Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 6

6. Liz – 4.W. März 2045 – Samstagabend

Amber sah sich neugierig im luxuriösen Innenraum des mächtigen Orca Travel um, Liz beobachtete sie dabei. Was ein wunderschönes Mädchen. Ihr wurde warm ums Herz. Sie saßen in der Lounge nebeneinander auf einer der bequemen Bänke. Dann warf das Mädchen ihr einen etwas ängstlichen Blick zu.
„Ist das echter Pelz?“ fragte sie.
„Ja, das ich echter weißer Hermelin. Möchtest du mal anfassen? Es ist ganz weich.“
Unsicher streckte Amber die Hand aus und strich bedächtig über den Ärmel des dicken Mantels.
„Ich habe noch ein paar Pelzmäntel zuhause, die kannst du ja vielleicht mal anprobieren. Die machen sich gut für eine stilbewusste junge Frau wie dir.“
Sie zwinkerte ihr zu. Amber sah sie mit großen Augen an und nickte unmerklich, dann starrte sie aus dem Fenster auf das nächtliche Berlin.
   Liz freute sich schon sehr darauf, dieses junge Mädchen so richtig zu verwöhnen. In den letzten Tagen hatten sie und ihre Freundin Helena fleißig alle Vorbereitungen getroffen und tonnenweise Kekse und Plätzchen gebacken. Nicht zu vergessen die wirklich größte Neuerung, ein eigenes Zimmer für Amber in ihrer Wohnung. Das war bei einer Wohnung dieser Größe kein Problem gewesen und eine von Emmas Innenarchitektinnen hatte sich eine tolle Lösung ausgedacht, die dann auch in Rekordzeit umgesetzt worden war. Sie war schon sehr gespannt auf Ambers Reaktion.
   Der Flug war recht kurz, obwohl ihr Haus am Platz der Nationen in Berlin Solomon auf der ganz anderen Seite von Berlin lag und sie über die halbe Stadt flogen. Amber döste in ihrem Sitz, wachte aber als die Turboprop Triebwerke für den Landeanflug in die Vertikale fuhren. Schläfrig sah sie sich um. Nate schulterte Ambers Rucksack und Liz übernahm den rollbaren schweren Schalenkoffer. Liz streckte Amber eine Hand hin und das Mädchen ergriff sie erst zögerlich und dann mit festem Griff. Die vier betraten den geräumigen Aufzug auf dem Flugdeck und fuhren in den dritten Stock und waren einen Moment später vor Liz Wohnungstür, die sie zügig aufschloss. Liz schaltete das Licht ein und Amber trat mit offenem Mund und riesigen Augen in ihre Wohnung. Nate stellte das Gepäck ab und er und Mara verließen die Wohnung wieder.
„Amber, das ist dein neues zuhause von jetzt an. Guck dir ruhig alles an und hab keine Angst auch die Schubladen aufzuziehen. Ich möchte einfach, dass du dich wohl fühlst. Möchtest du, dass ich dir eine Kleinigkeit zu Essen mache? Und wenn ja, hättest du lieber ein saftiges Sandwich oder ein paar köstliche Kekse.“
Das Mädchen dachte einen Moment nach.
„Das ist wirklich sehr nett, ich würde bitte gerne ein Sandwich haben und bitte mit Schinken. Und hast du vielleicht Saft, zum Beispiel Orangensaft?“
„Ich bin bestens auf dich eingestellt und habe ein paar Flaschen und Tüten mit Orangensaft. Ich habe einfach mal ein ganzes Sortiment gekauft, damit ich weiß, welcher dein Liebster Orangensaft ist.
Ok mache es dir gemütlich oder schaue dich um. Dein Sandwich wird sofort gemacht. Und wirklich, fühl dich wie zuhause. Das ist jetzt deins.“
Liz zwinkerte ihr zu und Amber sah sie einen Moment lang fragend an. Dann sah sie sich sehr interessiert in der Wohnung um und inspizierte jede Ecke. Lächelnd hängte Liz den Mantel an die Garderobe zu den anderen Pelzmänteln und suchte in der Küche Vorräte für ein Sandwich zusammen. Fluffiges Brot, selbstgemachte Mayonnaise, knackigen Salat, saftigen Schinken, saure Gürkchen und ein fabelhaftes Apfel-Zwiebel Chutney, das Helena gekocht hatte, mit Äpfeln und Zwiebeln aus dem Garten. Wenige Minuten später stellte sie ein Tablet mit dem fertigen Sandwich und einem großen Glas Orangensaft in den Speiseaufzug und verließ die Küche.
„Amber? Dein Sandwich ist fertig und erwartet dich oben.“ rief sie.
Liz durchquerte die Lounge und stieg die Treppe hoch. Amber war über Scarletts Terrarium gebeugt und musterte die große Tarantel misstrauisch. Als sie Liz bemerkte sah sie hoch.
„Das ist meine süße Tarantel Scarlett. Möchtest du sie mal streicheln?“
Amber schüttelte heftig den Kopf.
„Sorry, aber ich kann nicht behaupten dass ich Spinnen mögen würde.“
Verdammt so wie Kaz, dabei waren sie gar nicht wirklich verwandt.
„Das ist auch ok. Komm mit, dein Snack erwartet dich.“
Liz führte sie zum Essbereich und holte das Tablet aus dem Speiseaufzug, sie stellte Teller und Glas an der Stirnseite des Tisches ab und Amber setze sich. Zufrieden beobachtete Liz wie Amber sich mit sichtlichem Appetit über das Sandwich hermachte.
„Danke sehr, dass Sandwich war echt richtig lecker. Aber kann ich dich mal was fragen?“
„Sicher, was liegt dir auf dem Herzen?“
„Warum hast du so viele Perücken? Ich hab sie nicht gezählt aber, das müssen hunderte sein!“
„ich bin süchtig danach und probiere mich gerne aus. Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Aber sag es nicht deinem Vater, das möchte ich selbst machen wenn er hierher kommt.“
Amber nickte eifrig. Also zog sich Liz die Perücke vom Kopf und dem Mädchen fiel die Kinnlade herab.
„Ich hatte immer recht dünne Haare und konnte nicht so viele Frisuren ausprobieren, besonders kurze. Vor drei Jahren sind mir die Haare ausgefallen und ich hab sie mir abrasiert und seitdem nur noch Perücken getragen. Jeden Tag.“
„Das ist der Wahnsinn, aber ich glaube das steht dir. Soll ich es auch mal probieren?“
Liz lachte verlegen, Kaz würde ihr den Kopf abreißen wenn sie ja sagte.
„Vielleicht irgendwann mal, aber du kannst ja schrittweise kürzer gehen bis du die Länge findest, die dir am besten gefällt.“
Amber zuckte mit den Schultern.
„Weiß nicht. Ich hatte mein Leben lang lange Haare. Und jeder nennt mich Lara Croft. Das nervt mich und meine Haare nerven. Und meine Eltern sind tot und jedes Mal wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich wie meine tote Mutter mir die Haare flechtet und ich will, dass es aufhört. Ich würde gerne zu einem Stylist gehen und mir die Haare ganz kurz schneiden und vielleicht auch färben lassen. Aber ich bin auch total ängstlich, weil ich nicht weiß ob mich Papa dann noch mag.“
„Glaub mir, deinem Vater wird es lieben. Als dein Vater noch in Deutschland lebte und wir frisch befreundet waren, war er hin und weg als ich ihn mit kurzen Haaren überrascht habe.“
„Echt das wusste ich nicht. Toll.“
„Weißt du schon wie es aussehen soll?“
„Leider nicht. Ich hab ein bisschen recherchiert und mir ganze viele Guides und Bilder durchgesehen. Aber ich konnte mich noch nicht auf einen bestimmten Stil einigen. Ich möchte einfach anders aussehen, ich möchte ein neues Leben starten.“
„Wir könnten ein paar Kurzhaarperücken ausprobieren, ich hab so einige da. Dann können wir testen wie sowas bei dir aussieht. Und unten im Center gibt es einen erstklassigen gut bekannten Haarstylist. Da solltest hingehen. Die haben kurze Wartezeiten und ich bin mir sicher das Personal spricht Englisch. Warum nicht gleich Montag nach dem Frühstück, ich mache einen Termin für dich. Und ich zahl die Rechnung, also mach dir keine Sorgen darüber.“
„Wow, das wäre total großartig, danke sehr! Können wir die Perücken jetzt gleich probieren? Ich bin wirklich gespannt wie ich damit dann aussehen würde.“
„Sicher, lass uns gehen. Es wird bestimmt noch eine Weile dauern bis dein Vater hier ankommt. Aber vorher möchte ich dir noch etwas zeigen. Siehst du die Tür da neben dem Speiseaufzug? Geh mal durch.“
 Amber sah sie neugierig an. Liz setzte sich die Perücke wieder auf und erhob sich, Amber rutschte auf ihrem Stuhl zurück, stand auf und ging am Tisch vorbei auf die die Weiße Schiebetür zu. Liz folgte ihr mit ein bisschen Abstand und beobachtete neugierig wie Amber die Tür öffnete und den Raum dahinter betrat. Liz grinste breit als sie Ambers verzückten Aufschrei hörte und folgte dem Mädchen nach ein paar Minuten in den Raum. Als Amber sie bemerkte drehte sie sich zu ihr um und umarmte sie stürmisch.
„Oh mein Gott, das ist so großartig, das beste Geschenk dass ich jemals bekommen habe! Vielen vielen Dank! Können wir jetzt das mit den Perücken machen?“
Liz nickte lächelnd und Amber schoss an ihr vorbei aus dem Raum. Liz sah ihr nach, ihre Bewegungen waren geschmeidig wie die einer Katze. Liz folgte ihr, immer noch mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Unten im Schlafzimmer wartete Amber schon erwartungsvoll auf sie und saß auf dem Hocker vor dem Schminktisch.
„Ok Mädchen, ich mach dir jetzt einen Zopf, sodass ich deine Haare einfacher unter einem Haarnetz verwahren kann.“
Einige Minuten später waren Ambers Haare ganz unter einem enganliegenden Haarnetz verschwunden. Das Mädchen war schon sehr aufgeregt. Liz trat an das Perückenregal und ihr Blick flog über die unzähligen Schachteln. Dann zog sie ein paar Schachteln aus dem Regal und legte sie auf den Tisch. Amber beobachtete sie aufmerksam. Liz öffnete eine der Schachteln und setzte Amber die Perücke auf, rückte sie zurecht und kämmte sie kurz durch. Eine kurze blonde Bobfrisur. Amber betrachtete sich im Spiegel interessiert von allen Seiten.
„Was denkst du? Magst du es?“
„Schwer zu sagen. Ich meine ich hatte in meinem ganzen Leben nie kurze Haare. Er ist ein gewisser Schock mich so zu sehen. Aber ich denke ich mag es. Können wir bitte noch mehr probieren?“
Die Zeit verging wie im Fluge, während sie eine Perücke nach der anderen probierten. Amber war sehr neugierig und zu ihrer eigenen Überraschung experimentierfreudig.
Als Amber gerade eine pechschwarze Pagenkopf Perücke ausprobierte, öffnete sich die Wohnungstür und Kaz betrat sichtlich erschöpft die Wohnung. Er sah Amber mit der Perücke auf dem Kopf vor dem Schminktisch sitzen und warf ihr einen fragenden Blick zu.
„Amber, kann ich dich fragen was du da machst?“
„Liz und ich probieren ein paar verschiedene Frisuren aus. Können wir gleich Montag bitte zum Frisör? Bitte bitte Papa.“
„Wart mal, warum so schnell Mädchen?“
„Ich möchte einen frischen Start, weißt du? Nachdem was mit meinen Eltern passiert ist, scheinen sie mich zu verfolgen, wie Geister.“
„Ok kleine, aber jetzt geht es erstmal ins Bett, es ist schon spät.“
Liz nahm Amber die Perücke ab und befreite sie von dem Haarnetz.
„Und jetzt ab ins Bad zum Zähneputzen. Weißt du noch, wohin du deine Zahnbürste und deinen Pyjama eingepackt hast?“
Amber nickte und ging durch den Raum zu ihrem Rucksack, öffnete und durchstöberte ihn.
Kaz umarmte Liz fest und küsste sie auf die Wange.
„Ryan ist leider immer noch nicht bei Bewusstsein und in kritischen Zustand und seine Freundin Margarethe weicht keinen Millimeter von seiner Seite, das finde ich sehr bemerkenswert. Jedenfalls bin ich jetzt total geschafft. Ich glaube ich gehe auch mal Zähneputzen.“
Liz hielt ihn am Arm fest.
„Was denn?“ Er sah sie fragend an.
„Ich muss dir was zeigen, im Schlafzimmer.“
Sie führte ihn ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu.
„Und jetzt?“
Ohne eine Antwort zu geben zog sie sich die Perücke vom Kopf. Kaz Kinnlade kippte herab und seine Augen wurden riesig groß. Er trat zu ihr und fuhr ihr bedächtig über den völlig kahlen Schädel.
„Oh man, Was machst du denn für Sachen? Ich mag‘s kurz, aber ich hätte nie gedacht, dass du dir jemals den Kopf rasierst. hast du das nur wegen dem Brief gemacht? Ich meine das war eher so als Scherz gedacht, ich hätte nie gedacht, dass du das jemals durchziehen würdest. Es tut mir so leid. Aber es sieht echt gut aus. Ich mag es. Gerade mit deiner weißen Haut und den Augen. Das war zwar vorhin ein echter Schock, aber ich finde es gut.“
„Hast du Lust?“ fragte sie ihn?
„Das musst du mich nicht fragen, natürlich. Und sei um Himmels Willen leise. Amber muss ja nicht sofort mitbekommen wie nahe wir uns stehen. Und jetzt befreie ich dich mal aus diesem Kostüm.“
Kurz darauf räkelte sich Liz nackt auf dem weichen Pelz und Kaz der ebenfalls vollkommen nackt war kam zu ihr auf das Bett und baute sich über ihr auf. Er fuhr mit den Fingern die Konturen ihres Körpers entlang, küsste sie sanft überall und strich ihr über ihren kahlen Kopf. Nach einem kurzen Vorspiel drang er langsam in sie ein und sie wurde von einer Woge der Lust überflutet und gab sich ihr voll hin.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 5

5. Kaz – 4. W März 2045 – Samstag – Ankunft

Ein Jammer dass es draußen schon dunkel war, sonst hätte man sicher eine fantastische Sicht auf die Landschaft unter ihnen. Sie waren schon innerhalb des deutschen Luftraumes, also würde es nicht mehr lange dauern bis die mächtige A380 Maschine der Lufthansa zum Landeanflug ansetzen würde.
Er griff nach einer gekühlten Cola Dose aus dem Getränkefach und öffnete sie mit einem Zischen, dann lehnte er sich in die weichen Kissen zurück und sah aus dem Fenster. Er gähnte herzhaft und freute sich schon auf ein schönes warmes Bett, um genauer zu sein: Liz schön warmes Bett. Er freute sich so sehr sie endlich wieder in die Arme schließen zu können, auch wenn er sich wünschte der Anlass seines Besuchs wäre ein anderer. Mit seinem Video vor zwei Wochen hatte er zwar der Welt gezeigt was wirklich passiert war, aber er hatte sich damit auch selbst zur Zielscheibe gemacht. Und der Verschwörungskrempel war ihm so rausgerutscht. Er hatte dazu bitterböse Kommentare gelesen und das Video hatte einiges an Downvotes bekommen. Nach nur zwei Wochen hatte sein Video über neunzig Millionen Aufrufe und das von Akira hatte gute acht Millionen, aber ihr Chanel war auch viel kleiner als seiner. Er rechnete stark mit Reportern und Protestlern bei der Ankunft. Zum Glück war in den letzten Wochen in den USA nichts Dramatisches passiert. Im Gegenteil, er hatte riesig viel Zuspruch von allen Seiten erhalten und die Anzahl der negativen Kommentare hielt von der Tendenz sich in Grenzen. Ein paar Freunde hatten sich bereit erklärt auf die Ranch aufzupassen und Kasimir regelmäßig zu füttern. Wie er dieses knuddelige Vieh vermissen würde.
   Er dachte besorgt an seine Tochter, die in der Minikabine vor ihm untergebracht war. Was ihn nur geritten hatte erste Klasse zu buchen. Bei den Preisen für die Tickets war ihm glatt die Kinnlade runtergefallen aber bei einem so scheiß langem Flug war ihm seine Beinfreiheit durchaus wichtig. Und bei HRZN Air auf den Belugas war ihm die erste Klasse viel zu teuer. Außerdem flog man nicht alle Tage um die Welt und es war unklar, wann oder ob es wieder zurückgehen würde. Er nahm einen tiefen Schluck aus der Cola Dose und stellte sie ab. Dann erhob er sich und schob die Türen auf. Er war groß genug um über die Trennwände von Ambers Kabine herüber zu linsen. Seine Tochter trug einen blauen Hoodie und bequeme Jeans, saß zurückgelehnt auf dem Sessel und browste mit ihrem Laptop das Web, Kopfhörer im Ohr. Auf dem Tisch standen die Reste des Abendessens, die Teller blitzblank. Kein Wunder, die Mahlzeit war erstklassig gewesen und für seinen Geschmack leider von der Portion viel zu wenig, aber nicht jeder verschlang so viel wie er. Er runzelte die Stirn, warum sah sich Amber Bilder mit Frisuren an? Sie sah doch so toll aus mit ihren langen braunen Haaren, total wie Lara Croft aus dem Reboot von, er dachte nach, war das 2013 gewesen? Man, er wurde echt alt. Egal, es ging ihr gut und schien ihr an nichts zu fehlen. Er setzte sich wieder hin und blickte an die Decke.
   In zwei Monaten sollten in Deutschland einige große Internationale Truppenübungen stattfinden. Zu seiner größten Überraschung nahmen nicht nur die Armeeverbände der NATO Länder daran Teil sondern zum Beispiel auch Russland und China. Wohl ein Zeichen einer aufkeimenden Solidarität zwischen einstigen Feinden. Wohl eher nur Tarnung für eine verdeckte Geheimoperation um den Westen zu infiltrieren. Vielleicht könnte er bei den Übungen zusehen, immerhin hatte er durch seine Arbeit recht gute Kontakte zum Militär. Seit er klein war interessierte er sich für das Militär und für dessen Historie und natürlich auch für Waffen und Panzer. Alle waren überrascht gewesen, als er sich eben nicht mustern ließ und jetzt mit dreiundvierzig war er bestimmt schon viel zu alt um das noch nachzuholen. 
   Umso stolzer war er auf Jack und Ryan, die dem KSK beitreten wollten. Hoffentlich war Ryans Schussverletzung nicht das Aus für seinen großen Traum. Emma hatte ihm vor dem Abflug angerufen und berichtet, dass Ryan immer noch nicht aus seinem Koma erwacht war. Jack hingegen war am vergangenen Donnerstag aus der Klinik entlassen worden.
   Es war so eine Schande, dass alle Kinder seiner kleinen Geschwister aus der Schule geworfen wurden. Gerade in Akiras Fall war das echt eine Katastrophe weil sie in Kürze eigentlich ihre Abschlussprüfung machen würde. Emma und Helena hatten schon alles abtelefoniert, aber kein einziger Schulleiter in der Stadt wollte die Kinder in seiner Schule aufnehmen. Das war knallharte Schikane. Dazu wurden die Charité und die Häuser von Emma, Johnny und den Bluhms von der Presse regelrecht belagert. Und von Protestlern – dämliche Schafe. Seine Verwandten mussten mittlerweile schwer geschützt überall hin eskortiert werden. Die Medien logen, dass sich die Balken bogen, aber die Situation unter der Bevölkerung war durchaus erfreulich. Dank der Videos von ihm und Akira erhielten sie viel Zuspruch und Unterstützung. Video Blogger und kleine unabhängige Zeitungen und Radiosender verbreiteten die Wahrheit weltweit weiter, auch wenn sie selbst stark unter Druck gesetzt wurden. Dadurch, dass er praktisch den Startschuss gegeben hatte, drangen immer mehr Berichte ans Tageslicht, welche die brutalen Überfälle und Attentate durch die Clowns beleuchteten. In den meisten Fällen waren die Angehörigen von Soldaten Ziel der Opfer. Es war so krass, dass das jetzt schon seit so vielen Jahren passierte – in einigen Regionen wie den USA schon seit fast zwanzig Jahren. Er hatte davon gehört aber die Opferzahlen waren wahrlich gewaltig. Er hatte letzte Woche bei seinen Kontakten in der US Armee herumgefragt und mehr Horrorgeschichten zu den Clowns zu hören bekommen, als ihm lieb war. In Deutschland waren die Clowns auch schon seit rund zehn Jahren aktiv und in Berlin seit acht Jahren. Glücklicherweise hatten sie die Jungs nur mit den Juniors angelegt. Die richtigen Clowns waren diszipliniert, trainiert und verfügten über ein brachiales Arsenal. Er fürchtete, dass er durch das Video zur Zielscheibe wurde.
Äußerst unschön war, dass die Clowns seit Samstag verstärkt in der Hauptstadt aktiv waren und ihr Unwesen trieben und Sachschäden in Millionenhöhe anrichteten. Er hatte Berichte gelesen, nach denen sich Gruppen von Clowns Straßenschlachten mit anderen Banden lieferten. Und das die Polizei mit den Clowns angeblich unter einer Decke stecken sollte. Wieder nur die kleinen Clowns, von denen es natürlich mehr gab als von den großen. Zum Glück nicht andersrum.
   Das waren keine allzu rosigen Aussichten, aber er hatte nicht eine einzige Meldung aus dem Stadtviertel gehört wo Liz wohnte, was sehr beruhigend war. Berlin Solomon, er seufzte.
Ohnehin freute er sich schon ihre Wohnung wieder zu sehen, die er das letzte Mal vor gut zehn Jahren gesehen hatte, im Rohbau. Und nicht zu vergessen seine beste Freundin, die er vor sechs Jahren zuletzt getroffen hatte, als sie geschäftlich in den USA zu tun gehabt hatte und er sie für einen Abend und eine Nacht in ihrem Hotel besucht hatte.
   Er dachte an den Sex mit ihr. Sie war erfahrener und immer recht dominant, aber konnte auch sehr sanft und verspielt sein. Wann sie wohl das nächste Mal Gelegenheit dazu hatten. Er wollte es vermeiden, dass Amber es gleich am ersten Tag mitbekam, wie er mit Liz Sex hatte. Liz hatte die etwas lästige Angewohnheit beim Akt ungünstig laut zu stöhnen. Kaz schmunzelte bei dem Gedanken daran. 
   Plötzlich kam eine Kabinendurchsage, nach der sie in Kürze den Landeanflug beginnen würden.
Kaz fuhr den Sessel in eine aufrechte Position und schloss den Gurt. Draußen konnte man schon das Lichtermeer der Hauptstadt sehen. Eine große Vorfreude erfüllte ihn, aber es war auch bedrückend.
Vor zehn Jahren nach diesem verdammten Streit mit seinen Eltern hatte er sich entschlossen auszuwandern und seiner Heimat den Rücken zuzukehren. Und leider auch Liz, die er entsetzlich vermisste. Zwar schafften sie es alle paar Monate einen kleinen Videochat abzuhalten, bei dem sie natürlich immer toll aussah und zu seiner Irritation immer eine andere Perücke aufhatte, aber das war nicht dasselbe wie ein richtiges Treffen. Sie sah toll mit ihren feinen kurzen Haaren, sie hatte für sowas genau die richtige Gesichtsform. Er wusste, dass sie ihn liebte, hatte aber keinen Versuch gewagt, mehr daraus zu machen. Da gab es nämlich ein Geheimnis und er fürchtete sehr um ihre Reaktion.
   Mit einem mulmigen Gefühl dachte daran, dass er auch seine Eltern wiedersehen würde. Die waren letzten Dienstag aus Japan angereist. Er hatte seit einem Jahrzehnt kein einziges Wort mit ihnen gesprochen und er hatte etwas Angst davor sie wieder zu treffen, sein Verhältnis mit ihnen war immer schon absolut beschissen gewesen. Wie sie es wohl aufgenommen hatten, dass ihr ältester Sohn und Familientrottel ein Mädchen adoptiert hatte?
   Das Flugzeug neigte sich merklich und setzte zur Landung an. Vom Fenster sah man aus der Ferne schon die Lichter eines der größten Flughäfen der Welt, der auch ein riesiges Frachtterminal besaß. Dazu noch einen abgesperrten Bereich und einige Flugbahnen, die der deutschen Luftwaffe gehörten. Interessiert kniff er die Augen zusammen und hielt nach einigen coolen Flugzeugen Ausschau. Wenn er das aus der großen Entfernung richtig sah, standen neben einer Reihe von Eurofightern und Super Hornets auch ein Paar russische und amerikanische Kampfhubschrauber. Wahrscheinlich für die groß angelehnte Militärübung in ein paar Wochen zwischengeparkt. Zudem beobachtete er den Landeanflug eines großen Lambda Bullsharks in Tarnlackierung.
Die Landung ging zügig vonstatten und beinahe sanft schaukelte der riesige Flieger, als die Räder Kontakt mit der Landebahn machten. Wenige Minuten später waren sie am richtigen Terminal angekommen und die Maschine stoppte. Die Anschnallen-Warnlampe erlosch und Kaz öffnete den Gurt, dann stand er auf und sammelte sein weniges Handgepäck ein. Im Gang klopfte er an Ambers Tür und schob sie auf. Seine Tochter schob gerade ihren Laptop in eine Umhängetasche und sah ihn aufmerksam an.
„Geht’s dir gut kleine? Wie fühlst du dich?“
„Alles in Ordnung, ich bin nur so verdammt müde.“
„Keine Sorge, Ich habe gehört, dass meine Freundin Liz ein super bequemes Bett in ihrer Wohnung für dich vorbereitet hat. Wir werden fürs erste bei ihr bleiben.“
Amber nickte und griff dann schnell zu einem halb leeren Glas mit Orangensaft auf dem Tisch und trank es schnell aus.
„Ich weiß dass du kein kleines Mädchen mehr bist, aber ich würde mich sehr viel sicherer fühlen, wenn du meine Hand nimmst. Das ist einer der größten Flughäfen der Welt und ich will dich in den Menschenmaßen nicht verlieren.“
„Nein ist schon ok, Papa. Ich weiß nicht was ich machen würde, wenn ich dich plötzlich nicht mehr sehe. Ich mag Menschenmassen nicht.“
„Tja, das ist leider nicht Montana. Das ist Deutschland, wir haben mittlerweile über hundert Millionen Einwohner und fast acht davon in Berlin“
Sie ergriff seine Hand und er führte sie durch die Abteile bis zur Kabinentür in der Außenhülle des Fliegers und dann durch den Tunnel in Richtung Flughafen. Ihr Flieger war komplett ausgebucht gewesen und hunderte von Menschen strömten mit ihnen aus der Maschine. Nach einer Weile blieb Kaz stehen und studierte die Schilder und Aushängetafeln. Das war das erste Mal, dass er hier war. Als er in die USA ausgewandert war, war dieser Flughafen noch im Bau gewesen. Amber stand unruhig neben ihm und sah sich ängstlich um. Kaz bezweifelte dass sie in ihrem ganzen Leben jemals so viele Menschen auf einem Haufen gesehen hatte. Nach einer kurzen Weile hatte er den Weg zu der Gepäckausgabe für ihren Flieger gefunden und steuerte diesen mit Amber im Schlepptau an. Viel hatten sie nicht dabei. Nicht zu vergessen der kurze Zwischenstopp bei der Passkontrolle, wo ihn der Beamte misstrauisch beäugte während Kaz ihn breit angegrinste.
Am Rollband warteten sie geduldig auf ihr Gepäck. Nach einer Weile kam Ambers großer grüner Wanderrucksack in Sicht und kurze Zeit darauf ein mächtiger Schalenkoffer, auf den Kaz das Logo seines Youtube Chanels geklebt hatte. Amber schulterte den großen Rucksack und ächzte ein bisschen unter dem Gewicht. Sie lehnte seinen Vorschlag trotzig ab, ihr die Last abzunehmen. Zusammen mit ihrem Gepäck ergriff Amber wieder seine Hand und drückte sie fest. Kaz folgte der Ausschilderung zum dem Ausgang wo sie empfangen werden sollte. Er bemerkte auf dem Weg in die Halle unzählige Menschen, allein oder in Gruppen, die ihn unverhohlen anstarrten oder mit dem Finger auf ihn deuteten. Was bitte war hier denn los. Er blieb stehen, als ihn eine Gruppe Teenager in Akiras Alter belagerte. Seine Unruhe stieg. Das könnten alles Clowns sein.
„Wow, sind sie wirklich Sebastian Solomon, der Autor und Youtuber?“ Fragte ihn ein rotgelocktes Mädchen auf Deutsch. Kaz nickte etwas grimmig.
„Oh man, wir sind riesige Fans von ihnen. Könnten sie uns ein Autogramm geben? Bitte bitte bitte.“
Die Stimme hatte etwas Flehendes. Kaz seufzte etwas resigniert aus und kramte einen Filzer aus seinen Taschen während ihn Amber irritiert anguckte. Hoffentlich dauerte das nicht zulange, aber seine Hoffnung schwand bereits, als er sah, dass die Menschengruppe um ihn herum immer größer wurde. Verdammter Mist, so hatte er sich die Ankunft aber nicht vorgestellt. Wenigstens waren das kleine Clowns.
   Gefühlt Stunden und etliche Autogramme auf T-Shirts, Postkarten, Bücher und so weiter später gelang es Kaz der Menge von Fans zu entkommen. Amber neben ihm starrte ihn mit einer Mischung aus Unglauben und säuerlichem Ärger an. Tja Mädchen, du wirst dich hoffentlich noch daran gewöhnen, dass dein Vater eine gewisse Berühmtheit in gewissen Kreisen war. Hoffentlich warteten die anderen noch auf ihn. Nachdem er jetzt zehn Jahre nicht mehr in Berlin war, würde er den Weg zu Liz nach Hause bestimmt nicht so ohne weiteres finden, allein weil Berlin Solomon, damals noch gar nicht richtig gegeben hatte, als er fort gegangen war.
   In einer riesigen Halle mit einer gigantisch hohen verglasten Decke blieb er abrupt stehen.
In der Mitte stand eine kleine Gruppe. Verdammt Johnny Bruderherz ich weiß dass du Warhammer 40k und Games liebst, aber du übertreibst. Davon hatte er gehört. Megakonzerne stellten Armeen unter dem Decknamen der Sicherheit auf. Wie in einem Cyberpunk Roman.
   Vier Ritter der Bruderschaft in pechschwarzen schweren gepanzerten Exosuits mit gewaltigen futuristischen Gewehren locker vor der Brust. Die sahen durch und durch furchteinflößend aus und waren locker über zwei Meter groß. Daneben zwei Kampfschwestern der Schwesternschaft in schneeweißen Kampfanzügen mit helmartigen Bobfrisuren in Weiß. In der Mitte war ein Trio.
zwei augmentierte Frauen mit weißer Haut und roten Augen und pechschwarzen Haaren. Die eine trug ein sehr elegantes Kostüm in den Konzernfarben und die andere eine schwarze Uniform und trug einen weißen Mantel über dem Arm. Der Mann von Bluhm Security wirkte hilflos zwischen all den Monstern. Die Frau mit dem schwarzen Bob winkte ihnen zu.
   Etwas zögerlich näherte sich Kaz der Gruppe, war die Frau in dem Kostüm wirklich Liz? Sie war es, auch wenn sie nicht wirklich wieder wiederzuerkennen war. Sie wirkte wie ein Alien. Sie sah so anders aus, das war das erste Mal in über vier Jahren, dass er sie richtig sah.
   Doch dann auf die letzten paar Meter ließ er Ambers Hand los und ging schnellen Schrittes auf seine beste Freundin zu. Er umarmte sie fest und wollte sie eigentlich gar nicht mehr loslassen. Ihr Parfum roch gut und in ihm wogten Erinnerungen an früher wieder hoch.
   Etwas widerwillig löste er sich aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück. Der Mann von Bluhm Security grinste ihn breit an und hob die Hand, Kaz schlug ein und drückte den Mann kurz. Er kannte Nate ganz gut, auch wenn er ihn nun auch schon seit geraumer Zeit nichtmehr gesehen hatte. Nates kleiner Bruder Simon war noch aktiv bei den SEALs und den kannte Kaz ganz gut.
„Das ist übrigens meine Tochter Amber. Amber das ist Liz über die ich dir so viel erzähl habe.“
Amber versteckte sich ängstlich halb hinter seinem Rücken. Er trat einen Schritt zur Seite und schob sie sanft nach vorne in Richtung Liz. Diese umarmte das Mädchen fest.
„Wie ist jetzt der Plan? Kann ich Ryan schnell im Krankenhaus besuchen bevor wir zu dir fahren?“
„Wie wäre es denn, wenn ich mit Amber und eurem Gepäck schon mal zu mir nach Hause düse und du besuchst Ryan erstmal alleine? Und vor allem wo wart ihr so lange?“
„Ok, das klingt nach einer besseren Idee. Ähm, ein kleines Fan-Problem. Geht voran, wir folgen euch.“
Liz nickte und die Frau neben ihr reichte ihr den Mantel. Weißer Hermelin wie Kaz feststellte, er hob anerkennend eine Braue, der Mantel musste ein Vermögen gekostet haben. Liz schlüpfte in den Mantel und die Gruppe setzte sich in Bewegung, zwei Ritter voraus, dann Liz und ihre Begleiterin flankiert von den Kampfschwestern, dann Kaz und Amber und dann die restlichen beiden Ritter als Nachhut. Sie durchquerten die große Halle und traten durch den Eingang ins Freie. Kaz war regelrecht verwundert über die vollständige Abwesenheit von Reportern oder Protestlern … und Clowns. Kalte frische Luft umfing sie. Es war Mitte März und der Winter war nun endgültig vorbei, aber die Temperaturen waren gerade um die Uhrzeit noch recht eisig. Sie gingen an den Taxiständen vorbei und zum riesigen Parkplatz. Moment mal, der war ja komplett leer!
   Ritter und Gardisten vor Horizon standen in Gruppen zusammen und bewachten die Ecken und die Einfahrten. Auf der Straße standen mehrere Streifenwagen der Polizei und ein Transporter des SEK, Spannung lag in der Luft und man konnte es knistern hören.
„Autos sind mir in dieser Lage zu unisicher und Die Regierung hat Druck gemacht und dem Flughafen verboten uns eine Landegenehmigung für heute Abend auszustellen, also mussten wir improvisieren, dein Flieger kommt zuerst. Wir gehen keinerlei Risiko ein und schicken dir ein Gunship.“
Erstaunt starrte er Liz an, knallhart. Jetzt hörte er auch ein schweres Flappen und ein VTOL näherte sich ihnen im Landemodus. Es sah aus wie eine Kreuzung aus seinen beiden Lieblingsfliegern, der Mil Mi-24 Hind und der Bell-Boing V-22 Osprey. Komplett in Schwarz. Größer, bulliger und bösartiger. Der Flieger landete und hinter dem Cockpit wurde eine schwere Tür geöffnet.
„Da steht dein Flieger zu Charité, den schießt so leicht keiner ab. Viel Spaß.“
Er drückte Amber und stieg dann in den überraschend geräumigen Innenraum. Er setzte sich auf einen bequemen Sessel, nachdem er die acht Gardisten in Kampfanzügen begrüßt hatte. Er wusste nicht ob es ihm Gefallen sollte, dass Konzerne so schwere Security hochfuhren. Aber solange sie den Clowns auf die Nase hauten sollte es ihm recht sein. Eine Stewardess in einem schwarzen Kleid servierte ihm eine lecker riechendes Sandwich und eine gekühlte Cola, na an sowas könnte er sich gewöhnen. Die Triebwerke heulten auf und sie hoben ab und flogen durch den schwarzen Nachthimmel. Er mampfte zufrieden und sah aus dem Fenster nach draußen auf Berlin bei Nacht.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 4

4. Jack – 2.W.März 2045 – Sonntag – Earl

Der Besuch war schon gegangen und auch Yolanda und Margarethe waren wieder zurück zuhause.
Jetzt war er ganz allein. Johnny hatte ihm ein Tablet und Kopfhörer zugesteckt. Natürlich nicht persönlich sondern durch einen grimmigen Ritter, der ihn relativ deutlich ignoriert hatte und im nur das Päckchen auf den Nachttisch gelegt. Ein Spectre Feather, das neuste Modell. Typisch Johnny, Geld spielt keine Rolle. Wie es wohl war den als Vater zu haben? Einer der reichsten Männer der Welt. Er hatte zu seinem Leidwesen recht viel Kontakt mit Akira, weil sie ihm selben Haus wohnten und Emma und Johnny selten da waren. Helena lud ihn … nein verdammt sie … fuck Ryan, warum hast du dir die Kugel gefangen? Bitte geh nicht weg. Er hustete und ihm kamen die Tränen.
Er zuckte zusammen als jemand an der Tür klopfte. Das war einer von den Bluhms, er tippte auf den Mittleren, zumindest sah er älter aus als Manfred. Yolanda hat ihm ein bisschen was zu ihrer Familie erzählt. Alles Soldaten und eine sehr stolze und alte Familie. War das nicht ein bisschen zu sehr Zufall dass er und Ryan ausgerechnet die Töchter eines Bundeswehr Offiziers retteten und dessen große Brüder beim KSK waren?
„Ja Herein.“
Ein Mann mit einem kurzen weißen Vollbart und grauen Haaren betrat den Raum, er hatte eine große Plastiktüte dabei. Was war denn das.
„Hey junger Mann, Yolanda hat mir erzählt dass du Jack bist. Einer der tapferen Ritter in dieser Geschichte. Uh, das hätte ich vielleicht nicht sagen dürfen, wo es deinen Bruder so schwer erwischt hat. Ich hab mir aufmerksam eure Geschichte angehört und mir das Video von deinem Onkel Sebastian Solomon angesehen. Sehr üble Sache das Ganze, aber das hast du jetzt bestimmt schon zur Genüge gehört, ich wollte über etwas anderes reden.“
Er legte die Tüte auf das Fußende und schob einen Stuhl neben das Bett sodass sie auf Augenhöhe waren. Der ältere Herr überkreuzte die Beine und musterte ihn wachsam.
„Du und dein Bruder wollen also zu den Kommando Spezialkräften, so wie ich und mein großer Bruder Wilhelm. Interessante Wahl. Gerade dass du in diesen schweren Zeiten zur Bundeswehr willst. Die Regierung verbietet es zu sagen, aber du machst dich und deine Familie zu einer Zielscheibe für die Clowns. Das darf dich natürlich niemals davon abhalten deine Träume zu verfolgen, aber meinen kleinen Bruder hat es erwischt als seine Töchter zum Ziel wurden, er hat schwer damit zu kämpfen und er hat Angst, dass seine Frau Matilda als nächstes kommt. Und meine jüngste Tochter wurde bei einem Clownangriff beinahe getötet. Und du und dein Bruder. Euch ist es zu verdanken, dass wir nicht vier tote Teenager zu betrauern haben. Aber diese Bauchwunde … wenn du im aktiven Kampf bist musst du mit dem Gedanken klarkommen jederzeit deine Freunde durch einen gegnerischen Kämpfer, durch einen Scharfschützen oder eine IED zu verlieren. Es klingt hart, weil man mir gesagt hat dass er nicht nur dein Bruder sondern auch dein bester Freund ist. Aber seine Schussverletzung war übel und er hat viel zu viel Blut verloren. Natürlich sollte man nie aufhören zu hoffen oder zu beten, aber man muss auch der Wahrheit ins Auge blicken. Es kann gut sein, dass er es nicht packt. Und ich will euch keinen Vorwurf machen, aber ihr habt euch zurückgehalten, es ging ums nackte Überleben und wir sind hier nicht in einem Hollywoodstreifen wo der Held die Bösen nur k.o. haut. Das brauchst du wenn du zu uns kommen willst. Die Bereitschaft dein Leben für die Sache zu geben und du musst in der Lage sein, den Abzug zu ziehen um zu töten. Jetzt will ich dir erst einmal etwas geben. Augen zu und Hände auf“
Er gehorchte und hörte das Rascheln der Tüte, dann fühlte er etwas gar nicht mal so leichtes in seinen Händen.
„Augen auf Kleiner.“
Jack öffnete die Augen und in seinem Schoss saß ein ziemlich großer schwarzer Plüschwaran, der sehr süß war aber auch ernst guckte. Er lachte auf, Johnny oder Emma würde sowas doch nie einfallen. Er dachte an seinen Onkel Sebastian, der würde ihm sowas auch schenken.
„Ich dachte, der würde dir gefallen. Den tollen Plüschwaranen vom Zoo in Berlin Solomon kann eben doch keiner wiederstehen und die sind auch toll verarbeitet. Ich dachte mir ich besorg dir was, mit dem du knuddeln kannst und der dich tröstet. Ich hab es schon immer gehasst wenn jemand einen Kranken einen Blumenstrauß hinstellt, der eh nur vor sich hin welkt. Ich bin durch meinen Job leider nicht so oft zuhause, aber vielleicht sehen wir uns noch öfter. Wenn du wieder fit bist zeigen meine Jungs dir mal, wie man richtig kämpft.“
Er zwinkerte ihm zu.
„Ansonsten bin ich mir sicher, dass dein Onkel Sebastian den einen oder anderen Kniff beibringen kann, seine Videos werden bei uns in der Kaserne gern geguckt und es scheint so, als wäre er eine echte Herausforderung im Kampf, selbst für einen SEAL. Das Video, ist echt viral gegangen. Ein normaler Bürger im Wettkampf mit den SEALs, das hat unsere amerikanischen Freunde ziemlich beeindruckt.  So jetzt will ich mal, ich denke es wird gleich Essen geben.
Übrigens gewöhn dich an nicht sehr leckeres Essen. Feldrationen können echt ekelhaft sein.“
Er zwinkerte erneut, erhob sich, nahm die Tüte mit und schob den Stuhl zurück.
„Mach‘s gut Großer und erhol dich gut, und gib dem Waran einen Namen.“
Dann ging er summend raus und ließ ihn allein. Er drehte den Waran in seinen Händen, der war ja richtig groß, von Schnauze zu Schwanzspitze bestimmt einen Meter. Er dachte an sein Lieblingsgetränk.
„Ich nenne dich Earl. Wir gefällt dir das?“
Er verstellte seine Stimme.
„Aber ich bin doch gar nicht grau, ich bin schwarz.“
„Dann passt es doch noch besser.“
„Mh, ok. Earl also, wann gibt’s Essen ich hab Hunger.“
Eine Schwester trug ein Tablet ins Zimmer und stellte es auf den Tisch.
„So, dann mach ich mal dein Bett in eine aufrechte Position und schieb dich richtig hin. Oh wer ist das denn das, der ist ja putzig?“
„Ich bin Earl.“
„Oh hallo Earl und ich bin Schwester Maria. Freut mich dich kennen zu lernen.“
 Mal gucken ob es stimmte was alle zum Essen sagten. So schlimm konnte es doch wohl nicht sein.