Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 10

10. Kaz – 1. W April 2045– Montagmorgen

Kaz Wecker ging um sechs und er gähnte und streckte sich genüsslich. So langsam wurde er mit dem Gedanken warm, unter einer dicken Pelzdecke zu schlafen. Und im Sommer? Er dachte daran, dass die gesamte Wohnung an eine Klimaanlage angeschlossen war. Also konnte man den Raum selbst im knallenden Hochsommer schön runterkühlen.
   Er schlug die Decke zurück und stand auf. Gestern Abend (oder heute Morgen?) hatte er noch die Entwürfe mit einer sehr kryptischen Nachricht an seinen Bruder geschickt. Der war künstlerisch noch talentierter als er und er war maßgeblich daran beteiligt gewesen, sein Buchuniversum mit Leben zu füllen. Nach dem vierten Band hatten sie ein paar Bildbände und Sachbücher mit den Wundern seiner ausgedachten Welt veröffentlich, darunter auch ein dickes Buch mit Risszeichnungen der ganzen Flieger, Fahrzeuge, Panzer und der „Hornets“. Er wollte gar nicht daran denken, wie viele Nächte sein kleiner Bruder am Grafiktablet verbracht hatte, anstatt bei Frau und Kind zu sein. Bestimmt so einige, sein Bruder war der totale Workaholic und brauchte glücklicherweise nur wenig Schlaf. Mal gucken welchen Spin er der ganzen Sache noch geben würde. 
   Liz hatte doch bestimmt die Bücher, darin würde er bei Gelegenheit mal wieder stöbern. Er verband so viele tolle Erinnerungen und Geschichten mit den Büchern.
   Er griff nach seinem Prism 12 und entsperrte es. Oho, Nachricht von Liz. Sie hatte ihm ein paar Selfies heute Morgen geschickt. Tja, in dem Outfit brauchte sie definitiv keine Bodyguards mehr, die sah ja richtig furchteinflößend aus. Wie dann nur die Sachen aussahen, die sein Bruder aus dem Ärmel schütteln würde. Er grinste Breit und zog sich etwas über.
   Frühstück? Ach ja da war ja was, die Reservierung im Cafe mit dem tollen Frühstücksbuffet, von dem ihm Liz vorgeschwärmt hatte. Im großen Wohnzimmer erwartete ihn Amber und sie machten eine halbe Stunde Sport, hier im Wohnzimmer war jede Menge Platz und mit dem Geländer oben waren auch Klimmzüge möglich. Akira stieß später dazu und sah ihnen von oben aus zu.
Dann gingen sie der Reihe nach ins Bad und zogen sich etwas an. Als sie um kurz vor sieben vor der Wohnungstür standen, fragte er in die Runde.
„Und wisst ihr schon welche Frisur ihr beide haben wollt?“
Die beiden sahen sich einen Moment verschwörerisch an und nickten dann grinsend. Oje, das konnte bestimmt nichts Gutes heißen. Er nahm seinen Laptop mit, wer wusste schon wie lang die beiden brauchen würden. Aber immerhin bedeutete das, dass sich die beiden ganz gut verstanden.
Dieses Mal fand er mit Bestimmtheit den Aufzug und sie fuhren ins Erdgeschoss hinab.
   Sie schlenderten durch die das Einkaufszentrum und zum Café im zweiten Geschoss. Sie hatten einen schönen Tisch mit einem Fenster nach draußen zum Lichthof. Kaz entdeckte sofort das riesige Buffet, das köstlich duftete. Er dachte an das geile Steak gestern und seit Magen brummte. Sie waren definitiv nicht die einzigen und sie stellten sich schnell an, um nicht in das Gedränge zu geraten.
Kaz stellte fest, dass seine Nichte auch ein kleiner Nimmersatt war, so wie er und Amber auch. Das Essen war echt lecker und er konnte nicht genug bekommen. Beim vierten Gang zum Buffet dachte er grinsend daran, dass sie für das Buffet eine Pauschale zahlten und nicht für die Menge an verputzten Köstlichkeiten.
   Kurz vor acht brachen die Mädchen auf, Akira strich sich noch einmal etwas traurig durch ihre toll gefärbten Haare. Kaz brachte die Teller weg und ließ sich bei der Kuchenauswahl beraten. Der Zitronen- Baissekuchen klang lecker und er bestellte es zusammen mit einem Milchkaffee.
Er bemitleidete Akira sehr, ihre Haare waren einfach umwerfend, aber Bildung war dann doch vielleicht noch ein Zacken wichtiger als das. Und bei Amber hatte er ein schlechtes Gefühl, ihre lange Zottelmähne sah einfach so toll aus – die würde er echt vermissen. Er lehnte sich in die Bequemen Polster zurück und sah sich um. Einen Tisch weiter unterhielten sich eine Gruppe Mädchen, von denen die jüngste vielleicht in Ambers Alter war, lautstark auf Russisch. Die rechte, die mit dem Rücken zu ihm saß, hatte ein Schulterfreies Oberteil an und er sah den schwarzen verzerrten Totenkopf auf ihrer linken Schulter eintätowiert. Das Symbol der schwarzen Geister aus seinem Buch, das auch die Einbände zierte. Er schmunzelte und öffnete seinen Laptop mit einem groben Skript für seinen neuen Roman, der wieder im in seinem Science-Fantasy Universum spielte, dass mit Band vier eigentlich zu Ende war. Aber er konnte seine Figuren natürlich nicht in Ruhe ihren Lebensabend genießen lassen. Was wohl Nate, Ted, Liz, Noah und die restliche Rasselbande trieben?
Er fragte sich ob es ihm Liz übel genommen hatte, dass ihre Figur im Buch eine bildhübsche aber kannibalische Mörderin war. Sie hatte sich zumindest nicht bei ihm beschwert, oder sie nahm es einfach sehr gelassen. Mal gucken was er dieses Mal mit ihnen vorhatte. Vielleicht war es doof und unklug, die Serie wieder aufzugreifen, aber im vierten Band hatte er bewusst nicht alle Fragen ganz beantwortet. Dabei grinste er breit. Er sah auf als der Kuchen und sein Kaffee serviert wurden und er bedankte sich, er aß ein Stück vom Kuchen und stöhnte genießerisch auf, der war ja fantastisch. Tja, das würde heute wohl nicht der einzige Kuchen sein, der in seinem Magen verschwand.
Er nippte an seinem heißen Kaffee, der auch sehr gut war und schlug ordentlich in die Tasten, jetzt gerade war sein Kopf voller Ideen.
   Er war so vertieft, dass er nicht bemerkte, wie zwei Mädchen neben seinem Tisch standen und ihn breit angrinsten. Er warf einen verwirrten Blick auf die Uhr, ui schon fast zehn. Moment Mal, er besah sich die Mädchen genauer und ihn traf der Schlag. Das waren definitiv Amber und Akira. Und von ihren langen Haaren war rein gar nichts mehr übrig, beide hatten eine annährend ähnliche Frisur mit super kurz geschnittenen Seiten und Nacken und etwas längerem Deckhaar. Das war bei Amber gerade lang genug um sich die Strähnen hinters Ohr zu schieben und alles in Platinblond. Und bei Akira war das Deckhaar super kurz, vielleicht vier oder fünf Zentimeter und stachlig mit Gel frisiert, ihr Haar war ebenfalls Platinblond. Die beiden setzten sich zu ihm an den Tisch und er musterte sie neugierig. Er klappte den Laptop ein und räumte ihn weg.
„Mensch ihr seht so ungewohnt aus, steht euch gut, aber du Akira hättest es wohl kaum noch Kürzer schneiden lassen. Ich werde wohl eine Weile brauchen, bis ich mich daran gewöhnen werde.“
„Naja, ich kann mir immer noch eine Glatze machen, so wie Tante Liz.“ Sie zwinkerte ihm zu.
„Ok ihr beiden, wollt ihr noch ein Stück Kuchen und einen Kaffee oder ne heiße Schokolade?“
Die beiden sahen sich an und nickten, Kaz rief nach dem Kellner und die beiden bestellten Kuchen und jeweils eine heiße Schokolade mit Sahne.
„Na was habt ihr Mädels jetzt vor? Der Tag ist jung.“
„Ich hab mit Amber schon darüber gesprochen, können wir uns ein bisschen die Stadt ansehen? Jack, Yolanda und Sahid und natürlich Nate von der Security sind mit von der Partie? Sie holen uns um elf hier ab.“
„Klar könnt ihr das, wenn Nate dabei ist mache ich mir keine Sorgen, der kommt mit ein paar Kindern und einem verrückten Araber gut klar. Macht euch einen schönen Tag.“
Die beiden strahlten. Es freute ihn, dass Amber so schnell schon eine scheinbar so gute Chemie mit Akira hatte. Er hatte schon befürchtet Amber würde sehr lange brauchen um hier in Deutschland Anschluss zu finden.
   Die Leckereien wurden gebracht und die beiden machten sich mit sichtbarem Genuss über die Sachen her, gefolgt von etwas zufriedenen Schmatzen und lautstarkes Schlürfen der scheinbar köstlichen heißen Schokolade. Kaz wurde warm ums Herz.
Um Elf kamen die anderen und die waren total baff als sie die frisch frisierten Mädchen sahen. Sahid schien ein bisschen unter Schock zu stehen, taute aber auf, als seine Freundin ihn mit Küssen eindeckte. Amber wirkte etwas unsicher aber Kaz drückte sie fest und versicherte ihr, dass alles gut werden würde. Sie umarmte ihn fest und er strich ihr eine blonde Strähne aus der Stirn.
Kaz umarmte auch Jack. Eine Schande, dass sie gestern gar nicht so richtig Gelegenheit gehabt hatten sich zu unterhalten und näher kennenzulernen, das musste er dringend nachholen. Er mochte den Jungen sehr, er hatte viel Potential und die Sache mit seinem Bruder war so eine Schande.
Er schüttelte Nates Hand und der ex Soldat salutierte grinsend vor ihm, dann ging er mit den Kindern und Sahid raus und in die Stadt. Kaz bestellte sich noch eine eisgekühlte Cola und trank diese beinahe in einem Zug aus, dann bezahlte er die absurde Rechnung und gab der lächelnden jungen Kellnerin ein sattes Trinkgeld. Er schnappte sich seinen Laptop und ging raus. Dabei fiel ihm eine junge Frau mit einer schicken schwarzen Kurzhaarfrisur auf, die in einer Ecke saß und ihm nachsah. Wer das wohl war? Vermutlich irgendein Fan. Er ging erstmal nach oben zur Wohnung um sich etwas Anderes anzuziehen. Beim Briefkasten hielt er inne, hatte er die Befugnis den Briefkasten zu leeren? Bestimmt schon, immerhin wohnte er jetzt quasi hier. Er hielt das Armband an den Briefkasten und der klappte mit einem lauten Klacken auf. Gleich vier Sachen, zwei Postkarten und ein etwas dickerer Briefumschlag und ein schmales Päckchen, alles an ihn adressiert, erstaunlich. Gespannt ging er ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa ohne Pelzdecke. Die eine Postkarte zeigte das BIT und Yusuf lud ihn auf einen Tee ein und hinterließ ihm seine Kontaktdaten. Die andere zeigte mit polnischem Nationalstolz eine Luftaufnahme der Omega Hauptwerke in Polen und war von Xen, der ihn in Deutschland begrüßte und ebenfalls einlud ihn zuhause in Polen zu besuchen und nicht zu vergessen, seinen Omega endlich abzuholen, der schon seit ein paar Monaten auf ihn wartete. Kaz tippte die Adresse in sein Handy. Huh, das war ziemlich weit im Osten in irgendeinem kleinen Kaff. Na gut, dann würde er da mal bei Gelegenheit vorbeizockeln, aber dafür würde er einen fahrbaren Untersatz brauchen.
   Der Brief war aus Moskau und von Anna. Er seufzte und riss gespannt den Umschlag auf und schüttete den Umschlag auf den Tisch. Ein paar Fotos und ein handgeschriebener Brief. Er betrachtete grinsend die Bilder, die würde er Liz besser nicht zeigen, die würde knallhart eifersüchtig werden … und Amber auch nicht, dafür hatte Anna auf den Bildern zu wenig an. Aber es waren auch ein paar ganz unschuldige Bilder dabei, wo eine Russin in seinem Alter mit langen blonden Haaren und warmen beinahe türkisen Augen in die Kamera strahlte, kein Makeup. Anna war eine sehr natürliche Schönheit und sie war ein Topmodel, jedenfalls war sie es bis vor drei Jahren gewesen, dann hatte sie sich zurückgezogen und mit dem Fotografieren angefangen. Und ein bisschen Instagram natürlich auch, aber sie hatte eine eher bescheidene Anzahl an Followern.
Er kannte Anna schon sein halbes Leben und die erste Begegnung war knapp an der totalen Vollkatastrophe vorbeigeschrappt. Aber sie hatten sich schnell gefangen und sich ineinander verliebt. Tja, Liz war zwar definitiv seine beste Freundin, aber Anna war die Liebe seines Lebens.
Sie war lieb und nett zu Tieren, offen, treu, warmherzig, hatte ein tolles Lachen und eine noch tollere Stimme. Er liebte sie über alles, er musste sie dringend mal wieder besuchen, oder sie ihn.
Sie war Russin und mittlerweile recht wohlhabend, ob sie wohl auch so sehr in Pelze vernarrt war wie Liz? Kann gut sein, aber andererseits wohnte sie in einer sehr bescheidenen kleinen Wohnung und fuhr einen uralten schrottigen Lada. Als er ihr tolles Foto betrachtete vermisste er sie sehr.
Er würde die Fotos verstecken. Ihr Brief war in ihrer feinen Mädchenhandschrift auf Deutsch geschrieben. Er lächelte warmherzig als er die Zeilen überflog. Sie vermisste ihn ganz schrecklich und würde ihn so gerne wieder in die Arme schließen. Ihn und seine Tochter Amber.
Sie hatte am Ende des Briefes einen dicken Schmatzer mit rotem Lippenstift hinterlassen. Er hielt das Papier an seine Nase, es roch nach ihrem tollen Parfüm … und ihrer muffigen Wohnung. Er grinste breit und faltete den Brief und versteckte ihn mitsamt den Fotos in seinem Koffer.
Dann öffnete er das kleine Päckchen und fiel fast hinten über. Ein Autoschlüssel für einen Defender 2040 und ein Bild von seinen Geschwistern und Liz. Er drehte das Bild um.
„für unseren liebsten großen Bruder/Freund. Geschenk wartet in der Tiefgarage auf dich.“
Oh man, was für Pappnasen. Den musste er gleich mal auskundschaften. Und er wollte sich das Fitnesscenter und das Schwimmbad ansehen. Emma hatte ihm gestern eine tolle Neuigkeit erzählt, dieses Haus war gar nicht von ihr. Ein internationales Büro mit Sitz in Taiwan hatte den Zuschlag bekommen, aber sie hatten sich stark an Emmas Entwurf aus ihrer Master Arbeit orientiert. Er grübelte über die Bedeutung nach. Zumindest war das hier ein richtiger Bunker, Die Fensterscheiben waren irrsinnig dick, von den Wänden und Decken ganz zu schweigen. Und das Sicherheitssystem war erstklassig, wahrscheinlich das Beste der Welt. Da hatten bestimmt Lara oder Mulan ihre Finger im Spiel gehabt, er würde Hal bei Gelegenheit mal fragen.
   Er speicherte sich Yusufs Daten schnell ein und ging dann mit seinem Rucksack unterm Arm los. Ansehen, nicht trainieren oder schwimmen. Im Fahrstuhl drückte er auf Untergeschoss und sie schossen nach unten. Er landete in einem großen Lichthof. Anscheinend war der Boden um den Springbrunnen aus Glas. Unter dem Brunnen war ein hoher breiter Zylinder aus Beton mit einer eingelassenen Wartungstür. Hier war auch viel Licht und Grün und es gab Gelegenheiten zum Sitzen.
Schilder führten ihn zu den Kellern, zur Tiefgarage und zum Schwimmbad und zum Studio. Er ging erstmal zum Schwimmbad. Er drückte die schwere Tür auf und erstarrte. Er stand in einem breiten Gang mit einem riesigen Aquarium mit einer Korallenriff Landschaft. Er trat näher heran und beobachte einen sichtbar gelangweilten Hai der durch das Becken schwamm, zusammen mit einer Myriade anderer farbenfroher Fische. Zu seiner linken war eine hohe Glaswand und er sah hindurch.
Liz, ein paar Bahnen? Kleines Schwimmbad? Was zum Henker ist für dich denn bitte klein?
Er starrte auf eine riesige unterirdische Halle, deren Decke rund 15 Meter hoch sein musste. Er sah sechs 50 Meter Bahnen, Einen großen Freizeit-Bereich mit Kletterburgen, Wasserbahnen und Rutschen. Whirlpools und eine Entspannungsoase. Nicht zu vergessen eine Lounge mit Bar und Imbiss. Ein richtiges großes Schwimmbad – unter der Stadt. Durch große Oberlichter in der Decke fiel helles Tageslicht. Einfach nur wow. Es war um die Uhrzeit sogar schon einiges los. Schwimmer zogen ihre Bahnen, Kinder plantschten und Jugendliche gaben sich Wasserschlachten.
Er las die große Informationstafel neben dem Eingang. Oho, das Bad war rund um die Uhr geöffnet und die Eintrittspreise waren gar nicht mal so teuer und für Hausbewohner kostenlos, inklusive Benutzung der Snackbar. Das klang doch ausgezeichnet.
   Er ging wieder raus durch die elektronische Tür und in die andere Richtung zum Studio. Hier war es ähnlich, wieder ein breiter Gang mit Fenster und wieder ein Terrarium, diesmal mit Kriechtieren und anderem Viehzeug. Er betrachtete den Waran, der schlapp auf einem Ast pennte, gut so, würde ich an deiner Stelle auch machen. Schmerzlich dachte an seine große Terrorechse (wie Liz ihn nannte) Kasimir, den er auf seiner Ranch zurücklassen musste.  Was das Vieh wohl trieb?
Egal, er sah durch die Scheibe und staunte nicht schlecht. Wieder so eine Riesenhalle. Ein mehrstöckiges offenes Studio mit unzähligen Geräten. Dazu verschiedene Parcours auf der freien Fläche und eingerahmt von einer hohen Kletterwand. Es gab auch hier eine Theke oder Bar, wo man sich Shakes holen konnte. Es war einiges los. Er beobachtete einen Freeclimber an der hohen Mauer und dachte an Yusuf. Auch hier gab es große Oberlichter.
   Das Studio war auch ganztäglich geöffnet. Na dann könnte er hier jeden Tag vor dem Frühstück zum Trainieren herkommen. Er würde seinen Rhythmus etwas umstellen und sich von 4:30 auf 6:00 gewöhnen, dann würde er einerseits Liz mehr sehen und könnte andererseits jeden Tag bei dem tollen Café von vorhin frühstücken. Er wusste jetzt schon, dass seine Faulheit siegen würde und er ins Café zum Essen ging anstatt sich selbst etwas zu machen, aber dafür war das Buffet auch einfach so verdammt lecker gewesen.
   Er riss sich los und ging in die Garage. Die ging über mehrere Etagen. Überall nur schwere Geländewagen und Supercars, so viel zu grünem Viertel und so. Bei „3-VII“ blieb er irritiert stehen. Drei Stellplätze … was war denn das für ein Exzess? Reichte ein teurer Wagen nicht?
Jedenfalls erblickte er sofort den schweren Land Rover Defender 110 der Edition 2040 in Olivgrün. Mit Seilwinde und schwerem Dachträger und allem. Grinsend stieg er ein und startete den volltönenden Motor, es war voll aufgetankt worden. Er tippte die Adresse vom BIT ins Navi ein und navigierte zum Ausgang wo das schwere massive Rolltor zur Seite glitt und er die erstaunlich flache Ausfahrt nach oben fuhr. Der Defender zog gut an, bei seinem alten hatte er immer gefürchtet die Kiste würde an „Herzversagen“ verrecken, mit diesem schwachen Diesel der kombiniert 15 Liter oder sowas gezogen hatte. Er dachte grinsend an Yusufs Schlepper, der zog bestimmt mehr Diesel als ein uralter Leopard 2 Kampfpanzer.
   Er fädelte sich in den dünnen Verkehr zum BIT ein. In einem Bruchteil der Zeit im Vergleich mit der Fahrt gestern war er da, über die Freisprechanlage hatte er Yusuf kontaktiert, der auf ihn am Eingang warten würde. Kaz suchte sich einen freien Stellplatz auf dem Besucherparkplatz und stieg aus dem Wagen. Er sah sich um. Erstaunt bemerkte er einen gar nicht so kleinen S-Bahnhof in unmittelbarer Nähe, und er sah das Schild für die U-Bahn „Campus BIT“. Dann war Berlin Solomon also auch auf diese Weise an das Verkehrsnetz angebunden, das machte definitiv Sinn. Er schritt auf den Bunkerartigen Haupteingang zu und meldete sich am Empfang.
Auf der anderen Seite begrüßte ihn Yusuf mit einem kräftigen Handschlag. Der Araber sah etwas zurechtgestutzter aus, mit einem jetzt gepflegten Bart und kürzeren Haaren. Er bemerkte seinen Blick.
„Hygiene Vorschriften und Uni Regelungen.“ sagte er trocken „Mensch wie geht’s dir? Was hast du gestern noch gemacht?“
„Ich hab mir mit meiner Tochter noch in Ruhe das BIT angesehen und wir haben beschlossen, dass sie hier zur Schule gehen soll. Morgen startet der Evaluierungskurs. Und die Kinder meiner Geschwister werden auch hier herkommen. Sie wurden der Schule verwiesen, nach der Geschichte mit diesem Arschloch Adrian Drosser vor zwei Wochen.“
„Oh man, davon hab ich vage was mitbekommen. Mensch cool, ich bin morgen für diesen Kurs eingeteilt worden. Dann kann ich mir die Kids gleich mal genauer ansehen. Ich bin echt gespannt was deine kleine so drauf hat.“
„Sie ist topfit, hoch diszipliniert und sehr ehrgeizig. Ich könnte mir vorstellen, dass sie den Parcour Kurs besuchen möchte. Aber sie ist sehr schüchtern.“
Yusuf lachte gackernd.
„Komm mit man, ich muss dir die schlafende Schönheit vorstellen.“
Und er schoss davon und Kaz hatte ein bisschen Mühe ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Der Campus war riesig und dicht mit hohen modernen Gebäuden und einigen Wolkenkratzern bebaut.
Er folgte Yusuf zu einem großen Platz wo die schrottige Zugmaschine etwas Abseits stand. Ein dickes Stromkabel führte zur Zugmaschine. Seine Aufmerksamkeit erregte eine Trapezförmige Stangenkonstruktion die hoch über der Zugmaschine in die Höhe ragte und mit einem dunklen Textil bespannt war. Clever, ein Sonnenschirm in groß. Das Tuch hing im Zentrum durch und dort war ein Schlauch befestigt. Coole Sache, so fing Yusuf sein eigenes Wasser. Er nahm an, dass der Araber einen Wasserfilter hatte. Um die Kiste waren große Teppiche ausgerollt und auf einem stand ein Klapptisch samt Stuhl und auf dem Buch lag ein zerflederter Roman, Band drei der Geister Quadrologie, Kaz schmunzelte. Gegen einen der Reifen war ein klappriges Fahrrad gelehnt. Ohne Licht und mit anscheinend nur mit Rücktrittbremse.
„Nur zu, tritt ein. Ich hab ein bisschen aufgeräumt.“
Kaz stieg durch die niedrige Tür ins Innere und hier konnte er gut stehen. Auf der rechten Seite war das Klo, durch eine klapprige Schiebetür verschlossen. Links ging es in einen Wohncontainer.
rechte Hand ein altes Stoffsofa und darüber war eine Hängematte angebracht. Eine kleine Kochnische mit einem Gaskocher und einem improvisierten Spülbecken. Ein kleiner Klapptisch. In der Erker-Nische mit den quadratischen Fenstern stand ein bequem aussehender Bürostuhl, dick mit Kissen und einer groben Wolldecke bedeckt, neben einer nackten Glühbirne, die von der Decke hing. Rechts daneben sah er eine kompakte Dusche, die durch einen alten Vorhang vom Rest abgetrennt war. Und links war ein Regal, mit ein paar Büchern und Kleidungsstücken und Nahrungsmitteln. Alles war total improvisiert und war eher zweckmäßig, aber es wirkte wohnlich und richtig gehend gemütlich. Die Wände waren wild mit Postern und Stickern beklebt. Der Araber war mit seinem Truck schon wirklich überall.
   Yusuf bedeutete ihn nach ob auf das Dach zu klettern. Wow das war toll. Hier hatte Der Araber auf der einen Seite ein kleines Planschbecken aufgebaut und auf der anderen Seite war ein flacher Tisch, mit dampfender Teekanne, Teegläsern und eine Schale mit arabischen Süßigkeiten. Dazu Sitzkissen. Dahinter war ein Liegestuhl aufgebaut.
   Yusuf bedeutete ihm sich zu setzen und er folgte der Bitte. Yusuf setzte sich gegenüber und goss ihnen Tee ein.
„Das ist weißer Tee aus China. Ich hab ihn auf meinen Reisen mitgebracht. Und bedien dich nur bei den Süßigkeiten, ich hab sie bei einem Araber in Berlin Solomon gefunden und sie sind ganz frisch.“
Kaz bedankte sich und nahm sich ein paar Stücke Baklava. Es war schön süß mit viel Honig und richtig lecker, er liebte Baklava und es war gut zu wissen, dass es hier einen Laden für sowas gab. Der Tee war auch ganz ausgezeichnet.
„Hast du dich schon eingelebt?“
Fragte er den Araber. Yusuf zuckte mit den Schultern.
„Ich vermisse ein bisschen die Berge, aber hier gibt es eine Menge Möglichkeiten zum Klettern und für Parcour. Aber alles hier ist so riesig. Es wird Wochen dauern, bis ich mich auf dem Campus und in der Stadt zurechtgefunden habe. Dennoch denke ich, dass ich mich hieran gewöhnen kann. Und die Bezahlung ist aller erste Sahne. Und ich hab schon ein paar Süße Mädels gesehen“
Bei der letzten Bemerkung grinste er breit. Sie aßen Süßigkeiten und tranken in Ruhe Tee und sie erzählten sich gegenseitig von ihrem Leben.
   Yusufs Eltern und sein großer Bruder wurden von ISIS Kämpfern im mittleren Osten getötet als er neun war, von dem an hatte er sich selbst durchgeschlagen, wobei ihn seine unnatürliche Akrobatik und Schnelligkeit mehr als einmal den Hals gerettet hatten. Über die Jahre hatte er sich durch verschiedene Jobs etwas dazu verdient und schließlich so viel für einen Führerschein. Den Truck hatte er in Afghanistan gefunden und sich sofort darin verliebt. Und er wollte lieber gar nicht erst wissen welche absurden Geldmengen für Sprit er schon verbraten hatte. Er hatte so ziemlich jeden Berg in Europa, Asien und Afrika bestiegen. Nur in die USA ließ man ihn mit seinem Truck nicht.
Kaz hörte aufmerksam zu und erzählte ein bisschen von sich.
   Er war der älteste Sohn eines sehr erfolgreichen Architekten mit seiner japanischen Frau. Seine Schullaufbahn war sehr unterdurchschnittlich gewesen und er hatte zwei Ehrenrunden gedreht bevor er mit 20 sein Abitur hatte. Dann hatte er fünf Jahre lang Informatik an der TU Berlin studiert. Bei einem Sportunfall hatte er sich die Schulter stark verletzt und wurde in Potsdam von einer jungen Physiotherapeutin behandelt, mit der er sich schnell anfreundete – Liz. Sie half ihm und ihm Gegenzug half er ihr in einer schweren Krise ein paar Jahre später. Sie wurde schnell seine beste Freundin. Er erzählte von seinem scheiß Job als Programmierer, seine Ausbildung zum Koch und von dem Riesenkrach mit seinen Eltern. Von den USA, von seiner Ranch in Texas und von Kasimir. Und von Amber, seiner Tochter.
„Mensch, da hast du ja ein aufregendes Leben hinter sich.“ Yusuf zwinkerte.
„Ach halb so wild, ich glaube deins klingt spannender.“
Beide lachten laut auf und Yusuf schenkte Tee nach. Sie saßen beide eine Weile dort.
„Entschuldigen sie bitte?“
Kaz und Yusuf sahen auf die Fläche vor dem Truck. Dort stand Indira von gestern.
„Hätten sie beide einen Moment Zeit? Der Leiter des Instituts würde sie gerne ins Observatorium einladen.“
Sie sahen sich an und nickten dann. Yusuf sprang einfach und rollte sich ab während Kaz außen an den Gerüsten herunterkletterte. Die junge Inderin, die hier bestimmt Studentin oder eine wissenschaftliche Assistentin war, verbeugte sich dankbar vor ihnen und führte sie über den Campus zum größten Gebäude, das riesig hoch in die Höhe ragte und das an der Spitze eine große verglaste Pyramide besaß.
   Kaz sah sich staunend um. Das sah von Innen aus, wie die Lobby eines super edlen Hotels. Indira stieg mit ihnen in den Aufzug und der zischte in Affenzahn nach oben. Kam es ihm nur so vor, oder war der hier noch schneller als der in Liz Haus? Was war denn bitte das Observatorium und warum wollte der Leiter der Uni ihn sehen, er war doch nur ein Niemand.
   Der Fahrstuhl hielt an und sie stiegen aus. Hier oben war ja ein Restaurant samt Cafe! Er sah sich neugierig um. Indira führte sie zu einem Tisch für vier Personen etwa abseits. Dort stand ein hochgewachsener Araber mit graumeliertem Haar und kurzem Bart und einer randlosen Brille auf der Nase, er trug einen weißen Anzug mit einer unpassend bunten Krawatte. Neben ihn stand ein alter Mann mit einem Schlohweißen Haarschopf und ebenfalls langem weißen Bart in einem Safrangelben Gewand. Er sah aus wie die arabische Version von Gandalf aus dem Herrn der Ringe und Kaz schmunzelte bei dem Gedanken. Die beiden Männer verbeugten sich, als sie Kaz und Yusuf sahen. Der mit der Brille war etwa Ende fünfzig und Kaz schätzte den anderen auf über achtzig, dafür war der Blick des Alten messerscharf.
„Ich freue mich sehr, dass sie der Einladung gefolgt sind. Mein Name ist Adam und ich bin der Leiter des BIT und neben mir steht mein Vater Abubakr, er ist der Präsident des BIT. Bitte setzen sie sich doch oder wollen sie erst die Ausblick genießen?“
Kaz nickte nur und trat dann neugierig ans Fenster, beim Ausblick fiel ihm die Kinnlade herunter. Von hier oben sah man halb Berlin und auf der anderen Seite bestimmt halb Potsdam. Moment war da auf der anderen Seite nicht mal ein großer Wald gewesen? Er betrachtete das Tischchen mit einem Fernglas ein paar Meter von ihm entfernt. Adam nickte nur. Kaz nahm das Fernglas in die Hand, schraubte die Schutzklappen ab und sah nach draußen, die Verstärkung war echt gut, aber er brauchte ein bisschen sich zu orientieren.
   Von hier aus sah man ganz Berlin Solomon. Sie waren so weit oben, leider hatte er keinen Stadtplan. Er folgte den Gleisen vom S-Bahnhof Campus BIT zu einem riesigen Klotz aus Stahl, Glas und Beton der ja mal einfach spielend größer war als der Berliner Hauptbahnhof. Und so gnadenlos hässlich, dass nur sein Vater das verbrochen haben konnte. Interessiert beobachtete er etwa, was wie eine große Badewanne aus Beton und Glas aussah. Umso faszinierter beobachtete er den Landeanflug eines Lambda Belugas in die Badewanne. Dann war das also auch ein Flughafen. Kleinere Swordfish und Orcas landeten und starteten von ungleich kleineren Plattformen und ein ICE schoss die Schienen entlang. Also nicht so wie in Potsdam, wo nichts Größeres als ein Regio hielt. Sein Blick glitt nach links, wo eine Reihe von Stadien seine Aufmerksamkeit erforderte. Er sah Berlin so selten von Oben, von daher fehlte ihm der Vergleich, aber dieses Stadium da, das war doch bestimmt größer als das Olympiastadion oder irrte er sich. Dahinter erhob sich eine hohe Skyline an hässlichen Wolkenkratzer, die seinen Blick weiter nach Nordosten in Richtung Spandau verschleierte. Zumindest war hier überall viel Grün. Sein Blick wanderte nach rechts über den breiten Havelsee der von … Moment … mindestens drei Brücken überspannt war. Der Bahnhof, ähm … Flughafen war so enorm groß das er nur erahnen konnte was dahinter lag. Aber da zwei Brücken auf dem Gelände des BIT waren, auf das nicht jeder einfach so draufkam, musste wenigstens mehr als eine Brücke noch den See überspannen. Die rechte Seite Berlin Solomons war etwas flacher bebaut, wenn man einmal von dem pyramidenförmig umbauten Platz der Nationen absah. Er sah viel Grün, heißt viele Parks und viele normale Wohnhäuser, wenn auch nicht die kleinsten Wohnhäuser. Er fand es nett dass die Ufer der Havel zu einem langen schmalen Park ausgebaut waren. Wie viele Gärtner die Stadt wohl angestellt haben? Bestimmt hunderte. Und er wusste mit Sicherheit, dass dort hinter dem Platz der Nationen die Solomon Akademie war, wo noch mehr Idioten ausgebildet wurden um unästhetisch hässliche Architektur in die einst schöne Landschaft zu kacheln.
   Er hatte mehr als einmal daran gedacht seinen Namen zu ändern, sein Vater hatte ihn eh schon enterbt. Aber mit dem Namen seiner Familie wollte er eigentlich nichts mehr zu tun haben. Hätte er die Bücher doch damals nur unter einem Alias verkauft. Aber er Doofsack wollte es seinen Eltern eben doch zeigen, dass er kein Versager war.
   Er sah jetzt ganz nach links wo soweit er sich erinnern konnte immer nur ein Wald gewesen war.
Jetzt fiel ihm die Kinnlade herab. Eine riesige Stadt so schien es, mit mehreren großen Komplexen und einer immer höher werdenden Mitte die mit einem schwarzen Gebäudeturm bestimmt einen Kilometer in dir Höhe ragte. Horizon prangte in riesigen Buchstaben außen an der Fassade. Ein Güterbahnhof mit unzähligen Schienen, von denen voll beladene Güterzüge ein und Ausfuhren und ein verdammter Flughafen. Johnny hatte ihm davon ganz am Rande erzählt, aber doch nicht so. Dieses Monster war doch wohl größer als Tegel. Frachtbelugas wurden beladen und beladen. Und schwarze Superbelugas standen mit ihrer Geleitstaffel Huckepack auf dem Rücken etwas abseits.
Er sah gigantische Hallen sich bis zum Horizont erstrecken.
„Das dort drüben ist Horizon, die Industrieperle dieser Nation. Dort wird an bahnbrechenden neuen Entwicklungen geforscht. Viele unserer Studenten gehen nach dem Abschluss zu Horizon. Die Firma ihres Bruders ist übrigens auch ein großer Sponsor und Befürworter des BIT. Sie sehen den großen Horizon-Tower, das Medizinische Zentrum und die Fabriken. Sie müssen wissen, dass Horizon mittlerweile der größte Fertiger für Halbleiter Chips in Europa ist. Prism aus Frankreich und Spectre aus Russland lassen hier ihre Chips produzieren.“
Wow, da hatte sich sein Bruder ja ein richtiges Imperium aufgebaut. Er erschauderte bei dem Gedanken, dass Horizon überall auf der Welt Niederlassungen hatte. Die größten in Großbritannien, USA, Indien, China, Russland und Japan. Das war doch längst kein Milliardenkonzern mehr.
„Möchten sie sich jetzt setzen? Die Mittagskarte für heute sieht gut aus. Sie sind herzlich eingeladen.“
Kaz ging wieder zum Tisch zurück und setze sich. Sie saßen überkreuzt.
„Wie hab ich Ihnen die Ehre einer Einladung, ich bin ja eigentlich niemand.“
„Ach ich bitte sie, dass würde ich nicht sagen. Zum einen sind sie der Onkel dieser bezaubernden jungen Frau Akira, die ja wünscht hier zur Schule zu gehen und morgen den Einstiegskurs macht. Ich hatte die Ehre sie schon vor zwei Jahren kennenzulernen und wir haben mit ihr zusammen hier mehrmals gespeist. Damals hat meine Mutter noch gelebt, Allah sei mit ihr.
Jedenfalls hat mir Sahid und auch Akira sehr viel von Ihnen erzählt, es scheint mir, als würden sie so viele gute Dinge in den Gang treten. Die Firma ihres Bruders, die Werkstatt ihres besten Freundes, die Karriere ihrer besten Freundin und jetzt die Karriere ihrer Nichte.
Und wenn wir schon dabei sind: sie haben mit ihren Büchern eine ganze Generation Jugendlicher und junger Erwachsener geprägt. Nur die Fakten. Millionenfach verkaufte Bücher, in über 30 Sprachen übersetzt, Hörbücher in unzähligen Sprachen und man hört davon, dass man ihre Geschichte in ein Film- oder Serien-Epos umsetzen will. Sie haben Millionen von Menschen in eine faszinierende Welt entführt und spannende Geschichten erzählt. Viele unserer besten Schüler und Studenten sind Fans ihrer Werke und versuchen ihre Kreationen in der Realwelt zu erwecken. Mit Erfolg würde ich sagen, wenn man sich beispielsweise den Orca von Lambda ansieht. Sie sind keinesfalls unwichtig in der Geschichte ihrer Familie!“
Kaz war total geplättet. Er dachte immer, er würde Bücher so aus Spaß schreiben und die Auflagen wären immer so gering. Vielleicht sollte er mal ein Wörtchen mit seinem Verleger sprechen. Er hatte ihm zwar eingebläut, dass er keinen Quark hören wollte, aber Millionenauflagen waren vielleicht wichtig oder?
„Und sie Yusuf. Sie sind ein wahres Naturtalent des Kletterns und er Akrobatik. Sie klettern wie ein Gecko an den Steilwänden und ihre Parcour Künste sind einfach nur Weltklasse. Es ist uns allen eine große Ehre sie hier willkommen zu heißen. Unsere Schüler sind jetzt schon hellauf begeistert und werden sich scharenweise für ihre Kurse einschreiben.“
Yusuf wand sich etwas verlegen auf seinem Stuhl und nickte.
„Hier sind übrigens die Speisekarten für heute, es gibt dieses Mal traditionell deutsche Kost“
Kaz entschied sich für den Sauerbraten mit Klößen und Rotkohl.
Sie unterhielten sich den halben Nachmittag über alles Mögliche. Adam war zwar fast so alt wie Kaz Vater, aber sie verstanden sich ziemlich gut. Sahids Großvater Abubakr hingegen war sehr schweigsam und sagte kaum etwas und wenn er sprach war seine Stimme überraschend sanft.
Der Sauerbraten war einfach nur köstlich gewesen. Er dachte daran, dass er in letzter Zeit einfach so mit fantastischem Essen verwöhnt wurde. Es würden bestimmt auch wieder Zeiten geben wo er sich von Dosensuppen und MREs ernähren würde. Gegen sechs verabschiedeten sich Abubakr und Yusuf, aber Kaz und Adam blieben einfach sitzen. Es stellte sich heraus, dass sie ein großes Gemeinsames Gesprächsthema besaßen, Informatik und speziell KI. Dafür war Adam hier Professor an der Universität. Sie diskutierten und fachsimpelten über verschiedene Konzepte, Ideen und Entwicklungen bis kurz vor elf. Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Adam versprach ihm einmal den Campus mehr zu zeigen und besonders einige der interessantesten Abschlussprojekte seiner Schützlinge.
   Kaz fror richtig gehend als er in der Kälte der Nacht zu seinem Defender zurückging. Die Wachen um den Eingang nahm er nur unbewusst wahr. Das war ein interessanter Tag gewesen. Es dürfte bestimmt von Vorteil sein mit dem Chef des BIT befreundet zu sein. Interessanterweise wohnte der in einer großen Wohnung über dem Restaurant und Café und sein Vater bewohnte die gläserne Pyramide und besaß anscheinend eine große Sammlung historischer Fundstücke.
Und er war Astronom mit Leib und Seele, von dort hatte man bestimmt eine tolle Sicht auf die Sterne, trotz Lichtsmog.
   Kaz stieg in seinen Wagen, der immer schrecklich noch neu roch und düste nach Hause. Hoffentlich war Liz noch nicht im Bett, er war sehr gespannt darauf wie ihr Tag mit ihrem neuen Outfit so gelaufen war.
   In der Tiefgarage checkte er seine Nachrichten. Eine Mail war von seinem Bruder und er schmunzelte beim Text: „Fick dich großer Bruder, jetzt hast du mir schon wieder eine kreative Nachtschicht eingebrockt! Hier ein paar meiner Entwürfe.“
Oje, arme Helena. Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken, dass er Amber verpasst hatte. Heute Abend hatte man sie für das Training Morgen schon zum BIT ins Internat gebracht. Damn it!
Er checkte seinen Bankaccount. Moment Mal, das waren doch zwei Nullen zu viel? Oh Man, wann hatte er das letzte Mal so richtig seinen Bankaccount gecheckt? Vor zehn Jahren?
Er ging zum Fahrstuhl und schoss in den dritten Stock. Etwas müde öffnete er die Tür zu 3-VII.
„Oh hey Großer, komm erzähl von deinem Tag.“
Liz kam gerade nackt aus dem Bad mit einem feuchten Handtuch um die Schultern gelegt. Sie hatte sich von ihrem Makeup befreit, das durfte wohl eine gewisse Zeit gedauert haben.
„Nein erst du Lizzy. Du hast heute doch bestimmt die halbe Welt geschockt.“
„Ok, aber ich zieh mir kurz was an, kannst du mir derweil einen Gin Tonic machen, mit dem guten Elephant Gin?“
Er nickte und machte ihr grinsend ihren Lieblingsdrink. Mit Ingwer- und Apfelscheiben im Glas. Er schnappte sich aber wieder nur ‘ne Cola. Liz erwartete ihn schon in einem engen Top zu einer unpassend schlabbrigen Jogginghose. Er reichte den Cocktail und setzte sich neben sie. Sie nippt und schloss genießerisch die Augen. Sie zeigte auf die Cola Dose.
„Ich trink das Zeug ja nie, aber für dich hab ich eine Tonne gekauft, wörtlich. Da steht gefühlt ‘ne halbe Euro-Palette unten im Keller.“ Sie grinste breit und nahm dann noch einen Schluck.
„Köstlich. Was soll ich sagen, alle sind beinahe in Ohnmacht gefallen oder waren regelrecht in einer Schockstarre. Vielleicht hab ich zu dick aufgetragen, aber ich fand‘s total super. Mara hat‘s schwer erwischt, ich hab sie für morgen Helena für die Einkäufe zugeteilt und nehme einen Swordfish Escort zum Büro, für irgendwas habe ich Suzy schließlich angestellt.“
„Dann hast du keinen eigenen Helikopter?“ Grätschte Kaz dazwischen.
„Das ist richtig. Ich habe keinen Heli, aber sehr wohl einen Lambda Swordfish Escort und einen Orca Travel. Die brauche ich praktisch ständig und Autofahren ist oft unpraktisch. Egal ich war sehr ängstlich und Nervös als ich heute Morgen ins Büro bin. Aber ich hab ja früher Cosplay gemacht, da bin ich das mit dem Kostümen ja gewohnt und mit dem großen Rummel der damit einhergeht. Und ich hab noch ein paar rote Kontaktlinsen gefunden, die fand ich total super und haben zum Kostüm gepasst. Alle haben mich angestarrt als hätten sie einen Geist gesehen. Johnny hat nur gelacht, aber er fand es echt super und ich glaube er ist heute gar nicht richtig zum Arbeiten gekommen sondern hat nur rumgemalt. Er meinte vorhin, dass ich die fertigen Entwürfe morgen früh auf dem Schreibtisch habe und die, die mir gefallen gleich weiter in die Schneiderei gehen. Er findet es gut, vor allem weil es Horizon ein gewisses Neues gibt. Und mir sind die Nazi-Analogien der Presse sowas von scheißegal, das sind eben unsere Firmenfarben.  Ach ich freu mich schon. Vielleicht lasse ich mir noch so kleinere Augen tätowieren oder Reißzähne aus Metall machen, dann sehe ich aus wie die …“
„… Königin der Gesichtslosen, ich weiß, ich hab mir den Käse ausgedacht. Stell mal das Glas weg ich muss dich kurz knuddeln.“
Er schmiegte sich eng an sie und nahm sie in den Arm und drückte sie sehr fest, dann drückte er ihr einen Kuss auf die Wange.
„Ich hab gesehen, dass du Post bekommen hast. Was hast du denn mit Omega zu schaffen?“
„Erinnerst du dich noch an meinen total depressiven Kumpel Xen, der versucht hat sich das Leben zu nehmen?“
„Ja klar, aber erzähl du mir nicht, dass der Typ etwas mit Omega zu tun hat.“
Kaz grinste breit.
„Der Typ IST Omega. Er hat das erste Werk in Polen vor dreizehn Jahren gegründet und ist mit seiner Strategie sehr erfolgreich. Er hat sich ein kleines Imperium in Europa aufgebaut und ich hab ihm ne kleine Starthilfe gegegen.“
„Ach ich versteh schon, so wie die 20 Millionen für Horizon. Es ist so krass, dass es ohne dich einen der wahrscheinlich größten Konzerne der Welt nie gegeben hätte. Du bist ein echter Held. Aber du hast dir doch nicht ernsthaft einen Omega gekauft. Die Bitcoin-Millionen in allen Ehren, aber die sind doch einfach nur viel zu teuer für dich.“
„Doch hab ich und er wartet auf mich abholbereit in Xens Werkstatt in Ostpolen. Ich dachte ich fahr morgen hin und hol ihn ab. Amber ist ja sowieso im Internat und du kannst dir morgen einen schönen Abend machen.“
Liz nickte etwas unglücklich.
„Soll ich dir morgen früh beim Makeup helfen? Dann hast du nicht so viel Stress.“
„Das wäre lieb, ich stehe aber um vier auf.“
„Na dann ab ins Bett. Austrinken und Zähneputzen. Ich geh schon mal vor.“
Damit erhob er sich, trank die Cola aus und ging ins Bad.

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