Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 15

15. Liz – 1.W. April 2045 – Freitagabend.

Liz saß an ihrem Schreibtisch und prüfte ein paar Entwürfe, als sie Johnny nebenan fürchterlich fluchen hörte. Lautstark, wütend, energisch und in allen Sprachen, die er kannte. Besorgt stand sie auf und ging die flache Treppe runter und zu der Schiebetür, die ihrer beiden Büros trennte.
„Alles in Ordnung?“ Fragte sie besorgt. Johnny hatte einen hochroten Kopf und schob sich die Brille hoch. Er fuhr zu ihr herum und fuhr sie aufbrausend an.
„NEIN. Absolut gar nichts ist in Ordnung, alles nur völlige Katastrophen. Drei Eilmeldungen haben mich gerade mit der Sanftheit eines Güterzuges erreicht. Ach sorry, ich wollte dich nicht anbrüllen. Aber meine Nerven liegen nach der Sache mit meiner Frau einfach nur blank und ich bin kurz vorm Durchdrehen. Emma hat mich ganz aufgelöst angerufen und mir panisch berichtet, dass Jack und Akira verschwunden sind!“
Liz schlug sich erschrocken die Hände vor den Mund.
„Und Kaz ist seit Dienstag abgetaucht und geht nicht an sein Handy. Den nagelneuen Defender haben wir irgendwo in der Ukraine verloren. Amber ist verschwunden. Nate schwört Stein und Bein, dass er Jack und Akira zuhause abgeliefert und reingehen sehen hat. Zuhause sind überall Kameras angebracht und Security postiert, aber verdammt noch mal nur außen. Als Emma von ihrem Mittagsschlaf erwacht war wollte sie nach den beiden sehen, hat sie aber nirgends finden können. In Jacks Zimmer lag sein Handy auf dem Tisch und der Rechner war an. Sie hat festgestellt, dass ein paar Kleidungsstücke und sein Rucksack fehlen. Selbiges gilt für Akira und sie hat ihr iPhone zurückgelassen. Emma hat natürlich sofort Nate und unsere Eltern alarmiert und mit ihnen zusammen jeden Zentimeter des Hauses durchsucht, nichts. Nicht die geringste Spur. Sie ist völlig panisch vor Sorge. Aber die beiden können sich natürlich nicht in Luft aufgelöst haben. Ich wette mein Arschloch von einem Bruder steckt dahinter. Als IT Ass und versierter Bastler wird er sich schon bestimmt irgendetwas Perfides ausgedacht haben. Wir haben schon an alles gedacht, aber sein Defender mit dem Peilsender ist Hops gegangen und sein Prism kann man natürlich nicht orten. Und dieser Hurensohn meldet sich nicht, hoffentlich ist ihm auch nichts passiert. Jetzt kann ich mich nicht entscheiden welche Katastrophe ich dir als nächstes erzähle.“
Liz war völlig geschockt. Das war ja einfach nur entsetzlich. Bitte lass den Vieren nichts zugestoßen sein. Und wehe das ist ein Scherz von Kaz, das war jetzt weit über der Grenze.
„Was haben die medizinischen Tests ergeben?“
Das hatte sie ihrem Freund Kaz verschwiegen. Als sie am Montag in ihrem Neuen Outfit im Unternehmen war, hatte sie Johnny interessiert begrüßt und sie zu den Hintergründen des Tuns befragt und als gutem Freund und Unternehmenspartner konnte sie ihn nicht anlügen und hatte ihm alles erzählt. Von ihren Haaren, ihrem scheiß Körper, Dem Krebs und den anderen Tausend Problemen. Sehr besorgt hatte Johnny für den restlichen Tag freigegeben und sie ins medizinische Labor für einen gründlichen Check geschickt. Bang hatte sie jeden Tag mit dem Ergebnis gerechnet.
Jetzt sah sie Johnny mit leerem Blick an, er wirkte plötzlich um Jahre gealtert.
„Hach, ich habe inständig gehofft es wären alles nur zufällige Befunde aber wir haben etwas Schreckliches entdeckt. Eine Krankheit, eine der seltensten die es gibt und es existiert kein Gegenmittel oder Medikament, das dagegen ankommt. Es tut mir so verdammt leid. Wir wissen kaum etwas über die Krankheit, nur dass die Körper der Kranken regelrecht zerfallen. Bei dir ist die Krankheit sehr weit fortgeschritten und du hast nur noch etwa vier Monate Zeit, bevor eine irreversible Spirale in den Tod eintritt, der unvorstellbar schmerzhaft und grauenvoll sein soll. Verdammt nochmal, du bist die beste Vizechefin der Welt, aber ich gebe dir für die restlichen Monate frei, damit du dein Leben in vollen Zügen genießen kannst, bevor es vorbei ist. Wir geben aber erst deinen Rücktritt bekannt, wenn du von uns gehst. Natürlich gibt es Möglichkeiten dir das Leid am Ende zu ersparen, auch wenn das in Deutschland illegal ist. Aber es gibt ein kleines bisschen Hoffnung. Horizons Zukunftsprojekt FSB ist erfolgreich abgeschlossen. Und Horizon Russland arbeitet im geheimen an einem Nachfolgeprojekt. Das würde dein Problem zwar nicht lösen, aber hoffentlich bequemer machen. Wenn du einverstanden bist, lasse ich den Transfer nach Russland arrangieren, bevor deine Zeit abgelaufen ist.
Es tut mir so unfassbar leid, aber ich fürchte das wird deine einzige reelle Chance sein, auch wenn sie sehr schmerzhaft werden könnte.“
Ihr Herz krampfte sich zusammen und sie setzte sich auf einen Besuchersessel. Vier Monate und dann garantierter Tod. Warum nur war sie mit diesem Körper bestraft? Gott warum hasst du mich so sehr? Was hab ich der Welt denn getan, dass ich sowas verdiene? Sie dachte an Kaz und Amber. Sie beschloss das Experiment einzugehen. Lieber Schmerzen und ein bisschen Hoffnung als endgültiger Tod. Und sie würde ihm nichts sagen. Sie würde das Mittel zum Bleichen der Haut absetzen, aber das andere weiternehmen. Auf ihren Lebensabend wollte sie keine Sekunde ans Rasieren verschwenden wollen müssen.
   Komm doch bitte schnell wieder Kaz und bring Amber mit. Zu gerne hätte sie die kleine zusammen mit Kaz aufgezogen und mit Pech erlebte sie auch nicht mal mehr ihren sechzehnten Geburtstag.
So eine beschissene Welt. Hoffentlich konnte sie noch ein bisschen reisen, bevor es zu spät war. Das hatte sie zu ihrer Schande nie richtig getan. Kaz hatte ihr immer von Rom vorgeschwärmt und sie war noch nie dagewesen, das sollte sie wohl dringend nachholen.
   Und sie würde Kaz alles vermachen, was sie besaß. Ihm und seiner wunderbaren Tochter. Ob sie wohl eine gute Mutter gewesen wäre? Das würde sie wohl nie erfahren. Sie seufzte unglücklich und Tränen schossen ihr in die Augen. Sie würde gleich morgen notariell ihr Testament aufsetzen. Sie war sehr wohlhabend und sie wünschte sich, dass es den beiden gutgehen würde. Sie sollten alles bekommen, auch wenn Kaz mit ihren Pelzen und Perücken nichts anzufangen wüsste.
„Ok, ich begebe mich in die Hände der Russen, aber sag bitte keinem, dass ich krank bin.“
Johnny nickte schwer.
„Was ist die dritte schreckliche Nachricht?“ Johnny seufzte.
„Eine Eilmeldung von der Sicherheitsabteilung. Ein Geist ist wieder aufgetaucht: Dagger.“
„Was soll mir das sagen? Was heißt Geist und wer oder was ist Dagger.“
„Die Geister sind eine Geheimorganisation. Sie sind sozusagen die Marvel Avengers ohne Superkräfte und absolut Jugendfrei. Sie tauchen aus dem Nichts auf, erledigen ihre Ziele und verschwinden spurlos. Absolut niemand ist vor ihnen sicher. Keiner weiß wer sie sind oder was sie wollen, aber es gibt sie und sie sind die tödlichsten Attentäter der Welt. Man sieht sie nur wenn sie gesehen werden wollen und wenn man sie sieht ist es bereits zu spät. Und sie verfügen über mächtige Freunde und eine Menge Ressourcen. Und einer der Schlimmsten ist wieder aufgetaucht. Dagger ist wie Nathan aus Kaz Buch, nur schlimmer und total sadistisch. Unzählige Tötungsmissionen mit maximalen Opferzahlen. Er ist schnell, effizient, stealthy, extrem brutal und liebt es seine Opfer mit der Klinge zu foltern. In der letzten Woche sind in Deutschland 17 Tote aufgetaucht, alle mit seinem Symbol versehen, dem Dolch-Pictogram aus fünf Strichen. Warte, ich zeichne es dir auf.“
Johnny holte einen Stift und einen Zettel, malte kurz und zeigte ihr ein Symbol, das tatsächlich an einen Dolch erinnerte. Das beunruhigte sie zutiefst, dass dieser wahnsinnige Massenmörder frei draußen Herumlief.
„Ich schicke dir die Daten zu Dagger auf deinen Rechner. Aber sei vorgewarnt, guck dir die Sachen nur mit leerem Magen an! Seine letzte bekannte Tötungsmission hatte über zweihundert Opfer, danach ist er für viele Jahre abgetaucht, bis jetzt. Und jetzt zur Abwechslung auch mal eine gute Nachricht. Wir haben eine neue Leibwächterin für dich. Sie heißt Vera und arbeitet bei Horizon. Sie ist eine erfahrene Pilotin, Fahrerin und topfit im Nahkampf und Fernkampf. Und sie ist schwer augmentiert. Ich lasse sie rufen.“
Wenig später kam eine Frau ins Büro, Liz würde sie auf Anfang dreißig tippen. Schwarzer Rollkragenpullover, enge schwarze Lederhosen, hohe schwarze Stiefel mit Absätzen, ein schönes scharfgeschnittenes Gesicht mit grünen Augen und ein lockerer dunkler Pferdeschwanz. Sie lächelte freundlich und verbeugte sich vor Liz.
„Es ist eine Freude sie kennenlernen zu dürfen, Madam“
Sie hatte einen leichten französischen Akzent und eine angenehme Stimme. Sie machte einen freundlichen und kompetenten Eindruck. Liz dachte schmerzlich an ihre letzte Personenschützerin Mara, die diese Woche im Dienst gestorben war. Hoffentlich ereilt dir nicht dasselbe Schicksal.
Immerhin hatte sie jetzt Jemanden der sie begleiten konnte, wenn sie sich die Welt ansah.
Was sie jetzt wohl als erstes machen würde? Ja, ihm Haus der Welt essen gehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: