Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 3

3. Liz – 2. W. März 2045 – Sonntag – Die Welt steht Kopf

Liz wollte weiterschlafen, aber ein lautstarkes Klingeln riss sie aus dem Schlaf. Müde schlug sie die Augen auf und sah sich um. Sie war beim Lesen auf dem Sessel eingeschlafen. Ihr Kopf schmerzte, was bei der Menge Wein die sie gestern getrunken hatte nicht verwunderlich war. Draußen war es schon hell. Sie schlug die Pelzdecke zurück und fröstelte. Der Bademantel lag noch auf der Lehne des mächtigen Schreibtischstuhls, sie erhob sich und zog ihn sich über. Die Türklingel schrillte immer noch lautstark. Man, ich bin doch nicht taub! Sie fluchte lautlos, toller erster offizieller Urlaubstag. Beim Blick auf die Uhr auf dem Schreibtisch hob sie überrascht die Brauen, es war fast ein Uhr nachmittags. Hatte sie echt noch so lange gelesen, dass sie sie jetzt erst aufwachte, wenn auch eher gezwungener Maßen oder war die Woche einfach so erschöpfend gewesen? Oder war es der Wein?
Schlaftrunken tappte sie barfuß die Treppe herunter und zur Tür. Ohne durch den Türspion zu gucken öffnete sie genervt die Wohnungstür, wehe es war nicht dringend.
   Überrascht stellte sie fest, dass es Helena war, die da sturmklingelte. Hinter ihr stand eine etwas angenervte Mara in ihrem Freizeitoutfit, die Liz einen hilflosen Blick zuwarf und mit entschuldigender Miene mit den Schultern zuckte. Helena sah von der Klingel auf und ihre Augen weiteten sich vor Schreck als sie Liz sah. Oh verdammt, sie hatte vergessen sich eine Perücke aufzusetzen. Liz war jedoch nicht minder erschrocken, Helenas Gesicht war tränenüberströmt und ihre Augen ganz verquollen. Irgendwas Schlimmes musste passiert sein.
„Liz, ist was passiert? Oh entschuldige ich komme völlig ungelegen, Tut mir so leid. Ich bin nur einfach so durcheinander und aufgelöst und weiß nicht was ich tun soll.“
„Nein mir geht es gut. Aber bitte komm doch rein. Möchtest du etwas zu trinken haben?“
Helena holte tief Luft und nickte dann. Sie trat an Liz vorbei in die Wohnung und schlüpfte aus Mantel und Schuhen. Mara verschwand wieder durch eine Tür, die zu ihrem Apartment führte.
„Cappuccino wie immer?“
Helena nickte nur, aber sie schien ihr gar nicht richtig zuzuhören. Sie stolperte fast über den großen Waran der neugierig zur Tür gelaufen war. Zitternd ließ sie sich auf dem Sofa nieder und starrte ins Leere, während ihr weiter Tränen über die Wangen liefen.
   Liz fühlte sich unwohl und ihr bangte, was ihre beste Freundin gleich erzählen würde. Er jetzt bemerkte sie, dass Helena eine zusammengefaltete Zeitung auf den Glastisch gelegt hatte, vom Logo her eins dieser Boulevard Blätter. Komisch, sowas las Helena doch gar nicht. Ohne sich die Zeitung weiter anzusehen, schoss sie in die Küche und setzte den Cappuccino für ihre Freundin auf. Dann schnell ins Bad wo sie sich eine Dose mit Taschentüchern schnappte und vor Helena auf den Tisch stellte. Dann eilte sie ins Schlafzimmer wo sie sich schnell etwas anzog und sich eine Perücke aufsetzte. Sie musste ja nicht halbnackt und mit Glatze dort auf dem Sofa sitzen, wo es ihrer Freundin so miserabel zu gehen schien.
   Fünf Minuten später stellte sie ein Holztablett mit einem Keksteller und dem Kaffee für ihre Freundin auf den Tisch. Sie selbst trank nichts, in der Küche hatte sie bereits ein Glas Wasser und zwei Kopfschmerztabletten heruntergestürzt.
   Sie setzte sich schräg gegenüber zu ihr und beobachtete wie Helena mit zitternden Händen Zucker in den Kaffee schüttete und umrührte. Dabei warf sie ihr einen unsicheren Blick zu.
„Was ist passiert? Deine Haare!“
„Nicht so wichtig, ist nichts schlimmes, ich erzähl es dir später. Aber was ist denn mit dir? Du weinst und zitterst total. Was ist passiert?“
Wortlos schob ihr Helena die Zeitung zu und griff dann nach einem Taschentuch. Mit einem unguten Gefühl entfaltete Liz die Zeitung und starrte auf die furchtbar reißerische Schlagzeile.
„Mörder Zwillinge gehen um“ Darunter ein Bild von einer Straße im Wald und ein … Oh nein. Ein Bild von Jack und Ryan. Liz überflog den miserabel und völlig reißerisch geschriebenen Artikel und beim Lesen kochte sie vor Wut. Nach der Hälfte legte sie die Zeitung weg und schloss die Augen. Sie sah auf und Helena in die Augen, diese hatte sich etwas gefangen und weinte nicht mehr.
„Kannst du mir erzählen was passiert ist? Diesem Artikel kann man ja wohl kaum Glauben schenken.“
Helena nickte gefasst und räusperte sich.
„Die Kurzfassung, vor drei Wochen waren die Jack und Ryan auf eine Party eines Arschlochs namens Adrian Drosser eingeladen, die gehen alle auf die gleiche Schule und Adrian ist so ein Möchtegern Gangster Boss der sich wie blöde aufspielt und einen Haufen Schläger herumkommandiert.
Jedenfalls beobachten die beiden wie Adrian etwas in einen Drink schüttet und einem Mädchen anbietet und das arme Ding hoch zu einem Schlafzimmer führt. Verdammt die beiden haben an dem Abend eine Vergewaltigung verhindert. Die Opfer heißen Yolanda und Margarethe Bluhm.
Und gestern …“, sie schluchzte laut auf „ … gestern waren die vier im Wald spazieren und auf dem Rückweg lauerte ihnen Adrian mit neun Schlägern auf, die die vier zusammenschlagen und töten wollten. Gott sei Dank trainieren die beiden Jungs wie besessen und konnten sich gut wehren und die Schläger umhauen. Aber dieser Adrian Bengel hat auf Ryan geschossen und schwer verletzt.
Und hier kommt das abscheuliche. Yolanda hat alles gefilmt, auch was sie in den beiden Wagen gefunden hat. Vier schwarze Leichensäcke, Tape und Schaufeln. Da kommt einem echt das Essen hoch. Und Jack hat geschäumt vor Wut. Aus einer Ahnung heraus hat er die Video-Aufnahmen sofort an Akira und Kaz geschickt.“
„Warum? Sorry dass ich dich unterbreche“
„Komm schon, Kaz hat über fünf Millionen Follower über diverse Videoplattformen verteilt und Akira hat knapp dreihunderttausend. Lies dir nur diesen scheiß Artikel durch, dass weißt du warum.
Jedenfalls zurück zu gestern. Die Polizei war dann zum Glück schnell da und hat alles aufgenommen. Die waren ziemlich platt als sie die lange Reihe an bewusstlosen Schlägern und den Stapeln mit den Waffen gesehen haben und haben Verstärkung angefordert. Zwei gegen Zehn. Leider hat es Ryan schwer erwischt, er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht und operiert und wir sind noch alle am Bangen, weil er immer noch in einem sehr kritischen Zustand ist.“
Liz atmete schwer aus und schüttelte nur ungläubig den Kopf.
„Das ist doch einfach nur krank dass wir in einer Welt Leben, wo Kinder andere Kinder umbringen.“
„Ist es. Hier, Das ist das Video.“
Helena reichte Liz ihr Handy und Liz startete mit bangem Gefühl das Video. Es war genauso wie ihre Freundin es ihr beschrieben hatte nur sehr brutal und grafisch und bei einigen Momenten rumorte ihr Magen heftig. Gerade die Aufnahme wo Jack seinem Bruder Jacke und Oberteil aufriss und seine Hände auf die stark blutende Wunde presste während im Hintergrund eines der Mädchen heftig schluchzte. Als die Aufnahme zu Ende war fühlte sich Liz entsetzlich. Jack und Ryan waren so nette Jungs mit einem ausgezeichneten moralischen Kompass. Sie taten das einzig richtige und verteidigten sich und die Mädchen und zum Dank kämpfte Ryan jetzt mit dem Leben. Sie war zwar sehr friedliebend, aber diesem Adrian hätte sie jetzt gern etwas Scharfkantiges zwischen die Rippen geschoben. 
„Wie geht es Emma?“
„Frag nicht, sie ist regelrecht explodiert, als die Polizei sie angerufen hat. Sie ist in Angst um Ryan und trotz allem unglaublich stolz auf die beiden. Und da Jack das Video sofort an Akira geschickt hatte, wussten auch wir sofort Bescheid. Und Johnny hat sofort seinen großen Bruder ans Telefon geholt und die drei haben eine Notfall-Videokonferenz eingeläutet.“
„Mit welchem Ergebnis?“
„Weiß ich nicht genau, ich war nicht dabei und vorhin waren sie wieder heftig am Diskutieren. Weißt du das wirklich ekelhafte an dieser Geschichte ist, dass Adrian inzwischen wieder auf freien Fuß ist. Sein Vater Torsten Drosser hat verdammt viel Einfluss und er besitzt etliche Zeitungen und mehrere Fernsehsender. Die Zeitung da vor dir, gehört auch ihm. Und dieses Arschloch hat die rosarote Brille auf wenn es um seinen missratenen Sohn geht. Schlimmer noch, der Bastard ist ganz dicke mit dem Polizeichef und dem Bürgermeister, was eine unfaire Scheißwelt in der wir leben.
Weißt du, Die beiden retten das Mädchen vor einer Vergewaltigung und zur Belohnung will dieser Spinner mit seinen Schlägern die beiden umbringen, die Mädchen vergewaltigen und dann wahrscheinlich auch umbringen und dann irgendwo im Wald verscharren. Und die Jungs machen einen Weltklasse Job in ihrer Verteidigung auch wenn sie hart einstecken müssen. Jetzt sind alle vier im Krankenhaus, die Polizei ermittelt, auch wenn sie definitiv Druck von oben bekommen werden die Ermittlungen einzustellen und diese scheiß Presse hat nichts besseres im Kopf als die Fakten völlig zu verdrehen und die vier als die Bösen darzustellen und den Ruf unserer Familie komplett durch den Dreck zu ziehen.“
„eurer ganzen Familie?“
„Ja, du musst den Artikel weiterlesen. Kaz wird als waffenliebender gemeingefährlicher Psychopath bezeichnet, der die beiden angestiftet hat – das mit den Waffen stimmt ja auch. Emma als verantwortungslose Mutter, Johnny als größenwahnsinniges Kapitalistenschwein und Kriegsprofiteur. Und die Familie der Mädchen kommt auch nicht gut weg, alles Nazis.“
„Bitte Was? Und warum Nazis?“
„Weil diese Familie stark vom Militär geprägt ist. Der Vater ist ein hochrangiger Offizier beim Heer und die Mutter war bis zur Geburt der Mädchen ebenfalls Berufssoldatin. Alles Lügen, was diese Schweine da schreiben. Trotzdem werden Millionen von Menschen diesen Scheißdreck lesen und glauben.“
Helena schüttelte sich vor Wut und ballte die Hände zu Fäusten.
„Und weißt du was? Adrians Vater ist super gut mit dem Schulleiter der Schule befreundet, auf den all unsere Kinder gehen. Jack und Ryan wurden der Schule verwiesen. Und Akira auch, obwohl sie in keinster Weise etwas damit zu tun hat. Es trifft sie nur, weil sie den gleichen Familiennamen hat. Und Yolanda und Margarethe hat es auch erwischt. Es ist einfach nur zum kotzen. Akira ist im Abschlussjahr und hat sich schon intensiv auf ihre Prüfungen vorbereitet, und jetzt das. Abitur ist in wenigen Wochen und man wirft sie von der Schule.“
Liz stand auf und setze sich neben ihre Freundin, schlang den Arm um sie und drückte sie fest.
„Es wird alles gut, eure Familie hält in Krisenzeiten zusammen.“
Sie dachte einen Moment an ihre Assistentin Mara Bluhm, die würde schäumen wenn sie davon erführe, Die Mädchen waren ihre Cousinen.
   Helena lächelte schwach, dann grinste sie ein bisschen.
„Du weiß schon, dass du auch zur Familie gehörst? Mein Mädchen schwärmt total von dir. Und Johnny lobt dich in höchsten Tönen, ohne dich würde er das mit dem Konzern nie schaffen.“
Liz spürte wie sie rot wurde. Der Gedanke fühlte sich gut an, zumal sie ihre Familie praktisch verstoßen hatte. Allerdings war der Zeitpunkt schlecht gewählt, wo doch die Jungs schwer verletzt im Krankenhaus lagen.
„Und ich glaube wir brauchen jetzt auch echt deine Hilfe.“
„Ich versteh schon, die temporäre Leitung der Firma.“
„Das nicht unbedingt, wir dachten da an etwas anderes.“
Liz hob fragend die Brauen.
„Jetzt bin ich aber neugierig, was denn?“
„Als emotionale Stütze für Sebastian, also Kaz. Er kommt fürs erste wieder nach Deutschland zurück. Wie du gesagt hast muss eine Familie in der Krise zusammenhalten.“
Liz Magen sackte ihr in die Kniekehlen, sie fühlte als hätte jemand den Teppich unter den Füßen weggezogen. Glücklicherweise bemerkte Helena nichts davon.
„Er muss sich jetzt um eine Menge kümmern und Sachen abklären. Jetzt ist bei ihm alles so viel komplizierter jetzt wo Amber bei ihm wohnt.“
Helena sagt das alles so nebenbei, aber in Liz Magen krampfte es sich heftig zusammen. Wer war Amber, eine Freundin, seine Frau? Sie fühlte sich auf einmal ganz miserabel.
„Huh, alles in Ordnung? Du siehst so blass aus.“
Helena sah sie besorgt an. Liz schüttelte den Kopf und kämpfte gegen die Tränen. Alle Hoffnung für ein gemeinsames Leben war umsonst.
„Oh, Ich denke ich verstehe dich. Naja weißt du, im Grunde genommen dachte ich mir du würdest dich darüber irgendwie ziemlich freuen.“
„Über was denn bitte? Dass er mich abgesägt hat und sich ‘ne andere gesucht hat?“
„Nein nein, du verstehst das total falsch. Amber ist nicht seine Freundin, sie ist seine fünfzehn Jahre alte Adoptivtochter.“
Liz erstarrte und sie kam sich schrecklich dumm vor. Sie lachte unsicher auf, aber es klang falsch. Helena schob Liz ihr Handy hin. Ein Bild von einem unsicher lächelnden Mädchen mit zotteligen dunkelbraunen Haaren, einem sehr hübschen Gesicht, großen grünen Augen und Sommersprossen.
Wärme stieg in ihr auf, der Schreck wich einer angenehmen Vorfreude.
„Wie lange bleiben die beiden?“
„Das steht noch nicht fest, aber der Plan ist, dass Amber in Deutschland zur Schule gehen soll. Und ich weiß das ist vermutlich sehr schwer für dich, aber können die beiden vorerst bei dir einziehen?“
Die eine Hälfte von Liz wollte in Tränen, die andere in Freudengeheul ausbrechen.
„Naja es wird vielleicht eng und Amber hat kein eigenes Zimmer, aber als Übergangslösung ist das machbar. Dann müssten wir halt zu dritt in dem riesigen Bett schlafen oder einer schläft auf dem Sofa oder auf einer Matratze.“
„Danke sehr, du bist ein Schatz! Aber ich bitte dich dreihundertfünfzig Quadratmeter sind nicht eng! Außerdem wird es Zeit, dass die Kleine ihre Mama kennenlernt“
Liz guckte verdutzt. „Das verstehe ich jetzt echt nicht.“
„Komm schon, ihr beide seit euch so nahe, dass es schon lange über eine normale Freundschaft hinausgeht. Und ihr quält euch so sehr. Es ist so süß, dass ihr euch beide seit zehn Jahren standhaft weigert euch einen Partner zu suchen. Gib doch zu, dass du ihn haben willst.“
Helena lächelte ihr aufmunternd zu.
„An dem Tag wo er mir gesagt hat, dass er auswandern will, wollte ich ihm einen Heiratsantrag machen.“
„Oh, wie süß. Hast du den Ring und alles noch?“
„Klar, ist oben in einer Schublade.“
„Die Kleine hat so viel mitgemacht, dass sie jetzt bestimmt gut jemanden gebrauchen könnte, die in die Rolle einer Mutter schlüpft. Ich glaube das kannst du sehr gut. Ich sehe es ja bei meiner Tochter, dass du ein Händchen für Kinder hast. Und jetzt bekommt die Kleine nicht einmal eine  Verschnaufpause sondern wird gleich ins nächste Familiendrama hineingerissen. Ihre Eltern sind im Herbst bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und die Kleine lag wochenlang im Krankenhaus, hat Kaz erzählt. Sie hat keine näheren Verwandten mehr und wurde sofort in ein Heim gebracht, wo Kaz regelrecht über sie gestolpert und sich anscheinend sofort in das kleine Mädchen verliebt hat. Ich finde sie hat gewisse Ähnlichkeiten zu dir, bis auf die Hautfarbe.“
Liz lächelte verlegen, auch wenn sich schrecklich unwohl fühlte. Armes kleines Mädchen.
„Warum hast du eine Glatze?“
Liz zuckte zusammen, der Themenwechsel kam super abrupt.
„Ähm. Naja, ich hatte immer schon ziemlich dünne Haare. Und vor drei Jahren sind sie schlagartig ausgefallen. Ab dem Zeitpunkt hab ich angefangen nur noch Perücken zu tragen und mir eine Glatze gemacht. Anfangs hab ich mich rasiert und später hab ich ein Mittel von Horizon dafür genommen.“
„Kann ich es nochmal sehen?“
Liz nahm die Perücke ab und legte sie auf den Tisch, dann drehte sie sich zu ihrer Freundin hin.
„Wow, darf ich?“
Liz nickte und Helena strich ihr über den haarlosen Kopf.
„Fühlt sich total abgefahren an, wie Babyhaut. Und der Anblick ist schwer gewöhnungsbedürftig. Aber dein Kopf hat eine tolle Form, ich glaube dir steht sowas. Ist das für immer so?“
„So dünn wie meine Haare waren bin ich nicht traurig, dass das Elend endlich ein Ende hatte. Und ich mag kurze Haare. Zwar war es nicht unbedingt geplant mir eine Glatze zu machen aber so ist es jetzt nun mal. Aber mich würde es nicht stören bis zu meinem Lebensende so rumzulaufen. Jetzt wo ich darüber nachdenke, sollte man es im Leben unbedingt mal probiert haben.“
Helena schluckte und schüttelte den Kopf.
„Nein, also ich weiß nicht. Bei mir könnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Außerdem würde es tausend Jahre dauern, bis es wieder nachgewachsen ist.“
„Du könntest ja einfach eine Perücke tragen.“
„Nein, ich bin nicht so der Typ für Perücken.“
„Musst du ja auch nicht. Aber zurück zu gerade eben. Es war immer schon mein Lebenstraum eine eigene Tochter zu haben, deshalb hat es mich ja auch so fertig gemacht, als mir die Ärzte verkündet haben, dass ich keine Kinder bekommen kann. Und ich bin seit zwanzig Jahren in diesen Verrückten verknallt, der mein Leben total auf den Kopf gestellt hat. Ich bin jetzt sehr unsicher. Vor über zehn Jahren haben ich und Kaz eine Weile zusammen gelebt und es war die tollste Zeit meines Lebens. Und jetzt droht sich das Ganze zu wiederholen nur dieses Mal sind wir ein Jahrzehnt älter und dieser Kindskopf hat anscheinend ein wunderschönes Mädchen adoptiert und bringt es nach Deutschland mit. Ich glaube ich hab Angst davor wie sie mich sieht. Ich bin doch ein Monster.“
„Ich bitte dich, du hast jetzt so viel Erfahrung Akira und den Jungs, dass ich mir da echt keine Sorgen mache. Und du bist schön auf eine ganz besondere Weise.“
Helena starrte einen Moment in die Leere. Dann schniefte sie lautstark und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Liz nahm sie in den Arm und drückte sie fest. Helena schluchzte heftig und ihr Körper bebte. Sanft strich Liz ihr über Kopf und Rücken bis sie sich wieder beruhigt hatte.
„Ich war gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, würde es dir etwas ausmachen mich dorthin zu begleiten? In meinem Zustand traue ich mich nicht selbst zu fahren.“
„Das musst du mich nicht fragen, ich fahre dich sofort, kein Problem. Ich brauch nur einen Moment um mir etwas anzuziehen und Mara Bescheid zu geben.“
Sanft löste sie sich aus der Umarmung, stand auf und eilte ins Schlafzimmer wo sie sich legere unauffällige Kleidung anzog und sich die Bob-Perücke auf den Kopf setzte, die sie auch im Konzern trug. Helena saß noch auf dem Sofa und tupfte sich die Wangen mit einem Taschentuch trocken. Bei ihrem Anblick erhob sie sich etwas wacklig.
„Du bist ein richtiges Chamäleon weißt du das. Und du siehst immer so toll aus.“
„Es macht mir ja auch Spaß so viele verschiedene Sachen zu probieren. Soll ich dich stützen? Du siehst sehr wackelig aus. Warte ich bringe dir deine Schuhe und deinen Mantel, eine Sekunde.“
Ein paar Minuten später sah ihr Helena in ihrem schicken Wintermantel dabei zu wie sie schnell in ein paar Stiefel und in einen langen Wollmantel in gedeckten Farben schlüpfte. Draußen im Hausflur sprang sofort das Licht an und Liz prüfte kurz ob sie alles Wichtige dabei hatte, dann schaltete sie das Licht in der Wohnung aus und schloss die Tür. Sie fuhren mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage und steuerten Liz Wagen an. Was die Wahl des fahrbaren Untersatzes anging passte sie schon ausgezeichnet in Kaz Familie. Dort in einer Ecke stand ein mächtiger schwarzer Land Rover Defender 110 mit getönten Scheiben. Aber den fuhr sie nicht mehr. Neben dem Defender stand ein furchteinflößender schwarzer SUV. Ein Mix aus einem Rolls Royce und einem Geländewagen. Ein Omega Hound und zu ihrer Freude gepanzert und voll elektrisch. Mit einem Fond mit extra viel Beinfreiheit und einer schönen kleinen Snackbar. Und sie fuhr am liebsten solo, wenn sie es sich zeitlich erlauben konnte.
   Suzi brachte sie immer mit dem Lambda Swordfish Escort in die Konzernzentrale.
Mara wartete schon in ihrer Dienstmontur neben dem Wagen, die kurzen schwarzen Haare noch etwas feucht vom Duschen.
   Emma und Johnny fuhren das exakt gleiche Modell von Defender 2020, nur Emmas Jungs durften in Kaz alter Defender Gurke herumfahren, die war aber zumindest auch schwarz und machte die beiden arm. Sie hielt den Defender für ein Sicherheitsrisiko, deshalb hatte sie sich für Omega entschieden, die waren die neue sichere Edelklasse und der Ruf und die Qualität war ganz ausgezeichnet. Omega hatte dafür gesorgt dass „Made in Poland“ im Autobau für etwas sehr positives und kraftvolles steht.
Helena stieg hinten ein und Liz und Mara vorn, Liz fuhr. lautlos sprang der starke Elektromotor an. Benziner und Diesel waren echt selten geworden.
„Zu welchem Krankenhaus muss ich?“
„Zur Berliner Charité.“
Liz nickte wissend und fuhr langsam aus der Tiefgarage und dann in zügigem Tempo durch den Nachmittäglichen Verkehr.
„Ich glaube es ist wichtig dass ich dir ein paar Sachen über den Vater der Mädchen berichte. Er ist ebenfalls äußerst schlecht gelaunt darüber in welches Licht seine Familie gerückt wird. Gestern war es so, dass Yolanda im Krankenwagen bei ihren Eltern zuhause angerufen hat und das nötigste berichtet hat. Die Eltern haben den Militär Drill definitiv im Blut, denn sie sind keine fünfzehn Minuten nach dem Krankenwagen in der Klinik eingetroffen. Emma traf eine halbe Stunde später mit ihrem Bruder und der halben Horizon Garnison im Schlepptau ein. Ryan war zum dem Zeitpunkt schon im OP und Jacks Wunden wurden genäht, die zum Glück nicht so schlimm waren, wie sie aussahen. Die Mädchen waren gefasst, standen aber unter Schock und brachten kaum ein Wort über die Lippen. Johnny hat den Eltern Mädchen das Video gezeigt und der Vater Manfred hat mit regungsloser Miene aber vor Wut lodernden Augen zugeguckt, während seine Frau Matilda, die in dem Krankenhaus als Krankenschwester arbeitet, in Tränen ausgebrochen ist. Emma hat keine einzige Träne verdrückt, sie war einfach nur so voller Wut und Hass auf diejenigen, die ihre beiden mutigen Jungs so zugerichtet haben. Dieses schreckliche Ereignis hat unsere Familien zusammen gebracht und ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die sich mit der falschen Familie angelegt hat. Manfred und Matilda kommen beide aus einem Zweig alter stolzer Militärfamilien, bei denen in jeder Generation die Jungen zum Militär gehen und mittlerweile auch die Mädchen. Und Manfred hat zwei Brüder, er ist der jüngste. Wolfgang ist der Mittlere und hochrangiger Befehlshaber beim KSK und der Wilhelm ist der älteste, war ebenfalls Befehlshaber beim KSK, musste aber den Dienst nach einer schweren Verletzung im Einsatz quittieren und hat vor über fünfzehn Jahren ein Unternehmen für Security und Personenschutz gegründet, das einen ausgezeichneten Ruf haben soll.
Jedenfalls sind die vier zu dem Schluss gekommen, dass es wohl das Beste wäre, wenn die vier Jugendlichen unter Schutz gestellt werden sollte, zur Sicherheit. Manfred hat also seinen Bruder kontaktiert und weniger als eine Stunde später parkten auf dem Parkplatz unten zwei Mannschaftswagen und zwölf Sicherheitsleute von Bluhm Security haben wortlos ihren Posten bezogen. Und momentan bereiten sich HRZN Gardisten und Ritter darauf vor in Orcas zu steigen und den Komplex zu besetzten. Auch wenn mich das total gruselt, die sind ja wie ‘ne Armee.
Emma und Matilda sind geblieben während Manfred und Johnny zu uns nach Hause gefahren sind und eine Notfall Konferenzschaltung mit Kaz gestartet haben. Danach hat Johnny ein paar Sachen für die Jungs und für Emma eingepackt und die beiden sind wieder ins Krankenhaus gefahren, wo sie die ganze Nacht Wache gehalten haben. Ryans Operation war erfolgreich, aber sein Zustand bleibt kritisch und er ist nicht bei Bewusstsein. Jack schläft die ganze Zeit und Yolanda weicht ihm keinen Zentimeter von der Seite. Ihre Schwester Margarethe sitzt mit ihrer Mutter und zwei Sicherheitsleuten vor der Intensivstation und bangt um das Leben ihres neuen Freundes. Die Ereignisse der letzten Wochen haben die vier Teenager echt zusammen geschweißt. Und als heute Morgen die ersten Artikel zu dem ganzen erschienen sind ist das Ganze erst so richtig hochgekocht. Und dann die Nachricht dass man Adrian laufen gelassen hat und dass die Kriminalpolizei, die diese Sache untersucht, absolut nicht reagiert. Manfred und Matilda kochen vor Wut und deren Geschwister und Eltern sind mittlerweile im Bilde. Und dieser Bengel Adrian schürt das Ganze noch an, indem er auf Twitter über die vier ordentlich herzieht und sich als das Opfer darstellt. Kaz und Akira haben sich zusammen getan und arbeiten an einer Video Sache um die Fakten wieder klar zu rücken.“
Mara neben ihr rückte unruhig auf ihrem Sessel herum, sie ahnte etwas.
„Oh man, das ist echt eine ganze Menge. Ich finde es klasse, dass sich alle so ins Zeugs legen.“
„Ist doch selbstverständlich. Alle ziehen an einem Strang und helfen sich gegenseitig.“
„Wie geht es deiner Tochter?“
„Akira ist wütend, hat sich in ihrem Zimmer verschanzt und arbeitet an dem Video.“
„Ist das nicht riskant wenn sie allein ist?“
„Nein, Akiras Freund Sahid ist da und auf dem ganzen Grundstück sind Sicherheitsleute von Bluhm Security postiert. Wilhelm ist den Jungs über alles dankbar, dass sie seine Nichten vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt haben und sieht es sich als seine Pflicht an, auf alle Beteiligten aufzupassen. Ich denke das ist unglaublich wichtig, da diese niederträchtige gekaufte Presse uns alle in den Dreck ziehen wollen. Ich wette dich nehmen sie auch ins Visier. Und es wird viele Schaulustige und Mitläufer geben, die unsere Familien angreifen werden. Es ist einfach nur ekelhaft was man seit heute Morgen in den sozialen Medien liest.“
Bei dem Gedanken schluckte Liz. Gestern noch war die Welt in Ordnung und jetzt herrschte regelrecht Krieg. Nein das stimmte nicht, die Welt war immer schon ein relativ mieser Ort gewesen und mit den Clowns hatten sie seit zehn Jahren aktiven linksextremen Terrorismus in Europa.
Und ihre Wohnung mit dem riesigen Panorama Fenster. Wenn das nicht eine erstklassige Zielscheibe war. Ein Schauer lief ihr den Rücken runter zum Glück war sie bestens vorbereitet.
„Da vorne ist es. Oh nein, siehst du die Schar mit den Schildern vor dem Eingang? Verdammter Mist, an denen kommen wir unmöglich vorbei. Moment, ich ruf kurz meinen Mann an.“
Helena telefonierte leise mit ihrem Mann, während Liz unauffällig einparkte.
„Ok, wir müssen uns einen Moment gedulden, aber gleich kommen ein paar Leute, die uns eskortieren.“
„Würden sie dich erkennen, wenn du dir meine Perücke aufsetzt und ich dir meinen Mantel gebe?“
Helena warf ihr einen überraschten Blick zu, dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich glaube das bringt nichts, außerdem bist du dann ungeschützt. Ich glaube die Presse würde sich nur darauf stürzen, dass die Vizechefin eines Milliardenkonzerns einen mentalen Meltdown hatte und sich den Kopf rasiert hat.“
„Das stimmt doch gar nicht.“
„Ich weiß, aber von diesen Hurensöhnen nimmt dir das doch keiner ab. Und ich möchte unbedingt vermeiden, dass sie dich auch noch ins Visier nehmen. Ich glaube ich als Hausfrau bin ein weniger lukratives Ziel, als eine äußerst erfolgreiche Unternehmerin. Das ist zwar sehr lieb von dir, aber das brauchst du nicht machen.“
Liz zuckte mit den Schultern und lehnte sich in den Sitz zurück. Sie sah neugierig raus, als jemand ans Fenster klopfte. Ein Mann in einem schwarzen T-Shirt und mit schwarzen Cargohosen, das war Nate von Bluhm Security. Ehemaliger Navy SEAL der im Einsatz schwer verwundet wurde und von HRZN Medical zusammengeflickt worden ist, seitdem lebt er in Deutschland und arbeitet bei Bluhm Security. Liz warf Helena und Mara einen Blick zu, diese nickten und die drei stiegen aus.
„Hallo, ich heiße Nate und ich bin die Vorhut. Bitte folgt mir.“
Liz griff nach ihrer Handtasche und schloss den Wagen ab.
„Verhaltet euch ganz ruhig und unauffällig und folgt mir.“
Liz, Mara und Helena folgten dem muskulösen großen Mann vom Haupteingang weg und um das riesige Gebäude der Klinik herum. Hinter einer Ecke standen zwei muskelbepackte Ritter von Horizon in schweren Kampfanzügen und nickten den drei Frauen freundlich zu. Nate übernahm die Führung, danach kamen Liz, Mara und Helena und dann die Ritter. Die Klinik war riesig, deshalb dauerte es einen Moment, bis die Gruppe den nächsten Eingang erreichte. Im Eingangsbereich blieben die Ritter zurück und der Mann führte sie durch ein schier endloses Gewirr von Gängen und Treppenhäusern. Dann hielt er plötzlich inne und deutete auf eine Tür zu einem größeren Wartebereich. Liz und Helena gingen an ihr vorbei in den Raum. Johnny döste auf einem Stuhl. Hatte der nicht eben noch mit seiner Frau telefoniert? Emma lehnte ihren Kopf an seine Schulter und starrte ins Leere. Schräg gegenüber saß ein hochgewachsener Mann mit kurzen graumelierten Haaren mit einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck, das musste Manfred sein. Neben ihm saß eine schlanke mittelgroße Frau mit kurzen blonden Haaren und tupfte sich die tränennassen Augen mit einem Taschentuch, Matilda höchst wahrscheinlich. Zwei HRZN Ritter mit schweren Exosuits und mächtiger Bewaffnung standen wachsam mitten im Raum und wirkten völlig fehl am Platze. Auf der anderen Seite standen ein paar Männer in schwarzen Outfits und ein paar mit Security Uniformen und unterhielten sich leise. Zwei der beiden hatten Ähnlichkeiten mit Manfred, dann mussten das wohl seine Brüder sein und den einen kannte sie gut. Emma bemerkte sie sofort und stupste ihrem Bruder in die Seite. Der war schlagartig wach und sprang vom Sitz hoch um erst seine Frau und dann Liz herzhaft zu umarmen. Emma folgte seinem Beispiel. Manfred und Matilda erhoben sich und umarmten die beiden ebenfalls. Liz kam sich etwas fehl am Platz vor, denn sie kannte die beiden ja gar nicht, jedenfalls nicht direkt. Helena ergriff zuerst das Wort.
„Wie geht es den vieren?“
„Ryan ist immer noch in einem sehr kritischen Zustand, Jack geht es verhältnismäßig gut, er hat eine Menge Glück gehabt. Und auch wenn es vielleicht nicht der passende Moment ist, aber jetzt können wir die beiden zu mindestens zuverlässig unterscheiden. Aua.“
Emma hatte ihrem großen Bruder den Ellenbogen in die Seite gerammt.
„Ist ja gut kleine Schwester. Naja und die Mädchen sind unter Schock. Yolanda schläft momentan auf einem Stuhl neben Jacks Bett und man hat Margarethe erlaubt neben Ryans Bett in der Intensivstation zu sitzen. Ein so schreckliches Erlebnis hat die vier regelrecht zusammen geschweißt.“
Manfred nickte zustimmend.
„Diese Jungen haben ein ausgeprägtes Gespür für Moral und was richtig ist. Mutig, diszipliniert und schlagfertig. Ohne den Einsatz der beiden … nein ich mag mir nicht ausmalen, was mit meinen beiden Mädchen passiert wäre. Es dreht mir die Eingeweide um daran zu denken, dass Ryan schwer verwundet wurde und der Schütze wieder auf freiem Fuß ist. Das wird Konsequenzen haben.“
Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck starrte er für einen Moment an die Decke, dann wandte er sich an Emma.
„Eins habe ich nicht so recht verstanden, warum waren die beiden in der Lage es zu zweit gegen zehn anzutreten und den Kampf zu überleben? Nicht dass ich es in Frage stelle, aber ich finde es ungewöhnlich. Und ich bin sehr dankbar für die Fähigkeiten der beiden Jungen, denn ansonsten müssten wir jetzt um all unsere Kinder trauern.“
Emma lächelte etwas unglücklich.
„Ich weiß nicht genau warum, aber seit frühestem Kindesalter wollen die beiden unbedingt Soldaten werden und zwar bei einer Spezialeinheit. Ihr großes Vorbild ist ein berühmter Ex Navy SEAL und sie ziehen das seit jetzt bestimmt schon fünf Jahren durch jeden Morgen um 4:30 aufzustehen. Die beiden trainieren jeden Tag super hart in allen Disziplinen. Muskeltraining, Schwimmen, Laufen, Bogenschießen und Kampfsport. Und sie spielen semi-professionell in einem Airsoft Verein.“
Manfred nickte anerkennend. Die Männer auf der anderen Seite des Raumes hatten Emmas Worten aufmerksam gelauscht und tauschten Blicke untereinander.
„Wahrscheinlich ist es nur ein seltsamer Zufall der unsere Familien zusammengeführt hat, aber wenn es der Wunsch der beiden Jungen ist beim KSK zu dienen, dann werde ich verdammt nochmal dafür sorgen, dass man ihnen die Chance gibt, sich zu bewähren. Wir brauchen einfach mehr junge Leute wie die beiden, die bereit sind alles zu geben um für ihre Nation zu kämpfen.“
Emma nickte zustimmend, dann warf sie Liz einen Blick zu.
„Möchtest du die beiden sehen?“
Liz nickte etwas unsicher.
„Komm mit ich zeig es dir.“
Emma führte Liz ein kurzes Stück den Gang entlang zu einer Tür vor der zwei Sicherheitsleute Wache standen. Leise betraten sie den großen Raum in dem momentan nur ein Bett stand. In dem am Fenster lag Jack mit einem großen Pflaster auf der Wange, die Decke bis zur Brust hochgeschoben. Seine Arme waren bandagiert und er hing an einem Tropf mit einer Kochsalzlösung. Auf einem unbequem aussehenden Stuhl saß ein Mädchen, die vornübergebeugt halb auf Jacks Bett lag. Als sie eintraten wachte sie schlagartig auf und sah sie erschrocken an.
   Ein ausgesprochen schönes Mädchen mit einem ovalen Gesicht, großen blauen Augen und einer langen blonden Mähne. Jetzt waren ihre Augen vom vielen Weinen ganz verquollen und die Haare ganz zerzaust.
„Hallo Yolanda, Entschuldigung dass wir dich geweckt haben. Geht es dir gut?“
Das Mädchen nickte schnell und lächelte wenig überzeugend.
„Das ist übrigens Liz, Jack und Ryans Tante.“
Liz zuckte bei Emmas Worten vor Überraschung heftig zusammen. Yolanda warf ihr einen fragenden Blick zu, sagte aber nichts. Emma trat an das Bett ihres Sohnes heran und strich ihm sanft eine Haarsträhne aus der Stirn. Liz trat auf die andere Seite neben Yolanda und betrachtete den jungen Mann. Er hatte eine gewisse Familienähnlichkeit mit Kaz. Johnnys Scherz war zwar super geschmackslos gewesen, aber mit der Narbe, die auf Jacks Wange zurückbleiben würde, könnte man die beiden wirklich zuverlässig unterscheiden. Eineiige Zwillinge die zu Emmas Leidwesen exakt gleich aussahen, die gleiche Stimme hatten, die gleichen Klamotten trugen und immer den gleichen Haarschnitt hatten. Selbst ihre Mutter Emma hatte irgendwann aufgegeben die beiden zu unterscheiden.
   Jack regte sich und seine Augen flatterten, dann öffnete er die Augen und sah sich im Raum um.
„Mama? Liz? Yolanda? Ist es schon Morgen?“
„Morgen wäre schön, es ist schon nach drei nachmittags. Hast du Hunger? Ich lass dir etwas bringen. Ich hab dich so lieb mein Großer. Ihr wart so unfassbar mutig, alle sind so stolz auf euch.“
Jack richtete sich ein Stück auf und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Er grunzte dumpf und ließ sich wieder in die Kissen sinken. Er schloss für einen Moment die Augen, dann war sein Blick sehr ernst.
„Wie geht es Ryan? Ich hab seit der OP nichts mehr gehört. Kommt er durch?“
Emma setzte sich auf Bett und seufzte.
„Die Operation verlief erfolgreich und ohne Komplikationen. Aber die Schussverletzung war kritisch und er hat viel Blut verloren. Die Ärzte sagen, dass er eine Chance hat durchzukommen, aber momentan ist er in einem künstlichen Koma und nicht ansprechbar.“
Jack rang sichtlich mit der Fassung. Yolanda griff nach seiner Hand und drückte sie fest.
„Und was ist mit diesem kleinen Scheißkerl Adrian?“
„Es tut mir so leid. Die Polizei hat ihn laufen gelassen.“
Trotz starker Schmerzen bäumte ich Jack im Bett auf, er schäumte vor Wut.
„WAS? Dieser Bastard hat auf meinen Bruder geschossen, mit der Intention ihn zu töten. Drei Augenzeugen, das Video und die Tatwaffe und man lässt dieses Monster laufen. In was für einer Scheißwelt leben wir eigentlich?“
Mit sanfter Gewalt drückte Emma ihren Sohn zurück in die Kissen zurück. Tränen liefen über Yolandas Gesicht. Liz fühlte sich so entsetzlich leer. Ja, was für eine Scheißwelt war das eigentlich. Sie hoffte inständig dass es ihm erstmal verschont bleiben würde, dass die Presse ihre Geschichte total verzerrte und Adrian als den Held und die beiden Brüder als die Monster darzustellen versuchten.
Jack starrte mit wutverzerrtem Gesicht an die Decke, dann brach er und seine Augen füllten sich mit Tränen. Yolanda beugte sich über ihn, strich sich eine lange blonde Haarsträhne hinter die Ohren und küsste ihn sanft auf den Mund. Liz warf Emma schnell einen Seitenblick zu, die das Mädchen in völliger Überraschung anstarrte. Liz beobachtete die beiden Jugendlichen einen Moment dann hörte sie aus dem Gang gedämpfte Stimmen und vernahm energische Schritte. Dann wurde die Tür aufgerissen und zwei Polizisten in Uniform betraten das Zimmer, eine junge dunkelhaarige Frau und ein übergewichtiger Schwarzer um die vierzig. Die Frau hob eine Marke hoch.
„Andrea Wolf, Kriminalpolizei. Wir ermitteln in einem Fall von versuchten Totschlag und versuchter Entführung. Wir haben ein paar Fragen an Yolanda und Margarethe Bluhm und Jack und Ryan Solomon.“
Emma lachte spöttisch auf.
„Warum verhaftet ihr die vier nicht einfach gleich, wo sie doch so gemeingefährliche Mörder sind?“
Die junge Polizistin warf ihrem verdutzten Kollegen einen überraschten Blick zu, dann wandte sie sich wieder Emma zu.
„Entschuldigen sie, ich und meine Kollegen waren die ersten am Tatort und haben den bewusstlosen Schlägern Fesseln angelehnt und Beweismaterial gesichert. Leider war gestern keine Gelegenheit mehr die Mädchen und die Jungen zu befragen. Deshalb sind wir jetzt da.“
„Und warum sind die Schläger und ihr Anführer Adrian Drosser schon wieder auf freiem Fuß? Haben die gesammelten Beweise und das Beweisvideo wohl nicht ausgereicht.“
Die Polizistin biss sich angespannt auf die Unterlippe.
„Ich bin nicht befugt darüber zu reden. Können wir jetzt bitte unseren Job machen? Bitte verlassen sie den Raum.“
Liz zog Emma am Arm, die sich nur sehr unwillig aus dem Raum führen ließ.
Die beiden gingen wieder zurück zu den anderen im Warteraum. Kam es ihr nur so vor oder befanden sich dort mehr Leute als zuvor? Ein hochgewachsener Mann mit kurzen grauen, fast schon weißen Haaren und Vollbart erhob das Wort.
„Für alle die mich noch nicht kennen, ich bin Wilhelm Bluhm, Ex KSK Befehlshaber und jetzt Leiter der renommierten Sicherheitsfirma Bluhm Security.
Meine Angestellten bewachen jetzt die Häuser meines Bruders Manfred und von Emma Solomon und Jonathan Solomon. Zudem sind euch allen jetzt Personenschützer zugeteilt. Nate, ich teile dich Elisabeth Engström zu und du eskortierst die beiden jetzt zu Frau Engströms Haus und prüfst die Lage vor Ort.“
Personenschutz? Liz fühlte sich gekränkt. Sie hatte vor ein paar Monaten ihrer Personenschützerin Mara das Leben gerettet und warum schaltete man nicht einfach HRZN Security ein. Wer hatte schon den Hauch einer Chance gegen die Garde, die Bruderschaft und die weiße Schwesternschaft? War sie so sehr in Gefahr auch ein Opfer zu werden? Wenn schon Opfer der Erniedrigung. Nate trat vor und nickte ihr aufmunternd zu.
„Entschuldigen sie Frau Engström?“
Ein großer Mann mit weißem Vollbart trat vor, Maras Vater wie sie wusste.
„Dürfte ich kurz mit Ihnen und Mara kurz unter sechs Augen sprechen?“
Liz wechselte Blicke mit Mara und Nate zuckte nur mit den Schultern.
„Sicher dürfen sie das, Nate warten Sie einen Moment.“
Sie gingen in ein leeres Zimmer. Dort musterte Wolfgang Bluhm seine Tochter einen Moment zögerlich und fuhr ihr durch die kurzen schwarzen Haare, dann kamen ihm die Tränen und er umarmte sie sehr fest. Sehr emotional für den Kommandanten einer Militärspezialeinheit.
„Oh meine Liebe. Ich dachte ich hätte dich für immer verloren als ich die Nachricht von dem Anschlag auf euch gehört habe. Leider war ich auf einer Mission im Ausland und konnte dich nicht besuchen. Geht es dir gut Liebes? Ich war so in Sorge um dich! Ich lag deswegen nächtelang wach.“
Er löste die Umarmung und trat weinend zurück.
„Ja, mir geht es viel besser und Frau Engström hat sich bereit erklärt die Operationen zu bezahlen, wenn ich als ihre persönliche Assistentin anfange.“
„Wirklich, wie großzügig von Ihnen Frau Engström. Wie kann ich ihnen danken? Die Krankenkasse bezahlt sowas nicht und ich hab als Soldat nicht viel Geld.“
„Nennen sie mich Liz und bitte Du. Wir bei Horizon helfen Menschen in Not und wir haben uns erlaubt eine Analyse ihrer Tochter zu machen und ihr eine bessere Stelle anzubieten. Als Assistentin hat sie ihr eigenes Apartment und ihr Waran Karl wohnt bei mir in der Wohnung.“
„Karl ist bei dir? Gott sei Dank ich dachte er muss wieder zurück in den Zoo. Vielen vielen Dank dass du so sehr auf meine liebe kleine Tochter aufgepasst hast. Das vergesse ich dir nie.“
Er schüttelte ihre Hand und umarmte nochmal fest seine kleine Tochter.
Dann folgten sie Nate durch das Gewirr der Flure zurück zu ihrem Wagen, Mara war dabei direkt hinter ihr und Wolfgang ging zurück zu den anderen. Als sie ihren Wagen erreichte wollte sie auf der Fahrerseite einsteigen, aber Nate hielt sie zurück und streckte ihr die Rechte mit der Handfläche nach oben hin.
   Ja natürlich, jetzt muss ich mich auch noch kutschieren lassen. Sie kramte in ihrer Handtasche und drückte Nate ihren dicken Schlüsselbund in die Hand. Nate nahm auf dem Fahrersitz und Mara auf dem Beifahrersitz Platz, Liz saß auf der Rückbank. Nachdem Nate den Sitz an seine Größe angepasst hatte, drehte er den Schlüssel im Schloss und fuhr aus der Parklücke. Als sie am Haupteingang vorbeifuhren sah Liz die große Menge an Protestlern mit Bannern und Schildern, die auf die Gardisten und Ritter vor dem Haupteingang einschrien und den Weg blockierten. Was für eine merkwürdige Welt.
Die Adresse nach Hause war im Bordcomputer eingespeichert und Nate fuhr den Anweisungen folgend zügig nach Hause. Liz bemerkte, wie extrem wachsam der Ex SEAL war. Auch Mara auf dem Beifahrersitz war hochkonzentriert. Während der Fahrt befragte Nate sie, seine Stimme war der totale Schock, sie klang wie ein Sack Schotter. Er wollte Details zu ihrem Wohnhaus und ihrem Wohnviertel haben, jedwede Besonderheiten und ob ihr in letzter Zeit irgendetwas komisch vorgehkommen wäre. Liz fühlte sich jetzt einfach nur Müde und war genervt. Sie nahm sich ein paar gesalzene Nüsse aus der Snackbar und kaute sie demonstrativ laut.
   Dann erreichten sie den Platz der Nationen. Eine regelrechte Festung aus Beton Glas und Stahl.
Ein Ring aus einem dreißig Meter hohen und über fünfzig Meter breiten undurchlässigen Gebäudezug umringte einen großen quadratischen Park mit über tausend Metern Seitenlänge. An den Ecken waren keilförmige Ausbuchtungen nach außen wie bei einer Festung. Außen herum war auch ein Park mit gut zweihundert Metern Breite Aus der „Mauer“ ragten oben gigantische Wohntürme heraus, deren höchste mehr als Dreihundert Meter in die Höhe ragten. Die Wohntürme waren über breite Wände miteinander verbunden. An vier Punkten gab es in der Mauer tunnelartige Durchfahrten für die Straße und für Fußgänger und Fahrradfahrer. Überall schwerer Beton, Stahl und dickes Glas. Im Zentrum des Parks lag der Platz der Nationen eins, der über dreißig Meter hohe Edelkasten mit dem besten Restaurants Deutschlands in einem Turm und einem vertikalen Hanger mit Flugdeck für Helikopter und VTOLs, dort parkten auch ihre Maschinen und selbst die riesenhaften Orcas passten da geschmeidig rein, wie sie aus Erfahrung wusste.
   Dazu weite Grünflächen und gelegentlich Teiche, Spiel- und Sportplätze, Bistros, Cafés und Restaurants, Supermärkte für jeden Geldbeutel und schicke Einkaufszentren. Dazu ein kleines Krankenhaus und Arztpraxen für jedes Problem. Eine schöne Wohngegend. Allerdings wurde ihr Haus quasi auf allen vier Seiten von einer Mauer aus riesig hohen Wohntürmen, die von außen nach innen pyramidenähnlich höher wurden, umringt. Fast schon bedrohlich ragten sie hoch in den Nachthimmel. So schrecklich viele Möglichkeiten für ein Attentat. Das musste sich dieser Nate wohl denken, sie lächelte abfällig. Nate machte mit seiner Handykamera Bilder der Umgebung, vermutlich von möglichen Schlüsselpositionen und Schwachstellen. Schwachstellen gab es hier nicht.
Der schwere Wagen erreichte die Einfahrt zur Tiefgarage und sie fuhren die gekurvte Rampe hinab.
Im grellen Licht der Tiefgaragenbeleuchtung parkte Nate auf ihrem Stellplatz und schaltete den Motor aus. Nate stieg zuerst aus und sah sich wachsam um, dann öffnete er die hintere Tür und ließ Liz aussteigen. Nate voran gingen sie zu einem der Fahrstühle, Mara folgte ihnen. Im Fahrstuhl zuckte Liz zusammen, als Nate seine Dienstwaffe hervorholte, den Schlitten zurückzog und entsicherte, Mara sah ihn überrascht an. Das trug nicht gerade zu ihrem positiven Wohlbefinden bei, wenn dieser Affe bei einem Haus dieser Klasse und Sicherheit seine Waffe zückte. Im dritten Stock angekommen gingen sie zügig den Gang zu ihrer Wohnung entlang. Nate wollte aufschließen und blieb verdutzt stehen. Liz trat schnell vor und öffnete das biometrische Schloss mit ihrem Handabdruck. Nate nickte dann verschwand er im Inneren während Liz und Mara im Flur warteten.
Nach ein paar Minuten rief Nate „Clear!“ Und Liz betrat ihre Wohnung. In der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit hatte sich wie zu erwarten rein gar nichts verändert.
„Ich lasse euch jetzt allein und mache mir einen Eindruck der Umgebung. Bis später“
Er sicherte seine Waffe und steckte sie weg, dann verließ er die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Liz seufzte erleichtert und ein Teil der Anspannung fiel von ihr ab, dieser nutzlose Spinner war endlich weg. Mara schlenderte durch ihre Wohnung und Karl rannte aufgeregt auf sie zu, als er sie bemerkte. Währenddessen hängte Liz den schweren Wollmantel an einen Kleiderhaken und zog die Lederstiefel aus.
„Mara, möchtest du etwas zu trinken?“
Ihr Assistentin hielt inne und sah sie einen Moment leicht verunsichert an.
„Nur ein Glas Wasser bitte.“
Liz nickte und ging in die Küche während Mara sich die Wohnung weiter anguckte. Wasser für Mara und für sie etwas Stärkeres. Ein paar Minuten später kam sie mit zwei Gläsern aus der Küche, ein Glas Wasser und einen Gin Tonic für sie selbst. Sie stellte beide Gläser auf dem Glastisch an und setzte sich auf ein Sofa. Einen Moment später nahm Mara ihr gegenüber Platz und trank einen Schluck Wasser, dann lehnte sie sich mit überkreuzten augmentierten Beinen zurück.
„Wie fühlst du dich meine Liebe, dein Jahr hatte ja keinen sehr guten Start.“
Mara nickte traurig und wirkte verunsichert.
„Alles ging so schnell, ich hab alles vermasselt und hab den Truck der Clowns nicht kommen sehen und dann war da nur noch Schmerz und Schwärze. Man hat mir die Aufnahmen gezeigt und sie sahen nicht so aus als ob sie mich jemals in all den Jahren gebraucht hätten. Warum haben sie mich eingestellt?“
„Leider eine schrecklich logische Erklärung, Ich habe einen Waffenschein und trainiere regelmäßig mit Waffen, in diesem Land dürfen Zivilisten aber keine Waffen tragen, nicht mal Messer während die Clowns schwer bewaffnet ihr Unwesen treiben. Du warst blutjung und frisch aus der Schule und als Personenschützerin darfst du eine Waffe tragen. Ich habe dafür Sorge getragen, dass du eine Dienstwaffe bekommst mit der ich gut umgehen kann.“
Mara brach in Tränen aus.
„Das ist alles, ich war nur Mittel zum Zweck und eigentlich nur da um ihre Waffe umherzutragen?“
„Am Anfang war das so, aber ich habe dich wachsam beobachtet und realisiert dass du eine gebrochene Person mit viel Potential bist. So wie ich einst. Mein Leben war ziemlich unglücklich und mit Verlaub ziemlich scheiße bis ich bei Horizon gelandet bin. Ich wollte dir immer eine Chance geben dich zu beweisen. Du bist sehr schlau und hast ein Herz für Tiere, das gefällt mir. Und du organisierst gut, bist sehr ordentlich und ein klasse Researcher. Die Wahl für dich als meine Assistentin war da nur naheliegend. Ich möchte dir eine Chance auf ein besseres Leben geben und deine Mentorin werden.“
Die junge Frau fasste sich und wischte sich die Tränen mit den augmentierten Händen weg.
„Ich danke Ihnen … dir dafür, bis auf meinen Vater haben mich alle immer nur wie Dreck behandelt. Ich hab nur Papa und Karl und sonst hab ich keine freundlichen Gesichter in meinem Leben – gehabt.
Die anderen drei die für Sie arbeiten sind sehr nett und freundlich zu mir und ich fühl mich wie in einer richtigen Familie. Ich danke Ihnen so sehr, dass sie Karl aufgenommen haben, das ist keine Selbstverständlichkeit. Ist er brav?“
„Er ist so sanft und lieb, er macht nichts kaputt und ist schlau. Und für meinen Geschmack eine Spur zu neugierig. Aber wenn ich das gewusst hätte, wäre meine Wahl auch ein Kaiserwaran gewesen.
Wie eine schlaue schwarze drei Meter lange Katze.“
Sie lachte und Mara lächelte.
„Wie geht es dir mit der Operation und dem Facelifting?“
„Mir geht es gut auch wenn es anfangs sehr gewöhnungsbedürftig war. Ich mag die Kampfupgrades meiner Arme und Beine und mit den neuen Augen kann ich so viel sehen, was mir vorher nie aufgefallen ist. Vielen Dank, dass Sie die Kosten übernommen haben. Und jetzt erkennt mich keiner mehr und das mag ich, ich mag mein Spiegelbild, das ist was Neues. Und ich liebe das Kampftraining bei Horizon, ich werde jeden Tag besser.“
„Wenn du dich anstrengst nimmt dich der Orden der Schwesternschaft vielleicht irgendwann auf.“
„Das wäre sehr cool, ich habe einen Wahnsinns Respekt vor den Damen des Ordens.“
„Aber zuerst bist du meine Assistentin. Du machst in dieser Rolle einen viel besseren Job als davor als Personenschützerin. Darf ich mal dein kleines Reich bewundern?“
Mara strahlte und nickte eifrig. Karl sah ihnen nach als sie rausgingen.
Sie wandten sich nach links wo eine Stahltür mit der Aufschrift „Personal 3-VII“ prangte.
Mara hielt ihren Chip vor und die Tür glitt lautlos zur Seite. Liz hatte sich diese Räume zuletzt angeguckt, als sie den Rohbau vor knapp elf Jahren besichtigen durfte.
Sie sah sich interessiert um. Rechts ging es zur Gemeinschaftsküche mit einem Essbereich für vier Personen, das war wohl Liens Reich, sie war eine richtig gute Köchin, die in einigen der besten Restaurants der Welt gearbeitet hatte bevor sie für Liz zu arbeiten angefangen hatte.
Liz und ihre Rechnereien, jetzt kochte sie nur noch selbst wenn Lien nicht da war und sie selbst die Zeit hatte. Es war ihr ultimatives Ziel ihre kostbare Zeit nicht zu verschwenden. Das Nobelrestaurant das Haus der Welt hatte eine sehr schnelle exzellente Küche und mit den kurzen Wartezeiten ging sie oft dorthin. Alle Bewohner des Hauses besaßen eine permanente Tischreservierung. Und das Restaurant war erst die Spitze des Eisbergs. Sarah kam nassgeschwitzt in einem Sportoutfit herein, grüßte und leerte den Briefkasten mit der Nummer drei. Mara war Nummer vier. Die Poststelle im Haus kümmerte sich, dass die Post in beide Richtungen ordnungsgemäß zugestellt wird. Aus Gründen des Datenschutzes verwendete man im Haus nur Nummern und Codes.
Der Aufbau war so. Man kam rein, rechts ist die Küche und so, geradezu sind Briefkästen, Wäschesäcke und Organisatorisches, die Treppe nach oben und links waren zwei kleine Apartments nebeneinander.
   Hier unten Nummer drei und vier, oben eins und zwei. Lien war eins, Suzi zwei, Sarah drei und Mara vier, ganz in der Reihenfolge der Einstellung. Oben waren noch ein Gemeinschaftsbad mit großer Badewanne und eine Lounge mit Sitzecke, Entertainment System, Billardtisch und Minibar.
Lien trat im Bademantel aus ihrem Apartment als Liz sich oben neugierig umsah, auf dem Weg in den Wellnessbereich des Schwimmbads im Untergeschoss. Und Suzi mixte sich gerade einen bunten Cocktail an der Bar, die Feuermähne lose hochgebunden.
   Liz fragte ihre Angestellten nach ihrem Wohlergehen und allen schien es sehr gutzugehen.
Das freute sie sehr und dann zeigte ihr Mara ihr Apartment. Sie hatte sich von Emma auf Plänen und VR-Rundgängen erklären lassen, dass jedes Apartment von der Einrichtung vorgefertigt war, es aber viele Möglichkeiten gab den Raum durch faltbare Raumtrenner zu unterteilen und zu individualisieren. Ein kleines Apartment. Zuerst standen sie in einem zwei mal zwei Meter großem Bereich mit drei Schiebetüren. Alles war in Weiß gehalten und das Licht war warm. Sie untersuchte zuerst das Bad. Für eine so kleine Wohnung war das langgestreckte acht Quadratmeter große Bad sehr geräumig. Viel Stauraum und viel Grün. Es sah aus wie in einem Nobelhotel. Auf der anderen Seite war der Ankleideraum mit Garderobe und Kleiderschrank in einem. Dann der Hauptraum. Sie sah sich staunend um. Auf dreißig Quadratmetern war wirklich eine Menge untergebracht. Auch dem Bett war ein großer Plüschwaren in eine Fleece Decke eingekuschelt. Sie lächelte bei dem Anblick.
„Wie findest du es Mara?“
„Ich finde es großartig, fast wie eine große Einraumwohnung mit recht hoher Decke. Und durch die unzähligen Staufächer in den Wänden findet alles seinen Platz. Und durch das große Fenster kommt richtig viel Licht rein, auch wenn man es leider nicht öffnen kann. Und die Klimaanlage ist so toll.
Ich kann mir zur Not auch ein bisschen was kochen, aber Lien nimmt es mir übel wenn ich Dosenfutter und Tiefkühlsachen esse.“
„Ach Quatsch, so hab ich lange Zeit meines Lebens gelebt, hab da keine Scheu.“
„Und die Boni sind der Hammer. Ich kann kostenlos trainieren und schwimmen gehen. Und im Block mit Rabatten einkaufen und Essen gehen. Dazu das tolle Gehalt. Darf ich Sie umarmen.“
„Nur zu, ich finde es toll dass du es so magst.“
Mara umarmte sie fest und weinte Freudentränen.
„So wie sie mit mir umgehen sind sie fast wie die Mutter die ich mir immer gewünscht habe. Sie sind streng, aber fürsorglich und wissen immer wenn ich getröstet werden muss.“
„Das rührt mich zutiefst. Bitte, wir sollten beim Du bleiben meine Liebe. Und du bist immer herzlich eingeladen mich in meiner Wohnung zu besuchen. Ich lasse dich freischalten.“
Mara strahlte.
„Oh, das ist so freundlich von Ihnen … äh dir. Danke sehr.“
„Mal was anderes, wie klappt das denn bei euch vier mit dem Essen, Lien ist schließlich nicht immer da?“
„Wir bekommen von der Küche unten Essen hochgeschickt. Das ist personalisiert und im Gegensatz zu Krankenhausfraß sehr lecker. Man hat mir sagen lassen, dass das Haus der Welt nur die Spitze des Eisbergs ist, die haben da ‘ne riesige Großküche im Keller und jetzt wird mir auch klar warum dieser Liefereingang so riesig ist, die füttern glatt das ganze Haus durch. Und wirklich richtig lecker.
Und es passt sich zeitlich immer an den eigenen Tagesverlauf an, die sind da mega flexibel.
Und im Keller soll es eine sehr gute Kantine für die Angestellten in den Läden geben.“
„Das habe ich tatsächlich nicht gewusst, faszinierend. Ich möchte, dass du mir Gesellschaft leistest wenn ich zuhause oder auswärtig Essen gehe, natürlich nur wenn du willst.“
„Vielen Dank, auch wenn ich das nicht annehmen kann.“
„Ich bitte dich, wir sind eine große Familie hier und bei Horizon. Komm lass uns wieder zurückgehen.“
Auf dem Rückweg dachte sie nach was sollte sie jetzt den restlichen Tag über machen?
„Würde es dich stören wenn ich ins Schlafzimmer gehe und mich ein bisschen Schlafen lege? Die Anstrengung der letzten Wochen zollt ihren Tribut.“
Mara lächelte und schüttelte den Kopf.
   Liz saß noch einen Moment auf dem Sofa und trank in Ruhe ihren Drink aus, dann erhob sie sich und ging etwas wackelig ins Schlafzimmer. Sie legte ihr Prism auf den Nachttisch, stellte einen Timer, schlüpfte aus ihren Sachen und legte sich auf das riesige Bett und schloss die Augen. Schnell dämmerte sie weg.
   Ein energisches Klopfen an der Tür zum Schlafzimmer holte sie aus ihren Träumen. Liz rieb sich die Augen und stand auf und zog sich etwas an. Es war kurz nach sieben abends, der Timer hätte sie ohnehin in einer halben Stunde geweckt. Jetzt verspürte sie einen heftigen Hunger, sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Sie setzte sich wieder ihre lange schwarze Echthaarperücke auf und schob die Tür auf. Mara deutete sie mit der rechten Hand, in der sie eine Fernbedienung hielt, zu dem riesigen Fernseher. Liz stellte sich neben sie und warf einen Blick auf den eingeschalteten Fernseher. Ein Browser mit YouTube, ein neues Video von Kaz, mit dem englischen Titel „Modern Heroes“.
„Von wann ist das Video?“
„Weiß ich nicht genau, aber nicht älter als eine halbe Stunde. Soll ich es starten?“
Liz nickte eifrig und Mara drückte auf Start.
Das Video begann mit einem einzigen eingeblendeten Wort: HEROES. Dann sah man Kaz in seinem Studio vor einem mächtigen Mikrofonständer, er blickte sehr ernst in die Kamera.
„Guten Abend liebe Freunde auf der Welt. Dieses Video wird etwas anders und ist sehr ernst, denn ich berichte euch von einem grausamen und brutalen Ereignis, das sich gestern um fünf Uhr nachmittags in einem Waldstück nahe Berlin, der Hauptstadt von Deutschland zugetragen hat.
Meine beiden Neffen Jack und Ryan, die Söhne meiner kleinen Schwester, und deren Freundinnen wurden von neun Schlägern und deren Anführer Adrian Drosser angegriffen. Aber jetzt möchte einen Moment innehalten und euch ein paar Hintergrundinformationen geben.
Meine Neffen sind identische Zwillinge und sind siebzehn Jahre alt. Seit sie kleine Kinder sind war es immer ihr allergrößter Traum nach der Schule zum KSK zu gehen, der deutschen Militärspezialeinheit, die gleichauf mit den amerikanischen Navy SEALs sind und manchmal besser.
Die Jungs sind verdammt schlau und extrem willensstark und kämpfen für ihren Traum. Sie nutzen Trainingsmethoden, die weltweit von Spezialeinheiten verwendet werden. Ich zeigs euch!“
Eine Videomontage wurde abgespielt. Jack und Ryan beim harten Training im Fitnessstudio, Ausdauerlaufen durch den Wald, Wettkampfschwimmen im Schwimmbad, bei gestoppter Zeit einen Hindernisparkour absolvieren, beim Bogenschießen mit Compoundbögen und unterwegs auf einem Airsoft-Gelände und so weiter.
„Die Waffen Gesetze in Deutschland sind richtig streng und die Jungs können nicht mit echten Waffen trainieren. Aber sie holen das meiste aus dem Airsoft Training mit realistisch schweren Waffen heraus. Sie üben seit Jahren Häuserkampf und das Säubern von Gebäuden. Das ist echt gut. Auch wenn mich meine Schwester daran hindert, dass sie mich mal hier in Texas besuchen, wo sie auf dem Schießstand hinterm Haus mal mit echten Waffen trainieren können. Sie ist echt stur.
Aber genug der Langeweile, jetzt geht’s ans Eingemachte der Story. Lasst uns die Uhren drei Wochen zurückdrehen, als alles angefangen hat. Leider hab ich für diese Story kein Videomaterial, also hab ich basierend auf den Erzählungen eine Animation und Bilder angefertigt. Die Jungs gehen auf eine Privatschule, ebenso wie dieser Mistkerl: Adrian Drosser. Seinem Vater gehören gefühlt die Hälfte aller Zeitungen und nicht wenige Fernseh- und Radiosender des Landes. Die über alles berichten, aber nicht über die seit Jahren herrschende Gewalt der Clown Banden in diesem Land. Adrians Eltern waren also auf einem Kurztrip über das Wochenende und er hat entschlossen in der riesigen Villa seiner Eltern eine Party zu schmeißen. Die halbe Schule ist eingeladen, also auch die Jungs und unsere armen Opfer, zwei populäre Mädels, deren Familie erst letzten Sommer nach Berlin gezogen ist. So sehen die beiden aus, identische Zwillinge wie die Jungs auch. Jack und Ryan fahren zur Party und haben ein wachsames Auge, Adrian Drosser, dem Chef der Junior Clowns ist nicht zu trauen. Die Junioren sind eine stümperhafte Jugend Abspaltung der großen Clowns in Deutschland, sie sind wenig kompetent, aber dennoch brandgefährlich. Sie halten sich im riesigen Wohnzimmer auf, das habe ich hier rekonstruiert mit den Positionen der Mädchen und der Jungen. Die Mädchen setzen sich auf ein Sofa. Von ihrer Position haben die Jungs einen guten Überblick über den Raum, sehr taktisch gedacht. Adrian nähert sich den Mädchen mit Getränken und startet eine Unterhaltung mit den beiden. Zuerst ist all normal, aber nach einer knappen halben Stunde scheint sich eins der Mädchen sehr unwohl zu fühlen und steht mit Mühe auf, wo sie sich kaum auf den Beinen halten kann und sehr müde ist. Adrian bietet ihr an sie nach oben zu einem Gästezimmer zu führen, wo sie sich ausruhen kann. Die Alarmklingeln der Jungs schrillen wie verrückt als sie Adrian dabei beobachten, wie er das erschöpfte Mädchen nach oben führt. Die Schwester auf dem Sofa scheint besorgt. Die beiden folgen ihm und dem Mädchen unauffällig aus dem Raum und nach oben in einen Bereich, wo nicht so viele Partygänger sind. Adrian stößt das Mädchen durch eine Tür am Ende eines leeren Flurs und einer seiner Schläger hält Wache an der Tür. Die Jungs warten einen Moment und folgen dann Adrian durch die Tür und schubsen den Schläger aus dem Weg. Ich glaube wir wissen alle was jetzt folgt. Es ist ein Schlafzimmer und sie sehen das Mädchen auf dem Bett. Sie ist nackt und rührt sich nicht, Adrian hat keine Hose an und sein Glied ist steif. Er gerät in Panik und schreit die Jungen an. Sie seien hier drin nicht erlaubt und müssen sofort gehen, sein Haus seine Regeln. Oder sie werden herausgeworfen. Jack nähert sich dem Mädchen und findet sie bewusstlos vor. Ryan konfrontiert Adrian damit, dass Vergewaltigung eine schwere Straftat ist, während sein Bruder dem Mädchen wieder ihre Kleider anzieht. Die Jungs verlassen den Raum, Jack trägt das bewusstlose Mädchen. Er bugsiert sie vorsichtig in den Wagen, meinem alten schwarzen Land Rover Defender, und Ryan holt das andere Mädchen von drinnen. Minuten später sitzen alle vier Jugendlichen sicher im Wagen. Der Name der Bewusstlosen ist Yolanda und ihre Schwester heißt Margarete. Letztere schluchzt heftig, als sie der Geschichte der Jungs lauscht. Sie fahren ins nächste Krankenhaus, wo die Ärzte sie über Nacht dabehalten und ihr Blut analysieren. Ihre Schwester bleibt die Nacht über bei ihr und die Jungs leisten ihr Gesellschaft. Ende der Geschichte. Nope, leider nicht. Das war lediglich die Vorgeschichte. Jetzt wird es verdammt ungemütlich. Dreckige Clowns. In den nächsten drei Wochen freunden sich die vier Jugendlichen gut an und verbringen fast die gesamte Zeit zusammen, Tage und manchmal auch Nächte, aber nicht das was ihr gerade denkt. Und jetzt geht’s los. Samstag, also gestern, fahren die vier nach dem Mittagessen in einen nahegelegenen verschneiten Wald um dort spazieren zu gehen. Als sie zu ihrem Wagen zurückkehren, der auf einem etwas abgelegen Parkplatz im Wald steht, bemerken sie etwas Ungutes. Sie sind nicht länger allein! Ein Range Rover und ein buntbemalter Minibus der Clowns stehen auf beiden Seiten zum Defender. Jetzt allerdings kann ich euch zeigen was passiert ist, denn die Mädchen waren schlau und haben die ganze Sache gefilmt. Aber ich muss euch warnen, die folgenden Szenen sind unglaublich brutal und nichts für sanfte Gemüter. Ich werde das Video an ein paar Stellen kommentieren, wenn es mir sinnvoll erscheint. Ich verlinke euch natürlich unten das ganze Video ohne Kommentar, das ihr auf meiner Webseite findet. Jetzt los. Die Wagentüren öffnen sich und zehn junge Männer kommen raus, sie sind mit Messern, Baseballschlägern und Macheten bewaffnet. Und den so typischen Clownsmasken die man echt verbieten müsste. Einer ist gekleidet und geschminkt wie der Joker aus dem gleichnamigen Film von 2019. Er hält eine kleine Rede, für die ich Untertitel gemacht habe, da die meisten von euch kein Deutsch sprechen. ‚Guten Abend meine lieben Freunde, kommt doch ein bisschen näher heran. Und hört auf zu Filmen ihr dämlichen Fotzen. Naja, nicht so schlimm, wenn wir mit euch fertig sind schnappen wir uns eure Handys. Es hat mir gar nicht geschmeckt, dass ihr Bengel in mein Haus gekommen seid und meine Gastfreundschaft gebrochen habt. Das ist mein Haus, dort gelten meine Regeln. Ihr hättet euch nicht einmischen dürfen, als ich die kleine Schlampe ficken wollte. Und jetzt bezahlt ihr den Preis. Meine Jungs hauen euch jetzt ordentlich zu Brei und dann bringen wir die Schlampen zu einem besonderen Ort. Wir haben einige schöne Dinge mit ihnen vor. Hahaha, wir sind die Clowns und das ist unsere Stadt, wir machen was wir wollen und keiner kommt uns in die Quere.‘
Nettes Kerlchen er hat ein Gesicht … bei uns in Deutschland würde man dazu Backpfeiffengesicht sagen, also ein ‚punchable Face‘. Gäbe ‘ne nette Zielscheibe für mein AI AX50 ab, auf Papier gedruckt natürlich, leider sitzt er sicher in seinem Zimmer auf der anderen Seite der Welt. Jetzt können wir mal verdammt froh sein, dass die Jungs seit über fünf Jahren knallhart trainieren. Der Tanz beginnt. Die Clowns haben keine Ahnung was ihnen blüht, aber das sind auch nicht die wahren Clowns sondern gewisser Weise Nachahmer. Das sieht jetzt direkt wie aus einem Film aus, ist es aber nicht. Das ist kein Filmblut und es gibt auch keine Cheografie, hier geht’s ums nackte Überleben. Guckt euch nur an wie schnell sich die Jungs bewegen, geschmeidig fast. Einer nach dem anderen fallen die Clowns. Entgegen der Pressemeldung leben diese Schweinebacken (leider) noch. Mit Präzision und minimaler Krafteinwirkung, von ein paar Knochenbrüchen einmal abgesehen. Aber die Jungs müssen hart einstecken, das sind echte Waffen und ich hoffe die Stichwunden sind nicht so tief wie sie aussehen. Und jetzt sind die neun Clowns am Boden, die Jungs atmen schwer und sind verletzt und nur noch der Oberclown ist übrig. Und dieses Arschloch hat eine Pistole, schwer zu erkennen, aber das müsste ‘ne Beretta 92 sein. Zwar versuchen die Jungs zu deeskalieren, aber dieses Clownsgesicht ist nicht wenig durchgeknallt. Verdammt der Schuss hat leider gesessen, hoffen wir das die Kugel nichts wichtiges getroffen hat. Und guter Job Junge den Bastard zu entwaffnen und ihm ins Reich der Träume zu schicken. Und verdammte scheiße, der andere Junge blutet wie ein angestochenes Schwein, irgendwas Wichtiges wurde definitiv erwischt. Das ist nicht gut. Und gute Arbeit mit dem Entwaffnen des Arschlochs. Glücklicherweise sind Notarzt und die Polizei schon auf dem Weg. Hier endet das Video aber die Geschichte ist noch nicht vorbei. Aus Sicherheitsgründen darf ich euch nicht nennen wo die vier hingebracht worden sind, aber sie sind in Sicherheit und das ist alles was zählt. Auf Ryan wurde geschossen und sein Zustand ist zum Zeitpunkt wo ich dieses Video aufnehme sehr kritisch, die Ärzte wissen nicht ob er durchkommt! Die Mädchen haben die Videos auf Jacks Bitte umgehend an mich und Akira, meine Nichte und ebenfalls nicht unbekannte Youtuberin und Streamerin aus Deutschland. Sie wird ein ähnliches Video zu meinem machen. Jetzt mögt ihr vielleicht glauben dass die Clowns hinter Gitter gewandert sind und mit langen Haftstrafen rechnen müssen. Und die Medien die Jungs als Helden feiern. Irrtum. Drecks Land und verdammte Clowns die die Medien und die Polizei in der Tasche haben. Erinnert ihr euch an den Anfang, als ich meinte dass Adrians Vater verdammt viele Medien in der Stadt besitzt? Ja genau, die haben die Fakten so gedreht, dass die beiden Jungs jetzt die Bösen sind. Und die Clowns sind die armen Opfer, zieht euch das Mal rein. Clowns sind Opfer! Ich hab einen Clip für euch und ich hab wieder Untertitel rüber gelegt. Das sind die Nachrichten. ‚Dringende Eilmeldung, Vor wenigen Stunden ereignete sich auf einem Parkplatz in einem Wald nahe der Hauptstadt ein schreckliches Massaker. Zehn junge Leute wurden von zwei extrem gefährlichen stadtbekannten Schlägern, Jack und Ryan Solomon, hinterrücks überrascht und brutal zusammengeschlagen. Die Jungen sind momentan auf der Flucht vor der Polizei. In ihrem Wagen, den sie am Wald zurückließen konnte die Polizei mehrere Pistolen, Sturmgewehre  und zwei Jagdbögen sicherstellen. Die Opfer sind mittlerweile wieder sicher in bei ihren Familien. Das prominenteste Opfer ist Adrian Drosser. Dieser tapfere junge Mann hat sich den Schlägern in die Welt gestellt und hat einen harten Preis dafür bezahlt. Wir melden uns wieder, wenn es Neuigkeiten gibt. Damit zurück ins Hauptstadtstudio.‘ Japp da habt ihr es. Das komplette Gegenteil der eigentlichen Story. So verdammt korrupt ist Deutschland geworden, es ist nicht zu glauben. Ach was heißt hier Deutschland, die ganze westliche Welt. Hier in den USA haben wir doch auch das verdammte Problem mit den Clowns und keiner sagt was, weil alle Angst haben, die nächsten zu sein. Das sind die Nachrichten in Deutschland und genug dämliche Schafe werden glauben, was ihnen die korrupten Medien in den Rachen stopfen. Und was auf den sozialen Medien für eine Grütze über mich und meine Familie geschrieben wird, es ist nicht auszuhalten. Wenn ihr dachtet Twitter war schon vor zwanzig Jahren ein Drecksloch … heute ist es echt nicht besser. Ihr könnt es euch nicht ausdenken, was diese Schwachmaten da von sich geben. Und die Todesdrohungen … Tonnenweise.
Hier wieder ein paar Screenshots mit Übersetzungen. Manchmal hasse ich mein Herkunftsland.
Und die Clowns werden als Helden gefeiert. Das ist nicht zu glauben. Schon mal erwähnt dass viele linksextreme in Europa bei den Clowns sind, wundert mich nicht. Und die Gegner der Clowns sind natürlich alles Nazis. Der Vater der beiden Mädchen ist ein Bundeswehr Offizier und kommt aus einer Familie, wo es Brauch ist, dass die Kinder in der Armee dienen. Die werden von den Medien komplett als Nazis abgestempelt und wirklich übel beschimpft. Und die meisten Opfer der Clowns auf der Welt sind Angehörige und Freunde von unseren hochgeschätzten Soldatenkameraden. Ich bin mit genug Jungs und Mädels der Airforce, Marines und SEALs befreundet, die jemanden an die Clowns verloren haben. Das ist verdammter Krieg und keinen interessiert es. Terror, Zermürbungsangriffe. Um das Bollwerk der Verteidigung des Westens zu schwächen, um die gute Moral zu zerstören. Und wem geht’s prächtig? Keinem Schwein. Die Welt ist ein beschissenes Drecksloch geworden. Die Araber haben ihr ganz eigenes hausgemachtes Problem und das wird wohl auch nie weggehen.
Los, stempelt mich als Verschwörungsfanatiker ab. Die Medien machen das ohnehin schon.
Oder ihr stellt euren Fernseher aus und fangt an mitzudenken. Ich fürchte etwas Großes steht an und uns wird eingetrichtert, dass die Welt ein schöner glücklicher Ort ist. Und die Clowns wollen nur spielen. Sicher doch, und die tausenden Opfer durch die Clowns sind nur reiner Zufall.
Ich will zwar nicht prophetisch sein. Aber bereitet euch gut vor und passt auch euch und eure Familien auf. Wir sehen uns wieder, aber leider nicht sehr bald. Meine Familie ist unter heftigem Beschuss und ich muss bei ihnen sein, damit wir gemeinsam die Krise überstehen können. Meine Adoptivtochter kommt mit, der Papierkram ist eingereicht. Kasimir muss leider hier bleiben. Die sind streng mit der Einfuhr von lebenden Reptilien. Waffengesetze in Deutschland sind für die Tonne, also muss ich leider auf Bögen zurückgreifen und mich auf News und Berichte im Militärbereich zurückgreifen. Tut mir Leid meine lieben Freunde. Machts gut. My name ist Kaz. Over and out!“
Das Video war zu Ende. Liz atmete schwer aus und setzte sich gefasst hin. Das Video lag schwer im Magen aber sie war so erleichtert, dass die Fakten nun klar auf dem Tisch lagen und sich die ganze Welt ein Bild von der Sache machen konnte. Auch wenn bei ihm leider immer dieser Verschwörungswahn zum Spüren kam, aber das war bei ihm schon immer. Er liebte Verschwörungstheorien, Legenden, Geheimnisse und Mythen aller Art. Sie war aber so stolz auf ihren besten Freund und sie freute sich darauf, dass er übernächste Woche in Deutschland eintreffen würde, mit seiner Adoptivtochter.
   Sie lächelte zufrieden und ein angenehmes Gefühl machte sich in ihr breit. Sie saß einen Moment einfach nur dann, dann erhob sie sich und ging in die Küche um sich einen kleinen Snack zuzubereiten. Die nächste Woche würde verdammt entspannt werden und sie hoffte sie würde etwas Zeit in ihrem Ferienprogramm freischaufeln können um die beiden in zwei Wochen vom Flughafen abzuholen und in Empfang nehmen zu können. Für Security würde sie selber sorgen, Bluhm Security war nicht der richtige Partner gegen den Terrorismus der Clowns.
   Mit wie viel Gepäck die beiden wohl anreisen würden? Sie würde einen Schlafplatz für die Kleine vorbereiten, dazu würde sie ihre Freundin Helena um Hilfe bitten. Sie hatte ein gutes Gespür für Kinder. Sie warf einen Blick ins Wohnzimmer wo ihre Assistentin Mara auf dem Sofa saß und in einer Modezeitschrift blätterte. Nate war bestimmt irgendwo draußen und observierte die Umgebung. Sie würde für Mara einfach auch eine Kleinigkeit zubereiten, die junge Frau war ihr sehr sympathisch.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 2

2. Liz – 2. W. Mär – 2045, Samstag – Der Brief

Der schwere Lambda Orca donnerte über den Himmel, sie flogen gerade mit über sechshundert Kilometer pro Stunde über Russland hinweg. Das VTOL Flugzeug war in Japan am frühen Morgen von einem Privatflughafen abgehoben. Es war die Privatmaschine von Elisabeth Engström und sie flogen unter der Flagge des globalen Megakonzerns Horizon.
   Elisabeth, von ihren Freunden nur Liz genannt, nippte an einem Sektglas und warf einen Blick nach draußen, die langen Flüge zehrten an ihr, aber das gehörte zum Beruf dazu. Vorhin hatte sie in ihrer Kabine kurz geschlafen. Dank ihrer Augmentierungen am und im Körper brauchte sie nur wenige Stunden Schlaf und war schnell erholt. Sie saß in einem sehr bequemen Sessel in der Lounge des Fliegers, ihre Assistentin Mara leistete ihr Gesellschaft und tippte auf einem Sessel ihr gegenüber sitzend auf einem Tablet herum. Neben Mara saß Sarah, Liz Sekretärin in einem Sessel und döste mit eingestöpselten Kopfhörern. Die letzten zwei Wochen waren für alle Beteiligten ziemlich hart gewesen – außer für Suzi, ihre Pilotin, die nichts zu tun hatte und das Nachtleben in der Stadt genossen hatte, so sagte sie es jedenfalls.
„Mara, gibt es etwas Neues?“
Die hübsche junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und schweren Augmentierungen sah auf und warf ihr einen schnellen Blick zu.
„Auf den offiziellen Kanälen nichts, wenn man aber tiefer im Netz gräbt findet man beunruhigende Berichte von unabhängigen Journalisten und Aktivisten was die Clowns angeht. Am Freitag gab es ein Attentat auf eine deutsche Militärbasis in Afghanistan. Und dreizehn Attentate auf Zivilisten in Europa in einer Woche. Aber keiner schreibt was dazu. Wäre ich nicht so schwer augmentiert und kampferfahren würde ich mir Sorgen machen. Und angeblich soll es einen Skandal um Horizon in Deutschland gegeben haben, aber ich finde keine Details, nur Lügen und verdrehte Tatsachen. Das war alles Madam.“
„Ich danke dir meine Liebe.“
Sie trank den Sekt aus, stand auf und trat an die Bar um sich nach diesen wenig hoffnungsvollen Nachrichten etwas Stärkeres zusammen zu mixen.
   Als sie den Inhalt des Shakers in einen Tumbler goss, klingelte ihr Prism. Sie seufzte als sie die Nummer ihres Chefs Jonathan Solomon, dem CEO von Horizon, sah und nahm erst einen tiefen Schluck während das Handy weiter klingelte, dann gab sie sich einen Ruck und nahm an.
„Ja was gibt’s?“ fragte sie ernst. Johnny antwortete nicht sofort, war er von ihrer Reaktion überrascht? Das war doch sonst nicht seine Art.
„Warum so ernst, Liz? Du hast es geschafft eine Vertragsunterzeichnung für einen Auftrag in Höhe von fünfzehn Milliarden Euro erfolgreich durchzubringen! Etwas mehr Begeisterung bitte.“
„Ich bin nicht in der Stimmung dazu. Sollen wir zur Firmenzentrale fliegen oder hast du ein neues Reiseziel für uns?“
„Moment mal, nicht so schnell. Denkst du nicht dass es nicht die Zeit ist ein wenig zu feiern? Im Angesicht der Tatsachen gebe ich dir und deiner Crew eine Woche Urlaub, Zeit genug um sich in Ruhe zu erholen.“
Liz atmete tief ein. Eine Woche Urlaub, einfach so?
„Liz bist du noch dran?“
Sie gab sich einen Ruck.
„Ja ich bin hier, ich bin nur überrascht, das ist alles. Dein Angebot ehrt dich, aber …“
„Nichts aber, ich bin immer noch dein Chef. Du nimmst den Urlaub, das tut dir und den anderen gut! Ich will dich nicht vor übernächstem Montag im Büro sehen, verstanden?“
„Verstanden Johnny. Grüß den Rest der Solomons von mir.“
„Mache ich, hast du heute schon was geplant? Ich glaube meine kleine Schwester Emma könnte ein bisschen Zuwendung gut gebrauchen, die letzte Woche lief bei ihr nicht gut. Ärger mit den Jungs und viel Stress bei Solomon Industries, die Gute ist völlig fertig.“
Ihr Hals schnürte sich etwas zusammen, als sie von ihrer besten Freundin hörte.
„Versprochen ich kümmere mich um sie, wie ist denn das Wetter in Deutschland?“
„Der Winter will nicht ohne Paukenschlag gehen, wir haben einen halben Meter Neuschnee letzte Nacht bekommen. Das war ein Chaos auf den Straßen kann ich dir sagen.“
„Wenn du fliegst hast du das Problem nicht.“
„Ach was der Defender reicht völlig aus für sowas.“
„Wenn du das sagst.“
Sie schmunzelte bei dem Gedanken an Johnny und Emma mit den Jungs beim Schnee schippen am Morgen. Aber gut, nicht jeder hatte ein privates Flugdeck im Haus und die Solomons wohnten noch in dem zugigen nichtisolierten alten Kasten in Berlin, der beide Weltkriege überstanden hatte.
„Ok, ich muss Schluss machen, das nächste Meeting startet in fünf Minuten. Wir hier in der Zentrale sind stolz auf dich, das ist ein guter Tag. Tschüss.“
Und er legte auf und sie sah sich in der Lounge um. Sie öffnete einen Chanel zum Cockpit.
„Suzi, kleine Planänderung, wie fliegen zum Platz der Nationen in Berlin Solomon. Für heute ist nichts mehr sonst geplant.“
Dann sah sie zu Sarah.
„Mara, weck sie mal sanft.“
Mara grinste breit und stieß Sarah mit Elan in die Seite, die wachte schlagartig auf und sah sich um.
„So, ich habe schöne Neuigkeiten von ganz oben, wir haben jetzt über eine Woche frei bekommen, also erholt euch gut. Habt ihr Wünsche für heute?“
Sarah biss sich auf die Unterlippe.
„Im Filmpalast in Solomon gibt es heute ein Event, bei dem ikonische Actionfilme gezeigt werden und ein paar der Stars für Autogrammstunden zu haben sind, da wollte ich mit meinem Freund hingehen.“
„Und du Mara?“
Die zuckte mit den Schultern.
„Schlafen, mit Karl spielen und Burger essen. Keine Ahnung.“
Liz seufzte, außerhalb der Arbeitszeit hatte Mara keinerlei Ehrgeiz.
„Wir wäre es wenn ich euch zum Burger Essen zu mir einlade. Ich schicke Lien zum Einkaufen los.“
Sarah und Mara sahen ihre Chefin verdutzt an. Sarah taute zuerst auf.
„Der Event startet um acht, also wenn wir nachmittags essen, passt es bei mir. Und Mara hat doch bestimmt ohnehin nichts Besseres zu tun. Die Faulenzt eh schon zu viel.“
Mara warf ihr einen bösen Blick zu und zuckte mit den Schultern.
„Ich schätze ich habe Zeit.“
„Wunderbar, was soll es denn als Beilagen geben?“
„Pommes.“ Kam es von Mara, „Süßkartoffel Pommes.“ Von Sarah, Liz schmunzelte.
„Dann machen wir beides und einen knackigen Salat. Ich sage Lien Bescheid.“
„Nein ich kann das machen.“ Meldete sich Sarah und stand auf. Liz nickte und nahm wieder Platz. Die Nachricht vom vielen Schnee machte sie glücklich, sie liebte kaltes Wetter, wenn man sich am liebsten warm einkuscheln wollte. Jetzt stöpselte sie Kopfhörer ein und lauschte einem wissenschaftlichen Podcast, während sich der Orca mit hohem Tempo Deutschland näherte.
Stunden später warf Liz einen Blick nach draußen, über Berlin und den kommerziellen Riesenflughafen. Orcas sind größer als eine C-160 Transall und haben zwei Stockwerke mit viel Platz für Aufenthalt, Kabinen und Gepäck.
   Der Platz der Nationen kam in Sicht und die schweren Turboprop Triebwerke schwenkten in die Vertikale und sie wurden langsamer. Suzi war eine erstklassige Pilotin und der Orca landete geradezu sanft auf dem Hangarturm am Platz der Nationen eins, wo sie wohnte. Liz und Mara schnallten sich ab und gingen in Richtung Kabinen. Liz nahm einen unmodischen klobigen Rucksack, den sie schon als Mädchen hatte und ging nach unten, um den Orca mit einem zusätzlichen Rollkoffer im Gepäck zu verlassen. Mara folgte ihr schwer bepackt mit mehreren Taschen. Sarah hatte nur einen großen Wanderrucksack dabei. Suzi würde später nachkommen, erstmal würde sie sich um den Orca kümmern.
   Der Hangarturm besaß einen Fahrstuhl für Flugzeuge und sie besaß eine ganze Etage für ihre Flieger. Einen Orca und zwei kleinere Swordfish um genau zu sein. Ab zum Fahrstuhl und dann in den dritten Stock, vor der Wohnungstür Nummer sieben hielt sie an und öffnete ihre Tür, Sarah bog derweil zu den Angestellten Quartieren ab.
   Es erwartete sie ein aufgeregtes Haustier, dass Mara regelrecht in die Arme sprang. Die Arme klappte unter der Last des Tiers zusammen und Liz lachte auf. Nur war es kein Hund, sondern ein drei Meter langer rund neunzig Kilo schwerer pechschwarzer Waran – Karl. Die große Echse ließ von Mara ab und tappte wieder zurück in die Wohnung wo er vor dem breiten riesig hohen Panoramafenster stehen blieb und sich lang machte. Liz half Mara hoch und die junge Frau stellte ihre Taschen ab und wollte mit ihrem Rucksack wieder verschwinden, aber Liz hielt sie zurück.
„Was denn Madam?“
„Hättest du Lust auf etwas Warmes zu trinken und ein paar Kekse?“
Mara sah sie zögerlich an und nickte dann. Zufrieden stellte sie ihr Gepäck zur Seite und eilte in die Küche wo ihre Köchin und Haushälterin Lien schon dabei war Salat zu waschen, Das Fleisch vorzubereiten, Kartoffeln zu schälen und Dips für die Pommes anzurühren.
„Guten Tag Lien, es freut mich dich wieder zu sehen. Würde es dir etwas ausmachen mir und Mara einen Kaffee aufzusetzen und ein paar Kekse zu suchen?“
Lien nickte lächelnd und nahm zwei Becher aus dem Schrank und warf die riesige Luxus Kaffeemaschine an.
„Es ist übrigens ein Brief an sie gekommen. Aus den USA. Er liegt oben auf dem Schreibtisch.“
Liz schreckte zusammen, aber Lien ließ sich nichts anmerken. Ein Brief aus den USA, war der etwa von Kaz? Liz verließ die Küche und sah Mara beim Fangen spielen mit dem großen Waran zu.
Sie lief auf die Treppe zur Galerie hoch und zu ihrem Arbeitsplatz. Bei der Gelegenheit sah sie im Terrarium nach ob es Scarlett gut ging. Ihr schien es an nichts zu fehlen. Sie nahm an, dass Lien sie bereits gefüttert hatte.
   Der dicke Brief lag auf dem Tisch auf der Tastatur. An sie adressiert und der Absender war Sebastian Solomon, genannt Kaz weil er mit zweitem Vornamen Katsuro hieß, seine japanische Mutter hatte ihn den Namen gegeben. Bedächtig nahm sie den Brief hoch und drehte ihn in den Händen.
   Kaz war ihr bester Freund und kein Mensch auf der Welt stand ihr näher. Er war in Berlin geboren und aufgewachsen, lebte jetzt aber in den USA, in einem kleinen Kaff irgendwo in Texas.
Warum meldete er sich ausgerechnet jetzt? Die Letzte Nachricht von ihm musste einige Jahre her sein. Er war vor zehn Jahren ausgewandert und anfangs hatten sie sich fast täglich Nachrichten geschrieben, dann nur noch im Wochentakt, dann im Monatstakt und irgendwann gar nicht mehr. Nicht dass sie den Kontakt nicht mehr gesucht hatte, aber er hatte ihr einfach nicht mehr geantwortet, egal was sie gemacht hatte. Sie hatte mehr als einen handschriftlichen Brief in die Staaten geschickt und nicht einen hatte er beantwortet. Warum also jetzt? Wollte er sie loslassen oder loswerden? War ihm die Freundschaft denn gar nichts mehr wert?
Sollte sie ihn jetzt öffnen?
   Sie nahm den Brief mit nach unten und legte ihn auf den Couchtisch. Kurze Zeit später brachte Lien ein Tablet mit zwei dampfenden Bechern Kaffee und zu ihrer Überraschung zwei Stücken Käsekuchen auf Tellerchen. Lien war also fleißig in ihrer Abwesenheit gewesen, sie lächelte.
„Vielen Dank Lien. Mara, Kaffee ist fertig.“
Mara löste sich von Karl und setzte sich auf das Sofa gegenüber und nippte an dem Becher Kaffee. Sie warf einen neugierigen Blick auf den Brief.
„Madam, wollen Sie den Brief denn nicht öffnen?“
Liz zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht, ich habe Angst was drinstehen könnte.“
Mara warf einen Blick auf den Absender und zuckte zusammen.
„Sebastian Solomon, der Bestsellerautor? Was will der denn von Ihnen?“
„Von dir.“ Verbesserte Liz, sie mochte es nicht gesiezt zu werden.
„Sebastian ist mein bester Freund und wir kennen uns schon seit ungefähr zwanzig Jahren. Dieser Brief ist das erste direkte Lebenszeichen von ihm in über vier Jahren.“
Mara nickte wissend, hatte aber die Brauen überrascht gehoben.
„Wie lernt man einen Bestsellerautor kennen, wenn ich fragen darf?“
„Darfst du. Er war nicht immer Autor, aber er hat sein ganzes Leben Geschichten geschrieben. Du stehst mir recht nah meine Liebe, soll ich dir meine Lebensgeschichte erzählen oder langweile ich dich damit zu Tode?“
„Das könnten Sie … ähm … könntest du nie.“ Verbesserte sich Mara und warf ihr einen erwartungsvollen Blick zu während sie am Kaffee nippte. Liz nickte und nahm an, dass Mara das auch eher aus Höflichkeit gesagt hatte.
„Mara, keine Scheu, du kannst mir sagen wenn dir etwas nicht passt, ich möchte keine zu strenge unnahbare Chefin sein.“
„Das sind sie nicht, sie sind für uns ein bisschen wie eine Mutter für uns. Gerade für mich, meine Mutter war nicht sehr gut zu mir und sie … du behandelst mich so gut. Das freut mich sehr, ich muss schon aufpassen, dass ich nicht Mama zu dir sage.“ Mara lachte verlegen und Liz fühlte ein wohliges Gefühl in sich aufsteigen.
„Ok, dann möchte ich beginnen. Mit den schmutzigen Details und angefangen bei mir, Sebastian wird im Laufe der Geschichte eine Rolle spielen.
   Ich wurde 2002 in Potsdam geboren und bin in Potsdam aufgewachsen, allerdings nicht unter den besten Umständen und nicht in der schönsten Gegend. Mein Vater war ein arbeitsloser Säufer, dem gerne Mal die Hand ausgerutscht ist wenn er seinen Willen nicht bekommen hat und der drogenabhängig war, ein furchtbarer Mann.
   Meine Mutter, Gott hab sie selig, hat in ihrer Jugend großen Mist gebaut und trotz ihrer hohen Intelligenz – sie war regelrecht hochgebegabt – den Schulabschluss verbockt und arbeite als Prostituierte, worauf sie nicht stolz war. Aber sie war eine sehr liebevolle Mutter, die von ihrem Gehalt heimlich Bücher zu mathematischen Themen und Problemen kaufte und las. Sie brütete dann oft tagelang über einem mathematischen Problem und sie hat mir immer Mathetricks beigebracht, die mir in der Schule sehr geholfen haben. Ich weiß nicht, wie sie an meinen Vater kam und ob er schon immer so ein mieses Schwein gewesen ist. Ich glaube sie hat ihn trotz der häuslichen Gewalt sehr geliebt, was ich nie verstanden habe. Meine Mutter war sehr sehr ehrgeizig und stark, hat aber bis dahin nie etwas aus ihrem Leben gemacht. Den Ehrgeiz hat sie an mich vererbt und ich war in der Schule immer die beste und wurde von den Lehrern ständig gelobt. Aber ich machte mich dadurch unbeliebt und hatte eigentlich keine Freunde. Meine Freizeit verbrachte ich damit in den Büchern meiner Mutter zu lesen und zu lernen. Ich hab viele Nachmittage in der städtischen Bibliothek verbracht und in Büchern gelesen, natürlich nicht nur Sachbücher sondern auch Lesebücher.
Dann als ich zehn wurde verbesserte sich vieles. Mein schlimmer Vater starb an einer Überdosis und meine Mutter bekam endlich eine gute Stelle, die ihrer Intelligenz und ihrem Können gerecht wurde und wir sind in eine schönere Gegend umgezogen. Die kommenden Jahre waren die schönsten die ich hatte. Bis Sebastian in mein Leben trat zumindest. Dann als ich vierzehn wurde stand alles Kopf. Meine Mutter wurde mit Krebs diagnostiziert, einem zu dem Zeitpunkt nicht heilbaren Krebs. Das war so schrecklich meine Mutter in dieser Zeit zu begleiten und ich musste lernen allein klarzukommen, ich hatte keine anderen Verwandten mehr. Die letzten Momente mit meiner Mutter habe ich nur noch geweint bis ich keine Tränen mehr hatte. Es war so furchtbar zu fühlen wie das Leben meiner Mutter entglitt und sie dahinschied. Danach kam ich in ein Heim, ich fühlte mich, als wäre etwas in mir tief drin zerbrochen. Und selbst nach so langer Zeit weiß ich nicht ob die Wunden geheilt sind. Glücklicherweise wurde ich mit sechzehn adoptiert, von den Engströms, einer leicht durchgeknallten Forscherfamilie mit Kinderstarken Jahrgängen. Die sind in den Urlaub immer im Konvoi gefahren so viel Zeugs und Personen hatten die immer dabei. Die besitzen sogar ein eigenes Forschungsschiff. Es war eine tolle Zeit und es war seltsam plötzlich Brüder und Schwestern und Tanten und Onkel und Großeltern zu haben, und alle … die meisten waren so nett zu mir. Ich hab mich schnell daran gewöhnt eine liebende Familie zu haben, aber ich hatte mich in ihnen getäuscht. Weißt du ich wollte nie richtig die Welt bereisen und an irgendwelchen Sachen forschen, aber ich wollte schon immer Menschen helfen und so habe ich den Plan gefasst nach dem Abitur Medizin zu studieren oder Physiotherapie oder sowas in der Art zu machen, aber ich habe meiner neuen Familie meine Pläne nicht anvertraut. Dann kam der Tag an dem ich ein Abitur mit Bestnoten nach Hause brachte und meine Pläne verkündete, da war es aus mit der Familienidylle und es wurde regelrecht feindselig, ich wurde als Verräterin und Nestbeschmutzerin beschimpft und mit meinen wenigen Habseligkeiten einfach so vor die Tür gesetzt. Da stand ich nun, ohne Familie und Unterkunft und ohne Geld da. Aber ich habe niemals aufgegeben und meinen Traum verfolgt. Ich möchte nicht darüber sprechen wie ich mich finanziell über Wasser gehalten habe, darauf bin ich nicht stolz. Aber so bin ich meinem Traum jeden Tag einen Schritt nähergekommen. Ich dachte alles würde besser werden, wenn ich die Ausbildung fertig hätte, aber es tat es nicht. Ich hab mich abgerackert und als Klassenbeste bestanden, aber mein Chef war ein Schwein und hat mich nicht geachtet oder gelobt, selbst wenn die Patienten in höchsten Tönen von mir sprachen. Die Bezahlung war mies und ich habe mehr schlecht als recht gelebt und war nicht sehr glücklich, hatte ich doch immer noch keine richtigen Freunde. Weißt du, der Gedanke von anderen abhängig zu sein hat mich schon immer abgeschreckt, von daher fand ich es immer schon cool mich auf alles vorzubereiten, was passieren oder schiefgehen kann. Ich glaube sowas nennt man Preppen. Jetzt kommt Sebastian ins Spiel. Vor zwanzig Jahren kam ein junger Mann zu mir in die Praxis als ich gerade Dienst hatte und ich nahm mich ihm an, eine Sportverletzung mit einer verletzten Schulter und Knie. Wie auch immer er das gleichzeitig angestellt haben mochte. Ich erinnere mich als ob es gestern gewesen wäre. Bist du mit Actionfilmen der 10er Jahre vertraut? Du bist noch recht jung von daher bin ich mir nicht sicher. Aber es gab den Film John Wick mit Keanu Reaves in der Hauptrolle und Sebastian ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Und als er mit halblangen dunklen Haaren und kurzem Vollbart, durchtrainiert und den Körper voller Tattoos in die Praxis gekommen ist, bin ich fast umgefallen.
Und wir hatten gleich von Anfang an so eine gute Chemie, er hat mir sofort das Du angeboten und mich gebeten ihn einfach nur Kaz zu nennen, Sebastian als Name fand er zu sperrig. Wir haben uns schnell angefreundet und ich hatte meinen ersten besten Freund auf der Welt. Wir haben viel geredet, Filme geguckt, sind spazieren gegangen und haben zusammen gekocht. Aber wir waren nie mehr als beste Freunde, ich wusste auch gar nicht ob er auch überhaupt mehr als das wollte. Er war immer schon ein Kämpfer, der sich durch Leben geschlagen hatte. Für einen Solomon ist er gewissermaßen das schwarze Schaf und nichts ist im einfach so in den Schoss gelegt worden.
Aber die Solomons sind nicht ohne Fehl und Tadel. Aber wehe du sagst du hast das von mir, ok? Kaz in gewisser Hinsicht ein sehr schwieriger Mensch. Er hat zwei jüngere Geschwister Jonathan und Emma und er ist immer aus dem Raster gefallen, mit schlechten Noten und Verhalten. Es ist zwar traurig, aber er wurde dafür immer nur bestraft und mit Missachtung gestraft. Seine Muster Geschwister wurden verhätschelt und belohnt und er wurde so schlecht behandelt. Sein Vater Herbert ist ein Workaholic und seine Mutter Lilly ist sehr sehr streng, besonders zu ihm und er wurde für sein „Fehlverhalten“ oft angeschrien, manchmal auch geschlagen. Das hat ihn echt bitter gemacht. Er war in ein paar Sachen gut, aber er hat sie sich für sich behalten aus Angst vor weiterer Bestrafung. Wie zum Beispiel das Schreiben. Er war schon immer recht gut darin, hat aber erst mir seine Werke gezeigt. Er hat großes Talent, das habe ich schon damals bemerkt. Mit achtzehn hatte er die Schnauze voll und ist ausgezogen, in eine kleine 40 Quadratmeter Wohnung, die er ganz für sich allein hatte. Er sagte er habe sich mit seinen Verdiensten als Kellner und Teilzeitmechaniker über Wasser gehalten, aber das stimmt nicht. In Wahrheit hat er als Teenager ein richtiges Vermögen mit dem Handel von Kryptowährungen gemacht, die Ende der 10er Jahre groß ins Kommen geraten sind. Funfact, Kaz hat Horizon zwar nicht gegründet, aber mitfinanziert, verrat das nur keinem, das ist ein Geheimnis. Offiziell ist er nur der Familientrottel mit dem schlechtesten Abitur in der Familie, einem ergaunerten Bachelor der Informatik und im Master haben sie ihn am Ende rausgeworfen. Interessanterweise ist er insgeheim ziemlich reich, aber er macht sich nichts daraus. Und er fuhr diesen schrottigen uralten Land Rover Defender, den er von seinem Opa Ben geerbt hatte, der beim Bergsteigen ums Leben gekommen war, bevor Kaz geboren wurde. Kaz hat ebenso wie ich praktisch keine Freunde, nur einen übergewichtigen Automechaniker mit dem Spitznamen Xen, aber ich weiß nicht was aus dem geworden ist, da hält sich Kaz bedeckt. Ansonsten hat er guten Kontakt zu seinem Bruder Johnny. Seine kleine Wohnung war der Wahnsinn, vollgestopft bis zum geht nicht mehr und er war damals schon versessen auf Waffen. Er hatte mehrere Bögen, eine Armbrust, eine Axt und so weiter. Und er war der Prepper schlechthin, sogar mit einem Notstromaggregat im Keller und Vorräten für Monate. Ich finde es amüsant, dass er ein Faible für Mythen, Geheimnisse und unerklärliche Ereignisse hatte, Prä-Astronautik und so Krempel. Als Teenager hat er damit angefangen diese Sachen in Videoform aufzuarbeiten und damit hat sein Youtube Kanal gestartet, bis er mehr und mehr zu den Waffensachen übergegangen ist. Ich finde diese Macke mit der Jagd nach Mythen macht ihn sehr liebenswürdig. Wir hatten eine tolle Freundschaft und selbst wenn unsere Leben den Bach runtergegangen wären hatten wir immer noch einander. Der Loser und die Streberin, aber trotz allem waren wir immer füreinander da, als Freunde. Hatte ich erwähnt dass er in einer Sache richtig gut ist? Kochen. Und er hat dann tatsächlich eine Lehre zum Koch gemacht und mit Auszeichnung bestanden. Als Koch hat er die Anerkennung bekommen die er von niemandem sonst bekommen hat. Aber sag das nicht weiter, in der Familie geht immer noch das Gerücht um, Kaz könnte nicht kochen. Kaz hat immer schon geschrieben, aber seine ersten Bücher hat er erst in den USA veröffentlicht. Und die sind eingeschlagen wie eine Bombe und haben ihn binnen weniger Jahre berühmt gemacht, jetzt nennt man ihn nicht mehr einen Versager.“
Ihre Kehle war vom Erzählen ganz ausgetrocknet und sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Kaffee Becher. Mara hatte ihr gebannt zugehört.
„Oh, ich hab den Bestseller Autor irgendwie nie mit der Familie Solomon in Verbindung gebracht. Es schmerzt das er so eine bedrückende Jugend hatte, das war bestimmt ganz schön schwer. Ich glaube das spürt man auch in den Büchern, mit den Charakteren die es auch nicht so gut haben.
Wie ist Sebastian so als Mensch?“
Liz dachte einen Moment nach, das war gar nicht so einfach zu sagen.
„Wenn man ihn kennt ist er sehr liebenswürdig. Aber er hat sich einen harten Panzer zugelegt, zu ihm durchzudringen gelingt nicht jedem. Und ihm ist Freundschaft wichtiger als eine Beziehung. Er lässt seine Freund niemals im Stich. Er hat sich nie eine Partnerin gesucht fürchte ich. Er trägt ein schweres Bündel mit sich herum, lässt es sich aber nicht anmerken. Und er schauspielert ein bisschen, gibt jemand vor zu sein der er nicht ist, das macht ihm Spaß. Mh, er ist immer sehr pfiffig und gut im Improvisieren und trotz seiner Karriere als Autor arbeitet er gern mit den Händen.“
Mara nickte anerkennend.
„Klingt nach einem interessanten Zeitgenossen. Ich hab keine Ahnung wie er so drauf ist, für einen weltberühmten Bestseller Autor ist praktisch nichts über ihn bekannt. Er gibt keine Interviews und Lesungen und hat soweit ich weiß kaum Kontakt zu seinen Fans. Aber er muss ja stinkreich sein.“
„Reich schon, aber er hat sich eine alte Ranch als Unterschlupf gesucht. Er schraubt gerne an Sachen herum und probiert viel aus. Als Prepper hat er sich in diesem Loch irgendwo im Nirgendwo ein Zuhause geschaffen und lebt unabhängig von der Außenwelt. Angeblich damit ihn nichts ablenken kann.“
„Warum ist er denn dann nicht nach Montana gezogen, ein riesengroßer Staat der praktisch leer ist.“
„Kommst du nicht drauf? Die Waffen. Texas hat großzügige Waffengesetze, das war seine Motivation dorthin zu ziehen. Ich glaube Montana wäre ihm zu kalt gewesen, er hasst kaltes Wetter, in der Hinsicht ist er das komplette Gegenteil von mir.“
„Mh, ich würde nur gerne wissen wie er aussieht.“
„Ja, ich auch, ich hab ihn schon ewig nicht mehr gesehen und ich weiß aus dem Stehgreif nicht ob ich ein paar schöne Bilder von ihm habe.“
Mara sah so aus, als würde ihr etwas unter den Fingernägeln brennen.
„Mara, wenn du eine Frage hast stell sie ruhig. Es gibt keine falschen Fragen.“
„Ähm, darf ich fragen wie du beruflich von einer Physiotherapeutin zu einer der mächtigsten Frauen auf dem Planeten geworden bist?“
Liz lachte verlegen, das war eine interessante Frage.
„Ich würde mich nicht als eine so mächtige Person bezeichnen, auch wenn ich als Vizechefin von Horizon recht viel Einfluss habe. Mh, ich und du haben ein bisschen was gemeinsam, insofern sich unser Leben nach einem schrecklichen Unfall sehr verändert hat. Ich nenne es den Crash, vor knapp elf Jahren. Ich war mit meinem Wagen auf dem Weg nach Hause als mich ein Truck frontal erwischt und mich und mein Auto zu Matsch gefahren hat. Ich bin im Krankenhaus aufgewacht. Mit amputierten Beinen, amputiertem linken Arm und schweren inneren Verletzungen. Augmentierungen wurden damals von keiner Kasse bezahlt, nicht mal den privaten, jetzt sind die etwas lockerer geworden. Da lag ich also, hilflos und ohne Hoffnung auf Besserung. Und dann kam Kaz, mit seinem kleinen Bruder Johnny im Schlepptau. Kaz der Hund hat über die Jahre ein umfangreiches Persönlichkeitsprofil von mir erstellt und seinem Bruder zukommen lassen. Johnny wollte mich als seine persönliche Assistentin einstellen, dann kam leider der Crash. Aber Kaz ist insgeheim wohlhabend und lässt seine Freunde nicht im Stich, niemals. Er hat die Operationen bezahlt und Horizon hat mir gewisser Weise einen neuen besseren Körper gegeben. Und der Rest ist Geschichte. Johnny hat mich als seine persönliche Assistentin eingestellt und über die Jahre habe ich mich an die Spitze hochgearbeitet. Und du liegst mir sehr am Herzen, weshalb ich dich vor ein paar Monaten ebenfalls nicht im Stich lassen konnte und es freut mich, dass es dir so gut geht.“
Mara saß mit Tränen in den Augen auf dem Sofa. Liz stellte den Kaffeebecher ab, stand auf, setzte sich ihre junge Assistentin und legte den Arm tröstend um ihre Schulter. Mara brach in Tränen aus und Liz drückte sie fest. Zwar trennten sie nur siebzehn Jahre, aber die junge Frau war wie eine Tochter für sie und ihre Wohlergehen lag ihr von daher sehr am Herzen.
   Mara musste recht laut geschluchzt haben denn Lien kam aus der Küche und drückte ihr einen Taschentuchspender in die Hand, Mara murmelte leise danke und schnäuzte sich lautstark die Nase.
Auf den Becher Kaffee folgte eine heiße Schokolade für Mara, die sich langsam wieder beruhigte. Die Erwähnung ihres eigenen Crashes vor wenigen Monaten musste sie schwer mitgenommen haben. Aber nicht jeder steckte es ohne weiteres weg, alle Extremitäten in einen schrecklichen Angriff zu verlieren. Liz wusste dass sich Mara alle Mühe gab tough zu wirken, aber tief in ihrem Inneren war sie immer noch ein gebrochenes Wesen, solche seelischen Wunden verheilten nur sehr langsam.
Bedächtig erhob sie sich und suchte nach einer Wolldecke, die sie Mara um die Schultern legte. Dann setzte sie sich wieder gegenüber und betrachtete den Umschlag.
   Mit einem bangen Gefühl öffnete sie ihn und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Neben einem dicken Briefbogen rutschte ein Foto aus dem Umschlag. Sie lachte leise als sie das Bild betrachtete.
Typisch Kaz. Ein großer durchtrainierter Mann mit unzähligen Tattoos auf seinem freien Oberköper, barfuß mit Shorts, saß auf einem Felsbrocken. Strubbelige halblange schwarze Haare und ein kurzer Vollbart. Er grinste breit in die Kamera, die rechte Hand zum militärischen Salut und die linke umfasste ein mattschwarzes Scharfschützengewehr. Im Vordergrund lag ein archaisch aussehender Alligator mit einem roten Halstuch und im Hintergrund stand die vor sich hin rostende M18 Hellcat.
„Hey Mara, du wolltest doch wissen wie Sebastian aussieht oder?“
Sie zeigte Mara das Bild, die ungläubig mit offenem Mund darauf starrte.
„So sieht der Typ aus? Ich hab ihn mir immer ganz anders vorgestellt. Warum hat dieses Vieh ein Halstuch, das ist doch nicht etwa sein Haustier.“
„Doch, das ist Kasimir und Kaz hat ihn seit er aus dem Ei geschlüpft ist, der Alligator ist überraschend zahm und das Halstuch ist für die bessere Sicht. Es soll wohl schon mehr als eine Person fast auf den Armen gelatscht sein und er mag das nicht so sehr. Ich glaube ich rahme mir das Bild ein und stelle es auf meinen Schreibtisch. Aber ich glaube den Brief hebe ich mir für später auf.“
   Sie stand auf und ging die Treppe zur Galerie hoch und legte den Brief und das Foto auf ein kleines Tischchen neben einem bequemen Sessel auf dem unordentlich eine graue Pelzdecke lag.
Auf Höhe des Klaviers klimperte sie mit den Tasten und betrachtete die Gitarren und das Mikrofon.
Jetzt würde sie wieder mehr Zeit für ihr liebstes Hobby haben, die Musik. Sie hatte schon lange nicht mehr gesungen und dabei Klavier oder Gitarre gespielt. Sie drehte sich um und warf einen Blick auf das lange Bücherregal und auf den Essplatz mit Speiseaufzug auf einem Podest über Küche und Bad.
Karl war die Treppe hochgeklettert und sah sie erwartungsvoll an. Dieser Waran war sehr merkwürdig und schrecklich neugierig. Sie zuckte mit den Schultern und ging wieder nach unten, dabei spürte sie Karls stechenden Blick im Rücken der sie mit Blicken verfolgte.
Neben dem Treppenaufgang war die Tür zu ihrem Schlafzimmer.
„Mara, würdest du mich auf einen kleinen Spaziergang im Schnee begleiten wollen?“
Die angesprochene sprang sofort auf und nickte.
„Es ist mein Job, dass Ihn … dir nichts passiert. Wozu sind diese Kampfupgrades sonst gut.“
„Sehr schön, aber ich denke nicht das hier etwas passiert.“
„Nein, es ist meine Pflicht.“
„Na dann. Lien wir sind rechtzeitig zum Essen wieder da.“
Liz ging nach vorne in Richtung Tür und nach links durch den Durchgang in die Garderobe. Weiter hinten bewahrte sie alles Mögliche auf. Werkzeug, Equipment, Vorräte.
„Es ist kalt Mara, was möchtest du tragen, du hast die volle Auswahl.“
Mara sah sie unsicher an.
„Ich hole meine Jacke aus meinem Apartment.“
„Nein, nicht so schüchtern. Es ist sehr kalt und ich habe einige schöne Mäntel. Hier zum Beispiel, weißer Hermelin, passt zu deinen Haaren, das gäbe einen schönen Kontrast.“
„Entschuldigung, aber ich mag keine Pelze, ich bin tierlieb.“
Liz war etwas enttäuscht.
„Ok, wie wäre es mit Schneeleopard, nein das war ein Spaß, der ist nicht echt, aber dennoch schön warm. Nimmst du den?“
Mara wirkte resigniert aber sie nickte langsam. Der Kunstpelzmantel passte ihr ausgezeichnet.
Liz schlüpfte in den Hermelinmantel und zog sich ihre Lederstiefel an.
„Darf ich eine Frage stellen?“
„Darfst du.“
„Warum so viele Pelze? Das ist doch grausam.“
„Weißt du viele Sachen sind ziemlich grausam und ich hab mich in dieses Material verliebt als ich eine junge Frau war. Pelz ist sozusagen mein Guilty Pleasure und ich komme einfach nicht davon weg. Ich bin übrigens auch tierlieb, trotzdem esse ich Fleisch und trage Leder und Pelze. Ich finde man kann die Sachen voneinander trennen und es ist auch ein sehr kostspieliges Hobby wenn man eine entsprechende Qualität sucht, bei der keine Tiere unnötig gequält werden.“
Mara schien sich in dem Mantel nicht so ganz wohl zu fühlen, schluckte aber herunter was auch immer ihr gerade auf der Zunge lag. Sie fand es schade, dass ihre Assistentin nicht ganz offen mit ihr war, feuern würde sie sie auf gar keinen Fall, egal was Mara anstellte, die junge Frau lag ihr sehr am Herzen. Im Aufzug schossen sie dick eingepackt nach unten. Im Foyer des hochklassigen Einkaufscenters in der unteren Etage des Gebäudes gingen sie ungestört nach draußen, niemand beachtete sie. Sie waren nicht die einzigen mit exklusiven Mänteln. Der März empfing sie klirrend kalt. Die Wege waren frei geräumt, aber abseits derer ging es hoch her. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Kind-gebliebene lieferten sich erhitzte Schneeballschlachten und bauten Schneemänner. Liz schmunzelte. Nur die Hauptwege waren geräumt, die Nebenwege waren bei dem Schnee noch nicht mal zu sehen. In ihrer Kindheit hatte es solche Winter nicht gegeben, jedenfalls erinnerte sie sich nicht daran.
   Mit Bitterkeit dachte sie daran, dass sie damals sowieso keine Freunde gehabt hatte, mit denen sie im Schnee hätte spielen können. Bestimmt hatte sie im warmen ein schlaues Buch gelesen und sich gewünscht echte Freunde zu haben.
   Sie warf einen Blick zu Mara, die den Kindern zuguckte. Nach einer halben Stunde spazieren gehen setzten sie sich auf eine Bank und beobachteten das Treiben. Der Park war riesig groß und die Kinder der halben Stadt mussten sich hier getroffen haben. Sie verspürte ein Stechen  bei dem Anblick der spielenden Kinder. Daran, dass sie selbst nie Kinder haben würde, die im Winter im Schnee herumtollten. Sie würde nie mit einer kleinen Tochter oder Sohn Schlitten fahren oder Schneemänner bauen. Der Preis ihrer Operation nach dem Crash vor elf Jahren, im Nachhinein betrachtet ihr schlimmstes Opfer. Hing sie deshalb so an Mara? Weil sie selber keine Kinder haben konnte?
„Und wie fühlt sich der Mantel an, Mara?“
„Ich könnte nicht gerade behaupten dass ich friere, aber mein Po wird trotzdem langsam kalt.“
„Na dann lass uns zurückgehen.“
Sie erhoben sich und gingen zurück. Auf halber Strecke passierte es. Wie aus dem Nichts sprang eine Person auf sie zu und schleuderte etwas auf sie. Mara warf sich schützend vor Liz und bekam die ganze Ladung ab. Rote Farbe wie es den Anschein hatte. Ihre Assistentin schlüpfte sofort aus dem Mantel um mehr Armfreiheit zu erlangen und knöpfte sich den Angreifer vor. Ein Kick in den Magen, den Arm verdrehen und ihn zu Boden zwingen. Mara kniete sich mit dem Knie zwischen den Schulterblättern hin und verdrehte weiterhin den Arm des Angreifers. Ein quietschender Aufschrei ertönte, eine Frau. Liz hatte das Treiben beobachtet und nickte anerkennend, das intensive Training mit Mara hatte sich definitiv gelohnt. Die Frau am Boden wimmerte etwas.
„Das ist Tierquälerei, das gehört verboten. Ihr seid furchtbare Menschen. Wir bei Peta …“
„… ihr seid ziemlicher Abschaum, Massen Euthanasie von Haustieren und so weiter. Wenn ihr meinen Waran Karl nochmal anrührt ziehe ich noch ganz andere Saiten auf.“
„große Echsen darf man nicht halten, das entspricht nicht ihrem Lebensraum.“
„Pech gehabt Karl geht es blendend und ihm gefällt’s hier“
Liz mischte sich in die Unterhaltung ein.
„Das ist zwar alles sehr schön und alles, aber das gibt ihnen noch lange nicht das Recht fremdes Eigentum zu zerstören. Sie ersetzen mir den Schaden oder ich verklage sie und sie dürfen sich mit den Anwälten von Horizon rumschlagen. Ihre Entscheidung. Mara, nimm bitte die Personalien auf und dann gehen wir nach Hause, ich bekomme langsam Hunger.“
Mara kam ihrer Bitte nach und nach ein paar Minuten gingen sie zügigen Schrittes zurück.
„Das ist alles meine Schuld, ich hab nicht aufgepasst. Der Mantel ist wohl hinüber. Das tut mir so leid! Das hätte nicht passieren dürfen. Ich wollte ich könnte dir den Schaden ersetzen.“
„Nein mach dir keinen Kopf darum, ich hab die Angreiferin auch nicht bemerkt, und du hast ja noch rechtzeitig eingreifen können. Mein echter Mantel hat nichts abbekommen, der falsche ist nicht so wichtig.“
„Aber das hätte auch Säure oder etwas anderes Schlimmes sein können. Ich mach mir solche Vorwürfe.“
„Aber es war keine Säure und wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen. Mach dir keinen Kopf. Das kreide ich dir nicht an.“
Doch Mara ließ den Kopf hängen. Passanten warfen ihnen mit dem mit roter Farbe eingesautem Mantel neugierige Blicke zu, aber sie ignorierten es. Eine Viertelstunde später waren sie wieder im Warmen. Lien war mit den Vorbereitungen fertig und nahm sich dem ruinierten Mantel an.
„Mara es steht dir frei zu duschen und dir etwas Bequemeres anzuziehen, heute musst du nichts Förmliches beim Essen tragen. T-Shirt und Jogginghose reicht völlig aus. Und sag auch Sarah und Suzi Bescheid.“
Mara nickte dankbar und verschwand, Liz ging in die Küche und machte sich noch einen Becher Kaffee, heute musste sie nicht früh ins Bett. Nachdenklich nippte sie an dem heißen Kaffee und warf einen Blick auf die Vorbereitungen für die Burger. Jetzt mussten nur noch Fleisch und Burger gebraten werden und die Pommes frittiert, irgendwie musste es sich ja schließlich lohnen eine Fritteuse zu besitzen. Der Salat zog bereits und sie stibitzte eine Cocktail Tomate.
Dann fiel es ihr siedend ein. Emma! Sie hatte vergessen sie einzuladen. Schnell kramte sie nach ihrem Prism und wählte Emmas Nummer.
„Ja, Solomon?“
„Emma?“
„Oh, hi Liz, was verschafft mir die Ehre eines Anrufs?“
„Nach den Mühen der letzten Wochen hat mir dein Bruder eine Woche frei gegeben und ich feiere heute ein bisschen. Hättest du Lust zu mir zu kommen? es gibt leckere Burger und Bier.“
„Das klingt sehr vielversprechend, aber ich kann hier nicht weg. Es liegt nicht an dir aber meine Jungs verhalten sich komisch und ich fürchte sie hecken wieder irgendwas aus und ich möchte erreichbar sein, wenn irgendwas schiefgeht. Sorry.“
Liz war etwas enttäuscht, aber ihre Freundin hatte nicht unrecht.
„Ok, aber dann lass uns etwas zusammen machen, wenn sich die Lage bei dir wieder beruhigt. Grüß Jack und Ryan von mir wenn du deine Söhne wieder siehst.“
„Mache ich, ich wünsche dir noch einen schönen Abend und erhol dich gut, es war schön deine Stimme mal wieder zu hören.“
„Tschüss Emma.“
Liz legte auf und hatte ein schlechtes Gewissen. Bei dem ganzen Stress ihres Jobs vergaß sie ihre Freundinnen viel zu oft. Die Solomons waren wie eine Familie für sie geworden und sie kam mit allen gut zurecht, besonders mit Akira, Johnnys fast erwachsener Tochter. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an Akira. So eine starke junge Frau die in ein paar Wochen ihr Abitur machen würde. Sie kam gar nicht nach ihren Eltern sondern total nach ihrem Onkel Kaz. Interessierte sich praktisch nicht für Mädchenkram sondern schraubte an Drohnen herum und streamte Computerspiele, mit letzterem verdiente sie ihr Taschengeld, denn Johnny war sehr knausrig und gab ihr praktisch keins.
Und Akiras Markenzeichen waren ihre bunt gefärbten Haare, momentan in Regenbogenfarben, das trieb ihre etwas konservativen Eltern komplett in den Wahnsinn.
   Sie dachte an Emma, Stararchitektin und Mutter von Zwillingen. Die beiden Jungs konnten gut für sich selber sorgen und umsorgten ihre gestresste Mutter liebevoll. Die beiden wollten zum Militär und hatten sich eine strenge Routine überlegt. Ein Ex-Navy SEAL, der schon seit langem nur noch Kinderbücher schrieb, war ihr großes Vorbild und sie standen jeden Tag um 4:30 auf, das war kaum zu glauben. Jack und Ryan würden dieses Jahr achtzehn werden und nächstes Jahr ihren Abschluss machen. Liz fürchtete, dass sie selbst wenn sie Kinder hätte, keine Zeit für diese haben würde. In ihrer Position war eine achtzig Stunden Woche völlig normal, da blieb praktisch keine Zeit für Hobbies und Freunde, ganz zu schweigen von möglichen Kindern. Ohne ihr emsiges Personal würde sie es kaum schaffen ihren Alltag zu bewältigen. Sie dachte an Johnny, der arbeitete sogar noch härter und länger als sie und hatte auf dem Firmengelände eine kleine Wohnung für sich, wenn er es mal nicht aus dem Büro schaffte. Er war ein Workaholic durch und durch. Akira litt ziemlich darunter, dass ihr Vater so selten da war und seine Frau Helena war auch nicht wirklich glücklich und ertränkte ihren Kummer im Wein. Liz hatte großes Mitleid mit ihrer besten Freundin, aber Johnny war so stur und dachte nur an die Firma, Familie war ihm irgendwie immer zweitrangig.
   Sie trank einen großen Schluck. Jetzt sollte sie sich auch mal langsam umziehen, sie hatte immer noch sehr förmliche Sachen an. Sie lief ins Schlafzimmer und stolperte auf dem Weg fast über Karl der wie immer im Weg lag. Leise fluchend machte sie das Licht an und schloss die Tür hinter sich.
Das Bett war gigantisch und viel zu groß, da es drei mal drei Meter maß. Linke Hand war ein breiter Kleiderschrank, gegenüber des Bettes war ein großer Fernseher mit tollem Soundsystem montiert und rechte Hand war ein Schminktisch und daneben ein flaches Regal mit Perücken.
   Ja sie hatte ein kleines Geheimnis. Sie zog sich die schwarze kurze Bobperücke vom Kopf und drapierte sie auf einem Perückenständer. Jetzt mit völlig nacktem Kopf schlüpfte sie aus ihren Sachen und warf sie aufs Bett. Sie hatte kein Krebs, naja sie hatte Krebs gehabt, aber das war eine andere Geschichte. Die Haare waren ihr vor drei Jahren schlagartig ausgefallen, kein Arzt hatte sich erklären können warum. Und seitdem trug sie jeden Tag Perücken. Sie hatte natürlich auch vorher Perücken getragen, aber aus Spaß und nicht weil sie es musste. Sie erinnerte sich noch ganz genau, dass Kaz ihr irgendwann mal zu Weihnachten eine synthetische Perücke geschenkt hatte. Anfangs war es ihr peinlich gewesen eine zu tragen, aber das war schnell in Begeisterung umgeschlagen. Und jetzt hatte sie – sie grübelte einen Moment – viel zu viele Perücken. Mittlerweile größtenteils echte, zum Teil auch maßgeschneiderte. Für das Unternehmen trug sie einen förmlichen Bob und in ihrer wenigen Freizeit tobte sie sich aus.
   Sie zog sich Wollsocken, eine schlabbrige Jogginghose und ein schwarzes T-Shirt über und entschied sich für eine schwarze Langhaarperücke. Vor dem Spiegel machte sie sich noch ein bisschen schick.
Ob Kaz sie überhaupt noch erkennen würde? Sie war seit ein paar Jahren die Botschafterin des Konzerns und ihr Outfit war in Firmenfarben: rot, weiß und schwarz. Aber nicht nur ihre Kleidung sondern auch ihr ganzer Körper. Schneeweiße Haut, blutrote augmentierte Augen (sonst wäre sie mi ihrem bescheuerten Körper längst erblindet) und schwarze Haare.
   Sie fand es cool, auch wenn sie sich lange an ihr neues Spiegelbild hatte gewöhnen müssen.
Es würde ihn bestimmt total schocken und bei dem Gedanken grinste sie breit. Falls sie ihn wiedersehen würde, wer weiß was in diesem ominösen Brief geschrieben stand. Er hatte ihr dieses Bild geschickt, aber das musste nicht heißen dass er sich nicht trotzdem von ihr verabschiedete.
Mit einem Hauch von Makeup verließ sie ihr Schlafzimmer wieder und verschloss die Tür.
Lien stand in der Küche und hatte die Pommes gerade in die Fritteuse befördert und briet das Fleisch und den Bacon für die Burger. Sarah hatte sich für später schick gemacht und Mara trug sehr bequeme Sachen. Ihre Pilotin Suzi trug einen kurzen Rock zu Leggins und einem übergroßen Pullover, die Feuerrot gefärbten Haare zu einem Pferdeschwanz hochgebunden.
   Karl wurde von Mara gekrault und rollte sich auf den Rücken, wonach er intensiv am Bauch gekrabbelt wurde. Sie hatte vielleicht ein paar Probleme im Umgang mit anderen Menschen, aber bei ihrem treuen Haustier lebte sie auf. Liz ging zur Galerie hoch und half Sarah beim Tisch decken.
Eine Viertelstunde später kamen die ganz frischen toll aussenden Burger im Speiseaufzug nach oben. Sechs Stück, einer war für Emma gedacht gewesen, aber die konnte ja leider nicht. Dazu gab es Bier und Softdrinks.
   Liz und ihre vier Angestellten langten herzhaft zu und der Salat und die Pommes gingen gut weg, die verschiedenen Dips waren ein Gedicht. Gesprochen wurde beim Essen wenig und keinen schien es zu stören. Nachdem alles restlos verputzt war, auch der herrenlose Burger, lehnten sie sich satt und zufrieden in die Stühle zurück. Mara meldete sich als erste zu Wort.
„Ich muss schon sagen Lien, das war der leckerste Burger den ich je gegessen habe und die tollen Pommes haben genau die richtige Konsistenz. Wie machst du das nur, das ist fast schon wie Magie.“
Lien lächelte nur höflich.
„Danke sehr, aber es ist nun mal mein Job erstklassig zu kochen, das mache ich sehr gern.“
„Und ich weiß es sehr zu schätzen dass eine so erlesene Köchin für mich arbeitet und nicht nur mich sondern mein Personal mit durchfüttert. Es war wie Mara schon sagte richtig lecker!“
Sie sah in die Runde und musterte die Gesichter.
„Was habt ihr denn jetzt alle vor?“
Sarah sah etwas nervös auf ihre Uhr.
„Ich fürchte ich muss in Kürze los, sonst komme ich zu spät, Mein Freund reißt mir noch den Kopf ab fürchte ich, er hat ziemlich lange gespart um die Tickets zu kaufen. Und für die nächsten Tage ist erstmal ein bisschen Wellness und Entspannung angesagt. Und ich war echt lange nicht mehr shoppen fällt mir an dieser Stelle ein.“
Suzi machte Anstalten etwas zu sagen, aber Mara kam ihr zuvor.
„Ich wette Suzi wird faul im Pool hängen und Cocktails schlürfen wie immer und Männer in Clubs aufgabeln und Erwachsenensachen mit ihnen treiben.“
Suzi klappte den Mund wieder zu und wirkte ertappt. Einen Moment später giftete sie zurück.
„Und Miss Sonnenschein wird eine Woche lang ausgiebig mit ihrer doofen Terrorechse spielen.“
Mara biss sich auf die Unterlippe und warf Suzi einen bösen Blick zu.
„Kommt ihr beide nicht streiten. Wir sind ein Team, da gehören Streitigkeiten nicht rein.“
Liz war etwas genervt. Mara und Suzi waren die jüngsten in der Runde und kabbelten sich ständig. Der Haussegen hing wegen der beiden des Öfteren etwas schief. Lien war hingegen fast schon die gute Fee, die alles zusammenhielt. Sie wusste dass ihre Haushälterin viel Zeit mit Lesen und Meditation verbringen würde.
„Lien, der Urlaub gilt auch für dich, heute räume ich ab und die Woche über mache ich selbst sauber, auch wenn ich das natürlich nicht so gut kann wie du.“
Lien nickte dankend und lächelte warmherzig. Die gute würde bestimmt nach wie vor Suzi, Mara und Sarah bekochen und den drei etwas chaotischen Mädels hinterherräumen. Sie hatte Lien noch nie fluchen oder sich beschweren hören, sie war die Ruhe in Person.
   Sarah verabschiedete sich und ging eilenden Schrittes davon. Wenige Minuten später löste sich die Runde auf. Suzi und Lien zogen sich in die Angestellten Apartments zurück und Mara lieh sich Karl für den Abend aus. Lächelnd und summend räumte Liz den Tisch ab und die Spülmaschine ein, die Küche hatte Lien bereits tadellos aufgeräumt und alle Flächen abgewischt.
   Sie öffnete das Eisfach und untersuchte den Bestand an Eis. Lien war keine Freundin des Süßkrams, aber den kaufte Liz selbst oder ihre beste Freundin Helena, die einen Schlüssel für ihre Wohnung hatte, besorgte ihr ein paar verbotene Leckereien. Sie stellte sich einen großen Eisbecher zusammen und wanderte damit in das riesig große Bad in das ihre erste eigene Wohnung locker reingepasst hätte. Die Decke war fast drei Meter hoch. Sie stellte den Eisbecher auf den breiten Rand der Badewanne. Die maßangefertigte Badewanne hatte an einer Seite einen thronartigen ergonomischen Sitz mit einem bequemen Kissen für den Nacken. Sie griff nach einer wasserdichten Fernbedienung, die einem Smartphone der High-End Klasse entsprach und stellte die Wassertemperatur ein. Aus mehreren Düsen in Bodennähe sprudelte sogleich wohltemperiertes Wasser. Sie schlüpfte aus ihren Sachen und legte die Perücke sorgsam neben den Stapel, dann stieg sie in die gigantische Badewanne deren Pegel rasch stieg. Sie machte es sich bequem und schob sich einen Löffel köstlicher Eiscreme in den Mund. Aus einem Fach in der Wand entnahm sie eine Flasche Rotwein und ein großes Glas, in das sie sich großzügig einschenkte. Mit dem Glas in der einen und der Fernbedienung in der anderen Hand lehnte sie sich zurück, genoss das heiße Wasser, dass sie umfloss und genoss den Moment.
Sie nahm einen Schluck Wein und schaltete den Fernseher mit über zwei Meter Wanddiagonale ein, der ihr gegenüber an der Wand hing. Früher, vor Horizon, hatte sie häufig allein oder am liebsten mit Kaz Filme geguckt. Mittlerweile guckte sie fast nur noch Anime und Cartoons, deren Folgen schön kurz waren. Sie navigierte zu Netflix und startete die erste Staffel des Prinz der Drachen, eine tolle Zeichentrickserie die sie ewig nicht mehr gesehen hatte.
   Wein trinkend und Eis mampfend verfolgte sie das Abenteuer des unfreiwilligen Heldentrios auf dem Bildschirm und dachte unweigerlich an Kaz und dessen Romane. Sie liebte Science-Fantasy und er war richtig gut darin. Mit Bedauern dachte sie daran, dass die eine Buchserie mit dem vierten Band vor einigen Jahren beendet worden war. Sie hatte trotz ihrer spärlichen Freizeit jedes einzelne seiner Bücher verschlungen und er war über die Jahre richtig fleißig geworden, mindestens ein Buch im Jahr.
   Eine Woche Ferien, dachte sie nachdenklich. Genug um sein erstes Buch nochmal zu lesen, das mit dem alles gestartet war, die ganze Karriere als Star-Autor, dessen Bücher mittlerweile Millionenauflagen hatten und in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Johnny hatte ihr von einem Gerücht erzählt nachdem sich große Filmstudios untereinander um die Filmrechte der Serie stritten.
Sie lächelte bei dem Gedanken. Sie dachte an die Zeit nach dem Crash. Da hatte sie bei Kaz in dieser ziemlich kleinen vierzig Quadratmeter Wohnung gelebt. So oft hatte sie ihn dabei beobachtet, wie er in der kleinen Küche mit seinem alten Laptop am Tisch gesessen und seine Geschichten geschrieben hatte, während die alte Kaffeemaschine unermüdlich am Arbeiten war. Damals hatte er die Geschichten noch für sich selbst geschrieben und manchmal kam es ihr dann so vor als würde er am liebsten selbst in den von ihn erschaffenen Universen leben und der bitteren Realität entfliehen wollen. Wenn sie ihn seinen Büchern zwischen den Zeilen las, erkannte sie so viel von ihm und seinen unerreichten Wünschen wieder. Und er baute sich und seine wenigen Freunde in seine Geschichten ein, aber er ging dabei ziemlich geschickt bei vor.
   Zu jedem seiner Bücher hatte er ihr ein signiertes Exemplar geschickt, in der Hinsicht hatte er sie nie vergessen. Nur schrieb er ihr nicht mehr und meldete sich nicht. Selbst Johnny hatte kaum mehr Kontakt zu seinem großen Bruder und besten Freund. Das war seltsam. Dieser schräge Kauz zog sich immer mehr von der Außenwelt zurück und lebte in einer Zeitkapsel am anderen Ende der Welt in einem winzigen Nest von einer Siedlung. Mittlerweile waren das einzige Lebenszeichen von Kaz seine Bücher und seine Videos. Dieser Kauz liebte gute Verschwörungstheorien … und Waffen, je größer und gemeiner desto besser. Es verwunderte sie immer wieder wie viele Menschen seine Videos guckten, er hatte Millionen von Fans allein auf YouTube. Vermutlich verdiente er sich damit auch ein solides Zubrot. Nicht das er als Bestsellerautor arm gewesen wäre.
   Sie zuckte mit den Schultern und aß ihr Eis auf. Am Ende der ersten Weinflasche und der Mitte der ersten Staffel ließ sie das Wasser ab und erhob sich etwas wackelig.
   Eingewickelt in einen flauschigen Bademantel ging sie nach oben auf die Galerie. Sie blieb vor einem hohem und viele Meter breitem Regal voller Bücher stehen, von denen sie mehr als die Hälfte aus Zeitgründen nie gelesen hatte. Nach ein paar Minuten hatte sie Kaz erstes Buch gefunden und hielt die mittlerweile etwas abgewetzte oft gelesene Paperback Ausgabe in den Händen. Sie schlug die erste Seite auf und strich andächtig über die Signatur ihres besten Freundes. Ob du damals hättest ahnen können wie erfolgreich du mit diesen Büchern werden würdest, du alter Halunke?
Als sie mit dem Buch in Händen ihren Lieblingssessel erreichte, sah sie den dicken Brief. Oh, den hatte sie ja völlig vergessen. Ihr wurde etwas bang als sie den Briefbogen betrachtete. Sie wusste nicht ob sie schon bereit dafür war. Vielleicht würde noch etwas mehr Wein dabei helfen.
Ein paar Minuten später stellte sie eine fast volle Weinflasche und ein frisches Weinglas auf den Schreibtisch und schenkte mit etwas zittrigen Händen ein. Dann warf sie den Bademantel über die Lehne ihres Schreibtischstuhls und kuschelte sich nackt in die graue flauschige Pelzdecke ein.
Warm eingemummelt und mit einer nicht zu verachtenden Menge Alkohol im Blut griff sie so vorsichtig nach dem Brief als könnte er jederzeit zu Staub werden.
„Liebe Elisabeth, …“
Oh nein, er benutzte ihren eigentlichen Vornahmen nur wenn es ihm sehr ernst war. Ihr Herz gefror zu einem Eisklumpen und Tränen stiegen ihr in die Augen. Bitte nicht! Sei nicht so grausam zu mir!
Sie hielt die Luft an während sie den ersten Absatz las. Am Ende des letzten Wortes lehnte sie sich in die Polster zurück und atmete schwer aus. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie legte den Brief weg um nach dem Weinglas zu greifen von dem sie einen großen Schluck nahm. Sie saß eine Weile da und dachte nach, dabei tupfte sie sich die Augen immer wieder mit einem Stofftaschentusch trocken, das sie in einem Kästchen neben dem Sessel aufbewahrte – für besonders schwere Lektüre.
Alles war umsonst gewesen. Sie dachte an die unzähligen Nächte die sie nachts wachgelegen und an ihn gedacht hatte. Sie warf einen Blick auf den Brief und schniefte. War sie überhaupt bereit dafür, nach all der Zeit? Sie schluckte und wischte sich erneut die Tränen weg. Diesmal Freudentränen.

Das Osiris Projekt – Teil 1 – Kapitel 1

1.     Kaz – Dez. 2044 – Allein

Er wusste diesen Omega Hound, den ihm sein bester Freund Horatio, alias Xen, zum vierzigsten Geburtstag geschenkt hatte sehr zu schätzen. Ein mächtiger völlig lautloser Elektromotor schlummerte unter der Haube und die Batterie bestand aus völlig neuartigen Materialien und hatte eine irre große Reichweite. Seinen Hound, den er liebevoll Percy getauft hatte, war bis unter das Dach vollgestopft mit seiner Camping- und Jagdausrüstung. Er hatte sich mit ein paar Freunden in Montana auf eine Jagd in den herbstlichen Bergen verabredet. Eigentlich war ihm das im November zu kalt, aber er hatte sich dann doch breitschlagen lassen. Einem Navy SEAL wie Simon konnte man immerhin schlecht absagen.
   Er fuhr eine recht kurvige Straße durch einen riesigen Wald mit Nadelhölzern. Eine schöne Gegend und er hatte die Fenster runtergefahren und genoss bei recht langsamer Fahrtgeschwindigkeit und nahezu lautlosem Motor die Geräusche der Natur. Dann hörte er plötzlich lautstarkes Hupen hinter sich und ein Wagen überholte ihn. Ein generischer SUV rollte an ihm vorbei. Eine Frau mit kurzen braunen Haaren warf ihm vom Beifahrersitz einen giftigen Blick zu und im Fond streckte ihm ein Mädchen im Teenager Alter frech die Zunge heraus. Pff, sollten sie ihn doch überholen, er war ohnehin viel zu früh dran. Er fuhr eine halbe Stunde gut gelaunt weiter, bis er aus der Ferne lautstarke Rockmusik vernahm, dazu das Rattern von automatischen Waffen. Verdammte Scheiße, Clowns! Er fuhr die Kugelsichere Seitenscheibe hoch und beschleunigte.
   Da, der SUV von vorhin lag schief im Straßengraben, gegen einen Baum gekracht und eine Rauchwolke drang aus dem Motor, lange Bremsspuren zierten die Straße. Ein Konvoi der Clowns parkte auf der Straße. Zwei Pickups und einen Mannschaftswagen, alle grellbunt lackiert. Offene MG Türme waren auf der Ladefläche der Pickups montiert. Ein paar Typen mit Clownsmasken standen auf der Straße mit Waffen in den Händen. Lautlos hin oder her, sie würden ihn bald bemerken. Die dreckigen Wichser. Terroristen und Mörder. Und man schimpfte ihn einen Waffennarren und einen Psychopaten. Na dann wollen wir doch mal sehen.
   Adrenalin pumpte durch seinen Körper als er die laute dröhnende Hupe betätigte  und feste aufs Gas trat, der schwere gepanzerte Geländewagen beschleunigte sofort und donnerte die Straße entlang. Das vordere MG nahm ihn aufs Korn und Kugeln prasselten auf die Windschutzscheibe, wo sie wirkungslos abprallten. Er wurde immer schneller und schneller und rauschte heran. Die Clowns auf der Straße bewegten sich hektisch in alle Richtungen. Den ersten Clown erwischte er volle Kanne frontal und wurde durch die Luft geschleudert. Den zweiten streifte er und dieser ging mit einem qualvollen Aufschrei zu Boden. Fünfzig Meter weiter machte er einen U-Turn und bremste ab.
Der erste Clown regte sich nicht mehr, der zweite wälzte sich verkrümmt auf dem Asphalt.
Er griff ins Handschuhfach und entsicherte seine FN Five-Seven, dann fuhr er an den zweiten Clown heran öffnete die Fahrertür und schoss dem Bastard in den Kopf. Das MG wummerte weiter wirkungslos. Er hielt an stieg im Schutze der gepanzerten Fahrertür aus und flitzte zum Kofferraum wo er das beinahe griffbereite Heckler und Koch HK MR223 nahm und sich eine Schutzsichere Weste umschnallte, das dauerte keine fünfzehn Sekunden. Dann lugte er um das Auto herum, das MG hatte aufgehört zu feuern und er schoss ein paar Schüsse auf den Schützen ab. Ein Aufschrei zeigte ihm, dass er getroffen hatte. Mit einem Kopfschuss servierte er den Verletzten ab. Der übrige Konvoi suchte das Heil in der Flucht und sie entkamen ihm leider. Missmutig prüfte er ob die Clowns alle auch wirklich tot waren und rannte dann zum SUV. Wahrscheinlich nur eine unglückselige Familie zur falschen Zeit am falschen Ort. Der Mann am Steuer war von Kugeln durchsiebt worden, ebenso die Frau auf dem Beifahrersitz. Er dachte an das Mädchen, das ihn ein bisschen provoziert hatte. Hastig öffnete er die Tür zum Fond. Großkalibrige Munition hatte den Körper des Jungen von vielleicht zwölf Jahren regelrecht zerfetzt. Auf der anderen Seite öffnete er die Tür und sah das Mädchen zusammengekauert und reglos, sie hatte eine Platzwunde und war bewusstlos. Schien aber bis auf ein paar Streifschüsse wie durch ein Wunder unverletzt. Er barg sie aus dem Wagen, sie wog nicht viel, und trug sie zu seinem Omega. Er setzte einen Notruf ab und grübelte. Wahrscheinlich würde man das als Verkehrsunfall abstempeln. Alle hatten Angst vor der Terrorherrschaft der Clowns und keiner wollte der Nächste sein. Wenn man ihn hier fand, war er der Nächste auf der Liste, das war ihm klar, abgesehen davon dass ihn die korrupten Cops wegen mehrfachen Mordes einsperren würden. Auf die Toten wartete nur noch eine Beerdigung, man konnte nichts mehr für sie machen. Aber das Mädchen lebte noch. Er verstaute seine Sachen im Wagen und schnallte das Mädchen auf dem Beifahrersitz des Hounds fest. Er öffnete den Kofferraum des SUVs und guckte nach ob er Gepäck fand, jede Menge. Sein Blick fiel auf einen großen grünen Wanderrucksack und er öffnete ihn, Laptoptasche und provozierende Mädchenunterwäsche ganz oben, den nahm er mit. Dann machte er sich auf die Reise nach Hause, die Clowns würden mit Verstärkung zurückkommen und ihn suchen, besser er verschwand von hier und sagte seinen Kumpels Bescheid. Im Auto drehte er das Radio auf und wählte einen Codec der nur den Anhängern des Widerstandes gegen die Clown Brut bekannt war. Er hatte in der Gesäßtasche des Mädchens einen Geldbeutel mit ihrem Ausweis gefunden, ungewöhnlich dass sie keine Handtasche besaß. Sie hieß Amber Straub, ein schöner Vorname.
   Meldungen von weiteren Angriffen der Clowns erreichten ihn während er missmutig zügig weiterfuhr. Nach einer Stunde erreichte ihn eine alarmierende Nachricht.
„Achtung an alle, in Montana wurde die arme Familie Straub ausgelöscht. Andy Straub, US-Marine, mit seiner Frau Josephine und seinem Sohn Josef. Dazu kamen die Großeltern bei einem von den Clowns gelegten Feuer ums Leben. Von der 15 Jahre alten Amber Straub fehlt jede Spur, gut möglich dass die Clowns sie in ihrer Gewalt haben. Das war ein schwarzer Tag für das freie Amerika, passt auf euch auf Leute.“
Er drehte das Radio wieder leiser und trat ordentlich aufs Gas bis die Nadel auf der 200 km/h Marke stand, ganz schön schnell für einen dicken vollbeladenen SUV.
Als die Sonne unterging wachte das Mädchen auf.
„Huh? Hey, wer zum Teufel sind Sie? Wir haben Sie doch überholt, Sie sind der Typ in dem fetten schwarzen Geländewagen. Was machen Sie mit mir? Ich will sofort zu meiner Familie zurück!“
Verdammt, was sollte er ihr sagen, dass ihre Familie soeben abgeschlachtet wurde?
„Wie soll ich es sagen, deine Eltern hatten einen Unfall und jede Rettung kam zu spät.“
Sie sah ihn von der Seite her lange an.
„Ich hab Schüsse und Schreie gehört. Verarsch mich nicht man!“
„Ok, die Clowns haben deine komplette Familie ausgelöscht, ist dir das lieber?“
Ihre Augen wurden riesengroß und füllten sich mit Tränen, dann wischte sie sie sich trotzig weg und ließ sich in den Sitz sinken. Sie heulte nicht, sie saß einfach nur schweigend da und sah aus dem Fenster. Nach einer halben Stunde sah sie wieder zu ihm rüber.
„Wohin fahren wir? Können wir eine Pause machen?“
„Texas und solange wir in Montana sind halt ich nicht an, ohne Backup lege ich mich nicht mit den Clowns an. Wenn du pissen musst, lass es laufen oder nimm die Stauente die unterm Sitz liegt, die hat einen Adapter … für Frauen.“
„Iii, nein danke. Ich hab Hunger.“
„Ich hab Sandwiches in der Box auf dem Rücksitz. Daneben ist eine Wolldecke wenn dir kalt ist. Aber ich such uns erst etwas zum rasten wenn wir Wyoming erreicht haben.“
Sie schnallte sich ab und schob sich während der Fahrt an ihm vorbei nach hinten, wo sie sich auf der Rückbank im großen Fond bequem machte und sich in die Decke einwickelte. Entweder stand sie noch total unter Schock oder sie war echt richtig tough. Jetzt machte sie sich dick eingekuschelt über eins der Sandwiche her, dass er sich mitgenommen hatte.
„Ich hoffe du kochst besser als dass du Sandwiches machst.“
„Das hab ich mir unterwegs gekauft. Ich kann kochen. Sei mal nicht so frech, ich hab dir das Leben gerettet!“
Im Rückspiegel sah er ihr zerknirschtes Gesicht.
„Sorry, ich schätze ich verdanke dir mein Leben. Aber was soll ich jetzt machen? Ich will nicht ins Heim zu all den anderen traurigen Seelen die ihre Eltern durch diese Clown Wichser verloren haben!“
Er dachte einen Moment nach, das hatte er nicht so recht durchdacht.
„Du könntest fürs erste bei mir unterkommen. Ich frag den Widerstand um Hilfe was ich mit dir anstellen soll.“
„Hast du ein Haus?“
„Eine kleine Farm trifft’s eher. Ich hoffe du kommst mit Tieren klar.“
„Ich denke schon, ich glaube ich kann mit Tieren sprechen, aber das glaubt mir keiner. Hast du ein Haustier? Eine süße Katze oder einen Hund?“
Er zögerte.
„Ich habe einen Alligator namens Kasimir. Er hat zwar kein flauschiges Fell aber er ist völlig zahm.“
Im Rückspiegel sah er wie sie ihn entgeistert anstarrte.
„Gibt’s in Texas eigentlich nur Irre? Wehe du vergewaltigst mich und verfütterst mich an das Vieh.“
Etwas beleidigt, dass sie ihn irre genannt hatte, auch wenn er einräumen musste, dass da ein bisschen was dran war.
„Willst du, dass ich anhalte und dich wieder aussetze, vielleicht kommen ja noch ein paar nette Clowns vorbei, die dir den Rest geben oder mit dir machen, was du mir nur vorwirfst?“
Ups, das war zu viel gewesen, das Mädchen verlor die Fassung und heulte jetzt hemmungslos. Tränenbäche strömten ihr übers Gesicht und es schüttelte sie regelrecht. Er fuhr langsamer und hielt gänzlich an. Als er sich zu ihr hin nach hinten beugte, geriet sie in Panik und schrie und versuchte ihn zu schlagen. Er schnallte sich ab und kletterte halb nach hinten und umarmte sie fest in der Hoffnung dass sie sich wieder fangen würde. Sie trommelte erst auf seinen Rücken ein, gab aber nach kurzer Zeit auf und hing einfach nur heftig schluchzend in seinen Armen. Er war so im Moment des zu trösten Versuchens, dass er völlig blind für alles andere war. So bemerkte er nicht die Rockmusik die immer lauter wurde.
   Dann erzitterte die Heckklappe des Wagens plötzlich unter Kugeleinschlägen.
Fuck! Er hechtete zurück ins Cockpit und trat hektisch auf Gas, der Hound machte einen Satz und sie düsten los, einen Blick in den Rückspiegel zeigte ihm zwei bewaffnete Pickups. Amber hatte ihre Trauer vergessen und duckte sich in den Rücksitz. Die aufgemotzten Pickups hatten den Vorteil, dass ihr Ziel fast schon überbeladen und träge in der Beschleunigung war. Sein Fahrrad, das er an die Rückklappe geschnallt hatte, wurde sicherlich von den Kugeln demoliert, immerhin war es nicht sehr teuer gewesen. Er drückte auf einen Knopf am Armaturenbrett.
„Hal wach auf ich brauch deine Hilfe! Ich werde von zwei Pickups der Clowns verfolgt. Sieh zu dass du ihre Kommunikationskanäle blockierst, damit sie keine Hilfe rufen können. Und ich hoffe die Extras die ich eingebaut habe funktionieren auch so wie ich mir das erhoffe.“
„Sehr wohl Sir.“
Amber hinten starrte ihn angsterfüllt an.
„Hey Amber mach dich nützlich. Hinter dem Fahrersitz ist eine Kiste, mach die auf und gib mir ein paar von den Granaten nach vorne!“
Sie starrte ihn ungläubig an.
„Bist du taub Mädchen?“
Brüllte er jetzt. Amber schnallte sich ab und wühlte sich durch den Berg an Gepäck und Krempel zu der besagten Kiste. Nach ein paar Minuten schob sie ihm zitternd ein paar zylindrische kleine Bomben nach vorne. Smart Bombs, die er selbst gebaut hatte. Sie besaßen einen superstarken Elektromagneten, der sich am Boden von Autos heften konnte. Er fuhr das Fenster ein Stück herunter, machte die Bomben scharf und warf sie aus dem Fenster, dass er sofort wieder hochfuhr.
Sie hatten Glück, der rechte Pickup wurde von den Rädern gehoben und verging in einem Feuerball. Der andere wich dem brennenden Wrack aus und beschleunigte. Schüsse peitschten über die Außenhaut des Hound, penetrierten aber nicht, es lebe Omega. Der Pickup hatte eine große Kabine und Beifahrer und Rückfahrer kurbelten hektisch die Scheiben herunter, Uzis und Sturmgewehre in Händen. Kugeln prasselten auf die Seitenscheiben und prallten wirkungslos ab. Kaz kurbelte nach links und versuchte den Truck zu rammen, sofort verzogen sich die Typen mit Clownsmasken ins Innere und der Pickup beschleunigte. Er grinste plötzlich breit und ging in die Eisen. Dann drückte er auf einen Knopf und aktivierte seine eingebaute Bewaffnung die jetzt hoffentlich auch funktionierte.
Eine 20 mm Autokanone wummerte tief dröhnend los, die er auf dem Dachträger montiert hatte, und stanzte mit panzerbrechenden Sprenggranaten faustgroße Löcher in den Pickup vor ihm. Nach wenigen Sekunden Dauerfeuer schlingerte der Pickup und krachte gegen einen Baum, während Flammen aus dem Motorblock aufstiegen. Zufrieden grinsend gab er wieder Gas.
„Hal, irgendwelche Meldungen von Clowns oder Cops in der Gegend?“
„Mir ist nichts bekannt Sir, gute Fahrt Sir.“
„Danke dir, wir sehen uns.“
Er warf einen Blick nach hinten um nach Amber zu sehen, die sich gerade wieder aufrappelte und sich anschnallte. Sie starrte ihn wieder ungläubig an.
„Bist du James Bond oder sowas?“
„Nein nichts dergleichen auch wenn ich ein großer Fan der Filme bin, zumindest der alten. Ich bin nur ein Mechaniker, Bastler und Waffennarr, der nicht hilflos im Angesicht der Clown Banden sein will. Hast du ein Problem damit?“
„Wie viele Leute hast du heute getötet?“
Er dachte einen Moment nach.
„Ich hab nicht gezählt, aber Clowns sind keine Leute, die sind einfach nur Abschaum der beseitigt werden muss. Mit denen hab ich kein Mitleid, mir tun eher Unschuldige wie deine Familie leid, die einzig und allein ins Fadenkreuz geraten, weil einige von ihnen Teil des Militärs sind oder sich ihrer Herrschaft widersetzen.“
Plötzlich klingelte sein Handy und er nahm den Anruf über die Freisprechanlage an.
„Scheiße nochmal Kaz wo steckst du nur? Wir haben die Sache mit den Clowns im Radio gehört.“
„Ich bin kurz vorm Ziel umgedreht, ich bin an einem Konvoi der Clowns vorbeigekommen.“
„Verdammt, geht’s dir gut?“
„Mir geht’s bestens, ein paar der Clowns eher weniger. Die Schweine haben wieder eine Familie abgeschlachtet. Ich hab die Tochter retten können und sie sitzt bei mir im Wagen. Ich fahr erstmal wieder runter nach Texas und stell mich neu auf. Leider geht dadurch unser Trip hops.“
„Amber Straub ist bei dir? Gott sei Dank. Wir gehen dann auch erstmal auf Tauchstation, ich hätte nicht gedacht, dass es in Montana so viele Clowns gibt. Gut dass du ein paar ausgeschaltet hast. Ich schätze ich sollte mir auch so einen Omega besorgen und Clowns jagen, aber die Kisten kann ich mir leider nicht leisten. Ich hab gehört dass unsere Freunde im Widerstand Trucks und LKWs mit Stahlplatten verstärken und eigene Konvois bilden um diese Brut zu stoppen. Leider hab ich Frau und Kinder, sonst würde ich glatt mitmachen. Ich schätze das Mädchen wird erstmal bei dir bleiben, schwierige Situation, das bekommen wir schon irgendwie geregelt. Mach’s erstmal gut. Wir fahren jetzt ein Stück in die Berge und bunkern uns irgendwo ein bis sich die Sache ein bisschen beruhigt hat. Tschüss und pass auf dich auf.“
Amber im Fond kaute auf ihrer Unterlippe und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.
„Bist du im Widerstand von dem alle heimlich sprechen?“
„Nur inoffiziell weil ich recht bekannt bin.“
„Wieso das denn? Und warum hat der Typ dich Kaz genannt, das klingt doch total nach einem Fantasienamen?“
„Kaz ist kurz für Katsuro, mein zweiter Vorname. Ich hab eine japanische Mutter.“
„Stimmt, siehst auch ein bisschen asiatisch aus. Irgendwie ein bisschen wie Keanu Reeves.“
„Dass du den überhaupt kennst finde ich fiel erstaunlicher, jung isser auch nicht mehr.“
„Ich mag halt alte Actionfilme, die laufen ab und an im Fernsehen.“
„Sowas gibt’s noch?“
„In Montana schon, ich hatte einen Fernseher in meinem Zimmer, der lief immer nebenbei, wenn ich gezockt habe. Hast du eigentlich auch einen richtigen Namen?“
„Ja hab ich: Sebastian Katsuro Solomon.“
Plötzlich wurden ihre Augen riesig groß.
„DER Sebastian Solomon? Der Bestseller Autor? Ich hab alle Bücher gelesen und bin ein totaler Fan, kannst du mir ein Autogramm geben? Hast du nicht auch so einen verrückten Youtube Kanal?“
„Genau deswegen bin ich nicht im Widerstand. Mich kennen einfach zu viele Leute. Und du bekommst so viele Autogrammkarten wie du magst. Aber ich finanzier den Widerstand mit.“
„Wann sind wir da?“
„Ab und zu muss ich auch den Wagen aufladen und eine Runde schlafen, ich denke in ein paar Tagen. Ich denke ich fahre die Nacht durch und such uns dann irgendwo abseits ein Fleckchen wo wir erst auftanken und dann ein wenig rasten können. Im Kofferraum hab ich einen Sack mit Nahrungsmittel, so Fertigsachen und Riegel fürs Backpack-Tracking von NOX, die schmecken ziemlich gut. Motels und Raststätten würde ich erstmal meiden wollen, die werden oft von den Clowns observiert oder kontrolliert. Ich hab schon Geschichten von Leuten gehört, die in einem Motel spurlos verschwunden sind. Am besten wir schlafen nachts im Wagen. Ich geb dir meinen Polar-Schlafsack und ich wickel mich in die Decke ein, die du hast, notfalls kauf ich noch Decken. Hier wird es nachts ganz schön kalt und um die Batterien zu schonen heize ich über Nacht ungern.“
„Kannst du dann trotzdem die Heizung ein bisschen hochdrehen, ich bin leider ne totale Frostbeule, auch wenn ich in Montana mit ziemlich kalten Wintern aufgewachsen bin. Und es wäre toll wenn du noch ein paar schöne warme Decken kaufen könntest wenn es dir nichts zu sehr ausmacht. Hast du zufälligerweise mein Handy gesehen?“
„Sorry, darauf habe ich nicht geachtet.“
„Fuck, ich hatte es im Auto, es muss mir beim Crash wohl aus der Hand gefallen sein. Mist!“
„Wozu würdest du es denn jetzt verwenden wollen?“
„Ein bisschen Musik hören oder Filme gucken, das mache ich immer auf so langen Fahrten.“
Kaz fuhr langsamer und öffnete das Handschuhfach. Er kramte sein Ersatztelefon und eine kleine Dose mit Kopfhörern heraus und reichte sie nach hinten zu Amber.
„Hier, nimm erstmal das da, ist ungesichert und hat eine Datenflatrate.“
Ihre Augen wurden groß.
„Scheiße, das ist ein Prism!“
„Ja, wenn auch nicht mehr das neuste Modell.“
„Vielen Dank, das ist so cool. Ich hab von den Dingern immer nur gehört, aber ich kenne niemanden der tatsächlich eins besitzt, die sind ja noch teurer als ein iPhone!“
„Dafür sind sie auch in jeder Hinsicht besser, leistungsstärker, verschlüsselt und verwenden das Betriebssystem HALOS.“
Er sah im Rückspiegel wie sie sich die Kopfhörer einstöpselte und mit dem Prism verband, dann tippte sie darauf herum und hielt es anschließend quer im Schoss. Mit angewinkelten Beinen machte sie es sich dick eingewickelt in die Wolldecke bequem und schien schnell in ihrem Film oder einer Serie zu versinken. Lächelnd fuhr er durch die Nacht auf dem Weg in die sichere Heimat.

*

Gegen Mittag des nächsten Tages bog er auf den Parkplatz einer Omega Tankstelle ein und stellte sich auf eine überdachte Ladestation. Amber wachte schlaftrunken auf und streckte sich.
„Omega Tankstellen sind quasi ein sicherer Hafen und sicher vor Clowns. Schüttel dir ruhig mal die Beine aus und geh ein paar Schritte, das Aufladen wird ne Weile dauern. Deshalb gibt’s hier immer ein hochklassiges Diner und einen Laden wo du alle möglichen Sachen kaufen kannst. Hast du Hunger?“
Amber nickte eifrig und schälte sich aus ihrer Wolldecke. Er sah wie sie fröstelte als sie ausstieg, immerhin war es Dezember und sie trug nur Jeans und einen Kapuzenpulli. Verdammt, er hätte nach ihrer Jacke suchen sollen. Er nahm sich vor ihr eine neue bei Gelegenheit zu ordern. Puh es war wirklich ziemlich kalt. Er stöpselte schnell das Ladekabel an und guckte in der Omega App wie sich der Ladestand langsam erhöhte. Bis zum vollen Akku hatten sie rund zwei Stunden Zeit. Zur Sicherheit schob er sich seine FN Five-Seven in den Hosenbund und schloss den Wagen ab, dann ging er mit Amber, die schon bibbernd auf ihn wartete und ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpfte, in Richtung Diner. Drinnen war es schön warm und sie suchten sich ein Plätzchen wo es schön gemütlich war. Außer ihnen waren nur zwei weitere Leute anwesend. In den Ladestationen steckte eine große LKW Zugmaschine und in einer anderen ein unauffälliger leicht vereister blauer Kleinwagen.
   Die Bedienung näherte sich ihrem Tisch und sie bestellten zwei Frühstücksteller und Kaffee und für Amber noch einen Orangensaft. Der Kaffee und der Saft kamen sofort und das Mädchen umfasste mit beiden Händen den Becher um sich aufzuwärmen.
„Du wirst schon sehen, dass Essen hier ist köstlich.“
Sie sah ihn nur zweifelnd an und trank einen Schluck Kaffee. Sie hob zumindest schon mal anerkennend die Brauen.
„Der Kaffee ist ziemlich gut muss ich sagen. Der Saft auch. Ich hoffe in Texas gibt’s auch Orangensaft, davon kann ich nämlich nicht genug bekommen und das ist ja wichtig wenn ich jetzt quasi bei dir wohnen soll?“
Er wehrte lächelnd ab.
„Keiner zwingt dich bei mir zu wohnen, es erscheint nur im Moment am sichersten. Ich kann dich auch in der nächsten größeren Stadt absetzen wenn dir das lieber ist.“
Sie schüttelte heftig den Kopf.
„Jetzt wo meine Familie …“ sie stockte und eine Träne rollte ihr über die Wange. Sie setzte neu an.
„Jetzt bin ich ganz allein. Und ich hab kaum Freunde und keine anderen Verwandten und auch kein Geld. Ohne dich hätte ich noch nicht mal ein Handy und würde bestimmt nicht mehr leben. Danke nochmal. Mit fünfzehn will ich noch nicht sterben!“
„Ich will auch mit dreiundvierzig jetzt noch nicht sterben. Aber ich kann einfach nicht stillsitzen wenn so etwas passiert. Deshalb bin ich immer auf das Schlimmste vorbereitet.“
„Ich glaube das sollte man in diesen Zeiten auch sein. Nur warum wir?“
„Dein Vater Andy war ein US-Marine, deshalb.“
„Woher weißt du das?“
„Das kam im Radio des Widerstands, die sind immer gut informiert.“
„Sowas gibt es?“
„Klar, es gibt einen ganzen Katalog von Codes und Codecs die wir verwenden. Und irgendwie müssen wir uns schließlich austauschen. Ich hab übrigens mitgeholfen dieses Netzwerk in den USA aufzubauen. Mit jedem Tag wächst der Widerstand gegen die Clowns. Weltweit.“
„Dann gibt es auch in anderen Ländern Widerstandszellen gegen die Clowns?“
„Ja, auf der ganzen Welt, in fast jedem Land. Vielleicht können wir dem ganzen irgendwann einen Riegel vorschieben, aber die korrupten Cops machen uns das Leben schwer und hindern uns daran uns um diese verdammten Clowns zu kümmern. Viele nehmen die Sache von daher lieber in die eigene Hand, so wie ich.“
„Wer ist eigentlich dieser Hal der dir geholfen hat, so hieß doch eine KI aus einem uralten Streifen?“
„Hal ist ein alter Freund von mir und er hilft mir wann immer er kann, er ist ein ziemlich guter Hacker und er ist ein großer Fan von KIs und von den alten Kubrik Filmen, daher sein Spitzname.“
„So ist das also.“
Ihr Essen wurde gebracht und sie machten sich schweigend über Rührei, Bratkartoffeln und Speck her. Er grinste zufrieden als er Amber sichtlich genießerisch essen sah. Er grinste noch breiter als sie sich nach mehr umsah.
„Hast du noch Hunger?“
„Ich könnte locker noch so eine Portion essen. Ich hab’s gut und schlecht zu gleich, ich kann viel und immer essen und werde nicht dick, aber auch nicht wirklich satt. Ist ganz komisch bei mir. Darum beneiden mich auch immer alle.“
„Machst du eigentlich Sport?“
„Naja da wo ich wohne ist das Freizeitangebot sehr begrenzt und ich trainiere wenigstens zweimal die Woche, ich mach Calisthenics.“
„Wunderbar, Calisthenics mache ich auch und dazu noch Kampfsport und Hanteltraining. Ich trainiere jeden Morgen vor dem Frühstück, du kannst ja mitmachen wenn du Lust haben.“
„Ja, falls wir Texas in einem Stück erreichen.“
„Keine Sorge, ich bin gewappnet und Texas hat die wenigsten Clownangriffe in den USA und in dem Nest wo ich wohne praktisch null Angriffe.“
„Das ist beruhigend. Aber dann bestimmt genauso wenig Freizeitbeschäftigungen wie in Montana?“
„Da ist leider was dran, aber ich hoffe bei mir wird es dir schon nicht langweilig. Wenn das mit den Tieren stimmt hoffe ich, dass du ein paar interessante Gesprächspartner findest. Ich fürchte nur Kasimir ist nicht der hellste und meine Milchkuh Rita auch nicht. Ach ja, ich hoffe du magst frische Kuhmilch.“
„Geht so, wir haben in einer Kleinstadt in einem Einfamilienhaus gewohnt, frische Kuhmilch trinke ich praktisch nie, nur wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern war, die wohnen … wohnten auf einer kleinen Farm.“
„Mh, ich habe eine Maschine zur Haltbarmachung von Milch gebaut, vielleicht macht das die Sache ein bisschen erträglicher.“
Aus den Augenwinkeln bemerkte er einen übergewichtigen Typen um die dreißig mit fettigen schwarzen Haaren, der immer wieder zu Amber herübersah.
„Amber?“
„Ja?“
Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn und sah ihn mit schiefgelegten Kopf fragend an.
„Wie wäre es damit, dass ich uns noch eine weitere Frühstücksplatte bestelle und du dich in der Zwischenzeit etwas frisch machst, es klebt noch Blut an deiner Stirn.“
„Ok, mache ich, bis gleich.“
Sie stand auf und ging in einem geschmeidigen katzenhaften Gang in Richtung Toiletten. Der schmierige Typ stand auf und wollte ihr nachgehen, Kaz stellte sich vor ihn. Der Typ war kleiner als er und völlig unsportlich.
„Ey man was soll das? Ich will nur pissen!“
„Genau, ganz zufällig in dem Moment wo ein hübsches Mädchen auf die Toilette geht. Setz dich wieder hin und warte, bis sie wieder zurückkommt oder ich zieh noch ganz andere Seiten auf!“
„Was spielst du dich so auf du Wichser? Nur weil du berühmt bist gibt dir das noch lange nicht das Recht über andere zu bestimmen. Du Pisser hast sie doch bestimmt nur entführt und willst schlimme Sachen mit ihr machen. Du bist nicht besser als diese Clowns!“
„Gibt’s hier ein Problem?“
Der Trucker war hinzugestoßen, ein Bär von einem Mann, übergewichtig und trotzdem über und über muskelbepackt.
„Der Typ hier lässt mich nicht durch, ich will doch nur in Ruhe pissen?“
„Und das hübsche Mädchen angrabbeln oder heimlich fotografieren oder was? Ich kenn doch so Schmierlappen wie dich. Also zieh Leine. Und du setz dich wieder auf deinen Platz ich will keinen Streit, ich will einfach nur im Warmen sitzen ohne Stress oder eine Schlägerei.“
Der schmierige Typ zog Leine und setzte sich wieder hin und durchbohrte ihn und den Trucker mit stechenden Blicken. Kaz setzte sich auf seinen Platz und bestellte noch einen Kaffee und eine Frühstücksplatte für Amber. Als Amber nach zehn Minuten noch nicht da war und die dampfende Platte einsam und allein vor ihm stand, machte er sich Sorgen. Nach fünfzehn Minuten wurde er unruhig. Nach zwanzig Minuten hatte er das Gefühl, dass sie sich aus dem Staub gemacht haben musste oder an Verstopfungen litt. Etwas missmutig aß er das Frühstück bevor es kalt wurde.
Nach einer halben Stunde tippte ihm jemand auf den Arm und Amber setzte sich mit etwas feuchten Haaren auf ihren Platz und schob ihm einen Plastikchip entgegen.
„Sorry, aber ich musste mal Groß und da unten gab es Duschen, das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Menno, du hast ja schon fast alles aufgegessen! Können wir nochmal bestellen.“
Eine weitere halbe Stunde später hielt sie sich satt und zufrieden ihren vollen Bauch, während Kaz die restlichen Waffeln mit Sahne aufaß. Seine App zeigte ihm an, dass sein Hound fast aufgeladen war.
„Jetzt decken wir und noch im Laden mit Essen, Wasser und dicken Decken ein und dann geht’s los. Oder fällt dir noch etwas ein?“
Sie zuckte nur mit den Achseln. Also standen sie auf und gingen rüber in den ziemlich großen Laden wo es wirklich alles gab, von Babywindeln, über frische Sandwiches und Wärmflaschen bis zu edler NOX Schokolade. Sie mussten mehrmals gehen, weil zwei paar Arme für alles beim ersten Mal nicht ausgereicht hatte.
   Gegen drei hatte er bezahlt und sie saßen dick eingemummelt im Wagen, in dem es jetzt recht kühl war. Amber war unter all den flauschigen Fleecedecken gar nicht mehr richtig zu sehen und sie hatte sich zwei elektrische Wärmflaschen und ein paar Handwärmer geschnappt. In der Zwischenzeit hatte Kaz auch schon mal den Polar Schlafsack zu Amber nach hinten gepackt und den elektrischen Reisewasserkocher aus den Tiefen des Kofferraums geborgen. Heute Abend würde es leckere Snacks von NOX geben und er hatte Amber begierige Blicke auf die leckeren Sandwiches aus der Theke des Omega Shops werfen sehen. Das Mädchen hatte hinten ihren eigenen Snackkorb und eine Thermoskanne Kaffee und ein paar große Flaschen NOX Orangensaft. Er selbst hatte sich vorne etwas bereitgelegt und schaltete das Radio des Widerstands ein, während sich das Mädchen wieder die Ohrstöpsel einsetzte und bei Musik langsam wegdämmerte.
   Doch es ging nicht ganz ohne Verluste. Sein Fahrrad war völlig zerstört gewesen und er hatte es abgeschnallt, ebenso wie den durchlöcherten Reservereifen. Glücklicherweise waren Omega Werkstätten und Tankstellen immer an einem Platz und ein wenig beeindruckter Mechaniker hatte den Wagen durchgecheckt, den Reifendruck geprüft und ein nagelneues Reserverad aufgeschnallt. Kaz schätzte, dass der Typ wohl öfter Omegas in der Werkstatt hatte, die aussahen als hätte sie jemand durch den Krieg gejagt. Das war kein billiger Tag gewesen, aber das war es ihm wert.
Er spülte zwei Koffeintabletten mit einem Schluck Wasser herunter und sie fuhren los.
Gegen zehn Uhr abends, blieb er auf einer verlassenen Nebenstraße in einem Wald stehen und machte die Lichter aus. Amber sah von ihrem Prism auf und musterte ihn fragend.
„Wir machen erstmal Pause, denn ich bin jetzt seit zwei Tagen ohne Schlaf! Ich denke, das wird jetzt erstmal Tetris spielen, den Schlafsack auspacken und alles vorbereiten, ich glaube du bist klein genug um dich auf der Breite des Wagens voll langzustrecken, Omegas sind glücklicherweise wörtlich breit gebaut.“
Gesagt getan, zehn Minuten später saß Amber dick eingemummelt in den Schlafsack gekuschelt und sah ihm dabei zu wie er heißes Wasser vom Wasserkocher in den Beutel mit NOX Fertignahrung goss und ihr dann reichte. Dann goss er etwas in seinen Beutel und rührte den Inhalt um, es gab einen leckeren Eintopf mit Fleisch. Amber schien es zu schmecken und nachdem sie den Inhalt des Beutels verputzt hatte machte sie sich über ein paar Schokoriegel her. Sie putzten sich die Zähne und spuckten aus dem heruntergelassenen Fenster aus. Dann machten sie es sich bequem. Amber streckte sich auf der Rückbank aus und kurze Zeit später hörte er ihre gleichmäßigen Atemzüge. Zufrieden lächelnd warf er sich die dicke Wolldecke über und schlief langsam ein.

*

Er erwachte davon, dass ihm jemand hektisch auf die Schulter klopfte, sofort erwachte er aus seinem Schlaf und war hellwach.
„Amber?“
Er hörte sie hektisch atmen.
„Scheiße, ich hab was gehört, einen unheimlichen Schrei oder so!“
„Sei mal kurz ruhig.“
Er fuhr das Fenster einen Spalt breit nach unten und horchte in die Nacht während Amber auf der Rückbank die Luft anhielt. Erst hörte er nichts, dann hörte er einen schrecklichen Schrei und das Knacken und Brechen von Ästen. Ihm war als sähe er aus den Augenwinkeln wie sich etwas Großes durch den Wald auf sie zu bewegte. Sofort startete er den Wagen und trat auf Gas. Auf dem matschigen Feldweg drehten die Reifen durch und sie verloren wertvolle Sekunden. Da warf sich etwas hinten gegen den Wagen und sie wurden ordentlich durchgeschüttelt. Da! Die Reifen bekamen Halt und sie sausten nach vorne, die leistungsstarken Scheinwerfer durchleuchteten die Nacht und er fuhr den unebenen Weg in gefährlich schnellem Tempo entlang. Hinter sich hörte er diese Schreie und das Beben von schweren Füßen auf den Boden. Dann hatten sie dieses Ding, was immer es auch war abgehängt und donnerten durch den Wald. Amber rappelte sich immer noch in den Schlafsack gewickelt auf und schnallte sich an. Sie rasten über die holprige Piste, bis sie die geteerte Straße erreichten und er vollends Gas gab. Langsam beruhigten sie sich beide wieder.
„Verdammt was war das denn, ein Monster?“
„Weißt du Kleine, es gibt eben doch Dinge, die sich nicht so leicht erklären lassen. Ich für meinen Teil meide Wälder bei Nacht, der Schein trügt immer, ich sag‘s dir. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich auf eine schreckliche Ausgeburt aus irgendeiner Indianerlegende tippen.“
„Verdammt und wie soll ich nach sowas noch ruhig schlafen? Wehe du machst nochmal in einem scheiß Wald nachts Rast!“
„Nein, nach dem Erlebnis definitiv nicht, das gebe ich dir schriftlich!“
Im Morgengrauen erreichten sie eine Stadt und er hielt in einer Wohnsiedlung. Passanten blieben ab und an stehen und fotografierten den Hound, dessen Lack an zahllosen Stellen von einschlagenden Kugeln abgeplatzt war, aber dank der getönten Scheiben waren sie vor allzu neugierigen Blicken sicher. Zur Sicherheit ließ er dennoch den Kanal zu Hal offen und machte das Radio ein. Amber hinten sah sich unruhig um bevor sie sich wieder abschnallte und im Schlafsack einschlief. Bei ihm dauerte es etwas länger aber irgendwann döste auch er ein.

*

Wieder wurde er unsanft geweckt, ein Klopfen an der Scheibe. Er regte sich langsam und rieb sich die Augen. Scheiße, ein Cop stand neben seinem Wagen und bedeutete ihm die Scheibe herunterzufahren. Er griff in den Fußraum des Fahrersitzes und entsicherte seine Schallgedämpfte Beretta 92 ohne dass der Cop es mitbekam, sicher war sicher. Dann beugte er sich zu Amber und überprüfte ob sie schlief. Na das würde ja was werden. Er fuhr die Scheibe herunter.
„Ja Officer, was gibt es?“
Der unrasierte Mittdreißiger mit dunklen Haaren musterte ihn misstrauisch.
„Guten Tag, dürfte ich erfahren was sie hier machen?“
„Ich mache ein Nickerchen, ich bin gerade auf dem Weg nach Hause, ist das denn verboten?“
„So und wo wohnen sie?“
„Texas“
„Puh, wir sind ziemlich weit von Texas entfernt. Und da parken sie hier einfach so und schlafen eine Runde. Ok, was ist mit ihrem Wagen passiert?“
„Das ist ein Omega und ich hab getestet, ob die wirklich so kugelsicher sind, wie man in den Werbespots sieht.“
Die Lüge fiel ihm spontan so ein.
„ … kommt aus Texas …“
Murmelte der Cop leise und verdrehte flüchtig die Augen.
„Fahren sie allein?“
Gerade jetzt im ungünstigsten Moment stöhnte Amber im Schlaf. Der Cop bekam das mit und seine rechte Hand zuckte zu seiner Waffe.
„Wer ist da noch mit ihnen im Wagen?“
Fuck.
„Ähm, meine Tochter, wir kommen gerade von einem Ausflug zurück.“
„Führerschein und Fahrzeugpapiere wenn ich bitten darf.“
Brummelnd kam er der Aufforderung nach und reichte die Papiere dem Cop.
„So ne richtige Berühmtheit also. Da gibt es nur ein Problem: sie haben keine Tochter! Aussteigen!“
Grimmig malte Kaz mit den Zähnen.
„Officer, haben sie Frau und Kinder?“
Der Cop hob eine Braue und sah ihn an.
„Ich hab eine Frau und eine kleine Tochter.“
„Würden sie alles für ihre Tochter machen?“
„Natürlich, was soll die blöde Frage?“
„Was würden sie machen, wenn sie jemanden begegnen, der ein Mädchen ohne Familie um jeden Preis beschützen würde, selbst wenn er dafür einen Mann töten müsste?“
Der Cop starrte ihn einen Moment an.
„Sir, ich muss Sie bitten den Wagen zu verlassen und sich breitbeinig mit erhobenen Händen neben Ihren Wagen zu stellen!“
Er dachte einen Moment an seinen Stand in der Gesellschaft.
„Sind sie einer von den dreckigen Cops, die die Clowns unterstützen?“
„Hey man, ich mache hier nur meinen Job. Rauskommen, wird’s bald?“
Ach scheiß drauf. Er legte den Rückwärtsgang ein und schoss aus der Parklücke. Der Cop rannte zu seinem Wagen zurück. Die Tachonadel nahe der 120 km/h Marke donnerte er durch die Stadt und wich geschickt den anderen Verkehrsteilnehmern und Passanten aus. In einiger Entfernung hinter sich sah er wie der Cop von eben die Verfolgung aufnahm. Amber hinten war aufgewacht und starrte ihn angstvoll mit weit aufgerissenen Augen an.
„Hey, was soll das?“
„Wenn du im Schlaf nicht demonstrativ laut gestöhnt hättest wären wir jetzt nicht in dem Schlamassel!“
Sie sah nach hinten und erkannte die Lichter des Streifenwagens.
„Du Idiot legst dich mit den Cops an? Und warum bin ich an dem Mist Schuld?“
„Tja was soll man machen. Hätte ich mich verhaften lassen und warten sollen bis irgendein Sympathisant der Clowns vorbeikommt und dich abknallt? Wenn die mich mit dem Zwischenfall in Montana in Zusammenhang bringen sind wir sowieso erledigt. Die stecken doch mit den Clowns unter einer Decke! Und jetzt haben die auch noch meinen Namen. Als nächstes nehmen die noch meine Familie in Deutschland aufs Korn! Verdammte Scheiße!“
Er schaltete den Kanal zu Hal ein.
„Hal, hast du die Kacke eben mitbekommen?“
„Absolut Sir, ich hab mich in den Polizeicomputer gehakt und werde dafür sorgen, dass man nichts Greifbares gegen Sie in der Hand hat.“
„Hal, ich kann dir gar nicht genug danken!“
„So, der Streifenwagen hinter Ihnen dürfte nun wichtigeres zu tun haben.“
Er sah in den Rückspiegel, der Streifenwagen schlingerte plötzlich und krachte mit Vollgas in eine Kolonne parkender Autos.
„Ich liebe voll computergestützte Autos.“
Kam es vergnüglich von Hal. Ungestraft donnerten sie davon in Richtung Texas.

*

Die nächsten Tage übernachteten sie auf den Parkplätzen von Omega Tankstellen und Amber genoss die Vorzüge von warmen Essen, heißen Duschen und Sicherheit. Am Morgen des vierten Tages rumpelten sie langsam über eine ausbesserungsdürftige Straße entlang, seine Farm war nicht mehr fern. Er erreichte das kleine ein-paar-hundert-Seelen-Nest und fuhr hindurch, dann eine unbefestigte Schotterpiste einen Hügel hoch. Mit einer Fernbedienung öffnete er das schwere Tor, das sich inmitten eines hohen Maschendrahtzauns befand. Ein zweistöckiges Holzhaus mit Veranda thronte auf dem Hügel, umgeben von Schuppen, Ställen und einer alten Scheune. Ein paar kleine Windräder zur Stromerzeugung drehten sich in der leichten Brise. Amber hinten sah gespannt nach draußen. Vor der Werkstatt hielt er an und stieg aus dem Wagen, der mittlerweile ein bisschen muffelte, auch wenn sie beide immer bei Omega geduscht hatten. Nach der Tour würde er Lobeslieder auf seinen besten Freund Xen singen.
   Amber stieg hinten aus und sah sich neugierig um. Aus der Ferne hörte man Ritas Muhen und das Gackern von Hühnern. Und das Geräusch schneller trappelnder Füße. Hinter dem Haus schoss Kasimir mit seinem roten Halstuch galoppierend um die Ecke und hielt in einer kleinen Staubwolke vor Kaz. Er kniete sich hin und kraulte dem Alligator am Kinn und hinter den Ohrlöchern. Amber trat neugierig neben ihn und betrachtete das exotische Haustier.
„Du darfst ihn gerne mal Streicheln. Ich denke ich zeig dir mal dein Zimmer und dann packen wir aus, das wird eine Weile dauern fürchte ich. Danach mache ich Frühstück und dann kannst du dich in Ruhe hier umsehen ok? Nur verlass erstmal bitte nicht allein das Gelände!“
Amber kitzelte Kasimir an den Nüstern und streichelte die lange Schnauze, ihm schien es zu gefallen.
Die unverschlossene Haustür quietschte in den Angeln als sie eintraten. Wie versprochen zeigte er ihr das Zimmer oben. Er hatte es ursprünglich als Gästezimmer angelegt, aber hier im Nirgendwo hatte ihn nie jemand besucht. Ein langes Bücherregal vollgestopft mit Sachbüchern und Comics, ein Bett mit einer Tagesdecke und ein leerer Schreibtisch. Er kratzte sich am Kopf.
„Ich schätze wir können dir noch ein paar Möbel besorgen.“
Amber ging vor und setzte sich aufs Bett.
„Nein das geht schon. Und jetzt?“
„Jetzt müssen wir dich mal langsam deiner neuen Familie vorstellen. Kann ich ein Foto von dir machen?“
Das Mädchen sah ihn einen Moment lang an, dann nickte sie unsicher. Er zückte sein Prism und knipste ein paar Bilder von ihr. Dann gingen sie wieder runter und sie verbrachten eine Stunde damit den Hound auszuräumen und den Innenraum zu säubern. Er warf er einen Blick in den Hühnerstall und legte ein paar relativ frisch gelegte Eier in einen Korb, danach holte er Kartoffeln aus dem weitläufigen Keller-Netzwerk, das er selbst ausgehoben hatte. Sie frühstückten in der geräumigen Küche, begleitet von Kasimir der träge auf dem Bauch lag und von Amber mit gebratenem Speck gefüttert wurde. Kaz nahm einen Schluck Kaffee aus dem Becher und betrachtete Amber für einen Moment. Sie wirkte nicht wie jemand, der vor ein paar Tagen seine ganze Familie verloren hatte.
„Was machen wir jetzt mit dir?“
Sie sah hoch.
„Ich weiß nicht, ins Heim will ich auf keinen Fall und bei dir fühle ich mich wohl. Kann ich nicht einfach bei dir bleiben?“
„Aber du musst doch in die Schule!“
Sie machte ein zerknirschtes Gesicht.
„Schon, gibt’s hier überhaupt eine?“
„Unten im Dorf gibt es eine kleine Schule. Ansonsten in der nächsten Stadt.“
„Kann ich nicht erst in Ruhe trauern?“
„Du wirkst nicht wie jemand der trauert.“
„Weil ich nicht die ganze Zeit rumheule oder ins Leere starre? Jeder trauert eben auf seine eigene Art! Ich hab mir geschworen seit dem Tod meiner kleinen Schwester nicht mehr traurig zu sein.“
„Was ist denn mit ihr passiert?“
„Sie hatte eine schlimme Krankheit und ist vor zwei Jahren mit elf gestorben.“
„Oh das tut mir leid, mein Beileid.“
„Darf ich dich mal umarmen?“
„Klar komm her.“
Sie stand auf und umarmte ihn fest.
„Bist du jetzt mein Papa?“
„Wenn du das willst?“
„Ja Papa, das will ich.“

Scarlett, die Therapie-Tarantel

Das wird schon für den ein oder anderen Lacher sorgen, aber wie wäre es damit:

Ich habe eine Arachnophobie, also panische Angt vor Spinnen.

So krass zum Beispiel, dass ich letzens erst fast von einer 3 m hohen Leiter gefallen wäre, als ich bei einem Kunden einen Außen-Access-Point abgeschraubt habe und mir plötzlich ein paar Spinnen über die Hand gekrabbelt sind und das waren nur so ganz winzige Spinnchen.

Ich habs aber satt, dass mich meine Angst vor Spinnen so vereinnahmt, also versuche ich sie loszuwerden, indem ich mich meiner Angst schrittweise auf freiwillger Basis stelle. Also angefangen mit Bilder von Spinnen, bis hin zu Videos und in Zukunft auf der Umgang mit echten Spinnen.

Und da bin ich mal auf die absolut schwachsinnige Idee gekommen, das es doch bestimmt cool wäre, eine Tarantel als Haustier zu halten. Die sind zwar groß und haarig, aber auch sanftmütig und genügsam. Brauchen nur ein Terrarium von der Größe eines Schuhkartons und essen nur 1-2 Mal die Woche. Und sie sehen cool aus und leben ziemlich lange.

Hier ein Video von einem Biologen, der Videos zu den exotischen meist geschuppten Haustieren macht (GusGus ❤ – „Tegus are Dog Software running on Lizard hardware.“). Aber ab und zu gibts auch eine Spinne im Angebot.

In „Das Osiris Projekt“, dass ich hier demnächst veröffentliche, hat Liz eine süße Tarantel namens Scarlett als Haustier. Und Kaz mit all seiner Männlichkeit hat eben eine panische Angst vor Spinnen … das geht bestimmt nicht schief 😀