Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 2

2. Liz – 2. W. Mär – 2045, Samstag – Der Brief

Der schwere Lambda Orca donnerte über den Himmel, sie flogen gerade mit über sechshundert Kilometer pro Stunde über Russland hinweg. Das VTOL Flugzeug war in Japan am frühen Morgen von einem Privatflughafen abgehoben. Es war die Privatmaschine von Elisabeth Engström und sie flogen unter der Flagge des globalen Megakonzerns Horizon.
   Elisabeth, von ihren Freunden nur Liz genannt, nippte an einem Sektglas und warf einen Blick nach draußen, die langen Flüge zehrten an ihr, aber das gehörte zum Beruf dazu. Vorhin hatte sie in ihrer Kabine kurz geschlafen. Dank ihrer Augmentierungen am und im Körper brauchte sie nur wenige Stunden Schlaf und war schnell erholt. Sie saß in einem sehr bequemen Sessel in der Lounge des Fliegers, ihre Assistentin Mara leistete ihr Gesellschaft und tippte auf einem Sessel ihr gegenüber sitzend auf einem Tablet herum. Neben Mara saß Sarah, Liz Sekretärin in einem Sessel und döste mit eingestöpselten Kopfhörern. Die letzten zwei Wochen waren für alle Beteiligten ziemlich hart gewesen – außer für Suzi, ihre Pilotin, die nichts zu tun hatte und das Nachtleben in der Stadt genossen hatte, so sagte sie es jedenfalls.
„Mara, gibt es etwas Neues?“
Die hübsche junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und schweren Augmentierungen sah auf und warf ihr einen schnellen Blick zu.
„Auf den offiziellen Kanälen nichts, wenn man aber tiefer im Netz gräbt findet man beunruhigende Berichte von unabhängigen Journalisten und Aktivisten was die Clowns angeht. Am Freitag gab es ein Attentat auf eine deutsche Militärbasis in Afghanistan. Und dreizehn Attentate auf Zivilisten in Europa in einer Woche. Aber keiner schreibt was dazu. Wäre ich nicht so schwer augmentiert und kampferfahren würde ich mir Sorgen machen. Und angeblich soll es einen Skandal um Horizon in Deutschland gegeben haben, aber ich finde keine Details, nur Lügen und verdrehte Tatsachen. Das war alles Madam.“
„Ich danke dir meine Liebe.“
Sie trank den Sekt aus, stand auf und trat an die Bar um sich nach diesen wenig hoffnungsvollen Nachrichten etwas Stärkeres zusammen zu mixen.
   Als sie den Inhalt des Shakers in einen Tumbler goss, klingelte ihr Prism. Sie seufzte als sie die Nummer ihres Chefs Jonathan Solomon, dem CEO von Horizon, sah und nahm erst einen tiefen Schluck während das Handy weiter klingelte, dann gab sie sich einen Ruck und nahm an.
„Ja was gibt’s?“ fragte sie ernst. Johnny antwortete nicht sofort, war er von ihrer Reaktion überrascht? Das war doch sonst nicht seine Art.
„Warum so ernst, Liz? Du hast es geschafft eine Vertragsunterzeichnung für einen Auftrag in Höhe von fünfzehn Milliarden Euro erfolgreich durchzubringen! Etwas mehr Begeisterung bitte.“
„Ich bin nicht in der Stimmung dazu. Sollen wir zur Firmenzentrale fliegen oder hast du ein neues Reiseziel für uns?“
„Moment mal, nicht so schnell. Denkst du nicht dass es nicht die Zeit ist ein wenig zu feiern? Im Angesicht der Tatsachen gebe ich dir und deiner Crew eine Woche Urlaub, Zeit genug um sich in Ruhe zu erholen.“
Liz atmete tief ein. Eine Woche Urlaub, einfach so?
„Liz bist du noch dran?“
Sie gab sich einen Ruck.
„Ja ich bin hier, ich bin nur überrascht, das ist alles. Dein Angebot ehrt dich, aber …“
„Nichts aber, ich bin immer noch dein Chef. Du nimmst den Urlaub, das tut dir und den anderen gut! Ich will dich nicht vor übernächstem Montag im Büro sehen, verstanden?“
„Verstanden Johnny. Grüß den Rest der Solomons von mir.“
„Mache ich, hast du heute schon was geplant? Ich glaube meine kleine Schwester Emma könnte ein bisschen Zuwendung gut gebrauchen, die letzte Woche lief bei ihr nicht gut. Ärger mit den Jungs und viel Stress bei Solomon Industries, die Gute ist völlig fertig.“
Ihr Hals schnürte sich etwas zusammen, als sie von ihrer besten Freundin hörte.
„Versprochen ich kümmere mich um sie, wie ist denn das Wetter in Deutschland?“
„Der Winter will nicht ohne Paukenschlag gehen, wir haben einen halben Meter Neuschnee letzte Nacht bekommen. Das war ein Chaos auf den Straßen kann ich dir sagen.“
„Wenn du fliegst hast du das Problem nicht.“
„Ach was der Defender reicht völlig aus für sowas.“
„Wenn du das sagst.“
Sie schmunzelte bei dem Gedanken an Johnny und Emma mit den Jungs beim Schnee schippen am Morgen. Aber gut, nicht jeder hatte ein privates Flugdeck im Haus und die Solomons wohnten noch in dem zugigen nichtisolierten alten Kasten in Berlin, der beide Weltkriege überstanden hatte.
„Ok, ich muss Schluss machen, das nächste Meeting startet in fünf Minuten. Wir hier in der Zentrale sind stolz auf dich, das ist ein guter Tag. Tschüss.“
Und er legte auf und sie sah sich in der Lounge um. Sie öffnete einen Chanel zum Cockpit.
„Suzi, kleine Planänderung, wie fliegen zum Platz der Nationen in Berlin Solomon. Für heute ist nichts mehr sonst geplant.“
Dann sah sie zu Sarah.
„Mara, weck sie mal sanft.“
Mara grinste breit und stieß Sarah mit Elan in die Seite, die wachte schlagartig auf und sah sich um.
„So, ich habe schöne Neuigkeiten von ganz oben, wir haben jetzt über eine Woche frei bekommen, also erholt euch gut. Habt ihr Wünsche für heute?“
Sarah biss sich auf die Unterlippe.
„Im Filmpalast in Solomon gibt es heute ein Event, bei dem ikonische Actionfilme gezeigt werden und ein paar der Stars für Autogrammstunden zu haben sind, da wollte ich mit meinem Freund hingehen.“
„Und du Mara?“
Die zuckte mit den Schultern.
„Schlafen, mit Karl spielen und Burger essen. Keine Ahnung.“
Liz seufzte, außerhalb der Arbeitszeit hatte Mara keinerlei Ehrgeiz.
„Wir wäre es wenn ich euch zum Burger Essen zu mir einlade. Ich schicke Lien zum Einkaufen los.“
Sarah und Mara sahen ihre Chefin verdutzt an. Sarah taute zuerst auf.
„Der Event startet um acht, also wenn wir nachmittags essen, passt es bei mir. Und Mara hat doch bestimmt ohnehin nichts Besseres zu tun. Die Faulenzt eh schon zu viel.“
Mara warf ihr einen bösen Blick zu und zuckte mit den Schultern.
„Ich schätze ich habe Zeit.“
„Wunderbar, was soll es denn als Beilagen geben?“
„Pommes.“ Kam es von Mara, „Süßkartoffel Pommes.“ Von Sarah, Liz schmunzelte.
„Dann machen wir beides und einen knackigen Salat. Ich sage Lien Bescheid.“
„Nein ich kann das machen.“ Meldete sich Sarah und stand auf. Liz nickte und nahm wieder Platz. Die Nachricht vom vielen Schnee machte sie glücklich, sie liebte kaltes Wetter, wenn man sich am liebsten warm einkuscheln wollte. Jetzt stöpselte sie Kopfhörer ein und lauschte einem wissenschaftlichen Podcast, während sich der Orca mit hohem Tempo Deutschland näherte.
Stunden später warf Liz einen Blick nach draußen, über Berlin und den kommerziellen Riesenflughafen. Orcas sind größer als eine C-160 Transall und haben zwei Stockwerke mit viel Platz für Aufenthalt, Kabinen und Gepäck.
   Der Platz der Nationen kam in Sicht und die schweren Turboprop Triebwerke schwenkten in die Vertikale und sie wurden langsamer. Suzi war eine erstklassige Pilotin und der Orca landete geradezu sanft auf dem Hangarturm am Platz der Nationen eins, wo sie wohnte. Liz und Mara schnallten sich ab und gingen in Richtung Kabinen. Liz nahm einen unmodischen klobigen Rucksack, den sie schon als Mädchen hatte und ging nach unten, um den Orca mit einem zusätzlichen Rollkoffer im Gepäck zu verlassen. Mara folgte ihr schwer bepackt mit mehreren Taschen. Sarah hatte nur einen großen Wanderrucksack dabei. Suzi würde später nachkommen, erstmal würde sie sich um den Orca kümmern.
   Der Hangarturm besaß einen Fahrstuhl für Flugzeuge und sie besaß eine ganze Etage für ihre Flieger. Einen Orca und zwei kleinere Swordfish um genau zu sein. Ab zum Fahrstuhl und dann in den dritten Stock, vor der Wohnungstür Nummer sieben hielt sie an und öffnete ihre Tür, Sarah bog derweil zu den Angestellten Quartieren ab.
   Es erwartete sie ein aufgeregtes Haustier, dass Mara regelrecht in die Arme sprang. Die Arme klappte unter der Last des Tiers zusammen und Liz lachte auf. Nur war es kein Hund, sondern ein drei Meter langer rund neunzig Kilo schwerer pechschwarzer Waran – Karl. Die große Echse ließ von Mara ab und tappte wieder zurück in die Wohnung wo er vor dem breiten riesig hohen Panoramafenster stehen blieb und sich lang machte. Liz half Mara hoch und die junge Frau stellte ihre Taschen ab und wollte mit ihrem Rucksack wieder verschwinden, aber Liz hielt sie zurück.
„Was denn Madam?“
„Hättest du Lust auf etwas Warmes zu trinken und ein paar Kekse?“
Mara sah sie zögerlich an und nickte dann. Zufrieden stellte sie ihr Gepäck zur Seite und eilte in die Küche wo ihre Köchin und Haushälterin Lien schon dabei war Salat zu waschen, Das Fleisch vorzubereiten, Kartoffeln zu schälen und Dips für die Pommes anzurühren.
„Guten Tag Lien, es freut mich dich wieder zu sehen. Würde es dir etwas ausmachen mir und Mara einen Kaffee aufzusetzen und ein paar Kekse zu suchen?“
Lien nickte lächelnd und nahm zwei Becher aus dem Schrank und warf die riesige Luxus Kaffeemaschine an.
„Es ist übrigens ein Brief an sie gekommen. Aus den USA. Er liegt oben auf dem Schreibtisch.“
Liz schreckte zusammen, aber Lien ließ sich nichts anmerken. Ein Brief aus den USA, war der etwa von Kaz? Liz verließ die Küche und sah Mara beim Fangen spielen mit dem großen Waran zu.
Sie lief auf die Treppe zur Galerie hoch und zu ihrem Arbeitsplatz. Bei der Gelegenheit sah sie im Terrarium nach ob es Scarlett gut ging. Ihr schien es an nichts zu fehlen. Sie nahm an, dass Lien sie bereits gefüttert hatte.
   Der dicke Brief lag auf dem Tisch auf der Tastatur. An sie adressiert und der Absender war Sebastian Solomon, genannt Kaz weil er mit zweitem Vornamen Katsuro hieß, seine japanische Mutter hatte ihn den Namen gegeben. Bedächtig nahm sie den Brief hoch und drehte ihn in den Händen.
   Kaz war ihr bester Freund und kein Mensch auf der Welt stand ihr näher. Er war in Berlin geboren und aufgewachsen, lebte jetzt aber in den USA, in einem kleinen Kaff irgendwo in Texas.
Warum meldete er sich ausgerechnet jetzt? Die Letzte Nachricht von ihm musste einige Jahre her sein. Er war vor zehn Jahren ausgewandert und anfangs hatten sie sich fast täglich Nachrichten geschrieben, dann nur noch im Wochentakt, dann im Monatstakt und irgendwann gar nicht mehr. Nicht dass sie den Kontakt nicht mehr gesucht hatte, aber er hatte ihr einfach nicht mehr geantwortet, egal was sie gemacht hatte. Sie hatte mehr als einen handschriftlichen Brief in die Staaten geschickt und nicht einen hatte er beantwortet. Warum also jetzt? Wollte er sie loslassen oder loswerden? War ihm die Freundschaft denn gar nichts mehr wert?
Sollte sie ihn jetzt öffnen?
   Sie nahm den Brief mit nach unten und legte ihn auf den Couchtisch. Kurze Zeit später brachte Lien ein Tablet mit zwei dampfenden Bechern Kaffee und zu ihrer Überraschung zwei Stücken Käsekuchen auf Tellerchen. Lien war also fleißig in ihrer Abwesenheit gewesen, sie lächelte.
„Vielen Dank Lien. Mara, Kaffee ist fertig.“
Mara löste sich von Karl und setzte sich auf das Sofa gegenüber und nippte an dem Becher Kaffee. Sie warf einen neugierigen Blick auf den Brief.
„Madam, wollen Sie den Brief denn nicht öffnen?“
Liz zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht, ich habe Angst was drinstehen könnte.“
Mara warf einen Blick auf den Absender und zuckte zusammen.
„Sebastian Solomon, der Bestsellerautor? Was will der denn von Ihnen?“
„Von dir.“ Verbesserte Liz, sie mochte es nicht gesiezt zu werden.
„Sebastian ist mein bester Freund und wir kennen uns schon seit ungefähr zwanzig Jahren. Dieser Brief ist das erste direkte Lebenszeichen von ihm in über vier Jahren.“
Mara nickte wissend, hatte aber die Brauen überrascht gehoben.
„Wie lernt man einen Bestsellerautor kennen, wenn ich fragen darf?“
„Darfst du. Er war nicht immer Autor, aber er hat sein ganzes Leben Geschichten geschrieben. Du stehst mir recht nah meine Liebe, soll ich dir meine Lebensgeschichte erzählen oder langweile ich dich damit zu Tode?“
„Das könnten Sie … ähm … könntest du nie.“ Verbesserte sich Mara und warf ihr einen erwartungsvollen Blick zu während sie am Kaffee nippte. Liz nickte und nahm an, dass Mara das auch eher aus Höflichkeit gesagt hatte.
„Mara, keine Scheu, du kannst mir sagen wenn dir etwas nicht passt, ich möchte keine zu strenge unnahbare Chefin sein.“
„Das sind sie nicht, sie sind für uns ein bisschen wie eine Mutter für uns. Gerade für mich, meine Mutter war nicht sehr gut zu mir und sie … du behandelst mich so gut. Das freut mich sehr, ich muss schon aufpassen, dass ich nicht Mama zu dir sage.“ Mara lachte verlegen und Liz fühlte ein wohliges Gefühl in sich aufsteigen.
„Ok, dann möchte ich beginnen. Mit den schmutzigen Details und angefangen bei mir, Sebastian wird im Laufe der Geschichte eine Rolle spielen.
   Ich wurde 2002 in Potsdam geboren und bin in Potsdam aufgewachsen, allerdings nicht unter den besten Umständen und nicht in der schönsten Gegend. Mein Vater war ein arbeitsloser Säufer, dem gerne Mal die Hand ausgerutscht ist wenn er seinen Willen nicht bekommen hat und der drogenabhängig war, ein furchtbarer Mann.
   Meine Mutter, Gott hab sie selig, hat in ihrer Jugend großen Mist gebaut und trotz ihrer hohen Intelligenz – sie war regelrecht hochgebegabt – den Schulabschluss verbockt und arbeite als Prostituierte, worauf sie nicht stolz war. Aber sie war eine sehr liebevolle Mutter, die von ihrem Gehalt heimlich Bücher zu mathematischen Themen und Problemen kaufte und las. Sie brütete dann oft tagelang über einem mathematischen Problem und sie hat mir immer Mathetricks beigebracht, die mir in der Schule sehr geholfen haben. Ich weiß nicht, wie sie an meinen Vater kam und ob er schon immer so ein mieses Schwein gewesen ist. Ich glaube sie hat ihn trotz der häuslichen Gewalt sehr geliebt, was ich nie verstanden habe. Meine Mutter war sehr sehr ehrgeizig und stark, hat aber bis dahin nie etwas aus ihrem Leben gemacht. Den Ehrgeiz hat sie an mich vererbt und ich war in der Schule immer die beste und wurde von den Lehrern ständig gelobt. Aber ich machte mich dadurch unbeliebt und hatte eigentlich keine Freunde. Meine Freizeit verbrachte ich damit in den Büchern meiner Mutter zu lesen und zu lernen. Ich hab viele Nachmittage in der städtischen Bibliothek verbracht und in Büchern gelesen, natürlich nicht nur Sachbücher sondern auch Lesebücher.
Dann als ich zehn wurde verbesserte sich vieles. Mein schlimmer Vater starb an einer Überdosis und meine Mutter bekam endlich eine gute Stelle, die ihrer Intelligenz und ihrem Können gerecht wurde und wir sind in eine schönere Gegend umgezogen. Die kommenden Jahre waren die schönsten die ich hatte. Bis Sebastian in mein Leben trat zumindest. Dann als ich vierzehn wurde stand alles Kopf. Meine Mutter wurde mit Krebs diagnostiziert, einem zu dem Zeitpunkt nicht heilbaren Krebs. Das war so schrecklich meine Mutter in dieser Zeit zu begleiten und ich musste lernen allein klarzukommen, ich hatte keine anderen Verwandten mehr. Die letzten Momente mit meiner Mutter habe ich nur noch geweint bis ich keine Tränen mehr hatte. Es war so furchtbar zu fühlen wie das Leben meiner Mutter entglitt und sie dahinschied. Danach kam ich in ein Heim, ich fühlte mich, als wäre etwas in mir tief drin zerbrochen. Und selbst nach so langer Zeit weiß ich nicht ob die Wunden geheilt sind. Glücklicherweise wurde ich mit sechzehn adoptiert, von den Engströms, einer leicht durchgeknallten Forscherfamilie mit Kinderstarken Jahrgängen. Die sind in den Urlaub immer im Konvoi gefahren so viel Zeugs und Personen hatten die immer dabei. Die besitzen sogar ein eigenes Forschungsschiff. Es war eine tolle Zeit und es war seltsam plötzlich Brüder und Schwestern und Tanten und Onkel und Großeltern zu haben, und alle … die meisten waren so nett zu mir. Ich hab mich schnell daran gewöhnt eine liebende Familie zu haben, aber ich hatte mich in ihnen getäuscht. Weißt du ich wollte nie richtig die Welt bereisen und an irgendwelchen Sachen forschen, aber ich wollte schon immer Menschen helfen und so habe ich den Plan gefasst nach dem Abitur Medizin zu studieren oder Physiotherapie oder sowas in der Art zu machen, aber ich habe meiner neuen Familie meine Pläne nicht anvertraut. Dann kam der Tag an dem ich ein Abitur mit Bestnoten nach Hause brachte und meine Pläne verkündete, da war es aus mit der Familienidylle und es wurde regelrecht feindselig, ich wurde als Verräterin und Nestbeschmutzerin beschimpft und mit meinen wenigen Habseligkeiten einfach so vor die Tür gesetzt. Da stand ich nun, ohne Familie und Unterkunft und ohne Geld da. Aber ich habe niemals aufgegeben und meinen Traum verfolgt. Ich möchte nicht darüber sprechen wie ich mich finanziell über Wasser gehalten habe, darauf bin ich nicht stolz. Aber so bin ich meinem Traum jeden Tag einen Schritt nähergekommen. Ich dachte alles würde besser werden, wenn ich die Ausbildung fertig hätte, aber es tat es nicht. Ich hab mich abgerackert und als Klassenbeste bestanden, aber mein Chef war ein Schwein und hat mich nicht geachtet oder gelobt, selbst wenn die Patienten in höchsten Tönen von mir sprachen. Die Bezahlung war mies und ich habe mehr schlecht als recht gelebt und war nicht sehr glücklich, hatte ich doch immer noch keine richtigen Freunde. Weißt du, der Gedanke von anderen abhängig zu sein hat mich schon immer abgeschreckt, von daher fand ich es immer schon cool mich auf alles vorzubereiten, was passieren oder schiefgehen kann. Ich glaube sowas nennt man Preppen. Jetzt kommt Sebastian ins Spiel. Vor zwanzig Jahren kam ein junger Mann zu mir in die Praxis als ich gerade Dienst hatte und ich nahm mich ihm an, eine Sportverletzung mit einer verletzten Schulter und Knie. Wie auch immer er das gleichzeitig angestellt haben mochte. Ich erinnere mich als ob es gestern gewesen wäre. Bist du mit Actionfilmen der 10er Jahre vertraut? Du bist noch recht jung von daher bin ich mir nicht sicher. Aber es gab den Film John Wick mit Keanu Reaves in der Hauptrolle und Sebastian ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Und als er mit halblangen dunklen Haaren und kurzem Vollbart, durchtrainiert und den Körper voller Tattoos in die Praxis gekommen ist, bin ich fast umgefallen.
Und wir hatten gleich von Anfang an so eine gute Chemie, er hat mir sofort das Du angeboten und mich gebeten ihn einfach nur Kaz zu nennen, Sebastian als Name fand er zu sperrig. Wir haben uns schnell angefreundet und ich hatte meinen ersten besten Freund auf der Welt. Wir haben viel geredet, Filme geguckt, sind spazieren gegangen und haben zusammen gekocht. Aber wir waren nie mehr als beste Freunde, ich wusste auch gar nicht ob er auch überhaupt mehr als das wollte. Er war immer schon ein Kämpfer, der sich durch Leben geschlagen hatte. Für einen Solomon ist er gewissermaßen das schwarze Schaf und nichts ist im einfach so in den Schoss gelegt worden.
Aber die Solomons sind nicht ohne Fehl und Tadel. Aber wehe du sagst du hast das von mir, ok? Kaz in gewisser Hinsicht ein sehr schwieriger Mensch. Er hat zwei jüngere Geschwister Jonathan und Emma und er ist immer aus dem Raster gefallen, mit schlechten Noten und Verhalten. Es ist zwar traurig, aber er wurde dafür immer nur bestraft und mit Missachtung gestraft. Seine Muster Geschwister wurden verhätschelt und belohnt und er wurde so schlecht behandelt. Sein Vater Herbert ist ein Workaholic und seine Mutter Lilly ist sehr sehr streng, besonders zu ihm und er wurde für sein „Fehlverhalten“ oft angeschrien, manchmal auch geschlagen. Das hat ihn echt bitter gemacht. Er war in ein paar Sachen gut, aber er hat sie sich für sich behalten aus Angst vor weiterer Bestrafung. Wie zum Beispiel das Schreiben. Er war schon immer recht gut darin, hat aber erst mir seine Werke gezeigt. Er hat großes Talent, das habe ich schon damals bemerkt. Mit achtzehn hatte er die Schnauze voll und ist ausgezogen, in eine kleine 40 Quadratmeter Wohnung, die er ganz für sich allein hatte. Er sagte er habe sich mit seinen Verdiensten als Kellner und Teilzeitmechaniker über Wasser gehalten, aber das stimmt nicht. In Wahrheit hat er als Teenager ein richtiges Vermögen mit dem Handel von Kryptowährungen gemacht, die Ende der 10er Jahre groß ins Kommen geraten sind. Funfact, Kaz hat Horizon zwar nicht gegründet, aber mitfinanziert, verrat das nur keinem, das ist ein Geheimnis. Offiziell ist er nur der Familientrottel mit dem schlechtesten Abitur in der Familie, einem ergaunerten Bachelor der Informatik und im Master haben sie ihn am Ende rausgeworfen. Interessanterweise ist er insgeheim ziemlich reich, aber er macht sich nichts daraus. Und er fuhr diesen schrottigen uralten Land Rover Defender, den er von seinem Opa Ben geerbt hatte, der beim Bergsteigen ums Leben gekommen war, bevor Kaz geboren wurde. Kaz hat ebenso wie ich praktisch keine Freunde, nur einen übergewichtigen Automechaniker mit dem Spitznamen Xen, aber ich weiß nicht was aus dem geworden ist, da hält sich Kaz bedeckt. Ansonsten hat er guten Kontakt zu seinem Bruder Johnny. Seine kleine Wohnung war der Wahnsinn, vollgestopft bis zum geht nicht mehr und er war damals schon versessen auf Waffen. Er hatte mehrere Bögen, eine Armbrust, eine Axt und so weiter. Und er war der Prepper schlechthin, sogar mit einem Notstromaggregat im Keller und Vorräten für Monate. Ich finde es amüsant, dass er ein Faible für Mythen, Geheimnisse und unerklärliche Ereignisse hatte, Prä-Astronautik und so Krempel. Als Teenager hat er damit angefangen diese Sachen in Videoform aufzuarbeiten und damit hat sein Youtube Kanal gestartet, bis er mehr und mehr zu den Waffensachen übergegangen ist. Ich finde diese Macke mit der Jagd nach Mythen macht ihn sehr liebenswürdig. Wir hatten eine tolle Freundschaft und selbst wenn unsere Leben den Bach runtergegangen wären hatten wir immer noch einander. Der Loser und die Streberin, aber trotz allem waren wir immer füreinander da, als Freunde. Hatte ich erwähnt dass er in einer Sache richtig gut ist? Kochen. Und er hat dann tatsächlich eine Lehre zum Koch gemacht und mit Auszeichnung bestanden. Als Koch hat er die Anerkennung bekommen die er von niemandem sonst bekommen hat. Aber sag das nicht weiter, in der Familie geht immer noch das Gerücht um, Kaz könnte nicht kochen. Kaz hat immer schon geschrieben, aber seine ersten Bücher hat er erst in den USA veröffentlicht. Und die sind eingeschlagen wie eine Bombe und haben ihn binnen weniger Jahre berühmt gemacht, jetzt nennt man ihn nicht mehr einen Versager.“
Ihre Kehle war vom Erzählen ganz ausgetrocknet und sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Kaffee Becher. Mara hatte ihr gebannt zugehört.
„Oh, ich hab den Bestseller Autor irgendwie nie mit der Familie Solomon in Verbindung gebracht. Es schmerzt das er so eine bedrückende Jugend hatte, das war bestimmt ganz schön schwer. Ich glaube das spürt man auch in den Büchern, mit den Charakteren die es auch nicht so gut haben.
Wie ist Sebastian so als Mensch?“
Liz dachte einen Moment nach, das war gar nicht so einfach zu sagen.
„Wenn man ihn kennt ist er sehr liebenswürdig. Aber er hat sich einen harten Panzer zugelegt, zu ihm durchzudringen gelingt nicht jedem. Und ihm ist Freundschaft wichtiger als eine Beziehung. Er lässt seine Freund niemals im Stich. Er hat sich nie eine Partnerin gesucht fürchte ich. Er trägt ein schweres Bündel mit sich herum, lässt es sich aber nicht anmerken. Und er schauspielert ein bisschen, gibt jemand vor zu sein der er nicht ist, das macht ihm Spaß. Mh, er ist immer sehr pfiffig und gut im Improvisieren und trotz seiner Karriere als Autor arbeitet er gern mit den Händen.“
Mara nickte anerkennend.
„Klingt nach einem interessanten Zeitgenossen. Ich hab keine Ahnung wie er so drauf ist, für einen weltberühmten Bestseller Autor ist praktisch nichts über ihn bekannt. Er gibt keine Interviews und Lesungen und hat soweit ich weiß kaum Kontakt zu seinen Fans. Aber er muss ja stinkreich sein.“
„Reich schon, aber er hat sich eine alte Ranch als Unterschlupf gesucht. Er schraubt gerne an Sachen herum und probiert viel aus. Als Prepper hat er sich in diesem Loch irgendwo im Nirgendwo ein Zuhause geschaffen und lebt unabhängig von der Außenwelt. Angeblich damit ihn nichts ablenken kann.“
„Warum ist er denn dann nicht nach Montana gezogen, ein riesengroßer Staat der praktisch leer ist.“
„Kommst du nicht drauf? Die Waffen. Texas hat großzügige Waffengesetze, das war seine Motivation dorthin zu ziehen. Ich glaube Montana wäre ihm zu kalt gewesen, er hasst kaltes Wetter, in der Hinsicht ist er das komplette Gegenteil von mir.“
„Mh, ich würde nur gerne wissen wie er aussieht.“
„Ja, ich auch, ich hab ihn schon ewig nicht mehr gesehen und ich weiß aus dem Stehgreif nicht ob ich ein paar schöne Bilder von ihm habe.“
Mara sah so aus, als würde ihr etwas unter den Fingernägeln brennen.
„Mara, wenn du eine Frage hast stell sie ruhig. Es gibt keine falschen Fragen.“
„Ähm, darf ich fragen wie du beruflich von einer Physiotherapeutin zu einer der mächtigsten Frauen auf dem Planeten geworden bist?“
Liz lachte verlegen, das war eine interessante Frage.
„Ich würde mich nicht als eine so mächtige Person bezeichnen, auch wenn ich als Vizechefin von Horizon recht viel Einfluss habe. Mh, ich und du haben ein bisschen was gemeinsam, insofern sich unser Leben nach einem schrecklichen Unfall sehr verändert hat. Ich nenne es den Crash, vor knapp elf Jahren. Ich war mit meinem Wagen auf dem Weg nach Hause als mich ein Truck frontal erwischt und mich und mein Auto zu Matsch gefahren hat. Ich bin im Krankenhaus aufgewacht. Mit amputierten Beinen, amputiertem linken Arm und schweren inneren Verletzungen. Augmentierungen wurden damals von keiner Kasse bezahlt, nicht mal den privaten, jetzt sind die etwas lockerer geworden. Da lag ich also, hilflos und ohne Hoffnung auf Besserung. Und dann kam Kaz, mit seinem kleinen Bruder Johnny im Schlepptau. Kaz der Hund hat über die Jahre ein umfangreiches Persönlichkeitsprofil von mir erstellt und seinem Bruder zukommen lassen. Johnny wollte mich als seine persönliche Assistentin einstellen, dann kam leider der Crash. Aber Kaz ist insgeheim wohlhabend und lässt seine Freunde nicht im Stich, niemals. Er hat die Operationen bezahlt und Horizon hat mir gewisser Weise einen neuen besseren Körper gegeben. Und der Rest ist Geschichte. Johnny hat mich als seine persönliche Assistentin eingestellt und über die Jahre habe ich mich an die Spitze hochgearbeitet. Und du liegst mir sehr am Herzen, weshalb ich dich vor ein paar Monaten ebenfalls nicht im Stich lassen konnte und es freut mich, dass es dir so gut geht.“
Mara saß mit Tränen in den Augen auf dem Sofa. Liz stellte den Kaffeebecher ab, stand auf, setzte sich ihre junge Assistentin und legte den Arm tröstend um ihre Schulter. Mara brach in Tränen aus und Liz drückte sie fest. Zwar trennten sie nur siebzehn Jahre, aber die junge Frau war wie eine Tochter für sie und ihre Wohlergehen lag ihr von daher sehr am Herzen.
   Mara musste recht laut geschluchzt haben denn Lien kam aus der Küche und drückte ihr einen Taschentuchspender in die Hand, Mara murmelte leise danke und schnäuzte sich lautstark die Nase.
Auf den Becher Kaffee folgte eine heiße Schokolade für Mara, die sich langsam wieder beruhigte. Die Erwähnung ihres eigenen Crashes vor wenigen Monaten musste sie schwer mitgenommen haben. Aber nicht jeder steckte es ohne weiteres weg, alle Extremitäten in einen schrecklichen Angriff zu verlieren. Liz wusste dass sich Mara alle Mühe gab tough zu wirken, aber tief in ihrem Inneren war sie immer noch ein gebrochenes Wesen, solche seelischen Wunden verheilten nur sehr langsam.
Bedächtig erhob sie sich und suchte nach einer Wolldecke, die sie Mara um die Schultern legte. Dann setzte sie sich wieder gegenüber und betrachtete den Umschlag.
   Mit einem bangen Gefühl öffnete sie ihn und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Neben einem dicken Briefbogen rutschte ein Foto aus dem Umschlag. Sie lachte leise als sie das Bild betrachtete.
Typisch Kaz. Ein großer durchtrainierter Mann mit unzähligen Tattoos auf seinem freien Oberköper, barfuß mit Shorts, saß auf einem Felsbrocken. Strubbelige halblange schwarze Haare und ein kurzer Vollbart. Er grinste breit in die Kamera, die rechte Hand zum militärischen Salut und die linke umfasste ein mattschwarzes Scharfschützengewehr. Im Vordergrund lag ein archaisch aussehender Alligator mit einem roten Halstuch und im Hintergrund stand die vor sich hin rostende M18 Hellcat.
„Hey Mara, du wolltest doch wissen wie Sebastian aussieht oder?“
Sie zeigte Mara das Bild, die ungläubig mit offenem Mund darauf starrte.
„So sieht der Typ aus? Ich hab ihn mir immer ganz anders vorgestellt. Warum hat dieses Vieh ein Halstuch, das ist doch nicht etwa sein Haustier.“
„Doch, das ist Kasimir und Kaz hat ihn seit er aus dem Ei geschlüpft ist, der Alligator ist überraschend zahm und das Halstuch ist für die bessere Sicht. Es soll wohl schon mehr als eine Person fast auf den Armen gelatscht sein und er mag das nicht so sehr. Ich glaube ich rahme mir das Bild ein und stelle es auf meinen Schreibtisch. Aber ich glaube den Brief hebe ich mir für später auf.“
   Sie stand auf und ging die Treppe zur Galerie hoch und legte den Brief und das Foto auf ein kleines Tischchen neben einem bequemen Sessel auf dem unordentlich eine graue Pelzdecke lag.
Auf Höhe des Klaviers klimperte sie mit den Tasten und betrachtete die Gitarren und das Mikrofon.
Jetzt würde sie wieder mehr Zeit für ihr liebstes Hobby haben, die Musik. Sie hatte schon lange nicht mehr gesungen und dabei Klavier oder Gitarre gespielt. Sie drehte sich um und warf einen Blick auf das lange Bücherregal und auf den Essplatz mit Speiseaufzug auf einem Podest über Küche und Bad.
Karl war die Treppe hochgeklettert und sah sie erwartungsvoll an. Dieser Waran war sehr merkwürdig und schrecklich neugierig. Sie zuckte mit den Schultern und ging wieder nach unten, dabei spürte sie Karls stechenden Blick im Rücken der sie mit Blicken verfolgte.
Neben dem Treppenaufgang war die Tür zu ihrem Schlafzimmer.
„Mara, würdest du mich auf einen kleinen Spaziergang im Schnee begleiten wollen?“
Die angesprochene sprang sofort auf und nickte.
„Es ist mein Job, dass Ihn … dir nichts passiert. Wozu sind diese Kampfupgrades sonst gut.“
„Sehr schön, aber ich denke nicht das hier etwas passiert.“
„Nein, es ist meine Pflicht.“
„Na dann. Lien wir sind rechtzeitig zum Essen wieder da.“
Liz ging nach vorne in Richtung Tür und nach links durch den Durchgang in die Garderobe. Weiter hinten bewahrte sie alles Mögliche auf. Werkzeug, Equipment, Vorräte.
„Es ist kalt Mara, was möchtest du tragen, du hast die volle Auswahl.“
Mara sah sie unsicher an.
„Ich hole meine Jacke aus meinem Apartment.“
„Nein, nicht so schüchtern. Es ist sehr kalt und ich habe einige schöne Mäntel. Hier zum Beispiel, weißer Hermelin, passt zu deinen Haaren, das gäbe einen schönen Kontrast.“
„Entschuldigung, aber ich mag keine Pelze, ich bin tierlieb.“
Liz war etwas enttäuscht.
„Ok, wie wäre es mit Schneeleopard, nein das war ein Spaß, der ist nicht echt, aber dennoch schön warm. Nimmst du den?“
Mara wirkte resigniert aber sie nickte langsam. Der Kunstpelzmantel passte ihr ausgezeichnet.
Liz schlüpfte in den Hermelinmantel und zog sich ihre Lederstiefel an.
„Darf ich eine Frage stellen?“
„Darfst du.“
„Warum so viele Pelze? Das ist doch grausam.“
„Weißt du viele Sachen sind ziemlich grausam und ich hab mich in dieses Material verliebt als ich eine junge Frau war. Pelz ist sozusagen mein Guilty Pleasure und ich komme einfach nicht davon weg. Ich bin übrigens auch tierlieb, trotzdem esse ich Fleisch und trage Leder und Pelze. Ich finde man kann die Sachen voneinander trennen und es ist auch ein sehr kostspieliges Hobby wenn man eine entsprechende Qualität sucht, bei der keine Tiere unnötig gequält werden.“
Mara schien sich in dem Mantel nicht so ganz wohl zu fühlen, schluckte aber herunter was auch immer ihr gerade auf der Zunge lag. Sie fand es schade, dass ihre Assistentin nicht ganz offen mit ihr war, feuern würde sie sie auf gar keinen Fall, egal was Mara anstellte, die junge Frau lag ihr sehr am Herzen. Im Aufzug schossen sie dick eingepackt nach unten. Im Foyer des hochklassigen Einkaufscenters in der unteren Etage des Gebäudes gingen sie ungestört nach draußen, niemand beachtete sie. Sie waren nicht die einzigen mit exklusiven Mänteln. Der März empfing sie klirrend kalt. Die Wege waren frei geräumt, aber abseits derer ging es hoch her. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Kind-gebliebene lieferten sich erhitzte Schneeballschlachten und bauten Schneemänner. Liz schmunzelte. Nur die Hauptwege waren geräumt, die Nebenwege waren bei dem Schnee noch nicht mal zu sehen. In ihrer Kindheit hatte es solche Winter nicht gegeben, jedenfalls erinnerte sie sich nicht daran.
   Mit Bitterkeit dachte sie daran, dass sie damals sowieso keine Freunde gehabt hatte, mit denen sie im Schnee hätte spielen können. Bestimmt hatte sie im warmen ein schlaues Buch gelesen und sich gewünscht echte Freunde zu haben.
   Sie warf einen Blick zu Mara, die den Kindern zuguckte. Nach einer halben Stunde spazieren gehen setzten sie sich auf eine Bank und beobachteten das Treiben. Der Park war riesig groß und die Kinder der halben Stadt mussten sich hier getroffen haben. Sie verspürte ein Stechen  bei dem Anblick der spielenden Kinder. Daran, dass sie selbst nie Kinder haben würde, die im Winter im Schnee herumtollten. Sie würde nie mit einer kleinen Tochter oder Sohn Schlitten fahren oder Schneemänner bauen. Der Preis ihrer Operation nach dem Crash vor elf Jahren, im Nachhinein betrachtet ihr schlimmstes Opfer. Hing sie deshalb so an Mara? Weil sie selber keine Kinder haben konnte?
„Und wie fühlt sich der Mantel an, Mara?“
„Ich könnte nicht gerade behaupten dass ich friere, aber mein Po wird trotzdem langsam kalt.“
„Na dann lass uns zurückgehen.“
Sie erhoben sich und gingen zurück. Auf halber Strecke passierte es. Wie aus dem Nichts sprang eine Person auf sie zu und schleuderte etwas auf sie. Mara warf sich schützend vor Liz und bekam die ganze Ladung ab. Rote Farbe wie es den Anschein hatte. Ihre Assistentin schlüpfte sofort aus dem Mantel um mehr Armfreiheit zu erlangen und knöpfte sich den Angreifer vor. Ein Kick in den Magen, den Arm verdrehen und ihn zu Boden zwingen. Mara kniete sich mit dem Knie zwischen den Schulterblättern hin und verdrehte weiterhin den Arm des Angreifers. Ein quietschender Aufschrei ertönte, eine Frau. Liz hatte das Treiben beobachtet und nickte anerkennend, das intensive Training mit Mara hatte sich definitiv gelohnt. Die Frau am Boden wimmerte etwas.
„Das ist Tierquälerei, das gehört verboten. Ihr seid furchtbare Menschen. Wir bei Peta …“
„… ihr seid ziemlicher Abschaum, Massen Euthanasie von Haustieren und so weiter. Wenn ihr meinen Waran Karl nochmal anrührt ziehe ich noch ganz andere Saiten auf.“
„große Echsen darf man nicht halten, das entspricht nicht ihrem Lebensraum.“
„Pech gehabt Karl geht es blendend und ihm gefällt’s hier“
Liz mischte sich in die Unterhaltung ein.
„Das ist zwar alles sehr schön und alles, aber das gibt ihnen noch lange nicht das Recht fremdes Eigentum zu zerstören. Sie ersetzen mir den Schaden oder ich verklage sie und sie dürfen sich mit den Anwälten von Horizon rumschlagen. Ihre Entscheidung. Mara, nimm bitte die Personalien auf und dann gehen wir nach Hause, ich bekomme langsam Hunger.“
Mara kam ihrer Bitte nach und nach ein paar Minuten gingen sie zügigen Schrittes zurück.
„Das ist alles meine Schuld, ich hab nicht aufgepasst. Der Mantel ist wohl hinüber. Das tut mir so leid! Das hätte nicht passieren dürfen. Ich wollte ich könnte dir den Schaden ersetzen.“
„Nein mach dir keinen Kopf darum, ich hab die Angreiferin auch nicht bemerkt, und du hast ja noch rechtzeitig eingreifen können. Mein echter Mantel hat nichts abbekommen, der falsche ist nicht so wichtig.“
„Aber das hätte auch Säure oder etwas anderes Schlimmes sein können. Ich mach mir solche Vorwürfe.“
„Aber es war keine Säure und wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen. Mach dir keinen Kopf. Das kreide ich dir nicht an.“
Doch Mara ließ den Kopf hängen. Passanten warfen ihnen mit dem mit roter Farbe eingesautem Mantel neugierige Blicke zu, aber sie ignorierten es. Eine Viertelstunde später waren sie wieder im Warmen. Lien war mit den Vorbereitungen fertig und nahm sich dem ruinierten Mantel an.
„Mara es steht dir frei zu duschen und dir etwas Bequemeres anzuziehen, heute musst du nichts Förmliches beim Essen tragen. T-Shirt und Jogginghose reicht völlig aus. Und sag auch Sarah und Suzi Bescheid.“
Mara nickte dankbar und verschwand, Liz ging in die Küche und machte sich noch einen Becher Kaffee, heute musste sie nicht früh ins Bett. Nachdenklich nippte sie an dem heißen Kaffee und warf einen Blick auf die Vorbereitungen für die Burger. Jetzt mussten nur noch Fleisch und Burger gebraten werden und die Pommes frittiert, irgendwie musste es sich ja schließlich lohnen eine Fritteuse zu besitzen. Der Salat zog bereits und sie stibitzte eine Cocktail Tomate.
Dann fiel es ihr siedend ein. Emma! Sie hatte vergessen sie einzuladen. Schnell kramte sie nach ihrem Prism und wählte Emmas Nummer.
„Ja, Solomon?“
„Emma?“
„Oh, hi Liz, was verschafft mir die Ehre eines Anrufs?“
„Nach den Mühen der letzten Wochen hat mir dein Bruder eine Woche frei gegeben und ich feiere heute ein bisschen. Hättest du Lust zu mir zu kommen? es gibt leckere Burger und Bier.“
„Das klingt sehr vielversprechend, aber ich kann hier nicht weg. Es liegt nicht an dir aber meine Jungs verhalten sich komisch und ich fürchte sie hecken wieder irgendwas aus und ich möchte erreichbar sein, wenn irgendwas schiefgeht. Sorry.“
Liz war etwas enttäuscht, aber ihre Freundin hatte nicht unrecht.
„Ok, aber dann lass uns etwas zusammen machen, wenn sich die Lage bei dir wieder beruhigt. Grüß Jack und Ryan von mir wenn du deine Söhne wieder siehst.“
„Mache ich, ich wünsche dir noch einen schönen Abend und erhol dich gut, es war schön deine Stimme mal wieder zu hören.“
„Tschüss Emma.“
Liz legte auf und hatte ein schlechtes Gewissen. Bei dem ganzen Stress ihres Jobs vergaß sie ihre Freundinnen viel zu oft. Die Solomons waren wie eine Familie für sie geworden und sie kam mit allen gut zurecht, besonders mit Akira, Johnnys fast erwachsener Tochter. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an Akira. So eine starke junge Frau die in ein paar Wochen ihr Abitur machen würde. Sie kam gar nicht nach ihren Eltern sondern total nach ihrem Onkel Kaz. Interessierte sich praktisch nicht für Mädchenkram sondern schraubte an Drohnen herum und streamte Computerspiele, mit letzterem verdiente sie ihr Taschengeld, denn Johnny war sehr knausrig und gab ihr praktisch keins.
Und Akiras Markenzeichen waren ihre bunt gefärbten Haare, momentan in Regenbogenfarben, das trieb ihre etwas konservativen Eltern komplett in den Wahnsinn.
   Sie dachte an Emma, Stararchitektin und Mutter von Zwillingen. Die beiden Jungs konnten gut für sich selber sorgen und umsorgten ihre gestresste Mutter liebevoll. Die beiden wollten zum Militär und hatten sich eine strenge Routine überlegt. Ein Ex-Navy SEAL, der schon seit langem nur noch Kinderbücher schrieb, war ihr großes Vorbild und sie standen jeden Tag um 4:30 auf, das war kaum zu glauben. Jack und Ryan würden dieses Jahr achtzehn werden und nächstes Jahr ihren Abschluss machen. Liz fürchtete, dass sie selbst wenn sie Kinder hätte, keine Zeit für diese haben würde. In ihrer Position war eine achtzig Stunden Woche völlig normal, da blieb praktisch keine Zeit für Hobbies und Freunde, ganz zu schweigen von möglichen Kindern. Ohne ihr emsiges Personal würde sie es kaum schaffen ihren Alltag zu bewältigen. Sie dachte an Johnny, der arbeitete sogar noch härter und länger als sie und hatte auf dem Firmengelände eine kleine Wohnung für sich, wenn er es mal nicht aus dem Büro schaffte. Er war ein Workaholic durch und durch. Akira litt ziemlich darunter, dass ihr Vater so selten da war und seine Frau Helena war auch nicht wirklich glücklich und ertränkte ihren Kummer im Wein. Liz hatte großes Mitleid mit ihrer besten Freundin, aber Johnny war so stur und dachte nur an die Firma, Familie war ihm irgendwie immer zweitrangig.
   Sie trank einen großen Schluck. Jetzt sollte sie sich auch mal langsam umziehen, sie hatte immer noch sehr förmliche Sachen an. Sie lief ins Schlafzimmer und stolperte auf dem Weg fast über Karl der wie immer im Weg lag. Leise fluchend machte sie das Licht an und schloss die Tür hinter sich.
Das Bett war gigantisch und viel zu groß, da es drei mal drei Meter maß. Linke Hand war ein breiter Kleiderschrank, gegenüber des Bettes war ein großer Fernseher mit tollem Soundsystem montiert und rechte Hand war ein Schminktisch und daneben ein flaches Regal mit Perücken.
   Ja sie hatte ein kleines Geheimnis. Sie zog sich die schwarze kurze Bobperücke vom Kopf und drapierte sie auf einem Perückenständer. Jetzt mit völlig nacktem Kopf schlüpfte sie aus ihren Sachen und warf sie aufs Bett. Sie hatte kein Krebs, naja sie hatte Krebs gehabt, aber das war eine andere Geschichte. Die Haare waren ihr vor drei Jahren schlagartig ausgefallen, kein Arzt hatte sich erklären können warum. Und seitdem trug sie jeden Tag Perücken. Sie hatte natürlich auch vorher Perücken getragen, aber aus Spaß und nicht weil sie es musste. Sie erinnerte sich noch ganz genau, dass Kaz ihr irgendwann mal zu Weihnachten eine synthetische Perücke geschenkt hatte. Anfangs war es ihr peinlich gewesen eine zu tragen, aber das war schnell in Begeisterung umgeschlagen. Und jetzt hatte sie – sie grübelte einen Moment – viel zu viele Perücken. Mittlerweile größtenteils echte, zum Teil auch maßgeschneiderte. Für das Unternehmen trug sie einen förmlichen Bob und in ihrer wenigen Freizeit tobte sie sich aus.
   Sie zog sich Wollsocken, eine schlabbrige Jogginghose und ein schwarzes T-Shirt über und entschied sich für eine schwarze Langhaarperücke. Vor dem Spiegel machte sie sich noch ein bisschen schick.
Ob Kaz sie überhaupt noch erkennen würde? Sie war seit ein paar Jahren die Botschafterin des Konzerns und ihr Outfit war in Firmenfarben: rot, weiß und schwarz. Aber nicht nur ihre Kleidung sondern auch ihr ganzer Körper. Schneeweiße Haut, blutrote augmentierte Augen (sonst wäre sie mi ihrem bescheuerten Körper längst erblindet) und schwarze Haare.
   Sie fand es cool, auch wenn sie sich lange an ihr neues Spiegelbild hatte gewöhnen müssen.
Es würde ihn bestimmt total schocken und bei dem Gedanken grinste sie breit. Falls sie ihn wiedersehen würde, wer weiß was in diesem ominösen Brief geschrieben stand. Er hatte ihr dieses Bild geschickt, aber das musste nicht heißen dass er sich nicht trotzdem von ihr verabschiedete.
Mit einem Hauch von Makeup verließ sie ihr Schlafzimmer wieder und verschloss die Tür.
Lien stand in der Küche und hatte die Pommes gerade in die Fritteuse befördert und briet das Fleisch und den Bacon für die Burger. Sarah hatte sich für später schick gemacht und Mara trug sehr bequeme Sachen. Ihre Pilotin Suzi trug einen kurzen Rock zu Leggins und einem übergroßen Pullover, die Feuerrot gefärbten Haare zu einem Pferdeschwanz hochgebunden.
   Karl wurde von Mara gekrault und rollte sich auf den Rücken, wonach er intensiv am Bauch gekrabbelt wurde. Sie hatte vielleicht ein paar Probleme im Umgang mit anderen Menschen, aber bei ihrem treuen Haustier lebte sie auf. Liz ging zur Galerie hoch und half Sarah beim Tisch decken.
Eine Viertelstunde später kamen die ganz frischen toll aussenden Burger im Speiseaufzug nach oben. Sechs Stück, einer war für Emma gedacht gewesen, aber die konnte ja leider nicht. Dazu gab es Bier und Softdrinks.
   Liz und ihre vier Angestellten langten herzhaft zu und der Salat und die Pommes gingen gut weg, die verschiedenen Dips waren ein Gedicht. Gesprochen wurde beim Essen wenig und keinen schien es zu stören. Nachdem alles restlos verputzt war, auch der herrenlose Burger, lehnten sie sich satt und zufrieden in die Stühle zurück. Mara meldete sich als erste zu Wort.
„Ich muss schon sagen Lien, das war der leckerste Burger den ich je gegessen habe und die tollen Pommes haben genau die richtige Konsistenz. Wie machst du das nur, das ist fast schon wie Magie.“
Lien lächelte nur höflich.
„Danke sehr, aber es ist nun mal mein Job erstklassig zu kochen, das mache ich sehr gern.“
„Und ich weiß es sehr zu schätzen dass eine so erlesene Köchin für mich arbeitet und nicht nur mich sondern mein Personal mit durchfüttert. Es war wie Mara schon sagte richtig lecker!“
Sie sah in die Runde und musterte die Gesichter.
„Was habt ihr denn jetzt alle vor?“
Sarah sah etwas nervös auf ihre Uhr.
„Ich fürchte ich muss in Kürze los, sonst komme ich zu spät, Mein Freund reißt mir noch den Kopf ab fürchte ich, er hat ziemlich lange gespart um die Tickets zu kaufen. Und für die nächsten Tage ist erstmal ein bisschen Wellness und Entspannung angesagt. Und ich war echt lange nicht mehr shoppen fällt mir an dieser Stelle ein.“
Suzi machte Anstalten etwas zu sagen, aber Mara kam ihr zuvor.
„Ich wette Suzi wird faul im Pool hängen und Cocktails schlürfen wie immer und Männer in Clubs aufgabeln und Erwachsenensachen mit ihnen treiben.“
Suzi klappte den Mund wieder zu und wirkte ertappt. Einen Moment später giftete sie zurück.
„Und Miss Sonnenschein wird eine Woche lang ausgiebig mit ihrer doofen Terrorechse spielen.“
Mara biss sich auf die Unterlippe und warf Suzi einen bösen Blick zu.
„Kommt ihr beide nicht streiten. Wir sind ein Team, da gehören Streitigkeiten nicht rein.“
Liz war etwas genervt. Mara und Suzi waren die jüngsten in der Runde und kabbelten sich ständig. Der Haussegen hing wegen der beiden des Öfteren etwas schief. Lien war hingegen fast schon die gute Fee, die alles zusammenhielt. Sie wusste dass ihre Haushälterin viel Zeit mit Lesen und Meditation verbringen würde.
„Lien, der Urlaub gilt auch für dich, heute räume ich ab und die Woche über mache ich selbst sauber, auch wenn ich das natürlich nicht so gut kann wie du.“
Lien nickte dankend und lächelte warmherzig. Die gute würde bestimmt nach wie vor Suzi, Mara und Sarah bekochen und den drei etwas chaotischen Mädels hinterherräumen. Sie hatte Lien noch nie fluchen oder sich beschweren hören, sie war die Ruhe in Person.
   Sarah verabschiedete sich und ging eilenden Schrittes davon. Wenige Minuten später löste sich die Runde auf. Suzi und Lien zogen sich in die Angestellten Apartments zurück und Mara lieh sich Karl für den Abend aus. Lächelnd und summend räumte Liz den Tisch ab und die Spülmaschine ein, die Küche hatte Lien bereits tadellos aufgeräumt und alle Flächen abgewischt.
   Sie öffnete das Eisfach und untersuchte den Bestand an Eis. Lien war keine Freundin des Süßkrams, aber den kaufte Liz selbst oder ihre beste Freundin Helena, die einen Schlüssel für ihre Wohnung hatte, besorgte ihr ein paar verbotene Leckereien. Sie stellte sich einen großen Eisbecher zusammen und wanderte damit in das riesig große Bad in das ihre erste eigene Wohnung locker reingepasst hätte. Die Decke war fast drei Meter hoch. Sie stellte den Eisbecher auf den breiten Rand der Badewanne. Die maßangefertigte Badewanne hatte an einer Seite einen thronartigen ergonomischen Sitz mit einem bequemen Kissen für den Nacken. Sie griff nach einer wasserdichten Fernbedienung, die einem Smartphone der High-End Klasse entsprach und stellte die Wassertemperatur ein. Aus mehreren Düsen in Bodennähe sprudelte sogleich wohltemperiertes Wasser. Sie schlüpfte aus ihren Sachen und legte die Perücke sorgsam neben den Stapel, dann stieg sie in die gigantische Badewanne deren Pegel rasch stieg. Sie machte es sich bequem und schob sich einen Löffel köstlicher Eiscreme in den Mund. Aus einem Fach in der Wand entnahm sie eine Flasche Rotwein und ein großes Glas, in das sie sich großzügig einschenkte. Mit dem Glas in der einen und der Fernbedienung in der anderen Hand lehnte sie sich zurück, genoss das heiße Wasser, dass sie umfloss und genoss den Moment.
Sie nahm einen Schluck Wein und schaltete den Fernseher mit über zwei Meter Wanddiagonale ein, der ihr gegenüber an der Wand hing. Früher, vor Horizon, hatte sie häufig allein oder am liebsten mit Kaz Filme geguckt. Mittlerweile guckte sie fast nur noch Anime und Cartoons, deren Folgen schön kurz waren. Sie navigierte zu Netflix und startete die erste Staffel des Prinz der Drachen, eine tolle Zeichentrickserie die sie ewig nicht mehr gesehen hatte.
   Wein trinkend und Eis mampfend verfolgte sie das Abenteuer des unfreiwilligen Heldentrios auf dem Bildschirm und dachte unweigerlich an Kaz und dessen Romane. Sie liebte Science-Fantasy und er war richtig gut darin. Mit Bedauern dachte sie daran, dass die eine Buchserie mit dem vierten Band vor einigen Jahren beendet worden war. Sie hatte trotz ihrer spärlichen Freizeit jedes einzelne seiner Bücher verschlungen und er war über die Jahre richtig fleißig geworden, mindestens ein Buch im Jahr.
   Eine Woche Ferien, dachte sie nachdenklich. Genug um sein erstes Buch nochmal zu lesen, das mit dem alles gestartet war, die ganze Karriere als Star-Autor, dessen Bücher mittlerweile Millionenauflagen hatten und in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Johnny hatte ihr von einem Gerücht erzählt nachdem sich große Filmstudios untereinander um die Filmrechte der Serie stritten.
Sie lächelte bei dem Gedanken. Sie dachte an die Zeit nach dem Crash. Da hatte sie bei Kaz in dieser ziemlich kleinen vierzig Quadratmeter Wohnung gelebt. So oft hatte sie ihn dabei beobachtet, wie er in der kleinen Küche mit seinem alten Laptop am Tisch gesessen und seine Geschichten geschrieben hatte, während die alte Kaffeemaschine unermüdlich am Arbeiten war. Damals hatte er die Geschichten noch für sich selbst geschrieben und manchmal kam es ihr dann so vor als würde er am liebsten selbst in den von ihn erschaffenen Universen leben und der bitteren Realität entfliehen wollen. Wenn sie ihn seinen Büchern zwischen den Zeilen las, erkannte sie so viel von ihm und seinen unerreichten Wünschen wieder. Und er baute sich und seine wenigen Freunde in seine Geschichten ein, aber er ging dabei ziemlich geschickt bei vor.
   Zu jedem seiner Bücher hatte er ihr ein signiertes Exemplar geschickt, in der Hinsicht hatte er sie nie vergessen. Nur schrieb er ihr nicht mehr und meldete sich nicht. Selbst Johnny hatte kaum mehr Kontakt zu seinem großen Bruder und besten Freund. Das war seltsam. Dieser schräge Kauz zog sich immer mehr von der Außenwelt zurück und lebte in einer Zeitkapsel am anderen Ende der Welt in einem winzigen Nest von einer Siedlung. Mittlerweile waren das einzige Lebenszeichen von Kaz seine Bücher und seine Videos. Dieser Kauz liebte gute Verschwörungstheorien … und Waffen, je größer und gemeiner desto besser. Es verwunderte sie immer wieder wie viele Menschen seine Videos guckten, er hatte Millionen von Fans allein auf YouTube. Vermutlich verdiente er sich damit auch ein solides Zubrot. Nicht das er als Bestsellerautor arm gewesen wäre.
   Sie zuckte mit den Schultern und aß ihr Eis auf. Am Ende der ersten Weinflasche und der Mitte der ersten Staffel ließ sie das Wasser ab und erhob sich etwas wackelig.
   Eingewickelt in einen flauschigen Bademantel ging sie nach oben auf die Galerie. Sie blieb vor einem hohem und viele Meter breitem Regal voller Bücher stehen, von denen sie mehr als die Hälfte aus Zeitgründen nie gelesen hatte. Nach ein paar Minuten hatte sie Kaz erstes Buch gefunden und hielt die mittlerweile etwas abgewetzte oft gelesene Paperback Ausgabe in den Händen. Sie schlug die erste Seite auf und strich andächtig über die Signatur ihres besten Freundes. Ob du damals hättest ahnen können wie erfolgreich du mit diesen Büchern werden würdest, du alter Halunke?
Als sie mit dem Buch in Händen ihren Lieblingssessel erreichte, sah sie den dicken Brief. Oh, den hatte sie ja völlig vergessen. Ihr wurde etwas bang als sie den Briefbogen betrachtete. Sie wusste nicht ob sie schon bereit dafür war. Vielleicht würde noch etwas mehr Wein dabei helfen.
Ein paar Minuten später stellte sie eine fast volle Weinflasche und ein frisches Weinglas auf den Schreibtisch und schenkte mit etwas zittrigen Händen ein. Dann warf sie den Bademantel über die Lehne ihres Schreibtischstuhls und kuschelte sich nackt in die graue flauschige Pelzdecke ein.
Warm eingemummelt und mit einer nicht zu verachtenden Menge Alkohol im Blut griff sie so vorsichtig nach dem Brief als könnte er jederzeit zu Staub werden.
„Liebe Elisabeth, …“
Oh nein, er benutzte ihren eigentlichen Vornahmen nur wenn es ihm sehr ernst war. Ihr Herz gefror zu einem Eisklumpen und Tränen stiegen ihr in die Augen. Bitte nicht! Sei nicht so grausam zu mir!
Sie hielt die Luft an während sie den ersten Absatz las. Am Ende des letzten Wortes lehnte sie sich in die Polster zurück und atmete schwer aus. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie legte den Brief weg um nach dem Weinglas zu greifen von dem sie einen großen Schluck nahm. Sie saß eine Weile da und dachte nach, dabei tupfte sie sich die Augen immer wieder mit einem Stofftaschentusch trocken, das sie in einem Kästchen neben dem Sessel aufbewahrte – für besonders schwere Lektüre.
Alles war umsonst gewesen. Sie dachte an die unzähligen Nächte die sie nachts wachgelegen und an ihn gedacht hatte. Sie warf einen Blick auf den Brief und schniefte. War sie überhaupt bereit dafür, nach all der Zeit? Sie schluckte und wischte sich erneut die Tränen weg. Diesmal Freudentränen.

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