Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 7

7. Kaz – 4. W. März 2045 – Sonntagmorgen

Kaz erwachte langsam. Unter dieser dicken Pelzdecke war es für seinen Geschmack viel zu warm. Nackt zu sein half dabei zumindest, wahrscheinlich war es anders auch nicht auszuhalten. Er drehte sich auf die Seite und streckte die Hände nach seiner Freundin aus, aber sie war nicht da. Er schaltete die Nachttischlampe auf seiner Seite des Bettes an und sah sich um. Es war unmöglich zu sagen welche Tageszeit es war. Das würde ihn völlig kirre machen, wo er doch die letzten zehn Jahre immer von der aufgehenden Sonne geweckt worden war. Er schlug die schwere Decke zur Seite und setzte sich an der Bettkante aufrecht hin. Sein Kopf brummte, der Jetlag knallte ordentlich. Mh, verdammt er war nach dem fantastischen Sex eng mit Liz verschlungen eingeschlafen. Und sein Koffer mit seinen Wechselsachen stand immer noch draußen neben der Tür. Er fluchte leise. Da er nicht so richtig Lust darauf hatte nackt durch die Wohnung zu rennen zog er sich die dreckigen Sachen vom Vortag wieder an, die er seit dem Aufbruch von der Ranch nicht gewechselt hatte und die auch entsprechend rochen. Ihm war nach einer Dusche. Hätte er doch nur mal im Flieger geduscht. Er warf kopfschüttelnd einen Blick auf die absurden Mengen an Perücken und schob leise die Tür auf. Es war draußen schon hell, aber bestimmt noch recht früh am Morgen.
   Ein angenehmer Geruch strömte aus der Küche, Liz war wohl schon dabei, das Frühstück zuzubereiten. Er öffnete die Tür zur riesigen Küche und warf einen Blick hinein. Ungläubig starrte er auf die riesige Pfanne, in der eine Absurde Menge Bratkartoffeln vor sich hin brutzelte. Liz stand in einer Schürze am Arbeitstisch und schnitt Obst klein. Sie sah auf und warf ihm ein warmherziges Lächeln zu.
„Hey Großer, ich hätte nicht gedacht, dass du schon so früh auf bist. Da auf dem Tisch steht ein Glas Wasser und eine Kopfschmerztablette, die tut dir jetzt vielleicht ganz gut.“
Er spülte die Kopfschmerztablette herunter und sah ihr einen Moment zu.
„Warum springst du nicht schnell unter die Dusche und ziehst dir ein paar frische Sachen an. Und dann hilf mir gefälligst, aber weck die Kleine nicht auf, ich möchte sie überraschen. Lien hat an Wochenenden oft frei und ich muss heute leider arbeiten, von daher hab ich nicht viel Zeit.“
Ihre Stimme hatte einen für ihn ungewohnten Befehlston. Machte man sowas eigentlich  automatisch unterbewusst, wenn einen so riesigen Konzern leitete?
„Ich hab dir Handtücher, Shampoo und ein paar bequeme Kleidungsstücke im Bad bereitgelegt. Der Fön ist schon eingestöpselt und wartet auf dich. Nun mach schon.“
Etwas gefasst verließ er die Küche und betrat das Bad, an ihre super strukturierte Planung würde er sich nicht so schnell gewöhnen, sie hatte ja schon praktisch alles geplant und vorbereitet, bevor er nur daran denken konnte. Das Bad kannte er noch nicht, als er damals ausgewandert war, war der Rohbau zwar fertig gewesen, aber mehr auch nicht. Er hielt einen Moment mit offenem Mund inne und sah sich um, das war ja einfach nur der pure Luxus und die Waschbecken waren aus Marmor, nur die Armaturen waren nicht vergoldet. Und genau dort auf einem Regal wartete auf ihn der Stapel mit den Handtüchern und frischen Kleidungsstücken. Direkt daneben lag ein identischer Stapel für Amber. Waren die Sachen eigentlich aus ihrem Koffer? Bei Ambers Stapel war er sich nicht sicher ob er die Sachen vor ein paar Tagen eingepackt hatte. Er zuckte mit den Schultern und betrat die Dusche. Es tut einfach so gut, wie das heiße Wasser mit einem satten Wasserdruck auf seinen Kopf und Rücken prasselte. Wenn er nur an die schrottige Dusche auf seiner Ranch dachte, die andauernd kaputt war und eher schlecht als recht funktionierte, grinste er. Die Shampoo-Marke kannte er nicht, aber sie roch und schäumte gut. Das Föhnen der Haare dauerte ewig und er band sie sich zu einem Pferdeschwanz zurück. Liz war in der Küche bestimmt schon längst fertig. Etwas kritisch betrachtete er sein Spiegelbild, sein Vollbart müsste mal wieder ordentlich gestutzt werden und bei der Gelegenheit könnten die Haare auch gleich mit ab. Er sah zwar ganz gut mit langen Haaren aus, aber der Pflegeaufwand war enorm. Ob Liz einen Barttrimmer besaß? Vermutlich schon, mit irgendwas musste sie sich schließlich den Kopf rasiert haben. Er zuckte bei dem Gedanken zusammen. Das musste er erstmal verdauen. Sie sah auf einmal so fremdartig aus, aber auf die gute Art. Es stand ihr total gut, auch wenn es eine Weile dauern würde bis er sich an ihren neuen Anblick gewöhnen würde.
   Die bereitgelegte Kleidung saß wie angegossen, auch wenn er die definitiv nicht mitgenommen hatte. lange bequeme Stoffhose und ein schwarzes Hemd. Kurz darauf schlüpfte er wieder in die Küche, wo ihm Liz einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. 
„Du brauchst viel zu lange im Bad. Geh schon mal hoch und deck den Tisch, ich schick dir dann die Sachen mit dem Speiseaufzug hoch. Und weck Amber an und sag ihr Bescheid dass es bald Frühstück gibt, sie soll auch nochmal schnell unter die Dusche springen bevor wir anfangen.“
„Woah, bist du immer so effizient und durchgeplant?“
Liz runzelte die Stirn und sah ihn einen Moment unschlüssig an, dann wandte sie sich zum Herd und drehte ihm den Rücken zu. Uh, vielleicht war der Spruch nicht so gut gewesen. Ihm Wohnbereich hielt er unschlüssig inne, wo zum Geier war Amber eigentlich?
„Sie schläft oben neben dem Essbereich und jetzt beweg deinen Arsch endlich.“
Kaz nickte und ging die breiten Betonstufen nach oben. Er hatte im Gegensatz zu seiner Tochter gestern gar nicht mehr wirklich die Gelegenheit gehabt die Wohnung zu erkunden. Als er den Schreibtisch passierte blieb sein Blick an einem kleinen Terrarium hängen, was an einer Ecke des Tisches stand.
   Was war denn das und warum war es leer? Und vor allem so karg. Der Boden war mit feinem Kies bedeckt und außer einem halben Blumentopf und einer flachen Wasserschale gänzlich leer. Neugierig ging er mit dem Kopf ganz nah an das Terrarium und späte unter den Blumentopf.
Ein lauter panischer Schrei entfloh seiner Kehle und er wich ruckartig zurück, stolperte hinterrücks über den Bürostuhl und landete unsanft auf seinem Allerwertesten. Sein Herz pochte rasend schnell und er zitterte am ganzen Körper. Er saß eine Weile einfach nur da um rang um Fassung. Amber schoss in einen Morgenmantel gehüllt von der anderen Seite des Raumes auf ihn zu und kniete sich besorgt neben ihn hin. Aus der Küche hingegen drang lautes schallendes Gelächter.
Er fluchte und setzte sich auf. Warum zum Henker besaß Liz eine gigantische ekelhaft haarige schwarze Tarantel? Den Anblick ihrer acht Augen, die ihn aus dem Dunkeln der Höhle angestarrt hatten, würde er so schnell nicht vergessen.
   Er stand mit etwas wackligen Beinen auf und machte einen großen Bogen um den Schreibtisch, wo dieses unheimliche Vieh gerade langsam aus ihrem Unterschlupf krabbelte kam. Kaz starrte ungläubig in das Terrarium, das war vermutlich die größte Spinne, die er in seinem bisherigen Leben gesehen hatte. Hoffentlich saß der Deckel auch gut, damit dieses schwarze Monster nicht entkommen konnte. Er schluckte und ging schnurstracks in Richtung Essbereich und stolperte über etwas großes was er auf dem schwarzen Boden gar nicht richtig sah. Er hörte unter sich ein Fauchen und ein mächtiger Waran trottete von ihm weg. Ein Kaiserwaran, die größte Waran Art der Welt. Noch größer als die Komodowarane und hochintelligent. Man hatte sie erst spät gefunden. Hatte Liz nicht immer gemeint sie mochte keine großen Echsen? Was machte dann dieses Riesenviech bei ihr in der Wohnung? Er rappelte sich auf und ging weiter.
   Amber sah ihm einen Moment hinterher, zuckte mit den Schultern und tappte ins Bad. Liz lachte sich immer noch gut hörbar über seine Reaktion mit der Spinne kaputt. Kaz Kiefer malten. Er schluckte seinen Ärger herunter und deckte den großen Tisch auf der anderen Seite des Raumes auf dem Podest über Bad und Küche für drei Personen. Aus dem Aufzug holte er nicht enden wollende Berge an Bratkartoffeln, Rührei, gebratenem Speck, Schüsseln mit Obstsalat, Früchtejoghurt, Marmeladen, Aufstriche, Wurst und Käse und warme Baguette Scheiben. Nicht zu vergessen eine große Kanne Kaffee, eine riesige Karaffe mit Orangensaft und einen großen dampfenden Becher mit intensiv duftendem Kakao. Als der Tisch fertig gedeckt war, beobachtete er von hier oben wie Liz aus der Küche ins Schlafzimmer ging und Amber fünf Minuten später in frischen Sachen und mit feuchten zu einem Pferdeschwanz hochgebundenen Haaren die Treppe hochstieg und einen Moment später am Tischende Platz nahm. Sie starrte mit riesig großen Augen auf all die Köstlichkeiten vor ihr auf dem Tisch. Sie roch neugierig an dem Kakao Becher. Kurze Zeit spät nahm Liz ihm gegenüber auf einem der recht bequemen Stühle Platz und strahlte ihn und Amber an. Sie trug jetzt eine weiße Bluse und einen dunklen Rock, hatte ein bisschen Makeup aufgelegt und trug eine strenge schwarze Bob-Perücke. Amber sah sie lange an und auch Kaz konnte die Augen kaum von seiner auf eine fremdartige Weise wunderschönen besten Freundin lösen.
„Kommt schon, auf was wartet ihr? Die Bratkartoffeln, der Speck und die Rühreier werden kalt. Liebes, soll ich dir einmal kräftig von allem auftun?“
Amber nickte schnell und kurz darauf stand ein Teller mit einem Berg von Bratkartoffeln, Speck und Rührei vor ihr. Kaz goss ihr Glas mit Orangensaft voll und tat sich dann selber ordentlich auf. Erst jetzt bemerkte er den mörderischen Hunger, den er verspürte. Er hatte seit dem Abendessen gestern im Flieger nur das Sandwich in dem anderen Flieger gegessen und er für gewöhnlich verschlang er Berge von Essen. Wörtliche Berge von Essen.
   Die nächsten Minuten sagte keiner etwas und sie aßen mit großem hörbaren Genuss. Als Er, Amber und auch Liz tellerweise Köstlichkeiten verschlungen hatte, lehnte sich Kaz zufrieden zurück und strich zufrieden über seinen vollen Bauch. Amber löffelte eine Schale mit selbstgemachtem Mango-Joghurt und wirkte sehr zufrieden. Liz beugte sich zu ihr und strich ihr sanft über den Rücken, Amber hielt einen Moment inne und sah sie an.
„Wird jedes Frühstück so sein?“
„Die großen Frühstücke am Wochenende werden bestimmt so sein. Aber ich arbeite sehr hart und lang, sodass ich euch eigentlich nur am Wochenende richtig sehe. Meine Köchin Lien wird euch jeden Tag versorgen, Ich esse meist in der Konzernzentrale. Die Kantinen dort sind erstklassig. Und ich komme leider meistens erst so spät abends nach Hause, dass du bestimmt schon schläfst. Hartes Leben, aber ich liebe den Job über alles. Und die Bezahlung ist nicht ohne. Aber du hast praktisch keine Freizeit mehr. Und die wenigen freien Tage die ich habe, sind hart erkämpft. Aber ich hab mir genug freie Zeit geholt, um ein paar Tage und Nachmittage mit dir und deinem Vater zu verbringen.“
Amber machte ein enttäuschtes Gesicht und Kaz fühlte mit ihr. Die kleine hatte sich schon so auf Liz gefreut, nachdem er ihr all die tollen Geschichten über sie erzählt hatte. Liz lächelte unglücklich.
„Keine Sorge, du wirst hier in Deutschland viel erleben. Du siehst den Rest von Kaz Familie mitsamt deiner Großeltern heute Abend. Sie sind schon alle sehr gespannt dich zu sehen.“
Kaz beobachtete das Mädchen aufmerksam, sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum.
„Ich muss jetzt leider für den Tag ins Büro, aber ich bin pünktlich zum Essen da. In der Zwischenzeit könntest du dir mit deinem Vater ein bisschen die Stadt ansehen. Aber bitte erstmal nur Berlin Solomon, hier ist es recht sicher und die Polizisten hier sind nicht korrupt und machen ihren Job gut. Und es gibt viel zu entdecken. Das Wetter heute wird sonnig und warm sein.“
Amber wirkte etwas unglücklich und starrte auf ihren Joghurt.
„Noch eine Sache. Ich hab einen Termin für den Frisör unten im Center gemacht. Morgen um acht, also direkt nach dem Frühstück. Ich zahle natürlich. Du wirst bestens beraten werden, wenn du morgen immer noch unsicher bist.“
Auf einmal strahlte das Mädchen wieder, Kaz schmunzelte. Liz wandte sich zu ihm.
„Ich würde vorschlagen, dass du sie morgen alleine in den Salon gehen lässt. Gegenüber ist ein tolles Café mit einem angenehmen Ambiente, die haben ganz ausgezeichnete Kuchen und Torten und tollen Kaffee, ach ja und die machen ein richtig gutes Frühstück. Eigentlich könntet ihr da gleich auch Frühstücken, ich rufe auf dem Weg ins Büro mal an und gucke ob ich noch einen Tisch reserviert bekomme, die sind immer gut ausgebucht. Da kannst du dir ein nettes Plätzchen suchen und auf Amber warten, ich könnte mir vorstellen, dass es etwas länger dauern wird.“
Sie zwinkerte ihm zu.
„Ach ja, und unten liegen für euch beide Transponder Armbänder aus Silikon, bitte tragt die Tag und Nacht. Damit kommt ihr ins Gebäude, in die Wohnung und in Tiefgarage. Zudem könnt ihr damit bei allen Geschäften und Lokalen hier im Gebäude bezahlen und das Studio und das kleine Schwimmbad im Untergeschoss verwenden. Ich hab die dazu gehörigen Konten großzügig aufgeladen. Und ich hab dir einen Zettel mit den Telefonnummern des Sicherheitsdienstes und die geschäftlichen Adressen von mir und deinem Bruder bereitgelegt, speichere die dir bitte ein! Ich muss jetzt leider echt los und ich wünsche euch einen tollen Tag. Wir treffen uns heute Abend um sechs, in dem Stammlokal der Familie dem Haus der Welt hier gleich nebenan, Johnny hat schon alles reserviert. Nate bringt euch dann hin. Ich zieh mich schnell nochmal um und bin dann weg.“
Liz stand auf, drückte Amber fest und küsste ihn auf die Wange. Dann verschwand sie nach unten.
Amber und er sahen sich an, dann schenkte er sich noch einen heißen Kaffee ein und Amber gönnte sich noch einen großen Nachschlag vom Joghurt.
   Das war ein komisches Gefühl mit seiner Tochter an einem riesigen Tisch zu sitzen in einer Luxus Wohnung mit der höchsten Decke, die er jemals in einer Wohnung gesehen hatte. Allein das Vertrauen, das sie ihn setzte, indem sie ihm einen Schlüssel für ihre Wohnung anvertraute und ihn allein ließ, mit einer Riesenechse die dort unten aus dem Fenster guckte. Der pure Luxus überall um ihn herum machte ihn völlig fertig. Er dachte an seine sehr schrottige Ranch mit dem löchrigen Dach, windschiefen Wänden, den Türen die nicht richtig zugingen und Ratten im Keller, die Kasimir gelegentlich jagte, wenn Kaz vergaß ihn zu füttern. Er war zwar weiß Gott nicht arm, nicht nach der ganzen Bitcoin Geschichte, aber er war sein ganzes Leben immer recht bescheiden geblieben. Naja, davon abgesehen, dass er unter der Ranch einen richtigen Bunker mit Wänden und Decken aus Beton gebaut hatte. In den USA war er zu einem richtigen Doomsday Prepper geworden. Mit Vorräten für die Ewigkeit, Treibstoff, Stromgeneratoren und einem eigenen Brunnen. Und seiner Waffenkammer, die extrem gut und nach allen Regeln der Kunst gesichert war.
Ok und die M18 Hellcat war auch nicht so ganz billig gewesen. Das Studio und das ganze Kameraequipment auch nicht, allein die super Highspeed Kameras für seine SlowMo Videos hatten absurde Mengen Geld gekostet. So gesehen verfügte er einen gewissen Luxus, auch wenn man es oberflächlich nicht so sah und er es im Gegensatz zu Liz nicht so überstrapazierte.
Er würde vor allem das Erstellen der Videos vermissen. Nach dem letzten Video war sein Chanel um ein gutes Stück gewachsen und er fühlte sich bei dem Gedanken unwohl, dass er momentan keine Videos mehr machen konnte. Vielleicht würde er sich in der Stadt ein paar Räume anmieten und sich ein neues Studio einrichten. Und da er sowohl einen Waffen- als auch einen Jagdschein besaß, würde er sich auch nach ein paar neuen Spielzeugen umsehen. Allerdings würde er erstmal gucken müsste was nach dem deutschen Waffengesetz überhaupt erlaubt war und was nicht. Und er würde Liz erstmal noch nichts von seinen Plänen mit den Waffen verraten. Vielleicht erlaubte Akira ihm ja, ihr kleines Studio in ihrem Zimmer zuhause bei ihren Eltern zu benutzen, wenn er das richtig in Erinnerung hatte, hatte sie sein altes Zimmer geerbt, was für eine köstliche Ironie. Bezogen darauf, dass sie haargenau nach ihm kam. Er freute sich schon so sehr seine Nichte wieder zu sehen.
Er beobachte Amber beim Essen und dachte nach. So tolle lange Haare und sie wollte sie scheinbar loswerden, das bedrückte ihn etwas. Und dann auch gleich so schnell. Immerhin eiferte sie nicht Liz nach und machte sich auch eine Glatze, zumindest noch nicht. Seine Tochter vergötterte Liz beinahe schon. Im August würde sie sechzehn werden. Was er ihr nur schenken sollte? Sie war erst seit wenigen Monaten bei ihm und er wusste erst so wenig von ihr. Sie wirkte nach außen hin immer so unsicher und beinahe verletzlich. Und sie war sehr schüchtern, auch wenn sie sich in Liz Gegenwart sehr wohl zu fühlen schien, was ihr zutiefst erleichterte. Vielleicht könnte sie mit Jack und Ryan ein bisschen trainieren, wenn die beiden wieder auf dem Damm waren. Kampfsport würde ihrem Selbstbewusstsein bestimmt gut tun. Und er musste dringend auch mal wieder Sport treiben, er war zwar ganz gut durchtrainiert, aber er setzte schon wieder Bauchspeck an. Nicht das er noch fett wurde.
   Soso, dieses Haus besaß also auch eine Schwimmhalle und ein Fitnessstudio, das würde er sich in den nächsten Tagen genauer ansehen. Aber jetzt war erstmal die Hauptsache, dass er und Amber gut hier ankamen.
   Er dachte an heute Abend. Da würde er nach Ewigkeiten Emma und Jack, sowie Johnny, Helena und Akira sehen. Jack hatte darum gebeten, dass seine Freundin Yolanda mitkommen dürfte und Akira wollte unbedingt ihren Freund Sahid mitbringen.
   Akira und er hatten einen guten Draht zueinander und sie hatte ihm in der Vergangenheit viel von ihrem Freund Sahid vorgeschwärmt. Er war zwanzig, Muslim und studierte irgendwas mit Grafik und verdingte sich in seiner Freizeit als Standup Comedian. Kaz hatte sich ein paar etwas verwackelte Handyvideos von seinen Auftritten angesehen. Der junge Mann hatte smarte völlig politisch unkorrekte Witze im Programm, in denen er gerade über Religion und Muslime herzog. Er würde wohl so schnell nicht mehr in ein arabisches Land einreisen dürfen. Und es half definitiv nicht, dass er bei seinen Auftritten in die Rolle eines durchgeknallten islamistischen Terroristen schlüpfte, mitsamt authentischem Kostüm. Aber bei einigen Passagen seines Programms hatte Kaz echt Tränen gelacht.
Sein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken dass er heute auch seine Eltern wiedersehen würde. Er hatte seinen Vater Herbert und seine Mutter Lilly seit einem ganzen Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Ob sich seine Mutter auf ein viertes Enkelkind freute? Bestimmt, sie liebte all ihre Enkelkinder und in Amber konnte man sich auf Anhieb verlieben.
   Amber lehnte sich gerade auf ihrem Stuhl zurück und seufzte zufrieden. Er trank in Ruhe seinen Kaffee aus, dann stand er auf und begann damit den Tisch abzuräumen. Amber half ihm wortlos und ohne zu zögern. Fünfzehn Minuten später schickte Kaz die Spülmaschine los und ging dann wieder ins Wohnzimmer. Amber stand am Fenster neben dem Waran und sah neugierig nach draußen. Er stellte sich neben sie und sah ebenfalls nach draußen. Frühling. Das gemähte Gras im Park war grün und saftig und die Bäume und Büsche blühten. Dafür dass es erst so früh war, war draußen eine Menge los. Spaziergänger alleine, zweit oder in kleinen Gruppen, einige mit Hunden. Große Gruppen von Teenagern spielten Fußball und er sah so einige Studenten, die Wikingerschach spielten. Auf dem Spielplatz spielten Kinder, während ihre Eltern auf Bänken saßen und ihnen zuguckten. Skater waren unterwegs und ein paar Leute in Sportsachen machten Calisthenics. Wie er so rausguckte, bekam er so richtig Lust mit Amber rauszugehen und sich das Viertel anzusehen.
„Möchtest du rausgehen? Ich würde gerne gehen, hast du Lust?“
Amber drehte sich zu ihm um und nickte eifrig. Kaz schnappte sich seine Jacke, die immer noch über der Rückenlehne eines der drei riesigen Ledersofas hing. Er sah sich suchend nach einer Garderobe um, dann bemerkte er den Durchgang neben der Tür und knipste das Licht an. Ein unglaublich langer und gar nicht mal so schmaler Raum erstreckte sich vor ihm, die Decke war etwa 2,5m hoch. Jetzt war ihm auch klar, warum die restliche Wohnung verhältnismäßig leer wirkte. Er ging ungläubig an gefühlt endlos langen hohen Regalreihen entlang der Wände zu beiden Seiten des Raumes entlang, deren Bretter sich unter der Last von unzähligen Kisten, krakelig beschrifteten Pappkartons, Ordnern, Werkzeugen, Haushaltsgeräten und absurden Mengen an Konserven, Einmachgläsern mit Getreide und Bohnen und bergeweise unverderblichen Lebensmitteln bogen. Er zog probeweise eine der großen Schubladen auf und fand tonnenweise MREs. Er musste grinsen, demnach war seine beste Freundin ja praktisch auch eine Prepperin geworden.
   Er ging wieder nach vorne und besah sich die Garderobe. Mit großem Unglauben starrte er auf das vorderste Regal mit Pelzmänteln in verschiedenen Farben und Längen. Er zählte durch und dann nochmal. Liz verarsch mich doch nicht! Verdammt nochmal 27 Pelzmäntel?!
Welche absurden Geldsummen hatte sie dafür verbraten? Er dachte an den Hermelinmantel von gestern, allein der dürfte so viel gekostet habe wie ein dicker Mercedes. Er schüttelte den Kopf. Aber klar sie war Vizechefin von Horizon, einem der größten Megakonzerne der Welt, die würden schon gut zahlen. Wahrscheinlich jeden Monat eine siebenstellige Summe.
   Im Regal daneben hingen lange Wollmäntel, Regenjacken, Wanderjacken und dicke Daunenjacken, alles in mindestens dreifacher Ausführung. Dazu endlose Reihen an Schuhen. Hohe Lederstiefel mit hohem und flachem Absatz, flache Schuhe, Sandalen, Sportschuhe und Unmengen an Stöckelschuhen mit abenteuerlich hohen Absätzen. Wann trug sie denn bitte jemals das ganze Zeug, wenn sie regelmäßig achtzig Stunden in der Woche arbeitete? Konnte es sein, dass seine Freundin nicht so ganz wusste, was sie mit dem ganzen vielen Geld, dass sie verdiente nicht wirklich umzugehen wusste und allen möglichen nutzlosen Krempel kaufte? Er musterte die drei eingepackten Zelte und die hochwertige Campingausrüstung in einem der Regale. Dazu eine gutbestückte Angel- und eine gottverdammte Taucherausrüstung. Er zog eine Schublade auf und sah hinein, Fernrohre und Ferngläser. In der Schublade darunter Feuerstarter, Messer und eine Sammlung Kompasse.
   Er hielt seine Freundin echt nicht für den Typ Frau, die in ihren seltenen Ferien campen oder paddeln ging. Auf der anderen Seite könnten seine Geschwister nicht ganz unschuldig sein, immerhin fuhren die jedes Jahr zusammen in den Urlaub, zum Campen natürlich und für sie gehörte Liz mittlerweile praktisch zur Familie. Er dachte einen Moment nach. Meinte Johnny nicht, dass er zwei Anhänger mit Kajaks und Kanadiern besaß? Und Liz fuhr ja mittlerweile auch einen fetten Land Rover Defender 110, den sie alleine niemals brauchen würde. Komisch, Liz hatte nie erwähnt wie sie ihre Urlaube verbrachte. Er beschloss Johnny und Emma heute Abend zu dem Thema zu befragen. Er schmunzelte bei dem Gedanken an einen Konvoi aus drei pechschwarzen fetten Defendern, mit massig viel Gepäck auf dem Dachträger und zwei Anhänger mit Kajaks und Kanadiern. Vielleicht durften er und seine Tochter beim nächsten Mal ja mit. Wobei er nicht wusste ob Amber sowas mochte. Er riss sich los und suchte nach Ambers Jacke, die er in einem separaten Regal fand. Dort hingen auch ein paar dunkle Anzüge in seiner Größe, die er misstrauisch begutachtete. Erwartete Liz, dass er einen davon heute Abend tragen würde? Er würde es ihr zutrauen. Bestimmt hatte sie auch gleich etwas Passendes für Amber zusammengestellt. Mit der Jacke und Ambers Turnschuhen in der Hand verließ er den Raum wieder und machte das Licht aus. Amber stand immer noch am Fenster und sah wie gebannt nach draußen, anscheinend hatte sie nicht bemerkt wie er eine halbe Ewigkeit in diesem Lagerraum zugebracht hatte.
   Etwas widerwillig riss sie sich los und schlüpfte in die Jacke und in die Schuhe, dann wartete sie ungeduldig dass er sich auch anzog. Kaz klopfte seine Hosentaschen ab um sich zu vergewissern, dass er alles dabeihatte. Probeweise zog er seine Brieftasche aus der rechten Gesäßtasche und warf einen Blick hinein, in einer Wechselstube in den USA hatte er sich fünfhundert Euro ausgeben lassen. Aus den Tiefen seines Koffers holte er einen etwas zerknautscht aussehenden Rucksack, den er ausschüttelte und sogleich aufsetzte. Amber trat zuerst in den Hausflur dann folgte Kaz ihr und zog die Tür hinter sich zu, Der Waran sah ihnen fast schon traurig nach. Um sich zu vergewissern dass der Transponder auch funktionierte öffnete er das elektronische Schloss der Wohnungstür. Als er die Tür erneut zuzog und hörte wie das Schloss verriegelte, guckte ihn Amber verwundert an.
Er zuckte nur mit den Schultern. Er hatte schon immer diese leichte Paranoia wenn es um Türschlösser ging und hatte ständig Angst davor, sich selbst auszusperren, auch wenn ihm das in seinen ganzen bisherigen 43 Lebensjahren nicht einmal passiert war.
   Ok, wohin jetzt? Gestern Abend war absolut keine Zeit mehr gewesen sich hier irgendetwas in Ruhe anzusehen, aber jetzt in Begleitung mit seiner Tochter würde er es sein lassen, sich alles bis ins kleinste Detail anzusehen, dass würde sie zu Tode langweiligen oder eventuell auch verunsichern. Das würde er alleine machen, wenn Amber mit irgendwas anderem beschäftigt war.
   Aber ein bisschen musste er sich schon umgucken. Jetzt hier im Flur sah er sich interessiert um, man sah Emmas Handschrift überall. Hohe weite Räume, viel Licht, scheißviel unverkleideter Beton, Glas, Stahl. Emma hatte es geschafft diese kalten Baustoffe mit einer gewissen Wärme erstrahlen zu lassen. Mal sehen, er warf einen Blick zurück. Neben der massiven schwarzen Metalltür mit dem elektronischen Schloss waren eine Klingel und ein in die Wand eingelassener Briefkasten, daneben auf dem Boden war in Wand Nähe ein Rechteck auf den Boden gemalt und in Bauchhöhe war etwas wie ein metallenes Gitter oder sowas ähnliches in die Wand eingelassen. Probeweise zog er an dem Gitter und geschmeidig ließ es sich ausklappen und verharrte dann bei einem 90° Winkel wo es fest arretierte. Es dämmerte ihm, das war für Pakete und Päckchen gedacht, und das Rechteck am Boden wohl für die ganz großen Pakete.
   Amber zog ungeduldig an seiner Hand. Er brummte, ist ja schon gut Mädchen. Er sah auf seine Armbanduhr, es war halb zehn. Das Treffen war um sechs und er wusste nicht wo das Lokal war, nur dass es sich irgendwo in der Nähe befand. Also hatten sie solide sieben Stunden Zeit, da konnte man sich definitiv ein paar Sachen angucken. Allerdings würde er für heute sicherheitshalber kürzer treten. Heißt also, sie würden sich diesen Stadtteil ein bisschen angucken, den er auch noch gar nicht so richtig kannte. Mit grimmigem Gesichtsausdruck dachte er an den Namen des Stadtteils, Berlin Solomon. Fuck, wie ihn das anpisste. Aber erinnerte sich noch zu gut an damals als er siebzehn oder achtzehn war und sein Vater mit seinem Büro den Jahrhundertauftrag an Land gezogen hatte – die Planung und Realisierung eines neuen Stadtteils für die Hauptstadt. Grün, hochmodern, innovativ und zukunftstragend. Ein etwas verzweifelter Versuch der Bundesrepublik ein Pilotprojekt auf die Beine zu stellen, dass beweisen würde, dass Deutschland international immer noch ganz vorne mit dabei spielt. Dazu wurde der recht grüne Teil von Südwest Berlin komplett plattgemacht und die Stadt der Zukunft gebaut. Aber damals war er noch jung und doof gewesen und hatte sich für den ganzen Architekturscheiß seines Vaters einen Scheiß interessiert und nicht darüber nachgedacht was für Implikationen diese Sache mit sich bringen würde. Er wusste aber noch mit Bestimmtheit, dass sein Vater als kleine Belohnung den damals nagelneuen Land Rover Defender 2020 in der 110er Variante im Vollausbau für die Familie gekauft hatte und klein Kaz mit seinem frisch erworbenen Führerschein den alten rostigen Defender 110 weitervererbt bekommen hatte. Kaz grinste einen Moment und dachte schwelgte in Erinnerung. Man, an der Schule hatten ihn alle nur um den coolen Schlitten beneidet, der leider wie ein Loch schluckte. Er und sein bester Freund Xen hatten die Krücke über die Jahre kräftig aufgemöbelt und ja ein neuer fünfhundert PS Dieselmotor trank ganz gut. Mensch Xen, dich hab ich auch jahrelang nicht mehr gesehen. Sie hatten mal ein paar Jahre zusammen gewohnt, nachdem sich sein fetter Freund das Leben nehmen wollte und es ihm beinahe gelungen wäre.
Diese alte Krücke, die schon nicht mehr taufrisch war, als sie in seinen Besitz gewandert war. Merkwürdig, dass jetzt über zwanzig Jahre später seine Neffen mit demselben Misteimer durch die Gegend zockelten. Er dachte daran, wie Xen ihn damals ausgelacht hatte und über den Defender gelästert hatte. Als gelernter KFZ Mechatroniker vermutlich nicht ganz zu Unrecht. Tja, Die Karre schluckte wie ein Loch und hatte ihn als Student echt arm gemacht. Aber das Ding war echt zäh und zuverlässig. Wie alt war die Krücke, sechzig Jahre? Und er fuhr immer noch, erstaunlich.
Verdammt, jetzt hatte er den Faden verloren. Er dachte einen Moment nach und Amber neben ihm schmollte. Ah, jetzt hatte er wieder. Der Auftrag war die Chance für seinen Vater gewesen, es der Welt zu beweisen was er drauf hatte und eines musste man ihm zugestehen, er hatte abgeliefert. Das Konzept für den Stadtteil, der eher wie eine eigenständige Stadt war, hatte eingeschlagen wie eine Bombe und wurde mit wenigen kleinen Änderungen bewilligt. Trotz der gigantischen Proteste vieler Bundesbürger. Und der Stadtteil würde als Zeichen der absoluten Anerkennung nach seinem Vater benannt werden. Feixend dachte Kaz daran, dass ihr Familienname Solomon eine gewisse Klangkraft besaß, die Sache wäre vermutlich anders gelaufen wenn sie Müller oder Hoffmann heißen würden.
„Papa, was machst du da? Lass uns doch bitte losgehen!“
Ein flehender Unterton lag in Ambers Stimme. Resigniert riss er sich los und ging den Flur entlang, wenn man das überhaupt Flur nennen konnte. Er sah nach oben zur absurd hohen Decke, wo helles Sonnenlicht durch Oberlichter fiel. Wo war denn nochmal der Fahrstuhl? Er warf einen Blick auf den Boden, Glatte schwarze Steinplatten, nichts Spektakuläres. Und natürlich waren hier nirgendswo Schilder oder sonstiges. Mit Amber an der Hand ging er etwas planlos durch die Gegend. Nach einer Weile hielt er inne. Wo zum Henker waren sie eigentlich? Emmas Entwürfe in allen Ehren, aber das sah hier irgendwie alles gleich aus, wie zum Henker fand man sich hier denn zurecht? Er zog Amber um eine Ecke und erstarrte. Sie hatten den Lichthof erreicht. Zu seiner Zufriedenheit war die Beton Brüstung im dritten Stock sehr hoch und ging nach oben in eine Glaswand über. Selbstmördern machte man es hier zum Glück schwer. Er warf einen Blick nach oben und sah eine riesige pyramidenförmige Glaskuppel mit geöffneten Oberlichtern. Wie groß wohl der Lichthof war? Mh, er war im Schätzen immer schon scheiße aber spontan würde er auf etwa zwanzig mal zwanzig Meter tippen. Er beugte sich ein Stück nach vorne und sah nach unten. Dort unten sah er einen ziemlich großen Springbrunnen und jetzt vernahm er von unten auch Stimmen. Verdammt noch mal, war er gestern Abend so weggetreten gewesen, dass er sich den Weg nicht gemerkt hatte?
„Papa, da ist ein Schild für Aufzug. Können wir bitte gehen?“
Er wirbelte herum und starrte in die Richtung in die Amber zeigt. Tatsächlich, in großen Buchstaben stand dort ELEVATOR, aber die Buchstaben waren auf dem grauen Beton kaum zu erkennen.
Und jetzt standen sie vor einen zweiflügligen Stahltür, etwa drei Meter hoch und vier breit. Lastenaufzug oder was? Er sah aber nirgendswo einen Rufknopf für den Aufzug. Was war denn das für ein Mist? Amber trat vor und hielt ihr Armband vor eine postkartengroße grau mattierte Oberfläche neben der Tür und völlig lautlos glitten die Türflügel in die Wand. Schlaues Mädchen.
Jetzt waren sie in einem großen beleuchteten Treppenhaus mit breiten Betontreppen und da vor ihnen waren auch zwei normale Personenaufzüge. Jetzt hielt er sein Armband an die Fläche neben dem Aufzug. Auf der Tür des Aufzugs leuchteten Zahlen auf. Der Aufzug kam aus dem Keller hoch und zwar ganz schön schnell. Und er war da. Die Tür glitt lautlos zur Seite und sie stiegen ein. Kaz war mittlerweile völlig genervt von diesem anonymen bedrückenden Labyrinth aus Beton und Stahl, also drückte er auf den Knopf für Erdgeschoss. Die Türen schlossen sich und die rundum verspiegelte  Kabine und sie fuhren nach unten. Und zwar in einem Affenzahn, Bei der Beschleunigung waren sie beide tatsächlich etwas aus dem Gleichgewicht gekommen. Und die Kabine bremste ganz ordentlich.
Etwas wacklig auf den Beinen verließen Die beiden die Kabine. Und standen wieder vor so einem Rolltor, dass sich von innen ohne Transponder automatisch öffnete als sie sich näherten – wie praktisch. Mit großen Augen sah er sich um. Ein paar Lädchen, ja ne ist klar. Sie standen mitten in einem Einkaufszentrum. Ungläubig drehte er sich im Kreis. Das waren scheiß viele Luxusgeschäfte. Er schleifte Amber praktisch hinter sich her, als er mal in die eine, mal in die andere Richtung ging. Das Einkaufszentrum hatte zwei Etagen, wobei einige Läden über zwei Etagen verfügten. Hier gab es ja praktisch alles was man brauchte … und was nicht. Er zog eine Grimasse als er dort hinten auf der anderen Seite in der zweiten Ebene einen Laden für Pelzmoden entdeckte, da war Liz vermutlich Stammkundin. Ok, jetzt stand er vor dem Cafe, von dem Liz vermutlich gesprochen hatte, dann müsste dieser Frisör doch bestimmt auch hier irgendwo sein. Aha, dort war er. Er näherte sich dem Salon und blieb davor stehen. Wie zu erwarten war er am Sonntag nicht geöffnet, aber die Beleuchtung war an, also warf er einen Blick hinein. Alles war von erstklassiger Qualität. Im Schaufenster neben dem Eingang hing eine Preisliste, die er mit steigendem Unglauben studierte. Heilige Scheiße, was waren denn das für Preise? Was ein Glück das Liz morgen die Rechnung bezahlen würde. Jetzt schwirrte ihm aber echt der Kopf, er brauchte Frischluft – dringend.
Ein paar Minuten später gingen die beiden durch eine automatische Schiebetür und traten ins Freie.
Kühle Märzluft umfing sie und Kaz atmete die erfrischend klare Luft ein. Er sah sich um. Viele Grünflächen und Baumgruppen. Also entweder hatte man größere Bäume hierher umgesiedelt oder die waren nicht echt, er kannte keine Baumart die in zehn Jahren so hoch wuchs. Für einen Sonntagvormittag um die Jahreszeit war ordentlich was los. Er ging ein paar Schritte den breiten zementierten Weg entlang und sah sich interessiert um. Sie waren etwa noch fünfzig Meter von der Straße entfernt als er aus relativer Nähe ein Hupkonzert mehrerer Autos vernahm. Dazu ziemlich laute Musik die sich langsam näherte. Er nahm eine defensive Haltung ein, ob es Clowns waren? Die waren bekannt dafür, dass ihre Autos und Konvoys verdammt laute Musik spielten. Mh er sah sich um, sie standen mitten im Freien ohne Deckung in unmittelbarer Reichweite. Er lauschte angespannt.
Die Musik, war das Goa? Die Clowns waren nicht dafür bekannt Goa zu verwenden. Und dann vernahm er zusätzlich zu der Musik das volltönende Dröhnen eines Dieselmotors, wie bei einem schweren Truck oder einem Panzer, im Zeitalter der Elektroautos war der Klang selten geworden. Die Möglichkeit einer Gefahr hin oder her, jetzt siegte seine Neugierde doch und er ging weiter den Weg entlang in Richtung Straße. Kaum hatte er sie mit Amber erreicht, zockelte ein äußerst abenteuerlich aussehendes Gefährt im wahren Schneckentempo an ihnen vorbei. Kaz starrte es entgeistert und völlig ungläubig an. Wurde hier irgendwo ein neuer Mad Max Streifen gedreht?
Er nahm das Wort Schrottkiste im Zusammenhang mit seinem alten Defender zurück. Dieses Ding bewegte sich so unfassbar langsam, dass ihm mehr als genug Zeit blieb, sich alles ganz genau anzusehen. Vier Achsen mit riesigen Reifen und ein überhängendes kastenförmiges Führerhaus mit anliegendem Motorhaus. Wenn er nicht komplett daneben lag, war das ein schwer modifizierter sowjetischer MAZ-537, eine schwere Zugmaschine für den Transport von Panzern und Raketen. Aber bei diesem Ungetüm hatte man allen Anscheins eine Ansammlung von großen Cargo Containern und anderen Behältnissen zusammengeschweißt und auf dem Auflieger und an dem Heck des Motorenhauses befestigt. Dazu ein Gewirr von Maschinen, Apparaturen, Kesseln, Elektronik und vermutlich auch einem Stromgenerator. Kabel, Schläuche und Rohre kreuz und quer ohne erkennbare Logik. Die Container hatten ein paar unregelmäßig in die Seitenwand eingelassene kleine Fenster. Und in der Lücke zwischen dem vorderen und hinteren Reifenpaar war eine Stahltür in das Chaos eingelassen. Dann war das Ding bewohnt? Antennen sprossen in die Höhe und eine kleine Satellitenschüssel war lose mit Draht und Klebeband an einem Geländer befestigt. Auf dem Dach über Kabine und Motorhaus, war eine Plattform mit einem wacklig aussehenden Geländer befestigt, die auf allen Seiten etwa einen halben Meter überragte. Zusammen mit langen Rohren oder Stangen aus Stahl, die entlang des Gefährtes zusammengefaltet lagen.
   Die gesamte Breitseite der Zugmaschine war mit Transportboxen in allen Größen und Farben und zu seiner Verwunderung auch zwei Briefkästen zugepflastert. Und über Türhöhe waren Säcke aus dickem Stoff in allen Größen befestigt. Das Ding hatte hinten am Heck einen Überhang von einem guten Meter. Dort war ein etwas höherer Metallcontainer mit kleinerer Grundfläche auf der linken Seite und auf der rechten Seite eine Konstruktion, die fast wie ein Erker mit mehreren kleinen Fenstern aussah. Und zum Abschluss ein klappriges altes Fahrrad, was mehr schlecht als recht ans Heck des Monsters gefesselt war.
   Hatte er vergessen zu erwähnen, dass diese Kiste anscheinend so oft übermalt worden war, dass man den Grundton nur noch erahnen konnte? Und Alles war mit vergilbten Plakaten zutapeziert und mit Graffiti übersprüht. Kaz sah dem Monstrum nach, dass langsam die Straße entlangfuhr, eine dunkle Abgaswolke hinter sich herzog und eine Kolonne wütend hupender Autos hinter sich hatte, untermalt von dröhnend lauter Goa Musik.
   Er merkte gar nicht, dass er da eine halbe Ewigkeit stand und dem Ungetüm mit offenem Mund hinterher sah. Er warf einen Blick auf Amber und bemerkte, dass es sie ebenfalls total aus den Socken gehauen hatte. Dort hinten scherte das Dings plötzlich nach rechts über den glücklicherweise leeren Bürgersteig aus und fuhr ein Stück über den Rasen des Parks wo es dann nach etwa fünfzig Metern anhielt. Schlagartig erlosch der Lärm des schweren Diesels und die Laute Musik war auch weg.
Er warf Amber einen Blick zu und sie ihm ebenfalls. Sie nickten beide fast schon synchron, dann spurteten sie zu der Fläche, wo das sowjetische Monster rumstand. Eine kleine Schaar Schaulustiger hatte sich schon um das abenteuerliche Fahrzeug gescharrt als sie dort ankamen. Ein Araber war aus der Fahrerkabine gesprungen und streckte sich herzhaft. Er war ein paar Jahre jünger als Kaz, mit einem wilden schwarzen Vollbart, einem wuscheligen ungepflegten Haarschopf und Augen mit einem verrückten Glimmen. Dazu trotz der Kälte ein grünes Tanktop, eine lange schwarze Jogginghose und abgenutzte Sportschuhe. Wer war das denn bitte? Der Araber schien sein Publikum gar nicht zu bemerken, zumindest fing er gerade an sich zu dehnen und zu lockern. Dann nach ein paar Minuten nickte er grimmig in die Runde und brüllte ohne Vorwarnung ein sehr lautes „Allahu Ackbar“ in die Menge, die verschreckt zurückstob, gefolgt von dem lauten gackernden Gelächter des Arabers. Mit schier übernatürlicher Geschwindigkeit und Akrobatik sprang er an dem Truck hoch auf die Plattform über der Kanzel und sah sich um. Kaz folgte seinem Blick und sah einen großen Spielplatz. Der Araber sprang von der Plattform und rollte sich über die Schulter ab, dann rannte er in einem Affenzahn zu dem Spielplatz. Kaz und Amber folgten ihm. Nach einem Moment blieben sie stehen und beobachteten den Araber bei ein paar völlig abgedrehten akrobatischen Manövern.
Der Typ machte Parkour. Die Kinder auf dem Spielplatz wurden von ihren ängstlichen Müttern zurückgerufen, während der Araber seine geradezu verrückten Manöver machte und dabei offensichtlich eine Menge Spaß hatte. Kaz und Amber setzten sich in ein Café mit Außenterrasse, das direkt neben dem großen Spielplatz lag. Clevere Geschäftsidee, die Eltern konnten im Café sitzen, während sich die Plagen auf dem Spielplatz vergnügten.
   Gerade als die Bedienung mit einem Milchkaffee für Kaz und mit einem großen Kakao für Amber zurückkam, beobachte Kaz wie der Araber von der Akrobatik zu Calisthenics überging. An einer Fahnenstange eines hohen Klettergerüsts machte der Araber die menschliche Flagge, das fand Kaz sehr beeindruckend, er schaffte das nicht, aber er war ja auch fett.
   Nach einer Weile trafen sich ihre Blicke und die Augen des Arabers wurden groß. Schnell kletterte er von dem Spielplatz und ging in lockerem Schritttempo auf ihren Tisch zu.
Kaz begrüßte ihn auf Arabisch.
„Das war ein sehr beeindruckendes Schauspiel guter Mann. Lassen sie mich sie auf ein Getränk einladen, sie müssen völlig außer Puste sein.“
Amber starrte ihn groß an, das war das erste Mal, dass er in ihrer Anwesenheit Arabisch gesprochen hatte. Der Araber verbeugte sich dankend und setzte sich auf einen Platz neben Amber, die ihn etwas ängstlich anstarrte. Der Araber antwortete in einem sehr flüssigen Englisch.
„Die Ehre ist ganz meinerseits, ich kenne sie. Moment sie sind doch dieser Autor und Youtuber, verdammt mir fällt ihr Name gerade nicht ein, irgendwas mit K.“
„Sebastian Katsuro Solomon, von allen nur Kaz genannt.“
„Ja genau, ich bin ein riesen Fan ihrer Bücher und ihres YouTube Chanels, wo sie alle möglichen coolen Sachen mit Waffen und Sprengstoff machen. Auch wenn es manchmal total schwer ist, an ihre Bücher ranzukommen und ihre Videos zu gucken.“
„Warum denn das? Ach so, ich hab‘s geschnallt. Sie und ihr fahrendes Ungetüm sind ständig in verschiedenen Ländern unterwegs. Und nicht überall gibt es guten Empfang.“
„Ja genau und oh man ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt, nennen sie mich Yusuf, der Nachname ist egal. Genau, mit der schlafenden Schönheit bin ich überall in Europa, Asien und Afrika unterwegs.“
„Darf ich fragen was sie machen?“
Die Bedienung kam vorbei und Yusuf bestellte sich einen Ingwertee.
„Duzen sie mich doch bitte. Ich klettere auf Berge und manchmal auch auf Häuser, mit oder ohne Seile. Und ich mache Parkour. Ich lebe in der Kiste seit fast zwanzig Jahren.“
Kaz hob die Brauen hoch, das war wirklich beeindruckend.
„Und womit verdienst du dein Geld? Die Kiste muss ja irre viel Sprit fressen.“
Yusuf grinste breit und eine Spur Unsicherheit lag in seinen Augen.
„Japp, die schlafende Schönheit frisst absurde Mengen an Diesel und macht mich richtig arm. Ich verdiene mein Geld größtenteils durch Spenden, Shows, ein bisschen Unterricht und Gelegenheitsjobs.“
„Hm, ich wette ihr Lieblingscharakter in der Story ist Ted oder?“
Yusuf nickte ganz eifrig.
„Ja, als ich damals den ersten Band gelesen habe, war ich so begeistert, dass du Ted den Dieb geradezu auf mich zugeschrieben haben, obwohl wir uns bis jetzt noch nie begegnet sind. Mich verbindet so viel mit diesem kletternden Rabauken.“
„Was ich nicht ganz verstehe ist: was führt Sie ausgerechnet nach Berlin, wo doch ihr Hauptaugenmerk darauf zu liegen scheint, auf Berge zu steigen. Nicht falsch verstehen, ich bin einfach nur total neugierig.“
„Lesen sie keine Zeitungen? Die Meldung ging groß durch einige Blätter.“
„Nein ich fürchte ich lese schon seit über einem Jahrzehnt keine Zeitungen mehr, hab seit über zwanzig Jahren kein Fernsehen geguckt und höre nur die Radiosender, die ausschließlich Musik bringen.“
„Woah, dass hätte ich nicht gerechtet, bei ihren Büchern kann man es regelrecht spüren, dass sie am Nabel der Zeit mitmischen. Wirklich erstaunlich. Naja, jedenfalls hat mich das BIT vor einigen Monaten kontaktiert und mir eine Stelle als Dozent vorgeschlagen. Und bei dem was sie mir geboten haben, konnte ich unmöglich nein sagen.“
Kaz runzelte irritiert die Stirn. „Was ist das BIT?“. Yusuf starrte ihn verständnislos an.
„Warte mal, du kennst das BIT nicht? Hast du die letzten Jahre unter einem Stein gelebt? Das BIT ist die deutsche Antwort auf das MIT. BIT steht für Berlin Institute of Technologies und ist mittlerweile die führende Elite-Uni im europäischen Raum. Die forschen an irre vielen abgefahrenen Sachen. Deshalb war ich ja auch total platt, dass sie mich wollen.“
„Nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Und Ja das Kaff in Texas, wo ich die letzten zehn Jahre gelebt habe, mit seinen hundertfünfzig Einwohnen kann man definitiv mit dem Leben unter einem Stein vergleichen.“ Kaz grinste ebenfalls breit. „Und was machst du dort am BIT?“
„Ich habe eine Stelle als Sport-Dozent bekommen. Die Sprechen dort alle nur Englisch, das passt mir ganz gut. Jedenfalls unterrichte ich ganz normalen Sport und Calisthenics, dann Parkour und nicht zu vergessen Klettern, mit und ohne Seile. Das BIT hat seit neustem eine große Indoor-Kletterhalle und Outdoor Parkours für klettern und auch ein paar Anlagen für Parkour.“
„Wow, das würde ich mir gerne einmal ansehen. Wo ist das BIT?“
„Man, ich kann euch hinbringen, es ist gleich am Ende von Berlin Solomon, ich war gerade auf dem Weg dorthin als ich an dem tollen Spielplatz hier vorbeigekommen bin.“
„Klar das wäre großartig, wie kann ich dir danken.“
Yusuf grinste verlegen. „Ich hab mein Portemonnaie im Truck vergessen.“
„Ach so, klar, dass ist kein Problem, ich hatte dich ja eh eingeladen. Neben dir sitzt übrigens meine Tochter Amber“
Yusuf wandte sich ihr neugierig zu und schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln.
„Von dir hab ich schon so viel gehört. Das mit deiner Familie tut mir so leid, die Clowns sind echt ein schlimmer Haufen. Ich hab das Video von deinem Dad gesehen, ganz schlimme Sache. Ich glaube du hast die bestimmt auch eher glücklichere Umstände gewünscht, deine neue Familie endlich zu sehen oder? Wo gehst du denn dann zur Schule?“
Amber wischte sich eine Träne weg und sah den Araber gefasst an.
„Ja ich vermisse meine Familie jeden Tag, glücklicherweise hat Kaz mich damals gefunden und gerettet und dann auch gleich adoptiert. Ich musste mich an so viele Sachen gewöhnen und ich treffe heute Abend meine neue große Familie, also Kaz Eltern und Geschwister. Und ich weiß nicht wo ich zur Schule gehen soll.“
Sie machte ein unglückliches Gesicht und Kaz griff über den Tisch nach ihrer Hand und drückte sie fest. Sie warf ihm ein unsicheres Lächeln zu.
„Geh doch zum BIT, die nehmen dich bestimmt mit Handkuss.“
Kaz starrte Yusuf verständnislos an. „Zum BIT, aber das ist doch nur eine Elite-Universität?“
Der Araber grinste ihn aufmunternd zurück.
„Ich hab gelesen dass das BIT auch einen Schulteil hat, bin mir aber nicht so sicher. Wir können gleich hinfahren, die haben bestimmt ein Besucherzentrum, wo man sich über sowas erkundigen kann. Und der Schulleiter kommt mir nicht wie jemand vor, der etwas auf die Stimmungsmache der Sensationspresse gibt. Oder sich schmieren lässt.“
Kaz dachte fieberhaft nach, wenn das stimmte, war dass die Lösung für das Schulproblem von Amber und den Kindern seiner Geschwister und von den Mädchen von dem Offizier. Elite-Univeristät, dass würde bestimmt eine verdammt teure Angelegenheit werden.
„Ok, lass uns fahren, aber zuerst möchte dieser fantastische Kaffee gewürdigt werden.“
Yusuf lächelte nickend und hob seine Teetasse zum Anstoß hoch, Kaz und Amber taten es ihm gleich.
Eine Viertelstunde später hatte Kaz die Rechnung beglichen und sie brachen auf.
Als sie beim Truck ankamen beobachtete Kaz eine Politesse belustigt dabei wie sie vergeblich versuchte einen Strafzettel an der Windschutzscheibe des Trucks zu befestigen. Der Araber spurtete vor und deckte die Politesse in Arabischen Schimpfwörtern ein und schnappte ihr den Strafzettel aus der Hand, den er dann in einem der Briefkästen versenkte. Amber und er erreichten den Truck und stiegen auf der einen Seite ins überraschend geräumige und gemütliche Fahrerhäuschen ein.
Kaz bemerkte eine Reihe von Kontrollbildschirmen in Schwarz weiß, welche die toten Winkel des Trucks im Auge behielten und er hob anerkennend die Brauen. Auf der rechten Seite des Führerhäuschens stand ein sehr abgenutztes Sofa, das ihm und Amber als Sitz diente. Es roch intensiv nach selbstgedrehten Zigaretten und schwarzen Tee. Auf der Ablage unterm Fenster lagen ein paar abgenutzte Bücher und internationale Karten. Der Gurt war etwas rudimentär, aber sollte so funktionieren. Yusuf winkte ihnen vom Fahrersitz zu und drehte den Zündschlüssel im Schloss.
Mit einem lauten Brummen startete der mächtige Diesel und der Truck begann zu Vibrieren. Yusuf startete das aus PC Boxen zusammengezimmerte Soundsystem und legte hämmernde Musik auf.
Kaz grinste breit und Amber strahlte ihn von der Seite her an. Das war das abgefahrenste, das sie beide erlebt hatten. Der Araber legte einen Gang rein und drehte wie wild am Lenkrad und das Ungetüm drehte sich langem und fuhr vom Parkgelände runter auf die Straße. Kaz sah aus dem Fenster und beobachtete mit gewisser Zufriedenheit die Spur der Verwüstung, welche die Räder auf dem gepflegten Rasen hinterließen. Der Motor war zu laut, als dass man sich nennenswert unterhalten konnte und das Ding war schweinelangsam. Bei dem Tempo waren Gurte eigentlich überflüssig, aber er ließ sie da wo sie waren. Die Seitenfenster waren so dreckig, dass sie nicht zu gebrauchen waren, aber die Windschutzscheibe war zumindest sauber genug um rausgucken zu können.
   Nach einer knappen halben Stunde, sah Kaz hohe Gebäude und Türme, die Emmas und Herberts Stil total widersprachen. Zwar sah er viel Beton, Stahl und Glas, aber die Formen waren etwas verspielter und bei den Farben war man einmal querbeet durch die Farbpalette gegangen“.
An einem bunkerähnlichen Pförtnerhäuschen hielt Yusuf an und kurbelte die Scheibe runter. Der Wachmann und Yusuf hatten ein kurzes Gespräch, was Kaz wegen der lauten Musik und des Motorenlärms nicht verstehen konnte. Der Araber drehte sich wieder zu ihnen um und gab ihnen mit Handzeichen zu verstehen, dass sie jetzt aussteigen müssten. Kaz nickte und er und Amber befreiten sich von dem Gurt und stiegen aus der Beifahrertür ins Freie. Yusuf winkte ihnen nach und dann zockelte die Zugmaschine durch die Einfahrt und aufs Gelände, Kaz sah ihm nach. Ein merkwürdiger aber auch sehr liebenswürdiger Kauz, er nahm sich vor ihn öfter mal zu besuchen.
Er sah sich um, das hier war nicht minder komplizierter als der große Flughafen gestern. Aber ihm wurde rasch geholfen. Eine junge Inderin in einem recht farbenfrohen Kostüm näherte und verbeugte sich vor ihnen. Sie sprach Kaz auf Englisch an.
„Guten Tag mein Name ist Indira, wie kann ich Ihnen helfen?“
Ihr Englisch war völlig akzentfrei.
„Uh, ich würde mir gerne das BIT ansehen, ich habe gehört sie hätten auch einen Schulteil, den würde ich mir gerne ansehen, für meine Tochter Amber hier.“
Die junge Inderin lächelte breit und verbeugte sich auch vor Amber.
„Sie haben ganz richtig gehört. Darf ich sie und ihre Tochter über das Gelände führen und ihnen alles zeigen?“
Kaz nickte und Amber nickte ebenfalls.
„Dann warten sie eine Sekunde, sie bekommen gleich Besucherausweise, ohne die könnten sie sich auf dem Gelände gar nicht bewegen. Dazu bräuchte ich ihre Personalien, bitte folgen sie mir.“
Sie folgten ihr zu einem dreigeschossigen Bau auf dessen Seite Security stand. Dort reichten sie dem Beamten am Schalter ihre Ausweise, an die Kaz heute Morgen glücklicherweise gedacht hatte.
Wenige Minuten später bekamen sie ihre Ausweise wieder und ihnen wurden Plastikkarten mit ihren Daten an einem Schlüsselband-Jojo ausgehändigt. Dann ging es zur großen Schleuse, wo sie wie am Flughafen durchgecheckt wurden. Für Kaz Gschmack dauerten die Kontrollen zu lange, aber wenn das so eine elitäre Uni ist, dann wird das wohl bestimmt so seine Gründe haben.
Auf der anderen Seite begrüßte sie ihre Führerin und sie hatte einen etwas griesgrämigen muskelbepackten Russen dabei.
„Das ist Igor, er ist EX Spetsnaz und hier Lehrer für Sport und Selbstverteidigung.“
Igor nickte ihnen nicht unfreundlich zu. Und dann nahm die Inderin die Führung auf und sie gingen über einen hochmodernen Campus. Sehr viel Grün, viel Wasser und schön gestaltete Plätze, umgeben von riesig hohen Wolkenkratzern und „etwas“ flacheren Bauten. Aber die Gebäude wurden von verspielten Mustern und Strukturen aufgelockert. Die Architektonische Gestaltung gefiel ihm auf jeden Fall schon mal recht gut.
„Das BIT ist eine der wenigen Bildungseinrichtungen auf der Welt, wo unsere Schüler bereits ab der ersten Klasse anfangen. Sechs Jahre Grundschule und im Schnitt sieben Jahre Gymnasium und dann weiter in den Universitätsbereich. Die Klassengröße liegt hier bei sechzehn Schülern und sie werden von zwei Lehrern betreut, von der ersten bis zur dreizehnten Klasse bleiben die Schüler im Klassenverband zusammen. Die Klassen werden nach Interessen und Fähigkeiten bestimmt und so zusammengestellt, dass die Klassen ausgewogen sind. Wir nehmen jederzeit Schüler auf ganz unabhängig vom Alter und Klassenstufe, bei uns ist jeder willkommen. Neue Schüler durchlaufen einen intensiven Evaluationskurs, bei denen ihre Fähigkeiten jeglicher Art getestet werden. Begleitet wird dieser Test von einem Team aus hochgeschulten Pädagogen und Psychologen. Dieser Kurs dauert im Schnitt drei bis vier Tage und ist völlig kostenlos. Wir haben zwar den Ruf einer Elite-Universität, aber hier ist wirklich jeder Willkommen und das Schulgeld richtet sich in erster Linie an das Einkommen der Eltern, sodass auch Schüler aus schwächeren Einkommensverhältnissen hier gut ankommen können. Für schwierige Fälle bieten wir selbstverständlich Stipendien an.“
Sie betraten die Mensa, die ebenfalls durch eine Sicherheitsschleuse gesichert war. Hier ging es aber wesentlich schneller als am Eingang. Kaz staunte nicht schlecht als sie im Inneren waren. Hier hatten die Innenarchitekten definitiv mit Wasser und Pflanzen gespielt und es sah toll aus. Vor ihnen führten Treppen nach unten und auf der rechten Seite nach oben. Die Mensa ging über mehrere Etagen und jetzt um die Mittagszeit war es ganz gut besucht. Scharen von Schülern und Studenten aller Altersgruppen strömten um sie herum. Die Inderin führte sie etwas abseits.
„Das ist eine von zwei Mensen auf diesem Campus, die andere ist dem wissenschaftlichen Personal im Wissenschaftspark auf der anderen Seite des Flusses vorbehalten. Wie bereits erwähnt testen wir unsere Schüler und Studenten auf Herz und Nieren und stellen ihnen ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Mahlzeiten zur Verfügung, die sie über die automatisierten Ausgaben dort hinten in Empfang nehmen können. Die Speisen sind von erlesener Qualität und von einem internationalen Team von Köchen stets frisch zubereitet. Darüber hinaus gibt es überall auf dem Campus verteilt Snackbars für den kleinen Hunger und Teeküchen, wo man sich selbst eine kleine Mahlzeit zubereiten kann. Reguläre Schüler bekommen zwei Mahlzeiten, Frühstück und Mittagessen. Aber nach Bedarf kann auch noch das Abendessen als Sonderoption hinzugebucht werden.“
Kaz nickte sehr beeindruckend. Ihm fiel auf, dass alle Schüler Uniformen trugen. Das entging ihrer Führerin natürlich nicht.
„Unsere Schüler tragen farblich codierte Uniformen, ganz in Abhängigkeit ihrer Spezialisierungen. Rot steht für Medien und Unterhaltung, Grün für Biologie, Orange für Bildung und Blau für Technik und IT. Bis zur dreizehnten Klasse, gibt es keine Unterteilung. Nach den Prüfungen, wenn es in die Vertiefungsrichtungen geht, bekommen die Studenten eine individualisierte Uniform.“
Kaz nickte, dann kam ihm eine Frage.
„Entschuldigen Sie, was für Regelungen gibt es beim Outfit der Schüler?“
„Oh richtig, Piericings sind streng verboten, bunt gefärbte Haare auch, Tättowierungen werden geduldet aber nicht gerne gesehen. Auch wenn man es leider viel zu oft sieht, dass das Personal sehr stark tätowiert ist, besonders im Bereich für Sport.“
Sie warf Igor einen grimmigen Blick zu, der nur provozierend zurückgrinste. Kaz schmunzelte. Das wäre eine unglückliche Nachricht für Akira mit ihren toll gefärbten Haaren, das tat ihm doch sehr leid. Das Schulkonzept kam ihm aber sehr überzeugend vor. Die Inderin führte sie jetzt wieder an Schülern vorbei aus dem Gebäude heraus und in ein langgestrecktes fünfgeschossiges Gebäude mit großen Fenstern.
„Hier in diesem Gebäude sind unsere Labor für Physik, Chemie und Spezialisierungsrichtungen an, mit exzellent eingerichteten Werkstätten für Holz und Metallbau im Keller und im Erdgeschoss. Wir haben hier 3D Drucker der aller neusten Generation, einen Strömungskanal, Fertigungsstraßen und vieles mehr.“
Sie gingen in ein paar leere Labors und Kaz warf einen anerkennenden Blick über die Gerätschaften, wenn er da nur an seine Schulzeit und die Laborversuche an der TU dachte, das war eine komplett andere Welt. Das roch durch und durch nach Zukunft, Respekt Deutschland.“
Unten im Keller bastelte ein dreizehnjähriger Junge in einem Ölverschmierten Overall in einer Werkstatt an einem Motorblock herum. Moment mal, war das nicht Alfred, Xens ältester Sohn? Aber sie waren schon wieder weg, bevor er sich vergewissern konnte.
   Danach führte man sie in ein Gebäude mit unzähligen Studios für Videoschnitt, Tonaufnahmen, einige Tonstudios für Bandproben und Radioaufnahmen. Und dann standen sie in der Loge einer riesig großen Aula, wo unter ihnen auf der großen Bühne eine Gruppe aus Schülern und Studenten für ein Theaterstück probten.
   Vielleicht sollte er sich hier anmelden, dann hätte sich das Studio-Problem erledigt. Die verwendeten Geräte hier waren aller erster Güte und oft brandneu.
   Danach ging es in den zoologischen Teil mit unzähligen Gewächshäusern, einem großen Tropenhaus und definitiv mehr Terrarien und Aquarien, als das Aquarium in Berlin im zoologischen Garten hatte. Und dann ging es aufs Sportgelände, wo Igor die Führung übernahm. Sein Akzent war recht deutlich.
„Im Sportzentrum ist es unser Ziel, dass jeder Schüler einen ganz seinen Bedürfnissen und Interessen ausgelegten Trainingsplan bekommt. Die meisten unserer Kollegen kommen aus dem Militärbereich, so wie ich und dementsprechend gestalten wir unsere Trainingsparcours. Wir haben hier Laufbahnen, Hindernisparcours nach Militärstandard, Eine große Kletterhalle, Eine große Schwimmhalle und im Sport-Turm sind Felder für verschiedene Sportarten untergebracht. Und unsere aller neuste Errungenschaft sind die Outdoor Kletterparcours auf dem Gelände. Wir haben nämlich jetzt einen der weltweit besten Kletterer und Parcour-Experten an Bord geholt, er ist heute erst bei uns angekommen. Ich glaube Sie sind mit ihm hier her gekommen.
Wettkampf und Teamgeist stehen hier ganz groß auf dem Plan. Hier steht das „wir“ ganz klar vor dem „ich“. Unser Institut hat Mannschaften für Fußball, Baseball, Basketball, Schwimmen, Rudern und so weiter. Unsere Jungs und Mädchen sind auf ganz hohem Niveau unterwegs und treten regelmäßig gegen die Teams anderer Top-Universitäten an und räumen Pokale ab. Wir sind stolz auf ihre Leistungen. Na was sagen sie jetzt?“
Igor grinste ihn freudestrahlend an. Kaz war überwältigt von dem was er gesehen hatte.
„Also ich würde sagen ihr habt mich überzeugt, wie steht‘s mit dir Amber, würdest du hier herkommen wollen?“
Amber nickte mit großen Augen.
„Einen Moment noch? Warum sind an einem Sonntag so viele Schüler da?“
„Weil wir eine internationale Schule sind, bieten wir Internatsplätze an. Nach Geschlechtern und Alter getrennte Zweiraumzimmer, jeweils mit einem eigenen Bad. Ausstattung und Komfort wie in einem Fünfsterne Hotel, mit Einrichtungen für Unterhaltung und Wellness und eine große Lounge. Inklusive Zimmerservice.“
Jetzt war Kaz wirklich Baff.
„Wo muss ich unterschreiben?“
Igor und Indira lachten herzhaft.
„Lassen sie die Eindrücke des Tages erstmal sacken und Überlegen sie es sich in Ruhe. Wenn es ihnen aber so dringend ist, könnte ihre Tochter Dienstag für den Test-Kurs vorbeikommen und wäre dann zum Wochenende wieder bei Ihnen. Ich gebe ihnen eine Broschüre mit und wir schicken ihnen die nötigen Unterlagen per Post zu. Stimmt die Adresse bei Ihnen?“
Kaz schüttelte den Kopf.
„Nein, aus Gründen einer familiären Krise bin ich vorübergehend bei einer Freundin untergekommen.“
Er gab ihnen Liz Adresse.
„Und könnten sie die Unterlagen auch noch ein paar anderen Familien zukommen lassen?“ 
Die Inderin stimmte freundlich zu und er schrieb ihr die Adressen von seinen Geschwistern auf.
„Wie wunderbar, dann führe ich sie jetzt zurück zum Eingang und gebe ihnen ein Informationspaket mit.“
Er folgte ihr über den riesigen Campus zurück zum Eingang und dort verschwand sie kurz in einem Gebäude und kam dann mit einem reichlich gefüllten Stoffbeutel mit dem Logo des BIT zurück und reichte ihn ihm. Der Beutel hatte ein gewisses Gewicht und er verstaute ihn in seinem Rucksack.
Dann wurden sie von der Inderin und Igor verabschiedet, gaben ihre Besucherausweise ab und verließen das Gelände. Kaz starrte auf die Uhr und stellte entsetzt fest, dass es schon nach vier war.
Also wäre es sinnig jetzt erstmal nach Hause zu verschwinden. Er tippte etwas in sein GPS ein und schluckte, Zu Fuß würden sie eine knappe Stunde brauchen.
„Amber, wie hat dir der kleine Ausflug gefallen?“
„Toll, ich wusste gar nicht, dass Deutschland sowas hat.“
„Könntest du dir zutrauen, dort zur Schule zu gehen. Auch wenn es sein kann, dass du erstmal aufs Internat müsstest?“
Amber musste ein bisschen schlucken, nickte dann aber energisch.
„Ok, dann kannst du dich Morgen in Ruhe vergnügen und am Dienstag geht es los. Und denk daran, was die gesagt haben, keine schrägen Haarfarben!“
Amber nickte nur und zog ihm am Arm. Aus purer Faulheit bestellte er sich ein Taxi und zwanzig Minuten standen sie vor dem Eingang des monströsen mindestens dreißig Meter hohen Wohnhauses, wo seine beste Freundin wohnte. Er dachte lieber nicht daran, was diese Wohnung gekostet haben musste. Bestimmt im zwei- oder dreistelligen Millionenbereich.
Jetzt wo er das Haus aus der anderen Perspektive sah bemerkte er, dass das Haus gar nicht richtig rechteckig war. Auf der linken hinteren Seite ragte ein hoher Turm aus dickem Beton in die Höhe und … moment mal. Er und Amber beobachteten, wie ein riesiger Aufzug aus Metall, wie der eines Flugzeugträgers langsam nach oben zum Dach hin fuhr, mit einem fetten Helikopter auf der Ladefläche. Das war ja der Wahnsinn, dann gab es also sowas wie eine Garage für Helikopter. Naja machte Sinn, wenn hier so viele Superreiche wohnten. Der Flughafen war so ziemlich auf der anderen Seite der Stadt. Irre, ob Liz auch einen eigenen Hubschrauber besaß?
   Und rechts vorne war ein großzügig verglaster hoher Turm wo allen Anschein nach ein Restaurant untergebracht sein musste. Das war ja einfach nur riesig, ging von der ersten Etage bis hoch zum Dach. Na bei denen wollte er lieber nicht die Preise sehen. Wie auch bei allen Läden im Haus und in der näheren Umgebung, hier wohnten echt nur scheißviele Reiche Leute.
   Aber warum waren auf den Straßen und dem Park hier so viele stinknormale Leute unterwegs? Ob in den riesig hohen Türmen, die praktisch Kreisförmig um diesen Luxusklotz verteilt waren, einfach ganz normale Leute wohnten? Er würde es wohl selbst in Erfahrung bringen müssen.
   Sie gingen zügig über den Zementweg zum Eingang und hinein. Drinnen war es zwar nicht unbedingt leer, aber zum Glück auch nicht voll. Ob es in diesem Luxusschuppen jemals richtig voll werden würde? Vielleicht ja schon. Drinnen übernahm Amber die Führung und es ging in einen der Aufzüge und hoch in den dritten Stock. Dort ging sie zielstrebig durch die Gänge zu einer Tür mit der Aufschrift „3-VII“ und hielt ihr Armband an das Feld unter dem Türschloss. Mit einem mächtigen Klacken ging die Türverriegelung auf und sie traten in die Wohnung ein. Amber hatte eindeutig den besseren Orientierungssinn als er. Jetzt war es etwa halb fünf. Also noch eine gute Stunde Zeit bevor sie sich fertig machen müssten.
   Amber schlüpfte aus ihren Sachen und Kaz tat es ihr gleich und er hing die Sachen wieder ordentlich in der Garderobe auf. Liz hatte Ihnen ja empfohlen, es sich einfach gemütlich zu machen. Seine Tochter ging nach oben und er in die Küche.
   Mensch, der pure Luxus hier war einfach nur erdrückend. Und warum zum Henker brauchte Liz zwei von diesen gigantischen Kühlschränken. Er zog den Linken auf und sah eine Menge gekühlter Getränke und Spirituosen. Und im Eisfach Unmengen von Eiswürfeln und Eiscreme aller erster Sahne. Lächelnd holte er eine Packung Häagen-Dazs hervor und stellte sie auf den Tisch. Im rechten Kühlschrank waren Fleisch und Wurst, Milchprodukte und viel Grünzeug. Und hier im Eisfach waren tiefgefrorene Früchte und Gemüse, zu seiner Enttäuschung keine TK Pizzen und so Sachen. Ihr wollt mir doch nicht ernsthaft erklären, dass die Vize-Chefin einer Milliardenfirma jeden Tag frisch kochte? War aber wohl so. Naja, er war nicht so gut im Kochen und ernährte sich von viel zu viel Fertigkost. Amber hatte das ganz gut über den Haufen geworfen und versuchte jetzt viel regelmäßiger frisch zu kochen.
   Er zog die Tür des anderen Kühlschranks wieder auf, er hatte was vergessen. Er griff sich eine gekühlte Cola Dose und warf einen Blick auf das Eis, Essen war in anderthalb Stunden. Grunzend stellte er die Eispackung zurück ins Eisfach. Sein Magen grummelte jetzt doch schon ein bisschen, ob er das bis sechs überhaupt durchhalten würde? Er öffnete ein paar Türen und Schubladen und sah hinein. Bei einer Tür frohlockte er und holte eine Blechdose heraus aus der es schon von weitem toll duftete. Shortbreadfingers, von denen konnte er einfach nicht genug bekommen. Er häufte sich eine große Portion Kekse auf einen Teller und stellte Teller und Dose in den Speiseaufzug. Dann ging er aus der Küche schnappte sich den Rucksack und ging nach oben. Beim Weg an dem Terrarium mit diesem Monster kam ihm ein Gedanke, wie lang dauerte es, bis dieses Scheusal verhungerte?
Auf dem Podium hielt er inne und sah sich nach Amber um. Was war das da hinten eigentlich für ein Kasten? Er legte den schweren Beutel auf den Tisch und ging auf den Raum zu, der noch nicht lange da stehen konnte, zumindest roch es noch recht deutlich nach Klebstoffen und frisch gesägtem Holz.
Er klopfte an die Schiebetür und hörte leise Schritte, dann wurde die Tür von innen geöffnet und Amber sah ihn neugierig an. Seine Tochter trug nur einen Slip und ein T-Shirt, sonderlich scheu schien sie nicht zu sein wenn sie vor einem noch relativ fremden so wenig anhatte.
„Darf ich reinkommen?“
„Ja ok Papa“
Sie nickte. Wow. Liz hatte der kleinen tatsächlich ein eigenes Zimmer bauen lassen. Rechts waren ein großes Hochbett und darunter ein Schreibtisch mit zwei großen Bildschirmen und einem schicken Desktop PC unter dem Schreibtisch. Zumindest Maus, Tastatur waren klar auf Gaming ausgelegt. Oben auf dem Deck sah er zu seinem Missvergnügen eine dicke Pelzdecke, die unordentlich auf einer dicken Matratze lag. Er drehte sich ein Stück nach rechts und hier fand er Schränke und Regale vor. Überwiegend leer, was zu erwarten war.
   Neben der Tür fand er einen kleinen Schminktisch und einen Perückenständer vor. Daneben einige Pflanzen in einem großen Topf. Vor dem runden deckenhohen Fenster standen ein kleines Teleskop und daneben ein bequemer schlanker Sessel mit weißem Leder bezogen und mit noch einer Pelzdecke. Er zog eine Grimasse, warum diese ganze Pelz-Geschichte? Liz du bist einfach nur doof. Verwöhn sie doch nicht etwas, was sich Normalsterbliche nicht ohne weiteres leisten können!
„Amber du solltest wohl deinen Rucksack ausräumen und leg mir das Kleid hin damit ich es schnell nochmal bügeln kann.“
Amber zog eine Grimasse und schlüpfte dann an ihm vorbei aus der Tür raus, während er ihr nachdenklich mit den Blicken folgte. Sie legte ihm unten ihr tolles Kleid hin, direkt neben ihre silbrigen High Heels. Dann schulterte sie den schweren Rucksack und ging wieder nach oben an ihm vorbei in ihr Zimmer. Kaz dachte an seine gekühlte Cola gab sich dann aber einen Ruck und ging nach unten in den Lagerraum auf der Suche nach einem Bügelbrett und Bügeleisen. Nach einer Weile wollte er schon aufgeben, als er die gesuchten Gegenstände recht weit hinten in einer Ecke fand.
Auf seinem Weg nach draußen kam er an dem Anzug an der Garderobe vorbei. Der sah definitiv schon gebügelt aus. Routiniert stellte er das Bügelbrett auf und bereitete das Bügeleisen vor. Er konnte zwar nicht wirklich gut kochen, aber Bügeln konnte er ausgezeichnet. Nach wenigen Minuten legte er das frischgebügelte schwarze Kleid auf die Sitzfläche des Sofas und räumte die Bügelsachen wieder weg. Dann huschte er ins Bad. Suchend guckte er in ein paar Ecken und zog etliche Schubladen auf bevor er fand was er suchte. Die Packung mit dem elektrischen Rasierer. Er öffnete die Packung und suchte sich einen Passenden Aufsatz heraus. Er zog sein Hemd aus und besah sich seine Tätowierungen für einen Moment. Er strich über zwei sorgfältig übertätowierte Stellen in der Lendengegend und nickte grimmig. Sein Spiegelbild gefiel ihm nicht unbedingt, auch wenn er sich daran mittlerweile ganz gut gewöhnt hatte. Vielleicht sollte er morgen auch die Gelegenheit nutzen und zum Frisör marschieren und sich eine Kurzhaarfrisur zulegen. Kannte ihn Liz eigentlich schon mit kurzen Haaren? Er dachte einen Moment nach. Als er sie kennengelernt hatte waren seine Haare schon lang genug gewesen um sie sich hochzubinden. Tja, ein Haarschnitt wurde langsam mal wieder Zeit. Eigentlich könnte er es auch selbst jetzt mit der Maschine machen, aber das würde total chaotisch aussehen und wenn ihm Liz jetzt schon so viel Taschengeld zur Verfügung stellte konnte er es auch gleich für was Sinnvolles nutzen. Aber jetzt war erstmal der Bart an der Reihe. Also Maschine an und los geht’s.
   Eine gute Viertelstunde später betrachtete er sein Gesicht im Spiegel. Jetzt war er auf jeden Fall schon mal diesen zotteligen Vollbart los beziehungsweise war auch eine regelmäßige Länge gestutzt. Er entsorgte die Barthaare im Klo und putzte das Waschbecken gründlich. Er zog sich das Hemd wieder an und verließ das Bad. Oben widmete er sich jetzt endlich seinen Keksen und der Cola.
Mh, gab es hier irgendwo ein paar Tücher? Er wollte den Prospekt der Schule nicht mit seinen Fettfingern einsauen. Er fand nichts, also wieder runter ins Bad und Händewaschen. Diese dämliche Treppe war genau auf der falschen Seite des Raumes. Vielleicht sollte er es Yusuf einfach nachmachen und einfach Parcourmäßig hier hochspringen, aber das ging so schwer, wenn man etwas in der Hand hatte. Jetzt aber. Er setzte sich hin und zog den Stoffbeutel an sich heran.
Er zog ein paar unterschiedlich dicke Broschüren in erstklassiger Druckqualität vor. Er warf einen Blick auf die Uhr, noch eine gute Dreiviertelstunde.
   Er schlug die erste Broschüre auf und überflog die Seiten. Der Leiter und der Präsident wurden vorgestellt, Vater und Sohn und beides Araber, ungewöhnlich für eine deutsche Uni. Er stutzte bei dem Bild des Leiters, der Typ hatte eine gewisse Ähnlichkeit zu Sahid, Akiras Freund. Vielleicht Vater oder Onkel. Jedenfalls gab sich die Universität samt Schule sehr weltoffen. Und war ganz auf eine freundliche Rivalität mit den anderen Elite-Universitäten der Welt aus.
Auf einer großen Doppelseite mit ausklappbaren Seiten war der Lageplan des Geländes abgebildet und er studierte ihn sehr sorgfältig. Es war echt eine Menge auf wirklich wahnsinnig viel Platz untergebracht. Es gab die Uni, die Schule und den Wissenschaftspark. Interessiert studierte er, dass das Gelände stark unterkellert war. Mit Serverräumen, die anscheinend mit dem Wasser der Havel gekühlt wurden.
   Er überflog die Broschüren und stellte fest, dass es bestimmt einen Tag oder länger dauern würde, bis er sich alles im Detail durchgelesen hatten.
In der Broschüre zu den Rechten und Privilegien der Schüler und Studenten las er, dass die Schüler von der Schule Schul- und Sportoutfits gestellt bekommen würden. Und jeder Schüler bekam ein Multimediapaket. Für die ganz Kleinen ein Tablet von Spectre, und für die größeren ein Smartphone von Prism und einen eigenen Laptop von Spectre. Beide Hersteller waren Sponsoren der Schule, Kaz nickte anerkennend. Er hatte Amber ein Prism geschenkt, allerdings ein älteres Modell. Prism und Spectre verwendeten das mittlerweile recht gängige Betriebssystem Halos, das auf dem Linux Kernel aufbaute und für dessen hohe Sicherheit und Geschwindigkeit geschätzt wurde.
Allein dieses Paket war einiges wert. Er hatte das nagelneue Prism 12 und es hatte über zweitausend Dollar gekostet. Die Broschüre zum Internatsteil lag sich wie die Werbung eines Fünfsterne Wellnesshotels.
Mittlerweile war er fest entschlossen, Amber dorthin zu schicken, koste es was es wolle.
Er sah auf die Uhr und packte zusammen. Die Broschüren würde er heute zum Treffen mitnehmen und seinen Geschwistern zeigen. Die Schule klang genau nach der richtigen Umgebung für Jack und Ryan und Akira und eigentlich auch für die Kinder des Offiziers, Yolanda und Margarete.
Er ging in die Garderobe und holte sich den Anzug aus dem Regal und verschwand damit im Schlafzimmer. Die Sachen saßen wie angegossen und mit offenen Haaren sah er so aus wie John Wick, Kaz lächelte grimmig. Tja, Liz hatte schon immer genau gewusst, was er am liebsten mochte.
Er trat ihn Wohnraum und staunte nicht schlecht als er sah, wie Liz Amber in ihr Kleid half. Wo war sie denn so plötzlich hergekommen, hatte er die Tür gar nicht bemerkt gehabt? Liz bemerkte ihn und umarmte ihn kurz, sie hatte wieder ein tolles Parfüm aufgelegt.   
„Hey Großer, wie war euer Tag. Ach Quatsch, dass könnte ihr gleich beim Treffen erzählen, dann musst du nicht alles zweimal sagen. Amber Schatz, komm mal kurz in Schlafzimmer, dann mache ich dir ein bisschen Makeup drauf. Und ich finde, du Kaz solltest die Haare heute offen tragen.“
Amber folgte ihr mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, während Kaz ein etwas missmutiges Gesicht mache und nach draußen starrte. Er trat ans Fenster und beobachtete wie ein schwerer Wagen draußen in der Ferne anhielt und eine weiß gewandete Figur ausstieg. Sie näherte sich in lockerem Laufschritt und Kaz erkannte Sahid den jungen Araber in einem weißen Anzug mit einer Rose im Knopfloch. Leise lachte sich Kaz kaputt.

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