Das Oisiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 13

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13. Jack – 1.W. April 2045 – Mittwoch.

Jack starrte auf die Decke über sich. Seine Mutter hatte ihn heulend am Dienstagabend angerufen. Ryan war tot, er war aus dem Koma nicht mehr aufgewacht. Die Welt um ihn herum war komplett zusammengebrochen. Er dachte er müsste heulen, zumindest fühlte er sich so, aber nicht eine einzige Träne war gekommen. Er war nur noch voller Hass auf den Bastard, der seinen Bruder erschossen hatte. Kaltblütig und mit voller Absicht. Er hob eine Hand vor die Augen. Sie war völlig ruhig, das war unheimlich. Die Leere krallte sich um ihn und der Hass loderte, aber sein Puls war völlig ruhig. Er malte sich aus, wie er sich an Adrian Drosser rächen würde.
   Und da endeten die grausamen Nachrichten noch gar nicht. Die Clowns hatten Helena und Mara angriffen, als sie die Einkäufe einluden. Mara hatte gut Zähne gezeigt, aber die Clowns waren in der Überzahl. Auf dem Parkplatz wurden sie übel zerstückelt und die Hilfe von Horizon kam sofort – ein Rettungshelikopter und ein Gunship, die ordentlich unter den Clowns aufgeräumt hatten. Aber es war zu spät. Helena war auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben und Mara wenige Stunden später in der Notfallmedizin bei Horizon.
   Das war so eine grausame Scheißwelt. Und die Dreckspresse hatte sich über den Einsatz eines schwerbewaffneten privaten Einsatzkommandos des Konzerns aufgeregt und wieder alles tuschiert, sodass es ihre Agenda passte, die da wäre, dass die Führungsriege von Horizon Deutschland sich als rechtsextrem entpuppen würde und alle wurden im Konzern unter Generalverdacht gestellt.
Auch wenn es wehtat, aber die Sache mit Ryan war irgendwie vorhersehbar gewesen, die andere Sache kam einfach aus dem Nichts. Er hatte Akira niemals weinen gesehen, aber gestern Abend hatte sie ohne Ende geheult. Trotz seines manchmal etwas angespannten Verhältnisses mit ihr hatte er ihr die Schulter geboten, um sich an ihr auszuheulen und sie hatte Dankbar angenommen. So hatten sie da gestanden, sein T-Shirt nass von ihren Tränen und er strich ihr über den Rücken. Amber hatte sie auch umarmt. Sie wirkte etwas gefasst, aber beinahe locker. Gut, sie kannte Ryan nicht und sie hatte Helena erst einmal gesehen.
   Was ihn fertig machte war, dass er trotz allem recht gut geschlafen hatte. Zwar verdammt kurz, aber er hatte sich erholt. Jetzt war es kurz vor fünf und der Alarm würde gleich gehen.
Ach scheiß drauf. Er stieg aus dem Bett, kletterte die Leiter runter und zog sich seine Sportsachen an. Heute hatten sie den ganzen Tag Sport, also fiel der Morgenworkout aus. Frühstück um sechs, also setzte er sich an seinen neuen Laptop und browste das Web.
   Die Stadt Berlin würde Horizon für den Einsatz einer SpecOps Einheit im Inland gerichtlich belangen und Untersuchungen sollten angesetzt werden, was die Militärische Schlagkraft des Konzerns belangte.
   Derweil kam großes Lob vom Militär und von der GSG9, was die Vorgehensweise bei dem Einsatz der Horizon Jungs anging. Und natürlich hatte man die festgenommenen Clowns wieder freigelassen, was war auch anderes zu erwarten. Mit großer Beunruhigung las er bei unabhängigen Zeitungen, dass es in der Nacht Deutschlandweit achtzehn weitere Angriffe der Clowns gegeben hatte. In den meisten Fällen waren die Angehörigen von Bundeswehr Soldaten das Ziel.
   Und er stöberte in ein paar Militärtechnik Foren und auf reddit herum. Angeblich war das erste neue Flaggschiff Modell des Omega Konzerns auf den Straßen gesehen worden. Das interessierte ihn brennend. Er hatte alles dazu aufgesogen. Das wäre doch der perfekte Familienwagen, wenn die Gerüchte stimmten. Er stellte sich das vor, die Innenausstattung einer Limo mit der Panzerung und Feuerkraft eines Kampfpanzers. Er fieberte schon seit Jahren auf die Vorstellung hin.
Und er las mit Google Übersetzer in einem russischen Forum, dass angeblich zwei moderne Kampfpanzer in Entwicklung waren und bald vorgestellt werden sollten. Unter den Projektnamen Scorpio und Goliath. Einer soll angeblich der erste Superschwere MBT der Welt sein. Die Entwicklung lief unter dem Decknamen „Leopard Killer“. Tja die Russen hatten es den Deutschen sehr übel genommen, dass deren neuer Leopard 3 MBT den T-14 Armata praktisch über Nacht obsolet gemacht hatte. Jack war stolz darauf, dass Deutschland den momentan besten Kampfpanzer der Welt hatte, und selbst die Amis hatten ihre völlig veralteten M1 Abrams gegen die neuen Leopards ausgetauscht.
   Ob sein Onkel wusste was Lambda da in den USA produzierte? Er würde ihn mal fragen, wenn er ihn das nächst Mal sah. Jedenfalls dachten die Amis darüber nach einen Nachfolger der A-10 Thunderbolt II in Auftrag zu geben, bei Lambda natürlich.
   Er sah auf die Uhr, Kurz vor sechs. Er packte zusammen und ging raus. Sergej war schon längst unten beim Morgenworkout, er hatte ihn gar nicht gehen gehört. Hier an der Schule gab es wenig Sportunterricht, dafür jeden Tag einen halbstündigen Workout vor dem Frühstück. Er klopfte bei den Mädchen und die öffneten sofort. Akira hatte ganz verquollene Augen und Amber wirkt besorgt. Er fand sie hatten etwas von Schwestern an sich. Betreten gingen sie runter in die Mensa und holten sich ihr Essen.
   Ihre Stimmung war zwar sehr gedrückt, aber das Essen war fantastisch. Rührei, Speck, heute sogar Bratkartoffeln, dazu einen Fruchtjoghurt, eine gelbe Banane und ein paar Snacks.
Tragik hin oder her, er hatte einen Bärenhunger. Er sah zu Akira die mit gesundem Appetit aß. Also rein damit. Es war erstklassig, einfach nur richtig gut. Der Joghurt war Kirsche, seine Lieblingssorte. Die Banane war genau richtig von der Konsistenz und einfach nur Lecker und die Snacks packte er sich für Sport ein. Nach etwa zwanzig Minuten waren sie drei fertig und packten zusammen. Amber hatte ihre Snacks schon verputzt und grinste zufrieden. Langsam gingen sie zum Sportgelände und verdauten ihre üppige Mahlzeit. Hoffentlich ging es jetzt nicht knallhart in den Sport solange sie alles noch unverdaut im Magen hatten. Auf dem Sportplatz waren vereinzelt ein paar Schüler in Sportsachen unterwegs.
„Und jetzt? Wir haben noch eine halbe Stunde.“
„Ihr könntet ja ‘ne Runde heulen.“ Amber war einfach nur fies und Akira bedachte sie böse.
„Guckt nichts so, ich hab wesentlich mehr verloren als ihr und hab nicht so rumgeheult als du. Werdet mal ein bisschen tougher, die Welt ist brutal und wer schwach ist wird nur getreten.“
Jack hatte Amber nie so deutliche Worte zu irgendjemand sagen hören. Er sah sie überrascht an.
„Was hab ich da gehört, ihr streitet euch doch nicht etwa?“
Yusuf war grinsend zu ihnen getreten. Dann wurde er schlagartig ernst.
„Ich hab die Nachrichten gehört und die Schulleitung hat mich verständigt. Wenn ihr glaubt dass ihr das emotional nicht packt, können wir das Training jederzeit beenden und verschieben, das wurde so genehmigt. Ihr habt Menschen verloren, die euch verdammt wichtig sind, ihr alle drei. Und das nimmt euch mit und macht euch fertig. Ich kenne das Gefühl gut, ISIS Kämpfer haben meine Familie abgeschlachtet als ich neun war, seitdem bin ich allein. Der irrsinnige Schmerz am Anfang kann einen echt zerfressen und in diesem Fall stimmt das Sprichwort nicht, Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Aber wenn ihr es richtig anstellt könnt ihr eure Wut über den Verlust kanalisieren und sie euch noch stärker machen lassen. Training ist erst in einer halben Stunde, also könnten wir kurz zu meinem Truck, ich mach euch nen kleinen Tee und ich kann euch was zeigen, während ihr das geile Frühstück verdaut. Ich weiß noch nicht so richtig was wir heute alles machen. Ich denke wenn ihr verdaut habt machen wir uns warm, dann Basics und dann machen wir Parcour und Klettern. Und dann seid ihr für heute entlassen. Ach und nach dem Mittagessen machen wir ne Theoriestunde zum Thema menschlicher Körper und Ernährung, das übernimmt aber wer anders. Und vor dem Abendessen trainiert Igor mit euch Kampfsport. Also los geht’s, in einem lockeren Trab.“
Die Worte des Arabers weckten etwas in Jack. Ging sowas, den Hass in Kraft umwandeln. Ja, er würde sich nicht klein beigeben, er würde kämpfen und der Beste werden, für Ryan. Er warf einen Blick zu Akira, die sich die Tränen wegwischte und ihn gefasst ansah. Sie nickte unmerklich.
Dann liefen sie Yusuf hinterher zu seinem Truck mit dem irren Regen und Sonnenverdeck. Der Araber kletterte behände und sie folgten ihm etwas unbeholfen. Oben angekommen hatte man eine recht gute Sicht. Am Heck setzten sie sich auf Sitzkissen und Yusuf stellte ihnen einen Laptop vor die Nase.
„Ich hab über die Jahre ein paar Lektionen und Showreels gedreht und aufgenommen. Ich bin zwar jetzt nicht Weltklasse im Videoschnitt aber ich hoffe man sieht was. Hier ich starte die Playlist. Derweil setze ich mal nen Tee auf.“
Die Videos waren der blanke Wahnsinn. Einfach nur Weltklasse. Und dazu Tutorials zum Klettern und zu Parcour. Der Typ war total genial. Yusuf brachte einen leckeren etwas süßlichen würzigen Tee, den er nicht kannte. Ach ja auf dem Liegestuhl hinter ihnen lag ein großer Plüschgecko auf den Kissen. Das fand er ziemlich lustig. Er wettete das Yusuf echte Geckos hielt.
„So, ich lese euren Mienen ab, dass es euch gefallen hat. Und jetzt ein bisschen Sport?“
Die drei nickten einstimmig. Und es ging wieder zurück zum Sportpark. Sie liefen zwei Kilometer. Sie machten Basics, also Kniebeugen, Rumpfbeugen, Liegestütze, Klimmzüge. Und zwar so viele wie sie konnten. Er schaffte vierzig Liegestütze und fünfundzwanzig Klimmzüge. Akira wesentlich weniger. Ambers Leistung war recht beindruckend.
   Yusuf zeigte ihnen die Basics für Parkour, Tipps und Tricks und so. Als die Glocke zum Mittagessen läutete, konnten sie sich relativ sauber über die Schulter abrollen, eine Wand hochklettern und über Hindernisse Balancieren, aber eben alles noch wie zu erwarten sehr unbeholfen.
Zum Mittag gab es einen Hackbraten mit Bratensoße, Kartoffeln und gemischten Gemüse. Und wieder ein paar kleine Snacks. Das Essen war zwar nicht so gut wie im Haus der Welt, aber um Meilen besser als der Fraß in der Schulkantine, wo er die letzten Jahre immer hingegangen war.
Danach hatten sie Theorie bei einer ziemlich heißen Sportlehrerin, wo sie ein paar Sachen zu Anatomie, Muskelgruppen, Vorbeugen von Verletzungen bei Übungen und einem Groben Leitfaden zu verschiedenen Ernährungsarten. Etwas öde, aber nicht so zum Kotzen langweilig wie der Unterricht an seiner alten Schule.
   Danach kletterten sie. Zuerst ohne Seile an einer kleinen Wand, dann mit Seilen an einer Indoor Kletterwand und zum Abschluss an einer Außenwand, die einer echten Felswand nachgebildet war – die kamen sie etwa zwanzig Meter weit hoch bevor der Araber ihnen den Befehl zum Abseilen gab.
Dann verabschiedeten sich von Yusuf und es ging zu Igor.
   Einem Russen mit einem Körper wie ein Schrank, der aussah als würde er null Spaß verstehen. Er zeigte ihnen ein paar Basics und sie wiederholten seine Übungen. Immer eine arme Socke durfte mit dem riesenhaften Russen trainieren. Sie übten auch Kicks und Schläge mit Schützern. Als er mit Amber zusammen trainierte drosch sie wie besessen auf das Polster auf, dass er in den Händen hielt. Das war zwar nicht wie in den Actionfilmen wo eine zierliche Heldin riesige böse Jungs plättete, aber sie hatte was drauf und es regte ihn auf, dass sie ihre Wut an ihm ausließ. Das geb‘ ich dir zurück. Als sie die Rollen tauschten, gab er auch ordentlich Dampf, und mit dem letzten richtig harten Kick wurde sie regelrecht nach hinten auf die Matten geschleudert.
   Oh, das hatte er jetzt aber auch nicht gewollt. Er beugte sich über sie und hielt ihr den Arm hin. Sie sah ihn etwas erschrocken an und schlug dann ein. Sie wog ja praktisch nichts, also war sie ihm Nu wieder oben.
   Danach gab es Abendessen, kalt aber schweinelecker. Man war der Tag anstrengend gewesen.
In seinem Zimmer duschte er sich in Ruhe und trocknete sich ab. Er war völlig geschafft und er hoffte, dass die Schule sie übernahm, Klettern und Parcour machten echt Spaß.
   Wenn doch nur Ryan hier wäre dachte er sehr traurig und sah aus dem Fenster in die dunkle Nacht.