde Kaz und Amber dennoch alles vermachen. Der Kerl war zwar nicht völlig erfolglos, seine Bücher verkauften sich ziemlich gut, aber gerade an Johnny würde er nie herankommen, an Emma mit ihren weltweiten Büros wohl auch nicht. Er hatte auch Verwandte verloren und seine arme Tochter hatte alles auf einmal verloren. Und sie war eben zu hart zu Kaz gewesen, schließlich lag es ihm frei zu lieben wen er wollte. Und sie hatte ihre Chance damals ungenutzt verstreichen lassen. Selber Schuld meine Liebe. Sie waren beste Freunde, kein Paar. Auch wenn sie ab und an Sex hatten.
Nach der Feier würde sie ihre Koffer packen und in Veras Begleitung nach Russland aufbrechen. Aber sie wollte mit den beiden unbedingt noch ein paar Sachen angucken. Das BIT hatte Post geschickt, mit der Zusage für die Kleine, also würde es im Mai mit der Schule losgehen. Umso weniger gemeinsame Zeit mit diesem lieben kleinen Mädchen. Aber sie wurde schon ganz zerstreut, auf ihre „alten Tage“ ständig verschlampte sie ihre Sachen. Lippenstifte, Perücken, Kleidung, auch Schmuck. Entweder sie fand das Zeug irgendwo woanders oder es war einfach weg, es war so rätselhaft. Sie vermisste eine schwarze Bobperücke, eine aus Echthaar. Wo könnte die nur stecken?
Sie sah auf und warf ihre Serviette in den Mülleimer neben ihr. Sie warf einen Blick auf die künstlichen schwarzen Finger von Vera, die waren ihr immer noch ein bisschen unheimlich. Aber Vera war ausgesprochen nett und zuvorkommend. Liz hatte sie in einem Angestellten Einraum-Apartment einquartiert, in Maras altem Quartier. Die anderen drei Angestellten waren einigermaßen geschockt vom Tod ihrer Assistentin, immerhin war sie erst Mitte zwanzig gewesen. Suzi ertrank ihren Kummer im Alkohol und Sarah war schweigsamer geworden.
   Sie dachte an Kaz der irgendwo im Wald saß und wohl Militärrationen in sich reinstopfte, guten Hunger Arschloch.
„Vera, begleitest du mich in den Zoo? Ich will Scarletts Artgenossen bewundern.“
Vera nickte ohne zu zögern und stand auf. Jetzt würde Liz nach einer Überraschung für ihren doofen Freund Ausschau halten. Und danach ging es in das Tonstudio, das einem befreundeten Künstler in ihrem Haus gehörte. Jetzt wo sie Zeit hatte konnte sie auch die Gelegenheit nutzen und sich ihrem Lieblingshobby widmen. Seit Samstag spielte sie wieder Gitarre und Klavier und schrieb an ihren Songtexten. Leise werde ich diese Welt nicht verlassen!

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