Die Legende der schwarzen Geister – Kapitel 2

Lama Merten schreckte auf. Er war in tiefster Meditation versunken gewesen als ihn eine große unheilvolle Vision erreicht hatte. Er und seine Schülerin Luma schwebten in größter Gefahr. Gefährliche Mächte waren hinter ihnen her. Unheimlich und stark überlegen. Aber in seiner Vision hatte es auch Hoffnung gegeben. Jemand hatte ihn gerufen. Eine formlose Gestalt, ein Geist mit einer schillernden Aura. Er hatte ein Gebäude mit gigantischen Ausmaßen gesehen, mit einer riesigen kreisrunden Kuppel, irgendwo im Süden. Das Gebäude hatte wie ein sicherer Hafen gewirkt.
Vielleicht würde er dort diesen Geist finden.
   Er musste Luma finden, sie mussten sofort aufbrechen. Die Vision hatte sich grauenvoll real angefühlt.
   Lama Merten erhob sich und sah sich im Tempel um. Er hoffte inbrünstig er würde wieder hierher zurückkommen, denn die Bewohner des Dorfes brauchten ihn. Er war ihr Wächter für die letzten fünfundzwanzig Jahre gewesen. Er seufzte und strich fast schon wehmütig mit der Hand über einen der verzierten hölzernen Stützpfeiler.
   Er berührte den Anhänger an seinem Hals, einen der zylindrischen Gegenstände mit grüner abgerundeter Spitze den er vor gut zwei Jahrzehnten in einem magischen Würfel gefunden hatte. Er hatte den Mönchen und den Bewohnern der nahe gelegenen Dörfer und Klöster gezeigt, aber niemand hatte etwas damit anzufangen gewusst. Also hatte er ein Lederband daran befestigt und sich das merkwürdige Objekt um den Hals gehängt.
   Er bewegte sich etwas. Nach dem langen Sitzen war er etwas steif. Ja so langsam spürte er das Alter in seinen Knochen. In nicht allzu ferner Zukunft würde er ein alter Greis sein. Was dann wohl aus seiner Schülerin werden würde?
   Sie war viel zu schnell erwachsen geworden. Und jetzt würde sie ihn bald verlassen wollen, er spürte es. Er hoffte er hatte sie über die Jahre gut auf ihre Lebensreise vorbereitet.
Heute schenkte er dem Altar mit den Geschenken aus dem Dorf keine Beachtung. Sie hatten noch mehr als genug Vorräte als sie auf ihre Reise mitnehmen würden können.
   Er wusste nicht wohin die Reise gehen würde, aber er kannte die Richtung: Süden.
Vom Tempel war es nicht weit zur Höhle, die er mit seiner Schülerin zusammen bewohnte.
Der Stein mit der Inschrift, hatte sich in der ganzen Zeit kein Stück verändert. Luma hatte einmal versucht, die Inschrift zu entziffern, aber recht schnell aufgegeben. Hartnäckigkeit und Geduld waren nicht gerade ihre Tugenden. Eine ziemliche Hürde, wenn man den Lehren des Dalalonischen Buddhismus folgen wollte. Aber in den bisherigen Jahren hatte sie sich gut geschlagen.
Allerdings missfiel es ihm, dass sie sich mit übermäßigem Eifer in die Erlernung des waffenlosen Kampfes stürzte, aber ihre anderen Aufgaben weniger konzentriert erledigte.
Er dachte an diesen Emmet, von dem seine Schülerin seit nun etwa fünf Jahren andauernd sprach. Er war etwas älter als sie und ihren Schilderungen zufolge ein echter Abenteurer und Draufgänger.
Lama Merten war diesem Emmet noch nie begegnet, aber schon von den Erzählungen her konnte er ihn nicht ausstehen. Ein Abenteurer war seiner Schülerin unwürdig, fand er.
   Er zwängte sich durch den Spalt in die Höhle. Alter hin oder her, dünner war er zumindest nicht geworden. Die Höhle war leer. Lumas Schlafstätte mit dem großen Tigerfell und der Wolldecke sah benutzt aus. Sie war also schon wach. Neben dem Feuer standen benutzte Töpfe und Essgeschirr. Missbilligend schüttelte er mit dem Kopf. Ordnung war nicht gerade ihre Stärke.
Er lehnte seinen Stab an die Höhlenwand und ging mit dem dreckigen Geschirr nach draußen. Wenn seine Schülerin sich nicht darum kümmerte würde er es halt machen.
   Er hörte das Wasserrauschen bevor er den kleinen Wasserfall sah, als er den Weg bergauf entlang ging. Der Wasserfall rauschte etwa dreißig Fuß in die Tiefe in einen kleinen See klaren eiskalten Wassers. Und dort war Luma. Seine Schülerin kniete am Ufer des Sees und rührte mit einem seltsam geformten Pinsel in einer kleinen Schüssel. Dann schmierte sie ihren Kopf mit einem feinen weißen Schaum ein. Er erreichte sie in dem Moment als sie das scharfe Messer aus der Scheide nahm.
„Was machst du da ehrenwerte Schülerin?“
Sie sah nicht auf und begrüßte ihn auch nicht.
„Ich führe das Reinigungsritual durch, was sonst.“
„Was ist dieses Zeugs mit dem du dich eingeschmiert hast“
„Rasierseife“
„Warum das?“
„Das macht den Prozess um einiges angenehmer. Ihr solltet es auch probieren ehrenwerter Meister.“
„Das Reinigungsritual soll dich lehren deinen Körper zu spüren. Es soll kein angenehmer Prozess sein!“
„Auf Hautirritationen und andere Unannehmlichkeiten habe ich aber langsam keine Lust mehr!“
Lama Merten war fassungslos und wusste nicht was er erwidern sollte.
„Woher hast du diese Seife?“
Fragte er stattdessen.
„Emmet hat sie mir aus der Stadt mitgebracht. Dort ist es Gang und Gebe, dass man Seife zum Rasieren verwendet. Keine Ahnung warum die Mönche es immer so umständlich machen müssen.“
Wieder diese elende Emmet. Aber was sollte er mit diesem bockigen Mädchen machen. Zumindest war er froh, dass sie das Reinigungsritual überhaupt noch durchführte. Auch auf die Gefahr hin, dass sie Aufsehen erregte, wenn sie auf Reisen ging. Mönche waren überall gesehen, aber ein Mädchen ohne Haare war eine Rarität.
   Mädchen dieser Region in ihrem Alter trugen die Haare lang und parfümiert, Luma hingegen lief stolzen Hauptes umher und schien sich an dem Umstand ihrer mangelnden Haarpracht nicht zu stören. Ob es daran lag dass er sie schon in allerfrühster Kindheit an das regelmäßige Reinigungsritual gewöhnt hatte?
„Was gibt’s“
Fragte sie.
„Wie bitte?“
„Warum bist du hier?“
„Um dir mal wieder hinterher zu räumen.“
Er deutete auf das Geschirr in seinen Händen.
„Ups. Das wollte ich später noch machen. Konnte ja nicht ahnen, dass du so früh wieder zurück bist.“
„Man sollte immer sofort nach dem Essen abspülen.“
„Ich hatte aber heute keine Lust darauf!“
Er stellte das Geschirr auf dem Boden ab und verschränkte die Hände. Ihr bockiges Verhalten nagte an ihm. Was hat er denn nur falsch gemacht?
„Dann mach es wenn das Ritual abgeschlossen ist.“
„Och Manno, warum könnt ihr es nicht schnell machen, wenn ihr schon mal hier seid ehrenwerter Meister?“
„Keine Widerrede. Und komm dann zurück zur Höhle, wir müssen packen.“
Bei den Worten hielt sie wie erstarrt in der Bewegung inne und blickte zu ihm hoch.
„Warum ehrenwerter Meister?“
„Weil ich kürzlich eine Vision hatte, die von einer großen Gefahr gewarnt hat.“
„Und weil Ihr eine Vision habt müssen wir sofort alles stehen und liegen lassen und auf irgendeine Reise gehen. Wohin überhaupt?“
„Nach Süden.“
„Prima. Absolut nicht unpräzise wie Sau.“
Er riss erschrocken die Augen auf. Sie fluchte! Das tat sie eigentlich nie.
„Und was soll im SÜDEN sein?“
„Ein großes Gebäude mit einer hohen Kuppel. Da müssen wir hin.“
„Toll und genauer ging es nicht? Außerhalb von Dalalonien trifft das im Süden doch auf gefühlt jedes zweite Gebäude zu.“
Resigniert seufzte er und beschrieb ihr die ganze Vision.
„Böse Mächte die hinter uns her sind. Toll. Kann es nicht mal was erfreuliches sein? Zum Beispiel meine Hochzeit?“
Beim letzten Satz war ihm, als er hätte er sich verschluckt. Heiraten? Wen denn, etwa diesen Emmet?
Luma hatte sein Gesicht gesehen und lachte auf.
„Aber Meister, das war doch nur ein Spaß. Bevor ich heirate will ich erst die Welt sehen!“
Aber ihre Aussage schloss nicht aus, dass sie diesen Emmet heiraten würde. Ihm schauderte.
„Aber wie können Geister Auren haben? Die sieht man doch eigentlich gar nicht.“
Er zuckte nur mit den Schultern. Vielleicht war das mit den Geistern anders zu interpretieren gemeint.
„Es gibt viele merkwürdige Dinge und Geschehnisse, die man nicht in Worte fassen kann. Nicht alles in dieser Welt kann man begreifen.“
„So wie Vögel die brennend aus dem Himmel fallen?“
Er starrte sie irritiert an.
„Ihr redet im Schlaf ehrenwerter Meister. Was hat es mit diesem brennenden Vogel eigentlich auf sich? Und warum ist das Ganze so wichtig?“
Er war wie erstarrt und suchte nach Worten. Dass war weder der richtige Ort noch der Zeitpunkt um zu erzählen wie er sie gefunden hatte.
   Da wurde er plötzlich erlöst. Ein heller Pfiff ertönte.
Wie auf Kommando ruckten sie beide mit den Köpfen und spähten in dir Richtung aus der Pfiff gekommen war.
   Dahinten sprang eine Gestalt über ein paar Felsbrocken und eilte über Steine springend auf sie zu. Jetzt konnte sie Lama Merten besser erkennen.
   Eine Echse. Eine ziemlich große Echse um genau zu sein. Von der Kopfform her war es ein Waran. Fast schwarz mit beigen Flecken und Streifen. Das war einer von den großen Waranen die sich in den letzten Jahrzehnten in Dalalonien stark verbreitet hatten aber eher in den wärmeren Talregionen lebten. Hier in den Bergen waren sie ein seltener Anblick.
   Der Waran trug eine kurze Hose, keine Schuhe und eine Pistole steckte im Wadenholster. Kletterausrüstung, Kompass, und ein magisches Licht waren am Gürtel eingehängt. Graues kurzärmliches Oberteil mit einem Brustgurt, in dem ein Messer steckte. Dazu ein großer prall gefüllter Wanderrucksack.
   Der Waran schien noch ziemlich jung zu sein, etwa in Lumas Alter. Wer zum Henker war das denn?
„Emmet!“ rief Luma freudestrahlend.
Lama Merten war als stünde er unter Schock. Dieser Waran war also dieser Emmet, von dem Luma immer berichtete und den sie anscheinend heiraten wollte. Resigniert zuckte er mit den Schultern. Wenn das mit den beiden schon so lange ging konnte er wohl nichts dagegen tun.
Emmet erreichte sie und Luma warf sich ihm in die Arme.
Luma war für eine Frau recht groß, aber Emmet war trotzdem noch etwa einen Kopf größer.
Sie lösten die Umarmung und Luma stellte sich neben Emmet und lächelte etwas verlegen.
„Ehrenwerter Meister, das ist mein Freund Emmet von dem ich euch so viel erzählt habe.“
Lama Merten nickte grimmig.
„Warum ist er hier?“
„Weil ihr in größter Gefahr seid!“
Luma verdrehte die Augen.
„Nicht du auch noch. Was ist es denn diesmal?“
Emmet sah sie überrascht an, mit dieser Reaktion schien er nicht gerechnet zu haben. Aber er fasste sich schnell wieder.
„Meine Mutter hat mich kontaktiert. Sie hat mir von einer Gruppe von neun schwer bewaffneten Männern, größtenteils große Warane und einer Frau …“
Er zögerte.
„ … aus Metall berichtet, die sie zum Kloster Nehab gebracht hat. Von dem was meine ehrenwerte Mutter mitbekommen hat sucht die Gruppe einen Mönch, der in Begleitung es kleinen Mädchen ist. Die Gruppe führt nichts Gutes im Schilde.“
Lama Mertens Inneres verkrampfte sich. Er war im Kloster Nehab aufgewachsen und hatte dort viele Jahre verbracht. Es war bestimmt kein Zufall, dass man dort mit der Suche angefangen hat.
„Wenn wir jetzt sofort aufbrechen können wir uns einen guten Vorsprung erarbeiten und untertauchen. Bis sie eure Spur aufgenommen haben, wird hoffentlich noch viel Zeit vergehen.“
„Nein. Wir müssen nach Süden!“
Lama Merten war strickt. Die Vision war vorrangig vor allem anderen.
„Warum das ehrenwerter Lama?“
„Ich hatte eine Vision, die mir gezeigt hat, dass wir schnellstens nach Süden aufbrechen müssen.“
„Bitte erzählt mir von eurer Vision ehrenwerter Lama.“
Zufrieden, dass wenigstens eine Person an seiner Vision interessiert war, erzählte er von seiner Vision.
„Die Beschreibung sagt mir was aber ich weiß nicht mehr an was mich das erinnert. Ich werde sofort meinen Vater um Rat fragen, er weiß viele Sachen.“
Eine Frage stand plötzlich im Raum.
„Wie hat dich deine ehrenwerte Mutter überhaupt kontaktieren können? Kloster Nehab ist hunderte Meilen von hier entfernt!“
Misstrauisch beäugte er den jungen Waran. Der warf einen irritierten Blick zu Luma, die nur genervt mit den Augen rollte, und wandte sich dann an ihn.
„Hier, damit.“ Damit stellte er den Rucksack ab, griff in ein Fach und förderte ein seltsames schwarzes Objekt zutage. Ein kleines recht flaches rechteckiges Ding mit einem Tastenfeld und einem dicken Stab am oberen Ende. Lama Merten hatte keine Ahnung was das sein sollte, er hatte es nicht so mit technischen Apparaturen.
„Ein Satellitentelefon. In diesen Regionen mit kaum Funktürmen höchst praktisch.“
„Ein was bitte?“
Lama Merten starrte das schwarze Ding in Emmets Händen ungläubig an. Das sollte ein Telefon sein? Er wusste was ein Telefon war. Unten im Dorf gab es eins, aber das war riesig und klobig und befand sich in der Poststation. Er hatte es ein paar Mal benutzt um Rat in einem anderen Dorf oder Kloster zu fragen. Aber wie konnte ein Telefon tragbar und so winzig klein sein? Er verstand die Welt nicht doch nicht mehr so richtig.
„Ein Satellitentelefon.“
Wiederholte Emmet unsicher.
„Ok, ich rufe kurz meinen Vater an.“
Und damit tippte er auf dem Telefon herum und entfernte sich ein paar Schritte.
„Und wir beide gehen runter und packen“ sagte Lama Merten in entschiedenen Ton.
„Nein. Ich werde das Ritual durchführen und mich dann ums dreckige Geschirr kümmern.“
Trotzig sah sie ihn an.
   Er seufzte und warf einen Blick auf Emmet. Dann zuckte er erneut ratlos mit den Schultern und ging zurück zur Höhle um mit dem Packen anzufangen.
   In der Höhle angekommen sah er sich ratlos um. Diese Höhle war sein Zuhause für fünfundzwanzig Jahre gewesen und es kostete ihn Überwindung sie nun aufgeben zu müssen. Seine Vision war in dieser Hinsicht zwar vage gewesen, aber tief in ihm drin wusste er, dass er nie an diesen Ort zurückkehren würde.
   Er nahm sich seinen Rucksack und füllte ihn mit den Sachen, die ihm nützlich erschienen. Die Kletterausrüstung würde er wahrscheinlich nicht gebrauchen, aber er nahm sie trotzdem mit. Die Decke, die ihm seit Urzeiten gute Dienste bereitete, würde natürlich mitkommen. Ebenso wie das Essgeschirr, was Luma vermutlich gerade abwusch.
   Und sein Stab durfte natürlich nicht fehlen, was war nur eine Reise ohne Wanderstab.
Er merkte nicht wie die Zeit verstrich, denn plötzlich vernahm er Schritte und Luma, das saubere Geschirr in den Händen, und Emmet, der sich staunend umsah, kamen herein.
„Ich habe meinen Vater erreicht. Er weiß um welches Gebäude es sich handelt. Es ist das größte Theater der bekannten Welt und befindet sich südlich von uns, wenn auch sehr weit weg. Dort soll in etwa drei Wochen eine Weltversammlung aller Könige, Regenten und Staatsoberhäupter stattfinden.
Mein Vater meinte wir können es in dieser Zeit dort hin schaffen. Was meint ihr ehrenwerter Lama, war in eurer Vision von einer Versammlung die Rede?“
Lama Merten dachte angestrengt nach.
„Ich kann es nicht genau sagen, aber ich würde es nicht abstreiten wollen.“
Emmet strahlte.
„Super. Dann sollten wir sofort aufbrechen. Mein Vater erwartet uns in seinem Laden in der Stadt.“
Lama Merten strahlte nun ebenfalls. Luma war überstimmt. Seine Schülerin warf einen resignierten Blick auf ihre Schlafstätte.
„Das Tigerfell werde ich wohl hierlassen müssen, oder?“
„Ja Luma, aber wir finden bestimmt Ersatz wenn wir eine neue Bleibe gefunden haben.“
Tröstete sie Emmet.
Luma schniefte etwa, riss sich dann aber zusammen und fing an zu packen. Nach einer halben Stunde waren sie fertig und Aufbruch bereit. Sie gingen aus der Hölle und warfen einen Blick auf das Tal unter ihnen. Jetzt würde es kein Zurück mehr geben. Luma warf einen Blick zurück und lief dann los. Emmet übernahm die Führung und Lama Merten bildete den Schluss.

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